Begegnung in der Wildnis

 

 

 

Sie war davon gelaufen. Einfach immer weiter, ohne Ziel ohne Sinn. Alles was sie wollte, war einfach nur weg. Weg von ihrem Leben, weg von ihren Sorgen, weg von den Schwierigkeiten, die sich ihr tagtäglich entgegenstellten, weg von der Armut. Müde – sie war so unendlich müde. Und doch hatte sie das Gefühl raus zu müssen. Den Wind zu spüren, in der Wildnis vor der restlichen Welt zu fliehen. Vergessen, sich der Verantwortung zu entziehen. Nicht mehr jeden Tag irgendwelche Entscheidungen treffen. Einfach nur frei sein. Aber es funktionierte nicht. So sehr sie auch rannte, je höher sie in die Berge stieg, das Bewusstsein um ihre Verantwortung blieb. Sie blieb, wer sie war. Sie wurde selbst zu ihrem schlimmsten Verfolger. Sie konnte sich selbst einfach nicht abschütteln. Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie spürte die Schürfwunden und Schnitte nicht, die der Lauf durch das dichte Unterholz der Gebirgswälder ihr zugefügt hatte. Und dann blieb sie einfach stehen. Der Weg war zu Ende. Vor ihr klaffte ein Abgrund an die 150 m tief ging es steil bergab und dahinter war nichts als grenzenlose Weite und der atemberaubende Ausblick auf ein raues und doch wunderschönes Land. Wie betäubt schaute sie über die Klippe vor ihr. Wenn sie jetzt sprang, waren alle ihre Sorgen vorbei und sie würde auf immer schlafen können. Der Gedanke schien verlockend und doch – was würde aus denen werden, die sie hinterließ. Zwei Herzen würden bluten, weil sie nicht den Mut hatte, sich dem Leben zu stellen. Sie würden sie vermissen, im Schlaf nach ihr rufen und sich nichts sehnlicher wünschen, als sich endlich wieder in ihre Arme zu schmiegen. Vielleicht wären sie ohne sie besser dran und doch – im Grunde ihres Herzen wusste sie, dass es für sie keinen vollwertigen Ersatz gab.

 

Sie blieb, was sie war – eine Mutter. Nichts konnte diese Tatsache ändern und nichts konnte die Liebe ihrer Kinder ersetzen. Langsam wurde ihr Blick wieder klarer. Gewaltsam riss sie sich vom Anblick der Tiefe unter ihr los und konzentrierte sich auf die Weite vor ihr. Wo war ihre Gelassenheit, ihr Kämpfergeist geblieben? Wie hatte es soweit kommen können?. Erschöpfung machte sich in ihr breit und sie schwankte leicht. Fast hätte sie das Gleichwicht verloren und wäre doch gestürzt, aber auf einmal lag da eine feste starke Hand auf ihrer Schulter, die sie hielt und ihr ihre Stabilität zurück gab. Langsam und behutsam nahm jemand sie am Arm und führte sie weg vom Abhang. Etwa 50m weiter lagen die Reste eines abgestorbenen alten Baumes, der dem Wind nicht länger trotzen mochte und irgendwann einfach umgeknickt war. Dort hieß die Hand sie sich niedersetzen, um ihr kurz darauf eine Decke überzuwerfen. Jenny ließ es geschehen. Sie nahm die Dinge um sich herum nur wie durch einen undurchdringlichen Nebel wahr. Völlig leer und ausgepumpt starrte sie einfach nur vor sich hin. War sie noch auf dieser Welt?

Ganz schwach nur registrierte sie den Rauchgeruch, der von einem kleinen Feuer ausging, das neben ihr entzündet worden war. Ihre Blick schien von den Flammen angezogen zu werden. Munter machten sie sich über die Zweige und den Reisig her, bis sie dann etwas ruhiger den dickeren Ast ansprangen. Eine Kanne wurde über das Feuer gehängt und schon kurze Zeit später drückte ihr jemand eine Tasse heißen dampfenden Tee in die Hand.

 

Die Wärme in den Händen fühlte sich gut an. Behutsam nahm sie einen Schluck aus der Tasse und spürte wie ihre Lebensgeister wiederkehrten, als das heiße Getränk ihre Kehle hinunter rann. Jetzt erst brachte sie die Kraft auf, aufzublicken. Er saß ihr vollkommen ruhig gegenüber und betrachtete wie sie das Feuer. Seine Figur war in einen dieser typischen Reitermäntel gehüllt. Seine Hände wärmten sich wie ihre an der Tasse, die er in ihnen hielt. Der Hut war tief ins Gesicht gezogen, so dass sie nur einen Drei-Tage-Bart und seinen Mund erkennen konnte. Die ganze Erscheinung wirkte sehr männlich, bis auf letzteren, der seinem Aussehen einen beinahe weichen Zug verlieh. Sie erschrak beinahe als er unvermittelt aufsah und sie in seine Augen blickte. Verschämt wendetet sie ihren Blick wieder dem Feuer zu und hoffte, dass er die Röte nicht bemerken würde, die ihr ins Gesicht stieg. Wer war er und wieso war er hier? Wurde sie womöglich gesucht? War ihr Verschwinden bemerkt worden? – Fragen über Fragen schossen ihr durch den Kopf. Aber sie traute sich nicht, sie zu stellen. Ihr Verstand weigerte sich standhaft, sich zu diesem Zeitpunkt schon wieder ins Leben zurück zu finden. Hier oben herrschte bis auf das Knistern des Feuers und den Lauten der Natur absolute Stille – fast so, als seien sie beide die einzigen Menschen auf dieser Welt. Dennoch fühlte sie seinen Blick auf ihr ruhen. Der Moment ließ sich nicht festhalten und sie hatte keine Kraft mehr, sich dem Unvermeidlichen zu widersetzen. Innerlich tat sie einen tiefen Seufzer, bevor sie ihn wieder anschaute. Diesmal direkt und nicht mehr verstohlen. „Danke, Mister“, sagte sie leise. Er nickte und stieß ein tonloses „Bitte“ hervor. Dann wandte er seinen Blick wieder dem Feuer zu. Er ließ ihr die Zeit wieder zu sich zu finden, bedrängte sie nicht mit Fragen, ließ sie alleine mit ihren Gedanken. Ganz allmählich gelang es ihr wieder Ordnung in das Durcheinander in ihrem Kopf zu bekommen. Sie atmete tief ein und füllte ihre Lungen mit der frischen, klaren Luft der Berge. Ihre Wange bekamen langsam wieder eine normale Farbe und ihr Puls erreichte wieder Normalgeschwindigkeit. 

 

Sie spürte, dass er sie nicht aus den Augen lies. Aber es schien eine Ewigkeit zu vergehen bis er sie leise fragte. „Geht es wieder, Miss?“ Seine Stimme hatte einen tiefen Bariton und vibrierte leicht. Sie zögerte einen Moment und lies seine Worte in sich nachhallen, bevor sie stumm nickte. „Ich denke schon“, setzte sie leise hinzu. „Gut“, sagte er bestimmt und erhob sich. „Es sieht so aus, als würde es hier sehr bald ziemlich ungemütlich werden. Wir müssen hier weg.“ Es war eine Feststellung und völlig emotionsfrei. Als er ihr fragendes Gesicht sah, deutete er nur mit dem Kopf in Richtung Himmel. Sie folgte seiner Geste und erschrak, als sie eine tiefschwarze Wolkenfront sah, die bedrohlich schnell auf sie zu kam. Er hatte bereits das Feuer gelöscht und alle Utensilien in seinen Satteltaschen verstaut. Ein kurzer Pfiff und ein mittelgroßes kräftig aussehendes Pferd kam bereitwillig angetrabt. Es war eines dieser robusten stock- horses, die hier in der Gegend weit verbreitet und hoch geschätzt waren, da sie allen Anforderungen des Terrains gewachsen waren. Mit einer Geschmeidigkeit und Schnelligkeit, die sie ihm gar nicht zugetraut hätte, schwang er sich in den Sattel. Ein leichter Druck mit den Schenkeln und das Tier stand neben ihr. Auffordernd streckte er ihr seine Hand entgegen. Sie zögerte nur kurz. Sie war keine Reiterin, angesichts der sich nähernden Gewitterfront blieb ihr jedoch kaum eine andere Möglichkeit. Sie griff zu und schon saß sie hinter ihm im Sattel. Er zog ihre Arme um seine Taille und hieß sie ihre Hände ineinander verschränken. „Einfach gut festhalten“, rief er ihr in dem nun aufkommenden Sturm zu. Sie tat, was er sagte, und fühlte wie das Tier sich in Bewegung setzte, um die Hochebene in ausgreifenden Galoppsprüngen hinter sich zu lassen. Jenny hörte das immer stärker werdende Heulen des Windes, schenkte ihm aber keine Beachtung, da sie viel zu sehr damit beschäftigt war, sich auf dem Pferd zu halten. Dann hatten sie endlich die Baumgrenze erreicht und das Heulen wurde etwas schwächer. Ihr Begleiter zügelte das Pferd und ließ es kurz anhalten. „Besser du kommst nach vorne, Mädchen. Sonst verliere ich dich noch unterwegs.“ Sie war verlegen, weil er ihre Unsicherheit bemerkt hatte, doch sie widersprach nicht. Er hatte noch nicht mal ausgesprochen, als er auch schon aus dem Sattel gesprungen war und sie nach vorne rutschen ließ. Dann stieg er hinter ihr auf und trieb das Pferd wieder an. Der Wald war hier sehr dicht und sie mussten sich ihren Weg suchen. Mehr als ein leichter Trab war nicht möglich, aber auch der schüttelte Jenny kräftig durch. Sie spürte den harten Sattelknauf in ihrem Bauch und war doch dankbar für seine starken Arme an ihren Seiten. Mehr als einmal war sie kurz davor, das Gleichgewicht zu verlieren, aber ihr Begleiter fing sie immer wieder auf.

Der Sturm hatte sie jetzt voll erreicht und trotz des dichten Blätterdaches peitschte ihnen der Regen ins Gesicht. Innerhalb von wenigen Minuten war sie in ihren Jeans und dem Pulli, den sie trug, völlig durchnässt. Sie fror erbärmlich, aber die Wärme in ihrem Rücken hieß sie durchhalten. Sie biss die Zähne zusammen und sagte nichts. Er würde schon wissen, was er tat. Auf eine seltsame Art und Weise schien er mit diesem Land verwachsen zu sein. Und überhaupt, sie hatte gar keine andere Möglichkeit, als ihm zu vertrauen.

 

Sie hatte gerade angefangen, sich an den Rhythmus der Bewegungen des Tieres zu gewöhnen. Allerdings hatte dies den Nachteil, dass sie nun auch wieder andere Dinge wahr nahm. Ihr ganzer Körper schmerzte von den ungewohnten Anstrengungen ihrer kopflosen Flucht, ebenso wie des ungewohnten Reitens. Sie hatte keinerlei Ahnung, wo sie sich befand. Geschweige denn, wo der Mann hinter ihr sie hinbringen würde. Schon fragte sie sich, wie lange sie das alles noch durchhalten sollte, als sich vor ihnen eine Lichtung öffnete. Jenny hob ihre Hand vor die Augen und versuchte durch den strömenden Regen etwas zu erkennen. Ein Blitz erhellte die Gegend und gab den Blick auf eine kleine einfache Hütte, einen roh gezimmerten Stall und einen Pferdepferch frei. Alles wirkte ziemlich armselig, aber stabil, und versprach zumindest etwas Schutz vor den Gewalten der Natur, die sich gerade in einem ohrenbetäubenden Donner manifestierten, der noch durch die umliegenden Bergwände verstärkt wurde und sie erzittern ließ. Der Mann trieb sein Pferd zur Eile und ließ es den restlichen Weg zur Hütte galoppieren. Er hielt geradewegs auf den Stall zu. Mit einem Satz war er aus dem Sattel und schob das Tor auf, um gleich darauf das Tier hinter sich her zu ziehen. Kaum hatten sie das Innere erreicht, ließ Jenny sich völlig entkräftet aus dem Sattel fallen. Jede Faser ihres Körpers tat ihr weh und ihre Erschöpfung machte sie schwindelig. Es gelang ihr nicht, sich aufzurichten. Aber die Gewissheit sich erst einmal in Sicherheit zu wissen, legte sich wie ein Schleier über sie und ließ sie in eine tiefe Ohnmacht gleiten.

 

 

Etwas Kaltes stupste an ihre Wange und gleich darauf fuhr ihr etwas raues Nasses über die gleiche Stelle. Jenny öffnete die Augen und schreckte zurück, als sie geradewegs in die Augen eines weiß-braun gefleckten Jack-Russell-Terriers blickte, der ihren Blick neugierig und abwartend erwiderte. „Wer bist denn Du?“, entfuhr es ihr leise. Sie mochte Hunde schon immer. Instinktiv hob sie ihre Hand, um ihren Besucher zu streicheln, ließ sie jedoch gleich wieder sinken, da sie sich anfühlte wie Blei. Der Terrier leckte ihre Hand und sprang vom Bett. Jetzt erst hatte Jenny freien Blick auf den Raum, in dem sie sich befand. Es war eine einfach Hütte mit nur einem großen Raum zum Essen, Wohnen und Schlafen. Ein Kanonenofen befand sich gleich neben der Kochstelle und sorgte für Wärme. Neben der Kochstelle gab es ein Regal mit allen möglichen Utensilien. Dort stand auch ein roh gezimmerter Tisch mit zwei passenden Stühlen. Neben dem Bett stand ein kleiner Ablagetisch und daneben ein einfacher Kleiderschrank. Beinahe grotesk mutete der große Ohrensessel vor dem Ofen an. Das einzige Stück dieser Behausung, das mehr als nur Zweckmäßigkeit besaß und sehr gemütlich anmutete. Alles zusammen wirkte einfach, sauber und solide. Obwohl sie ihre Umgebung nun wahr nahm, hatte sie keine Ahnung, wo sie sich befand. Ihr Blick glitt zurück zu einem der Stühle, über den ordentlich ihre Kleidung gehängt war. Beim Anblick der Stücke musste sie jedoch unwillkürlich lächeln. So zerfetzt wie die Sachen waren, hätte man sich die Mühe sparen können, dachte sie. Dann gefror ihr Lächeln und schlagartig war ihre Erinnerung wieder da. Ihre Flucht, ihre Rettung, der Ritt durch den Sturm. Ihr kam die Hütte in den Sinn, die sie im Blitzlicht auf der Lichtung erkennen konnte. Ja – das musste es sein. Sie musste sich im Innern dieser Hütte befinden. Und noch eine Erkenntnis durchzuckte ihr Gehirn. Wenn ihre Kleidung über dem Stuhl hing...? Reflexartig riss sie die Bettdecke hoch und schaute an sich hinunter. Natürlich – sie war bis auf die Haut durchnässt gewesen. Er hatte sie bis auf ihren Slip ausgezogen und sie in eines seiner Flanellhemden gesteckt. Die Schnitte und Abschürfungen an ihren Armen und Beinen waren alle sorgsam behandelt worden, die Kratzer in ihrem Gesicht brannten ebenfalls nicht mehr. Sogar ihre Haare waren gekämmt und zu einem losen Zopf geflochten worden. Zum ersten Mal dämmerte es ihr, was für ein Bild des Jammers sie bei ihrer ersten Begegnung abgegeben haben musste.  Ausgerechnet sie, die trotz allem Unbill ihres bisherigen Lebens immer darauf bedacht gewesen war, einen sauberen und gepflegten, wenn auch einfachen Eindruck zu machen. Die Schamesröte stieg ihr ins Gesicht. Am liebsten hätte sie sich in ein Mauseloch verkrochen und wäre nie wieder hervorgekommen. Was musste der Besitzer dieser Hütte bloß von ihr denken? – Die Erinnerung an ihn holte sie wieder ein. Sie hatte noch immer keine Ahnung, wer er war und warum er hier scheinbar völlig alleine in dieser Wildnis lebte. Er war einfach da gewesen und hatte ihr mit einer Selbstverständlichkeit geholfen, die sie noch nie erlebt hatte. Wo war er überhaupt? Der Gedanke schoss ihr auf einmal durch den Kopf. Wie zur Antwort hörte sie draußen einen Pfiff. Leise Panik stieg in ihr auf. Sie wollte sich nicht noch mehr blamieren und sie brauchte dringend Antworten. Es wurde höchste Zeit, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekam.

 

Mühsam rappelte sie sich hoch. Immerhin schaffte sie es, sich auf die Bettkante zu setzen, als auch schon die Tür aufgestoßen wurde und der Mann eintrat. Jenny hielt die Luft an. Sie hatte ihn nur noch schemenhaft in seinem Reitermantel und mit tief herabgezogenen Hut in Erinnerung. Nun stand er in Arbeitshosen und einem T-Shirt bekleidet vor ihr. Den Hut hielt er in der einen Hand, während er sich mit der anderen locker durch das kurze, leicht wellige Haar fuhr. Er war nicht nur mysteriös, sondern zu allem Überfluss auch noch ein ausgesprochen gut aussehendes Exemplar des starken Geschlechts. Irgendwo tief in ihr regte sich der Wunsch, sie hätte ihn unter anderen Umständen und vor allem in einer anderen Aufmachung kennengelernt. „Wahrscheinlich hätte er dich dann gar nicht beachtet“, schalt sie ihr Unterbewusstsein. Energisch schob sie den Gedanken beiseite. Der Terrier war ihm freudig entgegen gesprungen, um sich dann gleich kläffend in Jennys Richtung zu bewegen. Seine Augen folgten dem Tier und als er sah, dass sie wach war, machte sich ein breites Lächeln auf seinem Gesicht breit, dass Jenny kurzfristig den Atem nahm. „Guter Hund“ auffordernd klopfte er sich auf die Schenkel, um das Tier zu sich zu beordern. „Hast du es also endlich geschafft, unseren Gast von den Toten zu erwecken?“ Schwanzwedelnd lief der Angesprochene zu seinem Herrn zurück und sprang ohne zu zögern in seine Arme, um sich dort ausgiebig liebkosen zu lassen. Die Beiden schienen ein gutes Team zu sein und Jenny gefiel die Szene so sehr, dass sich sogar ein leises Lächeln auf ihr Gesicht stahl. Am liebsten wäre sie aufgestanden, aber sie traute ihren Beinen noch nicht so recht über den Weg. „Wie lange habe ich geschlafen, Mister?“, fragte sie stattdessen ohne Umschweife, wenn auch ein wenig verlegen. „Zwei volle Tage“, bekam sie zur Antwort. „Übrigens ich heiße Ethan“ mit zwei langen Schritten war er bei ihr und streckte ihr seine Hand entgegen. „Mister hört sich immer so förmlich an.“, setzte er nach. „Angenehm, Jenny“, erwiderte sie mechanisch und schlug ein. Sein Händedruck war stark, aber nicht zu fest. Sie empfand ihn als angenehm und tröstlich. Zwei volle Tage – seit ihrer Flucht mussten also insgesamt vier Tage vergangen sein. Was war in der Zeit wohl passiert? Hatte man ihr Verschwinden bemerkt und sie gesucht? Waren ihre Kinder benachrichtigt worden? Hatte sie sie durch diese Aktion nun endgültig verloren? Ein Anflug von Panik überkam sie und huschte wie ein Schatten über ihr Gesicht. Schnell bemühte sie sich, sich wieder in den Griff zu kriegen.

 

 Er musste es bemerkt haben, aber er sagte nichts. Statt dessen ging er zu der Kochstelle nahm das heiße Wasser und goss zwei Tassen Tee auf, von denen er eine an Jenny weiter gab. Dann zog es sich einen der Stühle an das Bett heran und ließ sich rittlings darauf nieder. „Schätze, du wirst mir nicht weglaufen, Mädchen und nachdem wir uns nun vorgestellt haben, solltest du die Gelegenheit nutzen und dir einfach deinen Frust von der Seele reden.“ Er hatte die Tasse in seiner Hand betrachtet. Nun aber schaute er auf und sah sie direkt an. „Manchmal hilft das, habe ich mir sagen lassen“, fügte er aufmunternd hinzu.

 

Jenny nickte. Sie wusste, sie war es ihm schuldig, nach allem, was er für sie getan hatte. Stockend begann sie. Doch bereits nach den ersten Sätzen sprudelte alles aus ihr heraus. Sie erzählte von ihrem hoffnungsvollem Start mit ihrem Mann, nachdem sie aus England nach Australien übergesiedelt waren. Von ihren Plänen und Träumen, den Glücksmomenten, die sie bei der Geburt ihrer Kinder empfunden hatte und der Frustration, als sie bemerkt hatte, dass James sie betrog. Es folgte die Trennung, eine schmutzige Scheidung und immer wieder der Streit um das Sorgerecht. Er hatte wieder geheiratet und war hier heimisch geworden. Sie jedoch konnte nicht Fuß fassen und ihr Ex tat alles, um ihre Eingliederung zu verhindern. Sie hatte halbtags einen Job gefunden als Erzieherin und ging nachts putzen, während Nachbarn auf die Kinder aufpassten. Am Anfang kamen sie einigermaßen rum und Jenny glaubte schon, doch noch Fuß zu fassen. Dann jedoch begann der Abstieg. Ihr Ex-Mann stellte die Zahlungen für die Kinder einfach ein und einen Anwalt konnte sie sich nicht leisten. Dem Kindergarten, in dem sie arbeitete, ließ er mitteilen, dass sie ein Alkoholproblem hätte, worauf hin sie sofort fristlos gekündigt wurde. Sie versuchte zu widersprechen, aber niemand hörte ihr zu. Den Nachbarn kam das gleiche zu Ohren. Auch sie wendeten sich ab, womit sie dann auch die zweite Stelle verlor. Sie versuchte zu sparen, wo es ging, aber es dauerte nicht lang, bis alles über sie herein brach. Ihre Kinder kamen zu Pflegeeltern und sie wurde zu drei Monaten Haft als Gegenleistung für ihre Schulden verurteilt. Vor fünf Tagen war sie entlassen worden. Sie war sofort losgegangen und hatte versucht einen Job zu kriegen. Aber wo sie auch anklopfte, niemand wollte eine ehemalige Strafgefangene einstellen. Ohne Job bekam sie aber keine Wohnung und ohne den Nachweis von beidem durfte sie ihre Kinder nicht sehen. Sie wollte nicht aufgeben, verließ die Stadt und versuchte es auf dem Land, aber so sehr sie es sich auch vorgenommen hatte, es gab keinen Weg aus diesem Sumpf. Egal was sie auch tat, sie scheiterte. Dabei lief ihr die Zeit davon. Noch 10 Tage. Bis dahin musste sie eine neue Adresse und ihren neuen Arbeitgeber angeben. Tat sie es nicht, würde man ihr das Sorgerecht auf Dauer entziehen. Immer mehr hatte die Verzweifelung Besitz von ihr ergriffen und dann begann sie zu laufen. Einfach nur weg – bis zu der Klippe.

 

Ethan hatte die ganze Zeit still zugehört. Zweimal hatte er sich kurz erhoben, um den Ofen neu zu bestücken und die Petroleumlampe anzuzünden, als die Schatten draußen länger wurden. Er sagte nichts, ließ Jenny einfach reden. „Den Rest kennst du“, sagte sie schließlich und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Sie wollte nicht, dass er ihre Tränen sah. Sie hatte sich so stark gefühlt, als sie erwachte, und nun war ihr ihr ganzes Elend wieder bewusst. Hätte sie James doch nie getroffen. Ihr wäre so vieles erspart geblieben und doch... „Wie heißen deine Kinder eigentlich?“. Fast erschrak sie beim Klang seiner Stimme. Es war, als hätte sie die ganze Zeit zu sich selbst gesprochen. „Jeff und Mark“, gab sie nun zurück. Da war es wieder dieses Lächeln. „Zwei Jungs also“. Ethan nickte anerkennend. „Und wie alt sind die beiden kleinen Männer?“ Jenny zögerte „Zwei und vier“, antwortete sie. Worauf wollte er hinaus? Ethans Gesicht war ernst geworden. „Und da hast du allen Ernstes überlegt, ob sie ohne dich nicht besser dran sind?“ Er schüttelte den Kopf. „In diesem Alter brauchen Jungs ihre Mutter besonders. Unabhängig davon, wie viel du ihnen materiell bieten kannst. Nichts ist so wertvoll und so unersetzlich für sie wie deine Liebe. Sie Fremden zu überlassen, oder einfach aufzugeben, hieße diese Liebe zu verraten. Ein Umstand, der nie wieder gut zu machen wäre. Lass es nicht zu, dass sie so jung schon seelisch verkrüppeln. Es ist deine Stärke und dein Vorbild, das sie irgendwann zu Männern machen wird. Für diese Verantwortung musst du bereit sein, alles zu geben. Das bist du ihnen schuldig.“ Er hatte leise gesprochen und doch brannten sich seine Worte in ihr Gehirn. Sein Blick hielt den ihren so sehr gefangen, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief. Dann stand er einfach auf und machte sich in der Kochecke zu schaffen.

 

Jenny schüttelte sich leicht. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“, fragte sie ihn erstaunt. Zorn regte sich in ihr. Glaubte er allen Ernstes, das sie nicht wüsste, was sie ihren Kindern schuldig war? „Was glaubst du eigentlich, was ich die ganze Zeit über versucht habe. Aber von Luft und Wasser können wir nicht leben. Ich kann ihnen ja noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf bieten.“ Sie merkte, dass sie dabei war, sich in Rage zu reden. Unbewusst war sie sogar aufgesprungen und ihm zu dem kleinen Tisch gefolgt. Ihre Lage war bedauernswert. Wie konnte er das einfach ignorieren?  Schon wollte sie nachsetzen, als er sich so unvermittelt zu ihr umdrehte, dass sie vor Erstaunen auf den einzigen am Tisch stehende Stuhl plumpste. „Hör’ endlich auf zu jammern und dich selbst zu bemitleiden.“, fuhr er sie scharf an. „Nicht du bist zu bedauern, sondern deine Jungs. Sie sind es, die der ganzen Situation schutzlos ausgeliefert sind. Du bist erwachsen, du hast es in der Hand zu handeln. Aber solange du heulend durch die Gegend rennst, wirst du nichts verändern und blind an jeder Chance vorbei rennen, die sich dir bietet. Also reiß dich gefälligst zusammen.“ Seine Stimme war bedrohlich leise geworden, so dass Jenny es nicht wagte, etwas zu erwidern. Das Thema war erledigt. Ohne weiter darauf einzugehen, griff Ethan nach zwei Tellern und füllte auf. Wortlos stellte er die gebackenen Bohnen mit Speck und einem Stück Brot vor Jenny hin. Seinen Teller behielt er in der Hand und schickte sich an zu gehen. Kurz vor der Tür drehte er sich noch mal um. „Iß, du wirst hungrig sein. Und dann solltest du schlafen. Morgen früh sehen wir weiter.“ Die Tür schloss sich hinter ihm.

 

Trotzig beschloss Jenny, das Essen nicht anzurühren. Doch der Duft, der ihr in die Nase zog und das Knurren ihres Magens, ließen sie diesen Trotz schnell vergessen. Hastig machte sie sich über das Mahl her und war der felsenfesten Überzeugung, noch nie etwas köstlicheres gegessen zu haben. Nachdem sie aufgegessen hatte, legte sie ihren Teller in die dafür vorgesehene Waschschüssel. Sie hoffte insgeheim, Ethan würde jeden Moment wieder reinkommen. Das Hufgetrappel auf dem Hof schalt ihre Hoffnung Lügen und so befolgte sie seinen Rat und begab sich wieder zu Bett. Lange lag sie wach und dachte über seine Worte nach. Sie wusste, das er Recht hatte, aber welche Chance sollte sie übersehen haben? Sie schlief über dieser Frage ein und träumte in dieser Nacht nach langer Zeit zum ersten Mal wieder von dem Lachen ihrer Kinder. 

   

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllte die Luft und ließ sie die Augen aufschlagen. Die Sonne schickte sich gerade erst an, mit ihren ersten Strahlen den Beginn eines neuen Tages zu verkünden und tauchte die Hütte in ein goldenes Licht. Ethan stand neben dem Bett und stellte die Tasse Kaffee auf den kleinen Ablagetisch daneben. Sie hatte nicht gehört, dass er in der Nacht zurück gekommen war. Schuldbewusst schluckte sie, als sie das Deckenlager auf dem Fußboden vor dem Ofen entdeckte. So viele Unannehmlichkeiten hatte sie ihm beschert, ohne das er es ein einziges Mal erwähnt hätte. Gerade wollte sie sich dafür bedanken, als er sich ihr zuwandte und sie anlächelte. „Guten Morgen, Jenny. Zeit zum Aufstehen. Heute beginnt dein neues Leben.“ – Ihre Worte blieben ihr im Halse stecken. Hatte sie sich gerade verhört? Doch noch ehe sie etwas sagen konnte, hatte er sich schon abgewandt. Er griff nach seiner Tasse und schickte sich an die Hütte zu verlassen, hielt dann aber noch kurz inne und warf ihr einen Stoffbeutel aufs Bett. „Da sind ein paar Sachen zum Anziehen drin“, sagte er leichthin. „Keine Ahnung, ob die Größe stimmt, probier sie einfach an.“ Er hatte die Tür schon erreicht, steckte aber den Kopf noch einmal hinein. „Ach ja, wenn du dich waschen willst, hier draußen ist ein Brunnen.“ Dann war er weg. Jenny brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Sie wurde aus diesem Mann einfach nicht klug. Gestern hatte er sie noch zurecht gestaucht und heute morgen war er wie ausgewechselt. Egal – sie beschloss seinem Rat zu folgen und das Leben einfach zu nehmen, wie es kam. Neugierig machte sie sich über den Beutel her. Er enthielt neben einer Haarbürste eine vollständige Garderobe vom Unterhemd, über Jeans, einen Pullover, einer Jacke bis hin zu einem Paar halbhohen Reitstiefeln. Die Kleidung war einfach und für die Umgebung zweckmäßig, aber trotzdem von sehr guter Qualität. Schon wieder geriet sie ins Stutzen, war es aber schnell leid, sich weiter Gedanken über Ethan und sein Leben zu machen. Mit der Zeit würde sie schon erfahren, mit wem sie es hier zu tun hatte. Mit sich selbst und ihrem Retter vorerst ausgesöhnt, machte sie sich auf dem Weg zum Brunnen. Das eiskalte Wasser weckte sie vollends und sie genoss das erfrischende Gefühl mit jeder Faser. Zurück in der Hütte zog sie sich schnell an und war dankbar für die wärmenden Sachen, die allesamt passten und sie zudem auch noch recht passabel aussehen ließen. Mit der Bürste fuhr sie sich durch die Haare. Schnell war ein neuer Zopf geflochten und Jenny kostete das Gefühl, sich wie ein Mensch zu fühlen, ausgiebig aus. Zufrieden mit ihrem Ergebnis, griff sie sich ihre Tasse Kaffee und trat durch die Tür.

Er stand locker an den Pferdpferch gelehnt, in einer Hand die Tasse, in der anderen eine halb aufgerauchte Zigarette und betrachtete den Sonnenaufgang. Zwei Pferde standen gesattelt neben ihm. Jenny verharrte eine Sekunde, um sich dieses Bild  einzuprägen. Sie wusste nicht, was er gemeint oder vor hatte, aber diese ganze Szene wirkte auf sie wie die Aufbruchstimmung schlechthin. Ethan, die Pferde, eine aufgehende Sonne, die die Lichtung in ihr gleißendes Licht hüllte – jetzt musste einfach alles gut werden. Tief durchatmend setzte sie sich in Bewegung.

Die Treppe vor dem Haus knarrte, als sie die letzte Stufe hinunterging. Ethan drehte sich um und stieß einen leisen Pfiff aus. Hoch erfreut nahm Jenny seine Reaktion zur Kenntnis. „Herzlichen Dank für die Sachen“, rief sie ihm entgegen, „Wie du siehst, passen sie perfekt.“ Spielerisch drehte sie sich vor ihm, was er mit einem weiteren anerkennenden Blick quittierte. „Na, das nenne ich eine Verwandlung“, entgegnete er lachend, als sie den Pferch erreichte. Jenny lächelte noch immer. Seit Ewigkeiten hatten sie sich nicht mehr so lebendig und frei gefühlt. Glücklich strahlte sie ihn an. „Ich möchte dir von ganzem Herzen danken, für alles was du für mich getan hast.“ Die Worte kamen tief aus ihrer Seele und sie war froh, sie endlich ausgesprochen zu haben. „Ist schon okay“, wehrte er ab und wollte sich abwenden. Doch diesmal ließ Jenny ihn nicht gehen. Ganz leicht nur legte sie ihre Hand auf seinen Arm und wurde Ernst. „Nein, Ethan, es nicht einfach okay“, sagte sie mit fester Stimme und fügte leise hinzu „Ich werde dir das niemals vergessen.“ Ohne weiter darüber nachzudenken, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Doch als sie sich wieder zurück ziehen wollte, hielt er sie fest. Für eine paar endlose Sekunden versanken ihre Blicke ineinander und ihre Gesichter waren sich ganz nah. Jenny schluckte. Sie hätte in diesem Blick versinken können. Erschrocken stellte sie fest, dass sie sich wünschte, er würde sie halten, sie küssen und ihr die Möglichkeit geben, sich in die Geborgenheit seiner Umarmung zu begeben. Sie sah wie sein Adamsapfel sich bewegte, als auch er mühsam schluckte. Doch dann gab er sie frei, trat einen Schritt zurück und machte sich an den Sätteln zu schaffen.

 

„Besser wir machen uns auf den Weg“, sagte er sichtlich bemüht um einen harmlosen Tonfall. „Meinst du, du kriegst das hin?“, fragend schaute er von Jenny zu der kleinen Stute, deren Zügel er nun in der Hand hielt. „Keine Angst, sie ist zahm wie ein Lamm“, fügte er aufmunternd hinzu. Er hatte den Satz noch nicht einmal ausgesprochen, als die Tiere wie wild zu tänzeln begannen. Instinktiv sprang Ethan in den Sattel seines Wallachs und hielt die Zügel der Stute fest umklammert. Immer lauter wurde das Geräusch von donnernden Hufen, deren Hall sich an den umliegenden Bergwänden brach, wie der Donner in der Nacht ihrer Ankunft. Zitternd drückte sich Jenny gegen die schützenden Stangen des Pferches. Und dann kamen sie. Plötzlich brachen sie aus dem Unterholz heraus und stoben über die Lichtung. Erde spritzte unter ihren Hufen auf wie Wasser. Der Boden bebte unter ihren tosenden Galoppsprüngen. Ein hellgrauer Hengst löste sich von der Gruppe und hielt direkt auf sie zu. Kurz vor Ethan stoppte er seinen Lauf, stieg auf die Hinterbeine und ließ ein markerschütterndes Wiehern ertönen. Auch Ethans Pferd stieg, doch er behielt die Kontrolle. Gleichzeitig landeten beide Tiere wieder auf ihren Vorderhufen und verharrten. Für einige endlos scheinende Sekunden maßen sich Mensch und Tier. Dann machte der Hengst auf den Hinterbeinen kehrt und stob davon. Seine Herde verschwand mit ihm genauso plötzlich, wie sie gekommen waren und es kehrte wieder Ruhe ein. Nur mit äußerster Mühe unterdrückte Ethan den Reflex ihnen hinterher zu jagen. Jenny klammerte sich noch immer krampfhaft an den Pferch und starrte ungläubig den Pferden hinterher. Schwer atmend saß Ethan ab, löste ihre Hände von den Stangen und nahm sie einfach in die Arme. „Was zur Hölle war das?“, krächzte sie. „Brumbies“, murmelt er leise, „Wildpferde“, fügte er dann erklärend hinzu, als er das Unverständnis auf ihrem Gesicht sah. „Er ist der Grund, warum ich hier lebe.“ Er hielt sie noch immer und drückte ihr jetzt einen leichten Kuss auf die Stirn. „Sie sind weg, also komm jetzt. Wir werden erwartet.“ Mit diesen Worten zog er sie hinter sich her, zu der kleinen Stute und half ihr beim Aufsitzen. Dann schwang er sich selbst in den Sattel und befestigte die Zügel der Stute an seinem Sattelknauf. Sie verließen die Lichtung in der entgegen gesetzten Richtung, in der die Brumbies verschwunden waren. Jenny riskierte einen letzten Blick über die Schulter. Die Hütte lag friedlich im Schein der nun vollends aufgegangenen Sonne.

 

 

Der Ritt dauerte etwa anderthalb Stunden und führte durch die Wälder stetig bergab. Sie schwiegen beide und hingen jeder seinen Gedanken nach. Zum ersten Mal hatte Jenny die Gelegenheit, sich das Land richtig anzuschauen. Sie verstummte angesichts der Schönheit der Landschaft und begann langsam besser zu verstehen, was ihr Begleiter an dem Leben in dieser Einsamkeit fand. Dann war der Wald zu Ende und vor ihnen breitete sich ein großer Talkessel aus. Saftige Weiden und vereinzelter Baumbestand zogen sich von dem einen Ende zum anderen. Ein kleiner Fluss zog seine Bahn mitten durch dieses fruchtbare Land, auf dem Rinder und Pferde friedlich nebeneinander weideten. Einige einzelne Stations lagen wie weiße Tupfer verstreut auf dem Grün. Unweit von ihnen zeichnete sich die größte von ihnen ab. Auf dem Innenhof wimmelte es nur so von Reitern. Ethan zügelte die Pferde und half Jenny beim Absitzen. Sie konnte sich gar nicht satt sehen. Zögernd schaute er sie von der Seite an. „Gefällt es dir?“, fragte er leise. Sie schnaubte zur Antwort. „Machst du Witze? – Es ist umwerfend.“ Ihr Gesicht strahlte, als sie ihn ansah. Ethan entspannte sich etwas. „Das große Gebäude da drüben ist Hawk’s Station. Ich war gestern abend hier und habe nachgefragt. Sie suchen jemanden, der ihnen im Haus und der Küche mit zur Hand geht.“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Der Lohn ist nicht hoch, aber okay, dafür sind Kost und Logis frei.“ Jenny starrte ihn mit offenem Mund an. Ethan stutze und fuhr dann vorsichtig fort: „Die Probezeit dauert sechs Wochen. Wenn alles gut geht, könntest du dann sogar deine Jungs herholen. Was meinst du? Könntest du dir vorstellen, hier zu arbeiten?“ Jenny fehlten die Worte. Völlig überwältigt ging sie in die Hocke und überließ sich ihren Freudentränen, während sie ihren Blick nicht von dem wunderschönen Fleck Erde vor ihr lassen konnte. Er hatte Recht gehabt, die Chancen liefen einem einfach über den Weg. Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Es gab einen Neuanfang für sie und mit etwas Fleiß, Disziplin und Glück ihrerseits auch für ihre Kinder. Den Beiden würde es hier mit Sicherheit gefallen. Jenny wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. Über das ganze Gesicht strahlend wandte sie sich an Ethan, der abwartend hinter ihr stand. Aus einem Impuls heraus umarmte sie ihn und hielt ihn fest. „Ich habe keine Ahnung, womit ich es verdient habe, dir über den Weg zu laufen. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass das Beste war, was mir seit Jahren passiert ist.“, Sie sah auf. „Danke Ethan – für alles.“ Jenny wollte fortfahren, doch er legte ihr seinen Finger auf den Mund, um dann sacht darüber zu streichen. Langsam, fast zögerlich beugte er sich zu ihr hinunter und berührte ihre Lippen mit den seinen. Unglaublich zärtlich erkundeten sie einander, wurden mutiger, fordernder. Sein Griff um ihre Taille wurde fester, zog sie noch näher zu sich. Behutsam bat sein Zunge um Einlass, den Jenny ihm nur zu gerne gewährte. Längst hatte sie sich an ihn verloren, fühlte wie er ihre Leidenschaft entfachte und ihre Sehnsucht nach Liebe wach rief. Sie wünschte, dieser Kuss würde niemals enden, und doch standen sie irgendwann schwer atmend aneinander gelehnt, um Luft zu schöpfen. Jenny war unfähig sich zu bewegen, aus Angst, den Moment zu zerstören. Sie sehnte sich nach mehr, merkte aber wie Ethan zögerte, sich vorsichtig zurück zog, sie aber dennoch fest in den Armen behielt. „Irgendwann wirst du vielleicht erfahren, wie sehr diese Hilfe auf Gegenseitigkeit beruht. Aber bis dahin brauche ich noch etwas Zeit.“, sagte er leise. Jenny nickte. So sehr sie sich auch nach ihm sehnte, es würde für beide besser sein, wenn sie es ruhig angehen ließen. Zumindest konnte sie aus seinen Worten schließen, dass es ein Wiedersehen geben würde, aber sie musste sicher sein. „Heißt das, das ich dich wiedersehe?“, fragte sie vorsichtig. Ethan lachte befreit. „Aber sicher! Irgendwer muss dir schließlich das Reiten beibringen, oder?“  Eine letzte Umarmung und er zog sie mit sich fort zu den Pferden. „Komm, mal sehen, wer als erster den Hof erreicht“, rief er übermütig, hob sie den Sattel, schwang sich in seinen und trieb die Pferde zum Galopp. Jenny wurde beinahe schwindelig als die Tiere sich mit ausgreifenden Schritten willig in Bewegung setzten. Aber sie machte Fortschritte, passte sich an die Bewegung an und spürte zum ersten Mal in ihrem Leben das berauschende Gefühl auf einem Pferd dahin zu jagen und den Wind in den Haaren zu spüren.

 

Ethan zügelte die Tiere erst, als sie den Innenhof der Station schon beinahe erreicht hatten. Seine Augen blitzten und sein Gesicht strahlte, als er sie anlächelte. „Willkommen in deinem neuen Leben, Jenny.“, raunte er ihr zu. Sie wollte etwas erwidern, kam aber nicht dazu, da sie nun die anderen Reiter erreicht hatten. Von allen Seiten wurde Ethan begrüßt. Ein buntes Durcheinander von verwegen ausschauenden Männern umgab sie mit einem Mal, deren Menge sich aber doch auf wundersame Weise vor ihnen teilte und hinter ihnen schloss, bis sie den Eingang des Haupthauses erreicht hatten. Dort saß Ethan ab und verschwand im Innern. Auch Jenny schaffte es alleine abzusteigen und wartete geduldig. Sie konnte die neugierigen Blicken der Männer spüren, während sie bangte und betete, dass der Eigentümer dieser Station es sich nicht noch anders überlegen würde und ihren Traum im letzten Moment wie eine Seifenblase zerplatzen lies. Endlich erschien Ethan wieder an der Tür, dicht gefolgt von einer älteren rundlichen Frau, die eine weiße Schürze trug und einen sehr bestimmten, aber doch herzlichen Eindruck machte. Sie kamen geradewegs auf sie zu. „Luise, das ist Jenny.“, stellte er die beiden Frauen einander vor. „Luise ist die gute Seele des Hauses. Sie wird dich unter ihre Fittiche nehmen und dir alles zeigen, was du wissen musst.“, sagte er an Jenny gewandt. „Das du mir gut auf sie aufpasst“, fuhr er dann scherzhaft mahnend zu Luise fort. Er umarmte die Frau herzlich und wandte sich dann an Jenny. „Bis bald, Mädchen und viel Glück“, sagte er leise, zögerte kurz und beugte sich dann doch herab. Der Abschiedkuss war kurz und nur ein Hauch dessen, was sich am Waldrand abgespielt hatte. Trotzdem war es Jenny als wäre der Innenhof von einer Sekunde zur nächsten völlig still. Verwirrt fing sie den überraschten Blick von Luise auf, als Ethan sich auch schon auf ein frisches Pferd schwang, dass einer der Stallburschen für ihn bereit hielt. Ein letzter Blick, ein kurzes Tippen an die Hutkrempe als Gruß und schon wandte er sich den Männern zu, die scheinbar alle auf ihn gewartet hatten.

 

Luise war augenblicklich an Jennys Seite und zog sie mit sich hinter den sicheren Zaun des Vorgartens. Sie hörte Ethans Stimme, konnte aber seine Worte nicht verstehen. Dann ging ein Gejohle durch die Menge und die Masse aus Männern und Pferden setzte sich in halsbrecherischem Galopp in Bewegung. Ethan ritt an der Spitze und Jenny konnte nicht anders, als den Männern fasziniert hinterher zu blicken. Luise beobachtete sie interessiert. „Scheint als wärt ihr Euch da oben in den Bergen sehr nah gekommen...“, stellte sie trocken fest. „Ja“, antwortete Jenny versonnen, während sie insgeheim schon von einer glücklicheren Zukunft träumte, „dabei weiß ich noch nicht mal seinen vollen Namen “, setzte sie nachdenklich hinzu. Luise antwortete mit einem schallenden Lachen. „Das ist mal wieder typisch für ihn. Wahrscheinlich hälst du ihn auch noch für einen armen Schlucker, weil er da oben in dieser miserablen Hütte haust.“ „Die Hütte ist einfach, aber nicht miserabel. Schließlich sind Geld und Luxus nicht alles, was zählt.“, entfuhr es ihr aufgebracht. Sie wollte sich nicht mit Luise streiten, aber etwas mehr Respekt hatte Ethan in ihren Augen schon verdient. Die Ältere presste die Augen zusammen und betrachtete sie mit undurchschaubarem Blick. „Schon gut“, beschwichtigte sie Jenny, „so allmählich begreife ich, was er an dir findet. Aber etwas solltest du wissen. Du stehst hier auf der größten und einflussreichsten Station des Bezirks und dazu gehört nicht nur Land, sondern auch Geld. Auch wenn es zugegebener maßen Menschen gibt, denen man ihren Reichtum nicht ansieht. Dein neuer Boss ist so ein Mensch und sein Name ist Ethan Hawk.“

ASIS