Vorwort

Diese Geschichte erzählt, wie Terry und Dino sich kennen gelernt haben. Zumindest erzählt sie, wie es hätte sein können.
Es ist keine schöne Geschichte. Alle Zartbesaiteten unter uns sind hiermit vorgewarnt. Eine klare FSK 18.

Uma ist die Autorin. Sie ist, wenn man mich fragt, eine der besten englischsprachigen Russell Fiction Autorinnen überhaupt.
Vielen Dank an sie dafür, dass sie mir ihre Geschichte anvertraut hat, und für ihre unermüdliche Unterstützung und Hilfe bei diesem Unterfangen.

SANDSTURM ist ursprünglich Teil einer ganzen Sammlung von Geschichten von verschiedenen Autorinnen, die mehr oder weniger alle einen fortlaufenden Handlungsstrang haben. Diese Geschichten laufen unter dem Namen „Perve Diaries“.
SANDSTURM aber kann man auch verstehen, wenn man die restlichen Diaries nicht kennt. Um das sicher zu stellen, habe ich, in Absprache mit Uma, die wenigen Bezüge und Hinweise auf die anderen „Perve Diaries“ entfernt, und sie war des weiteren so nett, ein neues Ende zu schreiben, das hier mehr Sinn macht.
Leider sah ich mich gezwungen, in Übereinstimmung mit Uma den Titel dieser Geschichte leicht zu verändern, denn der Originaltitel hätte sich nicht ins Deutsche übertragen lassen. Er lautet „Pandora’s Box – Sandpiper“.

Die Originalstory von Uma, zusammen mit weiteren „Perve Diaries“ von ihr und anderen Autorinnen, können auf ihrer wunderbaren Fan Fiction Seite „Delirious Burning Blue“ gefunden werden, unter der Rubrik „Dreamscape“.
http://www.burningblue.org/

Weiter „Perve Diaries“ anderer Autorinnen sind auf „Isobel’s Lair“ gesammelt.
http://www.isobelslair.com/main.htm

Einen großen Dank möchte ich an dieser Stelle Susanne aussprechen. Sie hat für mich Korrektur gelesen und hat außerdem als Editor fungiert, wenn ich wieder mal wie vernagelt vor einem Satz saß und nicht auf die einfachste und eleganteste Lösung kam.
Vielen Dank, Suz, Du warst mir eine sehr wertvolle Hilfe!

Und nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen! Oder besser, soviel Spaß, wie man bei einer solchen Story haben kann…

Barbara                    

 

von Uma

 

Eine Widmung:  Für Ihn

 

 Uma

„Wie habt Ihr Euch kennen gelernt?“

Ich bin nicht sicher, weshalb ich diese Frage noch nie zuvor gestellt hatte. Wir hatten schon viele Nächte miteinander verbracht, Terry, Dino und ich, in denen sie aus alten Zeiten erzählt hatten. Ich hatte es mir auf Terrys Knien gemütlich gemacht und ihren verrückten Geschichten gelauscht, und auch den ernsteren Sachen aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Luthan. Aber heute Nacht hatte ich zum ersten Mal diese Frage gestellt. Ich spürte die plötzliche Kälte. Terry setzte sich auf und rutschte von mir weg, sein Gesicht verschlossen und starr. Dino warf ihm einen Blick zu, der sagte „Wie viel weiß sie?“ Ich sah Terrys leichtes Kopfschütteln. Nichts.

Ich wußte nichts, sonst hätte ich diese Frage wahrscheinlich nicht einfach so gestellt. Es war vom ersten Moment an klar, dass ich, ohne es zu wissen, in ein Mienenfeld gestolpert war – aber das machte mich nur noch neugieriger. Es was eine harmlose Frage gewesen, auf die ich wenigstens irgendeine Antwort erwartete. 

„Wir waren am Golf. `91.“

„In dem Jahr hast Du bei Luthan angefangen.“

„Yeah.“

Ende der Geschichte. Ich sah von einem zum anderen. Dino fand den Inhalt seines Whiskey-Glases so faszinierend, dass er seine Augen nicht davon abwandte. Terry zündete sich eine Zigarette an und stand auf. „Noch einen, Kumpel?“

Das war’s. Er setzte sich wieder hin, und sie fingen an, über den letzten Fall in Paraguay zu reden, so als wäre ich gar nicht da. Es gibt Momente, da bohrt man weiter, und es gibt Momente, da tut man das nicht – und ich wußte, dass ich ihn jetzt nicht weiter bedrängen sollte. So sehr ich ihn auch liebe, und so offen er mir gegenüber auch ist, ich hatte immer gewußt, dass es Dinge gibt, die Terry noch mit niemandem geteilt hatte, weder mit mir, noch mit irgendwem sonst. Aber Dino wußte bescheid. Das tat weh. Warum wußte Dino Dinge, die ich nicht wußte? Waren es vertrauliche Informationen? Das alles passierte vor zwölf Jahren – was kann immer noch so geheim sein, dass er nicht mal erklären kann, wie er seinen besten Freund kennen gelernt hat? Hielt er mich für zu naiv oder unschuldig, um die finstere Intrige zu verstehen, in die er vielleicht verwickelt gewesen war? Oder war er nur einfach Terry, der einer Frage ausweicht, wenn er der Meinung ist, dass ich nichts wissen muss?

Ich ging hinüber zum Kaminfeuer. Auch, wenn es lästig war, die Asche entfernen zu müssen, war ich wieder einmal froh, dass wir dieses warme Zentrum in unserem Wohnzimmer hatten – das Herz unseres Hauses, mein Heim. Es war eine sehr kalte Nacht; draußen heulte das stürmische Novemberwetter. Ich spürte den Sog des Schornsteins, als ich die Kohlen schürte, und fragte mich, wie viele Frauen über die Jahre an diesem Feuer gekniet und in die tanzenden Flammen gestarrt hatten, so wie ich in dieser Nacht. Hinter mir redeten sie weiter, leiser jetzt, als sie übers Geschäft sprachen, schlossen mich erneut aus. Ein schwermütiger Song spielte auf der CD. Meine Gedanken kreisten um das, was ich nicht wußte. War es wichtig? Mußte ich es wissen? Wußte er alles, was es über mich zu wissen gab? Gab es Dinge, die ich ihm nicht erzählen würde? Ihr könnt einiges darauf verwetten, daß es die gab.

+++

Ich schlüpfte zwischen die kühle Bettwäsche und rieb die Füße auf der Suche nach Wärme aneinander. Terry zog die Bettdecke zurück und stieg auf der anderen Seite ins Bett. Wir kamen instinktiv zueinander, teils wegen der Kälte, teils, weil wir das Bedürfnis haben, einander zu berühren. Dieser ursprüngliche Drang ist immer da – sich der Gegenwart des Anderen in unserem Leben zu versichern – die Nähe desjenigen zu spüren, der so anders ist und doch so sehr ein Teil von einem selbst.

Er hielt mich und ich drückte meine kalten Füße auf seine Beine. Terry ist immer warm, und er beschwerte sich über die eisige Berührung, stieß mich spielerisch weg. Dann zog er mich wieder zurück in seine warme Umarmung, und ich schmiegte mich an seinen Körper. Er vergrub sein Gesicht in meiner Halsbeuge, sein Atem kitzelte mich, dann sein sinnlicher Kuß, seine Hände, die mich an ihn pressten. Eine Hand liebkoste zärtlich meine Brust, während die andere unter mein seidenes Nachthemd schlüpfte und sanft meinen nackten Bauch massierte.

„Wie hast Du Dino kennen gelernt?“ flüsterte ich. Er rollte weg und seufzte, warf die Hände über den Kopf und starrte an die Decke.

„Es ist schwer, darüber zu reden. Eine unschöne Sache. Eine, an die ich mich nicht erinnern will.“

„Aber Du erinnerst Dich, nicht wahr?“ Ich lehnte mich auf seine Brust und liebkoste sein Gesicht. Jetzt sah ich es. Schmerz, der aus ihm herausströmte, wie Wasser durch ein Sieb. Jeder Muskel seines Gesichts, jede Faser seines Körpers schien davon durchdrungen.

„Ja, ich erinnere mich.“ Er machte eine Pause, schloss seine Augen, und begann dann mit monotoner Stimme zu sprechen. Es klang, als würde er einem vorgesetzten Offizier Bericht erstatten.

Oktober 1990. CCB2alpha. Operation Sandsturm fehlgeschlagen, weil der Feind unsere Position herausfand. Es wurde beschlossen, die Truppe zu teilen und auf zwei unterschiedlichen Rückzugsrouten zu versuchen, die Grenze zu erreichen, in der Hoffnung, daß ein paar es schaffen würden. Funkgerät zerstört, keine Kommunikation möglich. Keine zuverlässigen Karten, die Teams mußten sich nach dem Kompass richten. Wenig Proviant und Wasser, aber ausreichend für mehrere Tage. Mein Team wurde bei Tagesanbruch von einer großen Gruppe Iraker eingekreist, die offensichtlich nachrichtendienstliche Informationen über unsere Position hatten. Ich täuschte fehlende arabische Sprachkenntnisse vor und konnte genug aufschnappen, um zu wissen, dass wir das Ziel waren und sie über Sandsturm bescheid wussten.

Ich wurde ins Hochsicherheitsgefängnis Kabari gebracht. Das Schicksal der anderen Teammitglieder war mir nicht bekannt. Drei Monate Isolationshaft und Verhöre. Wurde im Januar 1991 von Marines gerettet und ins US Militär Hospital in Riad evakuiert. Februar 1991.

„Was soll das bedeuten, Terry? Warst Du ein Kriegsgefangener?“ Ich rang mit der Geschichte, die zwischen den Zeilen liegen musste.

„Nein. Es war kein Krieg. Der begann erst im Januar 1991.“

„Was hast Du im Irak gemacht?“

„Vertraulich.“

„Was ist mit Dir im Gefängnis passiert?“

Er antwortete nicht. Ich fragte ihn nicht noch mal. „Terry, sieh mich an...bitte, sieh mich an...“ Ich zog an seinem Gesicht, bis er mich ansah. „Wenn Du bereit bist...werde ich da sein, verstehst Du?“

Er nickte und rollte zu mir, umklammerte meinen Körper. Er vergrub den Kopf an meiner Brust und lag da, sagte nichts. Sein Atem kam stoßweise, als er mit den Tränen kämpfte. Ich legte die Arme um ihn und drückte ihn an mich, während er mit dem Dämon rang, den meine unschuldige Frage in ihm erweckt hatte. Wenn ich noch eine Bestätigung gebraucht hatte, daß ich da auf einen entscheidenden Moment in seinem Leben gestoßen war – hier hatte ich sie. Und ich wußte, daß ich keine Ruhe haben würde, bis ich verstand, was der Grund für diesen tiefen, dunklen See des Horrors in ihm war.

+++

Ich bin Historikerin. Ich weiß, wie man Recherchen anstellt. Am nächsten Morgen, nachdem die Männer gefrühstückt und sich auf den Weg zur Arbeit gemacht hatten, ging ich ins Internet und begann meine Suche. Nachmittags war ich in der Kriegs-Bibliothek und benutzte meinen Ausweis, um zu ziemlich vertraulichem Material Zugang zu erhalten. Ich fand keine Akte über Sandsturm. Es war klar, daß es bis Februar 1991 keine Alliierten Kräfte auf irakischem Boden gegeben hatte, obwohl Terry behauptete, schon vier Monate früher mit einer SAS Einheit dort gewesen zu sein. (SAS = Special Air Service; die Elite-Anti-Terrortruppe des Britischen Heeres – Anm. der Übersetzerin) Auch die US Marines hätten erst viel später dort auftauchen sollen. Aber ich war nicht wirklich überrascht. CCBs sind verdeckt agierende Einheiten, und als solche schon oft auf ihren geheimen Missionen, lange bevor die eigentlichen Kampfhandlungen beginnen. Oder sie werden ausgesandt, um Präventivschläge auszuführen, die große Kampfhandlungen verhindern sollen. Ich konnte hier etwas sehr Geheimes und sehr Dreckiges spüren.

In dieser Nacht hatte Terry ein Geschäftsessen mit einem Klienten, und Dino war mit mir alleine zuhause. Wir aßen in der Küche, ungezwungen und freundschaftlich, eine einfache Kasserolle mit einer Flasche kräftigen Rotweins. Als wir fertig waren, lehnte er sich zurück, goß sich noch ein Glas Wein ein, nahm einen Schluck, und betrachtete mich dann schweigend, abschätzend, so als wollte er feststellen, ob ich stark genug war, um der Belastung standzuhalten. Ich kenne dieses K&R-Mann-Gesicht. Ich lebe damit. (K&R = Kidnap and Ransom = Entführung und Erpressung = Unterhändler bei Entführungen – Anm. der Übersetzerin)

„Irgendetwas beschäftigt Dich, Mac. Spuck’s aus.“ (Mac ist Dino’s Spitzname für Uma – Anm. der Übersetzerin)

Ich strich mit den Händen durch meine Haare und schob sie aus dem Gesicht. „Ich habe den Nachmittag damit zugebracht, über die Ereignisse nachzulesen, die dem Golf Krieg voraus gingen.“

Er lachte freudlos. „Warum nur überrascht mich das nicht?“

„Ich weiß ein paar Dinge, die ich letzte Nacht nicht wußte.“

„Ach ja?“ Sein Pokerface verriet nichts; hätte ich ihn nicht besser gekannt, hätte ich geglaubt, er sei sarkastisch.

„Ich weiß, daß Terry vier Monate vor Ausbruch des Krieges auf einer Mission im Irak war, die heute noch so geheim ist, daß sie nirgendwo erwähnt wird. Ich weiß, daß sie scheiterte und er gefangen genommen wurde und drei Monate in einem irakischen Gefängnis verbrachte, wo er ‚verhört’ wurde, was für mich nach Folter klingt. Ich nehme an, daß Du zu der Einheit Marines gehört hast, die ihn gerettet haben. All das geschah, bevor weder die britischen noch die US Streitkräfte auch nur in der Nähe des Iraks hätten sein sollen.“

„Kluges Mädchen.“ Dino nahm noch einen Schluck Wein und schwenkte dann den Rest gedankenverloren in seinem Glas herum. „Dann weißt Du alles.“

„Das tu ich nicht. Ich weiß fast nichts. Etwas wirklich Schlimmes ist ihm passiert, und er will sich dem nicht stellen. Er versteckt es einfach.“ Ich wandte mich an Dino und fragte mich, ob er sich durch meinen Kommentar dazu hinreißen lassen würde, mehr zu offenbaren. Aber ich war extrem naiv, wenn ich dachte, ich könnte ihn austricksen und dazu bringen, irgendetwas zu sagen, das er nicht sagen wollte.

„Er hat sich dem gestellt. Glaub mir. Jeden Tag seines Lebens. Laß es dabei beruhen. Ich habe ihn getroffen, wir haben die Streitkräfte verlassen. Wir haben bei Luthan angefangen. Das ist alles, was Du wissen mußt.“

Und ich wußte, dass nichts, was ich sagen könnte, seine Meinung ändern würde. Dino würde Terrys Geheimnis nicht verraten.

+++

Eines Nachmittags, ein paar Tage später, packte ich eine Kiste mit Terrys Kram von der Armee aus, die beim Umzug in die hinterste Ecke des Abstellraums geraten war. Das Arbeitszimmer war jetzt vollständig möbliert, und ich dachte, ich sollte einige von seinen Auszeichnungen und Andenken im Bücherregal aufstellen. Auf eine absurde Art und Weise hängt er an einigen der Abzeichen aus seinem früheren Leben, und er hat ein paar tolle, alte Fotographien, die eine super Collage ergeben würden. Also wühlte ich in der Kiste rum und kicherte über manches von dem Müll, den er aufgehoben hat. In einer Ecke der Kiste war ein Briefumschlag mit einem offiziellen Siegel drauf. Natürlich machte ich mich wie der Blitz darüber her. Es waren einige Dokumente drin. Eines war seine Entlassung aus dem Hospital – ausgestellt am 21. März 1991. Ein anderes waren seine Entlassungspapiere vom Militär.

Major Terrence Andrew Thorne, Special Air Service Regiment, ehemaliger Kommandierender Offizier von CCB2, wird hiermit aus medizinischen Gründen ehrenhaft aus den Diensten der Königlich Britischen Armee entlassen. Die Entlassung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft und beinhaltet die gesetzlich vorgeschriebenen Vorteile und Vergütungen, die seinen Dienstjahren und seinem gegenwärtigen Rang entsprechen. Wir danken ihm für seine beispielhafte Führung und für die Dienste, die er seiner Wahlheimat erwiesen hat. Eine Empfehlung für die Commonwealth Medaille wird ausgesprochen.

Es war unterschrieben von irgendeinem General und gegengezeichnet vom Ministerium, datiert vom 18. Juni 1991. Das war zwei Monate, nachdem das Hospital ihn für diensttauglich erklärt hatte. Selbst für einen unwissenden Laien wie mich klang das nach Vertuschung und Loswerden. Terry war schwer verwundet worden, und das Regiment hatte ihn fallen lassen? Ich hatte immer gedacht, er sei aus eigenem Willen gegangen, nachdem seine Dienstzeit um war. Er hatte mir auch erzählt, er sei Captain, nicht Major gewesen – noch eine Tatsache, die nicht ins Bild passte. Dieses Dokument machte ferner deutlich, daß er den guten alten Tritt in den Hintern bekommen hatte. Invalide? Was immer mit ihm los gewesen war, er hatte sich erholt, und es gab auf lange Sicht keinen Grund, ihn zu entlassen. Die Armee war sein Leben gewesen. Was war passiert, daß er auf diese Weise aus seiner Karriere und Berufung heraus geworfen worden war?

Ich dachte darüber nach, was ich über seine Vergangenheit wußte. Terry und seine Frau hatten sich getrennt, kurz bevor er bei Luthan angefangen hatte. Er hatte von unüberwindlichen Gegensätzen gesprochen. Die Scheidung war ein Jahr später oder so wirksam geworden – es hatte den Versuch gegeben, die Ehe zu kitten, in der Hauptsache wegen Henry, aber der war jämmerlich gescheitert. Vor allem deshalb, weil Terry den größten Teil jenes Jahres im Außendienst gearbeitet hatte, um das Handwerk zu lernen. Was wußte ich über Penny? Nicht viel. Sie war ein kaltherziges Mitstück, aber eine gute Mutter. Eine junge Frau, die aus den falschen Gründen einen selbstsüchtigen Bastard geheiratet hatte. Seine Karriere machte aus ihm einen nur selten anwesenden Ehemann und mittelmäßigen Vater. Es hing von seiner Laune ab, was genau er über sie erzählte, aber offen gesagt war das nie viel. Dieses Kapitel seines Lebens war abgeschlossen. (...) Ich weiß, daß es ihm wehtat, Henry nie zu sehen, aber wie so viele Dinge, verdrängte er auch dies. Er war sich darüber im Klaren, daß es unwahrscheinlich war, daß sich eine richtige Beziehung zu dem Jungen, der ihn „Sir“ nannte, entwickelt hätte, selbst wenn er ihn manchmal gesehen hätte.

1991 – ein ereignisreiches Jahr für Major Thorne. Verwundet im Dienst. Armee verlassen. Ende seiner Ehe. Aufbruch in eine neue Karriere. Da gab es einen Zusammenhang. Dessen war ich mir sicher.    

+++

Es schien mir, als würde ich niemals das Geheimnis hinter diesem Vorfall in seinem Leben erfahren. (...)

Und dann setzte er sich am nächsten Abend nach dem Essen mit einem Glas Brandy hin und bat mich, mich zu ihm zu setzen. Es war eine seltsam formelle Bitte, und ich hatte das Gefühl, als wäre er bereit, mir etwas wirklich Wichtiges zu sagen. Und das tat er. Ruhig und leise erzählte er mir die Geschichte, soweit er sie wußte, und deutete dann an, daß ich Dino fragen sollte, wenn ich auch den Rest wissen wollte. Das tat ich. Er erzählte mir die Teile, an die sich Terry nicht erinnern konnte. Und jetzt weiß ich es. Oh Gott, ich wünschte, ich wüsste es nicht.

+++

CCB (Close Combat Battalion = Nahkampf Bataillon – Anm. der Übersetzerin) ist eine kleine taktische Einheit, die in den 60er Jahre des 20. Jh.s gegründet wurde, um den Terrorismus in Afrika und dem Mittleren Osten zu bekämpfen. Sie besteht zu jeder Zeit aus zwanzig Männern; sie sind handverlesen und die Einheit ist streng geheim. Die Dienstgrade innerhalb des Bataillons sind von denen in der restlichen Armee verschieden  und werden als höher eingestuft. Ein Captain bei CCB entspricht also einem Major.

Das Bataillon ist in zwei parallele Trupps aufgeteilt, CCB1 und CCB2. Ich war der kommandierende Offizier von CCB2. Ich hatte neun Männer unter meinem Kommando, einige der am besten ausgebildeten Militärexperten der Welt. Sie waren aus allen möglichen Fachgebieten ausgewählt worden – Artillerie, Sprengstoff, Nachrichtendienst, Kommunikation – egal was, wir hatten alles.

„Was war Dein Fachgebiet?“

Eine Pause. „Ich war Scharfschütze. Der beste.“

CCB ist so geheim, dass selbst die Kommandeure nie wissen, welcher Trupp im Einsatz ist. Wir arbeiteten im Tandem – ein Trupp führte das Ablenkungsmanöver für den anderen aus, aber bevor wir nicht genau auf Position waren, wußten wir oft selber nicht, welcher Trupp welcher war. Das hatte seinen Grund. Oft waren wir in Aktivitäten verwickelt, welche die Regierung nicht zugeben konnte, auch wenn sie vom Premierminister gebilligt wurden. Daher musste der Personenkreis derer, die bescheid wussten, strikt begrenzt sein, denn jede Person, die zu solchen Informationen Zugang hat, ist eine potenzielle Gefahr für Verrat. Es gibt so viele Möglichkeiten, Informationen preis zu geben, selbst unbeabsichtigt. Es muss nur jemand genau genug hinhören.

Sandsturm war eine Mission, mit der man buchstäblich im Trüben fischte. Hätte sie funktioniert, hätte sie den Verlauf der Neueren Geschichte verändert. Aber sie versagte. Ich versagte. Du hast keine Ahnung, wie viele Menschenleben auf Grund meines Versagens geopfert wurden.

Der Trupp war in zwei Gruppen aufgeteilt: Alpha und Beta. Mein stellvertretender Kommandant, Lt. Peters, übernahm Beta und die Rückendeckung. Sie sollten für unsere Flucht und Evakuierung sorgen, und gleichzeitig unsere Route decken für den Fall, daß wir verfolgt würden. Unter ihnen waren unsere Sprengstoffexperten – Straßen und Brücken auf dem Weg waren vermint worden. Es mag brutal klingen, daß wir bereit waren, für das Leben von fünf Soldaten Hauptverkehrsadern und Nachschubrouten in die Luft zu jagen und dabei zivile Opfer zu riskieren, aber die Wahrheit ist die: wir waren eine wertvolle Ware, und unser Leben über das der unschuldigen Bevölkerung zu stellen, ist nun mal die Vorgehensweise der Armee. Ich verteidige das nicht. Ich akzeptiere es einfach.

Wir waren topfit und bereit für die Aufgabe. Im Frieden ist das Leben eines Soldaten anomal. Wir sind auf höchstem Niveau für das Gefecht ausgebildet und halten uns mit Spielen fit für den Kampf. Dann kriegst du den Einsatzbefehl und stürzt dich drauf wie ein Schwarm Fliegen auf einen Misthaufen. Es ist alles, was du jemals wolltest. Ich kann nicht erwarten, daß ein Zivilist das versteht. Mittlerweile bin ich nicht mehr sicher, ob ich es selber verstehe. Aber um diese Art von Soldat zu sein, wirst du in deine Einzelteile zerlegt und dann wieder neu zusammengesetzt. So muß es sein, sonst könntest du in der jeweiligen Situation nicht funktionieren. Das ist die Wahrheit, Tink, so geschmacklos sie auch klingen mag. Ich wollte diese Action so sehr, daß ich meine eigene Mutter dafür über den Haufen gerannt hätte. („Tink“ ist Terrys Spitzname für Uma – Anm. der Übersetzerin)

Okay…also sprangen wir mit dem Fallschirm ab und begannen unseren Marsch. Die Einzelheiten sind unwichtig. Ich kann meinen Weg mit geschlossenen Augen finden, und wir hatten High-Tech-Ausrüstung. Es konnte nichts schief gehen. Unser Ziel war Basra, und wir wussten genau, wo wir hingingen, und was wir machen würden, wenn wir ankämen. Die Bedingungen waren okay. Wüstenterrain ist immer unangenehm, und wir hatten begrenzte Vorräte. Fünf Männer, die schweres Gerät mit sich führen und schnell eine große Entfernung zurückzulegen haben, müssen realistisch beurteilen können, was sie brauchen. Nahrung und Wasser sind eine Notwendigkeit, Waffen und Kommunikationsgeräte – gar keine Frage. Nicht viel anderes. Keine Seife, keine Rasierer, keine Andenken an Ehefrauen und Freundinnen, keine Bücher mit  bedeutungsvoller Poesie. Du gräbst ein Loch und kackst. Isst mit derselben Hand, die deinen Arsch abgewischt hat. Nach ein paar Tagen stinkst du, aber das tun die anderen auch. Du gewöhnst dich dran.

„Was hattest Du vor, Terry? Was war Dein Ziel?“

Er sah mich an und nahm einen tiefen Zug von der Zigarette, die er hielt. „Vertraulich.“

Ich seufzte, akzeptierte seine Bemerkung aber.

Nach fünf Tagen wurde uns klar, dass wir in der Scheiße saßen. Zuerst einmal hatten wir uns verirrt. Ich meine, total und absolut verirrt. Kannst Du Dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Ich hatte es geschafft, das ganze beschissene Team in die Irre zu leiten, wie ein kleiner Pfandfinder auf seinem ersten Campingtrip. Ich konnte es nicht verstehen. Ich war den Karten gefolgt, dem Kompass, allem. Es ergab keinen Sinn. Wir hätten in Basra sein sollen, stattdessen waren wir irgendwo in der beschissenen Wallachei und hielten unsere Schwänze in den Händen. Gott, ich war völlig platt. Ging wieder und wieder die Berechnungen durch. Dann fiel der Groschen. Jemand hatte uns rein gelegt. Die Karten waren getürkt.

Wir hatten keine andere Chance als abzubrechen. Uns zurückzuziehen und das Hauptquartier zu kontaktieren, damit sie uns zurück leiten. Es war ein Desaster, und ich wusste, dass ich wie ein Trottel dastehen würde, auch wenn es nicht meine Schuld war. Aber ich würde unter diesen Umständen nicht die Sicherheit der Männer riskieren. Dann wurden wir beschossen. Sie wussten die ganze verdammte Zeit, wo wir waren. Großer Gott, wir saßen auf dem Präsentierteller.

„Was meinst Du? Wer hat Euch beschossen?“

Eine Panzereinheit. Sie tauchten aus dem Nichts auf und beschossen uns mit schwerer Artillerie. Alle rannten auseinander. Das Funkgerät war zerstört, zwei Mann waren am Boden. Ich weiß immer noch nicht, wie ich lebend da raus gekommen bin, aber ich befahl den Jungs, die noch übrig waren, den Rückzug. Gegen die haben wir keine Chance. Versucht zu entkommen, und einer von euch muss durchkommen und erzählen, was passiert ist. Ernsthaftes Leck. Wir sind rein gelegt worden. Ich zog ihr Feuer auf mich und ließ die anderen gehen.

„Wie bist Du entkommen?“

Bin ich nicht. Sie kreisten mich ein und ich ergab mich. Ich war überrascht – hatte eine Kugel in den Kopf erwartet. Technisch gesehen hatten wir jede Regel gebrochen. Niemand würde Anspruch auf uns erheben. Folglich würde man uns wie Spione oder Terroristen behandeln. Wir sprechen hier vom Irak, Tink. Was erwartest du da?

„Du hast Dich ergeben, obwohl Du wusstest, dass sie Dich umbringen würden?“

Ich wollte sie hinhalten, um den anderen eine Chance zu geben. Sie würden ein bisschen diskutieren, bevor sie es tun würden, und das würde sie aufhalten. Ich hatte schon zwei von meinen Männern verloren; unter keinen Umständen würde ich die anderen zwei verlieren. Es ist schon komisch. Wenn es soweit ist, denkst du nicht wirklich: „Das war’s jetzt, Kumpel.“ Du denkst nur daran, was du zu tun hast und tust es. Außerdem bist du erst tot, wenn sie den Abzug drücken.

Sie mischten mich ein bisschen auf, durchsuchten meine Taschen, der übliche Kram. Dann musste ich mich hinknien. Ich wog meine Chancen ab. Ich hatte keine – aber ich würde nicht ohne Kampf gehen. Ich würde ein paar von ihnen  mit mir nehmen. Für eine Sekunde schoss ein Gedanke durch meinen Kopf – aber ich verdrängte ihn. Ich war sowieso nie ein guter Vater gewesen. Er würde mich nicht vermissen.

Also legte ich los. Ich schätze, ich brach dem ersten Typen das Genick und zermanschte dem zweiten die Eier, und dann – nichts. Sie mussten mir mit dem Gewehrkolben eins übergebraten haben. Das ist alles, woran ich mich erinnere, außer dass ich dachte, ich sei tot. Das weiß ich noch. ‚Ich bin tot. Fühlt sich gar nicht so schlimm an.’

Meine nächste Erinnerung ist Dunkelheit. Nur Dunkelheit und Schmerz. Durst. Kälte. Hunger. Stundenlang. Dann begann mein Kopf klarer zu werden, und ich fing an, darüber nachzudenken, wo ich war. Ich war nicht tot, soviel war sicher. Musste eine Gefängniszelle sein. Ich bewegte mich, aber mir tat alles weh. Ich war nicht sicher, ob ich gebrochene Knochen hatte, konnte nicht einmal sagen, ob ich blutete. Es fühlte sich an, als würde jeder Teil meines Körpers schmerzen; ich konnte Blut in meinem Mund schmecken.

Es war Tag, bevor ich mir ein klareres Bild von meiner Situation machen konnte.  Als die Sonne aufging, konnte ich meine Zelle sehen. Es war ein kleiner Betonraum von vielleicht 5qm, und ich lag mit dem Gesicht nach unten, nackt, mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen. Da war Blut auf dem Boden und auf meinem Körper, aber erstaunlicherweise nicht besonders viel. Ich spannte meine verkrampften, schmerzenden Gliedmaßen an und stellte fest, dass ich mich bewegen konnte, wenn auch nur eingeschränkt. Keine gebrochenen Knochen. Ich rollte mich auf den Rücken und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Meine Rippen schienen in Ordnung zu sein. Ich war verprügelt und wahrscheinlich ziemlich getreten worden, aber ich würde es überleben.

Ich manövrierte mich in eine sitzende Position und starrte auf die trostlose graue Zelle, die nur von einem schmalen Lichtstrahl beleuchtet wurde. Es gab keinen Pott zum Scheißen, keine Nahrung oder Wasser, keine Wärmequelle außer der Sonne, und nachts würde es in der Wüste eisigkalt werden. Ich war nackt und gefesselt, schon geschwächt und wahrscheinlich verletzt. Es wäre so leicht gewesen, an diesem Punkt einfach aufzugeben.

Etwas in dir übernimmt das Kommando. Etwas tief in dir drin. Sie werden es nicht schaffen, daß ich Angst vor ihnen habe. Sie können meinen Geist nicht brechen. Tatsächlich können sie das. Meistens tun sie es. Aber in deinem Kopf beginnst du, nach dem Mechanismus zu suchen, der dich beschützen wird. Denn wenn du überleben solltest, ist das der einzige Ort, an dem du Erlösung finden wirst.

Also machte ich mich an die Arbeit. Ich fand einen kleinen Stein und machte eine Markierung an die Wand. TAG 1.

Dann unterteile ich den kleinen Raum in vier Teile, indem ich den Stein in meinen gefesselten Händen hielt und vorwärts rutschte und eine ungerade Linie auf den Steinplatten zog. Vier Sektoren. Mein Lebensraum. Einer zum schlafen. Einer zum Scheißen, die anderen beiden, an der Wand entlang, wo die Sonne war, zum Trainieren. Ich konnte nicht flach liegen oder aufrecht stehen, aber ich konnte mir ein Programm ausdenken zum Stretchen und um biegsam zu bleiben. Genug, um meine Muskeln vor der Atrophie zu bewahren. Es würde mir etwas zum Nachdenken geben.

Und so verlebte ich dort drei Monate meines Lebens in Dreck und Verwahrlosung, tief in meinen Kopf zurückgezogen. Sie gaben mir in unregelmäßigen Abständen zu essen; Nahrung, die nicht mal für Schweine gut genug wäre. Aber du würdest alles essen…alles, Uma, wenn du so hungrig bist – sogar wenn Insekten drin rumkrabbeln oder es nach Urin stinkt. Sie gaben mir Wasser, aber nicht genug – ich trank meine eigene Pisse. Ich verschwendete nichts. Und ich brachte die endlosen Tage damit zu, meinen Geist auf das vorzubereiten, was sie von mir wollen würden.

Am dreizehnten Tag meiner Gefangenschaft ging es los. Sie hatten mich in Ruhe gelassen, bis sie glaubten, mein Geist sei gebrochen und mein Zustand geschwächt. Dann öffnete sich die Tür und zwei Wachen schleppten mich einen Korridor entlang in ein Verhörzimmer. Ich bitte um Verzeihung - eine Folterkammer. Meine Beine arbeiteten nicht schnell genug, also schleiften sie mich einfach zwischen sich mit, und ich ließ sie. Du kämpfst nicht, wenn du nicht gewinnen kannst; das ist unnütze Energieverschwendung.

Ich werde Dir nicht die Einzelheiten der vielen Sitzungen erzählen, die ich in diesem Raum verbracht habe. Ich erinnere mich nicht wirklich an viel. Ich zog mich in mich selbst zurück, bis es sich anfühlte, als würde ich aus großer Höhe zusehen – irgendein armes Schwein, nackt und dreckig, Haar und Bart lang und verfilzt, vor Schmutz starrende Fingernägel. Ich weiß nicht, wer er war.

„Haben sie Dir sehr wehgetan?“

Ich lebte. Es gab eine Menge physischer Einschüchterung, und ich wurde andauernd geschlagen. Meine Rippen wurden in Mitleidenschaft gezogen, ein paar gebrochene Knochen, ein paar verlorene Zähne. Nichts Besonderes. Sie wollten mich lebend. Ein Mann hält nur ein bestimmtes Maß an Brutalität aus, egal, was sie in den Filmen erzählen. Meistens benutzten sie Elektroschocks und Wasser. Tut verdammt weh, aber du hältst länger durch. Erniedrigung. Das mögen sie am meisten. Gott, was Menschen anderen Menschen antun können!

„Erniedrigung?“

Es ist entwürdigend, so lange Elektroschocks zu bekommen, bis du dich selber voll pinkelst. Dann musst du in deiner eigenen Scheiße sitzen, und dann füttern sie dich damit. Ich fragte mich, ob meine Genitalien überleben würden. Irgendwann kümmerte es mich nicht mehr. Sie mochten auch sexuelles Zeug. Fassten mich an. Holten mir einen runter. Fickten mich mit Stöcken. In meinen Mund…Gott…ich will Dir nicht davon erzählen…

„Warum? Was wollten sie wissen?“

Ich erinnere mich nicht. Ich brachte mich dazu zu vergessen. Bis ich alles vergessen hatte und nicht mehr sprechen wollte. Nicht mehr sprechen konnte. Nur noch funktionierte. Tat, was sie sagten. Sie müssen zu dem Schluß gekommen sein, ich hätte meinen Verstand verloren. Vielleicht hatte ich das. Ich erinnere mich nicht. Das meiste davon ist leer. Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, Uma. Ich weiß nicht, ob ich ihnen erzählte, was sie wissen wollten, oder nicht. Ich glaube, ich habe nichts gesagt, aber ich bin nicht sicher. Weißt Du, wie sich das anfühlt?

„Du bist misshandelt worden! Wie kannst Du Dir selber dafür die Schuld geben?“

Das ist alles, was ich sagen kann. Meine nächste klare Erinnerung ist ein Krankenhausbett und dieser verdammte Rotschopf. Er wollte einfach nicht sein beschissenes Maul halten. Er redete nur, und redete, und redete, und ich hatte vom Reden die Schnauze voll, also sagte ich ihm „Halt Dein beschissenes Maul!“, und er fing an zu lachen und rumzutanzen und irgendwelchen Scheiß zu labern.

„Er ist ein beschissener Aussie! Verdammte Scheiße – was tut ein verfickter Aussie hier? Hey, bist Du bei Bombay falsch abgebogen?“

 

DINO

Nachdem Terry ihm sein Einverständnis gegeben hatte, war Dino nur zu gerne bereit, mit mir zu sprechen. Kurz vor seiner Abreise setzten wir uns abends hin, und er erzählte mir alles. Terry saß im Sessel und starrte an die Wand. Ich ließ ihn in Ruhe. Ich wußte, er brauchte den Abstand. Dino lehnte sich zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und ließ sie an seinen Lippen ruhen. Er dachte eine Weile nach, dann begann er.

Wir hatten die Mitternachtswache – es waren die letzten Tage vor Kriegsbeginn. Die Luftangriffe würden in Kürze beginnen, daran zweifelte niemand. Ich war in einer kleinen Spezialeinheit der Marines, ausgebildet für Rettungsaktionen. Wir standen bereit, um Spezialeinheiten rauszuholen, Diplomaten, wichtige Angestellte, jeden, der eventuell  im Kreuzfeuer fest saß.  Einer unserer Jungs – ich kann nicht so viel darüber sagen...

„Vertraulich?“

Nun... ja. Einer unserer Jungs war in einem irakischen Gefängnis – einer berüchtigten Festung in der Wüste. Er war in Besitz einiger wichtiger Informationen, und wir mußten ihn da rausholen, bevor sie ihn brechen konnten. Also führte ich ein Team rein, wir holten die Fracht und wollten uns gerade aus dem Staub machen, als... ich bin mir immer noch nicht sicher, weshalb ich stoppte. Ich hörte ein Geräusch. Geplapper. Ich meinte, ein paar englische Wörter erkennen zu können. Es war gegen meine Befehle, noch jemanden rauszuholen, aber an einem solchen Ort würde man nicht mal einen Hund zurücklassen... und so zerstörte ich das Schloß und ging rein.

Es war dunkel, und zuerst konnte ich nichts sehen. Nur dieser Geruch. Es stank erbärmlich. Etwas bewegte sich. Ich setzte mein Nachtsichtgerät auf und sah ihn. Großer Gott... sah aus wie eine Leiche. Ich schätze, ich habe nicht wirklich nachgedacht. Ich habe ihn nur gepackt, mir über die Schulter geworfen und bin gerannt.

„Du hast Dir Terry über die Schulter geworfen und bist gerannt?“

Er war nur Haut und Knochen. Der Dreck wog mehr als er selber. Ich trug ihn raus und warf ihn in den Helikopter. Die anderen Jungs meinten, ich sei wahnsinnig. Sie sagten, er sei tot. Aber das war er nicht. Ich untersuchte ihn schnell – die meisten seiner Wunden schienen oberflächlich zu sein. Ich gab ihm etwas Wasser und ORS (Oral Rehydration Salts – Salze, Vitamine und Mineralien in Form eines Pulvers, das in Wasser aufgelöst verabreicht wird, wenn jemand dehydriert oder am verhungern ist, und die verlorenen Stoffe schnell wieder zugeführt werden müssen. - Anm. der Übersetzerin), versuchte, ihn etwas zu säubern und wickelte ihn in eine Decke. Er sagte nichts, aber er war wach. Ich sah seine Augen. Sie waren hell. Er war definitiv Kaukasier.

Nachdem wir angekommen waren, sah ich ihn nicht mehr. Bekam ganz schönen Ärger mit meinem Kommandanten, aber sie brachten ihn trotzdem nach Riad. Er ging mir nicht aus dem Kopf. Wir hatten kein Wort aus ihm rausbekommen, aber ich wußte trotzdem, daß er sprechen konnte. Ich hatte ihn in dieser verdammten Zelle reden hören. Er hatte zugesehen und zugehört, und ich wußte, daß er verstanden hatte – er zeigte keine Angst, aber auch keine Anzeichen des Erkennens. Er hatte etwas von einem wilden Tier an sich, verängstigt aber wachsam. So als würde er nur auf den Moment warten, an dem er zuschlagen könnte. Das war der Eindruck, den ich von ihm hatte, und dieses Bild verfolgte mich für lange Zeit.

Nachdem ich meinen Bericht erstattet hatte, hatte ich Urlaub. Ich flog nach Riad und suchte unseren geheimnisvollen Mann auf. Er war leicht zu finden. Die europäischen Krankenschwestern hatten ihm den Spitznamen „Clint“ (Eastwood – Anm. der Übersetzerin) gegeben. Der Mann Ohne Namen (einer von Eastwoods Filmen – Anm. der Übersetzerin) – verstehst Du? Man sagte mir, seine Genesung würde gut voranschreiten, aber er weigere sich oder sei nicht in der Lage zu sprechen, obwohl er anscheinend Englisch verstehen könne.

Als ich rein kam, lag Terry in einem Bett und starrte an die Decke. Ich hätte ihn fast nicht wieder erkannt. Ich hatte einen bärtigen, dreckigen Sack Knochen gefunden, und hier nun war ein attraktiver junger Mann, einige Jahre jünger als ich erwartet hatte. Ich setzte mich hin und stellte mich vor. Den ganzen Nachmittag lang redete ich über die Rettungsmission und mich selbst, so lange, bis ich beinahe selber eingeschlafen wäre, aber er schaute mich nicht mal an. Er starrte nur immer die Decke an, bis eine Krankenschwester kam und mich rausschickte, weil sie seine Verbände wechseln mußte.

Es zog mich immer wieder zu ihm zurück. Jeden Tag ging ich hin und saß bei ihm und redete über allen möglichen Scheiß. Ich las aus Zeitungen, Romanen, spielte Popmusik, aber von ihm kam nichts. So als würde er mich gar nicht wahrnehmen. Die Leute vom Hospital hatten alles versucht, um seine Identität herauszubekommen, hatten Fotos und Daten über ihn zu jeder europäischen Botschaft geschickt, aber ohne Erfolg. Niemand schien zu wissen, wer er war. Es war schwer zu glauben, daß ein Mann in einem irakischen Gefängnis landen konnte, ohne irgendwo vermisst zu werden. Während er sich also langsam erholte, machten wir keine Fortschritte bei der Klärung seiner Identität.

Bis wir eines Nachmittags auf der Veranda in der Frühlingssonne saßen. Terry war in einem Rollstuhl, aber er war wieder viel mehr bei Kräften – er hatte zugenommen und war nicht mehr so hager, und er hatte sogar Zigaretten akzeptiert. Ich redete über irgendein Mädchen, das ich am Abend zuvor in einer Bar aufgerissen hatte. Echt süß. Eine Reporterin bei einer französischen Zeitung, die von hier über den Krieg berichtete. Ich hatte richtig Spaß und dachte so bei mir – mal sehen, ob ich dem Bastard damit nicht wenigstens einen Harten verpassen kann. Und so erzählte ich ihm liebevoll jede Einzelheit, Schritt für Schritt. Ich dachte, er würde mir nur wieder die kalte Schulter zeigen, aber dann öffnete er plötzlich den Mund und sagte: „Halt verdammt noch mal die Schnauze.“ Einfach so. Er war Australier und er konnte sprechen, und er wollte nichts davon hören, daß ich einen Treffer gelandet hatte, und er nicht. Thorne kann das noch nicht mal vertragen, wenn er dem Tode nahe ist.

„Es war Deine verdammte Stimme, Red. Und ich wußte außerdem, daß Du nur Scheiße gelabert hast.“

Wie auch immer. Es war ein Durchbruch. Von da an wurde es langsam aber stetig besser. Er sprach ein wenig und reagierte auf Reize. Seine Schwester äußerte, er würde schon wieder Interesse zeigen, wenn sie ihn wusch...

„Das hat sie nicht gesagt!“

Doch, das hat sie – wir waren uns in den vorangegangenen zwei Wochen recht nahe gekommen...

„Sie war hinter mir her, nicht Dir...“

Es ging ihm immer besser. Ich fragte ihn nach seinem Namen, und er dachte eine Weile darüber nach. „Ich glaube, er lautet Terry,“ murmelte er – weil er so lange nicht gesprochen hatte, war er so heiser, daß man ihn kaum hören konnte. Dann stoppte er und sah auf. Plötzlich fing er an zu sprechen:
„Mein Name ist Terrence Andrew Thorne. Ich bin Captain in der SAS. Bitte informieren Sie meine Kommandanten, daß ich am Leben bin und Informationen über die abgebrochene Operation Sandsturm habe.“ Er schien sich mit seiner Offenbarung selber überrascht zu haben – mich hatte er auf jeden Fall überrascht. Jetzt hatten wir also eine ID, und innerhalb weniger Minuten kontaktierte das Hospital das Britische Oberkommando. Noch bevor ich gegangen war, waren sie schon über das Hospital hergefallen und hatten ihn an einen unbekannten Ort ausgeflogen. Ich hatte gerade noch genug Zeit, um ihm einen Zettel zu geben, auf dem mein Name, Rang und Dienstnummer standen. Das war’s. Ich erwartete nicht, ihn jemals wieder zu sehen.

 

TERRY

Sie sahen sich an, und Terry stand auf, um ihnen nachzuschenken. Dann ging er zum Fenster und schaute hinaus in den Garten. Es hatte die ganze Woche nicht aufgehört zu gießen, und es war trüb und windig. Der Regen hämmerte gegen die Fensterscheibe und lief in dicken Rinnsalen am Glas hinunter. Genau die richtige Nacht, um drin zu sein, sicher und warm. Er trank seinen Drink, während er in die Nacht hinausstarrte. Wir saßen beide da und warteten, ob er weiter erzählen würde.

Sie kamen über mich wie eine Heuschreckenplage. Bombardierten mich mit Fragen, um meine Identität zu ermitteln, bedrängten mich aggressiv, versuchten, Löcher in meiner Geschichte zu finden. Als ob ein paar Blödmänner von der Botschaft und ein paar Militär Attachés mich dazu bringen könnten, etwas zu sagen, was ich nicht will. Das Ergebnis war, daß sie mich an dem Nachmittag zu einer Militäreinrichtung in Saudi Arabien ausflogen, wo die großen Tiere waren. Wenigstens dachten sie daran, jemanden zu holen, der mich möglicherweise kennen könnte. Meine Identität wurde bestätigt, und dann ließen sie etwas von mir ab. Zuerst wurde ich von Ärzten untersucht – ich hatte immer noch ein paar Knochenbrüche, die am Verheilen waren, und meine Operationsnarben waren noch frisch und mußten versorgt werden.

„Operationen?“

„Orthopädische Behandlung an meinem Bein – Du kennst die Narbe, die ich unterm linken Knie habe? Ein Milzriss (ich wäre verblutet, wenn Dino mich  nicht gefunden hätte. So was dauert zwar etwas, ist aber tödlich, wenn es nicht behandelt wird), und die rektalen Verletzungen. Eine Weile habe ich Backsteine gekackt, das kann ich Euch sagen.“ Er lachte, und diesmal lächelten wir mit. Auch angesichts solchen Horrors gibt es leichte Momente. Man muß die lustige Seite sehen, oder man wird verrückt.

Dann kamen sie mit ein paar Psychotherapeuten an, die feststellen sollten, wie bekloppt ich war. Anscheinend bestand ich den Test. Ich war nicht in Top-Verfassung, aber es funktionierte alles, und mit der Zeit würde ich über das schlimmste hinweg kommen. Ich würde regelmäßig Albträume haben, Flashbacks, nächtliche Schweißausbrüche, sexuelle Störungen, irrationale Ängste, Gewaltausbrüche...sie warnten mich, daß ich mit diesen Dingen rechnen müsste, aber davon abgesehen war alles wunderbar.“ Er lachte und stöhnte dann. „Ich war ganz schön im Arsch, aber angesichts der Umstände doch offensichtlich in sehr guter Verfassung. Man traf die Entscheidung, mir ein paar Monate Zeit zu geben, und dann würde ich schon wieder fit sein. Es würde eine Weile länger dauern, bis ich wieder für aktive Einsätze bereit wäre, aber sie sahen keinen Grund zu glauben, daß ich nicht wieder vollständig genesen würde.

Als sie der Meinung waren, ich sei mental stark genug dafür, wollten sie meinen detaillierten Bericht. Mann, diese Wichser waren erbarmungslos. Jede verdammte Sekunde wurde analysiert, jeder Stein umgedreht, jede meiner Entscheidungen einer genauen Prüfung unterzogen, in Frage gestellt, und mir ins Gesicht geworfen, um zu sehen, ob ich von meiner Story abrücken und mich selbst belasten würde. Die anderen waren nie gefunden worden. Selbst wenn sie überlebt haben sollten, konnte ich mir nicht vorstellen, daß sie viel länger hätten durchhalten können. Nicht, wenn sie dasselbe wie ich hatten durchmachen müssen. Diese Typen hielten nicht einmal inne, um sich zu fragen, wie ich wohl auf die Neuigkeiten reagieren könnte, daß ich alle meine Kameraden im Stich gelassen hatte. Und dann die Zeit meiner Inhaftierung. Was hatte ich gesagt? Hatte ich geredet? Hatte ich es zu verantworten, irgendwelche Stellungen und Positionen verraten zu haben? An wie viel konnte ich mich erinnern? Denk noch mal genau drüber nach. Denk noch mal genau drüber nach. Denk noch mal genau drüber nach. Laßt mich verdammt noch mal in Ruhe! Ich weiß es nicht, verdammte Scheiße! Ich kann mich verdammt noch mal nicht erinnern! Ich lüge nicht...keiner von euch weiß, was man tun muß, um durchhalten zu können...großer Gott, sie fesselten mich, und dann ließen sie Spinnen überall auf mir herumkrabbeln. Auf meinem Gesicht, in meinen Haaren, auf meinen Genitalien. Große, haarige, giftige Scheiß-Taranteln...sie lachten. Sie lachten sich kaputt, als ich das sagte. Spinnen? Du bist ein top ausgebildeter Armeeoffizier, kein kleines Mädchen. Spinnen? Was wissen die schon, wie sich das anfühlt? Es war...es war, als müsste ich es wegen ihnen noch mal durchleben. Und es war so schlimm, wie beim ersten Mal. Was hatte ich denn getan? Und sie bestraften mich dafür, ein Opfer zu sein.

Ich verstand es damals nicht – es gab so vieles, was ich nicht verstand. Erst später wurde es mir klar. Schließlich ließen sie mich in Ruhe, und ich durfte ins Land der Lebenden zurückkehren. Meine Wunden heilten, jedenfalls die körperlichen, und ich wurde entlassen und nach Hause geschickt. Ein paar Wochen später war ich zurück auf dem Stützpunkt, und man gab mir einen Schreibtischjob – eine hohe Stellung zwar, aber nicht mehr im aktiven Dienst. Laß es langsam angehen, Terry, du hattest eine schwere Zeit, geregelte Arbeitzeiten, und verbring ein bißchen Zeit mit der Familie. Übersetzt aus der Regimentssprache heißt das...deine Karriere ist im Arsch, Kumpel. Wir glauben, daß du es nicht mehr bringst. Ich erkannte die Zeichen.

Ich war wütend und verbittert. Ich mußte diese vier Familien besuchen und versuchen, es ihnen zu erklären. Mußte Ehefrauen und Müttern und Freundinnen sagen, daß ich zwar nicht wußte, wie ihre Männer gestorben waren, daß ich aber sicher wäre, sie seien tapfer gewesen  und wären für eine gute Sache gestorben. Versäumte aber, ihnen zu erzählen, daß irgendwo irgendjemand mächtig Scheiße gebaut hatte, und daß das bestimmt nicht ich gewesen war. Eine Mutter sagte: „Warum sind Sie hier? Warum sind Sie nicht tot?“ Was soll man auf so was antworten?

Auf der Rückfahrt in dieser Nacht, fuhr ich von der Autobahn runter. Ich hatte einen Zitteranfall...so was bekam ich häufig. Ich hatte Tabletten dagegen. Ich ging in eine Kneipe und spülte die Medizin mit ein paar Bieren runter – nicht sehr vernünftig – aber ich saß da und dachte nach. Was war passiert? Hatte ich was falsch gemacht? Dann hob sich plötzlich der Nebel. Da lief was im Fernsehen. Über Politiker und Krieg. Mrs. Thatcher und die Falkland Inseln. Die Armee, die den Krieg will...die Politiker, die die Unterstützung des Landes brauchen, um die Wahl zu gewinnen. Ich fing an nachzudenken. Warum waren die Karten falsch gewesen? War es ein Unfall gewesen oder Absicht? John Major hatte unsere Mission gebilligt – gab es andere, die keine einfache und schnelle Lösung wollten? Die Armee wollte den Krieg – ich hatte den Krieg gewollt – die Aussicht auf einen Einsatz im Ernstfall war besser gewesen, als sie Aussicht auf Sex. Hatte man uns von innen heraus verraten?

Ich wußte es. Sobald mir der Gedanke kam, wußte ich es. Deshalb hatten sie nie versucht, mich zu finden. Deshalb hatte sich nicht mal jemand für mich interessiert, als ich wieder auftauchte. Sie wollten mich nicht zurück haben – ich brachte sie in Verlegenheit, und war ihnen darüber hinaus vielleicht auf die Schliche gekommen. Ein letzter, verzweifelter Versuch war gestartet worden, um den Krieg zu verhindern, und diejenigen an der Macht – wer immer die sein mochten – hatten eine Verschwörung in Gang gesetzt, um sicher zu gehen, daß er fehlschlug. Sie hatten ein paar Soldaten verloren – und wenn schon? Die hätten sie vielleicht sowieso verloren. Kriegsopfer...umgekommen durch Feuer aus den eigenen Reihen.

Am nächsten Morgen ging ich mit meiner Meinung zu meinen vorgesetzten Offizieren und bestand darauf, eine formelle Beschwerde einlegen zu dürfen, und daß eine Untersuchung gemacht werden müsse. Am nächsten Tag wurde ich als dienstunfähig entlassen und in den Ruhestand geschickt.

„Du hättest zur Presse gehen sollen! Andere haben das getan. Oder ein Buch schreiben. Warum hast Du das Geheimnis für Dich behalten?“ Ich konnte nicht anders, ich mußte das fragen. Terry richtete sich auf und straffte die Schultern.

„Ich war ein Soldat. Ich hatte mich zur Geheimhaltung verpflichtet. Ich half, das System aufrecht zu erhalten, das mich zu Fall brachte. Ich war genau so wild auf den Kampf, wie alle anderen. Sie hatten mich in meine Einzelteile zerlegt und nach ihren Vorstellungen wieder zusammengesetzt. Ich war insgeheim mit allem einverstanden gewesen. Ich würde mein Wort nicht brechen oder offenbaren, was ich geschworen hatte, nicht zu sagen. Aber...ich mußte neu anfangen. Ich mußte mich selber in meine Einzelteile zerlegen und aus den Resten des alten Mannes einen neuen aufbauen. Ich trug meine Bestrafung wie ein Soldat und kehrte ihnen allen den Rücken zu.“

Dino blickte auf den Boden und sagte nichts, aber ich spürte, daß er darüber anderer Meinung war als Terry. Sie sind unterschiedliche Männer. Dino hat unkonventionelle Ansichten über Autorität, was überraschend ist bei einem Ex-Soldaten mit seiner Erfahrung. Terry ist viel mehr gebunden durch Ehrenkodexe und was er als Loyalität empfindet. Es ist schwerer, ihn zu brechen, aber man kann ihn leichter ausnutzen. Ein interessanter Unterschied.

„Was geschah zuhause? Wie hat all das Deine Ehe beeinflusst?“ Er lächelte zu mir herüber.

Die Frage einer Frau – und das meine ich nicht als Beleidigung. Eine Frau kann sofort sehen, daß unter diesen Umständen mein Verhalten zuhause wohl nicht das Beste gewesen sein dürfte. Und so war es. Unsere Ehe war vorher schon problematisch gewesen, nur zusammengehalten durch meine Abwesenheit, auch wenn die wohl für die ersten Risse verantwortlich gewesen sein dürfte. Man hatte Penny nichts gesagt, als ich weg war. Sie wußte, ich war verwundet worden, aber ich klärte sie nicht auf; es war nicht ihre Schuld, daß sie es nicht verstand. Ich war launisch, neigte zu gewalttätigen Ausbrüchen, trank viel. Henry ging mir auf die Nerven, wenn er weinte oder Krach machte, und dann verlor ich meinen Job. Sie war die ganze Zeit an mir dran. Hielt mich für einen Versager. Du kannst Dir wohl vorstellen, wie mir das geholfen hat. Und dann waren da die sexuellen Probleme – was kann ich sagen?

„Sexuelle Probleme?“ Er sah hinüber zu Dino, der aufstand, um zu gehen. „Ich denke, ich gehe jetzt schlafen...Ihr zwei müsst alleine sein zum reden. Bis morgen, Terry. Uma...“ Er verließ den Raum und ich war wieder mal erstaunt über sein Einfühlungsvermögen. Er wußte bescheid, wollte aber nicht, daß Terry das alles noch mal durchleben mußte. 

Wir beschlossen, auch ins Bett zu gehen, schlossen alles ab und gingen Arm in Arm die Treppe nach oben. Keiner von uns sagte viel. Erst, als wir unsere Zähne putzten und all die anderen nächtlichen Rituale ausführten, die zum Insbettgehen gehören, fingen wir wieder an zu reden.

„War das zu heftig, Uma? Hab ich zu viel gesagt?“ Er saß auf dem Badewannenrand und sah mich mit Besorgnis in seinen klaren Augen an.

„Das wäre für jeden zu viel gewesen, Terry. Aber ich will es wissen. Ich muß es wissen. Nur wenn wir solche Dinge teilen, kann ich wirklich Deine Frau sein. Das weißt Du, nicht wahr? Du bist nicht mehr allein. Du brauchst solche Dinge nicht mehr tief in Dir zu vergraben und für mich eine gute Miene aufzusetzen.“

Ich kniete mich vor ihn hin und legte meinen Kopf auf seinen Schoß; er streichelte mein Haar und versuchte, sich zu fassen. Es war eine große emotionale Anstrengung für ihn gewesen, das alles zu offenbaren, und ich konnte spüren, daß die Geschichte noch nicht beendet war; einige der schlimmsten Teile kamen vielleicht erst noch. Aber er öffnete sich, und es war eine Katharsis für ihn, alles an die Oberfläche dringen zu lassen.

Ich stand auf, zog ihn auf die Füße und führte ihn zum Bett. Wir lagen zusammen; er mit dem Rücken gegen das Kopfende, und ich in seinen Armen. Er sprach lange Zeit nicht, und dann fuhr er fort:

Meine Frau hielt mich für einen Witz. Sie lachte mir ins Gesicht, weil ich keine Erektion halten konnte. Ich kann unmöglich erklären, wie sich das für einen Mann anfühlt. Auch, wenn man sich sagt, daß es nicht verwunderlich ist nach allem, was passiert ist, ist es immer noch eine abscheuliche Erfahrung. Es geht dabei nicht um den Sex. Es geht darum, ein Mann zu sein. Um dein Bild von dir selbst und deiner Macht. Seit ich ein kleiner Junge gewesen war, waren mein Schwanz und ich die besten Freunde gewesen. Er machte mich zum Jungen, dann machte er mich zum Mann, machte mich stark und potent, verschaffte mir Eintritt in den Club der Großen Jungs, und erlaubte es mir, Frauen Vergnügen zu bereiten, die Kreaturen, die ich am meisten berühren und beeindrucken wollte. Jetzt war er ein nutzloses Organ zwischen meinen Beinen, nur noch zum Pissen zu gebrauchen. Wie ich – nichts mehr wert.

Ich war ganz unten, als ich auszog und sie die Scheidung einreichte. Kein Job, keine Frau, ein Sohn, der Angst vor mit hat, keine Freunde – na ja, ich hatte kein Bedürfnis, meine Armeekameraden zu sehen. Ich konnte es nicht, obwohl mich etliche kontaktierten. Konnte ihnen nicht ins Gesicht sehen. Ich wimmelte sie einfach ab. Ich lebte in einem Hotel in London und trank ununterbrochen. Als ich eines Tages aufwachten und feststellte, daß mir vier ganze Tage abhanden gekommen waren, wußte ich, daß ich mich wieder auf die Reihe kriegen mußte. Ich setzte mich hin und mache eine Liste mit Dingen, die ich tun mußte. Eine Liste. Du hättest es nicht geglaubt.

1.      Ein Bad nehmen

2.      Rasieren

3.      Ein paar saubere Klamotten kaufen

4.      Essen

5.      Bankkonto checken. Ordnung in die Finanzen bringen

6.      Einen Job finden

7.      Ein Leben finden

8.      Mit jemandem reden

9.      Ein anderes menschliches Wesen anlächeln

10.  Es bis morgen schaffen

All so’n Scheiß. Aber am Ende lachte ich wenigstens über mich selbst und die Banalität des Existierens.

Meine finanziellen Mittel erlaubten mir etwas Spielraum, aber ich hatte keine Ahnung, womit ich meinen Lebensunterhalt verdienen wollte. Ich hing ein paar Wochen rum, zog nachts durch die Bars und Clubs, riß Frauen auf und versagte dann bei dem Versuch, sie flach zu legen. Eines Nachts ging ich in eine Girls Bar in Soho. Ziemlich anständiger Ort, smarte Mädchen...manche behaupteten, Studentinnen zu sein, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienten. Wer weiß...

„Wie hieß die Bar?“

Weiß ich nicht mehr. Yeah...Purple Rain…wie der Song. Ich bezahlte ein Mädchen für einen Lap Dance. Sie bot mir mehr an. Ich hatte einen Steifen. Fragte sie wie viel. Sie sagte einhundert. Ich nahm sie mit nach hinten. Stieß sie mit dem Gesicht gegen die Wand der Garderobe und fickte sie. Ich war grob. Sie sagte...das würde mehr kosten...ich gab ihr zweihundert. Sie war mehr als glücklich.

„Wie war ihr Name?“

Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, wie sie aussah. (...) Aber ich hatte es geschafft. Bekam ihn hoch, hielt ihn oben, kam. Von da an war das mein Spiel. Monatelang nahm ich mir immer wieder mal eine Nutte, fuhr irgendwo hin, wo es ruhig war, und bumste sie gegen die Wand. Bezahlte immer mehr, als sie verlangte. Ging nie wieder zurück. Und dann Enthaltsamkeit für die nächsten Wochen, bis ich es wieder brauchte.

„Wie hast Du es überwunden?“

Mit der Zeit funktionierte alles wieder normal...es gab ein paar Fehlzündungen, aber schließlich bekam ich es hin. Aber ich hatte mich verändert. Früher war ich ein geselliger Typ gewesen. Jedermanns Freund, innerhalb der Beschränkungen meines Ranges, von allen gemocht, ein Witzbold. Ich trank gerne mal einen und mochte Frauen...war ein bißchen ein Frauenheld. Und ein beschissener Ehemann. Ich dachte gar nicht drüber nach. Sex hatte man einfach. Ich war gut darin und die Mädchen mochten es. Jetzt war ich introvertierter und hielt mich abseits. Ich suchte nicht großartig die Gesellschaft von Männern, außer wenn ich mit Kollegen mal einen Drink nehmen mußte oder fürs Geschäft. Und ich ging nie ernsthaftere Beziehungen zu Frauen ein. Es gab ein paar, mit denen ich mich traf, wenn ich in London war – Abendessen, Ausgehen und Sex – aber es war alles oberflächlich, und wenn ich das Gefühl hatte, daß sie mir zu nahe kamen, zog ich mich zurück. Ein paar Affären während der Arbeit, aber auch da wußte ich, daß ich bald weg sein würde und nie eine Verpflichtung würde eingehen müssen.

„Du hast Dich für ein Dasein als Single entschieden. Meinst Du das?“

Ja. Ich würde nie wieder mein Leben in die Hände von jemandem geben, und ich würde auch nicht noch mal zulassen, daß eine Frau mein Selbstvertrauen untergräbt; es hatte ganz schön was abgekriegt, auch wenn das kaum einer an meinem Benehmen nach außen hin feststellen konnte. Der coole Unterhändler, der so geschickt im Job und so aalglatt mit den Damen war, war in Wahrheit voller Selbstzweifel und Neurosen. Solange ich in Bewegung blieb, mußte ich mich damit nie auseinander setzen.

Es war spät und er war ausgelaugt. Ich brachte ihn dazu, mit dem Erzählen aufzuhören. Wir liebten uns. Es war eine verzweifelte Art von Liebe, als er sich in mir vergrub, um die wieder aufgetauchten Albträume aus seinem Kopf zu vertreiben. Es war nicht seine größte Leistung, aber ich wäre in der Tat eine sehr selbstsüchtige Frau, wenn ich in dieser Nacht mehr von ihm erwartet hätte als das Ausleeren seiner Seele. Als ich ihn dann in den Armen hielt und in den Schlaf wiegte, ließ ich meinen Tränen schließlich freien Lauf. (...)

+++

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war er nicht im Bett. Ich stand auf, zog mir was über und rannte nach unten, aber ich konnte ihn nicht finden. Die Hintertür war aufgeschlossen, und ich spähte hinaus in den dunklen Morgen. Am anderen Ende des Gartens sah ich eine Bewegung. Ich zog schnell noch ein paar mehr warme Kleider an und ging zum Zaun am Rande unseres Grundstücks. Dahinter beginnt der Wald. Terry saß auf dem Zaun, mit den Füßen auf der unteren Latte, und rauchte. Es war bitterkalt, und er hatte keinen Mantel an. Seine Hände und Gesicht mußten vor Kälte ganz taub sein.

„Komm rein, Terry. Ich mache uns eine Tasse Tee. Es ist zu kalt, um hier draußen zu sitzen.“

„Ich brauchte einfach frische Luft. Im Haus habe ich Platzangst bekommen. Geh wieder rein, Du solltest nicht hier draußen sein, es ist eiskalt. Ich komm bald nach…“

„Nicht, wenn Du nicht mitkommst. Ich gehe nicht ohne Dich.“

Er drehte langsam den Kopf und lächelte mich traurig an. „Wenn ich Dich damals gekannt hätte…wer kann das schon wissen? Vielleicht wäre es anders gewesen. Komm schon, mach uns eine Tasse Tee. Ich habe heute morgen nicht die Kraft, mit Dir zu streiten…“

Wieder im Haus, eine Tasse in der Hand, sah ich zu, wie er trank und nachdachte. Wir sagen immer, es sei besser, sich ein Problem von der Seele zu reden, aber ich fing an mich zu fragen, ob das wahr ist. Vielleicht traf das nicht immer auf jede Persönlichkeit zu? (…) Ich stellte meine Tasse auf den Tisch und ging zu ihm, legte meine Arme um seinen Hals und lehnte mich an seinen Rücken. Er seufzte tief.

„Es geht mir gut, Uma, Ich denke nur nach. Ich muß nachdenken. Das alles hat mich schon eine Weile beschäftigt, und mir wird klar, daß ich jetzt an einem Punkt angekommen bin, wo ich es als das betrachten kann, was es war. Aber ich muß darüber reden. Ich habe dieses brennende Verlangen, die Worte auszusprechen. Gleichzeitig möchte ich Dir nicht noch mehr wehtun oder Dir noch mehr aufbürden. Aber mit wem sonst kann ich reden?“

Ich zuckte mit den Schultern. „(…) Es muß nicht ich sein, wenn Du Dich dabei unbehaglich fühlst. Ich würde es verstehen…“

„Verstehen? Daß ich mich an jemand anderen als Dich wenden würde? Das würde Dich noch mehr verletzen. Und ein Teil von mir will, daß Du diejenige bist. Ich muß fühlen, daß es keine Verstellung gibt, wenn Du mich ansiehst – daß Du den Mann kennst, der ich wirklich bin. Ich habe mich zu lange versteckt.“

Ich nickte und schlüpfte auf seinen Schoß; er lehnt seine Stirn gegen die meine und begann zu sprechen.

Ich beschloß, ein paar Monate frei zu nehmen, bevor ich Pläne für die Zukunft machte. Zuerst flog ich nach Amerika. Mein Plan war, runter nach Südamerika zu reisen und einfach nur etwas rumzuhängen. Mein Spanisch ist gut. Aber ich beschloß, zuerst jemanden aufzusuchen. Den Marine, der mich gefunden hatte. Er schien der letzte gewesen zu sein, der mich mit Würde behandelt hatte. Ich hatte das Gefühl, daß meine Genesung mit ihm beginnen sollte. Zurückgehen und da wieder anfangen, wo ich war, als er mich gefunden hatte.

Ich nutzte einige meiner Kontakte, um ihn aufzuspüren, und fand heraus, daß er wieder in Kalifornien war, in 29 Palms. Es war ein Trainingscamp – viel in Benutzung zu der Zeit, denn es war der letzte Zwischenstopp vor der Verschiffung an den Golf, um noch mal schwierige Manöver zu üben. Es überraschte mich, daß er dort war. Ich hatte erwartete, daß er ein hoch ausgebildeter Typ in einem ihrer Spezialteams sei, nicht daß er Kindermädchen für die Babys spielten würde. Aber er war hier. Hochrangiger Berater. Zu Tode gelangweilt und selber an einem Scheidepunkt in seinem Leben.

Ich tauchte am Eingangstor auf und fragte nach ihm. Die Jungs dort waren nicht gerade hilfreich. „Verpiss Dich, wir sind im Krieg…“ Ich gab ihnen etwas und bat sie ruhig, ihn zu finden. Erstaunlicherweise taten sie es. Etwa eine halbe Stunde später öffneten sich die Türen zum Warteraum, und da war O’Leary und grinste mich an, häßlich wie immer.

Terry stoppte und lachte. Ich stimmte mit ein. Ich konnte sie mir so gut vorstellen. Er schüttelte den Kopf und fuhr fort.

Er kam rein und sagte: „Was zum Teufel soll der Scheiß?“ Ich hatte ihm ein kleines, hölzernes Tier geschickt, daß ich in einer dieser hirnlosen Beschäftigungstherapien gemacht hatte, als ich im Hospital war. Ich hatte das Wort „Chienne“ eingeritzt.

„Was soll das bedeuten, verdammt nochmal?“ lachte Dino, als er es mir entgegenhielt.

„Sie mußte ein Hund sein. Ein französischer. Die Reporterin, die Du angeblich gebumst hast. In dieser Nacht in Riad.“

Wir lachten. So hatte ich schon seit Monaten nicht mehr gelacht. Du weißt schon – zwei Typen, die abfällig über Frauen sprechen? Ziemlich krass, aber es gab mir das Gefühl, als könnte ich wieder Kontakt mit der Welt herstellen.

Ich wachte in einem Hotelbett auf, nackt, mit ihm und zwei Nutten. Wir waren stoned und hatten einen Kater, krabbelten rum und suchten nach Geld, um die beiden Frauen zu bezahlen. Großer Gott, wir mußten in der Nacht davor ein verdammtes Vermögen ausgegeben haben. Schließlich wurden wir sie los und fielen einfach nur ins Bett. Es war später Nachmittag, als wir wieder aufwachten. Ich schätze, beim ersten Date mit einem Typen zu schlafen, schmilzt das Eis. An dem Abend unterhielten wir uns bei einem Bier und Steak, und ich erzählte ihm kurz, was ich konnte. Er war nicht überrascht. Dino war aus eigenen Gründen sauer auf die Armee und hatte seinen Abschied eingereicht. Sie hatten ihn hierher geschickt, um die letzten Monate rumzukriegen. Er war genauso desillusioniert wie ich, aber wenigstens hatte er eine Vorstellung davon, was er in der Zukunft machen wollte. Er erzählte mir von K&R. Er meinte, er könne damit einen Haufen Geld verdienen und es sei besser als ein öder Bürojob, den er nie hinkriegen würde. Er überredete mich, mich mit ihm zu bewerben, und das taten wir. Wir hatten beide ein Vorstellungsgespräch in New York und wurden genommen. Ich hatte meinen Standort in London, er in den Staaten. Wir sahen uns von Zeit zu Zeit.

„Das ist alles? Ende der Geschichte? Du erzählst mir das alles, und dann verläuft es einfach so im Sande?“
Terry grinste – es war das erste Mal, daß er sich entspannte, seit er angefangen hatte zu erzählen.

Nein, das ist nicht alles. Es dauerte viel länger und war viel schwieriger als das, aber das ist eine andere Geschichte, Tink. In dieser kleinen Erzählung geht es nicht wirklich um meinen Job bei Luthan, oder? Aber mir wurde klar, daß ich tief greifend erschüttert worden war durch den Verlust meines Vertrauens in die, die ich am meisten respektierte. Als Folge daraus wurde ich zum Einzelgänger, und Dino war einer der wenigen Menschen, die ich an mich heran ließ. Ich war K&R Berater, weil das die Antwort auf meine Albträume zu sein schien. Jetzt war ich in der Lage, Menschen zu befreien, die wie ich unschuldige Opfer waren. Allerdings war ich ein leichtsinniger Draufgänger, der keine Niederlage hinnehmen konnte und regelmäßig ein höheres Risiko einging, als nötig gewesen wäre. Ich befand mich auf einem Kreuzzug, Liebes, und meine Vorgesetzten wußten, daß ich eine Gefahr darstellte. Aber ich lieferte ihnen positive Resultate, verdiente einen Haufen Geld für sie, und schaffte es irgendwie, immer wieder zurückzukommen.

Der einzige, der mit mir reden konnte, war Dino. Er las mir die Leviten wegen der Aufträge, die ich annahm, aber ich machte trotzdem weiter. In meinem Kopf hatte ich diese Regeln darüber, was ich tun und was ich nicht tun konnte. Die Auflösungserscheinungen setzten etwa zu der Zeit ein, als ich Lenoir aus Tschetschenien rausholte. Ich war acht Monate lang nonstop im Außendienseinsatz gewesen, und ein Mädchen, mit dem ich zusammen gewesen war, hatte mir den Laufpaß gegeben – wofür ich ihr keine Vorwürfe machen kann. Sie bekam mich kaum mal zu Gesicht, und wenn doch, dann hatte sie mit mir keinen Spaß. Ich war so reizbar, daß ich mich nicht entspannen konnte. Ich war wie eine straff gespannte Feder.

Den Leuten ist nicht klar, was wirklich hinter meiner Entscheidung stand, nach Tecala zurückzukehren. Ich hatte erkannt, daß ich jahrelang geschuftet hatte in der fälschlichen Annahme, das zu tun, woran ich glaubte – zu verhindern, daß die Korrupten wie die Götter über das Leben Unschuldiger entscheiden. Ich war wieder genauso benutzt worden wie früher schon. Ich war der Handlanger des großen Geschäfts, bei dem sich alles nur ums Geld drehte. Es ging nicht darum, Leute aus dem Kreuzfeuer zu retten, sondern darum, von ihnen zu profitieren, und ich hatte erneut zugelassen, wie eine Schachfigur hin- und her geschoben zu werden.

Deshalb ging ich zurück und rettete Peter Bowman. Um den Respekt vor mir selbst wiederzuerlangen. Was mit Alice passierte, war Teil meines Wiedererwachens. Ich brauchte ein Zuhause und eine Familie. Mir wurde plötzlich klar, daß ich ohne solche Wurzeln nicht funktionieren konnte, und es wahrscheinlich auch nie getan hatte. Es war Zeit, mit dem Wegrennen aufzuhören und sich der Zukunft zu stellen. Ich konnte nur wieder wirklichen Respekt vor mir selber gewinnen, wenn ich vom Gaspedal runter ging und anfing, für mich selbst zu leben, anstatt meine Versäumnisse mit den Tragödien anderer zu verdecken.

Ich lerne immer noch, Tink, und (...) Du bist mein Heilmittel gewesen. Und bist jetzt das Endergebnis. Ich kann eine Beziehung mit einer Frau am Laufen erhalten, eine Zukunft aufbauen und immer noch einen sinnvollen Job leisten. Ich habe Freunde und Familie, (...) die ich liebe und verehre. Ich lasse wieder Nähe zu anderen zu und der Umgang mit ihnen wird leichter. Es geht mir immer besser, aber es ist ein fortschreitender Prozess, und ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich mich öffnen muß und mich dem stellen muß, was passiert ist. Und ich muß Dir helfen zu verstehen, daß ich wahrscheinlich immer noch einige Hürden vor mir habe.

Er stoppte und ich klammerte mich eine Weile an ihm fest, während ich über diese Enthüllungen nachdachte. Es gab hier etwas, das er schöngefärbt hatte, und ich wußte, daß es der wichtigste Punkt für uns war. Aber er wollte nicht davon anfangen, also mußte ich es tun.

„Terry...Du bist vergewaltigt worden. Hast Du das jemals vor Dir selber zugegeben?“

Ich bin nicht sicher, ob ich es als solche betrachte. Ich bin dafür trainiert worden, im Falle einer Gefangennahme mit Verhören zu rechnen. Gewalt ist Gewalt, und Folter ist Folter. Letzten Endes unterscheiden sie sich kaum voneinander. Bei dem, was mit mir geschah, ging es nicht um Sex oder Homosexualität, sondern um Erniedrigung und Angst. Ich verstand, was geschah, auf eine Art und Weise, wie andere Männer es vielleicht nicht gekonnt hätten...

„Du bist vergewaltigt worden. Bei Vergewaltigung geht es immer um Gewalt, Erniedrigung und Angst. Eine Frau mag vielleicht auch in der Lage sein, es zu rationalisieren, aber deshalb ist sie nicht weniger gezeichnet durch die Erfahrung. Terry, Du bist ein Hetero, der von Männern brutal mißbraucht wurde. Als Folge davon hast Du unter sexuellen Problemen gelitten und warst beziehungsunfähig. Deine Persönlichkeit hat sich verändert. Du bist immer noch nicht in der Lage, Deine inneren Dämonen raus zu lassen, wenn Du mit mir oder anderen Frauen Sex hast – es sei denn, Du bezahlst dafür. Hast Du Angst davor, Frauen gegenüber gewalttätig zu sein? Hast Du jemals sexuelle Gedanken über Männer?“ Er räusperte sich und atmete langsam aus.

Ich denke manchmal darüber nach, was passiert ist, und ich erinnere mich, daß ich kam, wenn sie mir einen runter holten. Ich kam, wenn sie mich fickten. Ich kam, wenn ich ihnen einen blies. Und ich weiß nicht, warum. Irgendwie erregte es mich immer noch, inmitten der Schmerzen und der Angst.

„Vielleicht, weil es menschlicher Kontakt war und Du den brauchtest. Wie beim Stockholm Syndrom, nur auf sexuelle Weise. Du sehntest Dich nach Kontakt mit der Außenwelt, selbst wenn es bedeutete, Dich zu prostituieren, wenn sie Dich mißbrauchten. Und bei Männern sind die Reaktionen mechanisch. Eine Ejakulation hat nicht unbedingt etwas mit Verlangen zu tun. Sie bedeutet nur, daß die richtigen Knöpfe gedrückt wurden. Verlangt es Dich nach Analsex mit Frauen?“

Nein. Daran bin ich nicht interessiert. Nicht nach dem, was ich durchgemacht habe. Genauso wenig wünsche ich mir gewalttätige Sexspiele mit Dir oder irgendeiner anderen Frau. Darin irrst Du Dich, Liebes. Wenn Du spielen willst, weißt Du, daß ich es tun werde, Uma, aber es ist nicht wirklich etwas, das mich anmacht. Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, daß Männer und Frauen nur deshalb Gewalt vortäuschen, weil sie sie nie wirklich erlebt haben. Sie spielen mit etwas, das sie nie erfahren werden, und es erregt sie. Du und ich, wir haben diese Erniedrigung am eigenen Leibe erfahren, und das verdirbt uns den Geschmack. Aber manchmal denke ich daran, träume davon, und es gibt eine gewisse Reaktion. Es  ist irgendwo da. Ich will es nicht tun, aber ich glaube, ich habe das Bedürfnis danach. Deshalb nehme ich mir manchmal eine Nutte, selbst heute noch. Sicherheitsmechanismus. Sie wissen, was Sache ist; ich werde eine gewisse Linie nicht überschreiten, aber ich muß den Dämon rauslassen, den das Leben in mir erweckt hat, denn ich fürchte, daß er sonst eines Tages mit mir durchbrennen könnte.

„Das würde nicht passieren. Du bist zu vernünftig dafür und Du kennst Dich selber zu gut. Aber ich liebe es, daß Du Dir solche Mühe gibst, die Frauen zu beschützen, die Dir etwas bedeuten – obwohl wir Dich niemals fürchten würden. Terry, ich bete den Boden unter Deinen Füßen an, und ich glaube, Du hast nicht wirklich eine Vorstellung von dem Ausmaß dessen, was Du für mich bist. Aber in einigen Dingen hast Du Recht. (...) Ich habe meine eigenen Dämonen, die an meiner Seele nagen. Ich muß sie nicht nur zum Spaß erfinden.“

Er antwortete nicht darauf, sondern hielt mich nur. Aber seine Berührung sprach Bände. Jeder muß sein eigenes Kreuz tragen, manch einer ein schwereres als der Andere. Aber im Leben gibt es keine Waage für das Unglücklichsein, auf der die Sorgen des Einen schwerer wiegen als die des Anderen. Wir waren beide auf unsere Weise vom Leben gezeichnet worden, und heilten jetzt gegenseitig unsere Wunden. Das ist es, worum es im Leben geht. Oder besser, wofür die Liebe wirklich da ist. Diese einfache Lektion lernten wir beide jeden Tag aufs Neue.

„Ich hätte es Dir schon vor langer Zeit sagen sollen. Ich habe es viel zu lange in mir drin behalten. Du hast keine Ahnung, wie viel leichter mir jetzt ist, nur weil ich es Dir erzählt habe. Katharsis. Reinigendes Wasser. Ich fühle, daß ich zu guter Letzt wieder unter die Lebenden zurückgekehrt bin. Proof of Life, was?“ Er lächelte traurig vor sich hin.

Ich schüttelte den Kopf, als ich die Hände auf seine Schultern legte und mich über sein Gesicht beugte, um ihm besser in die Augen sehen zu können. „Nein, Terry, nicht Proof of Life….Proof of Love.“