DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 1

Erstes Kapitel  –  Als alles begann         


„Lassen Sie mich jetzt bitte allein, Anna!“ verlangt der kräftige Mann, der mit dem Rücken zur Tür sitzt und den Kopf schwer auf seinen, auf der Armlehne ruhenden, linken Arm stützt.

„Ja, natürlich, Herr Direktor“, erwidert die zarte, blasse Person leise, die den Raum mit der leeren Teekanne verlässt und dann lautlos die hohe Flügeltüre hinter sich schließt.

Der Mann lehnt sich weit zurück und blickt ins Leere. Sein dunkelblondes, fast brünettes Haar fällt eigenwillig in die hohe Stirn, und er verstrickt seine Hände ineinander, als könne er so mehr Halt für sich selbst finden.

Die Flammen der Kerzen in den beiden hohen Kerzenleuchtern flackern unruhig und Rauch steigt in dünnen Säulen zum Holzgetäfelten Plafond.

Das Blumenmeer, das den schmalen Eichensarg umgibt, verströmt einen intensiven Geruch, der mehr bedrückend ist, und unangenehm, als dass man ihn als zarten Duft bezeichnen könnte. Die unzähligen Blumenarten vermischen ihre mehr oder weniger aufdringlichen Düfte, und machen Frédéric das Atmen schwer. Sein Kopf gleicht einem Maschinenraum, in dem nur die dumpfen Schläge des eigenen Pulses zu hören sind. Der hohe Alkoholkonsum trägt ebenfalls dazu bei, dass sein Kopf sich anfühlt, als gehöre er nicht zu seinem Körper und sei ein Feindobjekt.

 

Schließlich beugt er sich ein letztes Mal weit nach vor, um der blassen Toten eine fahle Haarsträhne aus der Stirn zu streichen, und seine rechte Hand ruht auf den verschränkten Händen der Dahingeschiedenen, deren kleines, weißes Gesicht wie aus Marmor gemeißelt wirkt, in dem blassrosa Rüschenensemble, mit dem der schwere Sarg ausgeschlagen wurde. Hier und da bringt das unruhige Kerzenflackern Leben in das erstarrte Oval des Antlitzes und es scheint, als würde Elisabeth sich kurz im tiefen Schlafe bewegen. Ein schönes Gesicht, das ihm gleich zulächeln wird. Strahlende Augen, die sich in die seinen senken werden. Doch dies ist nur Illusion, ein Trugbild...

Ein tiefer Seufzer entringt sich der breiten Brust des Mannes und er lässt sich müde in den, mit Damast bezogenen Ohrensessel zurück sinken. Kein Lärm dringt durch die mit schweren Brokatgardinen verhängten Fenster, und der Lärm der Stadt ist für ihn kaum wahrnehmbar. Auch  erscheint es ihm unvorstellbar, dass draußen das Leben seinen gewohnten Gang geht, Menschen von ihren Arbeitsplätzen  heim eilen, Mütter  mit ihren Kindern rasch noch Einkäufe erledigen, und die bittere Kälte dieses verfrühten Winters im Dezember dieses Jahres 1973 die ersten Krähen und Raben aus Russland angelockt hat. Die Parkanlagen sind voll von diesen dunklen, krächzenden Gesellen, und Frédéric findet es absurd, gerade jetzt sein Augenmerk darauf zu lenken. Noch ist es für ihn undenkbar, dass die Welt sich weiter dreht und nicht den Atem anhält, so wie er.

 

Frédéric Hardtberg ist knapp 38 Jahre alt und sein Wettergegerbtes Gesicht wird von vollem, dunkelblondem Haar umrahmt. Der Kerzenschein zaubert helle Strähnchen in den vollen Haarschopf, doch vielleicht war es auch die ewige Sonne Ägyptens, die für diese ungewöhnliche Schattierung gesorgt hat. Seine hellgrünen Augen starren durch die geliebte Tote hindurch, und seine Gedanken wandern weit zurück. Die heimatliche Gegend des Elsass’, woher er stammt, taucht vor seinem geistigen Auge auf, bewaldetet Hügel, die sich den Platz mit Weinbebauten Ebenen streitig machen, und braune Schindeldächer auf spitz zulaufenden Häusergiebeln der stillen, verschlafenen Dörfer. Hier war er aufgewachsen.

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Er kam im Jahre 1935 zur Welt, zwischen den zwei Grossen Kriegen, die die Welt erschüttert hatten, und wurde als französischer Staatsbürger geboren, da Elsass-Lothringen seit dem Kriegsende wieder zu Frankreich gehörte. Davor, seit 1870 hatte es zu Deutschland gehört, wie auch schon 200 Jahre zuvor. Ein Land als Spielball der Mächtigen. Menschen und ihre Existenzen waren dabei nur Randfiguren. Waren sie nicht stark und widerstandsfähig genug, so fielen sie einfach um, wie die Figuren eines Schachspiels. Mehrmals schon war Kayserberg den Kriegswirren zum Opfer gefallen und genau wie auch schon während des Dreißigjährigen Krieges, verlor es seine Söhne später an den Ersten Weltkrieg.

Dass der nächste Krieg, dieses alles verschlingende Ungeheuer, das sich von Leid und Blut nährte, für die Familie und Frédéric fatal werden würde, konnte damals noch niemand erahnen und das war auch besser so. Welch schreckliche Vorstellung, sein Schicksal, auch das grausamste, im Voraus zu kennen und trotzdem immer weitermachen zu müssen, weil man seiner Bestimmung einfach nicht ausweichen konnte.

 

Die Menschen der Familie Hardtberg waren alteingesessene Weinbauern mit einem ansehnlichen Grundbesitz und dem Jahrhundert alten Wein-Chateau, zu dem eine Allee uralter Platanen führte. Frédéric selbst, verspürte nie den Wunsch Weinbauer werden, denn ihm schwebte ein abenteuerliches Leben in der großen, weiten Welt vor, ferne Länder und große Weiten, obwohl er keine rechte Vorstellung davon hatte, was er dort sollte und was ihn am anderen Ende der Welt erwartete. Das runde Gesicht seiner Mutter wurde mit der Zeit hagerer und der Vater immer stiller. Die Krise, die dem Zweiten Weltkrieg voranging, wurde auch in Kayersberg spürbar. Nahe der Deutschen Grenze fühlten sich die Bewohner des anmutigen, bewaldeten Hügellandes rund um die Stadt Colmar besonders bedroht vom Aufkommen des Nationalsozialismus. Oft fiel kein Wort während des gesamten Abendmahles, wenn man um den mächtigen Eichentisch saß, denn mittags wurde in den Weinbergen nur ein kleiner mitgebrachter Imbiss verzehrt. Der Vater wurde von Tag zu Tag schweigsamer, und ein bedrückendes Gefühl lag über dem Hof und dem gesamten Land.

 

Frédéric blieb nicht das einzige Kind der Familie Hardtberg, der man auch in diesen strengen Zeiten mit großer Achtung entgegen kam. Das Weingut erstreckte sich über viele Hektar Land und war seit Generationen in den Händen der Familie.

1940 wurde der Bruder, Heinrich, als Henri eingetragen, geboren. Er kam nach der Mutter, klein und untersetzt, wie sie in ihren jungen Jahren ausgesehen hatte. Sein rundes Gesicht war rotbackig und er sah ehrfurchtsvoll zum großen Bruder auf, der sich viel mit ihm befasste.

Das Geschlecht der Hardtbergs setzte sich hauptsächlich aus deutschstämmigen Einwohnern zusammen, und auf Grund der bewegten Vergangenheit dieses Departements an der Deutschen Grenze, gab es auch etliche französische Namen auf der langen Ahnentafel.

 

Frédéric besuchte eine katholische Primärschule in Colmar, als der Zweite Weltkrieg, wie schon lange im Voraus befürchtet, über Europa herein brach. Die Schulen wurden weitgehend geschlossen, doch diese Internatsschule beherbergte auch weiterhin ihre Schüler und bewahrte sie vor dem Schlimmsten. So wusste er nicht allzu viel, was im heimatlichen Kayersberg vor sich ging, und das war gut so. Post gab es schon lange keine mehr, und die Deutschen Truppen hatten Kaysersberg rasch überrannt, um nach Paris zu gelangen, sodass der Ort schließlich Durchzugsort für den Nachschubtransport lag. Eine unsichere Gegend also für die Bewohner, die nur mehr in Furcht vor den bevorstehenden Ereignissen lebten.

 

Als die Bombardierungen der Alliierten begannen, brachten sich die Einwohner von Kayersberg in der Burg Kientzheim in Sicherheit. Nicht so die Familie Hardtberg, die Zuflucht in den tiefen Weinkellern des Gutes nahm und sich dort in Sicherheit wiegte.

Die amerikanischen Bombardierungen blieben nicht aus, die Bomber flogen hoch, um vor der Deutschen Boden-Artillerie geschützt zu sein, und entleerten ihre Frachträume ohne Umschweife und Überlegungen wahllos über dem französisch-deutschen Grenzland.

Als Frédéric im Frühling 1945 zum ersten Mal aus dem Internat zurückkam, da gähnte an Stelle des elterlichen Gutshofes ein riesiger Krater, gesäumt von Ziegel- und Steintrümmern. Ziellos wanderten die verbliebenen, getreuen Bediensteten umher, da auch sie ihr Heim verloren hatten und starrten dem Sohn des Hauses mit leerem Blick entgegen. Da und dort weinte ein Kind und rief nach seinen Eltern. Er tat es ihnen gleich.

Die Einwohner der Stadt kümmerten sich so gut es ging um die Hinterbliebenen, doch es gab so gut wie nichts zu essen, die mühsam eingelagerten restlichen Kartoffel, Äpfel und Getreide hatten die Deutschen längst zuvor gefunden und davon geschleppt.

 

Ein Greis mit schlohweißem Haar unter der abgetragenen Kappe kam auf den heimgekehrten Sohn zu und hob die Hand zum Gruß: „Friedrich“, er sprach ihn auf Deutsch an, die Alten hier hatten sich ebenso wenig wie seine Eltern daran gewöhnt, dass sie nunmehr Franzosen waren. „Du kommst zu spät und hättest nichts tun können, denn wahrscheinlich wärst du ebenso tot wie die deinen, Gott hab‘ sie selig!“

Es war einer der ältesten Freunde seines Vaters, und so viel er wusste, sogar entfernt verwandt mit der Familie. Angeblich war er mit einer Cousine zweiten Grades seiner Mutter verheiratet gewesen, die jedoch in jungen Jahren verstorben war. Er war sicher schon weit über siebzig, Johann oder Jean, wie manche ihn auch nannten. Er besaß selbst ein kleines Haus, das aus einem einzigen Raum und einer Kochstelle bestand, und am Rande des Südhanges lag. Er war daher von der Katastrophe verschont geblieben, die das Gutshaus und seine Bewohner mit Bomben vernichtet hatte.

Frédéric würgte an dem Kloß, der ihm die Luft abzudrücken drohte und gab keine Antwort. Was hätte er auch schon sagen können?

 

So konnte Frédéric nicht einmal seine Eltern und den kleinen Bruder angemessen begraben lassen, und die wenigen menschlichen, undefinierbaren Überreste waren in ein gemeinsames Grab gekommen, als Frédéric noch auf dem Weg hierher war.

„Sie haben nicht einmal gemerkt, was passiert ist“ versuchte der Alte ihn zu trösten, „es war in Sekundenschnelle vorbei, ein riesiger Krach und dann nichts mehr, nur Rauch und Staub!“

Der junge Mann blickte dem treuen Alten ins Gesicht und sah die Tränenspuren auf seinen furchigen Wangen. Er fiel ihm um den Hals und schluchzte laut auf, während der Alte hilflos nach Worten des Trostes suchte und sie nicht fand. Die Sonne versank hinter den Weinbergen und machte der herab sinkenden Abenddämmerung Platz, die dem Schauplatz noch mehr Düsterkeit verlieh.

 

Der heimgekehrte Sohn saß viele Stunden auf diesem Hügel am Rande der mit Wein bebauten Hügel und versuchte seine Gedanken zu ordnen, was ihm nicht gelingen wollte. Szenen aus seiner Kindheit mischten sich mit seiner schmerzenden Trauer, an deren Ende der Tod der seinen stand. Er versuchte sich vorzustellen, wie ihr Ende gewesen sein mochte. Mussten sie leiden, oder war ihnen der Tod gnädig und überraschte sie im Schlaf während des nächtlichen Bombardements? So quälten ihn tausend Fragen, und er haderte mit Gott und der Welt.

 

Er versuchte jemandem die Schuld an seinem Leid zu geben, doch seine Eltern hatten sich seit jeher als Deutsche gefühlt, trotzdem war er Franzose und in diesem nunmehr französischem Lande groß geworden. Adolf Hitler? War es seine Schuld? War es die Schuld eines einzigen Mannes? Waren nicht alle Völker Europas siegessicher in die Schlacht gezogen? Hatte auch nur einer der Männer eine kurze Sekunde an die Konsequenzen und das „Danach“ gedacht?

Er wusste auch um das Leid der Deutschen Bevölkerung und um ihre Angst vor dem einmarschierenden russischen Feind, denn Böses stand ihnen bevor. Johann hatte ihm davon berichtet.

Ein amerikanischer Bomber hatte seine Leute in den Tod gerissen, aber hatte der Pilot nicht in der Absicht gehandelt, dieses Land und die Menschen vom Führer und seiner tyrannischen Macht zu befreien? Die wahllosen Bombardierungen dienten zum eigenen Schutz, darum wurden sie aus so großer Höhe durchgeführt. Und jeder hatte irgendjemandem zu gehorchen... Die Sinnlosigkeit dieses Tun, das den Krieg ausmachte, konnte seine unverdorbene Kinderseele nicht begreifen.

Wie er es auch drehte und wendete, er fand keine Antworten auf die vielen Fragen und Gedanken, die ihn umkreisten und quälten. Was sollte nun aus ihm werden? Wer würde für ihn sorgen? Wartete eine düstere Zukunft als Heimkind auf ihn?

 

Nach einigen Tagen, die er in der kleinen Hütte Johanns verbracht hatte, nach Stunden ohnmächtigen Nachdenkens und der Trauer,  spürte Frédéric nur mehr eine große Leere in seiner Brust und versuchte, sich die Zukunft auszumalen. Seine Pläne waren nicht mehr wichtig, ihm blieb das Land, mit dem er nichts anfangen konnte, denn er war ein Kind. Unerwarteter Weise ließ der Pfarrer des Ortes ihn eines Tages zu sich holen.

„Ich habe dir einiges zu sagen, Frédéric“, begann er mit feierlichen Worten und sah erwartungsvoll zu dem Mann, der neben ihm saß, hin. Der Junge kannte ihn nicht, doch er sah wie ein respektabler Bürger aus, keine abgearbeiteten Hände, fein gekleidet und auch irgendwie vertrauenswürdig. Vom Fenster aus, sahen sie dem jämmerlichen Rückzug der verbliebenen Deutschen Truppen zu. Es waren vielmehr kleine Gruppen müder Männer mit hageren, bärtigen Gesichtern, die noch verzweifelt versuchten, über die Grenze in die Heimat zu gelangen, die von den Siegermächten bereits besetzt war. Die meisten Soldaten befanden sich bereits in der Gefangenschaft der Alliierten und waren per Bahn in alle Richtungen Europas verschleppt worden, wo sie in Gefangenenlagern auf den Ausgang der Verhandlungen warteten.

Der Kirchenmann räusperte sich und der andere neben ihm, zog eine dicke Mappe aus seiner abgewetzten Aktentasche, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.

„Das ist unser Herr Notar, musst du wissen, mein Junge!“ Die Ehrfurcht vor dem Rechtsmann war aus der Stimme des Pfarrers heraus zu hören.

„Er wird dir nun erklären, was mit dir geschieht. Du bist ein Waisenkind, aber du brauchst dir keine Sorgen um deine Zukunft zu machen. Dein Vater hat gut vorgesorgt und den alten Johann als deinen Vormund eingesetzt. Er weiß davon.“ Er machte eine Pause. „Bitte, Herr Notar“, erklärte er feierlich und der Angesprochene rückte seine Brille auf der Nase zurecht, räusperte sich kurz und begann zu sprechen: „Ja, das stimmt, Frédéric! Solange Johann lebt, ist er dein Vormund. Du wirst jedoch nicht bei ihm wohnen, sondern zurückgehen nach Colmar, um dort weiter eine Höhere Schule zu besuchen. Später wirst du eine Lehre beginnen und vielleicht sogar studieren, wenn du das richtige Alter, und vor allem, die nötigen geistigen Fähigkeiten dazu hast!“

Er sah über den Brillenrand hinweg auf den Jungen, der steif auf seinem Sessel saß.

„Ich darf zurück in die Schule?“ fragte er ungläubig, und der Notar nickte wohlwollend dazu.

„Ja, das hat deine Mutter immer gewollt. Sie hat verfügt, dass du den Beruf wählen kannst, den du dir wünschst! Dein Vater war damit einverstanden. Deine Eltern waren keine armen Leute, musst du wissen, auch wenn sie bescheiden gelebt haben. Deine Familie besitzt sehr viel Land. Wenn du erst großjährig sein wirst, dann kannst du entscheiden, was damit geschehen soll. Inzwischen wird das Land verpachtet und der Gewinn kommt auf dein Konto, das in den nächsten Jahren gewaltig ansteigen wird. So steht es hier und so wird es auch gehandhabt. Johann wird für dich signieren, und an ihn wirst du dich auch mit allen Wünschen und Fragen, die du hast, wenden.“

 

Noch vor der Unterzeichnung der Deutschen Niederlagserklärung drehte Frédéric dem Heimatort den Rücken zu und machte sich auf den Rückweg nach Colmar. Er fuhr mit dem Zug durch das stille Land, das kaum Spuren von Verwüstungen aufzuweisen hatte. Unterwegs begegneten sie amerikanischen Panzereinheiten und er beobachtete, wie sie von den Menschen hier freudig begrüßt wurden. Warum eigentlich? Weil sie mit ihren Bomben wild um sich geschmissen hatten, wie jetzt mir ihren Kaugummis, um die sich die Kinder balgten? Oder den seidigen Strümpfen, nach welchen die Frauen gierten, und die einer zweiten Haut glichen? Er begann sich seine eigene Weltanschauung zu Recht zu legen. Er konnte vieles nicht verstehen. Beschämt durch seine eigenen Leute, kehrte er der Stadt den Rücken zu, und die Klagen und Protestschreie der beiden Frauen, die man öffentlich auf dem Hauptplatz geschoren und gefedert hatte, weil sie sich mit deutschen Besatzungssoldaten eingelassen hatten, verfolgten ihn noch viele Stunden lang, während er in dem dunklen Abteil des Güterzuges hockte.

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Er wurde einer der besten Schüler seiner Klasse. Trotz der schweren Zeiten machte sich langsam eine gewisse Euphorie breit, der niemand entgehen konnte, die Menschen fassten neuen Mut und es gab Arbeit und bald auch wieder genug Brot. Das Zauberwort hieß ‚Freiheit’.

Jahre später machte Frédéric seinen Abschluss. Er hatte längst den Weg gewählt, den er zu beschreiten dachte und fuhr für einige Wochen nach hause zu Johann, der ihn freudig in die Arme schloss. Der Alte schien sich kaum zu verändern, runzelig war er immer schon gewesen, vielleicht ging er eine Spur gebückter, doch das war auch schon alles, was Frédéric feststellen konnte.

Der Aufbau verlangte tüchtige Männer und der Jüngling war kräftig gebaut, groß und breitschultrig wie sein Vater, mehr Germane als Gallier, und das war er schließlich auch.

Er teilte dem Alten mit, dass er nach Paris gehen wollte. Er wirkte reifer und gesetzter als andere Jungs in seinem Alter. Johann stimmte zu und er machte sich erneut auf den Weg. In der Hauptstadt angekommen, suchte er sich einen Lehrherrn und ging bei einem Maschinenbauschlosser in die Lehre. Nebenbei besuchte er Abendkurse auf der technischen Hochschule. Ehrgeizig und arbeitsam strebte er nach Höherem. Seinen Kopf füllte er mit Zahlen und Formeln und  wenn die böse Erinnerung ihn zu übermannen drohte, konzentrierte er sich um so mehr auf die Lehrtexte seiner Bücher und stürzte bis zum frühen Morgengrauen sich in seine Studien.

An Frauen verschwendete er keine Gedanken, er gestattete sich nicht, vom festgesetzten Ziel abzuweichen.

 

Mit knappen zwanzig verließ er die Faculté Technique als Maschinenbauingenieur, hatte den Beruf nebenbei auch händisch erlernt und engagierte sich 1949 freiwillig nach Indochina, um während des dort wütenden Krieges das Erlernte praktisch ausüben zu können. Nichts hielt ihn hier im Lande und seine innere Unrast ließ ihn diesen Entschluss ohne langes Überlegen, fassen. Die Armee brauchte Fachleute für Kriegfahrzeuge und Technische Anlagen, denn es war nicht die Lust am Kampf, die ihn vorwärts trieb, jedoch die Erwartung auf wirkliche Herausforderungen, die er zu erfüllen gedachte.

 

Trotzdem einige Jahre seit dem plötzlichen Tod seiner Familie vergangen waren, hatte er immer noch Alpträume und schreckte so manche Nacht schweißgebadet hoch, um bis zum Morgen grübelnd wach zu liegen. Die ärgsten Qualen bereiteten ihm die Rufe seines kleinen Bruders, der weinend seinen Namen rief, in diesen endlosen Nächten. Frédéric setzte seine Hoffnung darauf, die weite Entfernung zum anderen Ende der Welt würde auch seine Erinnerungen in die Ferne rücken lassen. Es wäre nur gut und recht gewesen, dass er den Tod mit ihnen teilte. Doch sein Bedürfnis, anderes zu erlernen als die Landwirtschaft, den Weinbau, hatte ihn vom Hof weg getrieben und nur deshalb hatte er überlebt. Diese Tatsache machte er sich oft zum Vorwurf.

 

Bevor er mit seiner Einheit abreiste, fuhr er nach Kayersberg, denn es war ihm ein Bedürfnis dort nach dem Rechten zu sehen und sich vor allem von Johann zu verabschieden.

Als er mit dem Zug durch die liebliche Gegend des Elsass fuhr, waren keine deutlichen Spuren des Krieges mehr zu sehen. Die Felder waren bebaut, die Weiden grün und die Fachwerkhäuser der kleinen Dörfer und Städte sauber und teilweise frisch verputzt.

Frédéric fühlte Bitterkeit aufsteigen, je näher er dem Heimatort kam und überlegte, ob dieser Entschluss, zurück zu kommen, ein guter war. Doch nun war es zu spät, Kayserberg wurde ausgerufen und der Zug verlangsamte seine Fahrt und hielt an.

Am Bahnhof war einiges los, doch von weitem erkannte er schon Johann. Seine alte Kappe schwenkend, stand er da, nunmehr auf einen Stock gestützt, das weiße Haar jedoch, immer noch zottelig dicht.

 

Der Junge und der Alte begrüßten einander herzlich, und nach einer gemeinsamen Jause im „Goldenen Krug“, einer der Gaststätten von Kaysersberg, fuhren sie mit dem Pferdewagen zu den Weinbergen hinaus. Es war Frühling und die Luft wehte lau durch die Hügel und Täler, die ihm gehörten, während eine Vogelschar ihr Willkommenskonzert in den Himmel schmetterte.

Frédéric hatte sich seit Jahren um nichts mehr gekümmert, und Johann hatte es in die Hand genommen, beim Stadtnotar vorzusprechen, und sich um die Bewirtschaftung der Weinberge durch die Pächter zu kümmern.

Das Land war in Parzellen aufgeteilt und an die interessierten Bewohner verpachtet worden. Der Pachtzins wurde auf ein Konto eingezahlt und für den Besitzer verwaltet. Frédéric hatte die ihm regelmäßig zugesandten Abrechnungen und Listen kaum gelesen. Seine Ausbildung hatte ihm mehr bedeutet als die Buchhaltung der Weinberge.

 „Ich glaube nicht, dass ich die Grube, in der meine Familie den Tod gefunden hat, wieder sehen will“, meinte er mit zittriger Stimme.

„Aber es ist keine Grube mehr zu sehen, Friedrich“, entgegnete der alte Johann. „Du wirst sehen, nichts erinnert mehr an den schrecklichen Vorfall. Die Zeit heilt auch die schlimmsten Wunden“.

Er lenkte das Pferd, das den Wagen zog, die breite, von Platanen gesäumte Allee hinauf. Auf der Anhöhe des ehemaligen Wein-Chateaus befand sich ein Obstgarten mit jungen Marillen- und Pfirsichbäumen, die nun in voller Blüte standen. Man hatte den Krater mit Erdreich aufgefüllt und es gab kein Anzeichen dafür, welche Dramatik sich hier einst ereignet hatte.

„Vom Gutshaus war nichts mehr zu retten“, meinte Johann, fast entschuldigend, „Ich fand es also am Besten, jede Spur des Unglücks beseitigen zu lassen.“

Frédéric ließ seinen Blick über den weitläufigen Garten schweifen und seufzte:

„Ich danke dir, mein Lieber, ich bin froh, dass es nun so ist, wie es ist.“

Der dumpfe Schmerz, den er auch in Paris noch die ganze Zeit über empfunden hatte, war verschwunden. Im Gegenteil, er fühlte, wie sich ein großes ruhiges Gefühl in seiner Brust breit machte und es mit seiner Trauer langsam zu Ende ging.

 

Hinter dem Garten befand sich das breite Grab, in dem seine Familie und auch die anderen Bewohner des Hauses ruhten. Die Gemeinde hatte einen wunderschönen Gedenkstein anfertigen lassen, aus rosa Granit, und neben den Namen der Verstorbenen rankte sich kunstfertig eingemeißelt ein Weinstock. Darunter befand sich eine erinnernde Inschrift zum Gedenken der Opfer des Krieges.

Frédéric schloss kurz die Augen und erinnerte sich an den wortkargen Vater, die rotwangige Mutter und den kleinen Bruder, den er verlor und der noch keine 5 Jahre alt gewesen war.

 „Was ist mit den Hinterbliebenen der Arbeiter und Leute, die hier lebten, geschehen?“ wandte er sich an den alten Mann, der stumm und ein wenig verlegen seine Kappe in den Händen drehte.

„Wie deine Familie es gewollt hat, bekommen die minderjährigen Kinder eine Unterstützung, ebenso die Alten, die nun im Seniorenheim untergebracht sind“, antwortete dieser.

„Es ist alles verzeichnet beim Notar, Maître Schiltig.  Du kannst es morgen einsehen, wenn du willst!“

Er winkte ab. „Ich bin sicher, dass alles klappt. Mich interessiert das Geld aus der Pacht ohnehin nicht!“ erwiderte der junge Mann.

„Aber es ist dein Land und dein Erbe, Frédéric!“ beharrte Johann.

„Eines Tages musst du dich selbst darum kümmern, dein Vater hätte es so gewollt!“

„Ich wollte nie so wie er sein, in den Weinbergen leben und sterben“, meinte Frédéric fast trotzig. „Er hat es gewusst und er hat es verstanden. Darum durfte ich auch auf die Schule gehen, darum ließ er mich auch ziehen!“

„Ja, ja“ beschwichtigte ihn der Alte, „aber im Leben kommt es eben manchmal anders als man es erhofft. Du willst doch nicht etwa verkaufen?“ Die Stimme des alten Mannes hat sich unmerklich verschärft.

„Verkaufen werde ich nie“, entgegnet der Junge, „wozu auch, ich brauche das Geld nicht! Mein Platz ist nicht hier. Aber ich habe noch etwas anderes vor, und schließlich ist diese Lösung mit der Pacht die beste für alle. Viele Familien haben so ihr Auskommen und das Land verlottert nicht und liegt nicht brach. Der Wein hat sozusagen überlebt, die Menschen nicht!“ Ein bitterer Unterton schwang in den letzten Worten mit. Auch wenn die Weinkeller geplündert, und in einem jämmerlichen Zustand waren, es gab sie noch!

 

Anschließend fuhren sie schweigend zurück in die Stadt. Viele neugierige Blicke folgten dem jungen Mann, den nicht alle gleich nach seiner jahrelangen Abwesenheit erkannten. Sein aufrechter, fester Schritt, die jugendliche kraftvolle Gestalt blieb nicht unbemerkt.

Auch einige junge Frauen warfen ihm interessierte Blicke zu, die er jedoch ignorierte. So manches Gesicht erschien ihm vertraut, wahrscheinlich waren es einstige Spielgefährtinnen aus unbeschwerten Kindertagen. Doch außer Trauer verband ihn nicht viel mit diesem Ort.

Er nahm ein Zimmer im „Goldenen Krug“ und zog sich gleich nach dem Essen, bei dem ihm Johann Gesellschaft leistete, zurück. Zum ersten Mal seit vielen Wochen schlief er tief und traumlos bis in den Morgen.

Nachdem er noch dem Notar, der ihn angemessen begrüßte, einen Besuch abgestattet hatte, weil Johann darauf bestand, fuhr ihn dieser wieder zurück zur Bahn. Er hatte dem Alten nichts von seiner bevorstehenden Reise nach Asien erzählt. Als er seinen Vertrag bei der Marine unterschrieben hatte, machte er sich einige Jährchen älter. Er hatte gehört, dass man nicht nachkontrollierte und so war es auch. Schließlich hatte er noch nicht einmal die Volljährigkeit erlangt...

 

Für Johann war gut vorgesorgt, er bekam eine angemessene Rente für seine treuen Dienste und die Freundschaft, die ohnehin unbezahlbar war. Sein Häuschen war modernisiert und etwas vergrößert worden. Eine Frau aus dem Ort kam täglich zu seiner Betreuung und kochte auch für den alten, bescheidenen Mann.

Beim Notar hatte er noch verfügen lassen, sollte er vorzeitig ableben, bekämen die verbliebenen Kriegswitwen und Waisen seinen Besitz zu gleichen Teilen als Schenkung. Erben hatte er ja keine...

In Anbetracht seines eigenen hohen Alters ließ Johann den jungen Herrn nur schweren Herzens ziehen, im Zweifel, ob es ihm noch einmal vergönnt war, ihn wieder zu sehen.

Dann wurde der winkende, alte Mann am Bahnsteig kleiner und kleiner und Frédéric lehnte sich in seinem Zugabteil zurück und dachte an die ungewisse, wenn auch lockende Zukunft.

 

Zweites Kapitel  –  Der Schritt ins Leben

 

Die Erinnerungen des trauernden Mannes werden durch zaghaftes Pochen an der Holzgetäfelten Tür unterbrochen.

 „Ja, was ist?“ fragt Frédéric und reibt sich die schmerzenden Schläfen mit beiden Handflächen.

Das Dienstmädchen Anna streckt den Kopf durch die Tür: „Verzeihen Sie die Störung, Herr Direktor, ein Ferngespräch aus Ägypten, Herr Smaïn ist am Telefon und meint, es sei dringend!“

„Sagen Sie ihm, ich rufe ihn heute Abend noch an, Anna, aber nicht jetzt, stören Sie mich nicht mehr, ich bin für niemanden zu sprechen!“

„In Ordnung“, wispert Anna schuldbewusst und schließt lautlos die Tür.

Frédéric nimmt einen kräftigen Schluck aus dem bereitstehenden Whiskyglas und leert es in einem Zug. Mit der linken Hand überschattet er die schmerzenden Augen und lässt sich von den Erinnerungen weiterhin übermannen.....

 

Er war mehrere Monate, bis zum Kriegsende in Indochina geblieben. Heimweh war ein Wort das er nicht kannte, und zum Grübeln blieb ohnehin nicht viel Zeit, der Krieg forderte seinen Tribut und erforderte die restlose Einsatzkraft und Stärke jeden Mannes. Während dieser Wochen sah er mehrere Kameraden in den vergifteten Sümpfen des Tropenurwaldes sterben. Einer starb an einem giftigen Schlangenbiss, weit weg vom Lager, zwei weitere am Fieber und acht Soldaten fielen im Kampf oder an den folgenschweren Verwundungen die daraus residierten. Er selbst hatte Glück gehabt und wurde nur einmal von einem Granatsplitter, der ihm eine schmerzhafte Wunde ins Bein riss, getroffen. Die Verletzung heilte jedoch ohne Komplikationen. Er hatte sich eine eiserne Selbstdisziplin auferlegt und konnte sogar die unzähligen juckenden Moskitostiche ignorieren, indem er sich selbst einredete: Es könnte noch schlimmer werden!

 

Im Lager gab es nie genug Medikamente, auch die Verpflegung war dürftig, der Nachschub wurde gegen Ende immer schwieriger und blieb schließlich ganz aus. Als am Dien Bien Phu fiel, war für die Franzosen der Krieg vorbei und der Rückzug wurde so rasch wie möglich angetreten. Die Kriegsflotte brachte die Soldaten zurück in die heimatlichen Häfen Frankreichs und von dort aus begann für jeden einzelnen die letzte Strecke der Heimreise.

 

Frédéric kam als Leutnant nach Paris zurück, die Auszeichnungen und Medaillen wanderten in die unterste Schublade. Er quittierte den Dienst bei der Armee, nahm seine Auszeichnungen entgegen und nahm sich eine kleine Wohnung in der Nähe von Montmâtre. Sein Sold reichte für eine ganze Weile aus und er schüttelte die Kriegsjahre ab, so gut es eben ging.

Paris war wieder zum Leben erwacht, es pulsierte, es sang, es lebte und streckte seine Arme nach ihm aus.

Frauen warben um seine Gunst, sein unwiderstehliches Lächeln, und er begann es auszukosten. Sie schmolzen dahin wie Eis in dieser heißen Sommersonne, wenn sie in seine hellgrünen, interessierten Augen blickten, und es bedurfte nicht viel Könnens und Werbens, um sie nach ihm verrückt zu machen.

Seine kleine Wohnung wurde zum Liebeslager, die Damen kamen und gingen.

Während die unerbittliche Hitze des Monats August die Stadt Paris in einen Backofen verwandelte, holte Frédéric an Liebeserfahrungen und Lustgefühlen nach, was er sich bisher verwehrt hatte. Seine Lehrmeisterinnen waren teils erfahrene und oft verheiratete Frauen, die auf ein solches Abenteuer mit dem Gutaussehenden und heißblütigen Mann schon lange gewartet hatten. Sie erweckten eine Glut in ihm, die Frédéric oft selbst erschreckte. Von zu jungen und brav aussehenden Mädchen hielt er sich fern. Er dachte nicht daran sich zu binden und überließ es anderen, ihnen die Unschuld zu rauben.

Sobald er spürte, dass die Eine oder Andere seiner Eroberungen mehr von ihm wollte als nur schöne Augenblicke und wilde Liebesstunden, distanzierte er sich und blockte ab.

Seine früheren Liebesabenteuer hielten sich in Grenzen, er hatte ein Verhältnis während der Studienzeit mit einer  Pariser Kunststudentin gehabt, die sich jedoch bald von ihm getrennt hatte, nachdem sie gemerkt hatte, dass Frédéric von einem inneren Feuer verschlungen wurde, das jedoch nicht ihr galt. Sie hatte sich begnügt mit dem wöchentlichen Liebesakt, meist samstagnachmittags, im gemieteten Dachzimmer des Mädchens.

Es folgten einige Erfahrungen in Asien, an die er sich nicht so gern erinnerte. Es handelte sich um einheimische, junge Prostituierte, die er während seines Aufenthalts in Dien Bien Phu kennen gelernt hatte. Er wurde das Gefühl nie los, dass es fast noch Kinder waren, auch wenn sie sich alle älter machten.

Seine Concierge, mit dem schrill Rotgefärbtem Haar, warf ihm schmachtende Blicke zu, während sie den Besucherinnen seiner Garconnière tödliche Worte nachzischte.

Tagsüber unterhielt sich Frédéric mit anderen Veteranen in den Stammcafés des Viertels, oder er saß auf einer Bank in einem der sonnendurchfluteten Parkanlagen, las „Le Monde“ und sah den hübschen Mädchen nach.

Er dachte an nichts Bestimmtes, ließ sich treiben und ließ auch keine Gedanken aufkommen, die ihn hätten belasten können. Die Tage kamen und gingen, die Wochen und Monate ebenfalls.

Er hatte niemanden und er wollte auch an niemanden seine Gefühle verschwenden. So hatte er später keinen Menschen zu betrauern, das war seine Devise. Leben und lieben, geliebt werden, heiß und intensiv, ja, aber nur für kurze Dauer...

 

Da er bescheiden lebte, gingen ihm die Mittel nicht aus, ohne auf sein, inzwischen beträchtliches Vermögen aus Kaysersberg zurückgegriffen zu haben. Es war ihm im Laufe der Zeit gelungen, den Heimatort weitgehend aus seinem Gedächtnis zu verdrängen, indem er sich auf das Heute und Jetzt konzentrierte, auf seine Geliebten und die Musestunden in der französischen Hauptstadt. Der Weltkrieg war inzwischen von Europa so recht und schlecht überwunden, niemand sprach darüber und diese Gier nach Leben und Unterhaltung war überall spürbar. Sie zeigte sich in der schrillen Mode, den Tänzen und Schlagern jener Zeit, ja, es brach ein neues Zeitalter an, ein Zeitalter der Hoffnung und des Wohlstands.

 

Als der Herbst sich dem Ende zuneigte und die Bäume auf dem Champs Elysée sich bunt färbten und zu Boden segelten, überlegte Frédéric, wie lange er dieses Leben eines „Bohemiens“ noch führen wollte. Er beschloss, einen neuen Anfang zu machen und bewarb sich kurz vor Weihnachten dieses Jahres auf Grund einer auffordernden Annonce in der Zeitung „Le Monde“ um den Posten eines Maschinenbauingenieurs bei der Deutschen Firma Hollowitz, die Leute in aller Welt suchte, die im Stahlwerk des sich in Belém, in Brasilien, befindlichen Werkes mitarbeiten wollten.

Von dort aus sollten mehrere Projekte gestartet, Staudämme erbaut, Brücken errichtet, Fabrikanlagen geschaffen werden. ‚Warum nicht’, dachte sein ruheloser Geist.

Er begab sich nach Stuttgart, zum Hauptsitz des riesigen Werkes, um sich vorzustellen. Die Anreise wurde ihm auf Grund der Bewerbung rückvergütet.

Das Vorstellungsgespräch fiel positiv aus, der Firmenchef war von den Referenzen aus der kurzen Militärzeit beeindruckt und erkannte in dem Gutaussehenden Franzosen einen fähigen und vertrauenswürdigen Mann, der auch körperlich anscheinend in Hochform war. Dies erschien dem Unternehmer nicht als unerheblich für den Arbeitseinsatz und das schwierige Leben in den Breitengraden des Äquators. Hollowitz war ein kleiner, kahlköpfiger, untersetzter Mann mit flinken blauen Augen und einer jovialen Art, mit der er seinen Gesprächspartner zum Reden brachte.

Dem Unternehmer war nur recht, dass der junge Mann niemanden in Europa zurückließ. Das ersparte jedem von beiden Kummer und Sorgen. Ein freier Spezialist mit dieser Ausbildung und der Praxis im tropischen Gebiet, hat ihm für sein Team eben noch gefehlt. Der Handel war schnell ausgemacht, die Bezahlung auf Grund der schwierigen Lebensbedingungen im Amazonasgebiet, außerordentlich gut, und alle weiteren Formalitäten wurde im Personalbüro festgelegt.

 

In drei Wochen sollte Frédéric, der einen Vertrag für drei Jahre unterschrieben hatte, die Reise über den Atlantik antreten. Zwischenzeitig ereilte ihn die Depesche vom Tod des alten Johann. Er telefonierte mit dem Notar und veranlasste ein ehrenvolles Begräbnis für den treuen Alten. Damit war auch der Rest seiner Kindheit und Jugend gestorben und begraben. Der Gedanke erfüllte ihn weniger mit Trauer als mit einer absoluten Gewissheit, ja sogar Erleichterung. Er betonte dem Notar gegenüber, dass er wünschte, dass nichts an den Abmachungen gegenüber den Pächtern und Rentenempfängern geändert werden sollte und informierte ihn von seiner kurz bevorstehenden Abreise.

Zurück in Paris, kündigte er die Wohnung und musste die untröstliche Concierge beruhigen, die nun auch die letzten Hoffnungen dahinschwinden sah, sich diesen, ihren Traummann, jemals angeln zu können. Er sah weitaus älter aus als er war, geprägt vom Schicksal und seinem unstillbarem Durst nach Leben und Aufgaben, die nur darauf warteten, von ihm gelöst zu werden.

 

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