1 Dem Chorleiter. Nach Jedutun. Ein Psalm. Von David. Nur auf Gott vertraut still
meine Seele, von ihm kommt meine Hilfe.
2 Nur er ist mein Fels und meine Hilfe, meine Festung; ich werde kaum wanken.
3 Wie lange wollt ihr einen Mann bestürmen, morden ihr alle - wie eine
überhängende Wand, eine eingestoßene Mauer?
4 Sie planen nur, ihn von seiner Höhe zu stoßen; sie finden Gefallen an der
Lüge; mit ihrem Mund segnen sie, doch in ihrem Innern fluchen sie.
5 Nur auf Gott vertraue still meine Seele, denn von ihm kommt meine Hoffnung.
6 Nur er ist mein Fels und meine Hilfe, meine Festung; ich werde nicht wanken.
7 Auf Gott ruht mein Heil und meine Ehre; der Fels meiner Stärke, meine Zuflucht ist
in Gott.
8 Vertraut auf ihn allezeit, Leute! Schüttet euer Herz vor ihm aus! Gott ist unsere
Zuflucht.
9 Nur Hauch sind die Menschensöhne, Lüge die Herrensöhne. Auf der Waagschale
steigen sie empor, sie sind allesamt leichter als ein Hauch.
10 Vertraut nicht auf Erpressung, und betrügt euch nicht durch Raub; wenn der Reichtum
wächst, richtet euer Herz nicht darauf!
11 Eines hat Gott geredet, zwei Dinge sind es, die ich gehört, daß die Macht bei
Gott ist
12 und dein, o Herr, die Gnade; denn du, du vergiltst jedem nach seinem Werk.
In diesem Psalm wird nicht ausdrücklich die Begebenheit gesagt, in der er entstanden
ist wie z.B. im Psalm 63: "als er in der Wüste Juda war". Auf Grund der
Verfolgungssituation, die schon lange andauert "wie lange wollt ihr" kann man
annehmen, daß er wohl auf der Flucht vor Saul war.
David steht in großer Anfechtung. Menschen verfolgen ihn. Er ist in Todesgefahr . Er
kommt sich vor wie eine hängende Wand, wie eine rissige Mauer, die jeden Augenblick
einstürzen kann. Die Verfolger wollen ihn stürzen, ihn ermorden. Sie verfolgen ihn
mit tödlichem Haß.
Seine Gegner verbreiten auch Lügen über ihn im Land. Sie verleumden ihn, um das
Volk gegen ihn aufzubringen, damit niemand ihm hilft.
Es ist wirklich eine schlimme Lage, wenn Verleumdung und tödlicher Haß die
täglichen Begleiter sind.
Was tut David in dieser höchst gefährlichen Lage?
Er vertraut nicht auf Menschen weil er weiß, daß Menschen täuschen und enttäuschen können. Selbst Freunde, die nach bestem Gewissen zu einem halten, können in solchen Extremsituationen verschwinden um ihr eigenes Leben zu retten.
Er vertraut nicht auf hochgestellte Leute, die ein Wort für ihn einlegen
könnten. Er weiß, daß auch sie täuschen, etwas versprechen um gut
dazustehen und vergessen, sobald sie ihr Ziel erreicht haben. Wie viele Politiker haben ihre
Wahlversprechen vergessen, nachdem sie gewählt wurden. Man kann es mit
Fürsprechern (Vitamin B wie man heute gerne sagt) zwar versuchen, aber verlassen darf
man sich nicht darauf.
Selbst die Fürsprache seines Freundes Jonathan, der wirklich alles versucht hat,
nützte David nichts.
Er vertraut nicht auf Gewalt und Raub. Er will nicht Saul ermorden, um der Verfolgung eine Ende zu machen, sondern verschont ihn zwei Mal, damit er seine guten Absichten erkennt. Er zieht nicht mit seiner Schar los, um mit Gewalt und Raub seinen Anspruch auf den Königsthron durchzusetzen.
Er vertraut nicht auf Reichtum. Was könnte man mit Geld doch alles machen:
David hat nichts gegen Geld, aber er will sich nicht darauf verlassen: Fällt
euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.
Davids Lösung in dieser menschlich ausweglosen Situation ist etwas ganz anderes. Es
ist der lebendige, allmächtige Gott selbst.
Gott ist sein Fels, seine Hilfe, sein Schutz. Wenn David auch zittert, der Fels auf dem er
steht, zittert nicht. Der Grund seines Vertrauens liegt nicht in ihm selber, in seiner
Stärke, in seinem Optimismus.
Seine Zuversicht liegt auf einem, der größer ist als er. Größer als
alle menschliche Heimtücke, die ihm schaden könnte. Größer als alle
Schlingen, die ihm die Widersacher legen können.
David rechnet mit der Hilfe Gottes. Wie er helfen wird, bleibt sein Geheimnis. Daß er
helfen wird, ist dem Beter gewiß.
In dieser Lage, wo weder eigenes Vermögen noch andere Menschen helfen können,
kommt Davids "ABER":
Aber sei nur Stille zu Gott, meine Seele.
David weiß einen Ort, wo er Zuflucht finden kann, wo er zu innerer Ruhe und
Geborgenheit kommt: im Gebet vor Gott.
David bezeichnet Gott dabei zweimal mit den Attributen:
Mein Fels, meine Hilfe, meine Festung.
Der Fels ist das Symbol für das Unveränderbare, für das Ewige, für
das Standhafte. Er ist ein tragfähiger, unerschütterlicher Grund. Gott ist aber
nicht nur passiv wie ein Fels, sondern David weiß, daß er ihm aktiv helfen wird,
daß er eingreifen wird. Und er ist seine Festung, die Mauern, hinter denen er sich in
Schutz bringen kann.
Er muß seine Last, seine Sorgen nicht mehr mit sich herumschleppen. Seinen ganzen
Kummer kann er vor Gott ausschütten und an ihn abgeben.
David weiß, daß der Herr für ihn streiten wird. Darum kann er still sein.
Auch wenn seine Nerven vibrieren und seine Glieder zittern. Tief innen darf David ruhig
sein.
Und dadurch, daß er ruhig wird, kann er jetzt Gott reden hören. Gott sagt zu ihm
zwei Dinge:
Gott ist allmächtig. Er kann alles, weiß alles, hat alles in seiner Hand. Aber
er mißbraucht die Macht nicht. Er gebraucht sie in Gnade, mit Liebe und Gerechtigkeit.
Was David als Vertreter des alten Volkes Gottes wußte, sollte uns ebenso bekannt und
vertraut sein: Wir können unser ganzes Herz vor Gott ausschütten und mit allem,
was uns auf der Seele liegt, jederzeit zu ihm kommen. Wir werden sogar ausdrücklich
dazu aufgefordert:
Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöhe
zur rechten Zeit indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft! Denn er ist besorgt für euch.
(1. Petrus 5,5)
Aber wir quälen uns oft viel zu lange allein ab, als ob wir es mit unserer Kraft
schaffen könnten.
"Vertraut auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus. Gott ist
unsere Zuversicht." ruft uns David zu.
Vielleicht müssen wir gerade in diesem Augenblick üben, das Schreien und
Schimpfen zu lassen und vor Gott still zu werden angesichts sich auftürmender
Schwierigkeiten.