Florida, im Herbst 2000
Man nennt es das
Spanische Netz.
Entweder wird man von unten nach oben gezogen oder
man beginnt am oberen Ende, nachdem man von einer Plattform einfach ins
Nichts tritt; man hält sich an einem langen Tuch fest, dass das eigentliche
Netz ist. Ist im Grunde wie Gymnastik an einem Kabel oder einem schweren
Seil, nur dass der Stoff sich mehr bewegt und man ihn um sich herum wickeln
kann, man kann noch viele andere spektakuläre Dinge damit machen. Man kann
sich darin einwickeln und dann loslassen, sich wieder auswickeln auf dem Weg
nach unten bis es aussieht, als würde man auf den Boden stürzen, aber man
greift natürlich im letzten Moment wieder zu und bewahrt sich so vor dem
scheinbar Unvermeidlichen. Du hast bestimmt schon mal die Akrobaten vom
Cirque du Soleil gesehen – die sind wirklich Künstler damit. Es ist so
einfach, leichtsinnig zu werden, während man trainiert; man glaubt zu
wissen, was man tut und du versucht Dinge, die jenseits von dem liegen, wozu
dein Körper in der Lage ist. Es muss nicht unbedingt der Fall sein, dass man
nicht stark genug ist, oder athletisch oder gelenkig; manchmal sind einfach
die Muskeln überanstrengt, man war nicht aufgewärmt genug – man probiert
etwas aus und stellt dann fest, dass man es gewaltig versaut hat. Ich war im
Training an diesem Netz für einen Film, habe jeden Tag mit erfahrenen
Akrobaten gearbeitet, habe Krafttraining gemacht, um meine Arme und
Schultern zu stärken, habe Dehnübungen gemacht, um so geschmeidig wie
möglich zu sein – und dabei die Signale überhört, die mein Körper an mein
Hirn sandte. Ein stechender Schmerz in meiner Schulter zeigte mir, dass
nichts in Ordnung war. Ich ignorierte es. Ein Krampf im Oberarm war ein
weiteres Zeichen, ich arbeitete weiter. Ich hatte dem Trainer nicht gesagt,
dass ich mir ein paar Monate zuvor schon mal die Bänder in beiden Armen
verletzt hatte und dass ich gerade einen Film beendet hatte, bei dessen
Dreharbeiten ich einige Tage lang von einem fliegenden Helikopter
herabhängen musste. Ok, ich erzählte es ihm nicht, weil mir schon alles
wehtat und ich den Schmerz unterdrücken und weitermachen wollte. Manchmal
bin ich einfach nur blöde.
An diesem Tag, ich hatte mich aufgewärmt und schon ein paar Drehungen und
Überschläge gemacht, rollte ich mich ins Netz ein und ließ mich verdammt
schnell zu Boden fallen. Sofort verlor ich die Kontrolle. Ich hörte noch,
wie der Trainer mich anschrie, ich solle mich festhalten; und als ich das
tat, fühlte es sich an, als ob ich vom Blitz in die Schulter getroffen
worden wäre. Ich schlug nicht auf den Boden auf, aber es fühlte sich an, als
ob ich in eine Mauer gerannt wäre. Mich die letzten paar Zentimeter bis zum
Boden hinunter zu lassen war beinahe zu viel in diesem Moment. Ich war mir
nicht sicher, ob ich einfach umkippen, schreien oder mich übergeben wollte.
Ich stand auf, klappte wieder zusammen wie ein Taschenmesser und fluchte vor
mich hin.
„Ich hatte dir doch gesagt, dass du das nicht versuchen sollst!“ brüllte
mich der Trainer an. Ich murmelte irgendwas, es kann aber auch sein, dass
ich ihn einen Riesenarsch nannte, aber das ist alles etwas verschwommen.
Lass’ mich mal sehen,“ meinte er.
„Oh, aahh,“ bekam ich heraus, „Krankenhaus!“
„Was?“
Er berührte meine Schulter und ich zuckte zurück,
ihn dabei wegschiebend. „Fass! Mich! Verdammtnochmal! Nicht! An!“ bellte ich
ihn an. „Krankenhaus, sofort!“ Ich fing langsam an, den Gedanken mit dem
Kotzen gar nicht so abwegig zu finden.
„Ist wahrscheinlich nur ein Krampf,“
versuchte es der Kerl. Ich richtete mich weit genug auf, um ihn in die Augen
zu blicken. Er wich einen Schritt zurück. “Krankenhaus,“ stimmte er mir nun
doch zu und fuhr mich sogar persönlich dorthin. Ich ging selbst dort hinein,
presste meinen linken Arm an meinen Körper, so dass er sich nicht bewegte.
Ich marschierte zur Aufnahme, ok, ich kroch eher dorthin, es tat so verdammt
weh. „Hilfe,“ sagte ich nur.
Die Dame hinter dem Tresen schaute mich von oben
bis unten an. Ich war dreckig, verschwitzt, hatte ein zerrissenes T-Shirt
an, alte Jogginghosen und alte Turnschuhe. Ich sah entweder besoffen oder
bekifft aus, wahrscheinlich wie beides zusammen. Oh, und sie verstand mich
nicht, weil sie wahrscheinlich noch nie Aussi-Englisch gehört hatte.
„Was?“ Sie schien nett zu sein, wenigstens lächelte sie, als sie fragte.
Ich holte tief Luft und bekam mich
gerade noch unter Kontrolle, unterdrückte das Verlangen, Worte auszuspucken
– zusammen mit meinem Frühstück – die sie nie verstehen würde, und
wiederholte mich: „Hilfe. Ich trainiere für einen Film und habe mir die
Schulter verletzt.“
„Für einen Film.“
Ich nickte. „Ja. Mit dem Zirkus.“ Das war mein Fehler.
Sie guckte, als hätte sie in eine saure Gurke gebissen und lehnte sich über
den Tresen zu mir. „Sir, wir können sie hier nicht behandeln. Sie müssen ins
städtische Krankenhaus.“
Der Trainer guckte sich die Szene an und wollte gerade etwas sagen, aber ich
warf ihm einen kurzen Blick zu, wandte mich wieder an die Dame und sagte in
meinem liebsten, kultiviertesten, englischstem Tonfall, „Meine Dame, ich
denke, wir haben hier ein kleines Kommunikationsproblem. Ich bin nicht von
hier. Ich bin kein Zigeuner oder wofür sie mich auch halten mögen, und ich
werde nicht ins städtische Krankenhaus fahren. Ich will, dass sich ein Arzt
meine Schulter ansieht innerhalb der nächsten fünf Minuten, oder ich werde
mich verdammt noch mal hier in die Mitte des Warteraums stellen und alles
und jeden zusammenbrüllen.“
Sie blinzelte. Ich lächelte und versuchte, so charmant wie nur möglich unter
diesen Umständen zu gucken, während sich mein Arm anfühlte, als würde er
gleich von der Schulter abfallen. Ich wünschte mir beinahe, dass er es tun
würde. Das hätte weniger weh getan.
„Nun,“ meinte sie, „wenn sie es auf diese Art
haben wollen – sind sie versichert?“
„Nein.“
„Haben sie Geld?“
„Zwanzig Dollar, sechzig Cent,“ antwortete ich, erstaunlich sicher über
meine finanziellen Verhältnisse. Sie sah wieder ablehnend aus. Dann sprach
ich die magischen Worte: „American Express?“ Sofortiges Lächeln bei meinem
Gegenüber.
„Natürlich,“ sie lächelte warm und hatte
offensichtlich für sich entschieden, dass ich kein Zigeuner, Penner, Säufer,
Kiffer oder sonst was war. Sie schob mir eine Klemm-Mappe mit
Aufnahmepapieren zu, „Füllen sie das hier aus und geben sie es mir zurück,
dann bekommen sie eine Nummer.“
Ich gab die Papiere weiter an Steve,
meinen Trainer, und lehnte mich wieder über den Tresen. „Sie geben mir diese
Nummer sofort,“ sagte ich mit leiser Stimme.
„Ich gebe ihnen die Nummer sofort,“ wiederholte sie und reichte den Zettel
herüber.
Steve hatte übrigens den Zettel brav ausgefüllt
und brachte ihn zurück zum Tresen. Eine Minute später rief die Schwester
meine Nummer. „Mr. Crowe,“ flüsterte sie, als ich mich wieder zu ihr
herangekämpft hatte, „sie sind Ausländer?“
„Auch schon bemerkt?“ knurrte ich,
„Und was nun?“
„Sie müssen sich irgendwie ausweisen.“
Ich griff in meine Hosentaschen. Zum Glück hatte ich meine Brieftasche dabei
und öffnete sie. „Internationale Fahrerlaubnis,“ ich zeigte sie ihr,
„American Expresskarte.“ (Gott, war ich froh, dass es eine Platinkarte war)
„Arbeitserlaubnis. Brauchen sie noch etwas?“
Sie schaute sich die Fahrerlaubnis an, schielte auf mein Bild. „Sie haben
keinen Bart auf diesem Bild, und ihr Haar ist auch kürzer.“ Ein Film, sagen
sie?“ Sie schaute auf die Arbeitserlaubnis. Dort stand „Schauspieler“ unter
Beruf. „Kenne ich ihre Filme?“
„Wahrscheinlich nicht,“ erlaubte ich mir zu sagen und fragte mich insgeheim,
ob sie mir eine Aspirin geben würde, wenn ich auf die Knie fallen würde.
„Helfen sie mir mal auf die Sprünge,“ meinte sie.
War sie verdammt noch mal blind? Sah sie nicht, dass es mir einfach nur
dreckig ging? „LA Confidential,“ versuchte ich. Keine Reaktion. „The
Insider?“ Immer noch nichts. Ich seufzte leise auf. Ich wusste, dass es dazu
kommen musste. „Gladiator?“
Sie sprang förmlich über den Tresen. „JAAA!“ brüllte sie. Alles drehte sich
um zu uns. Sie strahlte mich an. „Wer daraus waren sie?“ Ich stöhnte.
„General Maximus,“ sagte ich, weil ich die Wahrheit für das Beste hielt.
„Nein, der waren sie nicht,“ informierte sie mich. „Er ist viel größer und
dunkler. Wer waren sie, nun sagen sie schon.“ Ich bemerkte eine junge Frau,
vielleicht Ende Zwanzig, die einige Schritte weit entfernt war und
interessiert diese ganze Farce beobachtete. Sie sah aus, als würde sie
gleich platzen vor Lachen, ihr Blick ging zwischen mir und der Harpyie
hinter dem Tresen hin und her. Ich nickte ihr zu und sie hielt eine Zeitung
hoch. Wunderbar. Mein Bild war auf dem Cover. Ich verdrehte die Augen und
sie stand auf, kam zum Tresen und knallte die Zeitung hin. „Schwester, sehen
sie den Kerl hier auf dem Titelblatt?“ Sie zeigte auf mein Bild im
Maximus-Kostüm. „Ja,“ meinte die Frau und betrachtete erst das Bild
interessiert, dann mich, schaute wieder auf das Bild und dann wieder zu mir.
„Wer ist das?“
Die junge Frau, ich hielt sie für meinen rettenden Engel in diesem Moment,
zeigte auf das Cover. „Sind sie blind? Das ist er, das ist Russell Crowe,
der Star des Films.“
Die Schwester starrte sie an, dann mich, dann wieder auf die Zeitung und
nickte schließlich langsam. „Ja, er könnte es sein.“
„ER ist es, ähh, ich bin das,“ betonte ich noch mal, „und meine Dame, wenn
ich nicht bald einen Arzt zu Gesicht bekomme, werden wir alle das hier
bereuen.“
„Langsam, langsam, kein Grund ausfallend zu werden,“ schnappte sie. Sie
griff zum Telefon und redete für eine Minute. Ich hörte die Worte
„Unruhestifter“, „Ärger“, „Sicherheitsdienst“ und „Sofort“. Steve hinter mir
lachte sich schief, konnte den ganzen Mist nicht fassen. Die Schwester
schaute mich triumphierend an. „Setzen sie sich, mein Herr. Es wird sich
gleich jemand um sie kümmern.“
„Ich werde mich nicht setzen,“ mehr konnte ich nicht sagen, weil ein Idiot
in einer blauen Uniform meine Arme griff und mich schubste. Danach ist alles
etwas vernebelt, ich kann mich nur erinnern, dass der Boden plötzlich
verdammt nahe kam. An den Aufschlag erinnere ich mich nicht mehr, aber ich
muss hart gefallen sein, denn ich hatte hinterher eine Beule am Kopf.
Das nächste, an das ich mich erinnere, ist das Aufwachen mit einem Gefühl,
als hätte sich einer der Zirkuselefanten auf meine Schulter gesetzt. Jemand
in einem grünen OP-Anzug fühlte meinen Puls und ich versuchte mich
aufzusetzen, aber der Typ drückte mich zurück auf die Liege. „Das ist keine
gute Idee,“ warnte er mich.
Aber es war schon zu spät. Ich rollte mich auf die
Seite und fing an zu kotzen. Ich war mir nicht sicher was schlimmer war, der
Schmerz in meiner Schulter oder das Würgen im Magen. Der Typ ging einfach
nur einen Schritt zur Seite, und als das Würgen nachließ, wischte er mein
Gesicht einfach nur mit einem Handtuch ab. „’tschuldigung,“ brachte ich
gerade so heraus.
Er half mir wieder auf die Liege.
„Kein Problem, das tut verdammt weh, was?“
„Jaaa,“ gab ich zu.
„Sind sie allergisch auf Demerol?“ fragte er, und
kritzelte was in seine Unterlagen; „Hole jemanden, der das hier wegwischt,“
meinte er zu einem anderen Typen. Ich wollte ihm gerade vorschlagen, doch
die Dame vom Empfang dafür zu holen, dachte aber gleich, dass das doch zu
gemein sein würde. „Nein, ich bin nicht allergisch. Könnten Sie sich mit dem
Zeug beeilen?“ „Wäre sofort schnell genug?“ fragte er zurück und hielt eine
Spritze in die Höhe. Die Nadel sah aus, als wäre sie einen halben Meter
lang. Zu meiner Erleichterung schob er sie in den Tropf; ich hatte den
Zugang in meiner rechten Hand noch gar nicht bemerkt.
„Danke, Kumpel,“ war alles, was ich
noch herausbekam, bevor ich auf einer wirklich netten Wolke davon schwebte.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich weggetreten
war. Ich träumte davon, wieder an diesem Hubschrauber zu hängen, nur wurde
diesmal wirklich auf mich geschossen und ich hatte auch nur einen Arm, um
mich festzuhalten, so dass ich immer wieder herunter fiel und durch die Luft
flog wie ein Boomerang. Ich träumte das immer und immer wieder, bis ich froh
war, endlich wieder aufzuwachen, auch wenn es in meiner Schulter immer noch
hämmerte wie in der Hölle. Ich machte die Augen auf und fand Mike, meinen
persönlichen Assistenten, über mein Bett gebeugt und wirklich besorgt aus
der Wäsche guckend. Das nahm ich als Zeichen, dass ich es diesmal wirklich
geschafft hatte. „Hey,“ krächzte ich und fragte mich, ob ich noch eine
Ladung von diesem Demerol haben könnte, gleich und sofort wäre es mir am
Liebsten.
„Du musst operiert werden, Kumpel,“
sagte er. „Willst du das hier machen lassen oder zu Hause?“ Typisch Mike,
gleich auf den Punkt zu kommen. Er hatte gelernt, mit mir nicht um den
heißen Brei herumzureden; er begleitete mich schon seit Jahren, hatte das
Wirrwarr von Presseinterviews, Drehterminen, Reiseplänen, Hotelbuchungen und
all dem anderen Mist auseinander klamüsert. Das hatte ihn abgehärtet. „Ich
will nach Hause,“ antwortete ich, „die würden hier die falsche Schulter
operieren.“
Mick grinste, „Ja, ich hab’ schon gehört, dass du
ein paar Schwierigkeiten hattest, Kumpel. Ich werde mich um den Flug
kümmern. Dein Knochenbrecher kommt zurück, und er hat eine schöne große
Nadel für dich.“ Es war der gleiche Arzt wie zuvor. Er machte noch mal den
Nadel-in-den-Tropf-Trick und ich schwebte wieder auf meiner Wolke, noch
bevor ich mich bedanken konnte.
Wenigstens träumte ich diesmal was
anderes. Keine Hubschrauber mehr. Diesmal kämpfte ich mit den
Gladiator-Tigern. Nur diesmal gewannen sie, nicht ich. Ich träumte, dass
Tara, die riesige Tigerdame ohne Krallen, mich von oben bis unten ableckte.
Es war nicht wirklich unangenehm, aber sie zerrte an meinem ganzen Körper,
und das schmerzte. Ich stöhnte und öffnete die Augen. „Hör auf, an mir
herumzulecken.“
Ich hörte Mike lachen und merkte, dass ich geträumt hatte. „Verdammt noch
mal,“ murmelte ich. „Verpasst mir bloß nicht noch mal eine Dröhnung mit
diesem Zeug, ich hatte die blödesten Träume.“ „Wie geleckt zu werden?“
fragte Mick, „Ich dachte, du würdest das genießen.“
„Erinnerst du dich an den großen weiblichen Tiger
in Malta?“ fragte ich ihn, ohne mich groß zu bewegen.
Er hielt mir einen Becher Wasser mit einem Strohhalm vors Gesicht, so dass
ich etwas trinken konnte. „Oh ja, ich erinnere mich an sie.“
Sollte er auch. Er fing
beinahe laut an zu lachen, weil sie mich einfach nicht ausstehen konnte. Sie
führte jedes mal, wenn ich in ihre Nähe kam,
irgend etwas böses im Schilde. Glücklicherweise passierte das nicht all zu
oft. Ich hatte mich, nachdem sie schon einige der Tigerszenen mit ihrem
Gemeckere geschmissen hatte, zu ihr umgedreht und sie angeknurrt. Sie setzte
sich einfach und schaute mich an wie ein riesiger Hund und blinzelte. Danach
schaute sie mich nie wieder an. Ich denke, sie wusste einfach nicht, was ich
war und entschied sich deshalb, mich zu ignorieren. Tiger. Typisch. Wie auch
immer. Mein Arm wurde in eine Schlinge gelegt und man ließ mich gehen; ich
bekam eine große Packung Schmerztabletten und die Warnung, dass ich auf
eigenes Risiko gehen würde, weil ich die empfohlene Operation nicht hatte
machen lassen. Ich konnte mich noch bei dem Arzt bedanken, der so nett
gewesen war und ich konnte der Dame am Empfang noch einen bösen Blick
zuwerfen, aber die ganze Fahrt zum Flughafen und das Einsteigen in den
Flieger war so schmerzhaft, dass das mich nicht wirklich zufrieden stellte.
Als wir in der Luft waren, auf dem Weg nach LA und dem Quantas-Flug nach
Hause, warf ich zwei von den Tabletten ein und machte es mir in meinem Sitz
bequem. Ein Vorteil der ersten Klasse ist es, dass die Sitze breiter sind
und man mehr Raum für die Beine hat. Weil ich zwei Sitze hatte, fühlte ich
mich wie in einem breiten, bequemen Bett.
Der Flughafen in LA war ein Irrenhaus. Die Olympiade in Sydney hatte
begonnen – was mir durch mein Training vollkommen entfallen war – und wir
konnten uns glücklich schätzen, zwei Sitze in einer Maschine zu ergattern.
Gott sei Dank flogen nicht so viele Leute erster Klasse nach Sydney. Mick
setzte sich auf den Sitz am Gang, ich fiel nur noch auf den Fenstersitz und
schob meine Füße unter den Platz schräg vor mir, so dass ich jede Menge
Platz hatte. Er war zum Glück daran gewöhnt und brummte nur irgend etwas von
Erschwerniszulage, bevor ich noch zwei von den Pillen nahm und wieder
wegdriftete.
Ich erwachte einige Stunden später und fühlte mich vollkommen gerädert. Ein
Kind, vielleicht acht oder nun Jahre alt, starrte mich mit ernster Mine an.
„Hey mein Freund,“ krächzte ich und rieb mir die Augen.
„Hallo,“ meinte er in einem respektvollen Tonfall. Er hielt mir ein kleines
Buch und einen Stift hin. „Mr. Crowe, würden sie mir ein Autogramm geben?“
Er war so höflich, dass ich nicht ablehnen
konnte. Mick half mir, das Buch zu halten während ich schrieb, ich war ja im
Grunde einarmig. „Wie heißt du?“ fragte ich ihn.
„Theodore Jervis Archer II,“ sagte er. „Himmel, das füllt ja die ganze
Seite, nicht wahr?“ meinte ich, und schrieb artig den ganzen Namen. Ich
sagte noch „Nett, dich kennen zu lernen!“ und gab ihm das Buch und den Stift
zurück. „Was willst du in Australien machen?“ „Ich will zur Olympiade,“
sagte er und lächelte zum ersten Mal. „Meine Mutter reitet dort.“ „Oh, was
reitet sie denn? Einen Traktor?“ ärgerte ich ihn. „Nein,“ meinte er, mit
einer Engelsgeduld in seinem kleinen Gesicht. „Ein Pferd. Sie ist
Springreiterin.“
Ich nickte. „Ah, verstehe.
Wünsch’ ihr viel Glück mein Freund, aber ich werde trotzdem das australische
Team anfeuern.“ „Anfeuern?“ fragte er zurück.
Ich wechselte mit Mick kurz einen Blick, er war genauso amüsiert über den
Kleinen wie ich. „Ähm, ich denke, ihr Amis würdet so etwas wie rooting
sagen. Ich bin für die australische Mannschaft.“ Ich machte mir nicht die
Mühe, ihm zu erklären, daß rooting ein australisches Slang-Wort für
noch etwas ganz anderes (Anmerkung: ... nämlich
Sex) ist.
Er würde wahrscheinlich früh genug
herausfinden, was das bedeutete, wenn er in Sydney ankam.
„Oh, ok, das geht schon in Ordnung.“
Er winkte zum Abschied und ging zurück zu seinem Platz. Ich drehte mich um,
um zu sehen, zu welchem Sitz er ging und sah, wie er sein Buch einer jungen
Brünetten zeigte, die drei Reihen hinter uns saß. Sie schaute auf und ich
zwinkerte ihr zu. Sie nickte und wandte sich wieder ihrem Sohn zu, der
aufgeregt unser Gespräch wiedergab. Nettes Kind. Nette junge Frau. Ich
seufzte. Vielleicht eines Tages.
Mick gab mir wortlos die Tabletten. „Ist es so offensichtlich?“ fragte ich.
„Klar. Du siehst einfach Scheiße aus.“
„Oh, recht herzlichen Dank, das gibt mir wirklich Auftrieb.“
Ich nahm noch zwei der Pillen, eine nette Stewardess brachte mir Wasser und
ich war wieder im Traumland. Diesmal ritt ich auf einem meiner Pferde durchs
Outback. Nicht in der Gegend um meine Farm, sondern eher in einer Gegend des
Ayers Rock, Uluru, mit rotem Staub und großen Echsen überall. Ich war schon
mal in dieser Gegend, aber mit meiner Harley, nicht auf einem Pferd. Ich
denke, mein umnebeltes Hirn brachte die Tour durcheinander mit den
Erzählungen des Jungen gerade eben. Als wir in Sydney landeten, fühlte ich
mich noch beschissener als vor Stunden beim Abflug in LA.
Ich hatte den Flughafen in LA schon für eine
Irrenanstalt gehalten. Sydney war wie eine Irrenanstalt, in der die Zivis
mit den Insassen um die Wette laufen, unzählige Reporter mittendrin. Beim
Aussteigen aus dem Flieger bahnte mir Mick den Weg, ich guckte einmal auf
die Menschenmenge, die sich durch das Terminal bewegte und wäre am liebsten
wieder in den Flieger zurückgegangen. Mick, der immer einen Schritt
vorausdachte, besorgte einen von diesen Elektro-Gepäckkarren samt Fahrer,
platzierte mich und unser Handgepäck darauf, und wir durchquerten das
Terminal in kürzester Zeit. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und versuchte,
so unauffällig wie möglich zu wirken, auch wenn ich mir absolut dämlich
vorkam auf der Karre. Aber das war die einzige Möglichkeit, durch den
Flughafen zu kommen mit meiner lädierten Schulter, ohne das jemand, der mich
zufällig angerempelt hätte, sein Leben lassen musste.
Die Reporter erkannten mich trotz der Sonnenbrille. Ich hätte mich um ein
Haar auf die Schubkarre gestellt und nach den Bullen gerufen, aber Mick
entging ihnen und brüllte ihnen noch zu, dass sie sich doch einen Sportler
suchen sollten, dem sie auf die Nerven gehen konnten. Ich sei nicht in der
Stimmung für die Presse. Es funktionierte, wenigstens so lange, bis wir aus
dem Terminal raus und in einem Taxi waren. Klar das in den nächsten Tagen
die Zeitungen voll davon waren, dass ich unbemerkt nach Hause gekommen und
böse darüber war, dass die Sportler die ganze Aufmerksamkeit der Presse
bekamen. Wenn es nach den Reportern ging, war ich mürrisch, hatte ich
rumgeflucht und wie ein Schlot gequalmt, schaute finster drein und war
einfach nur mies gelaunt. Schon interessant, dass ich nicht mit einem der
Reporter geredet hatte und dass ich eher dankbar dafür war, dass sie zur
Abwechslung nicht mich, sondern die Sportler belagerten. Jemand hatte Bilder
von mir geschossen, als ich ins Taxi stieg und wie durch die Mangel gedreht
aussah – beinahe jede Zeitung brachte die Story. Manchmal wundere ich mich,
dass man mich nicht auch für das schlechte Wetter verantwortlich macht. Wir
verbrachten die Nacht in Micks Wohnung in Sydney, um gleich am nächsten
Morgen runter nach Melbourne zu fliegen und einen Sportmediziner zu treffen.
Sportmedizin – schon der Begriff klingt absurd. Ich hatte das, was ich
gemacht hatte – oder versucht hatte zu tun – nie als Sport betrachtet. Aber
wenn man sich halb den Arm abreißt, ist es egal, ob man es beim Football
gemacht hat oder bei der Idiotie, die ich gemacht hatte.
Der Arzt sah aus wie ein ziemlich rauher Bursche. Er sei Rugby-Spieler
gewesen in seiner Jugend, erzählte er, und untersuchte mich, ohne mir noch
größere Schmerzen zu bereiten. Ich denke, er wusste, dass ich am Ende meiner
Kräfte war. Als er fertig war und ich wieder angezogen in seinem Büro saß,
erzählte er mir, dass ich etwas haben würde, dass sich post-traumatische
SLAP-Verletzung nannte. Ich konnte damit natürlich nichts anfangen, und er
erklärte, dass das Subacromial Labral Anterior-Posterior Verletzung
bedeutete, was wiederum hieß, dass ich mir die Sehne des Bizeps vom Knochen
der Schulter gerissen hatte. Mein Arm hing also nur noch an den Muskeln und
Nerven, ohne die Unterstützung der Bänder, die eigentlich alles
zusammenhalten. „Das,“ erklärte er weiter, „Kann schon etwas schmerzhaft
sein.“ „Auu jaa,“ bestätigte ich, „Also, was folgt jetzt?“
„Was nun folgt, ist, dass wir dort
hineingehen mit einem Athroskop – das ist so etwas wie eine Mini-Kamera –
und ich werde alle rauhen Stellen vom Knochen abkratzen, die Bänder dorthin
bringen, wo sie sein sollten und sie mit diesen Dübeln dort einnageln.
Meistens braucht man nur einen Dübel, aber sie haben sich beide Bänder
gerissen, das bedeutet, wir benötigen zwei Dübel.“
„Einnageln?“ wiederholte ich. Das war so gut wie das einzige Wort, das ich
wirklich verstanden hatte.
„Keine Angst, sie werden schlafen. Sie bekommen ein paar wirklich nette
Medikamente, von denen sie auf Wolke Sieben schweben werden, und ich werde
mich besonders beeilen.“
Ich fragte das, was mich am meisten beschäftigte: „Wie lange?“
„Oh, etwa eine Stunde, würde ich schätzen,“ antwortete er, und kritzelte
Anweisungen in meine Akte.
„Nein, ich meine danach – wie lange wird es dauern, bis ich das weiter
machen kann, was ich gerade gemacht habe.“
Er sah auf. „Oh Entschuldigung. Nun – ich bin mir
nicht so sicher, ob sie es überhaupt wieder machen können werden.“
Das musste ich erst ein mal
verdauen. „Gesetzt dem Fall, ich kann weiter machen, wann würde ich
frühestens dazu in der Lage sein?“
„Acht bis zehn Wochen, mit jeder Menge Physiotherapie.“
„Acht bis zehn...! Verdammte Scheiße, Mann! Ich
habe einen Film zu drehen – ich habe gerade eine Filmcrew in den Staaten in
den Seilen hängen lassen. Was sollen die tun, wenn ich sie für acht bis zehn
Wochen ausfalle?“
„Ah, ein Film,“ sagte er und rieb
sich die Augen. „Nun, Mr. Crowe – Russell – sie werden nicht nur operiert,
sie werden Physiotherapie und Ruhe benötigen. Und sie müssen mehr auf sich
achten. Wenn sie sich die Schulter noch ein mal verletzen, dann könnte der
Schaden permanent werden.“
„Na wunderbar,“ bellte ich. „Einfach ganz verdammt wunderbar!“ Es war ja
nicht seine Schuld, sondern meine, weil ich so dämlich war, einen Stunt zu
versuchen, der zu groß für mich war. „Ok, wo soll ich unterschreiben? Ich
will das endlich hinter mir haben.“
Am nächsten Morgen operierten sie meine Schulter.
Ich verbrachte die Nacht im Krankenhaus, wurde mit Entspannungs- und
Schmerzmitteln abgefüllt, so dass ich recht entspannt war, als man mich zum
OP-Raum schob. Ich hätte aus voller Lunge Walzing Mathilda gesungen, wenn
ich irgend jemanden zum mitsingen hätte überreden können. Es wollte
allerdings niemand.
Kurz vorher hatte ich noch eine
leichte Auseinandersetzung mit einem Pfleger, der mir einen von diesen
dämlichen Papierschlafanzughosen verpassen wollte. Ich sah dazu keine
Veranlassung, an meinen Boxershorts war doch nichts auszusetzen. Davon
abgesehen, sagte ich zu dem Typen, „Freundchen, es ist mein Arm, der
operiert werden soll, nicht mein Arsch.“ Er diskutierte nicht mit mir,
sondern holte gleich die Oberschwester, die mir schließlich zustimmte, dass
meine Boxers in Ordnung waren und ich das Papierkostüm nicht anzuziehen
brauchte. Ein Punkt für mich.
Dann sollte ich noch rasiert werden. Der Doktor
hatte mich darüber vorher nicht aufgeklärt.
„Sie wollen was?“ Fragte ich, setzte mich auf und fiel beinahe von der
dämlichen Pritsche. „Meine Achseln sind ok – ich bin sauber!“ Ich hätte ja
theoretisch meinen Arm gehoben und es gezeigt, aber es war ja die verletzte
Seite.
„Nun kommen sie schon, Mr. Crowe,“ fing der Pfleger wieder an. Alles, was
ich in meinem Leben nicht haben oder erhalten wollte, begann mit diesen vier
Worten, „Nun kommen sie schon, Mr. Crowe.“ Es ist wie ein Zauberspruch, nur
dass diese Worte mich nicht verzaubern, sondern einfach nur wahnsinnig
machen.
„NEIN!“ brüllte ich und hatte ehrlich schon meine Füße auf dem Boden, der
allerdings eiskalt war. Ich konnte nicht gerade stehen, also stützte ich
mich gegen die Seite des fahrbaren Bettes, den linken Arm gegen den Körper
gepresst. Das funktionierte natürlich nicht. Ein weiterer riesiger Kerl kam
aus dem OP, weil man sich bereits wunderte, warum ich noch nicht da war.
Gegen beide hatte ich überhaupt keine Chance und fand mich schnell wieder
auf der Pritsche wieder und wurde in den OP geschoben. „Ich will nicht
rasiert werden!“ beharrte ich immer noch.
Dr. Seaforth gab mir einen von
diesen „Und warum bist du so ein ungezogener Junge?“-Blicken, schaute zu
einem der anderen Typen und sagte: „Drehen sie den Hahn auf und machen sie
es dann.“ Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte, aber eine Minute
später schwebte ich schon über dem Operationstisch und war vollkommen
entspannt. Ich erinnere mich schwach daran, dass ich den Arzt sagen hörte:
„Jetzt rasieren sie ihn. Er wird sich jetzt nicht mehr wehren.“
So etwas nennt man dann wohl jemanden über den Tisch ziehen! Himmel noch
mal, sie bewegten sogar meinen Arm, was vor diesem „Hahnaufdrehen“ niemand
geschafft hätte. Der Pfleger rasierte meine Achsel und verließ den OP, mich
der Gnade von Dr. Seaforth überlassend. Der schaute auf mich hinunter,
zwinkerte mir hinter seiner Maske zu und sagte: „Schlaf schön, Russell.“ In
diesem Moment füllten sie noch etwas anderes in den Tropf und ich war weg
vom Fenster.
Etwa eine Minute später wachte ich auf – oder es kam mir jedenfalls so vor.
Aber meine Schulter und mein Arm waren vollkommen taub, mein Hals trocken
und rau, es musste also eine längere Zeit vergangen sein. Mick war da und
erzählte mir, dass es überstanden war und alles sehr gut aussehen würde. Ich
dämmerte wieder weg. Als ich das nächste mal wach wurde, war die Taubheit
aus dem Arm verschwunden und ich dachte, ich würde sterben müssen. „Oh
allmächtiger Gott!“ meinte ich, und ich benutze diese Phrase nicht oft – das
sollte genug über meine Beschwerden sagen.
Eine wirklich nette Dame, die meiner Mutter sehr ähnlich sah, kam vorbei und
strich mir die Haare aus dem Gesicht, fühlte meine Stirn. „Es wird dir bald
besser gehen, mein Junge,“ Sie mussten wieder dieses Demerol-Zeug in den
Tropf gefüllt haben, denn kurze Zeit später hatte ich keinerlei Schmerzen
mehr. Die Dame – Dr. Seaforths Krankenschwester, wie ich später erfahren
sollte – lächelte mich an und tätschelte meine Hand. „Schlafen sie. Sie
brauchen Ruhe.“
Sie hatte Recht. Die Physiotherapie begann gleich
am nächsten Tag, und ehrlich, ich wollte mich eigentlich noch nicht bewegen.
Ich flog mit Mick für einige Tage nach Sydney, ruhte mich in seiner Wohnung
aus. Nach und nach begann ich mit den ersten Übungen, hatte sogar einen
Physiotherapeut, der in die Wohnung kam. Eine Woche später flog ich zurück
nach Melbourne, um den Arzt wieder zu treffen.
Er untersuchte mich, ließ mich die
Schulter bewegen und ich hatte Greifübungen zu absolvieren. Ich hatte einige
kleine Schnitte, eine stoppelige Achsel, die mich in den Wahnsinn trieb und
fühlte mich insgesamt geschafft nach dem ich mit den Übungen fertig war.
Aber im Grunde, meinte er, bräuchte ich nur die Schnitte verheilen zu lassen
und würde in einigen Monaten wieder recht fit sein. Da war diese
Formulierung von wegen „recht fit“ und „Monate“. Er sah meinen
Gesichtsausdruck und meinte, „Russell, sie werden diese gymnastischen
Übungen nie wieder machen können. Ihre rechte Schulter ist in keinem
besseren Zustand als die linke bevor sie sich die Bänder gerissen haben; und
wenn sie diese Sache mit dem Spanischen Netz noch mal versuchen sollten,
werden sie sich selbst zum Krüppel machen.“
Nun, das klang doch einfach nur wunderbar, nicht
wahr? dachte ich. Ich würde es IHM beweisen! Ich fuhr von Sydney zur Farm,
was eine Fahrt von etwas über 300 Meilen bedeutet. Ich schaltete die Gänge
mit dem linken Arm, sehr wohl wissend, dass Dr. Seaforth ausflippen würde,
wenn er davon erfahren würde, aber ich betrachtete es als Art von Therapie.
Zu Hause angekommen, musste ich mit dem Missfallen meiner Mutter klarkommen,
auch wenn ich eigentlich wusste, dass sie insgeheim froh war, dass ich nach
Hause kam, wenn es mir schlecht ging. Sie begann sofort, mich mit ihren
Küchenkünsten zu verwöhnen, wollte mich wahrscheinlich fett füttern – was
ich nun wirklich nicht brauchen konnte – aber einfach schon der Gedanke
daran war schön.
Als Weihnachten näher rückte, hatte ich meinen Arm schon wieder gut
trainiert und konnte ihn beinahe wieder normal benutzen. Allerdings störte
mich eine Sache ganz gewaltig: Ich konnte keine einarmigen Liegestütze mehr
machen. Aber ich entschied mich dafür, wenigstens dieses eine Mal vorsichtig
zu sein und meinen Körper nicht zu Dingen zu zwingen, für die er nicht
geschaffen war. Außerdem wollte ich nicht wirklich die ganze Sache mit
meiner rechten Schulter wiederholen.
2001 begann für mich in relativ guter körperlicher Verfassung, was von
Vorteil war, denn in emotionaler und romantischer Hinsicht ging alles den
Bach `runter. Ich werde niemanden hier mit den dämlichen Details langweilen;
alles, ausgenommen vielleicht die Wahrheit, war in jeder verdammten
Schmierengazette dieser Welt bis zum Erbrechen unter die Leute gebracht
worden. Die negativen Ereignisse wurden etwas überschattet von einer netten
Überraschung – ich wurde noch einmal als Bester Hauptdarsteller für den
Oscar nominiert, diesmal für Gladiator. Ich hatte das nicht erwartet, weil
der Film so ein kommerzieller Hit war und gerade die Darstellungen in
finanziell erfolgreichen Filme werden doch meist als nicht tiefgründig genug
empfunden; nur Kamera, Ton und vielleicht noch die Kostüme werden für
gewöhnlich nominiert. Ich versammelte meine Kavallerie und begab mich auf
eine dreimonatige Tour von einer Preisvergabe zur nächsten
Werbeveranstaltung zur nächsten Sonderaufführung, Pressekonferenz,
Preisvergabe, Produktionstreffen für meinen nächsten Film mit dem Regisseur
und dem Produzenten, dann folgte zur Abwechslung mal wieder eine kleine
Preisvergabe. Zwischendurch gelang es mir sogar noch, Spaß am Leben zu
haben.
In der Nacht des 24. März 2001 wurde
aber alles vollkommen verrückt. Mir stand das verrückteste Jahr meines
Lebens bevor und ich wünschte, ich hätte jemanden gehabt, mit dem ich dieses
Leben hätte teilen können, jemand zum Kuscheln und zum Reden. Ich will ja
nicht rumquengeln, aber ich habe mich wirklich allein gefühlt während des
ganzen Jahres. Vielleicht habe ich deshalb nach der nächsten
Oscar-Nominierung für ABM alles sein gelassen und bin nach Hause nach
Australien.
Ich sagte jedem, dass ich verdammt noch mal in
Ruhe gelassen werden wollte. Und das waren noch meine Freunde, zu denen ich
das sagte, ich will hier gar nicht erzählen, was ich zu den anderen sagte.
Ich verbarrikadierte mich, vergrößerte die Farm, und verbrachte die nächsten
zwei Jahre praktisch im Winterschlaf. Insgeheim hoffte ich, dass mich
einfach alle vergessen würden. Ich hoffte es wenigstens für die ersten
anderthalb Jahre, ich hoffte das wirklich. Dann wurde mir aber langsam klar,
dass ich nicht für den Rest meines Lebens Farmer sein wollte. Zu dieser Zeit
versuchte mein neuer Agent in den Staaten, mich zu ein paar neuen Filmen zu
überreden. Ich denke, der Rest ist bekannt. Ach ja... dieser Film mit den
akrobatischen Übungen: den habe ich nie gemacht. Zu Schade, ich sah wirklich
Spitze aus an dem Netz, bis ich herunterfiel. |