Familiengottesdienst zu Erntedank

Heute feiern wir Erntedank. Die Ernte war früher, als viele Menschen noch als Bauern gearbeitet haben, sehr wichtig. Man konnte damals nicht viel mehr produzieren als das, was im kommenden Jahr aufgebraucht wurde.
Joseph hatte in Ägypten fette Jahre erlebt in denen Vorräte für das nächste Jahr gesammelt werden konnten. Aber solche Jahre waren sehr selten. Bei einer schlechten Ernte wußten die Menschen, daß sie kommenden Jahr knapp mit dem Essen dran waren. Wenn dann im darauffolgenden Jahr die Ernte noch einmal schlecht ausfiel, gab das bereits eine Hungersnot, in der viele Menschen starben.
Die Menschen waren abhängig von der Ernte und hatten wirklich Grund zum Danken, wenn sie gut ausfiel. Wie ist es bei uns heute?

Wir leben heute in großem Überfluß:

Es macht wahrscheinlich keinen Sinn bei solchen Gelegenheiten die Kinder darauf aufmerksam zu machen, daß in armen Ländern Menschen an Hunger sterben während wir in unserem Überfluß verschwenderisch und wählerisch sind.

Experiment mit Linda und Jonathan

(Jonathan bekommt ein Bonbon)

Linda, was machst du für ein Gesicht? Kannst du dich nicht mit deinem Bruder freuen?( Linda bekommt zwei Bonbons)

Aber Jonathan sieht plötzlich so unzufrieden aus. Er hat sich doch eben noch über sein Bonbon gefreut! Er ist unzufrieden geworden, weil er auf das sieht, was andere haben. Er will das auch.

Neid ist das Gegenteil von Dankbarkeit. Er macht die Dankbarkeit kaputt!

Die Erwachsenen schmunzeln über dieses Experiment. Aber wir sind gar nicht so weit davon entfernt. Ein anderes Beispiel: Wir bekommen am Jahresende von unserer Firma eine l Gratifikation von 2000 DM und freuen uns sehr über diese Anerkennung unserer Arbeit. Dann fällt unser Blick auf dem Schreibtisch des Kollegen auf ein eben solches Schreiben. Nur er bekommt 4000 DM. Und plötzlich sind wir unzufrieden mit unserer Summe. Wir finden das ungerecht. Ist die Arbeit des Kollegen mehr wert?

Heute ist Erntedank. Deshalb noch ein Beispiel Gartenarbeit.

Ist das nicht ungerecht? Der Bruder hat doch viel weniger gearbeitet und bekommt das gleiche Geld! Das ist nicht unsere Vorstellung von Gerechtigkeit. Da kommt Neid auf. Aber eigentlich hat jeder das bekommen, was ihm versprochen wurde. Und er war damit einverstanden. Gottes Geben ist anders als unsere Auffassung von Gerechtigkeit. Wer will kann genau dieses Beispiel nachlesen in Mat. 20.

In uns Menschen steckt es drin, daß wir immer auf das sehen, was andere haben. Wir wollen das Gleiche oder etwas noch besseres haben. Wir beneiden sie. Gott hat eine eigenes Gebot gegen den Neid gegeben:
"Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel, Porsche und Gameboy noch alles, was dein Nächster hat." (2. Mose 20,17)

Ein merkwürdiges Gebot. Und auch gar nicht so einfach zu verstehen. Denn eigentlich haben wir das doch alles schon gehört.

Darum scheint es also in diesem Gebot gar nicht zu gehen. Was dann? Nicht das Umsetzen also das Tun, sondern schon das Begehren ist der Fehler. Verrückt. Ein Gebot, daß nicht Handlungen, sondern Gedanken bestraft. Es geht aber auch nicht um das Begehren schlechthin. Die Bibel ist voller Menschen, die Frauen, Häuser, Esel und vieles andere begehren. Begehren selbst ist nichts Schlechtes. Aber es darf eben nicht deinem Nächsten gehören. Dieses Gebot ist eines, das unsere Beziehungen untereinander regelt. Und es hat etwas zu tun mit diesem komischen Effekt, den wir vorher bei Linda und Jonathan beobachtet haben: Ein an sich glücklicher Mensch wird unglücklich, weil er das begehrt, was der andere hat.

Ich möchte vier Punkte nennen die meiner Meinung nach erklären, warum das Begehren der Dinge des Nächsten unser Leben kaputt macht.

1. Wer begehrt, der ist nicht zufrieden

Die Beispiele mit dem Bonbon und der Gratifikation am Arbeitsplatz zeigen: Es gibt unendlich viele Gelegenheiten, bei denen ich die Möglichkeit habe, mich über das zu freuen, was ich habe, oder mich über das zu ärgern, was ich nicht habe. Es gibt ein Märchen vom Fischer und seiner Frau. Darin wird gezeigt, wie zerstörend dieser Kreislauf sein kann. Denn er hat wirklich kein Ende. Wer immer das begehrt, was andere haben, der zeigt damit vor allem, daß er mit seinem Dasein zutiefst unzufrieden ist. Und man kann sich da auch reinsteigern. Es gibt Menschen, die nichts anderes mehr tun, als voller Neid und Mißgunst auf andere zu schauen.
Wer begehrt, der ist nicht zufrieden, er hat Angst vor seiner eigenen Unzulänglichkeit und er ist nicht überzeugt von sich. Letztlich steckt dahinter ein Minderwertigkeitskomplex. Und den kann man fördern oder dagegen anarbeiten. Wenn ihr das nächste Mal sehnsüchtig auf etwas guckt, was einem anderen das Leben versüßt, fragt euch mal, warum ihr dabei eigentlich so unzufrieden seid.

2. Wer begehrt, der vergißt zu leben

Es gibt Menschen, die immer aus dem Vergleich leben. Die sich kaputt machen, weil sie täglich entdecken, was andere haben, das Sie nicht haben. Das kann ein Leben zerstören. Wenn wir ernsthaft hoffen, unser Selbstwertgefühl zu steigern, indem wir besser sind als andere, dann werden wir gründlich scheitern. Wir werden irgendwann merken, daß das Leben so komplex ist, daß es immer jemanden geben wird, der in irgendeinem Bereich um Klassen besser ist.
Was ein Leben ausmacht, ist die einmalige, herrliche Mischung von Fähigkeiten, die es nur ein Mal gibt. Du bist du, das ist der Clou! Mit Stärken und mit Schwächen. Wer glaubt, daß es irgendwann keinen mehr gäbe, der besser, reicher, charmanter oder mächtiger ist als er, der lebt eine einzige Lüge.
Aber es gibt tatsächlich Menschen, die ihr Leben lang darauf warten, daß das Leben anfängt. Sie begehren, ein anderer zu sein. Wenn ich erst mal Abteilungsleiter bin, dann fängt mein Leben an. Wenn die Kinder mal groß sind, dann fängt mein Leben an. Wenn ich erst mal das Haus abbezahlt habe, dann fängt mein Leben an.
Wer immer darauf wartet, daß sein Leben anfängt, der verpaßt es. Und das ist das Problem des Begehrens. Wie es auch die Geschichte vom Fischer und seiner Frau erzählt. Sie wollte eben immer mehr, weil sie dachte, dann könnte sie irgendwann einmal zufrieden sein.
Wer begehrt, der fragt, was andere haben und können, nicht was er selbst hat und kann. Macht das nicht! Fragt euch, was ihr habt und könnt und seid dankbar dafür.

3. Wer begehrt, der liebt nicht

Wie schnell kann es passieren, daß ein Begehren einer Sache, die ein anderer hat, dazu führt, daß man diesen Menschen abwertet. Und das kann wirklich zu einer widerlichen Angewohnheit werden. Man verachtet denjenigen, der mehr besitzt, um sich selbst in seiner Unzufriedenheit zu rechtfertigen.
Daß das einfach ein Zeichen von Lieblosigkeit ist, wird vor allem daran deutlich, daß wir diese Dinge dem anderen nicht gönnen. Jonathan hätte sich ja auch freuen können, daß Linda zwei Bonbons bekommt. Das wäre Nächstenliebe: fröhlich zu sein, daß es dem anderen gut geht. Aber das kommt uns gar nicht in den Sinn. Statt dessen wollen wir gern selbst an seiner Stelle sein.
Wer begehrt, liebt nicht. Wer liebt, der freut sich über das Glück des anderen.

4. Wer begehrt, der traut nicht auf Gott

Wer stiehlt, der glaubt nicht, daß Gott ihn mit allem Nötigen versorgt. Für das zehnte Gebot gilt das in verstärktem Maße. Wer eine lebendige Beziehung zu Gott hat, wird erfahren, daß er als Christ ganz neue und viel umfassendere Werte für sein Leben bekommt. Der lebt aus seinem Glauben und nicht aus irgendwelchen meßbaren oder käuflichen Eigenheiten. Ja, er ist sogar in der Lage, Ungerechtigkeiten in Kauf zu nehmen, weil er weiß, daß von Ihnen nicht das Leben abhängt. Ein Mensch, der sich von Gott beschenkt weiß, kann den Kreislauf von Eifersucht, Neid, Gier und Begehren von fremden Dingen tatsächlich überwinden.

Und damit komme ich wieder zum Erntedankfest zurück. Weil das ein Tag ist, an dem wir Gott für all das Danken, was wir haben, und nicht gucken, was wir noch dazu bekommen könnten. Eigentlich ist es schon fast ein bißchen schade, daß wir ein Fest brauchen, um dankbar zu sein.
Ich bin überzeugt, daß wir mit dem zehnten Gebot niemals Probleme haben werden, wenn wir jeden Tag zu einem Lebensdankfest ernennen. Es gibt so vieles, für das wir Gott dankbar sein können. Wir beleidigen ihn, wenn wir immer nur fragen, was uns vermeintlich fehlt. Wenn wir uns über unser Leben, so wie wir sind und mit dem, was wir haben, wirklich aus tiefstem Herzen freuen können, dann verändert sich vieles.
Wenn ich danke, denke ich daran, daß ich vieles ganz einfach bekomme, ohne daß ich auch nur im geringsten etwas dafür könnte. Wer dankt, der denkt daran, daß kaum etwas selbstverständlich ist - angefangen von Menschen, die mir begegnen und mir wichtig sind, über Talente und Fähigkeiten bis hin zu der Tatsache, daß ich überhaupt auf der Welt bin. Danken heißt, daran denken, daß ich ungeheuer viel erhalte, ohne es eigentlich verdient zu haben. Und daran denken, daß es jemanden gibt, von dem ich all dies bekomme und der all dies für mich tut. Und es heißt, daran denken, daß es einen Gott gibt, der für mich sorgt.

Und dieses Danken, das ist der Anfang vom Beten.