V.
Mit einer sichtlich geschmeichelten
Miene stand er vor dem M&C Plakat.
In meinem Schlafzimmer.
„Did I allow
you to go here?“ fuhr ich ihn an. Er
nervte mich schon den ganzen Nachmittag zu Tode. Seit unserem Gespräch
inspizierte er die Wohnung.
Kein Zimmer entging seiner Neugier. Er stöberte in meiner Kosmetik, meinem
Hausrat, hatte bereits begonnen den Fernseher und den Monitor des PC zu
untersuchen. Was es mit den Wasserhähnen und der Klospülung auf sich hatte,
hatte er ja bereits am Morgen auskundschaftet.
Er war wie ein Kind, welches Verwandte bei einem gelassen haben und das nun
das neue Terrain in Besitz nimmt. Und auf keine Anweisung hört.
Ein Albtraum. Wie jedes Mal, wenn ich ihn tadelte, setzte er eine halb
schuldbewusste, halb schmollende Miene auf.
Wir hatten uns auf Waffenstillstand geeinigt, die Situation zu analysieren
und bis wir zu einem Ergebnis gekommen wären, gegenseitige Rücksicht zu
üben.
Bloß hielt er sich nicht dran.
„Does everybody on your ship
enter your room without asking?” wollte ich vorwurfsvoll wissen.
Er verstand sofort, worauf ich hinauswollte,
setzte sein entwaffnendes Lächeln dagegen. Noch funktionierte es.
„Mr. Aubrey, please.
This is my space. You hurt it. Let me breathe.”versuchte
ich es auf die sanfte Tour. Ich musste ihn beschäftigen.
Ablenken.
„Do you know the book
the film bases on?” fragte ich ihn.
Er sah mich erfreut an.
“There is a book, about
me?”
Erwartungsvoll und fraglos
geschmeichelt folgte er mir zum Bücherregal
am PC.
„Not just you,” nahm ich ihm den Wind aus den Segeln.
”And there are lots of
novels about your adventures with Stephen and the crew.”
Ich zog zielsicher Band 10 heraus. The far side of the world.
Zu Deutsch: Manöver um Feuerland.
Das Making of Buch sparte ich für später auf.
“Enjoy!” meinte ich auffordernd und reichte ihm das Paperback im englischen
Original. Hoffentlich würde ihn das Buch einen Weile beschäftigen.
Er sah mich forschend an, nahm den Roman entgegen.
„They can’t make books in your century.” meinte er abfällig und knautschte
den Band zusammen. „ He!“ protestierte ich.
„Respect other peoples
property!
If you don’t like this edition,
go buy a hardcover.”
fuhr ich ihn an.
Er runzelte die Stirn, fragte sich
sicher was ein ‚Hardcover’ sein mag, schwieg aber. Verlegen sah er zur
Seite, sein Blick blieb plötzlich am Filmplakat an der Wand hängen.
‚Gladiator’. Der mit Schwert und Schild bewaffnete, kniende Spanier in der
Arena. Darüber der Schriftzug:
Russell Crowe
GLADIATOR
Er sah mich verwirrt an, dann musterte er
erneut das Plakat, ging kurz ins Schlafzimmer, wo er offensichtlich wieder
das M&C Poster studierte, dann kam er zurück.
Sein Blick wanderte im Zimmer umher und blieb am Plakat für ‚A Beautiful
Mind’ hängen, dass Connelly und Crowe zeigt.
Die Rädchen in seinem Schädel ratterten fast hörbar. Er brauchte grade mal
fünf Sekunden des Pudels Kern zu finden.
„It’s about him.“ murmelte er mit einer gewissen Fassungslosigkeit.
In der Tat. Der Dreh- und Angelpunkt des ganzen war Crowe.
Nicht Aubrey.
Sein Blick veränderte sich, er wurde unsicher.
‚Eighteen times, even
nineteen, this must be love.’ hatte er großspurig verkündet.
Jetzt wurde ihm bewusst, dass ich NICHT
WIRKLICH ihn gemeint hatte. Man konnte verrückt werden, wenn man länger
darüber nachdachte.
Crowe hat Jack personifiziert und ihm damit den Rahmen verliehen, die Figur
hatte seine Physis war aber psychisch der Aubrey, wie ihn das Drehbuch
vorsah. Der Mann, der mich so ratlos ansah wie ich ihn, war weder eine
Romanfigur noch der, der ihn verkörpert hatte. Er war irgendwo dazwischen.
Das würde ihm vollends klar werden, wenn er das Buch las.
„You have to return into
the movie as soon as possible. This
won’t work.” erklärte ich impulsiv, sah ihn eindringlich an. Er schwieg,
wirkte sehr verdattert. Ich vermutete, dass sein Universum zu wanken
begonnen hatte.
Das draufgängerische in seiner Mimik und Körpersprache verschwand.
Es gab mehr als Aubrey und die Surprise und ihre Abenteuer für die Person,
die ihn dazu gebracht hatte nach Tausenden von Vorstellungen den Film zu
verlassen. Er schien langsam zu erfassen, worauf er sich eingelassen hatte.
Dies war kein Landausflug zu einer Lady, die einem schöne Augen gemacht hat,
von der man nach einem Techtelmechtel zurück an Bord kommt und alles seinen
gewohnten Lauf nimmt. Ich war sein Fixpunkt in dieser fremden Welt.
Und entpuppte mich als ein Problem, statt ihm dankbar und entzückt zu Füßen
zu sinken, wie er es aufgrund meines Verhaltens im Kino gehofft hatte.
Er wandte sich wieder dem ‚G’ Plakat zu.
„This is another film, yes?” wagte er zu fragen. Ich nickte.
“As good as …” er sah mich ängstlich an.
Ich nickte.
”Different, but great as well. So is the other one. Master and Commander
received 10 nominations regarding the most popular movie award, others as
well.”
Er sah mich verständnislos an,
wusste nicht was ich meinte.
“The awards will be given in .. just a bit less than three weeks..”
Wir hatten Anfang Februar, die Oscars
wurden am 29. verliehen.
Oh, Nein.
Die Oscars. Die Globes waren zum Glück schon
rum und die meisten anderen Preise auch. Sie konnten keine Ausschnitte
zeigen ohne Aubrey.
Oder sie mussten die Szenen wählen, in denen er nicht dabei ist. Aber wie
würde das denn aussehen... wie ein Boykott. Crowe war nicht nominiert
worden, also würden falsche Schlüsse gezogen werden...
Was für ein Chaos...
“And HE plays this guy on the
picture, as he played me ?”
„Sure. So you don’t ‘know’ him?” Irgendwie hatte
ich geglaubt, er hätte Ahnung von Crowe, wie Crowe ihn studiert hatte, um
ihn gut darzustellen.
Aber dem war nicht so. Woher auch? Er sah mich verwirrt an.
„No.“ meinte er schließlich leise.
„Helga?“ „ Hmm?“
„Is there a chance for me to see HIM like you saw me?
In this film?”
Er deutete auf das Plakat.
„Sure. Tonight we’ll
watch this movie. I love it.“
versicherte ich ihm.
Er warf mir einen Blick zu, den man nur als Eifersucht deuten konnte.
„Can you stay with the novel
till I have managed my business and prepared
a meal?”
Das Wort ’meal’ übte einen
Pawlowschen Reiz auf ihn aus.
Er begann eifrig zu nicken, verzog sich auf das Sofa im Erdgeschoß und las.
Ich stellte ihm eine Kanne frischen Kaffee, ein Gedeck und eine Schale Kekse
hin. “Thank you, dear.“ meinte er leise und fast schüchtern, strich sich die
ewig lose Strähne aus dem Gesicht. Ein unsteter, meerfarbener Blick streifte
meinen. Ich hörte lange keinen Ton von ihm, außer dem mahlenden Geräusch,
wenn er einen Keks knabberte und einem dezenten Schlürfen. Nur ab und zu
stieß er ein Schnauben aus oder murmelte erbost vor sich hin.
Er hatte seine Stiefel ausgezogen und lag langgestreckt da, die Beine
übereinandergelegt, einen Arm im Nacken, in der anderen Hand das Buch.
Ich wurschtelte in der Küche, beobachtete ihn verstohlen durch den
Bambusvorhang.
Nebenbei betete ich mir ein Mantra vor.
„Er ist nicht Crowe, er ist nicht Crowe, er ist nicht Crowe...“
Ich bin jetzt mal völlig ehrlich.
Die Versuchung ihn anzuspringen war durchaus da.
Der Kerl war meinetwegen aus seinem Film gehopst und musste jetzt
feststellen, dass er Konkurrenz hatte, der er schwerlich gewachsen war.
Sein Schwenk von ’unwiderstehlicher Kapitän’ zu der demütigenden Erkenntnis,
dass nicht er das Zentrum meines Interesses war, machte ihn mir sehr viel
sympathischer. Und er sah nun mal aus wie Crowe als Aubrey ausgesehen hatte.
Wie schon erwähnt bin ich astrologisch ein
Krebs der 2. Dekade, somit eines der vier Kardinalzeichen, zu denen auch
mein Aszendent Widder gehört.
Wenn man mir dominant oder gar belehrend und herablassend kommt, trete ich
den Krebsgang an. Rückzug. Aber dann zwicke ich.
Waidwunde Helden haben schon gewonnen, bevor sie es versuchen.
Zeig Schwäche oder Gefühl bei mir und ich bin verloren.
Denen lasse ich mein ganzes Mitgefühl und Zuwendung zuteil werden.
Vorausgesetzt die Basis stimmt und ‚man’ hat es verdient.
Aus meiner Sicht. Insofern hatte Jack mächtig Punkte gesammelt seit er das
Haus wieder betreten hatte und dahinter gekommen war, was mich hauptsächlich
zu den 18 Kinobesuchen bewegt hatte. Es waren kaum 24h vergangen und mein
Verhältnis zu ihm hatte sich bereits erstaunlich verändert.
Ich war emotional viel zu vorbelastet für diese Situation. Hier war kühler
Kopf und Sachlichkeit gefragt. Etwas, dass mir weder sehr liegt, noch zum
Thema passte. ’Sei vorsichtig, mach bloß kein Quatsch.’ warnte ich mich
selbst.
Ich bin keine gute Hausfrau, koche
pragmatisch.
Einen Seemann aus dem vorletzten Jh. zu bekochen war kein Hexenwerk, dank
der erwähnten Hilfsmittel aus dem Hause Maggi-Knorr.
Er las, ich kochte. Klassische Rollenverteilung. Oder war das nicht ..er
jagte.. oder kämpfte... nun... er kämpfte tatsächlich.
Mit dem Buch. Ich ignorierte, dass er es mehrmals grummelnd auf den
Couchtisch knallte, dann doch wieder aufnahm und weiter las.
Während ich den Lachs und das Gemüse zubereitete, reimte ich mir den Grund
für seinen Unwillen zusammen.
Er hatte mitbekommen, dass sein Romanvorbild in manchem anders war als er.
Und es gefiel ihm NICHT.
Meine Spannung stieg. Mir war diese Diskrepanz bald aufgefallen.
Die Szene mit ‚ the dusky Brazilian maiden’ , wie Crowe sie genannt hatte.
Die Surprise liegt vor einem Hafen in Brasilien und Händler, Eingeborene und
Dirnen wollen Geschäfte machen. Man stockt die Vorräte auf.
Er wirft einer ihn mit den Augen animierenden Schönen nur einen wehmütig
entsagenden Blick zu, strafft sich sofort tugendhaft und wendet sich den
Pflichten zu.
Crowe hatte einen passenden Witz darüber gemacht.
„Aber Peter, ich bin der Captain, ich weiß wie viel Zeit ich habe.“
Weir lehnte ab. Aubrey würde das nicht tun. Crowe hatte instinktiv
erfasst, dass dies nicht der Aubrey aus den Romanen war, die er kannte.
Der Jack, den O’Brian geschaffen hatte, war meist ein rechter Schürzenjäger
und Lustmolch, ein unverbesserlicher Fremdgänger und Macho, wie er im Buche
steht. In O’ Brian’s Büchern, um genau zu sein.
Dieser Jack hätte die ‚Dame’ an Bord holen lassen und sich mit ihr amüsiert,
bis es Zeit gewesen wäre wieder in See zu stechen.
Außerdem wimmelte es im Buch von Frauen an Bord, im Gegensatz zum Film.
Eine totale Überraschung für mich war sein mangelndes Bewusstsein dafür, was
er war. Ja, was war er denn? Darüber nachzudenken war sinnlos. Es war ein
unerklärliches Phänomen. Vielleicht würde man in hundert Jahren erklären
können welche Dynamik eine fiktive Figur auf einer Filmrolle zu einem Wesen
aus Fleisch und Blut verwandeln kann. Es musste etwas damit zu tun haben,
dass sowohl ich als er daran gedacht hatten. Eine Art mentales Klonen.
Für mich sind viele Figuren, die Crowe verkörpert hat irgendwie lebendig.
Ich weiß, dass es Rollen sind, aber auf ihre Art leben sie. Sein Wunsch
mich kennen zu lernen, entsprang meiner unerschöpflichen Begeisterung ihn in
dieser Rolle zu sehen. Er hatte die ganze Energie der Rolle mitgenommen,
deshalb war kein Aubrey mehr im Film. Ich schüttelte den Kopf, während ich
mir das Hirn marterte. Die Hand auf meiner Schulter ließ mich
zusammenzucken.
Jack prallte zurück,
stammelte:
“Oh, excuse me , I didn’t want
to...“
Ich lachte unecht.
„Don’t mind, you just gave me a
start.” Er rollte schuldbewusst mit
den Augen. “Did you like
the book so far?”
Seine Züge wurden etwas finsterer. “To be
honest, not that much.
This book has not much in
common with the actual events.“ brummte er.
Für ihn war der Film die ‘echte’ Story, obwohl es natürlich andersherum war.
„And the way he describes me… well. It’s all wrong. I am not that tall and
not that big. And what a skirtchaser he made of me, though I am married.
It’s annoying.”
schnaubte er.
Ich holte Luft, um ihm zu erklären, dass erst das Buch und dann der Film...
Ach, was sollte es... der Arme hatte heute so viele Tiefschläge einstecken
müssen.
Das konnte ich ihm immer noch darlegen.
„Are you hungry?“ begann ich das Ablenkungsmanöver. Er nickte.
„It’s almost ready.
Would you be so kind to bring the cup and the coffeepot and stuff to clear
the table for the plates?”
Einen Moment sah er mich
verblüfft an, dann erinnerte er sich wohl, wer hier der Kapitän und wer der
Gast war.
Ich warf ihm das erste Lächeln des
Tages zu, drückte ihm Teller und Besteck in die Hand.
„I hope you like Salmon.
With rice, cream sauce and
vegetable. Some ice cream afterwards. There is a bottle of white wine in the
fridge, the board that keeps things cold and fresh, you remember. Would you
open it?”
Ich deutete auf den Korkenzieher, der
am Deckenregal hing. Er folgte meinen Anweisungen ohne zu murren. Sein
Gesicht bekam einen ungläubigen, verzückten Ausdruck, als ich die Eiscreme
erwähnte.
„I love ice cream, it is
hard to get and expensive as well… where do you have…”
ich unterbrach ihn.
“Not in my century. No
decent books, but decent ice cream.”
frotzelte
ich.
”Lots of flavours. I have
vanilla and chocolate.”
“I like both.” versicherte er mir
begeistert.
„You wanted to see the
film. I suggest we have our meal and start the film with the dessert.”
Er warf einen neugierigen Blick auf
den Fernseher.
„This machine will show it?“ folgerte er richtig. Ich nickte, stellte die
Form mit dem Lachsgratin, den Reis und das Gemüse auf den Couchtisch.
„Where does it come from?” wollte er natürlich wissen.
Ich seufzte. Technische Erklärungen waren das letzte worüber ich mich mit
ihm unterhalten wollte, aber ein Einstieg.
„I’ll try and explain
while we eat. “ vertröstete ich ihn,
holte Gläser und schenkte ihm Wein ein. Er setzte sich mir gegenüber und
fragte mir ein Loch in den Bauch, lauschte aufmerksam meinen Erklärungen,
während er mit demselben Appetit wie gestern dem Essen zusprach.
„Hmm“ lobte er. „Tasty.
And how do the pictures get on that.. how did you call it… disk?”
Er bekam bald mit, dass mein Wissen über
diese Wunderdinge sehr begrenzt war.“
And this other machine
upstairs, you also see films on it?“
„No, this is a machine to get and exchange information all over the world.”
“The development is amazing. Don’t tell me you can fly to the moon.”
witzelte er. Ich sah ihn nur an und
machte eine entschuldigende Grimasse.
Ihm fiel die Gabel samt Lachs in den Teller, bespritzte die Rüsche am
Halsausschnitt seines Hemdes mit Sauce.
„You do???“
„We fly all over the world and some special people even fly into space for
science.” Er starrte mich fassungslos
an. „Did you fly?”
“Yes, in your time people traveled by ships. We fly with huge machines or
drive in our cars. The machine that brought you here.”
Er schluckte und griff wieder nach seinem
Besteck. Auf einem Mundvoll Lachs kauend, fragte er:
“Where did you fly?“
„The states, I mean North America. Greece. London. North Africa. Turkey.”
“London?? What have you done there?
Business?” Ich musste lachen.
„No. I was there to be
audience when your film was shown the first time in Europe. We call it
Premiere. It’s a big event. Like a ball, or a soiree.”
“Was HE there?” meinte er
argwöhnisch, warf einen symbolischen Blick nach oben, wo die Filmplakate
hingen. Ich nickte.
„Yes, it was a special
thing, he and the other actors were introduced to the Prince of Wales.”
Er war sichtlich beeindruckt.
„He is an important man, it
seems. Did you meet him?” Ich lachte
spontan. „Jack, well, he
is a very famous person and I am just a regular woman, without any
connection to the film or him. But I had the chance to see him several times
these two days. It must look odd for you. In your time theatre actors where
social underdogs and women had a doubtful image.
These days popular
actors earn very much money and people are nuts for films, theatre, music
and famous artists.”
erklärte ich. Er grinste.
„Like you.“ Es klang ein wenig
hämisch.
Es ärgerte ihn offensichtlich, dass der Mann, der ihn gespielt hatte, mehr
Einfluss auf mich hatte als er. Er war ein Offizier der königlich englischen
Marine und der Typ war einer, der sein Geld damit verdiente andre Leute
nachzumachen. “I hardly was nuts for anybody before I saw the movie you
will see afterwards.
Just watch it and tell me what you think.”
bat ich ihn.
“What do you see in him?” wollte er grimmig wissen. Ich runzelte die Stirn.
„Let us watch the film.
Maybe you’ll know then.”
Ich zeigte ihm, wie man das Gerät
anschaltet, die DVD einlegt, die er fasziniert in die Luft hielt.
„Nothing to see on it” meinte
er erstaunt.
“It doesn’t work that way. Look.” Ich
nahm sie ihm ab, legte sie ein.
Er machte einen Satz zurück, als das Bild erschien. Dann trat er ganz nahe
heran und berührte den Bildschirm.
„Thousands of tiny points that
create the picture.” stellte er
fest. “Yes, that’s the
base. And thousands of images to create movement. Sit, please. I’ll bring
you some ice cream.” Der Vorspann
begann. Jack saß mit offenem Mund da und starrte in die Glotze.
Er nahm sprachlos die Schale mit Eis entgegen und begann zu löffeln.
Ein anerkennendes Brummen. Seine Augen klebten förmlich am Monitor.
Ich wählte die englische Version und der Film begann.
Ich ahnte, was auf mich zukam, als Jack den ersten Kommentar abgab.
Maximus stand auf dem Schlachtfeld und sah dem Vögelchen nach.
Aubrey stellte lautstark die Schale hin, holte tief Luft.
„Helga, that is HIM??”
platzte es aus ihm heraus.
Ich nickte. Da begann er zu kichern.
„You must be kidding.
This guy hasn’t played me, never in life.
He looks like a jerk.”
Ich schmunzelte vor mich hin.
Das hörte ich nicht zum ersten Mal.
„You know what, Captain
Aubrey?” Er sah mich erwartungsvoll
an, glaubte wohl ich würde es bestätigen, dass all dies ein Scherz war.
„He looks like you.
Cause you are his projection of Jack Aubrey, main character of Master and
Commander like the general you see here is another projection of his acting
skills. It is his very talent to look very different.
Be sure, I am not
kidding.”
Er schwieg. Alles was ich noch hörte
war ein empörtes Schauben.
Dann konzentrierte er sich widerwillig, aber zusehends gefesselt auf die
Geschichte des Generals, der zum Sklaven und zum Gladiator wird. |
VI.
Kurz nach Mitternacht öffnete ich die dritte
Flasche Chardonnay.
Jack war ein ebenso begeisterter Kämpfer mit Worten wie mit Waffen.
Hätte ich ihm nicht soviel Wissen voraus gehabt, er hätte mich versenkt.
Und, angeheitert wie er mittlerweile war, versucht er seinen Charme
spielen zu lassen. Es fuchste ihn offenbar gewaltig, dass er Crowe
unterlegen sein sollte.
Er mochte nicht O’ Brians Jack sein, aber er war ein Mann, der in seiner
Eitelkeit gekränkt worden war. Und er wäre eine Ausnahme, würde er das
einfach schlucken. Dass, das einzige weibliche Wesen, mit dem er wohl bisher
in näheren Kontakt gekommen war, deswegen er gar seine ’Welt‚ verlassen
hatte, einem anderen den Vorzug geben sollte. Ausgerechnet dem, der ihm
seine Gestalt geliehen hatte. Seinem Zwilling in corpore.
Hin und wieder hatte er mich verstohlen beobachtet. Ich hatte die großen
Lampen ausgeschaltet. Mein Gesichtsausdruck bei manchen Szenen ließ ihn
missmutig die Brauen runzeln.
Ich nahm seine subjektiven Argumente längst
nicht mehr ernst, da ich alles aus einer völlig anderen Perspektive sah.
Ich wusste wer das Huhn war und wer das Ei.
Jack wollte es nicht wahrhaben, noch nicht.
Es amüsierte mich sehr einen Jack Aubrey
abzufüllen.
Sein Blick wurde langsam glasiger.
„A guy with such a
coiffure in a skirt... dear, you must be kidding..“ probierte er es erneut,
leicht lallend, rülpste dezent.
„I thought he looked quite ok, it is the century. Your poofy shirt and those
trousers would look silly either, in my time. They even do.
But admit it, it is a
great film and your hmm, let me say ‘impersonator’
nailed the character.”
Jack grummelte widerwillig vor sich hin,
während er sein mittlerweile eisbekleckertes, saucenverziertes Outfit
kritisch musterte.
„Ah, he wasn’t as bad as
I thought.” gab er zu.
”At least he could play me.”
Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, als
er diese Perle von sich gab.
Ich lümmelte schräg gegenüber auf dem kleineren Sofa, musterte ihn halb
erheitert, halb... ich gebe es zu... interessiert. Prompt fing ich einen
abschätzenden Blick von ihm.
„Helga?“ “Hmm?“ „Where is your
husband? Are you widow?
You can’t be an old maiden. You
don’t look like.” meinte er charmant uncharmant.
Aha. Darauf hatte ich schon eine Weile
gewartet. Ich füllte sein Glas.
„Thank you, my dear.” sülzte er angetrunken, strahlte mich zuversichtlich
an.
Na, warte.
„Jack, I think I should tell you some things about life in my century. Women
work like men and earn their own money. They are quite independent. They
have the same rights. I am not married, never was. 30 to 40% of marriages
fail, partners part. I am working as well. I have holidays now.”
Er verfolgte meine Worte interessiert.
„What is your
profession?”
“I am a hairdresser.” “Women do hair? Great Lord…”
murmelte er.
“Mostly, these days.”
“I like your hair.” fing er schon
wieder an.
Dann plötzlich: “How old are you?” Ich sagte es ihm. Er schluckte.
„Don’t tell me you’re shocked.” zog ich ihn auf.
Er war es. Zu seiner Zeit lagen meist ein oder zwei Jahrzehnte zwischen den
Gatten. Das hatte simple Gründe. Die Frauen mussten jung sein wegen der
Nachkommen. Die Männer hatten selten vor Mitte Dreißig genug Geld eine
Familie zu ernähren. Ich erklärte ihm die Zusammenhänge. Er sah mich
zweifelnd an. „I thought
you were younger...” gab er zu.
“Oh, thanks. At least
using eye wrinkle cream for almost 15 years brought me somewhere.” kicherte
ich.
Er verstand natürlich kein Wort.
“Do YOU even know how
old you are?” Er zwinkerte, runzelte
die Stirn zu den drei adretten Dackelfalten, rieb sich das schon recht
stoppelige Kinn.
„Never thought about
it..“ murmelte er.
Ich überging es einfach, um ihn zu
schonen. Er war überfordert.
Ich will damit nicht sagen, dass Jack doof war, keineswegs.
Er war nur ein Gefangener seiner bisherigen Welt gewesen.
Mehrere Rollen belichtetes Zelluloid.
“People get older, they
don’t work that hard, the health care is very good .
In your century average
women of my age where worn and exhausted from multiple pregnancies and hard
work. Mostly everybody can afford good nutrition, if you can handle it.
Cosmetics.” Er schüttelte fassungslos
den Kopf.
Ich hob mein Glas, sah ihm in die Augen.
„Captain Aubrey?“ „Hmm?“ Auf ein aufforderndes Nicken von mir, hob er sein
Glas ebenfalls, sah mich verwundert an. Das wandernde Auge war sichtlich
außer Kontrolle. Buchstäblich. Nun, gut, ich will mal nicht so streng sein.
Warum sollte er anders sein als andre?
Der Blick der meisten Männer unter 80 geht schnurstracks auf meine DD, sobald
sie mir anstandshalber drei Sekunden ins Gesicht gesehen haben.
Nicht das mein Gesicht so übel wäre, jedenfalls hoffe ich das.
Soll ein archaisches Erbe sein. Kann sie meine Kinder nähren?
Das kann sich nur ein Mann überlegt haben. Schulterbreite hat heutzutage
auch nichts mehr mit Potenz und Verantwortungsbereitschaft zu tun.
Die Erfahrung hatte ich jedenfalls gemacht.
„A toast on guests,
hosts and may they get along.”
Ich
zwinkerte ihm bedeutsam und warnend zu. Er schmunzelte selbstironisch,
schaute mit hochgezogenen Brauen schuldbewusst zur Decke, ließ unsere Gläser
klingen.
„Is there any salmon or
ice cream left?” wagte er dann zu fragen.
Ich brach in Gelächter aus, nickte.
“That guy in the book is
much bigger than me. “ verteidigte er
sich leicht missmutig ob seines Appetits.
„And you should care not
to get that big.” ahmte ich ihn nach.
Er funkelte mich an, ließ seinen
Blick ostentativ über mich schweifen, dann meinte er boshaft: “I had slimmer
women than you are.“
Zum Glück war ich beschwipst genug.
Der Schuss hätte nach hinten losgehen können. Keine Frau hört gern solche
Kritik. Ihn schien meine Anspielung ganz schön getroffen zu haben.
Aber eigentlich hatte er nur im Affekt gesagt, ich sei auch nicht die
Dünnste.
Was stimmt. Wer ist das schon außer 0,01 % der weiblichen Population?
Ok, Jack. Du willst mich ärgern, weil ich dich geärgert habe.
Ich ärgere dich unabsichtlich, seit du kapiert hast, dass nicht DU der Held
bist.
Mal sehen wie weit du kommst mit deinen Sticheleien.
„Ah, really?? And who
were they? Molly Harte? The Brazillian wench?
Diane Villiers?
The American woman in book
seven? And all the others?
You married example of a
cheater? I
guess the size of my tits is
acceptable though considering your glance..”
fragte ich liebenswürdig, räkelte mich
übertrieben lasziv und strahlte ihn an.
Er klimperte sichtlich verlegen mit den Lidern, wie ...
„Ah, well..” stotterte er verwirrt, sah mich verschreckt an.
„And by the way, you
didn’t’ have’ me and I don’t intend to fuel things that way,
Casanova. No matter how slim or fat I am. Or you will get.”
Stille. Besoffen bin ich ziemlich mutig.
„Nothing to tell, mon
capitaine?”
Er hatte KEINE AHNUNG wovon ich
sprach.
Das Techtelmechtel mit Hartes Frau war in Band 1, den kannte er nicht.
Sowenig wie die anderen Figuren.
In meiner Kehle vibrierte ein gemeines Kichern.
Die Logik war erdrückend.
Im Drehbuch gab es keine Sophie. Es gab keine Erwähnung einer Heirat oder
Ehe.
Nur eine Anrede in einem Brief und
ein Medaillon.
Er hatte mit den Wimpern geklimpert wie die sprichwörtliche Jungfrau.
Jetzt wurde er auch noch rot. Wie süß. Ich schluckte die Gemeinheit
hinunter, die sich bereits ihren Weg nach draußen hatte bahnen wollen.
Sein linkes Auge wanderte nervös.
„I am just kidding..“
warf ich achtlos hin, um die
Situation zu entschärfen, nahm einen Schluck Wein. Oh, ich musste aufhören,
ich war hart an der Grenze.
Mit meinen Anspielungen. Und dem Wein.
Also raffte ich mich auf und fütterte die unschuldige Bestie.
Ich erinnerte mich dunkel an einen Zwischenfall mit einem Lachshäppchen bei
der After-Party in London, während ich Jack den Teller mit den Resten
füllte. Billingsgate Fishmarket, an der Themse.
Die Häppchen waren lecker gewesen. Angeblich habe Crowe die Bedienung mit
den besagten Lachshappen angeschnauzt.
Das war zu der erwähnten Premiere in London, anno 2003 gewesen, von der ich
Jack erzählt hatte. Später hatte ich mich mit meiner Begleiterin, die mit
mir das Zimmer in einem altehrwürdigen Hotel teilte, zu unser beider
Entzücken in einer Art inoffizieller After Party der Filmcast mit Anhang im
Club des Hotels wiedergefunden.
Ich schwatzte ein wenig mit Crowes Assistenten, mit seinem Bodyguard, ohne
zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Alles Gentlemen. Crowe warf mir
summa summarum drei Blicke zu.
1.
Kenne ich die?
2.
Gehört sie auch zum ‚Harem?’ Hoffentlich will sie kein Autogramm.
Mir tut noch die Hand weh von der Premiere.
3.
Sie lässt mich in Ruhe. Danke.
George Innes, der im Film Joe Plaice heißt
und eine Gehirn OP hat und uns im Club dauernd mit „Hi, Gals!“ grüßte, hatte
mit uns im Gang gescherzt, über einen Unfall mit seinem Jaguar in Ulm,
nachdem ich mich als Germane geoutet hatte.
Ich versicherte ihm, es sei keiner meiner Verwandten gewesen, was ihn sehr
erheiterte. Er hatte dieselben Probleme mit meinem Namen wie Jack.
„What the hell is it the
short form of?“ wollte er wissen.
Von was, zur Hölle ist das der
Nickname?
Er brach fast zusammen bei meiner Antwort.
“Adelheid.“
Im selben Moment tigerte Crowe vorbei und warf unserer schallend lachenden
Gruppe einen schrägen, amüsierten Blick Numero 4 zu.
Aber es war weit nach vier Uhr früh und da gab es eine schwangere
Gattin im dritten Stock. Sonst hätte er vielleicht mitgeblödelt. In aller
Unschuld.
Der Mann kennt seine Prioritäten.
Respekt.
Ah, the memories.
Vor allem an die wehen Füße nach elf Stunden
auf High Heels.
Soweit die Assoziationen zum Lachs.
Nur ein kleines Intermezzo.
„Another
film with HIM?” neckte ich Jack und stellte ihm den Teller mit aufgewärmtem
Lachs hin. Er blinzelte irritiert.
„You have another?” wollte er wissen, nahm den Teller in Angriff.
Der Mann war echt verfressen.“ No more ice?“ wagte er zu fragen.
„I’ll keep an eye on both of our shapes, captain.” schoß
ich zurück.
„Touche´“ meinte er knapp und schob sich die Gabel in den Mund.
„You have another?” wiederholte er.
“Twenty one, to be honest.” meinte ich trocken. Diesmal behielt er
die Gabel in der Hand, aber der Kiefer klappte ihm runter.
Ich lachte.
„Helga,“ fluchte er,
“Stopp being such a bitch. You fool me. This asshole can’t have played in
twenty films..” donnerte er.
Mickey und Felix sprangen von den Stühlen und rasten die Treppe rauf.
Er sah ihnen schockiert nach, dann kicherte er entschuldigend.
“The ‚asshole’ is preparing for Number 23. You
were number 22.” eröffnete ich ungerührt. „This is a nightmare.” grummelte
er, sah in seinen Teller.
“But a tasty one.” ergänzte er und warf mir einen anerkennenden Blick zu.
Nachdem wir gerade mal
..äh.. 29h nach seinem ‚Erscheinen’ langsam anfingen unsere Karten auf den
Tisch zu legen, stellte ich fest, dass ich Jack mochte.
Den ‚echten’ Jack. Wer oder was auch immer er war.
Er wusste wann es gut war und wann man den Mund hält.
Er konnte saufen wie ein Kerl und dabei die Nonchalance bewahren.
Bis jetzt.
Und ich liebe lange Haare an einem Mann. Und Haare auf den Zähnen.
Und auf der Brust. Nicht zuviel, nicht zuwenig.
Es hatte da jüngst ein Bild gegeben von den Dreharbeiten, 2002.
Crowe oben ohne, nass ,einen Kaffeepot in der Hand.
Die Vorstellung, dass diese Brusthaare dieselben sein sollten, die mir im
Kino bei unserem ersten Kontakt ins Auge gefallen waren... Haare.. nun..
Berufsrisiko.
Er erfüllte all diese Punkte. Nicht zu vergessen sein bestes Argument.
Er kicherte wie Crowe.
Es war so unfair. Ich hatte auf Dauer nicht den Hauch einer Chance.
Wenig später legte ich
hinterlistig‚Virtuosity’ ein.
Ich war zwar reichlich angetüllert, aber die Wahl war pure Berechnung.
Erstens weil ich ihn auf die ‚Zukunft’ einstimmen wollte.
Zweitens weil ich ihn mundtot machen wollte. Er wurde nämlich immer
gesprächiger und seine Blicke immer dreister.
Drittens , weil ich ihn mit Crowes Physis anno 1995 schocken und damit
weiteren blöden Bemerkungen vorbeugen wollte.
Auch ich habe meinen Stolz.
Erst maulte er rum, was
das für ein komischer Film sei.
Ich schenkte ihm weiter Wein ein. Erst bei der Szene, als Sid Hand an
Sheila, die Cypertraumfrau legt, wurde er aufmerksamer.
Er schien enttäuscht, da just im Moment als es interessant wird, das
Programm gestoppt wird. Dann kam Sids ‚Geburt’.
Absolute Stille.
Crowe im Adamskostüm ... er ist zugeschminkt, komplett rasiert und hat eine
Ken-Frisur, die zur Rolle passt. Und sein Arsch ist... niedlich.
Mir fällt kein andres Wort ein. Cute. Süß, niedlich.
Ich würde meine Seele verkaufen für seine Beine in dieser Szene.
Die Familienjuwelen bleiben im Verborgenen, bis auf eine Andeutung von
„balls“. Hoppsa. Und ein Kreuz wie ein Quarterback.
Mächtig gut in Form damals.
Jack schwieg. Ich hatte
ihm das große Maul gestopft.
Ha.
Bis ich an den Schnarchgeräuschen merkte, dass er schlief!!!
Der Stolz der englischen Marine. Er hing auf halbacht über dem Sofa, das
Hemd klaffte, offener Mund. Und schon wieder die Brusthaare.
Sie begannen mich zu verfolgen.
Erst wurde ich wütend, dann fing ich an zu lachen.
Über mich selbst. Schließlich hatte ich ihn abgefüllt.
Ich räumte ab, soweit es mein Zustand zuließ, verstaute das Geschirr im
Spüler, lüftete solange. Jack schnarchte weiter. Ich beobachtete ihn viel
zulange dabei, dann zog ich mich mit letzter Kraft die Treppe hoch,
entfernte alles aus meinem Gesicht, dass nicht langfristig dort hingehörte,
putzte meine Zähne, duschte dürftig, warf mir irgendwas über und kroch in
mein Bett.
Ich schloss nicht ab. Das war ein Fehler.
Irgendwann erwachte ich benommen in der Dämmerung.
Etwas stimmte nicht. Es war viel zu warm hier.
Und ZU LAUT.
Ein Arm lag schwer um meine Mitte und das Schnarchen eines Baritons drang
nicht weniger schwer in mein Ohr.
???
Oh..
NEIN |