1 Eine Unterweisung der Kinder Korah, vorzusingen. 2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. 3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue? 4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? 5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst; denn ich wollte gerne hingehen mit dem Haufen und mit ihnen wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken unter dem Haufen derer, die da feiern. 6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott! denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem Angesicht. 7 Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir; darum gedenke ich an dich im Lande am Jordan und Hermon, vom Berge Misar. 8 Deine Fluten rauschen daher, dass hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich. 9 Der HERR hat des Tages verheißen seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens. 10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mein vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt? 11 Es ist als ein Mord in meinen Gebeinen, dass mich meine Feinde schmähen, wenn sie täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott? 12 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott! denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Dieser Psalm ist ein sogenannter "Maskil", der zur Belehrung
der Frommen diente. Er ist wahrscheinlich entstanden, als die wenigen noch
gläubigen Juden wegen der Bosheit während der Zeit der großen Trübsal
aus Jerusalem geflohen sind. Sie schauen aus der Ferne zum Haus Gottes, zum
Tempel in Jerusalem, von dem sie getrennt und vertrieben sind. Ihre Schreie
kommen vom "Land des Jordan", wobei der Jordan das Sinnbild des
Todes ist (Redensweise: Er ist über den Jordan gegangen). Sie sind im
Gebirge Hermon, was Bann bedeutet. Dieses Gebirge befindet sich weit im
Norden, etwa 200 km von Jerusalem entfernt.
Im Hermon, wo der wasserreiche
Jordan in wilden Sturzbächen entspringt, befand sich das heidnische
Heiligtum einer Naturgottheit, wahrscheinlich des Quellgottes des Jordan.
2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine
Seele, Gott, zu dir.
Trotzdem der Psalmbeter sich an der Quelle des wichtigsten
Wasserlaufes für Israel und bei einem Wasserheiligtum befindet, dürstet
seine Seele nach Gott. Er vergleicht sich mit einem nach Wasser lechzenden
Hirsch.
Das ist nicht der berühmte röhrende Hirsch, der bei manchen
älteren Menschen so schön auf dem gerahmten Ölbild über dem Sofa zu
sehen ist. Dieser röhrende Hirsch im Eichenwald als Ausdruck deutscher
Idylle.
Was der Psalmbeter beschreibt ist das krasse Gegenteil zum
röhrenden gerahmten Hirsch an der Wand: "Gott, ich schreie zu dir,
denn ich fühle mich wie ein Stück Tier, mehr noch, wie eine Hinde, wie
eine verschmachtende Hirschkuh (nach dem hebräischen Urtext) geh ich
kaputt, wie so eine Hinde an den ausgetrockneten Bachläufen dort in
Palästina geht es mir, eine Hinde, die in der Sonne keinen Tropfen Feuchtes
zu saufen bekommt! Meine Seele, Gott dürstet nach dir, wo ist da ein
lebendiger Gott - wo wird mein Durst gestillt?
3a Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Nicht nach irgendeiner Gottheit, nach dem lebendigen Gott sehnt sich
seine Seele: nach dem Gott, den er als Hilfe so oft erlebt hat, dem er als
Priester so oft in der Mitte der feiernden Gemeinde gedient hat. Er fehlt
seiner Seele. Unmöglich kann ihm eine andere Gottheit Ersatz bieten für
diesen Gott seines Lebens. Ihn hatte er kennen gelernt in der Geschichte
seiner Väter. Seine Nähe hatte er verspürt an den Altären des
Heiligtums. Seine Kraft hatte er gesehen in denen, die ihm vertrauten. Gott
selbst ist es, der ihm fehlt; daher fühlt sich seine Seele so einsam trotz
der Menschen, die ihn umgeben, und trotz des Heiligtums, in dem er sich
wahrscheinlich befand.
Das Wort Durst begegnet uns oft in der Bibel - man dürstet nach Gottes
Wort, man dürstet nach Erlösung. Der Hirsch lechzt nach frischem Wasser:
Frisches Wasser als Symbol für wahres Leben. Der Schrei der Seele zu Gott
bedeutet also: Gib mir wahres Leben, gib mir Sinn in mein Leben durch die
Beziehung mit dir, der Quelle des Lebens.
Wer in dieser Beziehung lebt, hat
so viel Wasser, dass er davon sogar weitergeben kann an andere: Wer an mich
glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leibe werden Ströme
lebendigen Wassers fließen. (Joh 7,38)
3b Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?
Für den Psalmbeter geht es dabei um die Rückkehr nach Jerusalem.
Für uns spricht dieser Vers von der Erlösung aus der Not dieser Welt. Zum
einen indem wir hier auf dieser Erde ein kleines Stück von Gottes Reich
erleben dürfen und zum anderen nach unserem Tod oder unserer Entrückung,
wenn wir wirklich Gottes Angesicht sehen dürfen.
Um die Sehnsucht nach
einer besseren Welt zu haben, müssen wir zuerst erkennen, wie diese Welt
wirklich ist: voll Ungerechtigkeit, Leiden, Not und Boshaftigkeit. Und dann
müssen wir über uns selbst Klarheit gewinnen. Wir müssen, wie Paulus uns
im 1. Korintherbrief sagt, uns selbst erkennen: Wie viel von der
Schlechtigkeit dieser Welt in uns selbst noch steckt. Und dass wir die
Erlösung brauchen, um Gottes Angesicht schauen zu dürfen.
4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich
zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Es ist interessant zu bemerken, dass der Dürstende sich hier von
den eigenen Tränen ernährt. Er hat hier in seiner Einsamkeit niemanden,
der ihn tröstet. Er fühlt sich auch von Gott allein gelassen. Ihm geht es
wie Hiob: Alle seine Not wird noch vergrößert durch Menschen, die zu ihm
kommen und sagen: "Was hast du getan, Hiob? Gott ist gegen dich. Wo ist
nun dein Gott?" In seiner Not, in seinen Tränen spiegelt sich ein Ruf
nach Gott: "Erlöse mich aus dieser Not!"
5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst;
denn ich wollte gerne hingehen mit dem Haufen und mit ihnen wallen zum Hause
Gottes mit Frohlocken und Danken unter dem Haufen derer, die da feiern.
Er hat niemanden, mit dem er sich austauschen kann. Deshalb
schüttet er sein Herz vor sich selbst aus. Er baut sich auf mit den
Gedanken an frühere, positive Gemeinschaftserlebnisse: Als er mit anderen
Gläubigen zum Tempel zog und dort Gottesdienst feierte. Diese Sehnsucht des
Psalmisten sollte auch in uns sein: Gott können wir erleben in der
Gemeinschaft mit anderen Gläubigen: im Gottesdienst oder im Hauskreis.
Vermissen wir auch die sonntäglichen Gottesdienste und die Hauskreise nach
einer längeren Ferienzeit oder Krankheit? Ist ein Sonntag ohne Gemeinschaft
am Evangelium für uns nur ein halber Sonntag? Es ist sicher ein guter
Dienst, einem Kranken die Kassette mit der Predigt vorbeizubringen und
anderen zu ermöglichen, in den Gottesdienst zu kommen. "Gib deinem
Sonntag eine Seele und deiner Seele einen Sonntag" lautet ein
geflügeltes Wort.
6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott! denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem
Angesicht.
Der Psalmdichter redet weiter mit sich selbst. Mit seinem Glauben
versucht er seine Furcht zu beschwichtigen. Werden die gegenwärtigen Nöte
immer dauern? Ist das Frohlocken der Feinde mehr als dummes Geschwätz? Ist
meine Abwesenheit von den heiligen Festen eine lebenslängliche Verbannung?
Warum diese tiefe Niedergeschlagenheit, diese Verzagtheit, diese
glaubenslose Schwermut?
Der Psalmdichter rüttelt sich selbst auf aus seinen
düsteren Gedanken. Darin ist er ein Vorbild für alle, die dem Verzagen
nahe sind. Die Ursache unseres Kummers zu erforschen ist oft das beste
Heilmittel. Man muss sich selbst kennen und verstehen um einen klaren Blick
auf die Ursache unserer Probleme zu bekommen. Oft schrumpft dann das
Ungeheuerliche in eine unbedeutende Kleinigkeit zusammen. Oft erkennen wir,
dass wir unsere vermeintliche Not aus etwas Nebensächlichem selbst
erschaffen haben.
Warum bist du so unruhig in mir? Warum bin ich aufgeregt
wie ein vom Sturm zerwühltes Meer, und warum toben meine Gedanken in mir?
Auch wenn meine Lage noch so traurig ist, darf ich mich trotzdem nicht
widerstandslos der Verzweiflung hingeben. Auf, mein Herz! Was soll das
Trauern? Halte durch! Harre auf Gott! Dieses Harren ist für uns ungeduldige
Menschen sehr schwer, aber es lohnt sich. Der Psalmist weiß das: Es wird
wieder die Zeit kommen, dass Gott mir hilft und ich ihm dafür danken werde.
7 Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir; darum gedenke ich an
dich im Lande am Jordan und Hermon, vom Berge Misar. 8 Deine Fluten rauschen
daher, dass hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen; alle deine
Wasserwogen und Wellen gehen über mich.
Interessanterweise ist hier ein ganz anderer Bezug zum Wasser als am
Anfang. Er lechzt nicht mehr danach, sondern fürchtet sich vor den
Wassermassen. Hier kommt der Schrei: "Hilfe, Gott, ich ertrinke
jämmerlich! So wie ein Wasserfall, wie ein Strudel reißt es mich fort ohne
Halt; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich." Wasser
symbolisiert hier nicht mehr das Leben, sondern den Tod. Und das Wasser
sieht er als von Gott geschickt: Deine Fluten, deine Wasserwogen.
9 Der HERR hat des Tages verheißen seine Güte, und des Nachts
singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.
Immer wieder das Hin und Her zwischen der Verzweiflung und dem
Glauben, der sicher früheren Erfahrungen mit Gott entspringt: Gott hat
seine Güte verheißen. Ich weiß das. Daran muss ich mich klammern in
meiner Not.
10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mein vergessen?
Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt?
In diesem Satz geht es wieder zurück in die Verzweiflung:
Eigentlich weiß er, dass Gott ein Fels ist, auch in den brausenden
Wasserfluten aus Vers 8. Er fragt: "Warum kann etwas, das fest ist,
mich trotzdem nicht mehr halten.
Zitat aus einer Andacht von Spurgeon: Kannst du eine Antwort hierauf geben, gläubige Seele? Kannst du irgend einen Grund finden, warum du so oft voller Traurigkeit und nicht voller Freude bist? Warum gibst du traurigen Vermutungen Raum? Wer sagt dir, dass die Nacht sich nie wieder in einen Tagesanbruch enden werde? Wer sagt dir, dass das Meer der Führungen Gottes vertrocknen werde, bis dass nichts mehr übrig bleibe als trübe Sümpfe schrecklicher Armut? Wer sagt dir, dass der Winter deiner Widerwärtigkeiten fortgehen werde von Frost zu Frost, von Schnee und Eis und Hagel zu tieferem Schnee, ja, zum furchtbaren Sturm der Verzweiflung? Weißt du nicht, dass auf die Nacht ein Tag folgt, dass nach der Ebbe wieder Flut eintritt, dass der Winter dem Frühling und dem Sommer weichen muss? Darum hoffe! hoffe immerfort! denn Gott verlässt dich nicht. Weißt du nicht, dass Gott dich mitten in all diesen Stürmen lieb hat?
11 Es ist als ein Mord in meinen Gebeinen, dass mich meine Feinde
schmähen, wenn sie täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?
Das ist die zentrale Frage: Wo ist nun dein Gott. Diese Frage
stellen nur allzu gern die Ungläubigen, die Spötter, der Feind. Letztlich
ist es wirklich der Widersacher, der uns mit dieser Frage morden will. Wenn
wir uns einsam und von Gott verlassen fühlen, uns darin noch zu
bestätigen: "Dein Gott kümmert sich nicht um dich."
Es gibt
wirklich Zeiten, in denen Gott schweigt. Es gibt Momente, in denen uns Gott
als Fels, dieser Gott wie wir ihn erlebt haben in schönen Gottesdiensten
oder in unserem Hauskreis, nicht mehr so gegenwärtig ist. Wenn die Probleme
uns überwältigen wie Wasserwogen, dann steigt diese Fragestellung tief in
uns aus: "Wo ist nun dein Gott?"
Diese Zeiten sind wichtig für
unser Glaubensleben. Wir stehen nämlich ständig in Gefahr, Gott zu sehen
wie wir ihn haben wollen, mit unserem Schema, mit unseren Gefühlen. Aber
wenn alles so läuft wie wir es haben wollen, brauchen wir Gott nicht!
Denken wir an den Fischzug des Petrus. Hätte er einen normalen Fang gemacht
in der Nacht, bevor Jesus ihn angesprochen hat, dann hätte er
wahrscheinlich gesagt: "Ich muss meine Fische versorgen und dann die
Netze flicken." Jesus hätte ihn nicht erreichen können. Wir Menschen
besinnen uns meist nur dann auf Gott, wenn es uns schlecht geht und wir
nicht mehr weiter wissen. Und für uns Gläubige ist das eine Chance, unsere
Glaubenserfahrungen auszugraben und einzusetzen.
12a Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir
Diese sich wiederholende Frage zeigt die Innere Lage des
Psalmbeters: Unruhe. Wir leben zwischen der Ruhe, dem Frieden im Herrn, und
der Unruhe. Denn wir verfügen nicht über ihn, er will unser Herr sein. Oft
spüren wir seine Ferne, und das verursacht einen neuen Wunsch in uns,
Gemeinschaft mit ihm zu haben, Gemeinschaft wie er das haben will. Dieses
Gefühl der Gottesferne erweckt er in uns, weil wir uns tatsächlich von ihm
entfernen. Er will, dass wir auf ihn bauen, dass der unser Fels ist, dass er
eine Antwort geben kann auf die Gottesferne.
12b Harre auf Gott! denn ich werde ihm noch danken, dass er meines
Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Der Psalmist weiß: Wenn ich auf ihn harre, dann werde ich ihm noch
danken. Er harrt auf ihn mit der Erkenntnis, dass er nicht nur der
Vergangene, sondern auch der Zukünftige ist, und dass er diese Hilfe
erfahren wird. Der Leidende da in der Ferne an den Jordanquellen weiß, er
kann nach Jerusalem, er kommt einmal am Ort seiner Hoffnung, im Tempel und
dort am Altar an.
Und als Christ darf ich das erst recht wissen. Meine Hilfe
kommt von Jerusalem, vom Kreuz auf dem Berg Golgatha. Da war einer, der
genauso schrie: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Und der
sogar starb unter dem Hohnlachen der Feinde. Aber der alleine, Jesus von
Golgatha, gibt dem Glauben das Wichtigste: Die Hoffnung, dass Gott Leben hat
für Verdurstende und Leben für in Strudeln Untergehende, die lebendige
Hoffnung, dass Gott die Sonne des Ostermorgens nach der Nacht des
Karfreitags aufgehen lässt und Strahlen von ihr für die Seinen mitten in
all die Anfechtungen dieser Welt schickt, bis heute.
Gott sei Dank!