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VII
Finn saß in Dr. Maturins Studierecke. Sie hatte eine
Öllampe angezündet und las interessiert in einem Buch über die menschliche
Anatomie. Als die Tür geöffnet wurde, blickte sie auf. Sofort fühlte sie
sich schuldig, weil sie Stephens Rat nicht gefolgt war, den Trank nicht zu
sich genommen hatte. Mit einem Blick musste er das wohl auch erkennen. Der
Becher stand unangetastet auf dem Tisch, das Gebräu mittlerweile kalt. Sie
klappte das Buch zu und wartete darauf, getadelt zu werden.
Aber der Tadel kam nicht. Stattdessen eine Anschuldigung. »Warum hast du
gelogen?« Stephen trat näher, blieb neben dem Tisch stehen.
Finn blinzelte. »Was meinst du damit?«
»Warum hast du gesagt, du hast Pullings auf See getroffen, wenn ihr euch
doch schon viel früher auf Madeira bei einem Dinner begegnet seid?«
»Ach das?« Sie winkte ab. »Ist es wichtig?«
Maturin verschränkte die Arme vor der Brust. »Sag mir, ob es das ist.«
»Unterstellt mir der Doktor etwa Unzucht mit einem Seemann?« neckte sie ihn.
Dass es die falschen Worte gewesen waren, merkte sie zu spät.
Stephen versteinerte. »Dann hat mein Eindruck also nicht getrogen«, sagte er
kalt.
Finn sprang auf, achtete nicht auf das Pochen in ihrer Seite. »Wie kannst du
es wagen!!« fauchte sie, fasste sich jedoch genauso schnell wieder. »Ich
kann nicht sagen, mit welchen Frauen Sie sonst Umgang haben, Dr. Maturin.
Und es kränkt mich zutiefst, was Sie mir da unterstellen. Ich habe mich nur
einmal in meinem Leben vergessen, in den Armen eines Mannes gelegen, an den
mich kein Ehegelöbnis band. Ich habe sein Kind unter dem Herzen getragen und
es verloren. Ein Teil von mir ist an diesem Tag mit ihm gestorben. Und Sie
erdreisten sich, mich eine heuchlerische Metze zu nennen!« Finn kam drohend
auf Stephen zu. »Die Höflichkeit gebietet mir, Sie jetzt aus diesem Zimmer
zu weisen. Da es aber Ihre Kajüte ist, ziehe ich es vor zu gehen!« Einen
eventuellen Widerspruch niederschmetternd, meinte sie: »Besitzen Sie nicht
die Impertinenz, mich aufhalten zu wollen!« Ohne einen weiteren Blick auf
ihn, rauschte sie aus dem Zimmer.
Stephen stand da, fühlte sich, als hätte ihn der Blitz getroffen. Er wusste,
dass ihm jetzt nicht mal die doppelte Dosis Laudanum von seinen Qualen
erlösen konnte. Mit hängendem Kopf schlurfte er zu Jacks Kajüte.
Sein Freund lag schon in der Koje, setzte sich doch alarmiert auf. »Was ist
geschehen?«
Maturin antwortete nicht, zog langsam seine Jacke aus und kletterte in seine
Hängematte.
»Was ist geschehen?« beharrte Jack.
»Ich habe gerade erkannt, wie schwer Diana Villiers mit gezeichnet hat«,
erwiderte Stephen lakonisch, wickelte sich in die Decke.
Jack kratzte sich am Kinn. »Nun ja, daran habe ich wohl meinen Anteil«, gab
er zu.
»Ja, manchmal sind Sie ein Scheusal, Captain Aubrey. Gute Nacht!«
~~~
Finn hatte sich an ihren gewohnten Platz auf der
Heckbank zurückgezogen. Mit angewinkelten Knien starrte sie auf die See. Bei
Nacht so schwarz wie der Himmel. Sie konnte die Lichter der Medea
sehen. Oder war es die Acheron? Sie hatte keine Ahnung, ob Pullings
die Nacht im Konvoi verbrachte oder bereits davon gesegelt war.
Sie spürte Tränen auf ihren Wangen, wischte sie energisch mit dem Handrücken
fort. Stephens Vorwurf hatte sie sehr getroffen. Wie konnte er nur
glauben...? Pullings war ein zuvorkommender Mann. Und er war glücklich
verheiratet. Fast die ganze Zeit hatte er über seine Frau gesprochen und
darüber, wie sehr er sie vermisste. Nicht einen Moment der Vertraulichkeit
hatte es zwischen ihnen gegeben.
Finn wandte den Kopf. »Ich weiß, dass Sie da sind«, sagte sie leise, aber
doch hörbar genug für den Angesprochenen.
Blakeney trat aus den Schatten. Seine Jacke war falsch geknöpft, so als
hätte er sich in aller Hast angezogen. »Ma’am«, grüßte er höflich.
»Hat Dr. Maturin Sie geschickt?«
»Ähem, Dr. Maturin? Nein, Ma’am.« Er hüstelte. »Es war Captain Aubrey. Er
meinte, ich wäre für Ihre Sicherheit verantwortlich.«
Finn lächelte. »Sehe ich denn so aus, als würde ich gleich über Bord
springen wollen?«
»Ma’am bitte, so etwas dürfen Sie nicht sagen!« keuchte er auf. »Das dürfen
Sie nicht mal denken!«
»Aber, Mr. Blakeney. Es war ein Scherz«, beruhigte
sie ihn.
»Über solche Dinge scherzt man nicht!« entgegnete er, konnte ein leichtes
Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken.
Finn wurde in diesem Moment bewusst, wie jung er eigentlich noch war. »Es
tut mir leid. Es war dumm von mir.«
Der Fähnrich setzte sich neben sie auf die Bank. »Wissen Sie, er war mein
Freund. Nicht so sehr wie Calamy. Aber er war mein Freund. Doch die
Mannschaft nannte ihn einen Jonas. Er hatte Wacht, als die Acheron
uns das erste Mal angriff. Sie sagten, er wäre Schuld an dem Übel. Er hat es
nicht ertragen. Er sprang in die See.« Blakeney wandte ihr das Gesicht zu.
»Deshalb bitte ich Sie inständig, nicht mehr über so etwas zu reden.«
Vorsichtig legte Finn ein Hand auf die seine. »Es tut mir sehr leid, dass
Sie einen Freund verloren haben. Wie war sein Name?«
»Hollom, Ma’am. Er war ein guter Fähnrich, egal was die anderen über ihn
sagen.«
Finn nickte. »Manche Dinge sind Schicksal. Sie geschehen. Wir haben keine
Wahl. Die alten Griechen hatten sogar Göttinnen dafür. Sie nannten sie
Moiren. Die Germanen nannten sie Nornen. Aber es läuft auf ein und dasselbe
hinaus. Dennoch sind wir Menschen leicht bei der Hand damit, jemanden zu
verurteilen, wenn wir uns etwas nicht logisch erklären können. Zu- oder
Abneigung spielen dabei natürlich eine Rolle.« Sie gab Blakeney einen Klaps
auf die Hand. »Gehen Sie jetzt wieder schlafen. Sie sehen müde aus.«
»Das kann ich nicht. Es ist der ausdrückliche Befehl des Kapitäns, dass ich
bei Ihnen bleibe.«
»Nun denn, es wird eine lange Nacht werden. Ich habe nicht vor, unter Deck
zu gehen. Seien Sie so gut und holen Sie mir eine Decke.«
»Ja, Ma’am.« Er verschwand und war in Sekundenbruchteil wieder da. Fast, als
wäre er die Strecke zu seinem Quartier und zurück zu ihr gelaufen.
Dankbar nahm Finn die Decke entgegen. Blakeney blieb stehen, starrte auf das
Wasser. »Was lieben Sie so sehr daran?« fragte er plötzlich. »Ich meine,
wenn ich mir die Frechheit herausnehmen darf.«
»Das lässt sich schwer in Worte fassen. Der Wind, das leichte Schaukeln des
Schiffes. Ich habe in meinem Leben nichts anderes gekannt, also will ich
wohl auch nichts anderes. Lauschen Sie, Mr. Blakeney. Hören sie das
Wehklagen Poseidons? Er spricht durch die Wellen zu uns, trauert um seine
verlorene Liebe.«
»Wer war sie?« Interessiert schaute der Junge sie an.
»Sie war eine Priesterin der Athene. Eine wunderschöne Frau. So anmutig,
dass Poseidon sich sofort in sie verliebte. Daraufhin verwandelte die
eifersüchtige Athene sie in ein Monster. Der Oberkörper einer Frau, aber das
Hinterteil einer Schlange. Selbst ihr Haar verwandelte sich in Schlangen,
die zischend über ihr Haupt krochen. Ein Blick von ihr konnte jeden Mann zu
Stein werden lassen. Doch der kühne Held Perseus nahm den Kampf gegen sie
auf. Er tat es aus Liebe zu seiner Frau Andromeda, die dem Seeungeheuer
geopfert werden sollte. Mit Medusas abgetrennten Kopf, deren Blick noch
immer tödlich war, ließ er die Kreatur zu Stein erstarren. Und so ward das
Unheil gebannt.«
»Andromeda und Perseus sind Sternzeichen«, meinte er erfreut, reckte den
Finger in den Himmel. »Sehen Sie, da stehen sie. Ganz deutlich über uns.«
Finn nickte. »Ja, da haben Sie recht.«
Die nächsten Minuten verbrachten sie in Schweigen. Sie sah, dass Blakeney
sich den Arm um die Taille schlang, die Finger in den Stoff seiner Jacke
gekrampft. Der Wind hatte aufgefrischt. Er musste frieren. »Ihnen ist kalt,
nicht wahr?«
»Nein, Ma’am!« Er schüttelte den Kopf.
»Kommen Sie schon. Unter der Decke ist genug Platz!«
Blakeney sah sie entgeistert an. »Das ist nicht möglich, Ma’am. Wie könnte
ich mich...«
Sie lächelte. »Natürlich, Sie sind ein erfahrener Seemann. Und die Etikette
verbietet es Ihnen, sich mir zu nähern. Aber da Captain Aubrey Sie nun schon
aus Ihrem wohlverdienten Schlaf gerissen hat, um mein Wachhund zu sein und
da es an Deck recht frisch geworden ist, verbietet es mir die Nächstenliebe,
Sie erfrieren zu lassen. Sie müssen sich ja nicht an mich lehnen. Aber ein
Zipfel der Decke wird schon eine Wohltat sein.«
Dagegen hatte er nichts einzuwenden. Er setzte sich und legte sich etwas
unbeholfen die Decke über die Knie. Doch letztendlich gewann die Müdigkeit
die Oberhand. Blakeney versuchte krampfhaft, die Augen offen zu halten, aber
das beständige Schaukeln der Surprise lullte ihn ein. Er rutschte zur
Seite und schlief ein.
Genauso fand ihn Jack zwei Stunden später. Sein blonder Schopf ruhte an
Finns Schulter. In die Decke gewickelt schliefen beide seelenruhig. Der
Kapitän blieb stehen, betrachtete sie, lächelte. Nein, er konnte nichts
Verwerfliches daran finden. Behutsam rüttelte er Blakeney wach, der
erschrocken aufspringen wollte, doch Jack bedeutete ihm, leise zu sein.
»Gehen Sie unter Deck und schlafen Sie. Sie haben vortreffliche Arbeit
geleistet.«
Der Junge salutierte und trottete erleichtert von dannen.
Nicht wenig später öffnete Finn die Augen. Der wärmende Körper neben ihr war
verschwunden. Stattdessen stand der imposante von Captain Aubrey nahe der
Achterstange und hatte die Hände auf dem Rücken gefaltet. »Guten Morgen«,
meinte er freundlich.
Finn setzte sich auf. »Ebenfalls, Guten Morgen. Auch wenn es noch nicht ganz
Tag ist. Ist etwas geschehen?«
»Spüren Sie den Hauch in der Luft?« fragte er.
»Ja.« Finn legte sich die Decke um und stand auf. »Mein Vater nannte es
immer Unheilshauch. Was denken Sie, droht uns ein Sturm?«
Jack nickte. »Er kommt direkt auf uns zu. Beten wir, dass es keine Squall
ist.«
»Eine Squall ist höchst selten. Noch dazu in diesen Gewässern«, widersprach
sie.
»Was nicht heißt, dass es unmöglich ist. Gerade hier treffen die
verschiedenen Strömungen aufeinander.«
Finn sah sich alarmiert um. Sie konnte erkennen, dass Vorsichtsmaßnahmen
getroffen wurden. Die Toppgasten waren bereits an Bram- und Marsrah zugange.
Was nicht an Tuch gebraucht wurde, wurde gerefft und sicher verstaut. »Sie
wollen wirklich auf alles vorbereitet sein.«
»Wenn es das ist, was ich annehme – die unruhige See weist daraufhin – dann
möchte ich ungern meine Masten verlieren. Einer Squall gibt es nicht viel
entgegenzusetzen, außer dem Glauben, man möge sie heil überstehen.«
»Können wir nicht darum herumsegeln?«
Jack schüttelte den Kopf. »Jede Abweichung vom Kurs könnte tödlich sein.«
»Und die Medea?« Finn marschierte zur Reling und blickte auf ihre
Brigg. Sie war sehr nah an die Surprise heran gekommen, klebte fast
an ihrem Heck. »Oh«, sagte sie, drehte sich zu Aubrey herum. »Das ist
gefährlich. Schicken Sie die Medea auf Abstand, Captain Aubrey. Die
Schiffe könnten gegeneinander gedrückt werden. Bei einem heftigen Sturm
werden sie das sogar. Und wenn die Rahen sich ineinander verfangen,
verlieren beide ihre Masten. Wir werden kentern.«
»Dann will ich mal hoffen, dass Ihr Mr. O’Hara so gut das Ruder führt, wie
ich es von ihm erwarte.«
~~~
Das Schiff krängte nach steuerbord und fing an, auf
das Heftigste zu rollen, so dass sich Stephen plötzlich seines Halts beraubt
sah. Genaugenommen sah er die Planken, denn unten war von seinem Blickwinkel
aus auf einmal oben. Was bei einer hundertachtzig Grad Drehung im Liegen
durchaus Sinn machte. Er gab nur ein leises »Argh« von sich, schon purzelte
er mit Schwung aus seiner Hängematte und landete unsanft auf dem Boden. Er
kullerte darauf entlang, wurde erst von einer der Kanonen gestoppt, gegen
die sein Kopf mit einem dumpfen KLONK gestoßen war. Er rieb sich die Stirn
und sah sich verwirrt um.
Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen. »Dr. Maturin?« Es war Mowett.
»Hier unten«, antwortete er mit einem Krächzen.
Mowett torkelte herüber und half ihm auf die Beine. »Gut, wach sind Sie ja
jetzt. Bleiben Sie hier unten. Kommen Sie auf keinen Fall rauf an Deck.«
»Was ist denn los? Werden wir angegriffen?«
»Nein, schlimmer.« Mowett war schon wieder auf dem Weg zur Tür.
»Was könnte schlimmer sein, als ein Angriff?« Stephen ließ sich auf der Bank
nieder.
»Eine Squall.«
»Was um Himmels Willen ist eine Squall?«
Der zweite Leutnant wurde wieder mal daran erinnert, dass er keinen Seemann
vor sich hatte. Notdürftig rang er sich eine Erklärung ab. »Petrus’ Rache,
werter Doktor. Eine Squall ist eine Windböe. Eine so heftige, die meist
Regen und Schnee bringt. Nun ja, den Regen haben wir schon.« Stephen
registrierte, dass er sein Ölzeug trug. »Jeder Mann, der nicht an Deck
gebraucht wird, bleibt unten. Wenn uns jemand über Bord geht, können wir ihn
nicht retten.«
Das leuchtete Maturin ein. »Und Miss Kincaid? Wo ist sie?«
Mowett rollte genervt mit den Augen. »Sie ist beim Captain. Er braucht sie
als Verbindung zur Medea. Sie kennt die Brigg am besten und kann ihm
sagen, wie sie sich bei diesem unruhigen Seegang verhalten wird.« Er tippte
sich an den Hut und verließ das Zimmer.
Sofort stieg Stephen in seine Hosen und Schuhe. Er würde garantiert nicht
hier unten warten, während Finn da oben dem Sturm ausgesetzt war. Egal, was
Jack dazu zu sagen hatte. Doch auf halben Weg zur Treppe ertönte ein lauter
Schrei, dann Poltern auf den Stufen. Zwei der Leichtmatrosen trugen einen
Verletzten zu ihm herunter.
Notgedrungen musste Stephen in das Lazarett zurückkehren. Sein
hypokratischer Eid verpflichtete ihn dazu. Er brüllte nach Padeen und renkte
dem Bewusstlosen das Bein wieder ein, schiente es mit zwei Holzleisten, die
der Loblolly irgendwo auftrieb. Dann besah er sich die Platzwunde am Kopf.
An Deck zu gehen, konnte er vergessen.
~~~
Finn hatte mittlerweile die Decke abgelegt.
Irgendjemand hatte ihr eine Regenjacke gebracht. Sie war ihr zwar an den
Ärmeln viel zu lang, aber sie hielt das Wasser ab, das von allen Seiten auf
sie niederprasselte. Die Surprise rollte jetzt so heftig, dass in
einem Moment nur Himmel zu sehen war, im anderen nur Wasser. Vulcan und
Aubrey liefen an Deck auf und ab und brüllten unablässig Befehle. Doch Finns
Augen waren auf die Medea gerichtet. O’Hara kämpfte härter mit der
See, aber er hielt sich gut. Doch lange würde die kleine Brigg das nicht
mitmachen, egal wie gut das Ruder geführt wurde. Sie fühlte sich hin und her
gerissen. Am liebsten wollte sie jetzt an Bord ihres Schiffes sein, aber
dann war sie wieder dankbar, dass sie es nicht war. Die Surprise
hatte der Squall mehr entgegen zu setzen, war das sichere Schiff.
Eine Woge bäumte sie auf, schleuderte Finn nach Backbord auf die Wanten zu.
Sie klammerte sich daran fest, sah mit Entsetzen, dass die Medea
näher kam, obwohl O’Hara heftigst gegensteuerte. Nicht wenig später ertönte
das Krachen, als Holz gegen Holz prallte. Sie sah das Gesicht ihres
Freundes. Es war verbissen und ärgerlich.
Ein Knirschen ertönte. Finn blickte zur Rigg, erwartete das Schlimmste und
wurde leider in ihrer Vorahnung bestärkt. Die Marsrahen hatten sich
ineinander verfangen. Eine Katastrophe drohte. Da drückte die See die
Schiffe wieder auseinander. Die Medea krängte. Finn lief es eiskalt
den Rücken hinunter, als auch die Surprise sich gefährlich zu neigen
begann. Sie ließ die Wanten los und stolperte in die Richtung, aus der
Aubreys kraftvoller Bariton erklang. Sie griff seinen Arm, als sie ihn
erreicht hatte, hielt sich daran fest.
»Captain Aubrey«, brüllte sie gegen das Tosen an. »Wir verlieren die
Marsrah.« Sie deutete nach oben, wusste, dass er es selbst schon gesehen
hatte. »Wir müssen etwas tun, ansonsten reißen die Vorstagen und das
Vor-Mars-Geitau. Die Medea hält das nicht länger aus. Wenn sie
kentert, verwandelt sie sich in einen Mühlstein und zieht die Surprise
mit sich!« Jack sah sie verwirrt an. Ihr Haar war nass, klebte an ihrem
Kopf. Doch ihr Gesichtsausdruck war entschlossen. »Sie wissen, dass ich
recht habe.«
Er nickte. »Ja, aber Sie wissen, was es bedeuten kann.«
»Dass wir zwei Schiffe verlieren, obwohl wir beide retten könnten, wenn wir
es nicht tun!«
In nächsten Moment gab es einen Ruck. Finn wurde gegen Aubrey geworfen, der
sofort die Arme um sie legte, damit sie nicht stürzte. An seiner Schulter
vorbei, blickte sie auf die Medea. Ein Teil ihres Gestenges klatschte
ins Wasser. O’Hara hatte die Entscheidung vor ihnen getroffen und die
unheilige Verbindung kappen lassen. Männer mit Äxten hockten in den Wanten,
klammerten sich daran fest und kletterten behände zurück an Deck. Die
augenblickliche Gefahr war behoben.
Doch schon übernahm die unruhige See wieder die Führung. Die Brigg wurde von
der Fregatte weggedrückt, die Entfernung vergrößerte sich. »Gott stehe ihnen
bei«, flüsterte sie, barg ihr Gesicht an Jacks Schulter.
Der stellte sie wieder aufrecht hin. »Gehen Sie«, befahl er. »Gehen Sie
unter Deck!«
Finn nickte und machte sich auf den Weg. Der war durchaus beschwerlich. Sie
wurde immer wieder hin und her geworfen und kam dabei kaum einen Schritt
voran. Der Bug der Surprise hob sich aus dem Wasser. Alles, was
keinen festen Halt hatte, flog nach achtern. Finn klammerte sich am
nächstbesten fest, was sie finden konnte. Es war das Ruder. Zu ihrem
Entsetzten stellte sie fest, dass es unbemannt war. Ein kurzer Seitenblick
zeigte ihr, warum. Der Steuermann war so heftig rückwärts geschleudert
worden, dass er gegen den Mast geprallt war und nun bewegungslos auf den
Planken lag. Sie zögerte nicht eine Sekunde, griff in das Ruder und
versuchte, das Schiff auf Kurs zu halten. Welchen man auch immer in diesem
mörderischen Chaos anstreben konnte.
Sie spürte eine Bewegung hinter sich, zwei Arme legten sich um ihren Körper
und zwei Hände griffen nach den ihren, standen ihr bei, hielten das Ruder.
»Hatte ich nicht gesagt, Sie sollten unter Deck gehen?« tönte Jacks Stimme
an ihrem Ohr. Er trat näher an sie heran, keilte sie zwischen Steuerrad und
seinem Körper ein. »Sieht wohl so aus, als wären wir für die nächste Zeit
aneinander gefesselt.«
Finn wandte ihm leicht den Kopf zu und brüllte über ihre Schulter. »Ich
weiß, ich werde bereuen, dass jetzt gesagt zu haben, wenn alles vorbei ist,
aber es ist mir eine Ehre.« Merkwürdige Geräusche kamen vom Mann hinter ihr.
Erst nach einer Weile stellte sie fest, dass es Lachen war.
Ein Peitschen ertönte. Fast wie ein Schuss. Dann ein Knarren, Ächzen und
schließlich ein Knacken. »Die Bramstenge bricht. Die Bramstenge bricht!«
brüllte jemand laut. »Alle Mann in Deckung!«
Finn spürte, dass Jack sich hinter ihr versteifte. Er drückte sich noch
enger gegen sie, schirmte ihren Körper mit seinem mächtigeren ab. Etwas
prallte neben ihnen auf den Boden. Aubrey stolperte nach vorn, warf sie so
stark gegen das Ruder, dass ihr für einen Moment die Luft wegblieb. Dann
ließ die Last nach. Die Hände lösten sich vom Steuer. Jack kippte zur Seite,
rutschte auf die Planken.
Finn bekam es mit der Angst zu tun. Hilfesuchend sah sie sich um, erkannte
eine ihr vertraute Gestalt und brüllte: »Leutnant Vulcan. Hierher!«
Der Erste spurtete herbei, erkannte sofort den Ernst der Lage und ergriff
das Ruder. Dankbar konnte Finn sich davon lösen. »Ich kümmere mich um den
Captain.«
Sie kniete neben Jack nieder und drehte ihn auf den Rücken. An der rechten
Seite seines Kopfes war das blonde Haar mit Blut getränkt. Es tropfte daran
herunter und vermischte sich mit dem Wasser auf dem Boden. Ohne weiter zu
überlegen, packte sie ihn bei den Armbeugen und schleifte ihn auf die
Einstiegsluke zu. Zwei Matrosen kamen ihr zu Hilfe und wuchteten den
bewusstlosen Aubrey die Stufen hinunter, zerrten ihn nicht gerade sehr
liebevoll zu Stephens Lazarett.
Der wurde käseweiß, als er seinen Freund erblickte. Die Matrosen hievten
Jack auf den Tisch, dann rannten sie sofort wieder los, um sich ihren
Pflichten zu widmen.
Finn stand an der Tür, sah Maturin an. »Wird er überleben?« fragte sie
leise.
Stephen betastete Jacks Kopf. Der Knochen war heil. »Ich denke schon«,
erwiderte er matt.
»Gut«, sagte sie und rutschte am Türrahmen nach unten. Eine Hand fuhr an
ihre Seite unter die Jacke. Als sie sie wieder hervorzog, war sie blutig. |
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VIII
Als Jack wieder zu sich kam, registrierte er als
erstes, dass sein Schädel dröhnte, als wäre eine Horde Elefanten darüber
hinweg getrampelt, als zweites, dass er in einer Hängematte lag und als
drittes, dass Stephens lächelndes Gesicht über ihn gebeugt war.
»Schön, Sie wieder unter uns zu wissen«, sagte dieser freundlich, reichte
ihm einen Becher. »Sie haben sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Nicht
weiter tragisch. Trinken Sie das Gebräu.«
Jack gehorchte, verzog angewidert das Gesicht und reichte Maturin den Becher
zurück. Dabei erhaschte er einen Blick auf die Hängematte neben sich.
Leuchtend rotes Haar. »Was ist passiert? Ist sie...?«
Stephen schüttelte den Kopf. »Nein, nein, sie schläft. Bei dem Unterfangen,
Sie aus der Gefahrenzone zu bringen ist ein Teil ihrer Wunde wieder
aufgebrochen.«
»Was gibt es sonst für Verluste?« Jack richtete sich auf, ignorierte das
Pochen hinter seinen Schläfen.
»Nun ja, mehrere Männer mit Platzwunden, angeschlagenen Rippen,
Schürfwunden, Prellungen, ein gebrochenes Bein und ein paar ausgerenkte
Schultern. Im Großen und Ganzen hatte ich es mir schlimmer vorgestellt.«
»Und die Surprise?«
Fast als hätte er auf dieses Kommando gewartet, trat Leutnant Vulcan an
Jacks Krankenlager. Er salutierte und lächelte freundlich. »Schön, Sie
wohlauf zu sehen, Sir. Ich bin sehr erleichtert...« Jack winkte ab, Vulcan
hüstelte. »Nun ja, wir haben die Bramrah samt Bramsegel verloren. Ein Teil
davon landete an Deck...«
»Das ist mir schmerzlich bewusst«, meinte Jack und betastete seinen Kopf.
Vulcan sah verlegen auf seine Schuhspitzen, dann straffte er sich und fuhr
fort: »Der Rest landete im Wasser, Sir. Zum Glück ist uns die Marsstenge in
einigermaßen gutem Zustand erhalten geblieben, wenn auch angeknackst. Die
Zimmermannsleute sind schon bei der Arbeit. Das Marssegel hat einiges
abbekommen. Der Segelmeister hat ziemlich darüber geflucht. Ansonsten haben
wir die Squall ganz gut beieinander überstanden.«
»Und die Medea?« Vulcan senkte den Kopf. »Sie ist gesunken?«
»Oh, nein, nein, Sir.« Er wedelte aufgeregt mit der Hand. »Das meinte ich
nicht damit. Wir haben keine Sichtung von ihr, können also nicht genau
sagen, was mit ihr passiert ist. Der Sturm hat uns vom Kurs abgebracht. Wir
haben zwei Tage verloren, die wir an Fahrt wettgemacht hatten.«
Jack runzelte die Stirn. »Wir müssen die Medea suchen«, sagte er
dann.
»Ja, Sir, das ist mir bewusst. Aber wo, wenn wir nicht wissen, wohin sie der
Sturm abgetrieben hat? Soviel ich weiß, ist Captain O’Hara ein
qualifizierter Mann. Wenn wir auf Kurs nach Portsmouth gehen, wird er
sicherlich versuchen, zu uns zu stoßen.«
»Es sei denn, er hat so schwere Verluste, dass er es nicht kann«, entgegnete
Jack zerknirscht. »Da der Kurs der Medea mit dem unseren konform
ging, könnte es sein, dass er nur ein Stück weiter abgetrieben worden ist.
Wir kreuzen noch einen Tag hier – auf die Verspätung kommt es jetzt eh nicht
mehr an. Sollten dann immer noch keine Segel in Sicht sein, nehmen wir den
alten Kurs wieder auf.« Vulcan nickte, dann entfernte er sich.
»Stephen?« sagte Aubrey plötzlich, schielte mit einem Auge auf seinen
Freund.
»Was ist, Jack?« Der Doktor kam näher. »Hast du Schmerzen?«
»Nein. Mir geht’s gut. Ich hoffe, mit Miss Kincaid ist auch soweit alles in
Ordnung.«
»Da kann ich dich beruhigen. Sie ist zäh.« Stephen lächelte.
»Gut, denn ohne sie wäre die Surprise wer weiß wo gelandet. Bonden
lag ausgestreckt auf den Planken, als hätte ihn ein Hammerschlag getroffen,
da sprang sie an das Ruder und brachte uns wieder auf Kurs.« Maturin starrte
ihn an. »Ich dachte, du möchtest das vielleicht wissen.« Jack grinste. »Ich
würde mich hüten, es ihr bei Bewusstsein zu sagen, aber ich respektiere sie.
Sie versteht ihr Handwerk. Wäre sie ein Mann, stünde sie im gleichen Rang
mit mir.« Er kratzte sich am Kinn. »Weißt du, was komisch ist?«
»Nein?« Stephen schüttelte den Kopf.
»Dass es mir nichts ausmachen würde, wenn sie es auch als Frau täte.«
Stephen runzelte die Stirn. Hatte sich Jack doch heftiger den Kopf
angeschlagen, als er dachte? Diese Worte aus dem Mund seines Freundes
beängstigten ihn. Jack Aubrey hatte ihn Frauen nie etwas anderes gesehen,
als schönes Beiwerk, mit dem sich ein Mann schmückte und vergnügliche
Gespielinnen im Bett. Dass er Finn als gleichwertig ansah, konnte nur
bedeuten, dass er entweder wirr geworden war oder dass sie ihn wirklich so
tief beeindruckt hatte, dass seine Grundfesten zu schwanken begannen.
Stephen klopfte ihm wie bei einem Kleinkind auf die Schulter. »Ruh dich noch
ein wenig aus. Ich sehe nachher wieder nach dir.«
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Finn warf sich unruhig von einer Seite auf die
andere. Der Traum, der sie plagte, war abscheulich. Sie war allein an Bord
der Medea. Die See tobte um sie herum, drohte, die Brigg zu
zerquetschen. Der Rumpf brach. Direkt durch die Planken hindurch erhob sich
ein riesiges, schwarzes Ungeheuer aus den Fluten und riss sein Maul auf, um
sie und alles, was ihr heilig war, zu verschlingen. An seinen fauligen
Zähnen baumelte ein goldenes Medaillon. Hin und her schwang es, verhöhnte
sie.
Sie stöhnte auf und öffnete träge die Augen. Alles war verschwommen. Kalter
Schweiß klebte an ihrem Rücken. Eine Bewegung neben ihr. Aus den Schatten.
Finn hob die Hand, wollte abwehren, was immer da kam. Überrascht stellte sie
fest, dass kein Angriff erfolgte. Warme Finger umschlossen die ihren. Sie
entspannte sich, seufzte und schlief wieder ein, bekam nicht mit, wer da
neben ihr saß und ihre Hand hielt.
Jack betrachtete die Frau in der Hängematte vor sich. Ihre Haut fühlte sich
klamm an, Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. »Padeen«, flüsterte er dem
Loblolly zu. »Hol Dr. Maturin.«
Der grobschrötige Hüne entfernte sich. Es dauerte, dann kam Stephen heran,
einen besorgten Ausdruck im Gesicht. »Was ist?« fragte er.
»Ich glaube, es geht ihr nicht so gut«, erwiderte Jack.
Stephen betastete Finns Puls, legte ihr eine Hand auf die Stirn. »Fieber hat
sie nicht. Entschuldige bitte!« Er drängte Aubrey zur Seite, der
notgedrungen ihre Hand loslassen musste. »Hab die Güte und dreh dich um!«
befahl der Doktor. Als er sicher sein konnte, dass Jacks Augen woanders
ruhten, hob er vorsichtig Finns Hemd an und inspizierte die Wunde. Keine
Verfärbungen an den Rändern. Sie sah gut aus. Wenn das zerrissenes und
geflicktes Fleisch überhaupt tun konnte. Körperlich gab es keine Anzeichen,
die ihren Zustand erklären konnten. Nein, körperlich nicht.
Stephen deckte Finn wieder zu, wandte sich zu Jack. »Und?« fragte dieser.
»Die Wunde heilt. Das ist es nicht.« Maturin richtete sich auf, winkte
seinem Freund. Der folgte ihm in eine entlegene Ecke des Lazaretts.
»Bedenke, welche Qualen ihr Geist erdulden muss. Sie kennt den Mann, der
hier die Meere in Angst und Schrecken versetzt. Er war einmal ihr Freund.
Und nun muss sie mit ansehen, wie er alles verrät, was ihr wichtig ist. Die
Medea ist ihr Leben. Der Sturm hat sie wer weiß wohin abgetrieben,
wenn sie nicht gar gesunken ist. All das, was ihr Ansehen und Respekt
sichert, droht zu verwehen wie eine launische Brise. Ich meine, würdest du
jubeln, wenn du wüsstest, die Surprise ist dem Untergang geweiht und
dein Leben sinnlos?«
Jack sah Stephen lange an. »Die Brigg ist nicht gesunken. O’Hara würde den
Teufel tun und das zulassen«, knurrte er.
»Aber länger kannst du hier nicht kreuzen lassen. Wir geben eine zu gute
Zielscheibe ab. Als dein Freund bitte ich dich, lass wieder Fahrt aufnehmen.
Was Finn dazu sagen könnte...« Stephen kratzte sich am Kopf. »Nun, das
werden wir erfahren, wenn sie wach ist.«
Jack runzelte für einen Moment die Stirn. »Du hast recht«, meinte er dann.
»Es wird sowieso Zeit, dass ich wieder an Deck gehe.« Er tippte sich an den
Kopf, dessen rechte Seite wie ein gerupftes Huhn aussah. Um die Platzwunde
säubern und verarzten zu können, hatte Stephen ihm einen Teil seines Haares
abrasieren müssen. »Was den Brummschädel betrifft. Das ist nichts, was ich
nicht schon von einer durchzechten Nacht kennen würde.«
~~~
Ich bin vollkommen ratlos und verwirrt. Die
Situation, in der ich mich befinde, trägt nicht gerade zur Klärung meiner
Gedanken bei. Ich bin hin- und hergerissen zwischen meiner Loyalität J.A.
gegenüber und meinen Gefühlen, die ich für F.K. hege. So viele Jahre waren
wir getrennt, Freunde aus der Ferne. Wohlgemerkt, ich habe es immer
genossen, ihr Freund zu sein. Mehr konnte ich ihr nicht bieten und mehr hat
sie auch nicht gewollt.
Genauso genieße ich es, J.A. meinen Freund zu nennen. Doch jetzt ist es fast
so, als hätte man mich in die Vergangenheit versetzt. Obwohl das auch nicht
ganz richtig ist. Nur meine Gefühle wurden versetzt und ich weiß nicht, ob
ich ihnen trauen kann. So oft haben sie mich schon fehlgeleitet. Doch F.K.
verletzt zu sehen, brach mir fast das Herz. Wenn sie es wollte, würde ich
dann...? Hätte, wollte, würde... Worte, die mir das Genick brechen können.
Ich kann nicht von Dingen reden, über die ich mir nicht sicher bin. Doch es
zu wagen, mir Sicherheit zu verschaffen, davor graut mir noch mehr.
Stephen legte den Schreibkiel zur Seite und klappte
sein Tagebuch zu. Er fuhr sich müde über die Augen und war für einen kurzen
Moment versucht, seinen Kopf auf die Tischplatte zu legen, einzuschlafen, um
Ruhe vor seinen Gedanken zu finden.
Langsam stand er auf und ging zum Schrank. Er öffnete eine der Türen und
nahm die Flasche mit Laudanum heraus. 300 Tropfen sollten genügen. Das lag
weit unter seiner normalen Dosis. Es würde die Qualen nicht auslöschen, sie
aber zumindest für eine gewisse Zeit betäuben. Er füllte die Flüssigkeit in
ein Glas, vermischte sie mit Wasser aus dem Krug, den Killick wohl gebracht
haben musste. Langsam trank er, stellte das leere Glas wieder ab und lehnte
sich gegen die Wand.
~~~
Als Finn letztendlich erwachte, war es bis auf einen
spärlichen Schimmer von der Decke dunkel um sie herum. Sie fühlte sich noch
immer müde und erschlagen, obwohl der Traum nicht mehr wiedergekehrt war.
Vorsichtig rollte sie sich zur Seite. Die frisch genähte Wunde an ihrer
Hüfte pochte.
»Ah, Sie sind wach!« sagte ein Stimme neben ihr. Der Stimme folgte bald ein
Gesicht. Aubrey.
»Ihr Haar«, murmelte sie erschrocken, als sie seiner Verunstaltung gewahr
wurde.
»Stephen gibt einen schlechten Barbier ab, ich weiß.« Jack grinste. »Aber er
hatte keine andere Wahl, sagt er. Und ich war nicht Herr meiner Sinne, als
dass ich hätte protestieren können. Ein Trost, dass es wieder wächst.« Er
zog sich einen Hocker heran. »Wie geht es Ihnen?«
Finn wollte schon antworten: Wie soll es einem schon gehen, wenn man
versucht, einen 100 Kilo schweren Mann bei unruhigem Seegang allein über die
Planken eines Schiffes zu zerren? Aber dann schluckte sie die Erwiderung
herunter und meinte stattdessen: »Da ich noch atme, lebe ich noch. Also wohl
nicht so schlimm.«
Jack lachte. Es klang komisch hier unter all den verletzten und stöhnenden
Menschen. »Ihre Zunge ist noch so scharf wie am ersten Tag, als ich Sie
kennen lernte. Sie haben recht, es geht Ihnen hervorragend.«
»Was ist mit der Medea?« stellte sie die entscheidende Frage.
»Wir wissen es nicht. Der Sturm hat uns getrennt.«
»O’Hara wusste, worauf er sich einlässt. Machen Sie sich keinen Vorwurf,
Captain Aubrey. Ich tue es jedenfalls nicht. Sind wir wieder auf Kurs?«
»Ja, seit ein paar Stunden. Ich nehme an, Ihr Kapitän wird eins und eins
zusammenzählen und ebenfalls die alte Route einschlagen, um irgendwann auf
uns zu treffen.«
»Das ist, was ich tun würde. Und da er mir alles beigebracht hat, gehe ich
davon aus, dass er es auch tun wird. Es sei denn, die Medea hat zu
großen Schaden genommen.«
Jack wiegte den Kopf hin und her. »Das ist leider der Unsicherheitsfaktor
bei der Sache. Aber ich werde zuversichtlich sein. Fortuna wird uns doch
jetzt nicht im Stich lassen, nachdem wir ein Gefecht mit der Hieron
überstanden haben und glattweg durch eine Squall gesegelt sind, ohne unsere
komplette Takelage einzubüßen.«
Finn lächelte. »Trotz aller Widrigkeiten ein sonniges Gemüt. Stephen hatte
recht.«
»Das bedeutet, Sie haben sich in Ihrer Korrespondenz über mich unterhalten?«
Argwöhnisch ruckte sein Kopf ein Stück näher.
»Wenn Sie damit andeuten wollen, dass Dr. Maturin eventuell
Vertraulichkeiten ausgeplaudert haben könnte, kann ich Sie beruhigen. Das
hat er nicht.«
»Nein, das liegt nicht in seiner Natur. Er trägt so viel im Verborgenen mit
sich, dass ich mich manchmal wundere, wie er dabei noch aufrecht gehen
kann.«
»Stephen hat seine eigene Art, damit umzugehen, Captain Aubrey. Doch jetzt
lassen Sie uns das Thema wechseln.«
»Und worüber würden Sie gern reden? Bedenken Sie, ich bin kein Schöngeist
wie Dr. Maturin.«
»Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Ich weiß, dass Sie Geige
spielen. Man muss ein Empfinden dafür haben, ansonsten gelingt es einem
nicht, irgendwelche harmonischen Töne hervorzubringen. Ich beneide Sie, denn
ich bin vollkommen uninstrumental. Das einzige, was ich kann, ist Singen.
Und das auch mehr schlecht als recht.«
Jack lehnte sich zurück. »Sprechen Sie Gälisch?« fragte er unvermittelt.
»Ja, natürlich. Mein Vater brachte es mir bei.«
»Würden Sie mit mir in dieser Sprache reden? Einige meiner Männer sind Iren,
aber es ist in der Marine bei Strafe verboten, in einer anderen Sprache als
Englisch zu reden. Man könnte ja so Geheimnisse austauschen. Ich hingegen
sehe darüber hinweg. Ich weiß, wem ich trauen kann und wem nicht. Zumindest
was meine Mannschaft betrifft. Ich hätte Stephen ja gebeten, aber er sagt,
dass er so eingerostet ist, dass er mit Mühe noch Guten Tag oder
Guten Abend über die Lippen bringen kann.«
Finn richtete sich in ihrer Hängematte ein wenig auf. »Nun gut, Captain
Aubrey. Dann gebe ich Ihnen hiermit Ihre erste Lektion in Gälisch.«
~~~
Stephen hockte über einem Buch, als Jack die Kajüte
betrat. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, klemmte er die Daumen in
seinen Hosenbund und sagte freudestrahlend: »Feasgar math!
Ciamar a tha thu? Tha an t-acras orm.« Kaum waren
die letzten Worte heraus, drehte er sich um und schrie: »Killick!«
Stephen blinzelte verwirrt. Die Aussprache war holprig gewesen. Er war sich
nicht hundertprozentig sicher über die Bedeutung, glaubte aber doch erkannt
zu haben, dass Jack etwas in der Art von: »Guten Abend, alles in Ordnung?
Ich bin hungrig.« gesagt hatte. Immerhin würde das sein Brüllen nach dem
Steward erklären.
»Verrätst du mir, was das bedeutet?« Er legte das Buch zur Seite und lehnte
sich auf seinem Stuhl zurück.
Jacks Strahlen reichte ihm von einem Ohr bis zum anderen. »Miss Kincaid war
so freundlich, mir ein paar Wendungen beizubringen. Da du ja immer strikt
behauptest, Gälisch wäre deinem Ohr und Verstand abhanden gekommen, musste
ich die Gunst der Stunde nutzen. Sie ist eine sehr geduldige Lehrerin.«
»Ah ja.« Stephen nickte. »Gut, es erklärt das Wie aber nicht das
Warum.«
»Muss es denn ein Warum geben?« Jack sah auf. »Killick, da bist du
ja. Wo hast du nur gesteckt?« Er winkte ab, als der Steward antworten
wollte. »Ist auch egal. Das Wort Hunger sagt dir aber sicher etwas?«
»Ja, Sir.«
»Dann unternimm was gegen meinen.«
»Ja, Sir«, sprachs und entschwand aus der Kajüte Richtung Kombüse.
»Ich könnte einen Ochsen verdrücken. Sieh mich doch an.« Jack hob das Hemd
an seinem Bauch mit zwei Fingern an. »Bin schon ganz abgemagert.«
Stephen wollte dem energisch wiedersprechen. Gut, Jack hatte an Gewicht
verloren, aber aus medizinischer Sicht – die bei Maturin immer die Oberhand
gewann, wenn es um die Gesundheit seines Freundes ging – war er immer noch
viel zu gut beieinander. Doch bevor er etwas sagen konnte, wechselte Jack so
abrupt das Thema, dass Stephen eine Sekunde brauchte, um ihn zu begreifen.
»Hättest du Lust zu musizieren? Es ist schon einige Zeit her...« Jack nahm
seine Geige aus dem Kasten, strich zärtlich über den geschmeidigen Hals.
»Was meinst du?«
Stephen erhob sich, angesteckt von Jacks Heiterkeit. »Mit dem größten
Vergnügen, mein Lieber. Die Saiten meines Cellos zu greifen wird für meine
Finger eine willkommene Abwechslung sein, da sie sich in der letzten Zeit
nur mit Säubern, Nähen, Pulver zerstoßen etc. pp. befasst haben. Darf ich
dich vorher noch etwas fragen?«
»Nur immer heraus damit!«
»Meine Erziehung verbietet es mir eigentlich, dir diese Frage zu stellen,
aber meine Freundschaft zu dir zwingt mich dazu. Und du hast kein Recht,
wegen meiner missgewählten Worte aus der Haut fahren zu wollen. Obwohl, wenn
ich es recht bedenke, besitze ich ebenfalls nicht das Recht, dich tadeln zu
wollen, solltest du es dennoch tun.«
»Stephen, mein Kopf ist immer noch etwas leckgeschlagen. Würdest du bitte
die Güte besitzen und auf den Punkt kommen?«
Maturin räusperte sich. »Welche Absichten hast du bei Miss Kincaid?«
Jack ließ langsam die Geige sinken. »Absichten?« Dann dämmerte es ihm. »Ach,
ABSICHTEN!« Er kratzte sich am Kinn. »Welche Antwort wäre dir genehm?«
»Die Wahrheit?«
»Miss Kincaid ist eine außergewöhnliche Frau. Aber sie ist vor allem eine
gute Freundin von dir...«
Stephen zog das Cello zu sich heran. »Was ein Grund ist, aber kein
Hindernis. Früher warst du nicht so rücksichtsvoll. Wie du dich wohl
erinnerst.«
»Früher war früher«, schnappte Jack. »Jetzt ist jetzt. Außerdem ist Miss
Kincaid keine Prise, die man im Sturm erobert. Es gehören zwei dazu, die
sich einvernehmlich... Nun ja, ich habe noch nie einer Frau Gewalt angetan
und gedenke nicht, jetzt damit anzufangen. Ich bin mir nämlich ziemlich
sicher, dass ich in dieser Beziehung nicht unbedingt auf Wohlwollen von ihr
stoßen würde. Ich habe Augen im Kopf, mein lieber Stephen. Und die hat sie
auch. Ich bin nicht das Zentrum ihres Interesses.«
Darauf erwiderte Maturin nichts weiter und fing an, die Saiten zu zupfen.
Nicht wenig später erschallte Boccherini aus der Kapitänskajüte. Zuerst
verhalten, mit mehreren Pausen, da beide Instrumente nach langem
Nichtgebrauch und Kontakt mit Meeresluft erst wieder gestimmt werden
mussten. Dann sicherer, voller, gleichmäßig. Cello und Geige in trauter
Zweisamkeit vereint.
Killick arbeitete sich mit einem großen Holzlöffel durch das Stew, das so
langsam aber sicher zu Matsch verkochte, verdrehte genervt die Augen.
»Kratz, kratz. Quietsch, quietsch«, murmelte er vor sich hin. »Erst schreit
er nach Essen, dann zwingt er mich, es anbrennen zu lassen. Ach, hol ihn
doch der Teufel!«
~~~
Finn hatte etwas vom Stew zu sich genommen, das
Killick ihr gebracht hatte. Mit verschwörerischem Lächeln hatte er ihr dazu
ein extra großes Stück noch warmem, duftenden Brotes gereicht. Dankbar hatte
sie es angenommen. Offenbar schien Aubreys Steward sie zu mögen. Warum,
konnte sie nicht sagen. Immerhin war sie doch diejenige gewesen, die die
Schrotkugel im Steak gefunden und ihn und seine Kochkünste dadurch beschämt
hatte. Aber anscheinend war der brummige Kerl nicht nachtragend.
Nachdem sie den Rest Brot in die Soße getunkt und verspeist hatte, fühlte
sich wesentlich besser. Sie stellte die Schale auf den Seekiste neben sich,
die als Tisch diente.
Stephen hatte vor dem Essen kurz nach ihr gesehen, sie davor gewarnt, Jack
noch mehr Gälisch beibringen zu wollen. War er etwa eifersüchtig, weil
Aubrey sich dabei nicht anstellte wie Schaf und sie ihm durchaus Lob
aussprechen musste?
Der Captain hatte eine gute Auffassungsgabe. Sein Geist war mindestens
genauso wach wie der von Stephen. Nur die Gebiete, auf die sich diese
Schnelligkeit erstreckte, waren vollkommen andere als beim guten Doktor.
Stephen konnte Ewigkeiten voller Begeisterung über das Paarungsverfahren
einer Gottesanbeterin sinnieren, während Jack sich dabei nur zu einem
Kommentar wie: »Wie gut, dass wir Menschen sind« hinreißen ließ, um dann
seine Aufmerksamkeit auf einen schlecht eingeschlagenen Nagel an der
Kabinenwand zu lenken und zu überlegen, ob er ihn herausziehen und
ordentlich wieder einsetzen lassen sollte.
Finn griff nach dem Becher mit Wasser, der neben ihrer Hängematte auf der
Seekiste stand. Sie konnte in der Ecke Stephens wirren Haarschopf erkennen.
Er beugte sich über einen Verletzten, tastete, drückte, runzelte die Stirn.
Das gebrochene Bein machte ihm Sorgen. Zwar gut geschient, wollte und wollte
es nicht richtig heilen.
Der Matrose schaute mit weitaufgerissenen Augen zu ihm auf. Immerhin ging es
hier um das Behalten oder Verlieren eines Körperteils. Er verfolgte jede
Regung in Dr. Maturins Gesicht. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte der
plötzlich. »Ich las neuerlich von einer Salbe, die große Wirkung bei Brüchen
zeigt. Ich werde sie zubereiten. Allerdings, mein guter Mann, sollten Sie
sich vielleicht innerlich darauf vorbereiten, Ihr Bein zu verlieren.«
Der Matrose wurde aschfahl, Stephen klopfte ihm zuversichtlich auf die
Schulter und raunte Padeen etwas zu. Der Loblolly verschwand und kam mit
einer Flasche wieder, aus der Maturin Tropfen in einen Becher gab.
Gutes, altes Laudanum. Retter in der Not.
Ein Hüsteln ließ Finn ihre Aufmerksamkeit verlagern. Blakeney stand neben
ihr. »Ma’am«, grüßte er freundlich. »Ich wollte Sie eigentlich schon früher
besuchen, aber Dr. Maturin meinte, Sie würden schlafen. Ich bin froh, Sie
wohlauf zu sehen.«
»Das bin ich mindestens genauso, Mr. Blakeney«, erwiderte sie liebenswürdig.
»Haben Sie dienstfrei?«
»Ja, Ma’am. Ich bin erst zur Mittelwache wieder dran.«
»Gut, dann setzen Sie sich zu mir.« Der junge Fähnrich gehorchte. »Ich
hoffe, Sie haben die Squall gut überstanden.«
Er nickte. »Ich war unter Deck, durfte nicht nach oben. Also habe ich Dr.
Maturin geholfen.«
»Das ist mir gar nicht aufgefallen«, meinte Finn ehrlich.
»Nun ja, nachdem Ihre Wunde wieder aufgebrochen war, wurden Sie ohnmächtig.«
Er schaute verlegen zur Seite.
»Ja, und wieder einmal verdanke ich es dem guten Doktor, dass bei mir noch
alles da ist, wo es hin muss.«
»Wenn er einen Weg gefunden hätte, meinen Arm zu retten, hätte er es getan«,
entgegnete Blakeney ernst. »Ich habe mich dran gewöhnt. Doch manchmal ist es
komisch. Da erscheint es mir fast, als könnte ich meine Finger noch fühlen,
obwohl sie gar nicht mehr da sind.«
»So etwas nennt man Phantomschmerz, Mr. Blakeney«, sagte Stephen plötzlich,
der zu ihnen getreten war. »Mit der Zeit wird es schwächer.« Er legte ihm
eine Hand auf die Schulter. »Freut mich, dass Sie Miss Kincaid Gesellschaft
leisten. Ich habe zuviel zu tun, um länger als ein paar Minuten bei ihr zu
bleiben.«
»Wird er das Bein verlieren?« Finn deutete auf den Verletzten.
»Das kann ich noch nicht sagen. Aber gut sieht es nicht aus. Jetzt muss ich
mich leider empfehlen.« Er lächelte die beiden an und ging zum nächsten
Patienten über.
»Wenn ich gewusst hätte, was Sie bevorzugen, hätte ich Ihnen etwas zu Lesen
mitgebracht.«
»Tja, meine Bücher sind in meiner Seekiste auf der Medea. Aber das
ist nicht weiter schlimm.«
»Sie denken, die Brigg ist unversehrt durch den Sturm gekommen?«
»Ja, Mr. Blakeney. Etwas anderes erlaube ich mir
nicht anzunehmen. Captain O’Hara ist ein erfahrener Seemann.« Finn rutschte
in der Hängematte herum, versuchte eine bequemere Position zu finden.
Blakeney war zuvorkommend höflich und rückte ihr das Kissen zurecht. Stephen
hatte ihr sein eigenes gebracht. Ein wenig Luxus schadete nicht bei der
Genesung.
»Als ich so schwer danieder lag, wegen meines Armes, war Captain Aubrey so
freundlich, mir ein Buch zu bringen. Aber ich wusste nicht, ob die
Geschichte von Admiral Nelson das Richtige für eine Dame ist.«
»Oh, ich kenne das Buch, habe es mehr als einmal gelesen«, versicherte Finn
mit einem Lächeln. »Aber ich lese auch andere Sachen. Captain O’Hara
beschwert sich immer, dass die Medea durch die Überlast an Büchern
noch sinken wird.« Sie legte den Kopf zurück und begann zu rezitieren.
Let me not to the marriage of true
minds
Admit impediments. Love is not love
Which alters when it alteration finds,
Or bends with the remover to remove:
O no! It is an ever-fixed mark
That looks on tempests and is never shaken;
It is the star to every wandering bark,
Whose worth’s unknown, although his height be taken.
Love’s not Time’s fool, though
rosy lips and cheeks
Within his bending sickle’s compass come;
Love alters not with his brief hours and weeks,
But bears it out even to the edge of doom.
If this be error and upon me
proved,
I never writ, nor no man ever loved.
Aufmerksam hatte Blakeney zugehört. Er sagte erst
einmal gar nichts, ließ die Worte auf sich wirken. »Ich verstehe nicht viel
von Poesie«, meinte er dann.
»Dass Sie es als solche erkennen, bedeutet schon viel«, erwiderte Finn.
»Von wem war das?«
»Vom Meister der Meister. William Shakespeare. Wenn es Sie interessiert –
natürlich werde ich dafür sorgen, dass niemand außer uns beiden Kenntnis
davon erlangt – dann werde ich Ihnen das Buch geben, wenn ich wieder auf der
Medea bin. Erinnern Sie mich daran, damit ich es nicht vergesse.«
»Ja, Ma’am, das werde ich. Darf ich mir eine Frechheit erlauben?« Er
scharrte mit den Füßen. »Es ist so anders, seit Sie hier sind. Ich möchte
nicht vermessen erscheinen, wenn ich sage, dass ich Ihnen zugetan bin. Sie
erinnern mich...«
»An Ihre Mutter?« Finn lehnte sich zu ihm.
Blakeney schüttelte den Kopf. »Nein. Was nicht heißt, dass ich meine Mutter
nicht ehre. Aber Sie erinnern mich an Augusta. Sie war meine Kinderfrau.«
»Fehlt sie Ihnen?«
»Manchmal.« Abrupt stand er auf. »Ich denke, ich gehe jetzt lieber.«
»Mr. Blakeney«, rief Finn ihm nach. Er blieb stehen, wandte sich zu ihr um.
»Niemand wird davon erfahren. Mein Ehrenwort!« Er lächelte sie an und
trottete von dannen.
»Was war los?« Stephen wischte sich die Hände an einem Lappen ab, nahm sich
diesmal die Zeit, sich zu ihr zu setzen.
»Nichts«, erwiderte sie. Er zog die Brauen hoch. »Ich gab mein Versprechen«,
erklärte sie.
»Gut, gut.« Stephen gewahrte den Teller. »Du hast gegessen. Das freut mich!«
»Ja, Stew und warmes Brot. Killick war so freundlich.« Sie streckte eine
Hand aus und griff seinen Arm. »Darf ich dir eine Pflicht auferlegen?«
»Welche?«
»Erinnere mich daran, dass ich Mr. Blakeney ein Buch gebe, wenn ich wieder
auf der Medea bin.«
»Welches Buch es ist, sagst du mir nicht?«
»Nein.« Finn grinste ihn an.
»Du denkst, dass wir die Brigg finden werden?«
»Entweder das oder sie findet uns. Ich glaube an ein gutes Ende. Ja.«
»Bei allem?« fragte Stephen ernst.
Finn sah ihm direkt in die Augen. »Bei allem.« Sie blickte sich um,
versuchte eventuelle Lauscher auszumachen. Als sie sich sicher war, dass
ihnen niemand zuhörte, sprach sie weiter. »Ich wusste nicht, dass ich dich
vermisst habe in all den Jahren. Erst als ich dich wiedertraf, erkannte ich,
dass mir etwas gefehlt hatte. Ein Teil meines Selbst. Es erscheint mir
natürlich, dass du um mich bist. Ich muss nicht stark sein, muss nicht
ständig darum kämpfen, etwas zu sein, das ich nicht bin. Das macht mir
Angst, Stephen, denn ich glaubte, es wäre Vergangenheit. Eine Vergangenheit,
an die man nicht rühren sollte.«
Maturin schluckte. Auch er hatte sich vor der Gewissheit gefürchtet.
»Bittest du mich gerade, mit dir zu kommen?«
»Ich würde mich nie erdreisten, das von dir zu verlangen. Aber ich würde es
genießen. Doch weiß ich, dass sich unsere Wege wieder trennen werden, wenn
wir Portsmouth erreichen. Einen Aubrey kann ich nicht ausstechen.« |