Mit Kapitel 9 hat Julia ihren Bericht über die Jahre zwischen ihrer Freilassung bzw. dem Abschied von Maximus in Moesia und dem Wiedersehen mit ihm beendet. Was sie in diesen Jahren erlebt, gelernt und erreicht hat, bildet den Hintergrund ihrer kurzen gemeinsamen Zeit mit Maximus.

Mit dem folgenden Kapitel nimmt sie die Erzählung aus dem Jahr 180 AD, die sie im 1.(Prolog) und 5.(Zwischenspiel) Kapitel begonnen hat, wieder auf ...

10. Die Verschwörung - 180 AD

Überwältigt von meinen Erinnerungen an die jüngere Vergangenheit und an Zeiten, die schon lange zurücklagen, preßte ich eine Hand auf meinen Mund und versuchte vergeblich, einen Aufschrei zu unterdrücken. Auf meinem Schoß rekelte sich Rubia mit jener entspannten und doch zugleich kontrollierten Hingabe, zu der nur Katzen fähig sind, gähnte und sah mich mit einem Blick an, der mir die Katzen-Version jener milde nachsichtigen Belustigung zu sein schien, mit der menschliche Wesen auf billige Tragödien, schlecht dargeboten und überzeichnet, reagieren. Dann sprang die große, dreifarbige Katze auf den Boden und stolzierte hinaus auf die Terrasse wobei sie Phoenions Aufforderung zum Spielen hochmütig ignorierte.

Ein Blick auf die Wasseruhr sagte mir, was ich bereits wußte: daß ich weit hinter meinem Zeitplan zurücklag, daß ich mich fertigmachen sollte, um hinabzugehen, daß ich schon längst hätte hinabgegangen sein sollen. Aber irgendwie konnte ich mich nicht dazu überwinden, es zu tun. Nach sechs Jahren, während derer ich mich nach ihm gesehnt, ihn hoffnungslos geliebt, mich nach ihm verzehrt und von ihm geträumt hatte, war Maximus endlich unter meinem Dach. Kaum dreißig Meter und nur eine Treppe trennten mich vom Atrium, wo man ihn, zwischen zwei Säulen gekettet, zurückgelassen hatte. Hilflos und ängstlich und allein wie niemals zuvor in seinem Leben. Und doch konnte ich mich nicht aufraffen, zu ihm zu gehen. Ihm gegenüberzutreten. Ihn aus seiner Hilflosigkeit, seiner Angst und Einsamkeit zu befreien. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, ihn zu befreien, ihn gehenzulassen und ihn nie wiederzusehen ...

Müde, zitternd trotz der milden Nacht, schlang ich die Arme um meinen Oberkörper, schloß die Augen und mit einer Leichtigkeit, die auf langer Übung beruhte, versenkte ich mich tief in mich selbst. Aber in jener Nacht gab es keine Zufluchtsstätte für mich. Nicht einmal dort, tief in meinem Inneren. Ich konnte ihm nicht entfliehen ...

________________ 

"Ich werde ihm helfen, und ich will nichts mehr darüber hören!"

Ich stürmte in die Bibliothek, dicht gefolgt von Apollinarius.

"Julia, Du kannst ihm nicht helfen!"

"Ich kann und ich werde es! Wenn du mir hilfst, wird es einfacher sein. Wenn nicht, werde ich es trotzdem tun. Und nun laß mich allein!"

Ich riß mir meinen Umhang vom Leib und warf ihn auf einen Stuhl, dann begann ich mit den mörderischen, abgezirkelten Bewegungen einer eingesperrten Löwin auf und ab zu laufen. Apollinarius versuchte, mich zu beruhigen.

"Julia, es ist zu gefährlich! Der römische Kaiser selbst ist in die Sache verwickelt!"

"Sei es der Kaiser von Rom, der König von Parthien oder Jupiter persönlich - das ist mir scheißegal! Hörst Du mich? Scheißegal! Er hat mir das Leben gerettet! Er schenkte mir Freiheit und Würde! Ich werde ihn nicht im Stich lassen!"

Jemand klopfte an die Tür, vermutlich ein gut ausgebildeter Diener, der mitbekommen hatte, daß wir zurück waren, und fragen wollte, ob wir etwas brauchten oder wollten.

"Verschwinde!" schrie ich, bevor Apollinarius noch antworten konnte. Auf der anderen Seite der Tür war ein Zögern zu vernehmen.

"Verschwinde! SOFORT!"

Mein Lehrer zuckte zusammen. Wir hörten den Klang davoneilender Schritte.

Wir waren eben aus dem Kolosseum zurückgekommen. Zum erstenmal in meinem Leben hatte ich die Schwelle zu diesem Tempel des Todes und der Zerstörung überschritten, nur um mit eigenen Augen zu sehen, was ich in meinem Herzen bereits wußte: daß der Mann, welchem unser ehemaliger Kaiser ohne Bedenken seine Armee anvertraut hatte, auf irgendeine Weise zum Sklaven degradiert worden war. Daß man den Mann, welcher der mächtige Kommandeur der Truppen des Nordens gewesen war, dazu verdammt hatte, zur Unterhaltung des Pöbels um sein Leben zu kämpfen. Daß der Mann, den ich als General Maximus Decimus Meridius gekannt hatte, jetzt nur noch Der Spanier war. Daß der Mann, in den ich mich vor sechs Jahren verliebt hatte, in mein Leben zurückgekehrt war.

Es war Apollinarius' Idee gewesen, die Spiele zu besuchen. Als ich mich von dem Schock, Maximus in einer Zelle des Kolosseums zur Schau gestellt zu sehen, so weit erholt hatte, daß ich wieder sprechen konnte, erzählte ich Apollinarius die ganze Geschichte. Ich erzählte ihm von dem gutaussehenden römischen General mit den blauen Augen, der mich wie eine Frau und nicht wie eine Hure behandelt, der mich eben so sehr wie ich ihn begehrt, sich jedoch geweigert hatte, mich zu nehmen, weil er einer Frau, die er liebte, versprochen hatte, ihr treu zu sein. Ich erzählte Apollinarius, wie ich diesem Mann geholfen hatte, meinen ehemaligen Herrn davon abzuhalten, dem rechtmäßigen Kaiser den Thron zu rauben, und ich versuchte nicht einmal, vor meinem ehemaligen Lehrer zu verbergen, daß ich Cassius mit meinen eigenen Händen getötet hatte. Ich berichtete ihm, wie ich mich in den rauhen spanischen Soldaten verliebt hatte, wie ich mich nach ihm gesehnt, um ihn geweint und von ihm geträumt hatte, und meine Erzählung endete in einem neuerlichen Schwall von Tränen, Schluchzen, Jammern und Flüchen. Warum gelang es mir nicht, diesen Mann aus meinem Herzen und meinem Leben zu reißen? Warum konnten nicht einmal Freiheit und Ehe, Bildung und Reichtum diesem Verlangen, der Sehnsucht und unerwiderten Liebe ein Ende setzen?

"Ich hasse ihn", schluchzte ich gegen Apollinarius' Schulter.

"Nein ... ich fürchte, Du liebst ihn immer noch. Haß und Liebe sind beides sehr starke Gefühle und können leicht verwechselt werden", sagte mein ehemaliger Lehrer. Guter, alter Apollinarius! Immer ganz der Lehrer. Immer verständnisvoll, selbst wenn er nichts verstand.

"O, Apollinarius, was soll ich nur tun ... was soll ich tun? Ich kann ihn nicht als Sklave sterben lassen. Ich kann es einfach nicht."

"Die Entscheidung darüber liegt nicht bei Dir, Kind."

Ich löste mich aus seiner Umarmung. Was ich auch immer in meinem Schmerz und meiner Verzweiflung gesagt haben mochte, ich wollte nichts davon hören, daß ich keine Chance hätte, ihm zu helfen. Aber Apollinarius hielt auch weiter meine Arme fest, während ich schluchzte und mit einem Schuckauf kämpfte. "Ich hatte gerade an--angefangen, über ihn hinwegzukommen. Ich hatte gerade angefangen, mich damit abzufinden, daß ich ihn nie wiedersehen würde. Und nun dies ... " Ich rang nach Worten. "Er ist hier, und ich kann ihn immer noch nicht haben. O, Apollinarius, er ... er wird sterben."

Mein ehemaliger Lehrer zog meinen Kopf wieder zurück an seine Schulter und wiegte mich hin und her, bis ich mich endlich beruhigte. Und als es so weit war, flüsterte ich mit kaum vernehmbarer Stimme: "Ich liebe ihn." Ich schloß fest meine Augen und wiederholte: "Ich liebe ihn."

"Ja, ich  weiß."

"Was soll ich tun?"

"Julia, Du weißt, daß ich diese Spiele barbarisch und abstoßend finde, aber wenn Du glaubst, daß es Dir helfen würde, darüber hinwegzukommen, dann werde ich Dich begleiten, so daß Du ihn kämpfen sehen kannst."

"Wie soll mir das helfen, über ihn hinwegzukommen?"

"Du wirst ihn in einem anderen Licht sehen. Für Dich ist er der General ... ein Mann von großer Autorität und Würde. Wenn Du ihn in der Arena sich wie ein Tier wälzen sehen wirst, dann wird dies Deine Erinnerungen an den General auslöschen, und Du wirst ihn schneller vergessen können. Du wirst sehen, daß der Mann, den Du liebst, nicht länger existiert ... , daß das da draußen nur noch sein Körper ist."

Also besuchten wir am folgenden Tag die Spiele. Wir waren bereits frühzeitig da, um uns gute Plätze zu sichern, aber schon wenige Minuten nach Beginn des ersten Spektakels floh ich aus dem Flavischen Amphitheater, da ich den Anblick von Gewalt und Blutvergießen nicht ertragen konnte. Und das war erst der Anfang des Tages. Gladiatoren kämpfen nur am späten Nachmittag, also willigte Apollinarius ein zu bleiben, um unsere Plätze besetzt zu halten, während ich herumwanderte, durch die Säulengänge der Arena schlenderte und das Forum außerhalb des Kolosseums durchstreifte, verzweifelt darum bemüht, meinen Geist von dem bevorstehenden Kampf abzulenken. Verzweifelt bemüht nicht daran zu denken, daß ich die Spiele vielleicht nur besucht haben würde, um Maximus sterben zu sehen ...

Aber ein Entfliehen war unmöglich, und wohin ich mich auch wandte, alles erinnerte an ihn.

Maximus. Maximus. Maximus.

Ich hörte seinen Namen immer wieder. Männer sprachen über ihn. Kinder taten, als seien sie er, während sie sich spielerisch mit hölzernen Schwertern attackierten. Frauen klatschten mit leiser Stimme über ihn, und ihr Kichern ließ keinen Zweifel über die Natur ihrer Unterhaltungen offen.

Gladiatoren waren überall, und ich hatte es niemals zuvor wahrgenommen. Man fand sie auf Mosaiken abgebildet, die Zahl ihrer Siege neben ihren Namen vermerkt. Und die Zahlen waren immer erschreckend niedrig, meist nur einstellig, während der griechische Buchstabe "Omega" keinen Zweifel daran ließ, daß der betreffende Mann bereits gefallen war, um nie wieder aufzustehen.

Gladiatoren waren auch in Marmor gemeißelt. Und die Menge, die auf Einlaß wartete, hatte ihre Namen in die travertinischen Marmorbögen des Kolosseums eingeritzt. Das Flavische Amphitheater war bereits hundert Jahre alt, und Generation auf Generation von Römern hatte auf seine Außenmauern die Namen jener Männer geschrieben, die gleich Göttern verehrt wurden von dem gesichtslosen, begeisterten Mob, den sie durch ihre Kampfkünste verführt hatten ... Der gesichtslose, begeisterte Mob, welcher Maximus' militärischen Siegen über die Feinde Roms hätte zujubeln sollen ... und der statt dessen jubelte, wenn sie ihn zu ihrer Unterhaltung in der Arena töten sahen.

Ich mußte nicht lange suchen, um Maximus' Namen zu entdecken: man fand ihn überall geschrieben, wieder und wieder hingekritzelt von Hunderten verschiedener Hände. Richtig geschrieben. Falsch geschrieben. Geschrieben von geübten Händen, die daran gewöhnt waren, den Schreibgriffel zu führen, und von den ungeschickten der ganz Jungen oder einfach nur Ungebildeten. Sein Name war überall, stolz für sich allein oder gefolgt von einer Botschaft, die der Bewunderung des Schreibers Ausdruck verlieh. Der Liebe. Der Verehrung. Der Lust. Mit den Spitzen meiner zitternden Finger zeichnete ich zärtlich die Buchstaben nach, so wie ich danach verlangte, sein anziehendes Gesicht zu berühren, seinen schön gestalteten, süßen, sinnlichen Mund ...

Maximus. Maximus. Maximus.

Ich preßte die Stirn gegen den zerkratzten Marmor, der von der Nachmittagssonne warm war, und schloß die Augen. Plötzlich fühlte ich mich klein im Schatten des mächtigen Gebäudes, das sich drohend über mir, über Rom erhob. Ich fühlte mich klein und verloren in der Masse, die sich um mich sammelte, mich vorwärts drängte, mich ein weiteres mal dem Unbekannten entgegen drängte. Meinem eigenen Schicksal entgegen ... Ich wollte Widerstand leisten. Weglaufen. Mich in einer dunklen Ecke verstecken, zusammenrollen, die Augen schließen, die Ohren zuhalten ...

Ein klingelndes Geräusch brachte mich zurück in die Wirklichkeit. Es war nicht der musikalische Klang einer guten Glocke, sondern jener einer billigen oder geborstenen. Es kam  irgendwoher aus den Bogengängen des Kolosseums, und irgendwie schien es nach mir zu rufen. Langsam, wie im Traum, löste ich mich von der marmornen Mauer und folgte dem Klang, magnetisch angezogen wie es die Seeleute vom Gesang der Sirenen sein sollen ... ihrem Verderben entgegen.

Das Geräusch kam von einem der zahllosen Verkaufsstände in den Arkaden des Kolosseums, von einem, der offenbar guten Umsatz machte. Der Stand war umlagert von einer kleinen Menge, schwitzende, laute Menschen in hausgesponnenen Kleidern, welche Hüte und Körbe, Weinschläuche und Kissen bei sich trugen, um die Spiele besser genießen zu können. Sie betrachteten mich abschätzend, und es schoß mir durch den Kopf, wie ich auf sie wirken mußte: eine hochgewachsene, schöne, elegante Frau, in Weiß gekleidet, die während der Spiele allein die Umgebung des Kolosseums durchstreifte ... Die einzigen Frauen, die sich während der Spiele allein im und um das Kolosseum herum aufhalten, sind die billigsten Huren Roms, Hunderte von ihnen, die darauf hoffen, in den angrenzenden Straßen ein Geschäft zu machen, wenn Tausende von Männern, erregt von einem Tag voller Blut und Gewalt, aus der Arena ströhmen und ein Ventil für ihre aufgestauten Emotionen suchen. Oder was noch besser wäre: ein Geschäft mit den Lanistas (*), welche auf der Suche nach einer billigen Bettgenossin für ihre überlebenden Gladiatoren waren. Reiche Matronen wie ich hatten es nicht nötig, sich öffentlich bloßzustellen: sie ließen von ihren Dienern diskrete Besuche in den Gladiatorenschulen arrangieren oder ließen ganz einfach die Gladiatoren in Fesseln in ihre Häuser liefern für eine Nacht sexueller Dienstleistung. Ich mußte lachen über die bittere Ironie des Schicksals, welches ein Mädchen mit rotgoldenem Haar als Sklavin und Hure aus Rom weggeführt hatte, nur um sie zwei Jahr später als Freigelassene, die einen der reichsten Männer der Stadt heiraten würde, wieder zurückkehren zu sehen. Und diese Frau trieb sich nun auf dem Forum herum wie eine gewöhnliche Nutte. Ich hatte es Maximus zu verdanken, daß ich jetzt frei und reich war ... und Maximus war auch der Grund, daß ich mich zusammen mit den Huren auf dem Forum herumtrieb. Die Götter mußten einen noch viel grausameren und verdrehteren Sinn für Humor haben, als ich immer schon vermutet hatte.

Die Menge um mich herum teilte sich instinktiv, wie eine Menge es gewöhnlich beim Anblick jener tut, die die Autorität des Reichtums ausstrahlen und ein Selbstbewußtsein, das - selbst wenn es so schwer erschüttert war wie das meine in jenem Moment - beträchtlicher ist als alles, was diese Leute jemals in ihrem ganzen Leben in dieser Hinsicht zusammenbringen werden. Ich ging weiter auf den Stand zu, und dann sah ich sie. Die Quelle für das klingelnde Geräusch und für für das Interesse der Menge.

Puppen von Gladiatoren.

Puppen von Maximus.

Ich hatte von ihnen gehört, sie jedoch niemals gesehen. Es waren groteske Gliederpuppen, aus Blech geschnitten in der Form eines kräftigen Mannes, angetan mit den Waffen seines Berufsstandes, dann grob bemalt, um an die blaue Tunika und den schwarzen Brustpanzer zu erinnern, die er trug, als ich ihn in der Ausstellungszelle gesehen hatte. Der Handwerker, der die Maximus-Puppen gemacht hatte, hatte auch ein Auge fürs Detail und die Figuren mit kurzgeschnittenem schwarzem Haar und einem sorgsam gestutzten Bart versehen. Und er hatte besondere Aufmerksamkeit auf den monströsen erigierten Penis verwendet, der unter dem Saum der Tunika hervorlugte, der Kopf eines brüllenden Löwen oder eines wütenden Bullen zierte die Stelle, wo sich gewöhnlich die Spitze dieses männlichen Organs befand.

Gladiatoren. Löwen. Bullen. Symbole der Männlichkeit. Männlicher sexueller Kraft.

Die Gladiatoren-Puppen werden von den Angehörigen der unteren Schichten als männlicher Fetisch an die Eingangstüren gehängt, sei es, um das sexuelle Stehvermögen des Hausherrn zu garantieren oder die Fruchtbarkeit der Hausherrin, ich weiß es nicht. Wahrscheinlich beides.

Plötzlich tauchte in meiner Erinnerung eine lang vergessene Episode auf. Kurz nachdem Eugenia ihr Kind zur Welt gebracht hatte, wurde ich nach Rom gebracht, um einen jungen Angehörigen des Magistrats zu bedienen, den ich offenbar nicht nur befriedigte sondern der von mir geradezu begeistert gewesen zu sein schien. Daher behielt er mich länger bei sich, als es vereinbart gewesen war, und ich hielt mich am 15. Februar jenes Jahres in der Stadt Rom auf. Der Frühling, die Zeit der Aussaat, hatte offiziell bereits vor 10 Tagen begonnen. Als hoher Beamter wurde von dem jungen Mann erwartet, daß er an den Feierlichkeiten der Lupercalia *1 teilnahm, und er nahm mich mit sich. Ich hatte über dieses Fest der Fruchtbarkeit gehört, es jedoch nie gesehen, geschweige denn, daran teilgenommen, da Fruchtbarkeit etwas war, das man in meiner damaligen Profession tunlichst zu meiden hatte.

Wie auch immer, ich hatte nur selten Gelegenheit, allein durch die Straßen Roms zu schlendern, und da die Pflicht des jungen Mannes es gebot, daß er bei den anderen Beamten blieb, begrüßte ich die Gelegenheit, einige Stunden nur für mich zu haben.

Es war kalt und wolkig und drohte zu regnen. Ich blieb dicht beim Palatinischen Hügel, fest in meinen Umhang gewickelt stand ich unter den Tausenden von Menschen, die sich seit dem frühen Morgen dort versammelt hatten. Die Straßenhändler verkauften billigen Gewürzwein und geröstete Eßkastanien. Gebrüll aus der Ferne kündete davon, daß die luperci (**) losgerannt sein mußten, nackte Männer, nur in die Felle der Ziegen gehüllt, die sie soeben Lupercus - einer Gottheit, die auch als Pan bekannt ist - an der Stelle geopfer hatten, wo nach der Tradition Romulus und Remus von der Wölfin gesäugt worden waren. Sie rannten durch das Palatinische Viertel und vollzogen dabei die alljährliche rituelle Reinigung, wobei sie in der rechten Hand Peitschen trugen, die aus Hautstreifen eines Hundes gemacht waren, welchen sie ebenfalls früher am Tag geopfert hatten.

Frauen stießen einander beiseite, um in die erste Reihe zu gelangen, und rannten den luperci sogar entgegen, hielten ihnen Hände und Rücken entgegen, auf welche die jungen Männer mit ihren Peitschen schlugen, wobei die blutigen Hautstreifen bei jedem Schlag ihre schmierige Spur hinterließen. Aber die Frauen boten sich willig den Schlägen und dem Blut dar, jenem traditionellen Segen, der ihre Fruchtbarkeit garantieren sollte, wie es keine Kräuter, kein magischer Spruch und kein Gebet vermochten. Ich stand dicht an der Ziellinie und schaute mit Faszination und Abscheu auf die an mir vorbeirennenden nackten Männer, auf das Blut, das von den frischen Ziegenhäuten rann, ihre Schenkel beschmierte und dann auf die Erde tropfte. Das Geschrei der Menge war ohrenbetäubend. Die Frauen um mich herum kreischten hysterisch und stießen mich zur Seite, um näher an die luperci heranzukommen und deren Segen zu empfangen ... In jenem Jahr war ich ungefähr fünfzehn und somit in einem Alter, in welchem sich die meisten römischen Mädchen auf das Ehebett vorbereiten, aber mich konnte nichts mehr, was ein Mann einer Frau oder sie ihm antun mochten, erschrecken. Und doch hatte der Ritus, der dort vor meinen Augen ablief, etwas unbeschreiblich Obszönes an sich ...

Irgend jemand versetzte mir einen heftigen Stoß, einen Schlag direkt zwischen die Schulterblätter, und ich stolperte. Ich machte zwei Schritte nach vorn, versuchte vergeblich, das Gleichgewicht zu behalten und fiel auf die Knie. Als ich aufschaute, sah ich mit Entsetzen, daß einer der luperci sich mir zuwandte. Er war jung und gutaussehend wie alle luperci, denn sie wurden unter den vielversprechenden Söhnen der Patrizierfamilien ausgewählt. Marcus Antonius war der Berühmteste unter jenen gewesen, die je an diesem heiligen Lauf teilgenommen hatten, während ein bereits dem Untergang geweihter Julius Caesar den Feierlichkeiten vorgestanden hatte. Der Lupercus beugte sich über mich, sein feuchtes, lockiges Haar klebte ihm im Gesicht, und der Schweiß lief trotz der Kälte in Strömen über seinen muskulösen, geölten Körper. Er grinste, und etwas raubtierhaftes lag in seinem Grinsen, etwas Unheilvolles. Ich sah, wie er die Peitsche hob, und bedeckte instinktiv mein Gesicht mit den Händen ... nur um den Schlag der ledernen Streifen auf ihnen zu spüren.

"Eine baldige Schwangerschaft und sichere Niederkunft für Dich, Herrin!" sagte er ... und ich schwöre, daß ich trotz der lärmenden Menge sein spöttisches Lachen deutlich vernehmen konnte.

Ich blieb auf dem Boden hocken, zitterte vor Kälte und Entsetzen, die Menge um mich herum brüllte, und die luperci rannten weiter, um ihren Lauf und die vorgeschriebenen Riten zu erfüllen ... Ich mußte meine Hände nicht ansehen, um zu wissen, daß sie voller Blut waren, daß ich den Segen empfangen hatte und mein schlimmster Alptraum wahr zu werden drohte: schwanger zu werden und mein kleines Mädchen als Hure aufgezogen zu sehen, so wie man es mit mir gemacht hatte, oder mitansehen zu müssen, daß man mir - wie Eugenia -  meinen neugeborenen Sohn wegnahm ... Der junge Beamte brauchte Stunden, um mich zu finden, und als er mich endlich fand, war er über mein Aussehen zu entsetzt, um Ärger über eine ungehorsame Sklavin empfinden zu können. Ich kauerte auf dem kalten, feuchten Boden neben einem öffentlichen Brunnen und rieb blindlings wie wahnsinnig an meinen Händen, um die Blutspuren zu beseitigen, die ich schon längst im eisigen Wasser abgewaschen hatte, die ich jedoch immer noch vor meinem geistigen Auge sah ... Der Mann betrachtete meine beschmutzten Kleider und mein zerrauftes Haar, vermutlich dachte er, man hätte mich auf der Straße überfallen, und er nahm mich mit nach Hause, wo man mir ein heißes Bad bereitete, einen beruhigenden Kräutertrank und ein warmes Bett, in welchem ich unbehelligt schlafen durfte, bevor ich in Cassius' Villa zurückkehren mußte. Er war gut zu mir gewesen, aber ich hatte seine Güte nicht mal zur Kenntnis genommen, der Geist des lupercus jedoch, sein wildes Grinsen und spöttisches Gelächter verfolgten mich noch Monate lang bis in meine Träume.

"Willste 'ne Puppe, gnädje Frau? Willste eine, damit Dein Mann auch wirklich kann?"

Eine Stimme mit starkem Akzent riß mich aus meinen Träumereien. Der Besitzer des Standes grinste mich an. Vorzeitig gealtert. Einige Zähne fehlten, andere waren faulig. Vermutlich schlechte Ernährung. Ein Gesicht wie Tausende anderer in der großen Stadt Rom. Das Gesicht des gesichtslosen Roms, so ganz anders als die feierlichen Statuen und Büsten, für immer erstarrt in ihrer alterlosen Würde.

"Ist der Spanier, gnädje Frau. Bester Gladiator, den es je gegeben. Der männlichste auch. Stark wie nen wilder spanischer Stier!"

Die Menge um mich herum war verstummt - eine seltene Oase der Stille inmitten des lärmenden Forums - und schaute mich neugierig an. Als ich ihren Blicken folgte, bemerkte ich, daß ich mich, während ich meinen schrecklichen Erinnerungen an die Lupercalia nachhing, in die erste Reihe vorgeschoben und die Hand nach den grotesken Gladiatoren-Puppen ausgestreckt hatte, die über dem Stand hingen. Meine Finger glitten über die Oberfläche der metallenen Figuren, wie sie Maximus' Namen an der Marmorwand  nachgezeichnet hatten. Erschrocken zog ich meine Hand zurück ... Aber eines der metallenen Dinger hatte eine scharfe Kante und ritze mir die Haut auf, so daß ich blutete. Mit dem gleichen faszinierten Entsetzen, mit welchem ich jenen wolkenverhangenen Tag im Februar durchlebt hatte, sah ich jetzt das Blut auf meiner Hand, der Hand, welche den Peitschenschlag des Lupercus und damit seinen Segen vor beinahe zehn Jahren empfangen hatte.

"Mutter Isis ist Dir günstig gesinnt, Herrin Julia. Wie könnte sie nicht? Du bist eine Frau ...Deine Zeit wird kommen. Und eher als Du es vermutest."

 Meriths Worte hallten in meinem Gedächtnis nach, nur um von dem Gebrüll der fünfzigtausend Römer verschlungen zu werden, die bereits ihre Plätze im Kolosseum eingenommen hatten:

"Maximus! Maximus! Maximus!"

Ich wandte mich um und rannte zurück zum Amphitheater.

Als ich meinen Platz im zweiten Rang neben Apollinarius einnahm, war es mir gelungen, mich so weit zusammenzunehmen, daß ich vorgeben konnte, mein seltsames Gebaren sei eine Folge meiner Nervosität. Obwohl dies völlig belanglos war. Apollinarius erschien reichlich erhitzt von den vorausgegangenen Kämpfen des Tages. Sein Gesicht war gerötet und seine Bewegungen fahrig, was bei seiner sonst so ruhigen Veranlagung reichlich seltsam anmutete. Ich versuchte, mit ihm zu reden, ihn zu beruhigen, da ich glaubte, ein sensibler Mann wie er müsse sich unwohl fühlen, nachdem er gezwungen gewesen war, Stunde um Stunde diese blinde Gewalt mitanzusehen ... Aber schon bald stellte ich fest, daß seine Augen auf den Eingang geheftet waren, in wechem Maximus erscheinen würde, und das sein stoßweiser Atem auf mehr als nur blankem Abscheu beruhte. "Setz Dich! Setz Dich!" sagte er, während er auf den Platz neben sich klopfte, ohne auch nur einen Blick von der Arena zu lassen.

Die Trompeten erschallten, das Tor öffnete sich, und eine einsame Gestalt trat daraus hervor. Die Menge schrie und klatschte.

Maximus.

Er sah so klein aus dort unten! So allein! Und so schön!

Ich packte die Hand meines Begleiters und drückte sie fest, aber Apollinarius sah mich nicht an, all seine Aufmerksamkeit war allein auf Maximus konzentriert.

"Ist er das?" schrie er, um sich über die lärmende Menge hin verständlich zu machen.

"Ja."

Er sagte noch etwas, aber ich nahm Apollinarius' aufgeregtes Gerede kaum zur Kenntnis, denn auch mein Blick war jetzt nur auf Maximus gerichtet. Er wirkte gelassen und selbstsicher, als er mit langen, festen Schritten durch den Sand der Arena schritt. So weit ich es aus dieser Entfernung beurteilen konnte, befand er sich in guter Verfassung, aber ich erschauerte, als ich bemerkte, daß er weder Helm noch schwere Rüstung trug, nur Brustpanzer und Schwert. Dann sah ich deutlich den spöttischen Ausdruck in seinem Gesicht, als er dem Kaiser gegenübertrat, sich jedoch weigerte, den traditionellen Gruß an ihn zu richten. Statt dessen grinste er ihn nur höhnisch an und ließ sein Schwert locker kreisen,  während seine beiden Gegner - wie man es von ihnen erwartete - riefen: "Heil, Caesar, die Todgeweihten grüßen Dich!"

Die Menge brüllte abermals, aber Maximus schien die inbrünstige Veehrung gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Statt dessen ging er in die Hocke, nahm eine Handvoll Sand und zerrieb ihn zwischen den Handflächen, bevor er ihn langsam wieder zu Boden rinnen ließ. Dann wandte er sich seinen Gegnern zu - zwei Männern in schwerer Rüstung, die ein beeindruckendes Arsenal von Waffen trugen - und der Kampf begann ...

Maximus brauchte nur wenige Sekunden, und der erste Mann fiel wie ein Stein in den Sand der Arena. Er war tot. Die Menge schrie vor Vergnügen.

"Hast Du das gesehen? Hast Du das gesehen? Bei den Göttern, der Mann ist brillant, Julia!" rief Apollinarius. "Er hat schon einen Gegener erledigt, und nun hat er das Schwert und den Dreizack. So etwas hätte ich nie erwartet! Er ist so selbstsicher ... kontrolliert alles!"

Ich war völlig entgeistert. Ich wußte, daß Maximus sehr gefährlich sein konnte. Vor sechs Jahren hatte er seinen mörderischen Hass an mir ausgelassen, als er vermutete, ich würde mit dem Verräter gemeinsame Sache machen. Kurz danach hatte ich ihn zweimal kaltblütig töten sehen. Aber das Töten in Cassius' Zelt war nicht zu vergleichen mit dem, was in der Arena geschah, mit dieser tödlichen Kombination von Disziplin, Übung, Kraft, Gewandtheit und Instinkt. Eine Kombination, die den Blutdurst der erregten Menge auf einen unvorstellbar fiebrigen Höhepunkt getrieben hatte. Eine Kombination, die sogar den friedliebenden, stillen, sensiblen Mann, der hier neben mir saß, in Ekstase versetzt hatte. Soldat oder Sklave, Maximus hatte sich kein bißchen verändert. Er war noch immer jeder Zoll der General, den ich gekannt und in den ich mich verliebt hatte. Und wenn er auch zur Belustigung der Masse kämpfte, so gelang es ihm doch, seine uneingeschränkte Würde vollkommen unversehrt zu bewahren.

Der zweite Gegener griff Maximus an, und ich schloß die Augen, unfähig den Kampf mitanzusehen. Ich schloß die Augen und tat, was ich seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatte. Was ich nicht mehr getan hatte seit jenem lange zurückliegenden Tage, als der Lupercus mich mit seiner Peitsche geschlagen hatte: ich betete. Ich betete zu jedem Gott und jeder Göttin, an die ich mich erinnern konnte. An jenem Tage vor annähernd zehn Jahren bat ich sie, mir zu ersparen, ein bereits im voraus verdammtes Kind zur Welt bringen zu müssen ... obwohl ich wußte, daß ich mich tief in meinem Inneren nach einem Baby sehnte, nach einer Tochter, der ich die Puppen schenken könnte, die ich niemals besessen hatte. Nach einem kleinen Mädchen, mit dem ich spielen, das ich an meine Brust drücken, das ich trösten konnte, wenn es traurig war, das ich vor einer brutalen, grausamen und dunklen Welt beschützen würde, so wie ich mich danach sehnte zu spielen, in den Arm genommen, getröstet und beschützt zu werden. Nun bat ich sie um Maximus' Leben. Meines statt des seinen zu nehmen. Mich zu bestrafen für meinen mangelnden Glauben, aber ihm zu gestatten weiterzuleben ...

Das Brüllen der Menge zwang mich, die Augen zu öffnen, und ich zuckte zusammen, als der behelmte Schwertkämpfer angriff. Aber Maximus wehrte das Schwert des Angreifers einfach mit seinem eigenen ab, duckte sich, machte einen Ausfall und senkte zuerst sein Schwert in die Kehle des Mannes, dann den Dreizack in seinen Oberschenkel. Das hervorschießende Blut durchtränkte sowohl den sterbenden Mann als auch seinen Henker, als Maximus die Waffen aus dem Leib seines Gegners zog und sie mit der Spitze nach unten in den Boden bohrte, dann den beiden Leichnamen und dem Kaiser den Rücken zuwandte und in die andere Richtung abmarschierte. Abermals ignorierte er die Rufe der ihm zujubenden Menge und ging direkt auf das Tor zu, durch das er die Arena betreten hatte. Das Tor der Überlebenden.

Es öffnete sich nicht.

Ich preßte mir die Hand auf den Magen und blickte ängstlich zu Commodus hinüber. Der junge Kaiser lächelte ein angespanntes, bösartiges Lächeln, und erst jetzt bemerkte ich seine Schwester. Es war das erstemal, daß ich die Dame Lucilla sah. Die Frau, die Maximus geliebt hatte. Die Frau, die ihn noch immer liebte. Blaß und angespannt saß Marcus Aurelius' Tochter neben ihrem Bruder in der kaiserlichen Loge.

Langsam drehte sich Maximus um und blickte zu Commodus hinauf, zu dem Sohn jenes Mannes, der ihn selbst wie einen Sohn und den er wie einen Vater geliebt hatte. Er blickte hinauf zu jenem Mann, der auf irgendeine Weise mit seinem unglücklichen Schicksal und seiner Versklavung in Verbindung stand, und selbst aus der Entfernung konnte ich sehen, wie sich seine Lippen zu einem höhnischen Grinsen verzogen.

"O Maximus, reize ihn nicht, bitte, reize ihn nicht", flüsterte ich.

Langsam wurde es still auf den Rängen der Zuschauer, während Gladiator und Kaiser über den blutigen Sand des Kolosseums hinweg ihre Blicke maßen. Unbewußt registrierte ich, daß die purpurnen Tupfer in der Arena nicht nur Blutflecke sondern auch Rosenblätter waren. Rosenblätter wie die, welche irgend jemand in meiner Hochzeitsnacht als Gabe an Venus, die Göttin der Liebe, auf unser Ehebett gestreut hatte. Und auch wie jene, mit denen Marius Servilius Tibullus die Büste von Pollia Sabina Marcia überschüttete - als Grabgabe an sein geliebtes Weib ... Langsam ging Maximus auf Commodus zu, welcher vor seinem thronähnlichen Sessel stand und seine Chncen gegen den Gladiator abzuwägen schien. Nervöses Kichern war aus der Menge zu hören. Sie liebten Maximus, wenn sie ihn töten sahen, aber sie liebten ihn noch um vieles mehr, wenn er sich furchtlos einem Kaiser gegenüberstellte, der die Spiele zu ihrer Unterhaltung ausrichtete, dem sie jedoch mißtrauten und den sie verachteten. Aber sie wußten auch, daß Maximus, indem er dies tat, sein Leben riskierte, denn Commodus war gefährlicher als der erfahrenste Gegner, auf den Maximus jemals in der Arena treffen würde. Aber der Pöbel weiß um seine Macht, und wenn er einmal entscheidet, sie zu nutzen, dann wagt nicht einmal der mächtige römische Kaiser, sich ihm zu widersetzen. Der rhythmische Sprechgesang begann von neuem, wurde lauter und lauter, wie ein mächtiger Sturm, als fünfzigtausend Stimmen sich zu einem einzigen Schrei vereinten. Bevor ich noch wußte, was ich tat, sprang ich auf und stimmte in diesen Schrei mit ein. Apollinarius verlor keine Zeit und tat es mir gleich.

"Maximus! Maximus! Maximus!"

Rom brüllte und wir brüllten zusammen mit Rom als hätten unsere Stimmen allein die Macht, Maximus' Leben zu retten. Ich konnte das Zögern des Kaisers mehr spüren als daß ich es sah. Dann beriet er sich kurz mit dem Prefekten seiner Prätorianer - einem hochgewachsenen schwarzgekleideten Mann mit einem imposanten Federbusch auf seinem Helm -, nickte einmal, und das Tor hinter Maximus öffnete sich langsam. Dieser blieb wie angewurzelt stehen, warf Commodus einen letzten mörderischen Blick zu, wandte sich dann um und verschwand in den Tiefen des Kolosseums, während die Menge, zufrieden mit dem erlebten Blutvergießen und dem Beweis ihrer eigenen Macht, dem Spanier und sich selbst zujubelte.

Ausgelaugt fiel ich auf meinen Sitz zurück und starrte auf meine blutverschmierte Hand. Ich ballte sie zur Faust, presste sie auf meinen Mund und war bereit, mein Schicksal anzunehmen.

 

Apollinarius saß auf seinem üblichen Platz vor meinem Schreibtisch, die Hände im Schoß gefaltet, und fixierte mich mit seinen schönen, nun sehr ernsten, haselnußbraunen Augen.

"Was soll ich für Dich tun?"

Ich hörte auf, im Zimmer hin und her zu laufen, ging langsam zu meinem Schreibtisch und setzte mich hin. Das war die Rückkehr zur gesunden Normalität: Apollinarius erwartete von mir, die Führung zu übernehmen, und ich tat es. Mein ehemaliger Lehrer gab mir seine Unterstützung, während ich entschied, was zu tun war.

"Ich will wissen, wer sein Besitzer und wo er untergebracht ist. Ich will wissen, ob der Ort stark bewacht wird und ob er direkt der Aufsicht des Kaisers untersteht. Ebenso wer regelmäßig dort ein und aus geht: Lieferanten, Köche, Schmiede, Huren."

Beim letzten Wort zuckte Apollinarius zusammen. Ich ignorierte es einfach, während ich kurz und knapp meine Anweisungen erteilte, als hätte ich es mit einem unerwarteten Notfall bei meinen Schiffen zu tun.

"Ich will wissen, um welche Zeit er täglich trainiert und wann man ihn besuchen kann. Ich will ein Gespräch mit ihm. Allein. Ohne Zeitbeschränkung. Wer auch immer die Aufsicht über ihn hat - laß ihn wissen, daß ich für seine Zeit großzügig zahle. Ich will auch, daß man ihn gut behandelt. Er soll alles bekommen, was er braucht, daß es ihm gut geht und er gesund bleibt."

Ich hielt kurz inne und fuhr dann fort: "Haben wir Informanten im kaiserlichen Palast?"

Apollinarius fuhr zusammen als hätte ich ihn geschlagen, faßte sich jedoch schnell wieder.

"Einige ... die meisten sind Schreiber, die für den obersten Sekretär arbeiten ... " sagte er zögernd.

"Prüf das nur nach. Wir lassen den Kaiser im Augenblick außen vor. Maximus wird mir sagen, was ich wissen muß, wenn ich ihn treffen werde. Kann einer Deiner Freunde das übernehmen, oder brauchen wir einen bezahlten Informanten?"

Apollinarius seufzte offensichtlich erleichtert.

"Es scheint, daß der Mann populär ist, also dürfte es nicht allzu schwierig sein, Informationen über ihn zu bekommen. Ich will sehen, was ich tun kann ... "

"Wann hat Maximus seinen nächsten Kampf?"

"Nun, ... die Spiele gehen in zwei Tagen weiter, also ... "

"Ich möchte morgen früh einen Bericht."

Apollinarius schien etwas sagen zu wollen, überlegte es sich dann jedoch anders. Er nickte, stand auf und wandte sich der Tür der Bibliothek zu.

"Apollinarius?"

Er drehte sich um.

"Danke, mein Freund."

Er lächelte ein schwaches, trauriges Lächeln und nickte abermals. Dann ging er leise hinaus.

"Nun?"

Es war früh am morgen. Meine Ehe mit Marius Servilius und das Schiffsgeschäft hatten mich zu einer Frühaufsteherin gemacht, eine gesunde Veränderung im Leben einer Frau, deren früheres Leben sich gößtenteils während der dunkelsten Nachtstunden abgespielt hatte. Trotz der inneren Erregung gelang es mir zu schlafen und auch, mein Frühstück zu essen. Mich zum Schlafen und Essen zu zwingen, war eine Fähigkeit, die ich während meiner Zeit als Hure erworben hatte, als ich Tag um Tag darum kämpfen mußte, nicht den Verstand zu verlieren. Es tat gut zu entdecken, daß sechs Jahre in Freiheit und Reichtum mich nicht verweichlicht hatten. Während der kommenden Tage würde ich all meine Kräfte brauchen. Und mehr. Viel mehr.

Apollinarius setzte sich auf seinen üblichen Platz und holte tief Luft.

"Sein Besitzer ist ein Mann namens Proximo. Ein ehemaliger Sklave und Gladiator, der später selbst Lanista*2 wurde. Aber nur ein kleiner. Er war selbst vor ungefähr fünfzehn Jahren ein Star in der Arena. Er erhielt den Rudis*3 von Marcus Aurelius. Als der Kaiser die Spiele in Rom beendete, ging er nach Zucchabar und verdiente seitdem dort seinen Lebensunterhalt. Es ... war in Zucchabar, wo er ... er ... d-den G-general ... fand. Er kaufte ihn zusammen mit anderen Männern auf dem örtlichen Skalvenmarkt ... Es war Proximo, der ihm den Namen Der Spanier gab, da sich der General weigerte, ihm seinen Namen zu nennen. Zucchabar liegt in ...!

" ... der Provinz Afrika. Ich kenne mich aus mit Geographie. Sprich weiter."

Mir war vollkommen bewußt, wie brüsk mein Ton war und daß Apollinarius nichts getan hatte, was es verdiente, so kurz angebunden mit ihm zu sprechen. Aber dieser brüske Ton war die einzige Möglichkeit, die es mir erlaubte, mich auf das Geschäftliche zu konzentrieren. Allein der Gedanke, daß man Maximus auf einen Auktionsblock mitten auf dem Marktplatz eines jämmerlichen, fliegenverseuchten Ortes wie Zucchabar gestellt hatte, hätte mich sonst um den Verstand gebracht. Wie hatte nur Marcus Aurelius' Liebling, sein geschätztester Heerführer in diesem gottverlassenen Winkel des Imperiums enden können?

Ich rief mich innerlich selbst zur Ordnung und nahm einen Griffel aus der Ablage vor mir.

"Es scheint, daß ... der General ... "

"Du darfst ihn Maximus nennen."

"Ja, äh, Maximus. Es scheint, daß Maximus es als Gladiator in Afrika zu beträchtlichem Ruhm brachte. Als Proximo von den Spielen zu Ehren des verstorbenen Kaisers erfuhr, beschloß er, seine Männer nach Rom zu bringen. Vor Maximus besaß er nur einen einzigen guten Gladiator, einen riesigen Germanen namens Haken. Zusammen mit Maximus hatte er auch einen Numidier gekauft ... " Apollinarius nahm seine Wachstäfelchen zu Hilfe "... einen Numidier namens Juba. Keiner von ihnen kann sich mit Maximus messen, aber auch sie scheinen gut zu sein. Proximo kam nach Rom und das Debut seiner Männer wurde zum Höhepunkt der bisherigen Spiele ... und das dank Maximus ... "

"Die Schlacht von Karthago. Sprich weiter."

Apollinarius atmete abermals tief durch.

"Als Besitzer von Maximus ist Proximo wieder zu jemand geworden in Rom. Er verdient mehr Geld als er es sich jemals hätte träumen lassen. Er hält seine Gladiatoren in einem für die Lanistas reservierten Gebäude ganz in der Nähe des Kolosseums. Das Grundstück wird gut bewacht, aber mein Informant sagt, daß, sollte der Kaiser ein Auge darauf haben, er schon heimliche Mittelsmänner benutzen müßte. Kein Prätorianer ist je dort gesehen worden ..."

"Der Mann muß blind sein. Seit Commodus den Thron bestiegen hat, sind die Prätorianer überall. Was ist mit Maximus?"

Apollinarius hüstelte, setzte zum Reden an, und räusperte sich wieder. Wortlos goß ich Wasser aus einem Krug auf meinem Schreibtisch in ein Glas und reichte es ihm.

"Äh, ... Danke, Julia. Äh, wo war ich?"

"Maximus."

"Ja, Maximus. Er bleibt meistens für sich, aber die Gladiatoren betrachten ihn als ihren Führer. Sie achten ihn und scheinen ihm ergeben zu sein und zwar ihm allein ..."

Ich lächelte, während ich gedankenverloren mit meinem Schreibgriffel spielte.

"Ich bin sicher, daß sie das tun, Apollinarius. Sprich weiter."

"Das Verhältnis des Generals zu Proximo ist nicht besonders gut. Er zeigt ganz offen, daß er seinen Herrn verachtet. Proximo ärgert sich über das nicht eben ... ehrerbietige Verhalten des Generals, aber er achtet darauf, ihm nicht in die Quere zu kommen ... Er hält Maximus für ... äh ... gefährlich."

"Das sollte er auch besser! Ein Mann, der ganz offen vor fünfzigtausend Menschen dem römischen Kaiser die Zähne zeigt, muß gefährlich sein."

Apollinarius zögerte. Dann fuhr er fort: "Der General ist äußerst diszipliniert: trainiert täglich, nimmt das Mittagessen zusammen mit den anderen Männern ein, verbringt die Abende jedoch allein. Keine Besuche. Keine ... hm ... keine ... "

"Was ist los, mein Freund? Keine Frauen und keine Huren?"

"Keine."

Ich lachte bitter. "Du kannst sicher sein, daß Maximus sich immer als den Normallsterblichen überlegen zeigen wird - ganz gleich unter welchen Umständen!"

Apollinarius sah entschieden verblüfft aus, hielt sich jedoch zurück, irgendwelche Fragen zu stellen.

"Also gut, mein Freund. Wann werde ich ihn sehen?"

"Du wirst ihn nicht sehen."

Meine Hände ballten sich zu Fäusten.

"Was hast Du gesagt?"

"Es tut mir leid, Julia. Keine Besuche für den General."

"Wessen Befehl ist das?"

"Wie ich bereits sagte, ist Proximo sehr darum bemüht, ihn nicht zu verärgern. Maximus scheint es sehr deutlich gemacht zu haben, daß er keinerlei wie auch immer geartete Besuche haben will. Er ist für seinen Besitzer sehr wertvoll, daher billigt Proximo ihm seine Privatsphäre zu ... "

Ich stand auf und begann, in der Bibliothek auf und ab zu laufen, wieder ganz wie eine Löwin im Käfig.

"Er wird mich empfangen. Besteche eine Wache, daß sie ihm einen Brief von mir gibt ... "

Apollinarius schüttelte verneinend den Kopf.

"Proximo hat Anweisungen gegeben ... ganz klare Anweisungen bezüglich Maximus. Er ist zu wervoll. Er will ihn nicht beunruhigen oder verärgern ... Er muß jeden Tag in die Arena ... "

"Ich werde persönlich mit Proximo sprechen ..."

Apollinarius sprang auf. "Das wirst Du nicht!"

"Nein? Und wer soll mich davon abhalten? Du?"

"Ja, ich! Julia, ich werde Dir helfen soweit ich kann, aber ich werde Dich nicht in seine Nähe lassen! Hast Du eine Ahnung, was das für Männer sind, die das Geschäft mit Gladiatoren betreiben?"

"Dazu bedarf es nicht all zu großer Phantasie! Und genau deswegen will es nicht in meinen Kopf, daß nicht auch dieser Proximo käuflich ist!"

"Hör mir zu, Julia! Das sind skrupellose Männer. Proximo hütet Maximus so sorgfältig wie die Vestalinnen das Heilige Feuer! Er ist nur ein kleiner Lanista, aber er wird von allen Gladiatorenbesitzern Roms beneidet. Vermutlich von allen im gesamten Imperium! Mächtige Männer habe beträchtliche Summen geboten, um Maximus zu kaufen. Proximo hat es abgelehnt. Aber er weiß, daß seine eifersüchtigen Kollegen sehr gefährlich werden können. Einer von ihnen könnte sogar ein Agent des Kaisers sein. Er fürchtet, sie könnten versuchen, Maximus zu entführen .. oder gar zu töten ... "

Ich fluchte. Ganz gemein. Mit so schmutzigen Wörtern, wie ich sie nur von den Matrosen meiner Schiffe gelernt haben konnte, ohne daß mir auch nur bewußt war, daß diese zu meinem Wortschatz gehörten. Apollinarius wurde blaß. Ich hätte mich entschuldigen sollen. Ich tat es nicht.

Statt dessen setzte ich mich wieder hin, zwang mich, tief durchzuatmen und wieder ruhiger zu werden. Plötzlich erinnerte ich mich an meinen verstorbenen Gemahl. Ich sah Marius Servilius vor meinem inneren Auge, immer so distanziert und so selbstsicher. Ich sah ihn vor mir wie damals, als er mir beibrachte, mit einer unerwarteten geschäftlichen Krise umzugehen. "Egal wie wenig Zeit Du hast - überstürze nie etwas", hatte er gesagt. "Du brauchst Zeit, um die nötigen Informationen zu sammeln und sie auszuwerten, mußt genau auf die Details achten. Nutze Deine Zeit und Du wirst einen Ausweg finden. Und wenn Du ihn gefunden hast ... dann handle ohne Skrupel."

Zeit. Wir hatten keine Zeit. Maximus mußte in zwei Tagen wieder in die Arena und jeder Kampf konnte sein letzter sein. Aber Marius Servilius hatte recht gehabt.

Ich stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch, vergrub das Gesicht in den Händen und verharrte so für einen langen Moment. Als ich den Kopf wieder hob und mich in meinem Sessel zurücklehnte, ließ der Ausdruck in Apollinarius' Augen keinen Zweifel daran, daß mein Gesicht kalte, skrupellose Entschlossenheit widerspiegelte.

"Ich will Maximus 'raus haben aus der Gladiatorenschule. Gladiatoren verlassen das Gelände nur, wenn sie in die Arena gebracht werden ... oder in ein privates Haus."

Apollinarius verspannte sich sichtbar.

"Sag Proximo, daß ich bereit bin, für Maximus' Dienste zu zahlen und zwar reichlich. Ich will, daß man ihn bei Sonnenuntergang hier in dieser Wohnung abliefert, und ich will, daß er bis Sonnenaufgang bei mir bleibt. Keine Wachen. Ich werde selbst für seine Sicherheit sorgen."

"W-was ... Was hast Du vor, Julia?"

"Ist das nicht offensichtlich?" fragte ich und lächelte ein schwaches, bitteres Lächeln. "Ich werde ihm helfen, aus Rom zu fliehen. Ich werde ihm die Freiheit verschaffen!"

Mein Freund schnappte nach Luft.

"Mit guten Pferden können wir Ostia in zwei Stunden erreichen. Und wenn Proximo kommen wird, um ihn abzuholen, wird Maximus bereits in Sicherheit sein ... auf einem Schiff nach Spanien ... "

Apollinarius' Augen waren weit vor Entsetzen. Ich lächelte abermals - diesmal noch bitterer.

"Ja, alter Freund. Ich schicke ihn nach Hause ... zu seiner Frau ... "

Wir schwiegen lange. Apollinarius war in Gedanken verloren. Ich dagegen in meinem eigenen Unglück - um Maximus' willen - nun, da ich laut ausgesprochen hatte, wessen ich mir bereits bewußt gewesen war, seit ich mein Schicksal im Kolosseum angenommen hatte.

Mein ehemaliger Lehrer hüstelte und räusperte sich, dann brach er das Schweigen.

"Wenn Proximo entdecken wird, daß Maximus nicht mehr da ist, dann wird die Hölle losbrechen ... "

"Ich werde ihm sagen, daß Maximus mich überwältigt hat und geflohen ist. Natürlich wird er für seinen Verlust großzügig entschädigt werden."

"Das wird nicht funktionieren ... "

"Alles ist mir gleich - wenn nur Maximus seine Freiheit erhält."

Apollinarius seufzte. "In Ordnung, Julia. Ich werde mich persönlich darum kümmern."

Er erhob sich aus seinem Sessel und fragte: "Wieviel Geld soll ich ihm anbieten?"

Ich mußte nicht lange über eine Summe nachdenken. Ich hatte mich bereits entschieden. Meine Stimme war ohne jeden Ausdruck, als ich ihm antwortete:

"Fünfundzwanzigtausend Sesterzen*4 ... Es soll ein Angebot sein, daß er nicht ablehnen kann ... "

Aber Proximo lehnte es ab.

Am Morgen des Tages, an welchem die Spiele fortgesetzt werden und Maximus in die Arena zurückkehren sollte, weigerte Proximo sich immer noch. In der Zwischenzeit hatten wir genügend Informationen über ihn gesammelt, um uns ein Bild des Lanista machen zu können. Ein Bild, das, wie ich vermute, auf viele Standesgenossen zutrifft. Proximo trank viel, war ein unbarmherziger Herr und, obwohl ungebildet, ein gerissener Geschäftsmann. Er war Ende vierzig und hielt sich eine junge afrikanische Sklavin als Geliebte, aber Geld schien seinen Appetit mehr zu reizen als Frauen. Und dennoch war all das Geld, welches Apollinarius ihm unter die Nase gehalten hatte, nicht genug gewesen, um Maximus für eine Nacht zu kaufen.

"Er bleibt hart", mein ehemaliger Lehrer rieb sich müde die Augen. "Proximo weigert sich sogar, mich noch einmal vorzulassen ... "

Wir befanden uns wieder in der Bibliothek und gingen nochmals die Fakten durch. Wir kamen nicht weiter. Die Zeit lief uns davon. In circa einer Stunde würden wir zurück ins Kolosseum gehen. Ich kaute auf meiner Unterlippe und erwog, ob ich Apollinarius in die alternativen Pläne einweihen sollte, welche ich in der Dunkelheit meines Schlafgemaches geschmiedet hatte, als es mir nicht gelingen wollte, den Schlaf herbeizuzwingen. Nein, ich würde sie lieber für mich behalten. Apollinarius würde es nie zulassen, daß ich, verkleidet als billige Hure, die Gladiatorenschule besuchte ...

Es klopfte an der Tür. Bevor ich in dem ungeduldigen, brüsken Ton, der meine Dienerschaft bereits während der vergangenen Tage in Unruhe versetzt hatte, antworten konnte, stand mein Freund auf und trottete zur Tür, wo er mit jemandem verhandelte, dann hinausging und die Tür hinter sich schloß.

Ich war so in meine Pläne, in Proximos "Hauptquartier" einzudringen, vertieft, daß ich Apollinarius' Rückkehr gar nicht bemerkte. Als ich seiner endlich gewahr wurde, genügte ein Blick in sein Gesicht, und ich wußte, daß etwas geschehen war. Etwas Bedeutsames.

"Was ...", setzte ich an, aber Apollinarius gebot mir Einhalt.

"Die Spiele sind abgesagt worden. Kaiserlicher Erlaß."

"W-warum?" stotterte ich.

"Die Pest. Sie scheint im Griechischen Viertel ausgebrochen zu sein. Der Senat hatte den jungen Kaiser über die Notwendigkeit, die grundlegenden sanitären Verhältnisse dort zu verbessern, sofort bei seiner Rückkehr nach Rom informiert. Aber das kaiserliche Bürschchen war zu beschäftigt gewesen, die Spiele auszurichten, um seine Aufmerksamkeit darauf zu verschwenden ... Die Seuche breitete sich aus und die Nachricht davon war bis zum Aventinischen Hügel in den kaiserlichen Palast gedrungen ... "

Ich runzelte die Stirn. Immer wieder einmal erhob der Schwarze Tod sein häßliches Haupt in Rom, raffte Hunderte dahin, bevor die cohortes urbanes (***) etwas zur Verbesserung der "grundlegenden sanitären" Verhältnisse unternahmen. Dies bedeutete, die infizierten Viertel bis auf die Grundmauern abzubrennen, die Nagetiere, welche die Seuche verbreiteten, zu töten ... und auch die unglücklichen, verlassenen Opfer, die in ihren verdreckten Betten dahinsiechten.

"Es scheint, daß ein Sklave im kaiserlichen Palast an der Seuche gestorben ist, und der Kaiser ist in Panik. Das Kolosseum bleibt geschlossen und ebenfalls die Theater und der Circus Maximus, bis die Gefahr vorüber ist ... "

Die Pest. Die Spiele abgesagt. Das Kolosseum geschlossen. Meine Gedanken überschlugen sich, während Apollinarius weitersprach. Ich wußte, daß der Wind sich gedreht hatte. Ich wußte, daß der Ausweg, nach welchem zu suchen Marius Servilius mich gelehrt hatte, nahe war. Wenn ich ihn nur sehen könnte ...

"Julia, das kann gefährlich werden. Du solltest erwägen, in die Villa nach Ostia zurückzukehren. Ich werde hier bleiben und sehen, was ich tun kann, um Maximus zu helfen, aber ich bezweifle ... "

Die Villa ... Ostia ...

Ich schlug mit der Hand auf die Tischplatte. Apollinarius zuckte in seinem Sessel erschreckt zusammen.

"J-julia?" fragte er zögerlich.

"Ich habe gehört, was Du gesagt hast, mein Freund. Du hast recht. Das könnte gefährlich werden, und deshalb werden wir nach Ostia zurückkehren. Du und ich. Aber bevor wir aufbrechen, werden wir Proximo einen großen Gefallen tun: wir werden seinen Stargladiator aus der verseuchten Stadt weg und in Sicherheit bringen!"

Apollinarius wurde blaß.

"Genau so werden wir es machen", fuhr ich fort. "Geh zurück zu Proximo. Er muß kochen vor Wut über die Absage der Spiele ... Sag ihm, daß wir nur um der Sicherheit willen nach Ostia zurückkehren, und schlage ihm vor, daß es eine gute Idee wäre, seinen Stargladiator zu schützen ... seine überfüllten Unterkünfte dürften in Zeiten von Seuchen nicht eben der Gesundheit förderlich sein. Was wenn er krank wird und stirbt? Aber wenn er Maximus in meine Villa in Ostia schickt, würde er so seinen besten Gladiator nicht nur schützen, sondern in der Zwischenzeit auch noch ein gutes Geschäft machen ... Sag ihm, daß ich Maximus mieten möchte ... für eine Woche. Fünfundzwanzigtausend Sesterzen bei Lieferung und weitere fünfundzwanzigtausend am Ende der Woche ... wenn ich zufrieden bin ... mit seiner Leistung ..."

"Das ... das könnte funktionieren ... Oh, ja, ich denke, das könnte gehen", sagte er mit einem Anflug von Aufregung in der Stimme.

"Dann mach es so. Laß uns keine Zeit verlieren. Wir haben viel zu tun, bevor wir nach Ostia aufbrechen."

Aber nun schien Apollinarius zu zögern.

"Was?" fuhr ich ihn an.

"Ich muß Dir etwas beichten, Julia", sagte mein ehemaliger Lehrer, wobei er jedes Wort sorgsam bedachte, offenbar in dem Versuch, Zeit zu gewinnen und mich auf etwas vorzubereiten, über das ich vermutlich nicht glücklich sein würde.

"Während ich mit Proximo verhandelte, habe ich ihm nie gesagt, daß ich es in Deinem Auftrag tat ... "

Meine Augenbrauen hoben sich alarmiert.

"Es hat sich einfach so ergeben! Proximo schien zu glauben, daß ich derjenige war, welcher Maximus für sich mieten wollte ... und ich habe ihn in dem Glauben gelassen. Ich dachte, es wäre besser so ... "

"Besser? Proximo glauben zu lassen, man würde ihn dafür bezahlen, Maximus ... Hurendienste für einen Mann leisten zu lassen?" fragte ich, unfähig zu glauben, was ich hörte.

Apollinarius errötete bis in die Wurzeln seiner gewellten weißen Haare. Sollte er seit dem vorzeitigen Tod von Hyppolitus je eine Affaire gehabt haben, dann mußte er sehr diskret gewesen sein.

"Ich dachte, es wäre besser, Deinen Namen nicht zu nennen! Ich dachte, es wäre besser, wenn er nicht von Dir erführe! Wir wissen nicht, ob sich die Späher des Kaisers in Proximos unmittelbarer Nähe befinden!
Und sollte Maximus auch nur halbwegs jener gute und moralische Mann sein, als den Du ihn beschreibst, dann wird er bestimmt nicht von der Idee begeistert sein, daß Du Dich um seinetwillen befleckst und Dein Leben riskierst!"

Nun war ich an der Reihe, mir müde die Augen zu reiben.

"Geh, mein Freund", sagte ich, während ich noch gegen meine Erschöpfung ankämpfte. "Geh ... geh und sag Proximo, daß Maximus nicht erfahren darf, warum man ihn aus Rom wegbringt ... Das muß ganz klar sein ... "
Ich fügte nicht hinzu "damit er nicht Hand an sich legt", aber das mußte ich auch nicht. Apollinarius wußte es auch so.

Das tat er immer.

Proximo erwies sich als gerissener Fuchs. Er verstand es, Apollinarius weitere drei Tage warten zu lassen, während die Stadt mehr und mehr in Nervosität verfiel. Am Nachmittag des vierten Tages ließ sich mein erschöpfter ehemaliger Lehrer wieder in den Sessel vor meinem Schreibtisch fallen.

"Ich habe es geschafft", sagte er mit müder Stimme. "Man wird Maximus übermorgen in Deiner Villa abliefern. Proximo wird ihn persönlich bringen. Sie werden nachts kommen."

Ich preßte mir die Hand auf den Mund, mein Herz hämmerte so wild, daß es zu zerspringen drohte. Wir hatten es geschafft. Maximus würde nach Ostia kommen.

"Es scheint, daß Proximo sich ein wenig in Rom umgeschaut hat und ein paar Dinge gesehen hat, die ihn davon überzeugt haben, daß es weise wäre, Deinem Rat zu folgen. Er forderte zusätzliche Bezahlung für den Transport und sogar das Bestechungsgeld für die Wachposten an der Porta Ostiensis ... " Apollinarius schüttelte den Kopf und fügte hinzu: "Du solltest in Erwägung ziehen, diesen Bastard einzustellen! Er ist ein knallharter Verhandlungspartner!" Aber ich achtete gar nicht auf seine Worte.

"Wir haben keine Zeit zu vergeuden, Apollinarius! Wir haben noch so viel zu tun! Maximus wird Geld brauchen, und ich muß dafür sorgen, daß ein Schiff in zwei Tagen abfahrtbereit ist. Das schnellste meiner Flotte mit einem Kapitän, dem ich vertrauen kann ... Ich habe Mittelsmänner, die Maximus in Gades und Malaca helfen können, aber ich weiß nicht einmal, wo in Spanien er zu Hause ist ... "

"Beruhige Dich, Julia! Wir haben zwei Tage, bevor man ihn nach Ostia bringt. Wir können heute alles planen und morgen nach Ostia aufbrechen ... "

Ich stand auf. "Nein, mein Freund, wir brechen in einer Stunde nach Ostia auf!"

Apollinarius seufzte schwer. Dann nickte er. Auf dem Weg zur Tür blieb ich stehen und runzelte die Stirn.

"Apollinarius, denkst Du, wir können Proximo trauen?"

Mein alter Freund seufzte abermals. "Ja, Julia, wir können ihm trauen. Als wir uns endlich über die Einzelheiten des Vertrages geeinigt hatten, lachte Proximo und sagte, daß dieses Geschäft für ihn möglicherweise profitabler werden würde, als er zuerst geglaubt hatte ... "

Ich schaute ihn erschrocken an. Apollinarius seufzte noch einmal.

"Er sagte "Vielleicht wird eine Woche als Hure diesem arroganten Spanier genau die Lektion erteilen, die er dringend braucht!'"

__________

Ich seufzte tief, öffnete die Augen und schaute mich mit der ruhigen Klarheit jener um, die zum Tode verurteilt sind, denn ich wußte genau, daß ich diese mir so vertraute Umgebung zum letztenmal sehen würde. Was auch immer zwischen dem Augenblick geschah, da ich das Atrium betreten würde, und dem Zeitpunkt meiner Rückkehr in diese Räume nach Maximus' Aufbruch nach Hispanien - ganz gleich, wie lange ich auch lebte - ich würde innerlich tot sein. Aber genau wie jene Verdammten wußte ich, daß es keinen Ausweg gab. Keinen Ort, an den ich fliehen, wo ich mich versteckten konnte. Keine Gnade, auf die ich hoffen durfte. Und vor allem hatte es keinen Sinn, das Unabwendbare weiter hinauszuschieben.

Ich fühlte mich älter als Rom, älter als die Welt selbst, und ich zwang mich aufzustehen ...

 

(*) Lanista: Lateinisch, Inhaber einer Gladiatorenschule.
(**) Luperci (Plural): Lateinisch, die Priester des Gottes Lupercus. Auch die jungen Männer, die jedes Jahr dazu auserwählt wurden, die in diesem Kapitel beschriebenen Reinigungs- und Fruchtbarkeitsrituale anzuhalten. Singular: lupercus.
(***) Cohortes urbanes: Römische städtische Polizei.
__________________________________________

*1 lupercalia   Fest des Lupercus am 15.Februar. Lupercus war der altitalische Herdengott, vergleichbar dem griechischen Pan.
*2 lanista  Besitzer einer Gladiatorenschule, Lehrmeister für Gladiatoren
*3 rudis  Freistab, hölzernes Schwert, durch das tüchtige Gladiatoren ihre Freilassung erhielten
*4 Sesterze   römische Münze, deren Wert im Laufe der Jahrhunderte stark  wechselte. Um eine Vorstellung von der Höhe der Summe zu  haben: um das Jahr 100 n.Chr. betrug der Jahressold eines Soldaten 1200 Sesterzen (vgl.
"As the Romans Did", second  edition, A Sourcebook in Roman Social History by Jo-Ann Shelton, Oxford University Press 1998, p.452)
Die Summe entsprach exakt jener, die Julia von Marcus Aurelius als Dank für ihre Hilfe bei der Rettung von Maximus' Leben erhalten hatte. 


10b. Zwischenstück: Die Villa

(aus: "Glaucus' Story" - Sequel to "Maximus' Story" - von Susan Spicer)

Maximus stolperte über den Saum des langen, mit einer Kapuze versehenen, braunen Umhangs, als er in den Sklavenwagen stieg. Die Tür war kaum hinter ihm ins Schloß gefallen, da hörte er auch schon die Peitsche knallen, und der Wagen setzte sich mit einem solchen Ruck in Bewegung, daß er mit Händen und Knien auf den harten Holzboden geschleudert wurde. Er konnte gerade noch rechtzeitig einen der Sitze erreichen, um zu sehen wie die Türen der Gladiatorenschule sich  hinter dem Wagen schlossen und die Umrisse des Forums vor dem Kolosseum sichtbar wurden. Er hatte die Schule niemals zuvor bei Nacht verlassen, und die gewöhnlich überfüllten Straßen lagen menschenleer da bis auf einen Betrunkenen, der im tiefen Schatten der beeindruckenden Steinmauern entlang torkelte.

Maximus klammerte sich an die eisernen Gitterstäbe und spähte unter der Kapuze seines Umhangs hervor, um feststellen zu können, wohin Proximo ihn bringen ließe. Rom war, bis auf die Straße zwischen der Schule und dem Amphitheater, eine unbekannte Stadt für ihn, und die Dunkelheit machte es noch schwerer, sich zurechtzufinden. Das war höchst ungewöhnlich, dieser nächtliche Ausflug, und aus irgendeinem Grunde war er allein ... die anderen Gladiatoren blieben zurück, verwundert über das Schicksal ihres Anführers. Insbesondere Juba war zutiefst beunruhigt gewesen, als plötzlich, nachdem man die Gladiatoren für die Nacht in ihre Zellen eingeschlossen hatte, vier bewaffnete Wachen erschienen waren, und Maximus befohlen hatten, seine Zelle zu verlassen, ohne daß Zeit für irgendwelche Fragen gewesen wäre. Im Hof hatten sie ihm seine alte Rüstung aus Lederstreifen zugeworfen und ihm befohlen, sich so herzurichten, wie er es seit seinem letzten Kampf in Zucchabar nicht mehr getan hatte. Dann wurden seine mit Lederstreifen umwickelten Handgelenke in eiserne Fesseln geschlossen und man führte ihn zu dem Sklavenwagen. Er hatte nicht mal Gelegenheit, einen Blick auf die Zellen zu werfen, in denen - das wußte er - seine Mit-Gladiatoren ihre Gesichter an die Gitterstäbe preßten. Was auch immer hier vor sich ging, es war äußerst ungewöhnlich.

Maximus hatte sich tatsächlich auf ein paar Ruhetage gefreut, nachdem das Kolosseum und andere öffentliche Veranstaltungsorte geschlossen worden waren, weil die Pest wieder einmal drohte, die Stadt in einem Schraubstock der Furcht gefangen zu halten. Selbst der verachtete Commodus versteckte sich hinter den Mauern seines Palastes, nicht bereit, durch die Berührung mit dem Pöbel auch nur das geringste Risiko einzugehen. Maximus fragte sich, ob auch Proximo seinen wertvollen Gladiator aus der Nähe der städtischen Masse wegzubringen beabsichtigte in der Hoffnung, wenigstens ihn zu retten, falls die Seuche auch die Schule befallen sollte. Aber ... warum dann die Rüstung? Wenn man ihn zwingen sollte, in einer anderen Arena zu kämpfen, dann bot diese Rüstung wenig Schutz vor den Klingen, die leicht an den Lederstreifen vorbei gleiten konnten. Er hatte sie längst abgelegt und durch den in einem Stück gearbeiteten ledernen Brustpanzer ersetzt. Er trug die Stiefel, das einzige, was von seinem früheren Leben übrig war, an den Füßen, und eine saubere blaue Tunika bedeckte seinen Körper unter der Rüstung. Seine Beine waren wie gewöhnlich nackt.

Die engen Straßen lagen dunkel und verlassen und wurden nur erleuchtet vom flackernden Licht einer Fackel oder dem goldenen Schein einer Laterne, die vereinzelt durch die Spalten der geschlossenen Fensterläden fielen. Von seinem rollenden Gefängnis aus konnte Maximus nicht die leuchtenden Punkte sehen, welche auf den Rom umgebenden Hügeln tanzten, wohin die Reichen vor der Masse der Armen flohen, vor Gestank und Lärm der übervölkerten Stadt - und vor der Seuche. Er konnte nur die bedrohlich aufragenden Umrisse von Gebäuden, Bögen, Säulen, Aquädukten und marmornen Statuen ausmachen, an denen der Wagen vorbeischaukelte. Weiße, säulengeschmückte öffentliche Gebäude wurden schnell von anderen verdeckt, da im Zentrum Roms alles um Raum kämpfte. Er erkannte das Oval des von Säulengängen umgebenen Circus Maximus, der, wie man ihm gesagt hatte, selbst das Kolosseum in den Schatten stellte, und bemühte sich, einen flüchtigen Blick des weitläufigen Palastes zu erhaschen, der, auch das wußte er, auf dem darüberliegenden Hügel thronte.

Dort befand sich Commodus ... und auch Lucilla. Maximus rutschte von der Seitenbank zum rückwärtigen Ende des Wagens, starrte auf den Palast, bis er seine Umrisse nicht mehr erkennen konnte.

Ihr Weg führte weiter südwärts am Aventinischen Hügel vorbei, dann kurze Zeit später durch die riesige Porta Ostiensis; sie waren in den verlassenen Straßen gut vorangekommen.  Maximus starrte hinten aus dem Wagen und sah, wie die Stadtmauer immer kleiner wurde, während sie ohne anzuhalten die Via Ostiensis entlang fuhren, welche auf beiden Seiten von einer ununterbrochenen Reihe schlichter Grabmäler und kunstvoll bemalter Monumente für die Toten der Stadt gesäumt wurde. Gänzlich verunsichert und aufs äußerste besorgt zog Maximus die Kapuze tiefer ins Gesicht; während er still in dem schaukelnden Wagen saß, fragte er sich, was das Schicksal diesmal für ihn bereithalten mochte.

 

Die Straße wurde gerader und ebener, als sie Rom hinter sich ließen, und das sanfte Schaukeln zusammen mit dem rhythmischen Klappern der Pferdehufe ließ Maximus schläfrig werden. Er bemerkte nicht, daß er eingedöst war, bis der Wagen mit einem Ruck zum Stehen kam und Maximus beinahe abermals  zu Boden geschleudert wurde. Er rieb sich die Augen, konnte aber in der Dunkelheit jenseits der Gitterstäbe nichts erkennen und war sich nicht sicher, wie lange sie unterwegs gewesen sein mochten. Das Schloß wurde geräuschvoll geöffnet und die Tür des Wagens aufgerissen, dann erschien Proximos vom Mond beschienenes Gesicht in der Türöffnung. "Raus mit Dir!" schnauzte ihn der Gladiatorenbesitzer an.

"Wo sind wir?" fragte Maximus, während er aus dem Wagen in die feuchte Nachtluft stieg.

"Gib mir Deine Handgelenke", war die einzige Antwort seines Herrn.

Eigensinnig verschränkte Maximus seine Arme hinter dem Rücken unter seinem Umhang. "Warum? Wo sind wir?"

Proximo nickte den Wachen zu;  vier bewaffnete Männer zerrten Maximus' Arme vor seinen Körper und befestigten lange Ketten an den eisernen Fesseln, die seine Handgelenke umschlossen. Wo immer man ihn hinzubringen gedachte, überlegte Maximus, er würde es mit Sicherheit nicht mögen.

Die Wachen drehten Maximus um, und sie begannen, einen gewundenen, gepflasterten Weg entlangzugehen, der von hohen, dunklen, taubedeckten Pflanzen gesäumt war, welche durch Fackeln beleuchtet wurden, die in regelmäßigen Abständen in eisernen Ständern angebracht waren. Während sie gingen, war Maximus sicher, in der Entfernung das Rauschen des Meeres hören zu können, und die Luft roch leicht salzig. Nachdem sie eine Biegung passiert hatten, blieb Maximus abrupt stehen und starrte auf den Anblick, der sich ihm bot. Vor ihm lag eine prächtige Villa, die im Mondlicht weiß erstrahlte. Von Fackeln hell erleuchtet hatte sie zwei Geschosse, und um die Vorderseite wand sich ein durchgehender Säulengang, um die dahinter gelegenen Zimmer vor der Sonne zu schützen. Dieser Portikus wurde von weißen Marmorsäulen getragen, und zwischen jeder Säule stand die marmorne Statue einer elegant gewandeten Göttin. Eine große Terrasse öffnete sich vor einem der Räume im oberen Stockwerk, auf welcher Kübel mit Palmen und anderen blühenden Pflanzen standen. Das Zentrum der Villa krönte eine perfekte Kuppel. Besucher wurden am Eingang durch einen üppigen Garten willkommen geheißen, welchen die spiegelnde Fläche eines Teiches und plätschernde Springbrunnen zierten, und der wiederum von einem dekorativen Säulengang begrenzt wurde. Maximus hatte sich nie vorstellen können, daß ein Haus derart prächtig sein könnte.

Ein Diener trat aus der Villa und kam auf sie zu. Er schaute Maximus an, sprach aber zu Proximo. "Hast Du ihn gebracht?"

"Ja, wie Du sehen kannst." In Proximos Stimme war deutlich ein ungeduldiger Zug vernehmbar.

"Folge mir."

Proximo ging voran, gefolgt von zwei Wachen, die den gefesselten Gladiator führten, das Ende des Zuges bildeten die beiden anderen Wachen, welche offenbar von dem, was sie umgab, überwältigt waren. Maximus ging nur widerstrebend mit, zog an seinen Ketten, und betrat die Villa, trotz ihres nur allzu offensichtlichen Reichtums, mit Widerwillen.

Proximo wirbelte herum. "Bleib nicht stehen und halt keine Maulaffen feil, Maximus."

"Wo sind wir, Proximo? Wem gehört dieses Haus?"

"Du stellst zu viele Fragen", erwiderte der alte Mann scharf.

"Proximo, mir gefällt das nicht. Was tun wir hier?"

Sein Besitzer ignorierte ihn und befahl den Wachen, ihn schneller vorwärts zu treiben. Ein Dutzend unterschiedlicher Düfte lag in der Luft, als sie den Garten passierten, aber sie trugen nichts zu Maximus' Beruhigung bei, welcher mehr und mehr in Panik geriet. Die vier Wachen zerrten und zogen ihn durch die doppelflügelige Eingangstür der Villa.

Das Innere des Hauses war ebenso prächtig wie sein Äußeres. Sie betraten ein gewaltiges Atrium, das die Form eines Achtecks hatte und dessen Höhe sich über zwei Etagen erstreckte. Den Abschluß bildete eine Kuppel mit einer Öffnung in der Mitte, um Licht in den riesigen Raum zu lassen. Glänzendes Mondlicht flutete über den kunstvollen Mosaikboden mit seinem geometrischen, schwarz-weißen Muster. Die Kuppel wurde durch weitere vom Mondlicht beschienene Säulen getragen, die einen weiten Kreis im mittleren Teil des Atriums bildeten. Fackeln und Laternen flackerten an den Wänden, die jenseits des Säulenrunds lagen, und ließen tanzende, goldene Schatten erstehen.

"Was soll ich mit ihm machen?" fragte Proximo den Diener.

"Kette ihn erst einmal zwischen zwei Säulen an."

Sofort rissen die Wachen Maximus' Handgelenke auseinander und stießen ihn vorwärts, bis er genau zwischen zwei Säulen stand, dann zogen sie die Ketten an, so daß seine Arme in einem Winkel von ungefähr 45 Grad ausgespannt waren. Jede der beiden Ketten wurde an einer Säule befestigt. Es war keine unbequeme Haltung, aber es gab für ihn ganz sicher keine Möglichkeit , von hier zu entkommen.

Jenseits der Säulen lagen auf drei Seiten des Raumes schwere geschnitzte Eichentüren ... sechs insgesamt. Zwischen den Türen befanden sich Nischen in denen weitere lebensgroße Marmorstatuen standen. Das Atrium öffnete sich an einem Ende hin zu einem Innenhof voll blühender Sträucher und anmutiger Springbrunnen, und Maximus konnte jenseits des Hofes noch andere Räume erkennen. Einer davon schien eine Bibliothek zu sein.

Nach einem letzten Blick auf seinen Sklaven folgte Proximo dem Diener in den Hof, verschwand dann in der Bibliothek und schloß die Türen hinter sich. Die vier Wachen standen in Habtachtstellung an der Eingangstür der Villa, ihre umherschweifenden Blicke füllten ihre Hirne mit Bildern, die sie nach ihrer Rückkehr nach Rom den ungläubigen Kameraden zu beschreiben versuchen würden.

Maximus fragte sich, warum man ihn hergebracht haben mochte. Wünschten die Besitzer einen privaten Gladiatorenkampf? Würden die Reichen dafür zahlen, so ein Spektakel gerade jetzt zu sehen, da das große Amphitheater in Rom geschlossen war?

Maximus trat von einem Fuß auf den anderen, die Augen auf den Ort geheftet, wo er Proximo zuletzt gesehen hatte, und nach einer scheinbar nicht enden wollenden Zeit öffneten sich die Türen wieder. Maximus richtete sich gerade auf.
Proximo kehrte tatsächlich zurück, aber er war in Begleitung eines andere Mannes. Er war hochgewachsen und schlank, hatte volles, gewelltes, weißes Haar und trug eine wallende weiße Toga. Er lächelte, als er auf Maximus zutrat, und ihre Blicke trafen sich. Bildete er sich das nur ein, oder sah er eine Warnung in diesen dunklen Augen?

"Maximus?" fragte der Mann.

Er nickte.

 

Der Mann griff mit seiner Hand nach den Bändern von Maximus' Umhang und zog daran. Das Kleidungsstück glitt auf den Boden zu Füßen des angeketteten Sklaven. Ohne sich zu bewegen, wanderten seine Augen über Maximus' Körper vom Kopf bis zu den Füßen und wieder zurück. Er streckte einen sorgfältig manikürten Finger aus und hob Maximus' Kinn hoch, wobei er seinen Nagel langsam entlang der Kehle des Gladiators gleiten ließ, dann über die nackte rechte Schulter, während er langsam um ihn herum ging.

Die Finger des Mannes glitten Maximus' Arm entlang, dann trat er hinter ihn. Maximus fuhr heftig zusammen, als er eine Hand an seinem Knie spürte, die sich an der Außenseite seines Oberschenkels aufwärts bewegte. Er suchte verzweifelt Proximos Blick, aber sein Besitzer wandte ihm nur den Rücken zu und starrte hinaus in den Hof. Der Gladiator atmete tief durch, um die Übelkeit zu bekämpfen, die ihm den Magen umzudrehen drohte.

"Er ist perfekt. Makellos", bemerkte der Mann und wandte sich wieder dem Gefangenen zu. "Ich werde ihn für eine ganze Woche nehmen, vielleicht noch länger."

"Hervorragend", antwortete Proximo. "Nun müssen wir uns nur noch über den Preis einigen." Maximus war zu verblüfft, um etwas sagen zu können.

Der schlanke Mann blickte den Gladiator ein letztesmal wohlgefällig an und ging dann voran in die Bibliothek zurück.

Maximus zerrte verzweifelt an den Ketten, aber wie nicht anders zu erwarten hielten die Fesseln. Verachtete Proximo ihn so sehr, daß er seine "Dienste" an einen Mann verkaufte? War seinem Besitzer Geld so wichtig, daß er ihn so grausam verriet? Maximus war sich wohl bewußt, daß andere Besitzer ihre Gladiatoren regelmäßig an jeden vermieteten, der den geforderten Preis zu zahlen bereit war, aber Proximo schien dazu nicht bereit gewesen zu sein ... bis heute nacht.

Es vergingen lange, bange Minuten, bis Proximo und der andere Mann zurückkamen. Sie schienen zu einer Übereinkunft gekommen zu sein, die offensichtlich für beide äußerst befriedigend war. Maximus rüttelte an seinen Ketten, um Proximos Aufmerksamkeit zu erregen, dieser vermied es jedoch bewußt, dem Sklaven in die Augen zu sehen, und ging auf den Ausgang zu, ohne seinem Eigentum noch einen Blick zu schenken.

"Proximo", zischte Maximus. Keine Antwort. "Proximo!" rief er diesmal laut.

Sein Herr drehte sich um und sah ihn drohend an. "Willst Du wohl still sein!"

"Wohin gehst Du? Willst Du mich hier lassen?"

"Ja."

Maximus war wie gelähmt. "Proximo, tu mir das nicht an. Das nicht. Bitte." In seiner Stimme war ein Anflug von Panik, den Proximo nie zuvor gehört hatte, nicht einmal in den gefährlichsten Situationen. Er blickte Maximus neugierig an. Hatte er endlich eine Schwäche in seinem Sklaven entdeckt? Vielleicht sogar Furcht?

Der Sklavenhalter verbeugte sich höflich vor dem weißhaarigen Mann, der die Szene gespannt verfolgte.

"Würdest Du mich bitte entschuldigen? Ich will kurz mit ihm sprechen."

Proximo trat mit finsterem Blick auf seinen Star-Gladiator zu, bis er ihm Auge in Auge gegenüberstand, dann sagte er in drohendem Flüsterton: "Wie Du sicher genau weißt, ist das Kolosseum geschlossen, und folglich sind meine Gladiatoren zur Zeit arbeitslos. Unglücklicherweise muß ich sie jedoch weiter füttern, und sie essen nicht eben wenig. Das kann ich mir nicht leisten. Ich habe Dich für eine Woche vermietet, vielleicht auch länger. Das Geld, das ich bei dieser Transaktion verdiene, wird es mir erlauben, Deine Freunde durchzufüttern. Andernfalls würde ich sie in die Minen schicken müssen. Dieses Schicksal ersparst Du ihnen."

"Vermietet, um was zu tun?" Maximus kannte die Antwort, aber er mußte die Frage dennoch stellen.

"Alles, was man von Dir erwartet ... und ich meine alles. Hast Du gehört? Man hat mir die Hälfte dessen bezahlt, was mir zusteht. Wenn ich in einer Wochen wiederkomme, werde ich die andere Hälfte bekommen ... sofern er mit Dir zufrieden ist, General. Sorge dafür, daß er es ist." Proximo war im Begriff, sich abzuwenden, drehte sich plötzlich aber nochmals abrupt um. "Ist Dir klar, wieviel Geld mir nur für ein paar Stunden mit Dir geboten wurde? Ich habe es immer abgelehnt und Dich nachts in Ruhe gelassen, weil ich das Geld nicht brauchte ... bis jetzt. Der Gewinn, den ich mit Dir gemacht habe, war immer ausreichend gewesen." Er ging wieder auf den Ausgang zu.

Maximus fühlte Wut in sich aufsteigen. "Ich dachte, ich könnte nicht tiefer sinken, als zur Unterhaltung kämpfen und töten zu müssen. Sieht so aus, als ob ich mich geirrt habe."

Proximo blieb stehen und kam zu ihm zurück. "Sollte Dir der Gedanke kommen, einen Fluchtversuch zu wagen, dann würde ich das an Deiner Stelle ganz schnell vergessen, General. Solltest Du nicht hier sein, wenn ich zurückkomme, um Dich zu holen, dann wird Dein Freund Juba den Preis für Deine Freiheit zahlen. Proximo schien zufrieden, als er sah, wie alles Blut aus Maximus' Gesicht wich.

"Du würdest Juba nicht töten. Er ist für Dich als Gladiator zu kostbar."

"Sein Wert ist nichts im Vergleich zu Deinem", antwortete Proximo und ging zur Tür, wobei er seinen Männern nochmals einschärfte, den Gefangenen gut zu bewachen.

Maximus starrte auf den Mosaikboden in einer Mischung aus Entsetzen, Niedergeschlagenheit und vollkommener Erniedrigung. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Seine Hände hingen schlaff in den Fesseln, und es war nur die Gewohnheit, die seine Beine noch aufrecht hielt.

Der weißhaarige Mann warf einen Blick auf die Wachen, trat dann an den Gefangenen heran und strich mit dem Handrücken zärtlich über dessen Wangen und Bart. Maximus konnte ihn nicht ansehen. "Ich habe einen Teil der Unterhaltung mitangehört, Maximus. Mir war nicht bewußt, daß dieser ... kleine Ausflug ... eine Überraschung für Dich sein würde." Als er abermals versuchte, das Kinn des Gladiators hochzuheben, wandte Maximus den Kopf ruckartig ab. Der Mann schaute hinüber zu den Wachen, die aufmerksam beobachteten, was zwischen den beiden Männern vor sich ging, dann trat er auf Maximus' andere Seite, wo die Wachen ihn nicht sehen konnten, und flüsterte ihm ins Ohr: "Beruhige Dich, Maximus, es ist nicht so, wie es aussieht. Ich werde Dir nicht weh tun."

"Was?" murmelte Maximus, nicht sicher, daß er richtig gehört hatte.

"Schhh", flüsterte der Mann, während er in einer schlüpfrigen Geste seinen Finger unter den Lederriemen gleiten ließ, der quer über die Brust des Gladiators verlief. "Die Wachen beobachten uns. Du mußt mitspielen."

Der Mann schloß seine Finger um den Lederriemen und sah Maximus wieder an, bevor er mit erhobener Stimme sagte: "Nun, ich erwarte, daß Du Dich in Zukunft besser benimmst. Proximo hat mir garantiert, daß Du kooperieren würdest, aber er sagte auch, daß, sollte Du Dich weigern, ich Dich bestrafen dürfe wie es mir beliebt. Er hat mir lediglich verboten, Dich zu töten oder so zu verstümmeln, daß Du nicht mehr kämpfen kannst. Ich kann dafür sorgen, daß Dein Aufenthalt hier höchst ... angenehm ... oder aber auch extrem schmerzhaft sein wird. Die Wahl liegt bei Dir."

Maximus war durch das Verhalten des Mannes völlig verwirrt: in einem Augenblick drohte er ihm, im nächsten versuchte er, ihn zu beruhigen, nur um ihm danach gleich wieder zu drohen. Nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, fühlte er, wie sein Kampfgeist zurückkehrte.

"Was willst Du von mir?" fuhr er den Mann an.

"Alles", flüsterte dieser. Er schien von Maximus' Lederrüstung fasziniert zu sein, betastete die Schnallen an Brust und Taille des Sklaven und ließ seine langen Finger zwischen die Riemen gleiten, die dessen Brust schützten. "Ich habe Dich bisher nur aus der Entfernung in der großen Arena gesehen. Ich habe schon befürchtet, Du könntest Dich aus der Nähe als Enttäuschung erweisen, aber Du bist gewiß alles andere als eine Enttäuschung. Entzückende Augen ... so traurig. Eine unglaubliche Stimme. Ich habe Dich niemals zuvor sprechen hören, aber ich habe mir vorgestellt, daß Deine Stimme zu Deinem Äußeren passen würde. Und das ist noch vollkommener, als ich es erwartet hatte. Und dieses Lederzeug ... äußerst bemerkenswert. Ich bat um etwas ... Kleidsames, aber dies übertrifft sogar meine kühnsten Vorstellungen."

Maximus betrachtete sein Gegenüber abschätzend, gerade so, wie er es mit einem Gladiator im Kolosseum tun würde. Er war ein wenig größer als er selbst, aber sehr viel zierlicher mit schmalen Schultern und schlanken Armen. Er hatte fließende, anmutige Bewegungen, aber der Griff seiner Hand zeugte von wenig Kraft. Maximus würde ihn leicht töten können, sollte es ihm je gelingen, sich aus diesen Ketten zu befreien. Aber wäre der Tod dieses Mannes sein eigenes Leben und das von Juba wert? Und noch schlimmer: wäre es dies wert, dafür Commodus seiner gerechten Strafe für den Mord an seiner Frau und seinem Sohn entgehen zu lassen? Nein, er mußte tun, was Proximo befohlen hatte, und sich diesem Mann fügen, obwohl schon die Berührung desselben Abscheu in ihm hervorrief. Konnte das, was ihn erwartete, schlimmer sein, als was er bereits erlitten hatte? Konnte es noch widerlicher und schmutziger sein? Maximus holte tief Luft. "Herr, ich will Dir keine Schwierigkeiten machen. Ich habe mich nur noch nicht an meinen gegenwärtigen Platz im Leben gewöhnt, und es fällt mir sehr schwer, mich mit dem Gedanken abzufinden, daß mein Schicksal jetzt von der Laune anderer abhängt."

"Ich muß zugeben, daß Du mich wirklich neugierig machst. Du bist zweifellos ein intelligenter und gebildeter Mann ... nicht gerade, was man sich unter einem gewöhnlichen Sklaven vorstellt." Er spielte mit den dicken Lederstreifen, die Maximus' Lenden schützten, hob sie an und beobachtete, wie sie wieder zurück an ihren Platz fielen. "Du bist ein Mann mit einer geheimnisvollen Vergangenheit ... ein Spanier? ... ein General wie einige Leute behaupten? Proximo hat Dich so genannt. Oder ist das nur Teil des Mythos um Maximus? Es wird mir ein Vergnügen sein, Dich besser kennen zu lernen." Bei diesen Worten warf er einen Blick auf die Wachen, winkte Maximus zu und ging hinüber zu den bewaffneten Männern.

Maximus drehte den Kopf zur Seite, und es gelang ihm, einen Großteil der Unterhaltung aufzuschnappen.

"Unglücklicherweise besteht Proximo darauf, daß Ihr hier bleibt, wo Ihr doch sicherlich viel lieber nach Rom zurückkehren würdet", sagte der Mann wohlwollend und lächelte die Wachen an.

 "Du wärst nie in der Lage, mit dem da fertig zu werden, wenn wir nicht hier wären, um ihn in Schach zu halten, Herr. Er ist gefährlich. Ein Killer", knurrte eine der Wachen. "Wir sind hier um sicherzustellen, daß er tut, was Du von ihm willst." Die anderen nickten zustimmend.

"Nun, daß macht ihn nur um so aufregender, nicht wahr? Warum kommen die Herren nicht mit mir? Ich sorge für Erfrischungen, und wir werden uns ein Weilchen entspannen. Unser Freund hier wird sich sowieso fürs erste nicht wegrühren." Der Hausherr lächelte abermals, streckte die Hand aus und lud die Wachen ein, ihm zu folgen. Sie gingen durch den Hof und verschwanden in der Bibliothek -  ihr in der Ferne verklingendes Lachen wie ein hohles Echo, das spöttisch von den Säulen des Atriums widerhallte.

Maximus war allein. Er stand, mit ausgestreckten Armen  zwischen zwei Säulen gekettet, in dem riesigen Atrium, der Schatten auf dem Boden vor ihm ein perfektes Abbild seiner Verletzlichkeit. Er war allein mit seiner Hilflosigkeit und seinen Ängsten.

zurück zur Kapitelauswahl              weiter