Was ist ein Manifest? Dieses Fremdwort hört man eher selten auf christlichen
Veranstaltungen. Im Lexikon steht als Erläuterung dazu:
Grundsatzerklärung, Programm einer Partei, siehe auch Kommunistisches
Manifest (Marx & Engels)'
Jesus hat auch eine solche Grundsatzerklärung abgegeben. Er hat seine Ziele
erläutert. Ganz am Anfang seines Wirkens, wie eine neue Partei, die an die
Öffentlichkeit geht.
Lukas 4, 16-21
Und Jesus kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner
Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. Da wurde ihm das Buch
des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo
geschrieben steht (Jesaja 61,1.2): »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich
gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen
den Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen sollen,
und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das
Gnadenjahr des Herrn.« Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich.
Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist
dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.
Jesus kommt also in die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Dort hat er das Handwerk des
Zimmermanns gelernt. Man kennt sein Elternhaus. Man weiß, wie er auf dem Bau
gearbeitet hat. Aber jetzt ist Sabbat; da wird nicht gearbeitet. Zum Sabbat gehört der
Gottesdienst in der Synagoge. Dort ist Jesus als frommer Jude zu finden, mitten unter den
Männern aus Nazareth.
Der erste Teil des Gottesdienstes ist vorbei. Man hat das Glaubensbekenntnis, das "Schma
Israel" und einen Teil der 18 Bitten aus dem Fürbittegebet gesprochen. Aus den 5
Büchern Mose war bereits vorgelesen worden. Jetzt geht es um die Schriftlesung aus
einem Prophetenbuch, der dann die Schriftauslegung folgt. Da steht Jesus auf, geht nach
vorne und läßt sich eine Schriftrolle geben. Alles ist ganz normal. Jeder Mann
aus Israel konnte aus der Schrift vorlesen. Jesus rollt die Schriftrolle auf und findet
Jesaja 61,1. Daran bleiben seine Augen hängen.
Er fängt an vorzulesen: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat,
zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den
Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen sollen, und
den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das
Gnadenjahr des Herrn."
Jesus legt die Schriftrolle wieder zusammen und gibt sie dem Synagogendiener zurück. Zur Schriftauslegung setzt er sich hin. Alle sind gespannt, was jetzt wohl kommt. Voller Erwartung sehen sie ihn an. Dann spricht er einen Satz: "Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren." Alle wundern sich über diese Auslegung. Das hatten sie hinter dem Mann, den sie als den Sohn Josefs kannten, nicht vermutet.
Was ist da in Nazareth geschehen? Eine harmlose, vielleicht sogar zufällige
Schriftlesung war das sicher nicht. Gottes Geist hatte den Blick Jesu genau auf die richtige
Stelle fallen lassen und ihn davon überzeugt, daß diese Lesung jetzt dran war.
Die Worte aus Jesaja 61 wurden in Israel seit eh und je als Ansage der Heilszeit angesehen.
Gott hatte diesem Volk versprochen, es von allen seinen Bedrängern zu befreien und ihm
eine Zeit ungestörter, heilvoller Entwicklung zu schenken.
Wie oft schon war diese Stelle vorgelesen worden! Welche sehnsüchtigen Erwartungen
waren damit verbunden! Aber geändert hatte sich nichts. Die Römer hatten
Palästina fest im Griff. Wer gegen sie aufbegehrte, landete im Gefängnis oder am
Kreuz. Von der Freiheit der Gefangenen war nichts zu sehen.
Auf den Straßen saßen die Bettler, die nicht genug zum Leben hatten. Mit der
frohen Nachricht der Heilszeit konnten sie nichts anfangen. Den Blinden ging es nicht
anders; sie bekamen nicht mit, was um sie herum geschah. Wieviele zerbrochene
Lebensschicksale - und niemand, der sie heilen konnte! Da setzt sich Jesus, den man für
den Sohn Josefs hielt, im Synagogen-Gottesdienst vorne hin und erklärt, die
Schriftstelle sei heute vor ihren Ohren erfüllt. Das gibt es doch nicht! Der Zimmermann
aus Nazareth kündigt den Beginn der Heilszeit an und beruft sich dafür auf die
Salbung mit dem Heiligen Geist. Was passiert da?
Manche sprechen von der Antrittspredigt Jesu in Nazareth. Bei einem Predigerwechsel wird
eine Antrittspredigt gehalten. Der neue Prediger gibt sich viel Mühe, um in der neuen
Gemeinde einen guten Eindruck zu hinterlassen. Da werden Kommentare und Predigthilfen
gewälzt, sorgfältig nachgedacht und abgewogen, formuliert und wieder verworfen.
Hier in Nazareth sieht das aber ganz anders aus! Das ist keine Antrittspredigt. Jesus
verkündigt in Nazareth sein messianisches Programm, sein Manifest. Er
erklärt öffentlich, wozu er gekommen ist, welche Ziele er verfolgt, welchen
Menschen er sich zuwenden will, wie Gott das Leben seiner Menschen heil macht.
Ausgangspunkt
Wichtig ist der Ausgangspunkt. Das Manifest des Messias ist alles andere als ein
gutgemeintes, menschliches Reformprogramm. Der Messias ist der von Gott mit Gottes Geist
Gesalbte. Ausdrücklich wird das in Jesaja 61,1 betont: "Der Geist des Herrn ist auf
mir, weil er mich gesalbt hat." Wer das Leben der Menschen so grundlegend ändern will,
braucht übermenschliche Kraft. Und genau diese Kraft ist Jesus bei seiner Taufe
verliehen worden, von der Lukas berichtet: "Der heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in
leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber
Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen." Was Jesus den Menschen ankündigt, ist ihm
zunächst durch Gottes Geist anvertraut worden. Er lebt aus dem, was Gott ihm gibt, Nur
darum kann das Leben der Menschen durch ihn heil werden.
Zielpunkt
Wichtig ist auch der Zielpunkt: Ein Gnadenjahr des Herrn wird
ausgerufen. Das war eine erstaunliche Ordnung im AT! In diesem Jahr, das alle 50 Jahre
stattfand, wurde alles erworbene Land wieder an den ursprünglichen Besitzer
zurückgegeben. Nach jüdischer Auffassung gehörte das Land Gott. Er hatte es
den Sippen zugewiesen. Das Land konnte man nicht verkaufen, nur das Nutzungsrecht konnte man
abtreten. Aber im Gnadenjahr, das in Israel Erlaßjahr hieß, kam alles wieder in
den ursprünglichen Besitz der Sippe zurück. Grundstücksspekulation,
Bereicherung an Grund und Boden sollten in Israel ausgeschlossen sein.
Im Erlaßjahr wurden auch die Sklaven wieder frei. Kein Israelit sollte auf Dauer
Knecht eines anderen Israeliten sein. Denn alles Leben gehörte Gott. Auf Zeit konnte
jemand einem anderen dienen und damit vielleicht Schulden abtragen. Aber das Erlaßjahr
beendete die Sklaverei. Jeder konnte zu seinen Angehörigen zurückkehren.
Wir wissen nicht, wie konsequent diese Bestimmungen in Israel beachtet wurden. Aber es gab
sicher eine große Sehnsucht nach einem alle erfassenden, durchgreifenden
Erlaßjahr. Der Messias würde es herbeiführen. Auf dieses Ziel sind die 4
Grundlinien des messianischen Manifestes ausgerichtet.
Man hat Lukas den Evangelisten der Armen genannt. In der Tat ist damit ein Anliegen
beschrieben, das sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Evangelium hindurchzieht.
Matthäus schreibt in der Bergpredigt: "Selig sind, die da
geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da
hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie
sollen satt werden" (Mat. 5,3.6)?
In der Feldrede, die Lukas statt dessen überliefert, sagt Jesus: "Selig seid ihr
Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt
satt werden" (Luk. 6,20.21). Wenig später fügt er die Worte Jesu hinzu:
"Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt
seid! Denn ihr werdet hungern" (Luk. 6,24.25).
Lukas überliefert auch das Gleichnis Jesu von dem reichen Bauern, der große
Scheunen für den Ertrag seiner Felder baut und dadurch den Frieden seiner Seele sucht.
Aber Gott nennt ihn einen Narren (Luk. 12,16-21). Und viele andere Stellen wie das Gleichnis
vom reichen Mann und armen Lazarus.
Das sind Worte, die unter die Haut gehen - unter unsere Haut, die wir im Weltmaßstab
fast ausnahmslos zu den Reichen gehören. Hat Lukas nicht etwas zu dick aufgetragen?
Muß man die Zuwendung Jesu zu den Armen nicht im übertragenen Sinn verstehen,
also die "geistlich Armen"? Gott ist doch nicht parteilich. Bei ihm gibt es kein Ansehen der
Person. Aber Jesus zieht es zu den Menschen, die sich selber nicht helfen können, die
am Leben scheitern, die mit sich und der Welt am Ende sind - manchmal auch trotz des
glücklichen Scheins von Reichtum.
Bei Lukas ist nicht die Armut im übertragenen Sinn gemeint. Es geht im wörtlichen
Sinn um die Menschen, die nicht genug zum Leben haben, deren verzweifelte Gesichter und
deren Angst um ihre Kinder wir aus dem Fernsehen kennen. Lukas schreibt im Vorwort seines
Evangeliums, daß er allem von Anfang an genau nachgegangen ist und was er gefunden
hat, wurde von ihm zuverlässig aufgeschrieben. Dazu gehört die Entdeckung: Jesus
ergreift Partei. Er ist ein Freund der Armen.
Es geht nicht um den sozialen Touch von Lukas. Es geht um die 1. Grundlinie aus dem Manifest
Jesu: Den Armen Gottes Zuwendung.
Im Buch des Propheten Jesaja, aus dem das Manifest des Messias stammt, ist die Botschaft
von der Freiheit der Gefangenen ein Trostwort für die Israeliten, die nach Babylonien
verschleppt wurden und nun in ihre Heimat zurückkehren dürfen - in ein
verwüstetes Land, in die Trümmer ihrer geliebten Stadt Jerusalem. Diesen
Gefangenen wird die Freiheit angesagt, natürlich eine Freiheit im wörtlichen Sinn.
Nach der 1. Grundlinie seines Manifestes müßte man annehmen, daß auch die
Freiheit wörtlich zu verstehen ist. Also: Freiheit für die Angehörigen der
Aufstandsbewegung gegen die Römer. Freiheit für die Zeloten, die in den
Gefängnissen der Römer und des Herodes auf ihre Hinrichtung warteten. Freiheit
für Johannes den Täufer, der das Kommen des Messias angekündigt hatte und nun
wegen seines konsequenten Bußrufes im Gefängnis liegt. Freiheit nicht zuletzt
für die Sklaven, die auf den Märkten wie Ware angeboten werden.
Aber nichts von alledem läßt sich im Handeln und in der Verkündigung Jesu
finden. Mit den Freiheitskämpfern hat er nichts zu schaffen. Den verzweifelten Johannes
holt er nicht aus dem Gefängnis heraus. Die Sklaven bleiben Sklaven und die
Kriegsgefangenen Kriegsgefangene. Ja, das jüdische Volk als Ganzes bleibt unter
römischer Besatzungsmacht, unterdrückt und ausgebeutet. Also ist es nichts mit der
Freiheit für die Gefangenen?
Das ist ein Kritikpunkt für die jüdischen Theologen bis heute: Ein Rabbi wurde
gefragt, warum er nicht glauben könne, daß Jesus der Messias sei. Der Rabbi trat
an das Fenster und schaute lange hinaus. Dann sagte er: "Schau dir die Welt an! Ist sie
anders geworden? Ich kann davon nichts erkennen. Deswegen kann er nicht der Messias sein."
Doch so schnell wollen wir bei dieser Grundlinie nicht resignieren. Jesus hat den Gefangenen
die Freiheit angekündigt. Welche Gefangenen sind durch ihn frei geworden? Die
Evangelien sind voll von Berichten, wie dämonisch besessene Menschen frei wurden. Sie
waren Gefangene des Teufels. Aber er mußte seine Opfer freigeben und nicht nur sie,
sondern viele Menschen, die er durch den Betrug der Sünde zu seinen Sklaven gemacht
hatte. Wie oft ist durch den Freispruch Jesu ein zerstörtes Leben heil geworden!
Also die zweite Grundlinie des messianischen Manifestes: Jesus ist kein Sozialreformer.
Soziale Reformen sind nötig, aber sie beheben das Übel nicht an der Wurzel. Es
geht um die Befreiung aus der versklavenden Macht des Teufels. In diesem Sinn gilt: Den
Gefangenen die Freiheit!
Zu den Zeichen des Messias gehört, daß er den Blinden die Augen öffnet,
daß er die Lahmen zum Gehen fähig macht, daß die Aussätzigen rein
werden und die Tauben durch ihn wieder hören können. Als Johannes der Täufer
im Gefängnis unsicher wird, ob Jesus wirklich der verheißene Messias ist, weist
ihn Jesus darauf hin, daß diese Zeichen durch ihn geschehen (Luk.7,18-23). Er hat also
auch diese 3. Grundlinie des messianischen Manifestes wörtlich verstanden. Es geht um
die Zeichen des Messias, die durch die Heilungswunder Jesu geschehen.
Das liegt heute vielen am Herzen. Sie halten die Verkündigung des Evangeliums durch das
Wort für nicht durchschlagkräftig genug. Sie bieten die Power-Evangelisation an,
in der Menschen durch offensichtliche Heilungen zum Glauben an Jesus Christus kommen sollen.
Aber das ist eine Verkehrung der biblischen Reihenfolge. Im Zentrum des Missionsbefehls Jesu
an seine Jünger steht die Verkündigung des Evangeliums und der Ruf in die
Nachfolge: "Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da
glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt
werden" (Mark. 16, 15.16).
Den Jüngern, die sich diesem Auftrag stellen, werden Heilungen als Zeichen des Messias
versprochen. Aber diese Zeichen tragen nicht die Verkündigung, sondern
sie begleiten sie: "Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind
diese: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden,
Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's
ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen
werden" (Mark. 16,17.18). Jesus hat dieses Versprechen eingelöst. Die Zeichen des
Messias haben den Weg der Apostel begleitet, wie auch die christlichen Gemeinden, die uns im
NT geschildert werden. Und sie begleiten die Gemeinde Jesu Christi durch die Zeiten bis zu
diesem Tag.
Aber sie bleiben, was sie von Anfang an waren: Zeichen des Messias. Nirgendwo hat der Herr
verheißen, daß er alle Krankheiten heilen wird, wenn man ihm nur genug zutraut.
Vor allem aber hat er sich von denen abgewandt, die von ihm ein Zeichen verlangten, um ihm
dann erst zu vertrauen. Er ist und bleibt der souveräne Herr, der Heilungen geschehen
läßt, wann und wo und bei wem er will.
In diesem Sinn gilt die 3. Grundlinie des messianischen Manifestes: Den Blinden sehende
Augen!
Diese 4. Grundlinie erinnert daran, daß die Menschen nicht nur an materieller
Armut, am Verlust ihrer Freiheit und an ihren körperlichen Gebrechen leiden. Wieviel
Zerbruch gibt es im Leben von Menschen, obwohl es an materiellem Besitz, Freiheit und
Gesundheit nicht fehlt. Wie verzweifelt können Menschen an zerbrochenen Beziehungen
zwischen Ehepartnern oder Eltern und Kindern leiden. Wie sehr kann der Verlust des
Arbeitsplatzes das Selbstwertgefühl eines Menschen zerstören, vor allem in einer
Gesellschaft, in der viele der Überzeugung sind, daß sich ein gelungenes Leben im
beruflichen Erfolg zeigt. Wie verhängnisvoll können sich Konflikte mit Menschen
auswirken, die einem einmal sehr nahe standen, mit denen aber die Verständigung nicht
mehr gelingen will. Wie schlimm ist es, wenn sich Menschen in solcher Lage von Gott und
ihren Freunden verlassen fühlen, von Zweifeln geschüttelt werden und nicht mehr
glauben können. Wenn es von Jesus heißt, daß ihn das Erbarmen packte, wenn
er die Menschen ansah, weil sie wie Schafe waren, die keinen Hirten haben, dann sind ihm
wohl solche und viele andere Lebensschicksale bewußt geworden.
Alles Leid im Leben von Menschen, alle begrabenen Hoffnungen, alle Bitterkeit der Seele,
alle Zerrissenheit und Ratlosigkeit faßt er in dem einen Wort zusammen: die
Zerbrochenen. Er sieht sie auch in dieser Synagoge. Menschen, die von niemandem etwas
erwarten. Menschen, die sich selber aufgegeben haben. Jesus hat einen Blick und ein Wort
für sie. Er verspricht ihnen, daß sie frei und heil sein sollen. Er möchte,
daß die Zerbrochenen sich an ihn wenden und sich von ihm heilen lassen.
Es genügt nicht, dieses Manifest zu kennen und zu bejahen. Für Nachfolger Jesu geht es immer um konkrete Schritte, die zu unternehmen sind.
Es wird immer wieder nötig sein, von unserem reichlichen Einkommen abzugeben, um
Notleidenden zu helfen. Darin sollten wir nicht müde werden und uns auch von
gegenteiligen Stimmungen in der Bevölkerung nicht irre machen lassen. Das Teilen mit
den Armen kann in der Form von Spendensammlungen geschehen oder indem wir dem
Bedürftigen direkt etwas geben.
Aber es kann sich auch in der Politik niederschlagen. Auch wenn unsere
Einflußmöglichkeiten sehr begrenzt sind, kommt es auf die Grundhaltung an, die
wir in diesen Fragen einnehmen. Z.B. bedeutet das für die Spannung zwischen Nord und
Süd: Es ist wichtig, daß wir unsere Einflußmöglichkeiten nutzen, um
gerechte Handelsbedingungen für die sogenannten Entwicklungsländer zu schaffen.
Diese Denkanstöße, haben mit einem sozialen Evangelium nichts zu tun. Sie ergeben
sich einfach aus der Tatsache, daß Gottes Zuwendung den Armen gilt.
Das trifft auch für die "armen" Reichen zu, die durch die Konsumgesellschaft
verführt und um ein sinnvolles Leben betrogen worden sind. Das kann ja nicht wirklich
der Sinn des Lebens sein: Immer mehr haben zu wollen, um sich mehr leisten zu können
und damit anderen zu imponieren. Wie flach ist ein solches Lebenskonzept. Jesus Christus
will ihm eine neue Dimension geben: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach
seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen" (Matth. 6, 33). Die armen
Reichen können bei ihm lernen, wofür es sich zu leben lohnt. Sie werden es nur
lernen, wenn wir als Nachfolger Jesu ihnen dieses Lebenskonzept glaubwürdig vorstellen.
Da haben wir noch viel in unserem Leben zu ändern. Unser Herr Jesus Christus will uns
dabei helfen, seinen Weg Schritt für Schritt mitzugehen.
Wir haben gesehen, Jesus hat vor allem denen die Freiheit geschenkt, die vom Teufel
gefangen gehalten wurden. Die Zahl solcher vom Teufel geplagten Menschen nimmt ständig
zu. Wir sehen und hören von solchen, die durch okkulte Belastungen, spiritistische
Experimente aber auch durch offenen Satanskult in teuflische Abhängigkeiten geraten
sind. Manche werden in psychiatrische Kliniken eingeliefert, ohne daß ihnen jemand
helfen kann. Wie soll denn ein Psychiater Bessenheit therapieren? Da ist mit menschlichen
Kenntnissen nichts zu wollen. Es geht um die Vollmacht dessen, der den Gefangenen die
Freiheit zugesagt hat.
Ich denke auch an die vielen Menschen, die von Alkohol, Drogen und Tabletten abhängig
sind. Die Vorschläge in der politischen Diskussion, weiche Drogen zuzulassen, zeigen
die ganze Ratlosigkeit der Behörden gegenüber dieser Katastrophe. Wo sind
engagierte Nachfolger Jesu, die sich in dieses Arbeitsfeld senden und von ihrem Herrn mit
der nötigen Vollmacht ausstatten lassen?
Es gibt auch die Gefangenheit in Gedanken, Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen, aus
denen die Betroffenen nicht selber ausbrechen können. Ich bin fest überzeugt,
daß auch ihnen diese Zusage auf Befreiung gilt.
Wir können nicht von der Freiheit der Gefangenen sprechen, ohne an die Strafgefangenen
zu denken, die in den Gefängnissen Deutschlands einsitzen. Wie notwendig sind Christen,
die in die Gefängnisse gehen, die Strafgefangenen besuchen und mit ihnen die Bibel
lesen. Auch für diesen Bereich gilt die Frage Gottes:"Wen soll ich senden? Wer will
unser Bote sein?" (Jes. 6, 8).
Vergessen wir auch die nicht, die wegen ihres Glaubens im Gefängnis sitzen. Beten wir
für sie, daß sie den Mut behalten, Jesus Christus als ihren Herrn zu bezeugen.
Beten wir auch um ihre Freilassung.
Er hat seiner Gemeinde aufgetragen, für die Kranken zu beten. Das schließt die
vielen Behinderten ein. Wir können ihm Heilungen nicht abtrotzen, aber wir dürfen
sie ihm zutrauen. Oft lesen und hören wir von erstaunlichen Gebetserhörungen. Von
Menschen, die ihr Leben als ein gnädiges Geschenk Gottes verstehen. Andere müssen
- oft unter Schmerzen - ihre Krankheit aushalten, obwohl sie dem Heiland genauso viel
zutrauen. Für Nachfolger Jesu Christi kommt es darauf an, daß sie Behinderte und
Kranke in ihrer Umgebung nicht allein lassen, sondern sie mit liebevoller Zuwendung und im
Gebet begleiten.
Die Zahl der Alten und Kranken nimmt ständig zu. Die Zahl der Diakonissen, der
Pflegerinnen und Pfleger nimmt ab. Viele scheuen diesen Dienst, für den man das
Wochenende einsetzen, den Schicht- und Nachtdienst in Kauf nehmen muß. Vielleicht kann
das Manifest des Messias jungen Menschen die Augen dafür öffnen, daß ihr
Herr sie in dem weiten Tätigkeitsbereich der Diakonie haben will?
Vor allem die Behinderten werden es spüren, ob sie, wie in weiten Teilen unserer
Gesellschaft, als Außenseiter gemieden werden, oder ob ihnen in der Gemeinde Jesu
Christi aufrichtige Liebe und Zuwendung begegnet. Wenn wir liebevoll und offen auf
Behinderte und Kranke zugehen, könnten ihnen auf diese Weise "sehende Augen" geschenkt
werden.
Wer selber erlebt hat, wie Jesus den Bruch in seinem Leben geheilt hat, wird sensibel
für Menschen, die mit dem Leben nicht zurecht kommen und an Lebensaufgaben scheitern.
Vielleicht ist es die Ehe, die in eine tiefe Krise geraten ist. Wie hilfreich ist es,
Menschen zu kennen, die aus der Barmherzigkeit Gottes durch Jesus Christus leben und darum
anderen mit liebendem Herzen und kühlem Kopf zurechthelfen können. Wie hilfreich
ist es, wenn Eltern und Kinder, die aneinander wund geworden sind, in der Gemeinde Menschen
finden, die nicht Partei ergreifen, sondern Brücken schlagen im Dienste ihres Herrn,
der die Friedensstifter selig gepriesen hat.
Vor allem aber brauchen alle, die Schuld auf sich geladen haben, Menschen, die sie nicht
verurteilen, sondern die sie zu dem begleiten, der die Schuld der Welt getragen hat. Er
heilt die unter der Last ihrer Schuld zerbrochenen Herzen. Wie schön ist es, wenn in
seinem Namen gesagt werden kann: Dir sind deine Sünden vergeben; gehe hin in
Frieden.
Da Manifest des Messias ist ein großartiges Programm. Hinter ihm steht der lebendige Herr Jesus Christus. Leben wir in seinen Grundlinien. Dann werden wir entdecken, wie schön es ist, Jesus Christus zu kennen, und die Menschen um uns her werden merken, wie sehr sie Jesus Christus brauchen.