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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Rollenvorschläge: · Frédéric Hardtberg Russell Crowe · Smaïn Ben Hamsa Marc Dacascos · Carla Farelli Monica Bellucci · Anja Hardtberg (erwachsen) Liv Tyler · Baron von Falkenberg Olivier Martinez · Steve Newmann Paul Bettany |
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Erstes Kapitel – Jugendliche Eifersucht |
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Der Hochgewachsene, dunkle Ägypter beschattet seine Augen, die ohnehin durch eine dunkle Sonnenbrille geschützt sind, mit der rechten Hand und blickt zufrieden der Insel entgegen, der er sich nähert und deren Konturen sich immer deutlicher vom Horizont abheben. Ein zufriedener Ausdruck huscht über sein undurchdringliches, asketisches Gesicht. Der Tempel, der sich nun deutlich und scharf gegen den azurblauen Himmel abzeichnet, liegt anmutig und majestätisch zugleich auf der künstlichen Erhebung des Eilandes Agilkia. Nur durch dieses Jahre andauernde und aufwendige Projekt des Tempelabbaues von der Insel Philae und des anschließenden Wiederaufbaues auf dieser etwas kleineren, benachbarten Insel, konnte dieses grandiose Zeugnis einer längst versunkenen Welt für die Nachwelt und Zukunft erhalten bleiben. Smaïn fühlt Stolz in sich aufsteigen. Stolz auf seine geleistete Mitarbeit, Stolz auf die Ausdauer seiner Männer, die er geleitet hatte, Stolz auf die Vergangenheit seiner Heimat und Vorfahren, die diese Vielfalt an Kunstschätzen und Kulturerbgut hervorgebracht haben. Er drosselt den Motor seines motorisierten Schlauchbootes und steuert den kleinen Quai der Insel an. Außenstehenden muss das Treiben und scheinbare Chaos, das hier herrscht, erschreckend vorkommen, und doch, die allgegenwärtige Unordnung ist nur das Ergebnis einer fast zehnjährigen Grossbaustelle, die nunmehr von den Spuren der letzten Abschlussarbeiten befreit werden soll. Kisten sind übereinander gestapelt, nebeneinander, verpackte Maschinen warten darauf, per Boot nach Assuan und weiter zum kleinen Flughafen am Rande der Wüste gebracht zu werden. Nach und nach hatte man bereits während der letzten Monate den Bauschutt in mühevoller Arbeit beseitigt, Boot für Boot damit beladen und auch das, nicht mehr benötigte Industriematerial entsorgt. Smaïn dachte manchmal, wenn das Chaos unüberwindlich schien und niemand und nichts mehr so funktionierte wie es sollte, dass es noch Jahre dauern würde, bis die Insel einer neuen Epoche von herrlicher Schönheit, vielleicht sogar ein bisschen Anbetung entgegensehen konnte. Doch sein Boss, der gleichzeitig auch sein bester Freund seit nun mehr als fünfzehn Jahren war, legte Sturheit und unheimliche Ruhe an den Tag. Gepaart mit seiner Zähigkeit und körperlichen Ausdauer bewirkten diese Eigenschaften, dass man auch für die schwierigsten Situationen und Probleme unter Mithilfe der italienischen Werke, die ebenfalls an der Rettungsaktion beteiligt waren, eine relativ rasche Lösung fand. Die Männer, die hier beschäftigt waren, seien es die zahlreichen Fachkräfte, Wissenschaftler, Vorarbeiter oder einfachen Bauern, die sich zusätzlich durch Schwerarbeit unter glühender Hitze gutes Geld dazu verdienten, respektierten Frédéric Hartberg als kompetenten Auftraggeber, mehr noch als Freund Ägyptens und einer der ihren. Sie wussten, dass seine Liebe zu ihrer Heimat tief und fest verwurzelt in ihm schlummerte und es gab kein menschliches Problem, das an ihm abprallte und ihn nicht nach einer Lösung suchen ließ. Die Ängste und Schwierigkeiten der Menschen Ägyptens waren auch die seinen, jeder konnte es spüren und wusste darüber Bescheid. Die Einheimischen nannten ihn „sâhib“, Freund.
Smaïn legt an und springt behände aus dem Boot. Einem in der Nähe befindlichen Arbeiter in bodenlanger Galabija, der ihn mit einem lauten „Salam“ begrüßt, wirft er das Tau zu und dieser macht sich daran, das Schlauchboot zu vertäuen. Frédéric steht umkreist von einer kleinen Gruppe Mitarbeitern unweit der Verladezone des Quais und nickt dem Freund grüssend zu. Der trägt den zerknitterten Leinenhut tief in die Stirn gezogen und seine Augen sind kaum zu sehen. „Es ist soweit! Ich denke, Ende der Woche haben wir die letzten Kisten verladen und dann können wir den Tempel den darauf wartenden Behörden übergeben!“ Smaïn nickt zustimmend und schlägt ihm beim Vorübergehen freundschaftlich auf die rechte Schulter. Der Tag wird wieder lang und anstrengend. Bereits jetzt, um 8.00 Uhr morgens hat es an die 35 Plusgrade im Schatten, obwohl es erst Mai geworden ist. Später, als er mit seinen Arbeitern nach der leichten Fischmahlzeit, die einer von ihnen zubereitet hatte, dösend im Schatten einer Tempelmauer sitzt, gesellt sich Frédéric zu ihm und nimmt den Hut vom dichten, halblangen Haar, das er sich mit einer raschen Handbewegung nach hinten streift. Mit dem Hut fächelt er sich ein wenig Kühlung zu und er schließt müde die Augen. Nach einigen Schweigeminuten meint er, ohne dabei die Augen zu öffnen: „Ich hoffe, ich habe jetzt mehr Zeit für Anja! Sie kommt heuer ins Lycée und ist schon ganz wild darauf! Ich werde sie in den Sommerferien ein paar Wochen hierher holen. Sie ist gespannt auf den fertigen Tempel, den sie ja auch nur als Baustelle kennt, seit sie ganz klein ist!“ Smaïn nickt und fragt: „Was ist mit Carla? Hast du gute Nachricht von ihr?“ Frédéric schmunzelt: „Carla geht es gut, sie macht eine Vortragsreise durch England. Sie meint, nach jahrelanger Hitze wäre sie geradezu süchtig nach Regen und frischem Gras! Ich frage mich nur wie lange!“ Beide grinsen wissend. Carla Fanelli, die Archäologin, die nicht unerheblich bei dem Projekt mitgewirkt hatte und seit einigen Jahren intim mit Frédéric befreundet ist, war bereits vor Monaten aus Ägypten abgereist. Er hatte sie anfangs vermisst, wohnte sie doch gemeinsam mit ihm in dem weißen Haus in Assuan, das er vor einiger Zeit gekauft hat. Doch die Arbeit nahm ihn voll in Anspruch und ließ ihm kaum Zeit zum Grübeln. Nur wenn er nachts, ausgelaugt und einsam in dem riesigen Bett seines Zimmers lag, fühlte er öfters Einsamkeit aufsteigen, die er mit einem rasch hinunter gekippten Glas Whisky zu verscheuchen suchte. Außerdem freute er sich auf das nächste Wiedersehen. Es war nicht so, dass er nicht ohne sie leben konnte. Sie hatten einen Deal, kompromisslose Liebe, Verstehen, keine Forderungen. Sie waren gut damit gefahren während dieser letzten Jahre.....
******* Das Mädchen liegt im hohen Gras und blickt versonnen den vereinzelten Wölkchen nach, die gemächlich am Himmel ihrer Wege ziehen. Es wippt mit den Zehen, während es das eine Bein über das Knie des anderen gelegt hat. Die Zwölfjährige kaut an dem Grashalm, den sie sich in den Mundwinkel geschoben hatte und träumt vor sich hin. Der Junge, der neben ihr ausgestreckt im Gras geruht hatte, setzt sich mit einem Ruck auf und flucht laut: „Verdammte Biester!“ Er streift die vorwitzigen Ameisen, die es gewagt hatten ihm quer über das gestreifte T-Shirt zu laufen, mit einer energischen Handbewegung von seiner Brust. Er hasst diesen Sommer, so wie er seine Eltern hasst, die ihn Jahr für Jahr dazu zwingen, die beiden Sommermonate bei seinen Grosseltern zu verbringen, hier am Ende der Welt. Zugegeben, die Gegend war nicht übel, das Wetter beständig und sicher angenehmer als derzeit in Paris, doch Tag für Tag mit dieser eingebildeten Zicke verbringen zu müssen, das ging einfach über seine Kräfte! Das Mädchen sieht ihn halb kritisch, halb spöttisch an und murmelt: „Wegen ein paar kleinen Ameisen so ein Theater zu machen...“ Es lässt den Satz unvollendet und kaut an dem Grashalm weiter: „Du solltest die Ameisen in Ägypten sehen, die haben vielleicht ein Kaliber, und giftig sind sie auch!“ „Du mit deinem albernen Ägypten! Alles ist größer, besser, schöner!“ „Außer der Ameisen!“ wirft Anja lachend dazwischen. Der Junge, der nur einige Monate älter als sie selbst ist, sieht sie finster an: „Warum bist du jetzt nicht auch in deinem geliebten Ägypten? Dann hätte ich wenigstens Ruhe vor dir und deinen dummen Sprüchen!“ „Glaubst du etwa, es macht mir Spaß, meine Ferien mit einem Blödmann wie dir zu verbringen?“ kontert sie aufgebracht. „Unser Haus wird renoviert, sonst wäre ich nicht hier und müsste deine debilen Aussagen noch länger ertragen!“ Sie hatte jeden Sommer zumindest einige Wochen in Assuan verbracht, doch gerade heuer fiel es ihrem Vater ein, das geliebte, helle Haus am Seeufer renovieren zu lassen. Er versprach, dass sie es nicht wieder erkennen werden könne und er habe auch noch einige Gründstücke nebenan dazu gekauft. Es hatte ihr doch so, wie es war, gefallen! Er selbst eilte innerhalb Europas von Baustelle zu Baustelle und Smaïn, ihr Freund und Beschützer, beaufsichtigte das Vorankommen der Arbeiten und es half kein Betteln, bei ihm bleiben zu dürfen. Ihr Vater war der Ansicht, Smaïn hätte keine Zeit, sich um sie zu kümmern, obwohl sie da ganz anderer Ansicht war. Smaïn hätte sicher nichts dagegen gehabt, wenn sie einige Zeit bei ihm verbracht hätte. Doch es hatte ja nie Sinn, mit Vater zu streiten, so hatte sie es auch diesmal aufgegeben. Manchmal behandelte er sie wirklich noch wie ein Kleinkind, dabei war sie vor ein paar Monaten zwölf geworden! Erwachsen also ! Und so musste sie sich mit diesem Flegel abgeben, obwohl ihr nicht danach war. Eveline bestand darauf, er sei immerhin der Enkelsohn der alten Valets. Na wenn schon! Was ging sie das an? War sie etwa das Kindermädchen dieses verweichlichten Bengels aus Paris? Wenn Vater wüsste, wie sehr sie unter der Verweigerung nach Ägypten reisen zu dürfen, litt! Sie schließt die Augen und gibt sich ganz ihren Erinnerungen hin. Jeder Tag, den sie in dem geliebten Land verbringen darf, ist ein aufregendes Geschenk für sie! Wenn die anderen unter der Gluthitze stöhnen, dann streckt sie ihre braungebrannten Arme dem Himmel entgegen und spürt, wie die Wärme und noch etwas anderes durch sie hindurchfließen, etwas Prickelndes, nicht Fassbares und ihre Seele belebt, ihr Herz und ihren Körper. Smaïn, der mit ihrem Vater seit vielen Jahren zusammenarbeitet und dessen rechte Hand ist, begleitet sie auf Schritt und Tritt. Er war ihr bester Freund! Jede auch noch so wichtige Arbeit muss ruhen, wenn sie in die Stadt fahren wollte oder zum Schwimmen ins nahe gelegene New Cataract Hotel. Er sitzt dann geduldig an einer der Hotelbars und lässt sie nicht aus den Augen. Sie weiß, dass er sie liebt. Er liebt sie wie seinen verlorenen Sohn, wie sein Augenlicht und das hat ihre weibliche Klugheit schon heute erfasst. Sie könnte von ihm verlangen, was sie wollte. Es war ihm nicht zu dumm, nach ihrer Pfeife zu tanzen, er tat es gern. In ihren kindlichen Phantasien stellt sie sich manchmal vor, wie er sie als dunkle, alles vernichtende Gestalt, hoch zu Ross aus der Gewalt einer räuberischen Beduinenbande rettet. Gehüllt in weiße Gewänder, stürmt er mit gezücktem Degen auf den wilden Haufen zu. Dann galoppiert er auf sie zu und holt sie mit einem einzigen, kräftigen Ruck zu sich aufs Pferd, um mit ihr durch die Wüste zu entkommen, während am Horizont die rotgoldene Sonne versinkt. Sie seufzt. Sie machte gern und oft Ausritte mit dem Freund. Er zeigte ihr die stillsten Plätze der Wüste und gemeinsam haben sie so manchen Sonnenuntergang von einem der Hügel aus beobachtet. Er spricht nie viel, wenn sie unterwegs waren und das war auch nicht nötig. Er ist ihr vertraut wie der eigene Vater, wenn er auch anders ist. Eigentlich liebt sie ihn wie einen großen Bruder, obwohl er das Alter ihres Vaters besitzt und über vierzig sein musste. Doch er war ihr Prinz aus ‘Tausendundeiner Nacht’. Das Haus in Assuan war auch das seine und er bewohnte es, wenn er in Ägypten zu tun hatte oder eine kleine Verschnaufpause brauchte. Es belustigt sie immer wieder, wenn sie merkt, wie die Köpfe der Frauen sich ihm bewundernd und neugierig zugleich zuwenden, wenn er hinter ihr, gleich einem lautlosen Schatten, eine der kühlen Hotelhallen betritt, wo sie meist nach einem Einkaufsbummel oder anderen Besorgungen in der Stadt eine Erfrischung zu sich nehmen. Er findet es keinesfalls unter seiner Manneswürde, das selbstsichere, kleine Mädchen zu begleiten. Im Gegenteil: er betrachtet sie als seine Tochter und wacht mit Argusaugen über jeden Ihrer Schritte. Das Personal der meisten Hotels kennt Anja ebenso wie ihren Vater, der von den Einheimischen hochgeschätzt wird und für viele von ihnen Arbeit und Brot bedeutet. Aber man kennt auch Smaïn, kennt seine Stellung und Beziehung zu der Familie. Die Achtung und der Respekt, den sie diesem gut aussehenden Mann, an dem die Jahre anscheinend spurlos vorbeigehen, entgegenbringen, ist deutlich zu spüren und neben seiner geheimnisvollen Aura, die ihn umgibt, ist auch die Gewissheit zu fühlen, das man sich besser nicht mit ihm anlegen sollte. Anja, in der bereits die Frau mit dem Kind zu ringen beginnt, ist sich dessen Ausstrahlung bewusst und genießt es in vollen Zügen, neugierig begafft zu werden, von jenen, die nicht über sie Bescheid wissen. Sie spricht nahezu akzentfrei arabisch, was sie erst Imen, dann allein Smaïn zu verdanken hat, der mit ihr, seit sie vor neun Jahren zum ersten Mal nach Ägypten kam, in seiner Muttersprache zu reden begonnen hatte. Ihr lerneifriges, kindliches Gedächtnis hat jedes Wort, jeden Ausdruck für immer registriert, sie liebt Ägypten und seine Menschen. Sie war entzückt gewesen, als vor zwei Jahren der Isis- Tempel von Philae neu eröffnet wurde und ihr Vater ihr jeden Stein, jede Säule zeigte und seine Inschriften erklärte. Sie durfte diese heiligen Stätten noch lange vor dem allgemeinen Publikum betreten und liebte es, alleine darin umherzuwandern, zu träumen und sich in eine längst versunkene Welt zurückzuversetzen. Sie konnte förmlich den Gesang der leicht bekleideten Priesterinnen hören, wenn der Wind sachte über den See strich und glaubte des Öfteren, die anmutigen Tanzbewegungen der schönen Mädchen hinter den Säulen erblickt zu haben. War die nicht eine Bewegung gewesen? Rasch, wie der Windhauch selbst? Sie vermeinte, den Duft der Blüten zu riechen, die ihr dunkles, volles Haar zierten und sie betrachtete den Tempel als ihr ganz persönliches Eigentum. Allein schon deswegen, weil ihr Vater einer der Retter dieses Monumentes war. Sie war deshalb auch nicht sehr glücklich am Tage der feierlichen Übergabe und Öffnung für das allgemeine Publikum. Tiefe Traurigkeit erfüllte ihren Sinn, sie fühlte sich überrumpelt, eines wertvollen Schatzes beraubt. Nie wieder würde sie allein durch die steinernen Tore schreiten können, im Hadriankiosk tanzen und singen oder ihr erhitztes Gesicht unbeobachtet an eine der alten Säulen lehnen können, um die Vergangenheit hautnah zu verspüren. Ihr Vater hatte ihre Enttäuschung gefühlt und verbrachte viele Stunden mit ihr nach Beendigung der Arbeiten, bis die Pflicht ihn wieder rief, zurück nach Europa, ins Hauptwerk nach Stuttgart......
******* „Ich gehe jetzt!“ ruft der Junge, neben dem, vor sich hinträumenden, jungen Mädchen missmutig und kommt umständlich auf die Füße. Anja kehrt in die Gegenwart zurück und seufzt leicht spöttisch: „Salut, mon ami, verlauf’ dich nicht!“ Philipp würdigt sie keinen Blickes und macht sich in Richtung Olivenhain davon, hinter welchem das kleine Haus der Valets verborgen liegt. Er denkt an seinen Bruder Alain, den die Eltern in ein Ferienlager auf die Insel Korsika geschickt hatten. Das Ferienlager war jedoch nur für Jungs über 14 Jahre gestattet und er wünschte, wenigstens so alt zu sein, um mitfahren zu können, obwohl er sich von Korsika nicht viel mehr versprach als von diesem ländlichen Ort hier. Aber alles war besser als diese öde Gegend in der Provence. Er liebt seine Grosseltern, doch der Wunsch, die Ferien über in Paris mit den Freunden umherzuziehen, beschäftigt ihn dermaßen, dass weder seine Zuneigung zu den beiden alten Leuten, noch die Freude an den schulfreien Tagen überwiegen. Er schwört bei allem was ihm heilig ist, dass es die letzten Ferien hier waren, egal mit welchen Argumenten die Eltern ihn das nächste Mal zu überreden versuchten. Warum blieben sie nicht hier? Es waren schließlich die Eltern seines Vaters und die Heimat seiner Mutter. Aber die beiden waren für drei Wochen nach Spanien gereist und den restlichen Sommer wollten sie zu zweit in Paris verbringen, unbelastet von der Anwesenheit zwei schwieriger, pubertärer Knaben. Er hatte hier keine Freunde, die Stadt lag zu weit entfernt, um sich diese zu schaffen, und so blieb als einziger Ansprechpartner seines Alters nur diese Anja. Schadenfroh vergönnte er ihr, dass auch sie nicht die erträumten Ferien, die sie sich in Ägypten erhofft hatte, verbringen durfte. Er kennt Anjas Vater flüchtig, diesen großen Mann mit dem Wettergegerbten Gesicht und den durchdringenden, grünen Augen. Ein Hauch von Abenteuer geht von ihm aus und er ist teilweise über dessen Tätigkeit informiert. Er soll Tempel vor dem Untergang gerettet haben, direkt ehrfurchtsvoll erzählten die Grosseltern davon. Na wenn schon! Dass er steinreich war, auch das weiß er und auch, dass diese Eveline Staubitz, bei der Anja aufwächst, und die seinen Eltern den Grundbesitz abgekauft hatte, die Geliebte Anjas Großvaters gewesen war. Anjas Vater hatte die riesige Firma geerbt und war mit deren Mutter kurz verheiratet gewesen, die kurz darauf starb. Eveline nimmt ihn und eine Freundin Anjas oft mit ans Meer, wo sie das Strandleben genießen. Nur eine halbe Autostunde entfernt liegt der kleine Badeort, abseits der mondänen Strände der Cote d’Azur, nahe von Marseille. Doch er sondert sich dann meistens ab, denn die beiden Mädchen tuscheln und kichern und tun so, als sei er Luft für sie. Blöde Gänse! Mädchen! Nichts für ihn! Er will sich selbst nicht eingestehen, dass er trotz alledem, wenn er Anja in einem unbemerkten Augenblick näher betrachtet, der Linie ihres schlanken Halses folgt und sein Blick an der Wölbung ihres kleinen Busens halt macht, rote Ohren bekommt. Vor allem, wenn sie es bemerkt, ihn auffordernd und direkt aus den blauen Augen anblickt und ungehalten fragt: „Was glotzt du denn so blöd?“ Sie sieht zwar nicht aus wie die nackten, wollüstigen Mädchen in den heimlich versteckten Magazinen seines Bruders, die er regelmäßig unter dessen Bett hervorholt, um sie mit feuchten Händen und klopfenden Herzens zu betrachten, aber dennoch, es ist etwas an ihr, dass sein Herz in gewissen Momenten höher schlagen lässt. Aber trotzdem, sie kann ihm gestohlen bleiben, sie und die überfreundliche Eveline mit ihrem Getue, die sich mitleidig mit ihm beschäftigt. Überhaupt dieses ganze Kaff mit dem lauten Zikadengezirpe, der ewigen Sonne und dem Rest, war mehr als todlangweilig. Paris ist eben Paris und er sehnt das Ferienende herbei, um endlich wieder zurückkehren zu können, trotz der lästigen Schule, die nach ihm rief.
******* Als Anja vor etwa einem Jahr ins Lycée kam, wollte Frédéric wissen, ob sie nicht doch lieber nach Deutschland kommen wollte, um es dort zu besuchen. Wäre der Vater andauernd in Deutschland tätig, hätte sie sich überreden lassen, doch sie wusste, dass dies kaum der Fall gewesen wäre. Allein mit den Bediensteten in dem alten Haus in Stuttgart zu leben, reizte sie keinen Augenblick lang und die Entscheidung fiel ihr leicht, sehr zur Erleichterung Evelines, die sich seit Jahren um sie kümmerte und sie aufrichtig liebte, fast wie die eigene Tochter. Diese hatte selbst keine Kinder, aber das Gefühl, das sich zwischen den beiden entwickelt hatte, kam dem einer Mutter - Tochterbeziehung sehr nahe. Vielleicht war Eveline praktischer, kameradschaftlicher aber dadurch auch verständnisvoller als eine Durchschnittsmutter. Sie besuchten gemeinsam, so oft es nur möglich war, Theatervorstellungen, Ballettaufführungen und beide waren leidenschaftliche Reiterinnen. Der Reitstall befand sich unweit entfernt und sie nützten jede Gelegenheit, Ausritte zu zweit oder in einer kleinen Gruppe zu unternehmen. Dann spürte Anja jedes Mal aufs Neue, wie tief sie diesem Lande verbunden war. Der tiefblaue Himmel und die klare, heiße Luft erinnerten sie an Ägypten, sie fühlte sich frei und glücklich auf dem Rücken ihres Lieblingspferdes Fantasio. Insgeheim dachte sie oft daran, später selbst ein eigenes Gestüt zu gründen, um von Pferden umgeben leben zu können, wann immer sie es wollte. Frédéric besucht Anja so oft es ihm möglich ist. Er hatte gehofft, mehr Zeit für sie erübrigen zu können nach dem Verkauf des Werkes in Brasilien, doch dies erwies sich als Irrtum. Trotz seiner zuverlässigen Mitarbeiter bleibt ihm kaum Zeit für ein Privatleben. Seine Beziehung zu Carla ist nach wie vor sporadisch. Selten nur verbringt er ein kurzes Wochenende in Mailand, wo sie für gewöhnlich lebt. Des Öfteren schaut sie in Stuttgart vorbei, wenn sie weiß, dass er sich dort aufhält. Sie war es gewesen, die eine offene Beziehung gewünscht hatte. Er wagte nicht, sie zu fragen, ob sie nicht an seiner Seite bleiben wollte. Er hielt sich an Versprechen, und er liebte diese Frau viel zu sehr, um ihren Wünschen nicht Folge zu leisten. An Feiertagen oder an längeren Wochenenden flog er nach Marseille, wo er von seiner ungeduldigen Tochter erwartet wird. Sie hatte ihm jedes Mal soviel zu erzählen, über ihre Lernerfolge, Pläne und Hoffnungen und er ist ein geduldiger Zuhörer und wundert sich insgeheim, wie sehr sie sich von einem Mal auf andere weiter entwickelt und verändert hat.
Die Osterferien dieses Jahres 1983 will er mit ihr nach Kaysersberg fahren. Vor einigen Tagen hatte sie ihren dreizehnten Geburtstag gefeiert. Eveline veranstaltete eine kleine Party für sie und ihre Freunde und Frédéric bereitete ihr die größte Freude, als er ihr nach seiner Ankunft feierlich ein Kuvert übergeben hatte in dem sich der Kaufvertrag für „Fantasio“ befand. Sie jubelte und war nun Besitzerin ihres Lieblingsreitpferdes. Es sollte weiterhin im Reiterhof eingestellt bleiben, doch es gehörte ihr und nur sie durfte es in Zukunft reiten. Mit ihren Sportrad brauchte sie keine zehn Minuten um zum Reiterhof zu gelangen und sich täglich um ihren Liebling zu kümmern. Anja fühlte sich auf einer Wolke schweben und innig fiel sie dem geliebten Vater, den sie so oft vermisste, um den Hals und bedeckte sein Gesicht mit Küssen, so dass er sich lachend befreien musste von diesem Ansturm der Gefühle. Insgeheim hatte sie gehofft, er würde mit ihr nach Ägypten fahren, doch er hatte sich Kaysersberg, seinen Geburtsort, ausgedacht und sie hat sich damit abgefunden. Wichtig war letztendlich nur, dass sie ihn eine Woche für sich allein hatte, sei es nun hier oder dort, was machte das schon aus! Im Elsass angekommen, beziehen beide die gewohnte Suite im Kurhotel. Frédérics Familie, die alteingesessen und vom Krieg ausgelöscht wurde, sieht man von ihm selbst ab, war jedem bekannt und die verpachteten Ländereien und Weinberge haben dem Ort nach dem Krieg wieder zu Ansehen und Wohlstand verholfen. Viele Familien hatten durch ihn und die damals getroffenen Maßnahmen eine solide Existenzgrundlage wieder gefunden. Frédéric will Anja das Ausmaß des Besitzes nahe bringen und der erste Besuch gilt dem Notar. Der alte Herr hat sich inzwischen zur Ruhe gesetzt und seinem auch nicht mehr sehr jungen Sohn die Kanzlei übertragen. Dieser empfängt die beiden höflich und korrekt und legt die Pachtbücher vor, erklärt Summen und Zahlen und Anja versucht interessiert drein zu sehen. In Wirklichkeit ist sie mit ihren Gedanken woanders und hofft, die Sitzung sei bald beendet. Sie hat keinerlei Talent zum Mathematikgenie, das musste sie auch in der Schule schon erfahren. Während sie die übrigen Unterrichtsfächer liebt und spielerisch bewältigt, ist die Mathematikstunde stets eine Bedrohung für sie gewesen. Prüfend sieht ihr Vater sie von der Seite an. „Willst du etwas fragen, Anja?“ ermuntert er sie, doch sie schüttelt verneinend den Kopf. Nach zwei qualvollen Stunden ist die Tortur zu Ende und Anja hat nur mehr mühsam das aufsteigende Gähnen unterdrückt. „Du bist jetzt alt genug um Interesse an deinem Besitz zu zeigen!“ erinnert er sie etwas unmutig, während sie in den Geländewagen steigen. „Wie ich dir schon einmal erzählt habe, ist der gesamte Grundbesitz bereits auf deinen Namen eingetragen. Ich bin nur mehr der einstweilige Verwalter bis zu deiner Volljährigkeit und deshalb solltest du auch etwas mehr Interesse zeigen an diesen Dingen! Immerhin wirst du alleine von den Erträgen des Landbesitzes eine reiche Frau sein!“ Ängstlich darauf bedacht, den Vater nicht zu verärgern, beeilt sich Anja zu erwidern: „Es interessiert mich ja, Papa, wirklich! Aber ich bin müde von der langen Fahrt!“ Er hatte sie mit dem Wagen abgeholt und sie waren die halbe Nacht durchgefahren. Ihr Vater zeigt keine Spuren von Müdigkeit, sie wundert sich jedes Mal wie hart er zu sich selbst sein konnte. „Schon gut!“ lenkt er nachgiebig ein. „Wir werden uns jetzt eine deftige Mahlzeit vergönnen, ein Schläfchen machen und vielleicht bist du später fit für einen kleinen Ausritt!“ „Oh ja“ freut sich das Mädchen und genießt die Fahrt zurück zum Hotel an der Seite des heiß geliebten Vaters. Am späteren Nachmittag reiten beide aus, nachdem sie zwei Pferde aus dem hoteleigenen Reitstall ausgewählt haben. Sie traben gemütlich die Weinhügel bergan und blicken auf das Land, das das ihre ist. Sie streifen durch die Mischwälder, die es begrenzen und rasten unterhalb der Schlossruine, die wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen ist. Das Jubilieren der Vögel in den Weißblühenden Zweigen der wilden Kirschen klingt für Anja wie Musik und sie sieht den Vater verstohlen von der Seite an. Sie kann verstehen, dass ihre Mutter sich vom ersten Moment an, als sie ihn gesehen hatte, in ihn verliebte. Er ist einfach das Beste, das die Männerwelt jemals hervorgebracht hatte, von Smaïn abgesehen, schwärmt sie verstohlen. Sollte sie jemals den Mann ihrer Träume finden, dann müsste er aussehen wie der hier und auch so sein wie er! Sie erinnert sich nur sehr schemenhaft an das Aussehen ihrer Mutter, doch die Liebe und Zärtlichkeit, die sie ihrem geliebten Kind entgegen gebracht hatte, die spürt sie auch heute noch und der sanfte Klang ihrer Stimme ist auch heute noch in ihr. Sogar an den Duft, den sie verströmte, kann sich Anja erinnern, er war so blumig und frisch. Wenn sie irgendwo Maiglöckchen riecht, dann wird ihr schwer ums Herz und die Assoziation zur Mutter und dem Verlust dieser wird greifbar und allgegenwärtig. Das Hochzeitsbild ihrer Eltern begleitet sie überall hin und ziert das Tischchen neben ihrem Bett, egal wo sie sich gerade aufhält: zu hause in der Provence, in Ägypten oder in Kaysersberg. Der bittere Ausdruck im Blick des Vaters war ihr keinesfalls entgangen, wenn er im Gemeindeamt zu tun hatte oder sie einfach nur daran vorbei fuhren. Aber er machte nie die geringste Bemerkung darüber. Das Hochzeitsbild war auf den Stufen desselben aufgenommen worden.... Sie reiten wieder ins Tal und besuchen kurz einige der Pächter, die sie freundlich und respektvoll begrüßen, ihnen Erfrischungen anbieten und gerne ein wenig plaudern wollen. Hübsche Familienhäuser mit gepflegten, bunten Gärten, voll von Tulpen und Narzissen, rundliche Kinder, die umhertollen, anscheinend eine heile Welt. Kaum auszudenken, wie grausam der letzte Krieg hier gewütet hatte und die Opfer, die er der Bevölkerung abverlangte. Nichts erinnert mehr an diese trostlose Zeit, bis auf den Gedenkhügel, der auch das Grab der Bombenopfer ist, unter welchen sich ihre nie gekannten Grosseltern und andere Anverwandte befanden. Der dunkle Granitstein mit den unzähligen Namen der Opfer lässt Anja erschauern. Es ist für sie unvorstellbar, wie Menschen auf andere Menschen losgehen und schießen können, die ihnen nichts getan haben. Ihre kindliche Logik kann dem absurden Gedankengang der Welt der Erwachsenen nicht folgen. Doch die folgenden Tage sind eine Kette von angenehmen Erfahrungen und Ereignissen. Sie reiten täglich mehrere Stunden aus, schlendern durch die Altstadt des Ortes, sitzen in den kleinen Gärten der Gasthäuser, in angeregte Unterhaltungen verwickelt, speisen im Hotel und Anja genießt die neugierigen Blicke der Einwohner und Fremden, und sonnt sich im Interesse ihrer Umwelt. Frédéric ist verwundert, wie viel Touristen sich in seiner Heimatstadt tummeln. Aus dem verschlafenen Weinhauerort ist ein Kurort erster Klasse geworden, bekannt und beliebt für seine liebliche Hügellandschaft, die üppige, feine Küche und erlesenen Weine. Manchmal wird Frédéric von älteren Leuten auf der Strasse angesprochen, die ihn dann nach Sekunden des Erkennens erfreut und herzlich begrüßen und er erwidert ihre Grüsse. Selten hat Anja ihren Vater derart entspannt erlebt und sie wünscht, die Tage wären länger und gingen nie zu Ende. Eines Morgens erwacht sie durch lautes Autohupen. Missmutig und verschlafen, nichts desto weniger jedoch neugierig, schlurft sie ans Fenster ihres Zimmers und was sie unten vor dem Hoteleingang erblickt, versetzt ihr einen brutalen Stoss zurück in die Realität: Carla, die unwiderstehliche Carla, steigt aus ihrem Sportcoupé und eilt ins Innere des Hotels. Schon einige Minuten später kann sie im Nebenzimmer, welches ihr Vater bewohnt, das Stimmengemurmel der beiden sich Begrüßenden hören. Aus der Traum! Die restlichen Tage wird er kaum mehr Zeit für sie haben und wenn sie selbst etwas zu sagen hat, dann wird er nur mit einem Ohr zuhören. Seine Gedanken werden sich mit der Frau beschäftigen, mit der er seit Jahren ein Verhältnis hat, wenn auch in unregelmäßigen Abständen. Anja weiß, dass die Italienerin des Öfteren den Vater in Deutschland besucht und sie ist auf diese Tage der Zweisamkeit in einem Ausmaße eifersüchtig, zu welchem nur ein junges Mädchen fähig sein kann. Anna, die Hausangestellte in Stuttgart, hat ihr schon mehrere Male in der Vergangenheit telefonisch bestätigt, dass sie den Telefonanruf nicht weitergeben könne, da der Herr Direktor im Augenblick mit Frau Fanelli unterwegs sei. Sie war dann jedes Mal so wütend und verletzt gewesen, dass sie tagelang nicht mehr anrief, bis der Vater es endlich von sich aus tat. Und jetzt ist diese Hexe ihnen sogar bis hierher gefolgt! Sie fühlt sich verraten und verletzt. Sie flüchtet wieder in ihr Bett und vergräbt sich unter der Decke. Nur nichts hören! Demonstrativ bleibt sie liegen, bis sie sicher ist, dass die beiden die Suite verlassen haben. Lustlos geht sie ins Bad, voll von Rachegedanken und betritt den Frühstücksraum erst am späten Vormittag. Forschend blickt Frédéric ihr entgegen: “ Hasst du schlecht geschlafen?“ Herausfordernd blickt sie in seine Augen: „Ich habe gut geschlafen, bis irgend so ein Idiot vor dem Hotel zu hupen begann!“ Ihre Worte triefen vor Schärfe. Carla lacht laut auf und begrüßt das widerspenstige Mädchen unbefangen, welches sie jedoch kaum ansieht, während sie den Gruß nur murmelnd erwidert. Frédéric mustert sie finster, und sie senkt den Blick, um lustlos auf ihrem Teller herumzustochern. Carla beginnt in ihrer diplomatischen Art von den letzten Ausgrabungen bei Neapel zu erzählen und nach einigen Minuten Trotz, hat sie auch das Interesse des verletzten Mädchens geweckt, das aufmerksam, wenn auch still, zuhört. Nun muss sie den Vater mit ihr teilen, das ist klar. Carla redet viel und das ändert sich auch nicht, als sie zu dritt eine Spazierfahrt durch die benachbarten Dörfer machen. Anja sitzt hinten im Wagen und kommt sich total überflüssig vor. Frédéric beobachtet beunruhigt die Wandlung, die in dem Kind vor sich geht und schlägt spätnachmittags noch eine gemeinsame Radtour vor. Lustlos schließt sich Anja den beiden an. Es wäre zu einfach, Carla den Vater alleine zu überlassen, diese Freude wird sie ihr nicht gönnen! Doch das Vergnügen an ihren gemeinsamen Abenteuern ist ihr längst vergangen. Abends ist sie erschöpft und müde und sucht bereits nach dem Dinner ihr Zimmer auf. Ihr Geist ist ebenso ermattet wie ihr Körper, und sie sehnt sich nach Schlaf und Vergessen. Ihr Vater hatte angedeutet, dass er noch mit Carla das Casino besuchen wolle. Es war ihr egal, sie durfte ohnehin nicht mit hinein. Nach einer entspannenden, heißen Dusche kriecht sie unter die weichen Laken ihres bequemen Bettes und schläft trotz Grübelei bald ein. Irgendwann, des Nachts, erwacht sie durch die Geräusche im Nebenzimmer. Anscheinend sind die beiden gerade eben zurückgekommen. Anja ist sofort hellwach. Das leise Lachen der Frau lässt sie erneut wütend werden. Carla und ihr italienisches Gehabe! Alles Übertreibung! Ein Wunder, dass sie ihre toten Mumien noch nicht damit aufgeweckt hatte! Sie hört den Vater flüstern und es hält sie nicht länger im Bett. Vorsichtig schleicht sie zur Verbindungstür und legt lauschend ihr Ohr an das kühle Holz. Sie kann nicht mehr verstehen, als das verhaltene Lachen Carlas und das Gemurmel ihres Vaters. Anja kämpft mit sich selbst, doch sie ist zu verletzt, zu enttäuscht, um es nicht zu tun: sie späht durch das Schlüsselloch der Flügeltür, die immer unversperrt ist. Sie schluckt und bereut im selben Moment ihr Handeln, als sie mit ansehen muss, wie ihr Vater sich über die Frau neigt und den Hals der temperamentvollen Italienerin küsst. Diese bietet ihm ihren Mund dar und ist gleichzeitig damit beschäftigt, die Knöpfe seines Hemdes aufzuknöpfen, während er langsam und vorsichtig den langen Reißverschluss ihres Kleides herunter zieht. Mit einer geübten Schulterbewegung, lässt sie das Kleid zu Boden gleiten und entblößt den Oberkörper des Mannes, der sich mit ihr auf das daneben stehende Bett fallen lässt. Da sich dieses außerhalb des Blickfeldes Anjas befindet, kann das Mädchen nur mehr erahnen was dort geschieht, zumal sich das begehrliche Seufzen der verhassten Frau gesteigert hat. Hass und Eifersucht schnüren ihr die Kehle zu. Anjas Herz klopft bis zum Hals. Blind vor Tränen läuft sie zurück zum Bett und vergräbt sich unter der Decke. Sie schluchzt in das Kissen und wünscht sie wäre tot! So wie ihre Mutter! Dann würde er um sie weinen, so wie sie jetzt, und Carla vielleicht zum Teufel schicken! Sie weiß nicht, wie lange sie so dagelegen hat, als sie jedoch kaum mehr Luft bekommt und das Laken und Kissen nass von Schweiß und Tränen sind, kommt sie unter der Decke hervor und greift nunmehr wutentbrannt nach dem Bild ihrer Eltern in dem kleinen Silberrahmen, das auf dem Nachtkästchen steht. Alles nur Heuchelei! Ohne es anzusehen, wirft sie es mit der ganzen Kraft ihres Zorns gegen die Tür, wo es laut zersplittert. Sie dreht sich von der Tür weg und weint erneut lautlos in das Kissen. Frédéric, halbnackt, öffnet die Tür und flucht laut, als er barfuss auf die Glassplitter tritt. „Verdammt! Was ist in dich gefahren, Anja!“ zetert er und will zu ihrem Bett humpeln. Doch Carla, notdürftig in einen seidenen Kimono gehüllt, hält ihn zurück: „Lass sie in Ruhe, das hat keinen Sinn! Sie hadert mit ihrer Pubertät! Sie wird schon wieder einschlafen! Reden kannst du morgen mit ihr! Sie ist einfach nur eifersüchtig!“ Unschlüssig blickt er auf seine Tochter, die er unter all den Bettlaken nicht erkennen kann und verlässt schließlich das Zimmer. Die Tür fällt unsanft ins Schloss. Anja reckt den Kopf hoch und kann hören, wie die beiden miteinander reden. Sie versteht kaum etwas, doch als Carla ruhig meint: „Vielleicht wäre es endlich Zeit, sie in ein gutes Pensionat zu geben“, weiß sie, was zu tun ist und hofft insgeheim und schadenfroh, dass ihrem Vater die Lust auf ein Schäferstündchen vergangen ist. „Ich hoffe, er bekommt ihn heute nicht mehr hoch“, murmelt sie böse vor sich hin und ihr Entschluss ist gefasst. Am nächsten Morgen kommt Anja nicht zum Frühstück. Frédéric lässt sie schlafen und überlegt, wie er am Besten mit ihr reden sollte. Die Vorstellung, dass er möglicherweise von der eigenen Tochter im Bett mit einer Frau beobachtet wurde, verursacht ihm Unbehagen. Gewiss, Anja kannte Carla seit Jahren und er hatte auch immer gedacht, dass Anja die Archäologin akzeptiert hat und sie sogar gerne mochte. Diese gewalttätige Reaktion seiner dreizehnjährigen Tochter hat er nicht erwartet. Natürlich war sie eifersüchtig. Sind das nicht alle Töchter auf ihre Väter? Er hatte nicht einmal gewusst, dass Carla kommen würde. Hätte sie ihn angerufen, dann hätte er ihr erklärt, dass ihn seine Tochter manchmal allein für sich brauchte. Doch sie hatte sich im Hauptbüro erkundigt und bereitwillig hatte man ihr verraten, wo er sich aufhielt. Und da sie schon so weit gefahren war, konnte er sie nicht einfach wegschicken. Er liebte ihre Anwesenheit, ihre unbeschwerte und kompromisslose Art, die ihn nach dem Tode Elisabeths vor einer schweren Depression und vielleicht auch dem Alkoholismus, auf dessen Schwelle er bereits stand, bewahrt hatte. Sie war einfach da gewesen, im richtigen Moment, als er ganz unten war und alles in Frage stellte. Sie hat ihn angesehen und ihr Blick sagte ihm: „Hier bin ich, nichts weiter! Schließe mich in deine Arme und ich bringe dir Trost und Vergessen!“ Und so geschah es auch, damals vor Jahren in Ägypten, als sie gemeinsam versuchten das Erbe der Väter vor der Verantwortungslosigkeit der Gegenwart zu retten. Als Göttin Isis selbst mit seiner Hilfe rechnete und er ihr Heiligtum für alle Zeit bewahren wollte. Carla war nicht unbeteiligt an der Rettungsaktion gewesen und es gab so vieles, das sie miteinander verband. Diese langen Jahre am Rande der Wüste, fern jeder Zivilisation, die heißen, staubigen Nächte in dem heißen Bungalow, in dem sie sich gegenseitig für alle Entbehrungen entschädigten, später dann das Zusammenleben in dem neuen Haus in Assuan, in dem sie gemeinsam der bevorstehenden Beendigung ihrer erfolgreichen Arbeit entgegensahen. Er liebte sie, so wie sie war. Ihre Spontaneität, ihre Zähigkeit und Offenheit ihm gegenüber, ihre sichtliche Vitalität und hemmungslose Hingabe in seinen Armen. Sie forderte nichts von ihm, er nichts von ihr. Sie war bereits ein Teil von ihm und er wusste es nicht. Sie war als Wissenschaftlerin erfolgreich und gefragt, und, dass sie sich oft lange Zeit nicht sahen, steigerte ihre Zuneigung und ihr gegenseitiges Begehren, das Verständnis füreinander und schließlich das Ausleben ihrer Gefühle, von dem sie dann wieder zehren konnten bis zum nächsten Wiedersehen. Er musste Anja all dies begreiflich machen. Sie war alt genug um zu verstehen. Ein Teenager, der sich bald für Jungs interessieren würde! Der Gedanke daran ist für ihn nicht eben erfreulich. Wahrscheinlich empfindet er ebenfalls Eifersucht auf die Tochter! Er knirscht unwillig mit den Zähnen. Sie wird bald zur Frau heran reifen und er stand auf der Schwelle seiner Lebensmitte. Er konnte sich glücklich schätzen, von einer Frau wie Carla geliebt zu werden, der er nichts zu bieten hatte als sich selbst, und das nur ab und zu. Anja wird begreifen, dass die Beziehung zu der Italienerin nichts mit seiner Liebe zu tun hat, die er für ihre Mutter empfunden hatte und die er immer spüren wird. Aber der Gedanke an Elisabeth tut nicht mehr weh, er kann es ertragen an die glücklichen Tage mit einer gewissen Melancholie zurückzudenken und er hat es mit Carlas Hilfe geschafft, sich nicht mehr schuldig zu fühlen. Als Anja auch nicht zum Mittagessen erscheint, beschließt Frédéric, mit ihr auf ihrem Zimmer zu reden. Der Raum ist jedoch leer, das Bett zerwühlt. Die Glassplitter liegen noch verstreut auf dem Parkettboden und er bückt sich nach dem Foto und streicht gedankenverloren darüber. Anjas Sachen hängen im Kasten, ihr Pass jedoch ist nicht zu finden und ihre Jeansjacke ebenfalls nicht. Carla, die hinter ihm ins Zimmer tritt, sieht die Unordnung und weiß sofort Bescheid. „Sie ist weg!“ sagt er tonlos und greift zum Telefon. „Ausgerissen!“ Die Gendarmerie wird informiert und er fährt zum Posten, um eine Personenbeschreibung und ein Foto abzugeben. Die Sorge um seine Tochter lässt sein dunkles Gesicht grau erscheinen und Carla betrachtet ihn sorgenvoll. „Bleib hier, falls man sie findet“, bittet er sie und nimmt den Geländewagen um selbst die Gegend abzufahren. Er kann nicht einfach herumsitzen und warten, er braucht Bewegung, muss etwas tun. Er fährt zu den Pächtern, die sie gemeinsam besucht hatten, doch keiner hat das Mädchen getroffen oder gesehen. Er erkundigt sich bei den Reitern, im Stall, beim Personal, Anja ist wie vom Erdboden verschluckt. Der Nachmittag vergeht ohne ein positives Ergebnis seiner Suche nach ihr. Er befürchtet, dass sie bereits die Grenze per Anhalter nach Deutschland überschritten haben könnte und hat Angst sich auszumalen, wie sie den gierigen Blicken oder Betatschungen eines grobschlächtigen Fernfahrers ausgeliefert sein könnte. Der Nachmittag wird spürbar kühler und die Schatten länger. Der Tag ist fast um. Er hofft inständigst, dass Anja nicht die Wahnsinnsidee hatte, per Anhalter loszufahren. Bei all den Irren musste man mit dem Schlimmsten rechnen! Er macht sich Vorwürfe, verwirft diese wieder und rast wie wild geworden durch die Gegend. Er hätte doch noch nachts mit ihr reden sollen. Sie war so tief verletzt und er war blind dafür gewesen. Ach, verdammt! Er hatte soviel gut zu machen! Wie konnte er ihre verletzten Gefühle nur so unterschätzen! Er war ein hoffnungsloser Idiot, der keine Ahnung von Frauen hatte! Mit einem Anflug letzter Hoffnung lenkt er den Wagen im Eiltempo die steile Waldstrasse zum Schloss hoch. Kurz vor der Sperre bleibt er stehen und eilt zu Fuß über die Baustelle zu dem Gemäuer des Burgwalls. Er klettert darüber hinweg und ruft laut ihren Namen. Doch nur das Gezwitscher der Vögel antwortet ihm fröhlich. Die Arbeiten sind über die Osterfeiertage eingestellt, keine Menschenseele ist zu sehen, verlassen und einsam liegt Schloss Kientzheim im Forst, oberhalb des Städtchens. „Anja!“ Verzweifelt läuft er weiter, angespannt horchend. Äste knirschen unter seinen Schuhsohlen, er hört seinen eigenen, gehetzten Atem und sein Herzschlag gleicht einem Trommelfeuer. Da! Was war das? Waren es schwache Hilferufe? „Anja, wo bist du?“ Er ruft so laut er kann und nun versteht er deutlich ihre Stimme: „Papa! Hol mich hier raus, bevor ich erfriere!“ Er eilt in die Richtung der Rufe und wäre um ein Haar in den dunklen Schacht gefallen, der sich plötzlich vor ihm gähnt. Er kann nichts erkennen und schaltet die kleine Taschenlampe ein, die er immer bei sich trägt. „Bist du da unten, Anja?“ „Ja, Papa“ schluchzt das Mädchen und er kann im Strahl der Lampe das verschmutzte, verweinte Gesicht seines Kindes sehen, das ihm die Arme Hilfe suchend entgegenstreckt. “Hol mich hier raus, mir ist so kalt!“ Es sind gut über drei Meter, die Anja abgestürzt ist und Frédéric überlegt fieberhaft. „Ganz ruhig, Kleines, ich bin jetzt hier und ich hol‘ dich auch hier heraus. Ich lauf nur schnell zum Wagen, keine Angst! Ich komme gleich zurück!“ Es wird bereits dämmrig und Frédéric hat keine Zeit zu verlieren. Sein anfänglicher Zorn hat einer grenzenlosen Erleichterung Platz gemacht. ‚Wenn die Dunkelheit erst einmal völlig herein bricht, dann kann diese baufällige Ruine Lebensgefahr für uns beide bedeuten’ denkt er beunruhigt. Er schnappt sich das Abschleppseil des Wagens und hastet zurück. Es hat nur Minuten gedauert, Anja kommt es vor wie eine Ewigkeit. „Pass auf, ich werfe dir ein Seil hinunter, du bindest es fest um deine Taille und ich zieh‘ dich hoch. Bist du verletzt?“ „Ich glaube nicht, ich weiß nicht recht, Papa!“ kommt die Antwort kleinlaut an die Oberfläche. Er lässt vorsichtig das Seil in den Schacht gleiten und Anja versucht mit klammen Fingern es um ihre Taille fest zu knüpfen. „Ich schaff‘ das nicht, Papa! Meine Finger sind ganz klamm!“ ruft sie verzweifelt aus, doch er beruhigt sie: „Das schaffst du, Anja, bleib‘ ruhig, reibe deine Hände aneinander und stecke sie unter deine Achseln, dann werden sie beweglicher!“ Sie tut, wie er ihr sagt und nach einer kleinen Weile kann sie endlich einen festen Knoten um ihre Mitte binden. „Ich glaube es geht, Papa, ich habe mich jetzt festgebunden!“ „Schön, dann werde ich dich jetzt langsam hochziehen und du versuchst, dich mit den Füssen am Schachtrand abzustemmen, so, als wolltest du daran hoch laufen!“ Frédéric bereitet es keine Schwierigkeit, das Mädchen aus dem Erdloch heraus zu ziehen. Harte und schwere Arbeit haben sein Leben bestimmt und er kennt die Technik und Vorgehensweise, die in solch kritischen Situationen anzuwenden ist. Erst ist er wütend, dann beruhigt. Als er endlich sein Kind über den Rand zieht, atmet er erleichtert auf und schließt es fest in die Arme. Anja ist über und über mit Schmutz und Erde beschmiert. Er achtet nicht auf seine ruinierte Lederjacke, er hält sie sicher und erleichtert fest und führt sie zum Wagen. „Ich sollte dir den Hintern versohlen!“ murmelt er erleichtert. Stundenlang hat sie in dem Schacht gesessen, nachdem sie dort hinein gefallen war. Sie wollte ihn erst nur ein bisschen mit ihrem Verschwinden erschrecken und später zurückkommen, erzählt sie ihm und er streicht ihr verklebtes Haar aus der hohen Stirn. „Wirst du mich jetzt in ein Internat schicken?“ fragt sie angstvoll, während sie vorsichtig über den Waldweg zurückfahren. Frédéric schweigt sekundenlang, bevor er ruhig antwortet: „Nein, das werde ich nicht tun, Anja, aber du machst es mir nicht leicht! Und keine solchen kindischen Unüberlegtheiten mehr, klar? Die ganze Stadt ist in Aufruhr! Du hättest dir das Genick brechen können! Die Presseleute werden sich freuen. Überlege dir inzwischen was du sagen wirst!“ „Ich werde sagen, dass ich bei einem Spaziergang abgestürzt bin, nachdem ich mich verirrt habe, das ist alles!“ Anja ist wieder sie selbst, klug und selbstsicher. Seine hellen Augen fixieren die ihren. „Ich will nicht, dass du eifersüchtig bist auf Carla. Dazu besteht absolut kein Grund! Das ist selbstsüchtig und ungerecht von dir! Sie bedeutet mir sehr viel und sie hat mir nach dem Tod deiner Mutter sehr geholfen darüber hinweg zu kommen, das solltest du wissen! Sie mag dich sehr und ich glaub‘ das weißt du auch sehr gut! Sie kann deinen Platz nicht einnehmen, denn du bist meine Tochter, ein Teil von mir, also in Zukunft wirst du dich ihr gegenüber loyal verhalten. Ich setze auf deine Intelligenz! Du wirst erwachsen, also benimm dich auch danach, wenn dir daran gelegen ist, dass man dich ernst nimmt!“ Kleinlaut nickt Anja und Frédéric hofft, dass er nicht zu barsch mit ihr umgegangen ist, doch allem Anschein nach war dieses unbequeme Erlebnis eine kleine Lehre für sie gewesen. Er greift in die Brusttasche seiner braunen Lederjacke und reicht ihr, während er mit einer Hand das Auto sicher die kurvenreiche Strasse zur Stadt zurück lenkt, das Hochzeitsbild, das er inmitten der Glassplitter aufgelesen hatte. „Du wirst wohl einen neuen Rahmen dafür kaufen müssen! Und zwar von deinem Taschengeld!“ sagt er, ohne die Fahrbahn aus den Augen zu lassen. Anja nimmt das Bild stumm in die Hand und haucht einen Kuss darauf, bevor sie es einsteckt. Nach einer kleinen Pause fährt er fort: „Wir haben noch vier freie Tage! Was hältst du davon, wenn wir uns gemeinsam ansehen, wie die Renovierungsarbeiten in Assuan gelungen sind?“ Völlig überrascht stößt Anja einen Jubelschrei aus:“ Oh ja, Papa, fahren wir nach Ägypten!“ Als hätte er ihre Gedanken erraten, fügt er hinzu: „Carla fährt nicht mit, nicht dieses Mal, und das bedaure ich! Sie muss bereits morgen nach Florenz zu einer Tagung!“ Anja schließt die Augen und lehnt sich zurück, sie denkt: ‘Glück für mich, Pech für sie!’ Doch sie hütet sich, die Worte laut auszusprechen. Für heute hatte sie den Vater genug verärgert und beunruhigt! |