|
DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
|
Siebzehntes Kapitel – Das Flair der Provence |
|
In der zweiten Jännerwoche kommt das frisch vermählte, strahlende Paar mit Anja zurück, die lachend ihrem Vater um den Hals fällt. Sie plappert schnell und munter drauf los und wird nicht müde von ihren Erlebnissen in der großen Stadt zu erzählen. Er streicht ihr über die erhitzten Wangen und hört lächelnd zu, als sie von dem Theaterbesuch erzählt, der Weihnachtsfeier im großen Werk, den geschmückten Warenhäuser, die sie mit Anna aufgesucht hat und den vielen netten Menschen, die sich alle sehr um sie bemüht haben. Ihre Geschenke füllen einen Koffer aus und Frédéric ist froh, sie wieder bei sich zu haben, wenn auch seine Liebesbeziehung zu Carla von nun an wieder diskreter verlaufen muss, um das Kind nicht zu verstören. Klaus-Dieter bezieht mit seiner jungen Frau einen größeren Bungalow, wo Anja ihr eigenes Zimmer hat. Frédéric schlägt vor, dass das Kind von nun an wieder bei ihm wohnen soll, doch Sezen lehnt energisch ab. Es sei ihre Aufgabe und schließlich sei sie dafür nach Ägypten gekommen. Er überlegt bereits ernsthaft, wohin der das Kind in ein paar Monaten zur Schule schicken soll. Vielleicht wäre es am besten, sie in den ersten Jahren einfach nach Stuttgart zu schicken und in eine normale Pflichtschule einschreiben zu lassen. Anna wäre überglücklich und er könnte jemanden engagieren, der ihre Fortschritte prüft und ihr bei den Hausaufgaben oder etwaigen schulischen Problemen hilft. Man nimmt allgemein an, dass die Arbeiten in Philae bis etwa 1979 oder 80, also noch Jahre nach dem Schuleintritt des Kindes andauern würden.
Unerwarteter Weise sollte der Aufenthalt Anjas in Ägypten nur von kurzer Dauer sein, da Frédéric kurz vor Anjas sechstem Geburtstag von Eveline Staubitz, der ehemaligen Vertrauten, Gefährtin und Sekretärin des alten Theodor Hollowitz, der kurz vor seiner Tochter verstarb, eine Depesche bekommt. Die großzügige Erbschaft, die er der Frau hinterlassen hatte, ließ sie ein Jahr lang durch die Welt gondeln und sie hatte anscheinend einen festen Wohnsitz gefunden und „ihr Nest“, wie sie selbst es bezeichnet, im Süden Frankreichs, in der Nähe der Stadt ‚Aix en Provence’, eingerichtet. Sie hatte inmitten dieser anmutigen Landschaft eine alte Mühle aufgekauft, sie ausbauen und modernisieren lassen, wo sie sich der Malerei und Töpferei widmet. Frédéric kann sich die resolute und praktische Frau kaum bei musischen Tätigkeiten wie diesen vorstellen. Allem Anschein nach war sie aber glücklich und fühlte sich auch nicht einsam, zumal ein älteres Ehepaar aus der Gegend sich um den Garten und die groben Hausarbeiten kümmerte. Nun warte sie ungeduldig auf den Besuch von Frédéric und Anja. Als Elisabeth gestorben war, konnte man sie nicht verständigen und sie erfuhr erst vor einigen Wochen von deren Tod, eigentlich ganz zufällig aus einer älteren Zeitschrift, die sie während ihrer langen Reise in die Hände bekam. Sie war wie vom Donner gerührt gewesen. Sofort hatte sie sich dann mit dem Hauptsitz der Stahlwerke in Stuttgart in Verbindung gesetzt und mit verschiedenen Leuten, nicht zuletzt Anna gesprochen, die ihr die tragischen Umstände detailliert berichtet hatte.
So beschließt Frédéric, mit dem Kind, die langjährige Bekannte und frühere Kollegin ein paar Tage lang zu besuchen. Sezen kann ihr junges Eheglück unbeschwert genießen und Anja neue Eindrücke sammeln, in einem Land, das zwar die Heimat ihres Vaters war, das sie jedoch nicht oder kaum kennt, sieht man von dem kurzen Urlaub in Kaysersberg ab, den sie vor zwei Jahren dort gemeinsam verbrachten. Die französische Provence ist schon verschieden von der Region des Elsass im deutschen Sprachraum. Menschen, Bräuche und vor allem Klima unterscheiden sich in vielem. Ist die Witterung dieses nordöstlichen Landstriches oft gekennzeichnet von harten, klirrenden Wintern, regenreichen Frühlingsmonaten und späten, zaghaften Sommertagen, so wird es in der Provence nie wirklich bitterkalt. Die tiefsten Temperaturen im Jahr liegen bei etwa zwei Plusgraden. Frostig wird es nur ganz selten und bereits Ende Jänner erblühen die herrlich gelben, zartblättrigen Mimosen und die ersten, weiß leuchtenden Mandelbäume. Der Menschenschlag ist rustikal, doch offenherzig. Gemütliche Menschen mit einer eigenen Lebensphilosophie, die alle Hast und Stress aus ihrem Alltag verbannen, was Fremden oft als unerträgliche Laszivität erscheint. Frédéric verspürt große Lust, sich selbst einen Eindruck von der viel besungenen Gegend und ihren Bewohnern zu machen. Sie werden von Eveline in Marseille vom Flughafen abgeholt und er findet, die Frau hat sich kaum verändert. Den klassischen Zweiteiler hat sie gegen eine sportliche Leinenhose eingetauscht und das Haar sehr kurz geschnitten, früher trug sie es meist kunstvoll aufgesteckt. Ihr herbes Gesicht sieht gesund und frisch aus, trotz ihrer Reife. Frédéric schätzt, dass sie nun an die sechzig sein musste. „Es tut mir so leid“, versichert die Frau, nachdem sie Frédéric mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange begrüßt hat. Er nickt dankend und wortlos. Anja ist anfangs ein wenig befangen. Der Kontakt war nicht sehr eng zwischen der viel beschäftigten Karrierefrau und dem Kleinkind, das sie damals noch war, gewesen. Doch Eveline bricht das Eis mit ihrer direkten und natürlichen Art und während sie mit dem Kombiwagen durch die Hügel, die Marseille umgeben, zurückfahren, entdeckt das Kind interessante, noch nie zuvor geschaute Dinge, wie große Schafherden, aus Stein erbaute Windmühlen und riesige Lavendelfelder, die allerdings erst sehr zartblau zu blühen beginnen. Sie lehnt ihr Gesicht ein Stück zum Fenster hinaus und atmet den frischen Duft ein. Es folgt ein Wald von dottergelben Bäumen und sie will begeistert wissen, welche Art von Gewächs dies sei. „Das sind Mimosen, mein Schatz! Eigentlich sind sie schon fast am Verblühen, aber vereinzelt, so wie eben hier, gibt es Arten, die erst später zu blühen beginnen!“ Nach etwa einer Stunde legen sie die letzten hundert Meter auf einem holprigen Steinweg zurück, der beidseitig von alten Olivenbäumen gesäumt wird. Terrassenförmig angelegt, umgibt ein Weingarten das weitläufige, niedrige Haus aus Natursteinen, das sich vor ihren Augen inmitten dieser Symphonie von Grüntönen und blühenden Bäumen abzeichnet. Ein zotteliger, heller Hund kommt ihnen bellend entgegen gesprungen und die Hausbesitzerin streichelt und krault beruhigend seinen Kopf. „Das ist Sam!“ erklärt sie der begeisterten Anja, die sich neben den Hund stellt und ihm vorsichtig über das wirre Fell streicht. Der Hund leckt die Hand des Mädchens und eine neue Freundschaft ist besiegelt. Über ein paar breite Steinstufen, an deren Enden Lavendelbüsche gepflanzt sind, gelangen sie zu einer schweren Eichentür, die Eveline mit einem großen Schlüssel, der unter einem daneben stehenden Geranientopf versteckt lag, öffnet. Nach dem Eintritt in das Haus befindet man sich in einem riesigen Raum, dessen hintere Front aus einer Glasveranda besteht, in der, neben allerlei Topfpflanzen in Fässern und Tongefässen, auch eine Staffelei mit einem unfertigen Aquarell zu sehen sind und Malutensilien verstreut umherstehen und liegen. Trotz der angedeuteten Unordnung, strahlt der Raum Behaglichkeit und Intimität aus. Der Boden ist mit großen, rustikalen Steinfliesen ausgelegt und die Natursteine, aus welchen das Haus erbaut ist, sind auch hier sichtbar gelassen worden und keineswegs verputzt oder kaschiert. Trotzdem geht ein gemütliches Flair von der einfachen, aber liebevoll ausgesuchten Einrichtung aus. Bunte Baumwollteppiche zieren die Fliesen und vereinzelt stehen einige sehr alte Kommoden aus schwerem Nussholz an den Wänden. Eine Stufenhöhe tiefer befindet sich eine Wohnlandschaft, die zur gemütlichen Entspannung einlädt mit weichen Sofas und Fauteuils, sowie jeder Menge bunter Kissen. Anja lässt sich auf eine der hellgelben, weichen Bänke fallen und sinkt tief in die Polster zurück. Schwanz wedelnd steht der Hund Sam neben ihr und sieht sie erwartungsvoll an. „Macht es euch erst einmal gemütlich“, sagt Eveline, „ich mach‘ uns rasch Kaffee und dann zeige ich euch die Zimmer und das übrige Haus!“ Sie verschwindet durch einen schmalen Durchgang in der Wand und Frédéric sieht sich eingehend um. Die Malereien stellen Motive aus der Provence da, blühende Bäume, Weinberge, kleine Dörfer, stimmungsvolle Sonnenuntergänge am Meer, und sich darauf schaukelnde Fischerboote. „Es gefällt mir hier“, sagt Anja zu dem interessiert wirkenden Vater. „Ja, es ist nett und gemütlich“, bestätigt dieser und lächelt Eveline zu, die mit einem großen Tablett beladen, den Raum betritt. „Wieso gerade die Provence?“ will er von ihr wissen. „Ich kam hierher, nachdem ich kreuz und quer durch das Land gereist bin und habe mich sofort wie daheim gefühlt. Da sagte ich mir: Das ist es! Ich bin mitten auf dem Lande, das Klima ist ideal, die Gegend umwerfend, die Leute freundlich und gefällig und trotzdem bin ich in zehn Minuten in der Stadt Aix, einer Stadt der Kunst und Kultur, wie du sicher weißt und eine halbe Stunde, nicht länger, brauche ich, wenn ich das Meer genießen will. Na, und Marseille, wie du gesehen hast, ist auch nicht aus der Welt, vielleicht 40 km entfernt, mehr werden es kaum sein! Ich habe mir in über einem Jahr ziemlich viel von der Welt angesehen und war schon nahe daran mir ein Cottage in England zu kaufen. Es war echt entzückend, ein traumhafter Garten, 2 Autostunden von London entfernt, aber das Klima, das hat mich schließlich davon abgehalten und so kam mir das hier gerade recht, ist doch süß, oder?“ Sie schenkt für sich und den Freund Kaffee ein und Anja bekommt heiße Schokolade. „Diese Mandelplätzchen und diese Anisringe hier, sind echte, regionale Spezialitäten aus dieser Gegend. Meine gute Madame Valet hat sie extra für dich gebacken!“ Sie reicht ihr eine Schüssel mit Gebäck und die Kleine greift dankend zu. „Sie und ihr Mann, Jeannot, wohnen hier auf dem Grundstück, sie haben ein kleines Häuschen, hinter den Mandelbäumen dort draußen“, sie deutet dabei aus dem Terrassenfenster. „Das hier hat alles ihnen gehört, sie lebten vom Ertrag der Oliven und dem bisschen Wein, den sie produzierten. Aber jetzt, im Pensionsalter, wollten sie ihren Kindern schon zu Lebzeiten etwas Gutes tun und haben verkauft. Ganz wegzugehen, das haben die beiden nicht über sich gebracht und so bin ich aufgetaucht, na ja, und das kam ihnen gerade recht und mir auch. Die Kinder, beide verheiratet, bekamen den Erbteil ausbezahlt, als Schenkung versteht sich und so schaut der Staat durch die Finger, denn die Erbschaftssteuern sind in Frankreich gewaltig hoch!“ „Gut zu wissen“ unterbricht Frédéric sie aufhorchend, „da werde ich doch bald mit meinem Notar in Kaysersberg ein Wörtchen reden müssen!“ Während beide die Unterhaltung fortsetzen, über Ägypten und die dort herrschenden Probleme sprechen, spaziert Anja in den Garten, dicht gefolgt von Sam. Sie lässt die Nachmittagssonne auf ihr gebräuntes Gesicht scheinen und riecht an den verschiedenartigen Blumen. Die ersten Bienen profitieren vom lockenden Duft der Blüten und schwirren in einem Rausch von Emsigkeit durch die Sträucher und Büsche und kleine, braune und grünliche Eidechsen wärmen die erstarrten schlanken Leiber auf den, von den Sonnenstrahlen vorgewärmten Steinen der niedrigen Mauern, die sich entlang der Terrasse ums Haus ziehen.
Die beiden Menschen, die durch das Schicksal der Familie Hollowitz miteinander verbunden sind, erinnern sich gemeinsam an Vater und Tochter, die von ihnen geliebt wurden und jeder seinen Teil davon auf schmerzliche Weise verlor. Frédéric kann nunmehr über Elisabeth und auch ihren Tod, die Umstände dazu und das Danach sprechen, ohne Bitterkeit oder Schuld zu fühlen und es muss etwas daran sein, an dem Sprichwort: ‚„Die Zeit heilt alle Wunden’. ‚Heilen’ war sicher zuviel gesagt, aber ‚lindern’ wäre die richtige Bezeichnung. Er verschweigt auch nicht seine Beziehung zu Carla, der Archäologin, als Eveline ihn fragt, ob er mit jemandem zusammen sei. „Es gibt jemanden, den ich gerne um mich habe! Wir verstehen uns ganz gut und kennen uns seit Jahren. Ganz unerwarteter Weise sind wir uns in einem Moment der Einsamkeit näher gekommen. Wir schulden uns nichts, wir genießen einfach die Zeit, die wir für uns erübrigen können!“ Dann erzählt er von der Frau, die ihm bei der Bewältigung seiner Trauer geholfen hat und hält sich auch nicht hinter dem Berg mit den Problemen, die Anjas Anwesenheit für ihn heraufbeschworen hatte. „Ich muss endlich eine vernünftige Lösung finden für das Kind, sie ist schulpflichtig, ich kann sie nicht verwildern lassen in der Wüste!“ Interessiert hört Eveline zu und gibt ihm schließlich recht: „Vor allem darfst du sie nicht weltfremd heranwachsen lassen. Du weißt am Besten wie hart es zugeht, egal welchen Beruf auch immer man ausübt und man braucht eine gehörige Portion Menschenkenntnis um sich heutzutage behaupten zu können. Wie soll sie die dort unten erlernen? Versteh‘ mich richtig, Frédéric, ich kann mir vorstellen, dass du dich von dem Kind nicht trennen willst, aber du bist verantwortlich für ihre Zukunft und ihr Leben! Vor allem musst du bedenken, was auf sie in späteren Jahren zukommt, was du ihr hinterlassen wirst, es ist eine Bürde und keine geringe. Deine Verantwortung ist noch viel größer als die der normal bürgerlichen Leute, denn sie beinhaltet das Schicksal vieler Familien und Menschen, die für dich arbeiten!“ „Eben, darum mache ich mir auch diese vielen Gedanken und wäge ab, was wohl das Beste für sie sein wird, für uns sein wird!“ verbessert er sich rasch: „An mich darf ich da ohnehin nicht denken!“ Sie sehen beide gleichzeitig auf das Kind im Garten, das von Steinfliese zu Fliese hüpft, was von dem Hund neugierig beobachtet wird. „Sie sieht Elisabeth nicht sehr ähnlich“ bemerkt Eveline sachte. „Ja, das stimmt. Die Augen hat sie von ihr. Aber sie ist gesund und wirklich robust! Nicht die kleinste Magenverstimmung hatte sie, seit sie nach Ägypten kam und das will einiges heißen, wie man weiß!“ Abends macht die Hausfrau Feuer in dem rustikalen, offenen Kamin und sie schmausen zarte Fleischpasteten mit Weißbrot, Oliven und Schafkäse. Dann sitzen sie lange gemütlich beisammen und genießen eine Flasche ‚Côte de Provence’. Der zartblumige Roséwein schmeichelt Gaumen und Seele. Anja schläft vor dem Fernseher auf einem der Sofas, den Kopf im Fell des Zottelhundes vergraben ein.
Am nächsten Morgen zeigt Eveline den beiden die Kulturstadt Aix en Provence. Treffpunkt der Künstler und Dichter, gilt Aix als eine der schönsten Städte des Landes. Modernität und Fortschritt paaren sich in harmonischer Weise mit Tradition und provinzialischer Lebensart. Bedeutende Museen beherbergen Kunstschätze jeder Epoche und jeden Stils und Theateraufführungen bieten zeitgenössische Kunst ebenso wie Klassik und Tanz. „Ich komme mindestens einmal pro Woche hierher um etwas für mein Kulturbedürfnis zu tun“, erklärt Eveline, als sie in einem Straßencafé sitzen und dem Treiben der breiten Avenue zusehen. Alte, knorrige Platanen zeigen ihr zartgrünes, frisches Blattkleid und um einen Steinbrunnen hocken Studenten und unterhalten sich angeregt und lachend. „Es ist eine junge Stadt auf antikem Boden! Hier triffst du alle paar Meter auf römische Ausgrabungen und Spuren längst verschwundener Kulturen!“ Sie rückt ihre Sonnenbrille zurecht. „Im Sommer tut sich einiges hier, ich glaube, es leben dann doppelt so viele Menschen in dieser Gegend wie sonst!“ Die gemütliche und ungekünstelt freundliche Art der Menschen gefällt Frédéric, der die meiste Zeit seines Lebens fernab jeder Zivilisation verbracht hat. Keine Hast, kein Stress, das ist augensichtlich! „Könnte mir hier auch gefallen“, schmunzelt er. „Vielleicht wenn ich alt bin und mich zur Ruhe setze!“ „Das glaubst du doch selbst nicht!“ hält Eveline ihm trocken entgegen. „Seit wann setzt sich ein Unternehmer und Firmenboss einfach zur Ruhe! Glaub mir, ich kenn das und habe es ja miterlebt! Theodor sagte auch jahrelang: „Nächstes Jahr ist Schluss, dann ziehen wir beide uns zurück! Na, bis es zu spät war, wie du weißt.“ „Ich weiß nicht, ob ich die Firma gewollt habe, ich sage es dir ganz ehrlich!“ meint er sinnend. „Ich will nicht sagen, dass sie mir aufgezwungen worden ist, aber irgendwie hat es keine andere Lösung gegeben! Er hätte sie verkaufen können, doch das hat er immer abgelehnt und er war über die Verbindung seiner Tochter mit mir ziemlich zufrieden, denke ich. Aber Glück hat es weder seiner Tochter gebracht noch mir!“ „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun! Was wäre anders gewesen? Hattest du denn die Wahl? “ Will Eveline erstaunt wissen. Er schüttelt den Kopf und sie betrachtet dabei sein markantes Profil. „Nein, ich fühlte mich irgendwie verantwortlich für Elizabeth, und zwar ab dem Zeitpunkt, wo Theodor mich auf die zarte Gesundheit seiner Tochter hingewiesen hat.“ Er hebt ihr sein Gesicht entgegen und blickt der Frau mit klarem Blick in die Augen: „Ich habe sie vom ersten Moment an geliebt!“ Die Aufrichtigkeit ihres Gegenübers bringt die abgehärtete Frau ein wenig aus der Fassung, und sie antwortet: „Du hättest deinen Job genauso gemacht wie jetzt, immer auf Achse und es wäre alles so gekommen, wie es gekommen ist und kommen musste. Du solltest nicht soviel Überlegungen anstellen, die zu nichts führen, sondern dich jetzt auf die Zukunft und das Glück deines Kindes konzentrieren! Nur das ist jetzt wichtig! Alles andere liegt viel zu lange schon hinter uns.“ „Vielleicht sollte ich das Werk und die Niederlassung in Brasilien schließen!“ Der Gedanke hatte ihn schon seit längerer Zeit beschäftigt. „Ich kann nicht überall gleichzeitig sein und die Konkurrenz dort drüben ist gewaltig. Es werden Mafiamethoden an den Tag gelegt, die mir Angst machen. Ich bin es einfach müde, um Verträge zu kämpfen, die mich nicht befriedigen und um die ich mich kaum kümmern kann. Ich frage mich, wie mein Schwiegervater überhaupt nach Brasilien gekommen ist!“ „Tja, mein Guter, das waren so die Nachkriegsgeschäfte. Er wusste nicht so recht, wie es mit der Enteignung aussehen würde. Als Stahlwerk war er ja auch für das Dritte Reich tätig, wie Krupp und all die anderen. Vorsichtigerweise wollte er sich wohl eine Tür offen halten um nicht alles zu verlieren, wenn es zum Äußersten gekommen wäre. Wie du vielleicht noch weißt, hat man deutsche Industrielle als Kriegsverbrecher abgestempelt. So hat er es mir erzählt! Doch man konnte ihm nichts Derartiges nachweisen, also hatte er die Firma weiter ausgebaut in Brasilien, es gab ja genug Aufträge zu dieser Zeit.“ „Ich dachte mir so etwas ähnliches!“ nickt Frédéric „Ich werde mir die Sache überlegen, ich habe nur keine Zeit für alle diese Dinge! Ich sollte mich auch um den Besitz im Elsass kümmern, vor allem weil er Anjas Zukunft bedeutet!“ Zerfahren fährt er sich durchs Haar. Eveline legt beruhigend eine Hand auf die seine, während er seiner Tochter zusieht, wie sie einige Meter weiter entfernt die Tauben rund um den Brunnen mit Brotkrümeln füttert. „Hör mal, du trittst ja nicht morgen ab! Oder hast du gesundheitliche Probleme?“ forschend sieht sie ihn über die Sonnenbrille hinweg an. „Aber nein, natürlich nicht! Aber ich habe gerne geordnete Verhältnisse. Manchmal wächst mir das alles über den Kopf. Wie du weißt, hat sie außer mir niemanden! Der Gedanke macht mich ganz krank! Es gibt Unfälle, hier und in Ägypten, jede Minute kann etwas Unvorhergesehenes passieren, was wird dann aus ihr?“ „Du hast doch sicher alles rechtlich geregelt, oder?“ „Rechtlich ja, natürlich! Aber sie ist noch so jung, ich bin fast Vierzig, wie du weißt! Eigentlich könnte ich ihr Großvater sein!“ Eveline lacht hell auf, sodass sich mehrere Leute an den benachbarten Tischen verwundert zu ihr umdrehen. Leise erwidert sie: „Na, dann bist du aber ein knackiger Großvater! Als Opa stell ich mir schon was anderes vor!“ Er schmunzelt über das indirekte Kompliment. „Du solltest ein wenig mehr an dich denken, mein Lieber!“ Sie war ernst geworden. „Lass zu, dass du noch einmal glücklich wirst und blicke nicht zurück, denn auch wenn du mit dem Schicksal haderst, es ändert ja nichts!“ Er erwiderte ihren Blick und nickte dann langsam. „Vielleicht hast du ja Recht“. „Natürlich habe ich Recht“, sagt sie mit gespielter Entrüstung. „Du kannst nur verlieren bei diesem Spiel der Bitterkeit. Lass Anja doch hier bei mir!“ fügt sie fast beiläufig hinzu. Sein Lächeln erstarrt erst, dann fragt er ungläubig: „Was meinst du damit?“ „Na, das was ich sage! Wenigstens für eine gewisse Zeit! Sie kann hier eine gute Schule besuchen und normal heranwachsen, wenigstens diese ersten Jahre der Pflichtschule! Ich würde mich wirklich gerne um sie kümmern!“ „Das meinst du doch nicht im Ernst!“ er blickt ihr zweifelnd in die Augen. „Du hattest doch keine Kinder, wie kommst du auf so etwas!“ „Nichts war mir so ernst wie dies. Ich habe Elisabeth aufwachsen sein, mehr oder weniger, sie hatte ja ihre Gouvernanten, aber ich liebte sie, vielleicht nicht wie eine eigene Tochter, denn dafür sah ich sie zu wenig. Aber wer weiß, schließlich hatte ich nie eigene Kinder und kann es nicht wirklich beurteilen. Sie wuchs so wohlbehütet auf in dem riesigen Haus, abgeschirmt von allem und jedem. Sie tat mir leid, wirklich leid. Und mein Verhältnis zu ihr war herzlich und ihre unstabile Gesundheit schmerzte mich!“ Frédéric schüttelt den Kopf: „Du willst dir die Erziehung eines kleinen Mädchens aufhalsen?“ „Na, findest du mich vielleicht zu alt dafür?“ Mit gespielter Entrüstung reckt sie den Kopf in die Höhe. „Ich habe zwar meine Hobbys, aber ich war immer eine Frau der Tat und brauche eine Aufgabe, die mich voll ausfüllt. Das fehlt mir derzeit richtig. Ich verspreche dir, dein Kind und das Elisabeths, die Enkeltochter Theodors, würde ich mit meiner ganzen Seele und meiner Kraft unterstützen und glücklich machen, ihm ein angenehmes Zuhause bieten und jemanden, der immer für sie Zeit hat und auf ihre Probleme eingeht!“ Frédéric findet momentan keine Worte. Er hatte auch in keinster Weise damit gerechnet, dass sein Blitzbesuch hier, ihm die Bürde seiner Verantwortung abnehmen könnte. Einerseits ist die Vorstellung, Anja in so guten Händen und in einer geordneten, zivilisierten Umgebung versorgt zu wissen, sehr verlockend, andererseits bedrückt ihn der Gedanke, sie nicht mehr täglich um sich zu haben, obwohl er seit langem weiß, dass es eines Tages unumgänglich sein würde, sie weg zu schicken. „Überlege es dir und denke über mein Angebot nach! Weißt du denn eine andere Lösung, die besser ist für das Kind? Willst du es wirklich nach Stuttgart schicken und dort Anna überlassen? Nichts gegen die gute Seele, aber was kann sie ihm bieten? Sicher, sie würde Anja verhätscheln, wahrscheinlich zu sehr und die Kleine hätte bald die Vormachtsstellung im Hause. Sie wäre abgeschirmt von allem, wie ihre Mutter es war, doch Anja ist anders als Elisabeth. Ist es wirklich das, was du für sie willst und für wichtig hältst, oder soll sie mit einfachen Menschen leben, mit Kindern jeder Gesellschaftsklasse spielen können, geordnet aufwachsen und zur Schule gehen? Wie soll sie sich ein Bild machen können von der Welt und dem Leben, wenn es außer einer Schule in Stuttgart und dem Wohnhaus, sowie Anna und Karl nichts anderes kennen lernt? In den Ferien darf sie dann vielleicht zu dir nach Ägypten kommen, wo sie dann, verzeih, aber so ist es doch, auf einem Stein hockt und wartet, dass du mit der Arbeit fertig bist! Ja, du kannst sie auch noch in ein Pensionat stecken, aber dafür ist sie doch wirklich noch zu klein. Ich glaube, nach dem Verlust ihrer Mutter ist ihr ein neuerlicher, psychischer Schock dieser Größenordnung nicht wirklich zuzumuten!“ „Du hast eine Überzeugungskraft, die kann einem Angst machen“, entgegnet er, von ihren Worten längst überrumpelt, und sie lächelt: „Ich weiß, das war immer meine Stärke!“ „Ich muss vor allem mit Anja darüber sprechen!“ wendet er ein. „Gut, tu‘ das und wenn sie einverstanden ist, dann besuchen wir morgen die Schule, die mir vorschwebt und lassen sie gleich für kommenden September einschreiben.“ Die unerwartete Lösung seiner größten Sorge, die sich hier anbietet, verursacht ihm ein leichtes Wonnegefühl, für das er sich fast ein wenig schämt. |
|
Achtzehntes Kapitel – Zwischen zwei Kontinenten |
|
Als er dann sachte auf die Schule zu sprechen kommt und erst den Vorschlag von Stuttgart unterbreitet, ist sie nicht sehr begeistert. „Aber Papa!“ schmollt sie, „das ist so weit von dir entfernt! Anna ist lieb und Karl auch, aber es ist langweilig dort!“ Was sie sich vorstelle, will er wissen. Bei ihm bleiben, natürlich, aber sie weiß ja, dass dies nicht möglich sei, fügt sie gleich hinzu. Eveline mischt sich dann in die Unterredung ein. Das Reden um den heißen Brei geht ihr schließlich auf die Nerven und sie wendet sich freundlich an das Mädchen: „Kannst du dir vorstellen, hier bei mir zu wohnen und in der Stadt eine Schule zu besuchen?“ Die blauen Kinderaugen blicken zu ihr hoch und sie nickt mit dem Kopf, zu überrascht um die richtigen Worte zu finden. „Ich glaube, wir beide kommen ganz gut zurecht und Sam würde sich auch freuen, wenn du hier bliebest, was?“ Der Hund, der seinen Namen gehört hat, blickt von seinem Schlafplatz hoch und gibt einen bellenden Laut von sich um gleich darauf wieder weiterzudösen. „Na, bei dieser Konkurrenz kann ja keiner mithalten!“ Gespielt empört verdreht der Vater die Augen und Anja lacht: „Ich will hier bleiben, Papa, bitte, bitte! Ich komme dich auch besuchen!“ Frédéric nimmt die Kleine in die Arme und hält sie fest an sich gepresst. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt für ihn und das Kind, doch er weiß es in guten Händen, den besten, die er sich wünschen kann, und dieses Land, das er zum ersten Mal besucht hat, hat ihm ein ganz selten gewordenes Gefühl von Ruhe und Frieden vermittelt. Er lässt das Kind schweren Herzens bei Eveline. Ihr froher Blick und die kindliche Erwartung, die sich auf seinem Gesicht offenbart, beruhigen ihn dennoch. Sie wird ihn nicht allzu sehr vermissen, ihn, den ewig Abwesenden. Das zumindest ist ein Trost, wenn auch nicht wirklich. Am vierten Tage reist er nach Ägypten zurück, nachdem die Formalitäten der Bevollmächtigung über Anja, sowie die Schulanmeldung erledigt sind und stürzt sich mit übermenschlichem Eifer in seine Aufgaben. Sezen ist überrascht, als er alleine aus Europa zurückkommt, doch sie versteht seine Beweggründe, und es macht ihr nicht viel aus, zumal sie seit kurzem weiß, dass sie in anderen Umständen ist. Klaus-Dieter ist überbesorgt, was sie zum Lachen bringt, denn seiner Meinung nach muss sie sich sehr schonen. Beide freuen sich über den Nachwuchs, der sich angekündigt hat und Sezen teilt es ihrer Mutter brieflich mit. Sie weiß, der Vater würde rasen und hofft trotzdem inständigst, er käme zur Vernunft und schließe Frieden mit seiner Tochter, die ihn, in seinen Augen, verraten und beschämt hat. Sezen und ihr Mann sind sich einig: Sie wird ihn überall hin begleiten, ganz gleich wohin seine Arbeit ihn verschlagen wird, sie bleibt an seiner Seite, heute, morgen und immer! Selbst zu arbeiten, daran ist jetzt nicht zu denken, das Schicksal, das sie in Ägypten ereilt hat, veränderte ihr Leben und ihre Wünsche und Ziele. Nur die Hoffnung ist gleich geblieben: eine normale Beziehung zu ihrer Familie wieder zu finden.
Frédéric hat den Entschluss gefasst, Anja zumindest alle vier bis sechs Wochen zu besuchen und in den Ferien sollte sie zu ihm kommen. Dass sie nun zu Beginn ihres Einlebens in Frankreich die Ferien in dem warmen, jedoch gegenüber Ägypten gemäßigten Klima der Provence verleben konnte, war sicherlich weitaus angenehmer, als der brütenden Gluthitze der Wüste ausgeliefert zu sein. Wie Eveline ihm mitteilte, hatte sie noch viel vor, in diesen Sommerferien. Das Kind soll die Umgebung kennen lernen, Freundschaften mit Gleichaltrigen schließen, im Mittelmeer baden und schwimmen und sich dem Lebensrythmus der Gegend anpassen. Er war beruhigt, eigentlich war es ein Segen, dass sich die alte Bekannte gemeldet hatte und sich selbst diese Aufgabe gestellt hat, ein kleines Mädchen zu betreuen, für das eigentlich nirgends so der richtige Platz war, obwohl jeder es liebte, oder gerade deswegen. Er hätte im Traum nicht daran gedacht, und hat Anja bereits in einem Pensionat gesehen, uniformiert und bleich in einer Ecke sitzend, verloren vor sich hinblickend, den Vater hassend, der sie von sich gestossen hat. Doch sie fehlt ihm furchtbar und er findet nur Trost in Carlas Armen. Er beschließt ein eigenes Haus zu mieten, in Anbetracht dessen, dass die Arbeiten in Ägypten noch Jahre andauern würden. Die Bequemlichkeit des Bungalows ist nicht optimal und er sehnt sich nach ein wenig Abgeschiedenheit nach einem aufreibenden Arbeitstag. Zu Beginn tat ihm der andauernde Kontakt zu den Kollegen und Arbeitern mehr als gut, doch nun, wo er Abstand zu den Geschehnissen, die sein Leben bestimmt haben, gewonnen hat, sehnt er sich nach Intimität und einer Umgebung, die er nach seiner Wahl gestalten konnte. Die Villa, die er mietet, ist ein einfacher, einstöckiger, weiß getünchter und viereckiger Bau. Sie liegt noch näher an der Anlegestelle als die Hotelanlage und besitzt einen kleinen Garten mit zwei großen Sykomoren und einigen blühenden Büschen. Er bittet Carla, das Haus mit ihm gemeinsam zu bewohnen und die ist erst skeptisch: „Fühlst du dich gezwungen, mir diesen Antrag zu machen?“ will sie wissen. Er schüttelt energisch und verärgert den Kopf: „Keineswegs, ich habe dich gerne um mich und es wäre eine Freude, mit dir endlich ungestörte Stunden verbringen zu können, wenn unsere Zeit es zulässt!“ Er küsst sie auf die Stirn. „Ich denke da in erster Linie an mich, und der Gedanke, dich jeden Abend in meinem Bett vorzufinden, ist mehr als verlockend!“ Er grinst und sie weiß, dass er meint, was er sagt. Frédéric ist mehr als nur ein guter Liebhaber. Sie hatte nie zuvor einen Mann gekannt, der ausdauernder und leidenschaftlicher war als er. Sie konnte sich vollkommen aufgeben, wenn er sie liebte. Sie fragte sich oft, wie es möglich war, dass er so lange Zeit ohne weibliche Gesellschaft ausgekommen war! „Warum hast du Bedenken?“ will er wissen. „Keine Bedenken! Doch ich will, dass unsere Beziehung bleibt wie sie ist! Du bist du und ich bin ich, jeder soll sein wie er ist und dem anderen nichts abverlangen, was er nicht bereit ist, selbst zu geben. Daran hat sich doch nichts geändert, oder?“ „Nein, ich kann dich beruhigen!“ erwidert er gelassen, „unsere Beziehung ist für mich perfekt, so wie sie ist! Ich darf doch das Gleiche für dich auch annehmen?“ Er war glücklich über ihre Beziehung, darüber, dass sie ihn so gekonnt verführt hatte und er bei ihr Linderung fand, Zuneigung und eine tiefe, satte Befriedigung. Sie küsst ihn zärtlich, um ihm ihr Eingeständnis zu beweisen und damit ist die Sache besiegelt. Noch in der gleichen Woche beziehen sie unter der sengenden Sonne Ägyptens, die etwas abseits gelegene Unterkunft, wo sie nach den langen Tagen schwerer Anstrengungen, aber auch errungener Erfolge ungestört ihrer Leidenschaft frönen können. |
|
zurück weiter |