Zeit

1. Einleitung

Das Wesen der Zeit zu verstehen, ist wichtig, um uns selbst und die Abläufe um uns herum erklären zu können. Deshalb haben die Menschen immer schon über das Phänomen Zeit nachgedacht. Sie sind dabei aber zu keiner rechten Erklärung gekommen. Augustinus sagte dazu: „Was ist Zeit? Wenn mich jemand fragt, weiß ich es. Will ich es einem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht.“

2. Zeit in der Physik

Der japanische Philosoph Masanao Toda hat gesagt: „Niemand kann anscheinend behaupten zu wissen, was Zeit ist. Dennoch gibt es diesen mutigen Menschenschlag, die Physiker, die diesen schwer fassbaren Begriff zu einem der Grundsteine ihrer Theorie machten.“ 
Die Zeit ist eine der 7 Maßeinheiten, aus denen das sogenannte SI-System aufgebaut ist (u.a. Meter, Kilogramm, Temperatur). Mit diesen Basiseinheiten lassen sich alle physikalischen Geschehnisse beschreiben. Und natürlich muss man diese dazu messen können. 
Menschen haben schon früh versucht, Zeit zu messen. Angefangen über das Zählen der Tage und Jahre, über Sanduhren, Pendeluhren bis zu unsren heutigen Quarzuhren. Die physikalische Einheit der Zeit ist die Sekunde. Früher wurde sie als der 86400. Teil eines mittleren Sonnentages festgelegt. Der mittlere Sonnentage ist aber nicht konstant und deshalb brauchten die Physiker etwas genaueres. Es werden dazu die Schwingungen eines Caesiumatoms gemessen, das in einer Sekunde 9.192.631.770 mal schwingt. Die Zeitmessung wird somit auf einen Zählvorgang zu-rückgeführt.

3. Zeit in der Biologie

In der Physik ist die Zeit objektiv messbar. Für Lebewesen ist sie jedoch etwas sehr relatives. Für einen Menschen, der durchschnittlich 75 Jahre lebt, bedeutet ein Tag etwas anderes als für eine Maus, die nur eineinhalb Jahre lebt oder für eine Eintagsfliege. Das äußert sich auch in vielen kleinen Aktivitäts- und Ruheintervallen der kurzlebigen Tiere. Sie erleben also einen Erdentag ganz anders. 
Auch die Dauer von Abläufen ist sehr verschieden. Der Mensch hat z.B. eine Reaktionszeit von 1/10 Sekunde, die Fliege von 1/100 Sekunde. Deshalb erwischen wir sie auch so schlecht, wenn wir eine erschlagen wollen. 
Vögel können Geräusche noch als einzelne Laute hören, die nur zwei Millisekunden lang sind. Für uns Menschen verschmelzen diese Töne. Wir Menschen können mit unseren Augen nur 23 Bilder in der Sekunde aufnehmen. Die 25 Bilder des Fernsehers verschmelzen deshalb zu einem Ablauf. Manche Tiere sehen aber bis zu 100 Bildern pro Sekunde getrennt. Für sie wäre unser Fernseher unbrauchbar. 
Selbst die Wahrnehmung der Zeit verändert sich. Für ein Kind ist ein Jahr eine sehr lange Zeitspanne. Für einen Siebzigjährigen ist im Rückblick ein Jahr sehr wenig.

4. Zeit für den Menschen

Die Zeit geht uns Menschen als Person an. Der Nobelpreisträger Erwin Schrödinger sagte: „Die Zeit ist wahrlich ein gestrenger Herr, indem sie das Dasein eines jeden von uns in enge Grenzen zwängt.“ 
Wo finden wir die beste Deutung der Zeit für unser Leben? Im Physikbuch? Bei den Philosophen? Das beste ist sicher, den zu befragen, der die Zeit geschaffen hat. Zeit gibt es erst seit der Schöpfung der Welt. Mit dem Raum und der Materie wurde auch die Zeit erschaffen. Also müssen wir uns an den Schöpfer wenden, wenn wir mehr erfahren wollen, als mit physikalischen Messgeräten ermittelbar ist. 
In der Bibel finden wir wichtige Aussagen: dass Zeit kein ewiger Kreislauf ist, dass sie nicht umkehrbar ist. Die uns zur Verfügung stehende Zeit ist einmalig. Sie hat einen Anfang und auch ein Ende. Sie ist uns von Gott zugeteilt (Hiob 14,1-2+5): Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Er hat seine bestimmte Zeit, die Zahl seiner Monden steht bei dir; du hast ein Ziel gesetzt, das wird er nicht überschreiten.

Diesen Gedanken greift Jesus auch im neuen Testament auf: „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen kann?“ (Mat 6,27). Diese Frage aus der Bergpredigt hat eine kurze Antwort: Niemand! Es ist wichtig für uns, das zu bedenken: Jedem ist nur ein bestimmtes Maß an Zeit zugeteilt, das er höchstens verkürzen kann z.B. durch Alkohol und Drogen. Friedrich von Bodelschingh sagt dazu: „Alles ist heilsam, was uns daran erinnert, dass die Zeit ein Ende hat.“ 
Die Bibel lenkt unseren Sinn deshalb nicht in die Vergangenheit, sondern in die Gegenwart und Zukunft. Im Psalm 90,12 steht: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Ich will jetzt auf einige für uns wichtige Eigenschaften der Zeit eingehen:

A Zeit ist fortschreitend; der Zeitpfeil hat eine Richtung 

Der Ablauf der Geschehnisse in unserer Welt unterliegt eine Richtung. Die Eeignisse sind nicht umkehrbar. Eine Tasse, die ich vom Tisch stoße, zerbricht. Ich kann noch so lange sitzen bleiben und warten, bis sich die Scherben wieder zusammenfügen und die Tasse wieder auf den Tisch hüpft. Das Geschehnis wird nie rückgängig gemacht wie in einen Film, den ich rückwärts laufen lasse. 
Die Zeit erscheint uns gerichtet, quasi wie ein Pfeil, der von der Vergangenheit in die Zukunft weist. Wir sind selbst im Strom der Zeit, der unwiderruflich und unaufhaltsam von der Geburt bis zu Tode führt.

B Zeit ist nicht speicherbar 

Ungenützte Zeit ist unwiederbringlich verloren. Wir können sie nicht aufheben und später verwenden. Für ausgegebene Lebenszeit gibt es nirgendwo eine Gutschrift oder Zinsen. Es wäre ein großer Gewinn, wenn wir für Wartezeiten, Fahrtzeiten oder ungenutzte Zeiten eine Gutschrift erhielten, die wir irgendwann wieder abrufen könnten. Je älter wir werden, umso mehr schrumpft die uns zugeteilte Zeit zusammen. Wer wünschte da nicht, am Lebensabend die verschlafenen, verträumten und unnütz gewarteten Stunden abrufen zu können. Aber wir können das Verstreichen der Zeit nicht beeinflussen.

C Jeder Tag hat für jeden von uns die gleiche Zeit 

Der Tag des Bundeskanzlers hat genau so 24 Stunden wie meiner. Da gibt es keinen Unterschied. Wir können uns vorstellen, wir sitzen alle auf dem Fließband der Zeit festgeschnallt. Es bewegt sich daher für jeden mit der selben Geschwindigkeit. Niemand kann den anderen überholen und niemand kann zurück bleiben. Das Fließband bindet uns alle. Es grenzt uns ein. 
Nur Gott sitzt nicht auf dem Fließband. Er überblickt das komplette Band mit einem Blick. Bei ihm sind tausend Jahre wie ein Tag (Ps 90,4), aber auch ein Tag wie tausend Jahre. (2.Pet. 3,8)

D Die Ereignisse in unserer Welt geschehen unter Zeitverbrauch 

Jeder physikalische Vorgang und alle Abläufe benötigen eine bestimmte Zeit um abzulaufen. Jedes Ereignis im Leben von uns Menschen findet zu einer bestimmten Zeit statt und benötigt eine bestimmte Zeit. Sie haben ihre Stunde schreibt der Prediger im Kapitel 3:
1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.2 Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, 3 würgen und heilen, brechen und bauen, 4 weinen und lachen, klagen und tanzen, 11 Er aber tut alles fein zu seiner Zeit und lässt ihr Herz sich ängsten, wie es gehen solle in der Welt; denn der Mensch kann doch nicht treffen das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht immer: man kann nichts dazutun noch abtun; und solches tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.

Besonders wichtig sind die Worte „jegliches“ und „alles“. Der Prediger will hier klarstellen: Nichts, aber auch gar nichts, was in dieser Welt und speziell was in unserem persönlichen Leben geschieht, ist vom strengen Ablauf der Zeit ausgenommen. Alles benötigt seine Zeit, aber auch alle Erlebnisse und Ereignisse währen nur eine bestimmte Zeit. Wir sind froh, dass schlechte Ereignisse nur eine begrenzte Zeit haben und dann vorbei sind. Das schöne möchten wir aber am liebsten festhalten. Darum dreht sich auch die Wette in Goethes Schauspiel Faust: Wenn er zum Augenblick sagt: „Verweile noch, du bist so schön“ dann hat er verloren. 
Im Vers 14 sagt der Prediger noch etwas sehr interessantes: Alles was Gott tut, besteht für ewig. Es ist nicht unseren Zeitablauf unterworfen, weder in der Zeit, die Gott zum Erschaffen braucht noch in der Zeit, die es bestehen wird.

5. Zeit in der Bibel 

Wenn die Bibel von Zeit spricht, dann werden dabei zwei verschiedene griechische Begriffe verwendet: Chronos und Kairos. Die Unterscheidung dieser beiden Begriffe ist wichtig, weil sich damit viele falsche Auslegungen vermeiden lassen. Das ist ähnlich wie mit den vier griechischen Wörtern für Liebe. Wir müssen sie unterscheiden um zu sehen, dass mit Liebe unter Geschwistern etwas anderes gemeint ist als mit der Liebe zwischen Mann und Frau.

A Chronos

Die Zeit der Menschen Mit Chronos ist die physikalisch messbare Zeit gemeint. Sie unterliegt strengen physikalischen Gesetzen, unter anderen dem ständigen Fortschreiten und der Unumkehrbarkeit, die ich vorher schon erwähnt habe. Diese Zeit kann nicht von Raum und Materie getrennt werden, wie wir spätestens seit Einstein wissen. Mit der Erschaffung der Materie aus dem Nichts wurde auch die Zeit existent. Das wird biblisch begründet damit, dass Gott bei der Schöpfung auch unser Zeitmass, nämlich Tag und Nacht, einsetzt..

Die chronologische Zeit ist eindimensional, d.h. sie ist ein Strich und keine Fläche, Kreis oder gar Kugel, wie sich das manche Wissenschaftler vorstellen und mit Raum-Zeit-Krümmung bezeichnen. Wäre es anders, dann gäbe es irgend eine Möglichkeit, zu einem Zeitpunkt zurückzukehren. Und solange das niemand geschafft hat, sollten wir anderen Theorien und Philosophien keinen Glauben schenken.

Die Zeitachse hat einen definierten Anfangspunkt und ebenso einen Endpunkt.
Dafür gibt es mehrere biblische Hinweise: 
... dass hinfort keine Zeit mehr sein soll. (Offb. 6,10) 
Himmel und Erde werden vergehen. (Mat 24,35) 
Das Wesen dieser Welt vergeht. (1. Kor. 7,31) 
Wenn Himmel und Erde vergehen, dann wird auch unsere menschliche Zeit damit vergehen, so wie sie mit der Erschaffung der Welt eingesetzt wurde. Die chronologische Zukunft ist also nicht unbegrenzt. Sie hat ein von Gott festgesetztes Maß.

B Kairos

Die Zeit Gottes Gottes Zeit, die im griechischen mit Kairos bezeichnet wird, hat ein ganz anderes Wesen als unser Chronos. Sie unterliegt nicht den Einschränkungen von Raum und Zeit. Gottes Uhr misst nicht nach Sekunden, Stunden und Tagen.
Oder ist deine Zeit wie die eines Menschen Zeit, oder deine Jahre wie die eines Mannes Jahre? (Hiob 10,5)
In Gottes Zeit existieren die Begriffe von Vergangenheit und Zukunft nicht. Deshalb ist sie außerhalb unserer Zeitachse eingezeichnet. Gott übersieht die gesamte Zeitachse mit einem einzigen Blick. Er erfasst 1000 Jahre mit dem selben Blick wie irgend einen bestimmten Tag aus unserem Leben.
Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. (Psalm 90,4)
Hier ist vom Kairos die Rede. Von einer Zeit, die alles zugleich umfasst und sich nicht auf unserer Zeitachse bewegt. Bibelkritiker nehmen diesen Satz gern, um in die Schöpfung einen großen Zeitraum hinein zu interpretieren. Aber in der Schöpfung ist ganz eindeutig von Chronos die Rede. Es wird uns nämlich ganz genau angegeben, was ein Tag ist:
Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten und Jahre. (1. Mose 1,14)

Wir würden gern unsere Zeit in Gottes Zeit umrechnen. Petrus gibt uns dazu die Formel: 
Eines sei euch aber nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag. (2. Pet. 3,8) 
Wenn wir so eine Formel auf die Umrechnung von Geld anwenden, wird sie uns sicher klarer:
Für 1 DM bekommen wir 1000 Lira. 
Für 1000 DM bekommen wir 1 Lira. 
Ergebnis: Es gibt keine Umrechnung zwischen Kairos und Chronos.

Gottes Zeit ist Gleichzeitigkeit, nicht Bewegung auf unserem Fließband. Vorstellung erklären mit Stern 1000 und 2000 Lichtjahre entfernt.

6. Bedeutung der Zeit für uns

Die Bibel weist immer wieder darauf hin, dass unsere Lebenszeit kurz und beschränkt ist. Sie benutzt dazu flüchtige Ereignisse der Natur.
Meine Tage sind leichter dahin geflogen denn eine Weberspule und sind vergangen, dass kein Aufhalten gewesen ist. Gedenke, dass mein Leben wie ein Wind ist. (Hiob 7,6-7)
Der Wind bläst nur eine gewisse Zeit, dann ist er dahin. Er hat nur Augenblickscharakter. Mit diesem Bild weist uns die Bibel auf die schnelle Vergänglichkeit unseres Lebens hin.

Ist doch der Mensch gleich wie nichts. Seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten. (Ps 144,4,)
Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und bleibt nicht. (1. Chr. 29,15)
Der Schatten hängt vom Sonnenstand ab und wandert mit ihm unaufhörlich. Wenn Wolken aufziehen, ist er sofort weg. So entschwindet auch unsere irdische Zeit.

Denn was ist euer Leben. Ein Dampf seid ihr, der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet er. (Jak. 4,14)
Wenn Wasser kocht, sehen wir Dampf aufsteigen. Aber nicht sehr hoch und nicht sehr lange. Dann verschwindet er in der umgebenden Luft.

Was sollen wir mit unseren kurzen Lebenszeit machen? Wie sollen wir sie sinnvoll verbringen?
Im Gebet müssen wir Gott um Wegweisung für unsere Lebenszeit bitten: Weise mir Herr deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. (Ps. 86,11)
Gott hat mir ja meine Lebenszeit zugeteilt. Und deshalb ist es gut, ihn zu fragen, wie ich sie verwenden soll. Was ist dran? Wann die Zeit für etwas reif ist, lässt sich in der persönlichen Stille vor Gott am besten erkennen.
In Jesaja 30,15 steht: In Umkehr und Vertrauen liegt euer Heil; in Stillehalten und Vertrauen besteht eure Stärke. Doch ihr habt nicht gewollt, ihr spracht: Nein auf Rossen wollen wir rasen!

Meine Zeit steht in deinen Händen. (Ps 31,16)
Wir können Gott unsere Zeit übergeben, ihm zur Verfügung stellen. Wenn unsere Zeit in Gottes Hand ist, dann ist es immer gewonnene Zeit. Das bedeutet: 1. Eine gute Zeitplanung haben. Nicht erst kurz vor dem Tod anfangen zu überlegen, was ich mit der restlichen Zeit tun kann, wie es mache machen, die wissen dass sie nur noch einige Monate zu leben haben. 2. Hören, was Gott mit meiner Zeit will.

Zeit in Gottes Hand bewirkt, dass wir unsere Jahre nicht vergeuden, sondern auf Gottes Zeitbank einzahlen. Wer sich in Gottes Hand weiß, der hat auch die ewigen Dinge geklärt. Wenn jemand so gelebt hat, dass seine Gedanken und Taten in der Hand Gottes waren, dann geht er zwar im Tod durch ein finsteres Tal wie jeder andere. Aber er weiß, dass er nicht allein ist. Denn der gute Hirte hat ihm zugesagt, ihm auch bei diesem Weg nahe zu sein. Und er weiß, was am anderen Ende des Tales auf ihn wartet.