Das Wesen der Zeit zu verstehen, ist wichtig, um uns selbst und die Abläufe um uns herum erklären zu können. Deshalb haben die Menschen immer schon über das Phänomen Zeit nachgedacht. Sie sind dabei aber zu keiner rechten Erklärung gekommen. Augustinus sagte dazu: „Was ist Zeit? Wenn mich jemand fragt, weiß ich es. Will ich es einem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht.“
Der japanische Philosoph Masanao Toda hat gesagt: „Niemand
kann anscheinend behaupten zu wissen, was Zeit ist. Dennoch gibt es diesen
mutigen Menschenschlag, die Physiker, die diesen schwer fassbaren Begriff zu
einem der Grundsteine ihrer Theorie machten.“
Die Zeit ist eine der 7 Maßeinheiten, aus denen das sogenannte SI-System
aufgebaut ist (u.a. Meter, Kilogramm, Temperatur). Mit diesen Basiseinheiten
lassen sich alle physikalischen Geschehnisse beschreiben. Und natürlich
muss man diese dazu messen können.
Menschen haben schon früh versucht, Zeit zu messen. Angefangen über das
Zählen der Tage und Jahre, über Sanduhren, Pendeluhren bis zu unsren
heutigen Quarzuhren. Die physikalische Einheit der Zeit ist die Sekunde.
Früher wurde sie als der 86400. Teil eines mittleren Sonnentages
festgelegt. Der mittlere Sonnentage ist aber nicht konstant und deshalb
brauchten die Physiker etwas genaueres. Es werden dazu die Schwingungen
eines Caesiumatoms gemessen, das in einer Sekunde 9.192.631.770 mal
schwingt. Die Zeitmessung wird somit auf einen Zählvorgang
zu-rückgeführt.
In der Physik ist die Zeit objektiv messbar. Für Lebewesen ist sie
jedoch etwas sehr relatives. Für einen Menschen, der durchschnittlich 75
Jahre lebt, bedeutet ein Tag etwas anderes als für eine Maus, die nur
eineinhalb Jahre lebt oder für eine Eintagsfliege. Das äußert sich auch
in vielen kleinen Aktivitäts- und Ruheintervallen der kurzlebigen Tiere.
Sie erleben also einen Erdentag ganz anders.
Auch die Dauer von Abläufen ist sehr verschieden. Der Mensch hat z.B. eine
Reaktionszeit von 1/10 Sekunde, die Fliege von 1/100 Sekunde. Deshalb
erwischen wir sie auch so schlecht, wenn wir eine erschlagen wollen.
Vögel können Geräusche noch als einzelne Laute hören, die nur zwei
Millisekunden lang sind. Für uns Menschen verschmelzen diese Töne. Wir
Menschen können mit unseren Augen nur 23 Bilder in der Sekunde aufnehmen.
Die 25 Bilder des Fernsehers verschmelzen deshalb zu einem Ablauf. Manche
Tiere sehen aber bis zu 100 Bildern pro Sekunde getrennt. Für sie wäre
unser Fernseher unbrauchbar.
Selbst die Wahrnehmung der Zeit verändert sich. Für ein Kind ist ein Jahr
eine sehr lange Zeitspanne. Für einen Siebzigjährigen ist im Rückblick
ein Jahr sehr wenig.
Die Zeit geht uns Menschen als Person an. Der Nobelpreisträger Erwin
Schrödinger sagte: „Die Zeit ist wahrlich ein gestrenger Herr,
indem sie das Dasein eines jeden von uns in enge Grenzen zwängt.“
Wo finden wir die beste Deutung der Zeit für unser Leben? Im Physikbuch?
Bei den Philosophen? Das beste ist sicher, den zu befragen, der die Zeit
geschaffen hat. Zeit gibt es erst seit der Schöpfung der Welt. Mit dem Raum
und der Materie wurde auch die Zeit erschaffen. Also müssen wir uns an den
Schöpfer wenden, wenn wir mehr erfahren wollen, als mit physikalischen
Messgeräten ermittelbar ist.
In der Bibel finden wir wichtige Aussagen: dass Zeit kein ewiger Kreislauf
ist, dass sie nicht umkehrbar ist. Die uns zur Verfügung stehende Zeit ist
einmalig. Sie hat einen Anfang und auch ein Ende. Sie ist uns von Gott
zugeteilt (Hiob 14,1-2+5): Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit
und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein
Schatten und bleibt nicht. Er hat seine bestimmte Zeit, die Zahl seiner
Monden steht bei dir; du hast ein Ziel gesetzt, das wird er nicht
überschreiten.
Diesen Gedanken greift Jesus auch im neuen Testament auf: „Wer ist
unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen kann?“ (Mat
6,27). Diese Frage aus der Bergpredigt hat eine kurze Antwort: Niemand! Es
ist wichtig für uns, das zu bedenken: Jedem ist nur ein bestimmtes Maß an
Zeit zugeteilt, das er höchstens verkürzen kann z.B. durch Alkohol und
Drogen. Friedrich von Bodelschingh sagt dazu: „Alles ist
heilsam, was uns daran erinnert, dass die Zeit ein Ende hat.“
Die Bibel lenkt unseren Sinn deshalb nicht in die Vergangenheit, sondern in
die Gegenwart und Zukunft. Im Psalm 90,12 steht: Lehre uns bedenken, dass
wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Ich will jetzt auf einige für uns wichtige Eigenschaften der Zeit eingehen:
Der Ablauf der Geschehnisse in unserer Welt unterliegt eine Richtung. Die
Eeignisse sind nicht umkehrbar. Eine Tasse, die ich vom Tisch stoße,
zerbricht. Ich kann noch so lange sitzen bleiben und warten, bis sich die
Scherben wieder zusammenfügen und die Tasse wieder auf den Tisch hüpft.
Das Geschehnis wird nie rückgängig gemacht wie in einen Film, den ich
rückwärts laufen lasse.
Die Zeit erscheint uns gerichtet, quasi wie ein Pfeil, der von der
Vergangenheit in die Zukunft weist. Wir sind selbst im Strom der Zeit, der
unwiderruflich und unaufhaltsam von der Geburt bis zu Tode führt.
Ungenützte Zeit ist unwiederbringlich verloren. Wir können sie nicht aufheben und später verwenden. Für ausgegebene Lebenszeit gibt es nirgendwo eine Gutschrift oder Zinsen. Es wäre ein großer Gewinn, wenn wir für Wartezeiten, Fahrtzeiten oder ungenutzte Zeiten eine Gutschrift erhielten, die wir irgendwann wieder abrufen könnten. Je älter wir werden, umso mehr schrumpft die uns zugeteilte Zeit zusammen. Wer wünschte da nicht, am Lebensabend die verschlafenen, verträumten und unnütz gewarteten Stunden abrufen zu können. Aber wir können das Verstreichen der Zeit nicht beeinflussen.
Der Tag des Bundeskanzlers hat genau so 24 Stunden wie meiner. Da gibt es
keinen Unterschied. Wir können uns vorstellen, wir sitzen alle auf dem
Fließband der Zeit festgeschnallt. Es bewegt sich daher für jeden mit der
selben Geschwindigkeit. Niemand kann den anderen überholen und niemand kann
zurück bleiben. Das Fließband bindet uns alle. Es grenzt uns ein.
Nur Gott sitzt nicht auf dem Fließband. Er überblickt das komplette Band
mit einem Blick. Bei ihm sind tausend Jahre wie ein Tag (Ps 90,4), aber
auch ein Tag wie tausend Jahre. (2.Pet. 3,8)
Jeder physikalische Vorgang und alle Abläufe benötigen eine bestimmte
Zeit um abzulaufen. Jedes Ereignis im Leben von uns Menschen findet zu einer
bestimmten Zeit statt und benötigt eine bestimmte Zeit. Sie haben ihre
Stunde schreibt der Prediger im Kapitel 3:
1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat
seine Stunde.2 Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was
gepflanzt ist, 3 würgen und heilen, brechen und bauen, 4 weinen und lachen,
klagen und tanzen, 11 Er aber tut alles fein zu seiner Zeit und lässt ihr
Herz sich ängsten, wie es gehen solle in der Welt; denn der Mensch kann
doch nicht treffen das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 14 Ich
merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht immer: man kann nichts dazutun
noch abtun; und solches tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.
Besonders wichtig sind die Worte „jegliches“ und „alles“. Der
Prediger will hier klarstellen: Nichts, aber auch gar nichts, was in dieser
Welt und speziell was in unserem persönlichen Leben geschieht, ist vom
strengen Ablauf der Zeit ausgenommen. Alles benötigt seine Zeit, aber auch
alle Erlebnisse und Ereignisse währen nur eine bestimmte Zeit. Wir sind
froh, dass schlechte Ereignisse nur eine begrenzte Zeit haben und dann
vorbei sind. Das schöne möchten wir aber am liebsten festhalten. Darum
dreht sich auch die Wette in Goethes Schauspiel Faust: Wenn er zum
Augenblick sagt: „Verweile noch, du bist so schön“ dann hat er
verloren.
Im Vers 14 sagt der Prediger noch etwas sehr interessantes: Alles was Gott
tut, besteht für ewig. Es ist nicht unseren Zeitablauf unterworfen, weder
in der Zeit, die Gott zum Erschaffen braucht noch in der Zeit, die es
bestehen wird.
Wenn die Bibel von Zeit spricht, dann werden dabei zwei verschiedene griechische Begriffe verwendet: Chronos und Kairos. Die Unterscheidung dieser beiden Begriffe ist wichtig, weil sich damit viele falsche Auslegungen vermeiden lassen. Das ist ähnlich wie mit den vier griechischen Wörtern für Liebe. Wir müssen sie unterscheiden um zu sehen, dass mit Liebe unter Geschwistern etwas anderes gemeint ist als mit der Liebe zwischen Mann und Frau.
Die Zeit der Menschen Mit Chronos ist die physikalisch messbare Zeit gemeint. Sie unterliegt strengen physikalischen Gesetzen, unter anderen dem ständigen Fortschreiten und der Unumkehrbarkeit, die ich vorher schon erwähnt habe. Diese Zeit kann nicht von Raum und Materie getrennt werden, wie wir spätestens seit Einstein wissen. Mit der Erschaffung der Materie aus dem Nichts wurde auch die Zeit existent. Das wird biblisch begründet damit, dass Gott bei der Schöpfung auch unser Zeitmass, nämlich Tag und Nacht, einsetzt..
Die chronologische Zeit ist eindimensional, d.h. sie ist ein Strich und keine Fläche, Kreis oder gar Kugel, wie sich das manche Wissenschaftler vorstellen und mit Raum-Zeit-Krümmung bezeichnen. Wäre es anders, dann gäbe es irgend eine Möglichkeit, zu einem Zeitpunkt zurückzukehren. Und solange das niemand geschafft hat, sollten wir anderen Theorien und Philosophien keinen Glauben schenken.
Die Zeitachse hat einen definierten Anfangspunkt und ebenso einen
Endpunkt.
Dafür gibt es mehrere biblische Hinweise:
... dass hinfort keine Zeit mehr sein soll. (Offb. 6,10)
Himmel und Erde werden vergehen. (Mat 24,35)
Das Wesen dieser Welt vergeht. (1. Kor. 7,31)
Wenn Himmel und Erde vergehen, dann wird auch unsere menschliche Zeit
damit vergehen, so wie sie mit der Erschaffung der Welt eingesetzt wurde.
Die chronologische Zukunft ist also nicht unbegrenzt. Sie hat ein von Gott
festgesetztes Maß.
Die Zeit Gottes Gottes Zeit, die im griechischen mit Kairos bezeichnet
wird, hat ein ganz anderes Wesen als unser Chronos. Sie unterliegt nicht den
Einschränkungen von Raum und Zeit. Gottes Uhr misst nicht nach Sekunden,
Stunden und Tagen.
Oder ist deine Zeit wie die eines Menschen Zeit, oder deine Jahre wie die
eines Mannes Jahre? (Hiob 10,5)
In Gottes Zeit existieren die Begriffe von Vergangenheit und Zukunft
nicht. Deshalb ist sie außerhalb unserer Zeitachse eingezeichnet. Gott
übersieht die gesamte Zeitachse mit einem einzigen Blick. Er erfasst 1000
Jahre mit dem selben Blick wie irgend einen bestimmten Tag aus unserem
Leben.
Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist,
und wie eine Nachtwache. (Psalm 90,4)
Hier ist vom Kairos die Rede. Von einer Zeit, die alles zugleich umfasst
und sich nicht auf unserer Zeitachse bewegt. Bibelkritiker nehmen diesen
Satz gern, um in die Schöpfung einen großen Zeitraum hinein zu
interpretieren. Aber in der Schöpfung ist ganz eindeutig von Chronos die
Rede. Es wird uns nämlich ganz genau angegeben, was ein Tag ist:
Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht
und geben Zeichen, Zeiten und Jahre. (1. Mose 1,14)
Wir würden gern unsere Zeit in Gottes Zeit umrechnen. Petrus gibt uns
dazu die Formel:
Eines sei euch aber nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem
Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag. (2. Pet.
3,8)
Wenn wir so eine Formel auf die Umrechnung von Geld anwenden, wird sie
uns sicher klarer:
Für 1 DM bekommen wir 1000 Lira.
Für 1000 DM bekommen wir 1 Lira.
Ergebnis: Es gibt keine Umrechnung zwischen Kairos und Chronos.
Gottes Zeit ist Gleichzeitigkeit, nicht Bewegung auf unserem Fließband. Vorstellung erklären mit Stern 1000 und 2000 Lichtjahre entfernt.
Die Bibel weist immer wieder darauf hin, dass unsere Lebenszeit kurz und
beschränkt ist. Sie benutzt dazu flüchtige Ereignisse der Natur.
Meine Tage sind leichter dahin geflogen denn eine Weberspule und sind
vergangen, dass kein Aufhalten gewesen ist. Gedenke, dass mein Leben wie ein
Wind ist. (Hiob 7,6-7)
Der Wind bläst nur eine gewisse Zeit, dann ist er dahin. Er hat nur
Augenblickscharakter. Mit diesem Bild weist uns die Bibel auf die schnelle
Vergänglichkeit unseres Lebens hin.
Ist doch der Mensch gleich wie nichts. Seine Zeit fährt dahin wie ein
Schatten. (Ps 144,4,)
Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir. Unser Leben auf Erden ist wie ein
Schatten und bleibt nicht. (1. Chr. 29,15)
Der Schatten hängt vom Sonnenstand ab und wandert mit ihm
unaufhörlich. Wenn Wolken aufziehen, ist er sofort weg. So entschwindet
auch unsere irdische Zeit.
Denn was ist euer Leben. Ein Dampf seid ihr, der eine kleine Zeit
währt, danach aber verschwindet er. (Jak. 4,14)
Wenn Wasser kocht, sehen wir Dampf aufsteigen. Aber nicht sehr hoch und
nicht sehr lange. Dann verschwindet er in der umgebenden Luft.
Was sollen wir mit unseren kurzen Lebenszeit machen? Wie sollen wir
sie sinnvoll verbringen?
Im Gebet müssen wir Gott um Wegweisung für unsere Lebenszeit bitten: Weise
mir Herr deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. (Ps. 86,11)
Gott hat mir ja meine Lebenszeit zugeteilt. Und deshalb ist es gut, ihn
zu fragen, wie ich sie verwenden soll. Was ist dran? Wann die Zeit für
etwas reif ist, lässt sich in der persönlichen Stille vor Gott am besten
erkennen.
In Jesaja 30,15 steht: In Umkehr und Vertrauen liegt euer Heil; in
Stillehalten und Vertrauen besteht eure Stärke. Doch ihr habt nicht
gewollt, ihr spracht: Nein auf Rossen wollen wir rasen!
Meine Zeit steht in deinen Händen. (Ps 31,16)
Wir können Gott unsere Zeit übergeben, ihm zur Verfügung stellen.
Wenn unsere Zeit in Gottes Hand ist, dann ist es immer gewonnene Zeit. Das
bedeutet: 1. Eine gute Zeitplanung haben. Nicht erst kurz vor dem Tod
anfangen zu überlegen, was ich mit der restlichen Zeit tun kann, wie es
mache machen, die wissen dass sie nur noch einige Monate zu leben haben. 2.
Hören, was Gott mit meiner Zeit will.
Zeit in Gottes Hand bewirkt, dass wir unsere Jahre nicht vergeuden, sondern auf Gottes Zeitbank einzahlen. Wer sich in Gottes Hand weiß, der hat auch die ewigen Dinge geklärt. Wenn jemand so gelebt hat, dass seine Gedanken und Taten in der Hand Gottes waren, dann geht er zwar im Tod durch ein finsteres Tal wie jeder andere. Aber er weiß, dass er nicht allein ist. Denn der gute Hirte hat ihm zugesagt, ihm auch bei diesem Weg nahe zu sein. Und er weiß, was am anderen Ende des Tales auf ihn wartet.