Dämonen/demons
by MsMAC
demin-blues figments

Übersetzung Barbara Müller

Teil 1

Jeder hat Dämonen (so nennt sie Lynn): Dinge, die dich mitten in der Nacht aufwecken; Dinge, die dir die Freude am Leben nehmen und es verderben; Dinge, die das Glück aus allem raussaugen – wenn du sie lässt.

Manche von ihnen kannst du sehen – du kannst sie verhaften oder erschießen oder sie wenigstens brutal zusammenschlagen.

Und dann gibt es die, die du nicht sehen kannst. Das sind die, die nur schwer zu erkennen sind. Lynn sagt, manchmal ist man sich gar nicht bewußt, dass sie dein Leben bestimmen, bis sie dich niederschlagen und überfahren.

Sie ist eine kluge Lady. Keine Ahnung, was sie in mir sieht, aber sie hat mich in meinen schlimmsten Momenten erlebt und will mich anscheinend trotzdem immer noch um sich haben. Ich bin kein Genie, aber ich bin auch nicht blöd genug, um mit ihr darüber zu diskutieren.

Ich wollte es einmal, wenn nicht meine Kiefer zugedrahtet gewesen wären. Als ich im Krankenhaus aufwachte, saß sie da neben meinem Bett. Ich schätze, wenn ich meinen Mund hätte aufmachen können, hätte ich sie wahrscheinlich verscheucht.

Ich hasse Frauenschläger. Ich hasse sie. Wenn ich dächte, dass ich damit davon kommen könnte, würde ich sie alle an die Wand stellen und die Reihe entlang gehen mit meiner .38-er, eine Kugel für jeden, Trommel leeren und nachladen, bis sie alle am Boden liegen. Ich kenne ein paar Frauen, die mir helfen würden. Und den Leichen vielleicht anschließend noch einen Tritt geben würden.

Und dann hole ich aus und schlage die Frau, von der ich dachte, daß ich sie vielleicht liebe, die einzige Person auf der Welt, die sich so benahm, als könnte sie mich vielleicht zurück lieben. Schwer zu begreifen. Vielleicht war ich doch nicht besser als der Abschaum, den ich vernichten wollte.

Ich bin nicht der Typ, der sich eine Knarre in den Mund steckt und den Abzug drückt. Das ist einfach etwas, das ich nicht machen würde. Aber als ich das erste Mal im Krankenhaus aufwachte und sie dort sah, mit den violetten Blutergüssen auf ihren Wangen... da wollte ich meine Augen schließen und einfach nur... aufhören... ich schätze ich dachte, es wäre in Ordnung, wenn ich jetzt einschlafen und nie wieder aufwachen würde. In jeder Hinsicht besser.

Ich erinnere mich, als ich das nächste Mal wach war, da gab es irgendwie eine Menge Lärm. Ich glaube, zum Teil war es Lynn, die schrie, aber ich bin mir nicht sicher; meine Erinnerung ist nicht besonders gut. Alles, woran ich mich gut erinnern kann, ist, wie heftig meine Brust weh tat, und wie schwer mir das Atmen fiel. Ich wollte irgendwie aufhören zu atmen, aber ich konnte es einfach nicht. Ich war nur froh, als jemand kam, mir eine Nadel in den Arm steckte und ich wieder weg war.

Zu Anfang fragte ich mich gelegentlich, ob ich in der Hölle sei. Ich hatte niemals erwartet, das Victory Motel lebend zu verlassen. Vielleicht war ich dort auf dem Boden verblutet, und dies war meine Strafe.

Es machte irgendwie Sinn. Ich weiß, ich habe eine Menge Sachen getan, die Gott wahrscheinlich nicht mögen wird. Ich konnte mich kaum bewegen, meine Brust und mein Gesicht taten entsetzlich weh, ich konnte nicht reden – Mann, das war beängstigend – und ich hatte Lynns Gesicht, um mich daran zu erinnern, weshalb ich hier war. Schmerz, Angst, und schuldig wie die Sünde. Yeah, das hätte die Hölle sein können.

Gott sei Dank schlief ich viel.

Als ich einmal aufwachte, lag Lynns Kopf auf dem Bett neben meiner rechten Hand. Ich konnte meine Finger ein wenig bewegen, ihr Haar berühren, das seidenweiche Haar, das so leicht zerwühlte. Ich hatte nicht vor, sie zu wecken, aber sie setzte sich auf und sah auf meine Finger auf dem Bett. Sie lehnte sich herüber und küsste mich. Ich konnte sie nicht zurück küssen. Alles, was ich tun konnte, war, sie anzusehen – ich wollte ihr sagen, wollte sie wissen lassen, wie sehr ---

"Sch-sch," sagte sie. "Ich weiß."

Ich war nicht gerade sicher, ob sie das wirklich tat.

"Es wird alles gut werden." Ich musste wegschauen – jetzt log sie mich an.

"Nein, wirklich," sagte sie. "Ich werde so lange hier bleiben, bis es Dir besser geht, und dann werden wir reden." Ihre Fäuste ballten sich um zwei Händevoll Decke, strichen sie dann wieder glatt. Ihre Stimme wurde ganz leise, wie immer, wenn sie etwas wirklich wichtiges sagt. "Ich habe Dich verletzt. Ich wollte das nicht, aber ich hab' es getan. Und wenn Du mir nicht vergeben kannst, dann..." sie holte tief Luft, "...wenn Du später willst, daß ich gehe, dann werde ich das tun. Aber für den Moment werde ich hier bleiben."

Ich musste meine Augen schließen, ich konnte sie nicht ansehen. Ich denke nicht, daß ich hätte sagen können, was ich fühlte, selbst wenn ich hätte sprechen können. Sie sagte später, daß ich nicht reden müsse, sie sähe immer alles in meinem Gesicht. Ich verstehe das nicht. Meine Mutter hat auch immer sowas gesagt. Muss wohl so ein Frauending sein.

Sie umarmte mich so gut es ging, ohne die Verbände und Schläuche durcheinander zu bringen. "Mach Dir keine Sorgen," flüsterte sie. Ich bewegte meine Finger, und sie nahm meine Hand. Ich hielt sie fest und ließ nicht wieder los.

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 Sie war oft da, nicht jede Minute, aber wenigstens jeden Tag. Sie sagt, daß sie mir viel erzählt hätte, aber ich schätze, ich war immer wieder mal weg, und ich erinnere mich auch kaum, daß sie überhaupt geredet hat, geschweige denn worüber.

Ich kann mich irgendwie erinnern, daß sie da angefangen hat, von Dämonen zu sprechen. Später hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, und ich habe entschieden, daß sie damit recht hat. Es gibt Dämonen, die man sehen kann, und dann gibt es die, die man nicht sehen kann.

Natürlich stellte sich heraus, daß ich von beiden welche habe.

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Bisbee war ganz schön anders als LA. Ich schätze, ich hatte erwartet, daß es genauso wäre, nur kleiner. Aber es gab mehr Unterschiede als nur das. In LA zum Beispiel, wenn man da jemandem den Finger zeigt, bekommt man für gewöhnlich das gleiche zurück. Oder schlimmer. Nicht so in Bisbee.

Als wir zuerst dort ankamen und uns häuslich einrichteten (Lynns Schwester Patty hatte für uns ein Haus zur Miete gefunden), war ich immer noch zu schwach, um bei irgendetwas eine große Hilfe zu sein; die Damen tapezierten, bewegten Möbel, und ich stand nur immer im Weg rum. Lynn stellte mir draußen einen Stuhl hin, auf dem ich sitzen konnte, und brachte mir von Zeit zu Zeit Limonade oder was anderes (wenn sie mal eine Pause brauchte, schätze ich). Und jeder in der Stadt konnte einen guten Blick auf den Nichtsnutz werfen, der im Schatten saß, während seine Frau sich zu Tode rackerte. Ich hatte noch nie in einer Kleinstadt gelebt; Lynn sagte mir, daß alle einfach nur interessiert wären. Aber nach einer Weile ging mir all das Glotzen und Starren gewaltig auf den Geist, und ich konnte ihnen noch nicht mal sagen, daß sie sich verpissen sollen. Das tagtägliche Rumsitzen auf dem Stuhl da trieb mich langsam in den Wahnsinn.

Als also dieser alte Kerl mit seinem bescheuert aussehenden Pudel vorbeiging, anhielt und glotzte, ließ ich ihn einen langen Blick auf meinen Finger werfen. Ich hoffte beinahe, er würde etwas sagen oder tun, ganz egal was, mir wäre alles recht gewesen.

"Oh Gott, Lynnie, Dein Freund hat gerade Reverend Skinner den Finger gezeigt!"

Patty. Verdammt.

Lynn kam nach draußen geeilt, beugte sich zu mir runter, um mir einen zärtlichen Kuß auf die Stirn zu geben, und knurrte leise, "Dafür werden Sie bezahlen, mein Herr." Dann lief sie den Bürgersteig hinunter zu dem alten Kerl. Ich hörte auf zuzuhören, nachdem sie "Sie müssen meinen Ehemann entschuldigen, Reverend, er ist gerade aus dem Krankenhaus gekommen und ist einfach nicht er selbst..." gesagt hatte. Das hatte ich alles schon mal gehört.

Und was macht sie dann? Sie bringt den alten Knacker mit auf die Veranda, setzt ihn neben mich und sagt, "Ich weiß, daß Bud sich über die Gesellschaft freuen wird. Ich danke Ihnen vielmals." Sie brachte ihm ein Glas und ging hinein. Toll. Vielen Dank, Baby, dachte ich bei mir, das ist genau das, was ich jetzt brauche.

Wie sich jedoch herausstellte, war es genau das, was ich brauchte. Der alte Kerl entpuppte sich als ganz schön interessant. Er war nicht ständig am Predigen, wie ich erwartet hatte. Er erzählte mir davon, wie er während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich gewesen war; er sagte es zwar nicht direkt, aber ich bekam den Eindruck, daß er als Soldat ganz schön beschissen gewesen war. Als er am nächsten Tag wiederkam, brachte er ein paar Bücher mit. Zeitweise las er mir vor – ich glaube, es war Kipling; ansonsten redete er nur. Vielleicht war ich auch genau das, was er brauchte; was er mir in den kommenden Tagen erzählte, waren teilweise ziemlich private Dinge. Vielleicht hatte er vergessen, daß ich die Drähte auch irgendwann wieder loswerden würde; vielleicht war er einfach nur zu vertrauensselig. Keine Ahnung.

Eines Tages zog er einen Notizblock und einen Bleistift aus seiner großen Manteltasche. "Ich habe die Unterhaltung bisher ganz allein bestritten," sagte er mit einem Lächeln. "Vielleicht würden Sie gerne etwas zu mir sagen."

Ich schüttelte den Kopf und zuckte mit den Achseln. Was sollte ich erzählen? Seit Wochen hatte ich nichts anderes getan, als hier auf der Veranda zu sitzen und in einem Krankenhausbett zu liegen.

"Die kleine Lynnie sagt, Sie wären Polizist gewesen."

Ich nickte.

"Ich denke mir, es muss sehr erfüllend sein, seine Zeit damit zu verbringen, anderen Leuten zu helfen."

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Manchmal war es so einfach, das zu vergessen.

"Wie wurden Sie verletzt?"

LYNN IHNEN ERZÄHLT? schrieb ich.

"Sie sagte, Sie wären angeschossen worden, aber nicht, wie es passiert ist."

DRECKIGER COP.

"Ein anderer Polizist hat auf Sie geschossen? Das ist furchtbar!"

So verlief der Rest des Tages. Er stellte weiter Fragen, und ich schrieb weiter Antworten. Ich log ihn nicht an. Egal was er fragte, ich sagte ihm die Wahrheit, solange ich es mit zwei oder drei Worten tun konnte. Als er sich schließlich zurücklehnte und sagte, er müsse gehen, war ich erschöpft. Er schien wirklich aus der Fassung gebracht, besonders nachdem er gefragt hatte, ob ich jemals jemanden umgebracht hätte, und ich VIELE geschrieben hatte.

Während er seinen Hut aufsetzte und die Leine von diesem bescheuerten Hund holte, schrieb ich SIE IN ORDNUNG?

"Ja... ja, es geht mir gut... ich sehe jetzt, daß ich auf einige Ihrer Antworten nicht vorbereitet gewesen war. Sie klangen so lässig... ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen."

WARUM DANN FRAGEN?

"Ich lerne Sie kennen, mein Sohn," sagte er. "Sie haben in Ihrem Leben ganz andere Erfahrungen gemacht als ich, und während mich einiges von dem, was Sie mir erzählt haben, erschauern lässt, stelle ich doch fest, daß ich mehr darüber hören will, falls es Ihnen nichts ausmacht, mir davon zu erzählen."

Er setzte sich wieder neben mich. "Was ist los? Ist etwas nicht in Ordnung?"

NICHT IHR SOHN.

"Nein, nein, tut mir leid, ich bin wohl zu vertraulich. Ich hatte nie selber einen Sohn, wissen Sie, und... stehen Sie und Ihr Vater sich nahe?"

NEIN.

"Habe ich Sie erschöpft? Ich werde gehen; und morgen wiederkommen, wenn es Ihnen nichts ausmacht, jeden Tag von einem alten Mann belästigt zu werden." Er schloß den Notizblock und steckte ihn wieder in seine Tasche. "Seit Mrs. Skinner nicht mehr da ist, fällt es mir manchmal schwer, die Zeit auszufüllen. Ich denke, mir werden unsere Unterhaltungen gefallen, Bud." Er klopfte mir auf die Schulter und ging.

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Es war seltsam, in diesem Haus in Bisbee zu leben. Lynn richtete es wirklich hübsch ein, viele Blumen und helle Farben und überall Krimskrams, wirklich süß. Ich hatte noch nie in so einem Haus gewohnt. Mein alter Herr mochte diesen ganzen "Mädchen-Scheiß" nicht, und so hatten wir keine hübschen Sachen, als ich ein Kind war. Meine Tante hatte für diese Dinge auch keinen Sinn, und in den Pflegefamilien... naja, die gaben sich eh keine Mühe.

Ich fühlte mich hier komisch; ich mochte es, aber manchmal hatte ich das Gefühl, daß ich hier nicht ganz hingehörte.

Und es war seltsam, mit Lynn zu leben. Sie kochte, sie machte die Wäsche, sie räumte hinter mir her und machte sauber. Sie half mir beim An- und Ausziehen, sie wechselte die Verbände und reinigte die Drainage-Schläuche, die immer noch in meiner Brust und meinem Gesicht steckten.

Sie schlief allein. Und ich hatte nicht vor, ihr einen verdammten Zettel zu schreiben, um sie nach dem Grund zu fragen.

Scheiß drauf, ich wusste es sowieso schon. Ich habe Frauen nie verstehen können, die mit den Kotzbrocken schlafen wollen, die sie verprügeln. Manche tun das – aber Lynn war zu gescheit dafür.

Sie hatte mir versprochen, bei mir zu bleiben, bis es mir besser ging, und sie hielt dieses Versprechen. Ich wusste das.

Seht mal, worum es im Grunde ging war, daß sie mir fehlte. Sie war zwar da – Tag für Tag - aber sie war nicht mit mir zusammen, versteht ihr? Ich verbrachte mehr Zeit mit dem Prediger als mit ihr.

Es fehlte mir, sie zu küssen. Sie konnte toll küssen, wir hatten oft Stunden --- naja, vielleicht viele Minuten, zumindest --- mit Küssen zugebracht, und nichts sonst. Ich rechnete nicht damit, daß es in meiner näheren Zukunft irgendwelches Küssen geben würde, selbst nachdem der Doktor die Drähte aus meinen Kiefern entfernt hatte.

Ich hätte sie gleich gehen lassen sollen, anstatt sie noch so lange festzuhalten. Das wäre vielleicht einfacher gewesen als sie die ganze Zeit zu sehen und doch zu wissen, daß sie nicht länger mein war. Aber vielleicht... ganz egal, wie sehr ich es gewollt hatte... vielleicht war sie niemals mein gewesen.

"Lass uns nach oben gehen, Bud, ich helfe Dir beim ins Bett gehen."

Ich konnte nicht. Ich wollte sie. Nicht nur Sex... ich wollte sie, neben mir, bei mir... und sie sollte mich auch wollen.

Etwas zu wollen von dem man weiß, daß man es nicht haben kann, ist eine Sache. Es sie wissen zu lassen und ihre Ablehnung zu hören, ist was anderes. Ich wusste nicht, warum es diese Nacht anders war, aber heute Nacht würde ich es nicht für mich behalten können. Heute Nacht würde sie es herausbekommen.

"Bud? Ich kann nicht auf bleiben – Patty und ich wollen uns morgen früh einige leerstehende Läden ansehen."

Ich versuchte, sie weg zu winken, ihr zu sagen, daß sie ruhig vorgehen und alles bis morgen liegen lassen sollte, aber sie hockte sich neben meinem Stuhl hin und nahm meine Hand. "Bud, Liebling?"

Ich zog meine Hand weg. Und machte den Fehler, ihr ins Gesicht zu sehen... oh Gott, ist sie schön. Sie nimmt mir den Atem.

"Was ist? Was ist denn los?"

Da war eine Haarsträhne direkt neben ihrem Auge – ich konnte mich nicht beherrschen, ich streckte die Hand aus und bewegte sie mit dem Finger, berührte sie dabei ein ganz wenig...

Schluß damit, dachte ich. Ich quälte mich nur unnötig. Ich stand abrupt auf und ging langsam um sie herum zur Treppe. Im Moment tat ich alles so – langsam --- und so war es für sie ein leichtes, mich einzuholen. Sie nahm meinen Arm und half mir nach oben in den zweiten Stock.

Das ganze allabendliche Ritual – mich ausziehen, alles waschen (inklusive mich), und alles andere, was mit den Schläuchen und Verbänden getan werden muss – dauert etwa 45 Minuten. Sie stand neben mir, als wir fertig waren, ich saß auf dem Bettrand in meinen Shorts, und sie hatte mich die ganze Zeit berührt und roch so gut... ich schätze, ich hörte einfach auf zu denken. Ich beugte mich vor, lehnte meine Stirn an sie und sog ihren Duft ein. Quälte mich selber. Ihre Hand, kühl auf der Haut in meinem Nacken; ihre Stimme, sanft und warm --- ich war verloren. "Baby..."

Ich schlang meinen gesunden Arm um ihre Oberschenkel und hielt sie an mich gepresst. Nach einer Minute drückte sie gegen meine Schultern... ich ließ sie los. Ich hob meine Beine hoch ins Bett und deckte mich zu, ohne sie anzusehen. Den gesunden Arm legte ich über meine Augen.

Ich wartete darauf, daß sie etwas sagt. Keine Ahnung, was ich erwartete, aber wahrscheinlich etwas, das ich nicht mögen würde. Aber sie sagte nichts. Es sah so aus, als würde sie es einfach ignorieren. Schätze, ich sollte dankbar dafür sein. Ich schloß meine Augen und wartete darauf, daß sie gehen würde.

Die raschelnden Geräusche klangen so, als ob sie meine Kleider aufheben würde, um sie mit nach unten zu nehmen. Ich atmete tief ein und fragte mich, wie ich einschlafen sollte. Nicht, daß es wichtig war. Gab sowieso keinen Grund für mich, am nächsten Morgen aufzustehen.

Und dann schlüpfte sie, nackt, neben mir unter die Decke, zog meinen Arm runter und um sich herum und sah mir in die Augen.

"Kennst Du mich nicht?"

Ich wollte sie so sehr küssen, daß es weh tat.

"Kennst Du mich nicht, Baby? Weißt Du nicht, was ich will?"

Ich strich mit der Hand ihren Körper hinunter, entlang an ihrem geschmeidigen Rückgrat. Schloß die Augen und konzentrierte mich darauf, wie ihre Haut an der meinen entlang glitt, auf ihren Atem auf meinem Gesicht, ihr Haar auf meiner Schulter.

"Du gibst mir das Gefühl, eine echte Person zu sein. Das ist alles, was ich brauche; alles, was ich will. Naja, außer diesem großen Kerl hier vielleicht." Sie fasste mich dort an, als sie das sagte, und dann kicherte sie kurz. Dieser süße Klang bringt mich immer zum Lächeln. Ihre Zähne umschlossen mein Ohrläppchen, ihre Zunge spielte damit, und ich erschauerte und machte ein Geräusch. Sie wusste schon immer, was sie tun musste, um mir unter die Haut zu gehen, auch wenn es heute Nacht nicht viel mehr war als einfach nur bei mir zu sein. Sie flüsterte, "Ich weiß, es gibt viele Dinge, die Du sagen willst, Baby; und ich will sie hören. Ich wollte eigentlich warten, bis wir reden können. Aber vielleicht ist das hier besser... Es wird Dir doch nicht zu sehr weh tun?" fragte sie. "Ich will Dir nicht weh tun."

Ich schlang meinen Arm um ihre Hüfte und beantwortete ihre Frage auf die einzige Art, die ich wusste.

 

Teil 2

Der Reverend kam weiterhin fast jeden Tag zu Besuch. Er fing an, auch andere Sachen als Kipling zum Vorlesen mitzubringen. Manchmal ließ er mir Bücher da zum Lesen, und manchmal las ich sie auch. Einmal erwähnte er, daß ich zufriedener wirken würde. Ich hatte das Gefühl, daß ich ihm den Grund dafür nicht sagen sollte.

Manchmal nannte er mich Sohn, und ich gewöhnte mich dran. Naja, gut, okay, vielleicht fing ich auch ein bißchen an, es zu mögen. Für einen alten Kerl war er in Ordnung. Da wo ich aufgewachsen bin, hätte er keine Woche überstanden, aber ich schätze, in Bisbee kam er gut zurecht.

Ich fing an, ein wenig zu laufen. Einmal den Block runter und wieder rauf, das war so ziemlich alles, was ich zu Anfang schaffte. Lynnie war viel im Laden, und so begleitete mich der Rev. Leute winkten im Vorbeigehen, und der Rev erzählte mir, wer sie waren und ein wenig Klatsch – zumindest den harmlosen. Nach ungefähr drei Wochen schaffte ich es fünf Blocks weit und wieder zurück.

Der Arm kam aus der Schlinge, der Schlauch aus meiner Wange; der Doc meinte, er wolle noch etwas warten, bevor er die Drähte aus meinem Kiefer entfernen würde.

Als wir nach einem unserer Spaziergänge auf den Verandastufen saßen, wurde der Rev wieder neugierig.

"An dem ersten Tag, an dem wir uns kennenlernten, Sohn, da hab ich Sie gefragt, ob Sie mal jemanden ermordet hätten. Erinnern Sie sich?"

Ich nickte.

"Ich habe versucht zu warten, bis Sie wieder vollständig genesen sind, bevor ich Ihnen weitere Fragen stelle – ich weiß, wie schwierig es ist, etwas zu erklären, wenn man alles aufschreiben muss... Aber es lässt mir keine Ruhe... Sie scheinen ein so netter junger Mann zu sein..."

Ich wartete.

"Sie scheinen es so lässig zu sehen. Während des Krieges konnte ich es kaum aushalten, meine Waffe abzufeuern... Oh, auf Zielscheiben, das bekam ich hin, aber auf Menschen... das konnte ich einfach nicht. Macht es Ihnen gar nichts aus, daß Sie Menschen das Leben genommen haben, selbst wenn es in Notwehr geschah?"

Ich war versucht, ihm eine klugscheißerische Antwort zu geben, aber es schien dem alten Kerl so wichtig zu sein, daß ich es nicht konnte. Ich dachte einen Moment darüber nach.

NICHT SEHR.

"Aber wie rechtfertigen Sie es vor sich selber, daß Sie Menschenleben genommen haben, selbst wenn... es tut mir leid, ich weiß, es geht so nicht... ich werde wohl einfach warten müssen..."

ABSCHAUM.

Er sah langsam von dem Blatt hoch. "Bud... jeder Mensch ist ein Kind Gottes... jedes Leben ist wertvoll..."

Ich schüttelte den Kopf. ABFALL. Noch bevor er das richtig hatte lesen können, riss ich den Notizblock wieder an mich. SOLL GOTT SIE HABEN.

"Es gibt keinen, dessen Verlust wieder gutzumachen wäre, Sohn."

Ich zeigte auf ihn, dann auf die Stadt. WAS WISSEN SIE SCHON?

Er brauchte eine Minute, um zu verstehen, was ich versuchte zu sagen. "Ja, ich habe fast mein ganzes Leben hier in Bisbee verbracht, und vielleicht habe ich nicht die gleichen Erfahrungen gemacht wie Sie ---"

Das war ja mal so was von sicher.

"---aber die Leute sind überall gleich, Sohn, sie tun alle ihr bestes ---"

NEIN. Ich schlug auf den Notizblock, damit ihm klar war, daß ich es ernst meinte. NEIN.

"Bud... das klingt beinahe, als würden Sie glauben, daß es Menschen gibt, die es nicht verdienen zu leben ---"

Ich glaube, er dachte, daß mich das schocken würde, daß ich nachgeben müsste. Aber von dieser Sache hatte ich eine Ahnung. Ich nickte nur.

Dazu fiel ihm nichts zu sagen ein. Warum hatte er mich das gefragt? Es regte ihn nur auf. Und ich war mir nicht sicher, ob ich es ihm begreifbar machen konnte.

GERECHTIGKEIT.

"Nur Gott hat das Recht zu richten, Sohn."

WO?

Er runzelte die Stirn. "Wo... wo...ist Gott? Meinen Sie das?"

Nah genug.

"Er ist überall, er ist immer hier bei uns."

Ich schüttelte den Kopf. WENN MENSCHEN BLUTEN.

"Wenn wir in Schwierigkeiten sind, wenn wir Schmerzen haben, ist er für uns da, wir müssen ihn nur anrufen."

Ich schüttelte den Kopf und zeigte auf mich selbst. Das war komplizierter, und er wollte es sowieso nicht wirklich verstehen --- ich nahm den Notizblock und legte ihn auf meinen Schoß.

HABE GOTT DORT NIE GESEHEN. WARTE DASS ER GERECHTIGKEIT BRINGT, DER ABSCHAUM TUT ES WIEDER.

Ich gab ihm den Notizblock.

"Also... sorgen Sie für Gerechtigkeit?"

Ich sollte nicht so mit ihm reden, das wusste ich. Er lebte ein anderes Leben, in einer anderen Welt. Er mochte mich aus irgendeinem Grund , warum wollte ich das kaputt machen?

"Also sind Sie Richter und Geschworene?"

Oder mochte er wirklich mich? Was dachte er wohl, wen er jeden Tag hier auf der Veranda besuchte? Was dachte er, wen er da kennenlernte? Der Stumme, der mit der kleinen Lynnie lebte, der stille Mann, der nichts anderes tat als lesen und nicken und lächeln? Der Invalide, dem er vorlesen konnte, dem er seine sehr sauberen Witze erzählen konnte, den er Sohn nennen konnte? Er kannte mich nicht. Er wusste nichts über mich oder mein Leben.

Plötzlich schien es wichtig zu sein, daß er es verstand. Ich hatte keine Illusionen. Sobald er erstmal etwas über mich wusste, das wahre mich, würde er mich wahrscheinlich wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Und wer konnte es ihm verdenken? Aber wenigstens würde ich ihm nichts vor machen. Was auch immer er beschließen würde zu denken, er würde es über MICH denken, nicht über irgendeinen vorgetäuschten Sohn, den er in seinem Kopf erschaffen hatte – solange ich nur ehrlich mit ihm war.

Trotz alledem war es wirklich bescheuert, es zu tun, aber ihr kennt mich – ich tat es dennoch.

UND HENKER.

Lynn fuhr in die Auffahrt, während der Rev über diese zwei Worte nachdachte. Er stand auf, als sie auf die Veranda zukam.

"Hallo, Ihr Zwei," sagte sie.

"Wollen Sie mir damit sagen," sagte der Rev, "daß ich in den letzten Wochen neben einem Killer gesessen habe? Einem Mörder?" Er sah aus, als wäre ihm schlecht. "Mein Gott."

Jetzt würde er mich wohl nicht mehr Sohn nennen, was?

Er machte einen Schritt zurück, dann noch einen.

Ja, seine Reaktion war so in etwa die, die ich erwartet hatte. Obwohl, irgendwo in meinem Inneren hatte ich so was wie Hoffnung gehabt... na gut. Er ist, wer er ist, so wie ich.

Es gab keinen Grund, es noch weiter in die Länge zu ziehen. Ich sammelte die Bücher neben meinem Stuhl zusammen, die ihm gehörten, und machte einen ordentlichen Stapel. Dann sammelte ich die restlichen vom Tisch zusammen und machte einen weiteren Stapel. So konnte er sie leicht aufnehmen und nach Hause schaffen. Den Notizblock machte ich zu, nahm ihn mit mir ins Haus und warf ihn in den Müll.

Ich hatte nicht erwartet, daß er mir folgen würde.

"Was gibt Ihnen das Recht zu richten? Seit wann sind Sie allwissend? Sie sind ein Mörder – was wenn ich entscheiden würde, daß Sie es nicht wert sind zu leben?"

Ich konnte es seinem Gesicht ansehen, daß das eine ernstgemeinte Frage war. Na gut, verdammt nochmal, dann komm.

Ich packte ihn am Mantel und zog und schob ihn mit mir die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Dort nahm ich meinen Revolver und die Patronen aus der Schublade, lud das verdammte Ding und schob es ihm in die Hand. Dann gab ich ihm einen Schubs.

Er sah runter auf die Waffe und hoch zu mir. Lynn stand in der Tür, die Hände vor den Mund geschlagen. Sie sah so aus als würde sie gleich weinen. Ich hätte ihr gerne gesagt, daß es mir leid tat; ich wusste, daß sie den alten Mann liebte. Ich gab ihr mit einer Kopfbewegung zu verstehen, daß sie gehen solle. Ich glaubte zwar nicht, daß der alte Mann schießen würde, aber so aufgewühlt wie er war, konnte man das nicht wissen. Aber natürlich ging sie nicht.

Der Rev legte den Revolver vorsichtig auf die Kommode.

"Nein. Sehen Sie, ich bin kein Killer. Oder ein Henker. Es tut mir leid, Lynnie, so leid... ich muss gehen... wirklich, ich... ich muss über all das eine Weile nachdenken, meine Liebe... ich kann es nicht fassen, daß ich mich so hab einwickeln lassen... so hab täuschen lassen..."

Er ging zur Tür, warf noch einen Blick zurück auf mich, und tätschelte dann Lynns Arm, als er an ihr vorbeiging. Er sah immer noch aus, als wäre ihm schlecht, aber ich hatte nicht das Gefühl, daß er wütend war; er sah vor allem verwirrt aus.

"...Bud... wie konnte das passieren?"

Ich setzte mich auf die Bettkante. Nach einer Minute setzte sich Lynn neben mich. "Oh Baby, Du wirst ihn vermissen."

weiter