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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Drittes Kapitel – Ein interessantes Angebot |
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Doch hier, in diesem riesigen Land, etliche Male größer als der gesamte Kontinent Europas, lebte der Grossteil der Menschen von Abfällen, in Holz- oder Blechhütten, während der andere Teil der Gesellschaft in Glaspalästen und Milizgeschützten Vierteln residierte.
Der riesige Bürokomplex der Hollowitz-Werke befand sich im Zentrum der Stadt und die Anfahrt dorthin dauerte gut eine Stunde. Die Stahlwerke selbst waren außerhalb, in einem riesigen Industriezentrum, der einem Teil der Bevölkerung ein menschenwürdiges Leben durch Arbeitsplätze ermöglichte, erbaut worden. Die Angestellten begrüßten ihn neugierig und jovial, manche zurückhaltend, doch im Grossen und Ganzen konnte er keine Feindseligkeit bei den zukünftigen Kollegen oder anderen Angestellten feststellen. Nach einer Besprechung mit der Equipe, mit welcher er in nächster Zeit zusammenarbeiten sollte, sie dauerte fast den ganzen Tag lang, wusste er schließlich, worum es ging. Bereits in einer knappen Woche sollte das Team nach Westen in den Amazonasurwald reisen, denn nahe bei Santarem sollte ein Staudamm errichtet werden und der Fluss Tapajos, der unweit der Stadt in den Amazonas mündet und jedes Jahr durch Hochwasser große Verwüstungen in den umliegenden Dörfer verursachte, sollte durch dieses Projekt gezähmt werden. Kein gigantisches Unterfangen, aber eine Herausforderung für die Männer, unter den schwierigen Bedingungen des Klimas und der Wildnis ihr Bestes zu geben.
Frédéric litt nicht sonderlich unter der drückenden, feuchtheißen Luft, den tagelangen warmen Regenfällen. Das alles hatte er bereits in Indochina erlebt und sich schon dort den extremen Bedingungen angepasst. So mancher der europäischen Kollegen gab seine Kündigung nach wenigen Wochen ab und verzichtete auf die ausgesprochen gute Bezahlung, die auf Grund der zahlreichen, zusätzlichen Prämien geboten wurde.
Die Männer wurden mit den Problemen der tropischen Krankheiten wie Malaria konfrontiert. Obwohl die Angestellten und Arbeiter geimpft waren, trat sie immer wieder auf, wenn auch nicht so heftig. Es kam ganz auf die körperliche Verfassung jedes einzelnen an, vor allem auf dessen Abwehrkräfte und Härte. Die Gefahr, von Wildtieren angefallen, von Giftschlangen gebissen oder giftigen Insekten infiziert zu werden, war immer da, trotz der angeheuerten und bewaffneten, einheimischen Jäger, die das Camp schützen und kontrollieren sollten, was auch ohne Unterlass geschah. Hin und wieder gab es einen solchen Zwischenfall, das war unvermeidbar. Hier herrschte das Gesetz des Stärkeren. Die Zeit verging wie im Fluge. Frédéric war voll auf seine Arbeit konzentriert, und als er nach zwei Jahren bei der Eröffnungsfeier des Staudammes vom Firmenchef ausdrücklich belobigt wurde, hatte er außer der grünen, undurchdringlichen Wand des Dschungels, den Baracken der Unterkunft und einigen schummrigen Lokalen im nahe gelegenen Santarem, wo die Männer am Wochenende Unterhaltung und etwas gekaufte Zärtlichkeit suchten, nichts anderes gesehen.
Auf Santarem folgte die Eisenbahnbrücke in Manaus, 1960 ging es nach Sao Paulo, wo die Firma Hollowitz am Projekt eines riesigen internationalen Industriezentrums für hoch entwickelte Technologie teilnahm. Die zweite Hälfte des Jahres 1963 verbrachte Frédéric bei der Fertigstellung des Stauwerkes am Stausee Porto Primavera, direkt an der Grenze zu Paraguay, in Porto Camargo. Diese Jahre des harten Lebens inmitten des Amazonasdschungels und des brasilianischen Hochlandes hatten ihre Spuren im Gesicht des Mannes hinterlassen. Markante Züge um Mund- und Kinnpartie des Ingenieurs hatten sich im stetig gebräunten Gesicht gefestigt, sein Haar war immer noch so widerspenstig, mit seinen hellen Strähnchen hier und dort. Frédéric war ein besonders Gutaussehender Mann, dessen Alter niemand so richtig zu schätzen vermochte. Sein jugendliches Lachen, das er nicht wirklich oft von sich gab, strafte den Ernst seiner Augen und die Härte seines Blickes Lügen. Er liebte dieses Leben, frei, voller Gefahren und Abenteuer, diese Arbeit, die alles von ihm forderte und seine Kraft bis an die Grenzen menschlicher Fähigkeiten trieb. Er hätte es gegen kein anderes Leben eintauschen wollen, egal was man ihm dafür geboten hätte. Verantwortung nur für sich selbst tragen zu müssen. Es gab niemanden, um den er sich sorgen musste. Die Zukunft ungewiss, voll von Überraschungen und Aufgaben, die seinen Weg bestimmen würde. Die Gewissheit, sein Leben in den Dienst eines Landes zu stellen, das durch seine Kompetenz möglicherweise zu mehr Wohlstand und weniger Armut avancieren könnte, füllte ihn voll und ganz aus, stärkte seine Zufriedenheit und Ausdauer, ließ keine Wünsche für ihn offen.
******* Überraschenderweise wurde er in der zweiten Hälfte des Jahres 1964 nach Belém gerufen, kurz vor der Vollendung des Stauwerkes im Mato Grosso-Gebiet. Hollowitz war persönlich anwesend, als die Sekretärin ihn im Konferenzzimmer anmeldete. Der Firmeninhaber hatte sich kaum verändert, klein und rundlich, war er schon vor fast zehn Jahren kahlköpfig gewesen, und seine flinken, hellen Augen suchten offen und direkt den Blick seines geschätzten Angestellten. „Ah, ich bin froh, Sie wieder einmal persönlich zu sehen, mein Lieber“, begrüßte Theodor Hollowitz den überraschten Jüngeren. „Nehmen Sie Platz, ich bitte Sie“, fuhr er fort, „Zigarre?“ Er hielt Frédéric eine prall gefüllte Schachtel unter die Nase und dieser nahm dankend an. Nachdem beide Männer das Zeremoniell des Zigarrenanrauchens beendet hatten, kam der Firmenboss auch schon zur Sache: „Wie ich sehe, haben Ihnen die Jahre in Brasilien gut getan“. Er zwinkerte vertraulich und Frédéric nickte kaum merklich. Sein muskulöser Körper füllte den Besucherfauteuil vollends aus und er streckte die sehnigen Beine weit von sich. „Es ist Ihnen ja sicher bekannt, lieber Hardtberg, dass Sie mein bester Mann sind, denn das ist Tatsache und nicht übermäßiges Lob, wie Sie vielleicht anzunehmen versucht sind!“ Frédéric wusste sehr wohl, wie viel ihm die Firma Hollowitz und ihr Chef verdankte. Es stimmte schon, er war einer der besten, nicht nur auf Grund seiner Kenntnisse, sondern auch durch seine Ausdauer, den Ehrgeiz und den guten Einfluss, den er auf sein jeweiliges Arbeitsteam ausübte. Seine magnetische Ausstrahlung und sein Wille, das Beste aus sich heraus zu holen, sich alles ab zu verlangen, übertrug sich auf die Mitarbeiter, und er konnte sich in der Regel auf jeden einzelnen seiner Männer und Arbeiter verlassen.
„Waren Sie eigentlich die ganzen Jahre über einmal in Europa?“ fragte der ältere Mann vorsichtig und wechselte übergangslos das Thema. Frédéric schüttelte verneinend den Kopf. „Ich hatte nicht das Bedürfnis, der Alten Welt einen Besuch abzustatten“, entgegnete er leicht lächelnd und fügte hinzu: „Wozu auch? Um Gräber zu besuchen? Ich halte nichts von Sentimentalitäten.“ Dem Firmenchef entging nicht der bittere Unterton des ausgesprochenen Satzes, und Frédéric meinte, ein Aufatmen des Auftraggebers zu vernehmen, doch er musste sich wohl getäuscht haben. „Haben Sie überhaupt keine Angehörigen mehr?“ kam die nächste, spontane Frage. „Keinen einzigen, alle begraben seit Kriegsende“, entgegnete er mit zynischer Fröhlichkeit. „Aber ich verstehe Ihre Fragen nicht, Chef! Was hat das alles mit meiner Arbeit zu tun, mit der Sie ja, wie Sie eben vorhin bestätigt haben, mehr als zufrieden sind, oder?“ Fragend blickte Frédéric dem Industriellen offen in die Augen. „In gewissem Sinne bezwecken meine Fragen doch einiges, lieber Hardtberg, weil ich nämlich etwas ganz Besonderes mit Ihnen vorhabe!“ Unruhig wechselte der Mann die Beinstellung und zog kräftig an seiner Zigarre, sodass Asche auf den dicken, dunkelgrünen Teppich fiel. Ohne weiteren Einwand wartete Frédéric, dass sein Firmenboss mit seiner Erklärung fort fuhr. „Kennen Sie Ägypten?“ fragte dieser, ohne den Jüngeren dabei direkt anzublicken. Er interessierte sich anscheinend besonders für den Rauch seiner Zigarre, deren Glut er nun anstarrte. „Wer nicht? Wenn ich auch nie dort war“, antwortete der Angesprochene unumwunden. „Tja“, fuhr Hollowitz fort, “da ist Ihnen etwas entgangen! Die Wiege der Menschheit und der Weisheit, die Geburt aller Religionen dieser Welt und der Schauplatz Jahrtausendalter Monumente, die teilweise noch immer bestehen, sollte jeder Sterbliche zumindest einmal besucht haben!“ Frédéric sah kurz vor seinem geistigen Auge die Maske des jungen Königs Tut Anch Amun, die jedes Kind kannte, vor sich. Er hatte auch von der unglaublichen Geschichte des Grabfundes gelesen. Von John Carter, dem Abenteurer, dem Bezwinger des Unmöglichen. Er war ihm ähnlich, in gewisser Weise zumindest. Ebenfalls einer, der nie aufgab. „Es gibt dort einen riesigen Stausee“, erzählte der Unternehmer nun weiter, „Er nennt sich Nasser-Stausee, nach dem ägyptischen Präsidenten benannt.“ Frédéric wusste, was dieser Stausee bezweckte und auch angerichtet hatte. Bereits der alte Staudamm von Assuan der in den Jahren 1898 bis 1912 erbaut und mehrere Male im Laufe der Jahrzehnte erweitert wurde, brachte große Probleme bei die Erhaltung von antiken Denkmälern mit sich. Die rasch anwachsende Bevölkerung Ägyptens machte es ihm Jahre 1952 notwendig, diesen gewaltigen Koloss von Hochdamm, den Sadd el-Ali Damm, aus Lehm, Schotter und Erdreich zu erbauen, um den Nil und seine Überschwemmungen zu beherrschen, zwei bis drei Ernten pro Jahr zu erzielen und fruchtbares Land zu jeder Saison bewässern zu können. Er hatte sich seit jeher für dieses Monsterwerk interessiert, das man im Begriff war zu erbauen. Eine kilometerbreite und vier Kilometer lange Wand, bestehend aus 40 Millionen Tonnen Fels und Erdreich mit einer Höhe von 114 Metern Höhe. Einfach unvorstellbar! „Ich weiß davon“, entgegnete Frédéric „es gehört schließlich zu meinem Beruf und meinen Interessen über derartige Projekte informiert zu sein. Allerdings bin ich sicher nicht mehr auf dem Laufenden über den letzten Stand der Dinge“. „Na, dann will ich Sie darüber aufklären!“ Der Firmenleiter lehnte sich weit zurück und beobachtete die Reaktion des vor ihm Sitzenden. „Sie wissen ja sicher“, fuhr er fort, „von den Nachteilen, die der Bau dieses Urdings mit sich gebracht hat. Nämlich, dass etliche der bis heute erhaltenen Bauwerke und Tempel aus pharaonischer Zeit für immer überflutet und für die Nachwelt verloren gegangen sind! Und nicht nur das! Ein Grossteil Nubiens ist nun überflutet und rund siebzigtausend Menschen mussten anderweitig eine neue Heimat finden.“ „Und was ist mit den Felsentempeln von Abu Simbel?“ interessierte sich der junge Ingenieur, dem nun das volle Ausmaß der negativen Konsequenzen des Staudammbaues bewusst geworden war. Trotz seines fortschrittlichen Denkens, war ihm der Gedanke an den Untergang unwiederbringlicher Schätze antiken Weltkulturgutes ein Gräuel. „Gerade um diese beiden Meisterwerke der Menschheitsgeschichte handelt sich unser Gespräch, mein Lieber!“ entgegnete der alte Hollowitz erfreut, als er das aufkommende Interesse seines Mannes bemerkte: „Seit gut drei oder vier Jahren schon zerbricht sich die internationale Allgemeinheit, vor allem die UNESCO unter Mitwirken von Archäologen und Wissenschaftlern den Kopf, ob es für diese gigantischen Bauwerke eine Rettung gäbe. Die Tempel liegen sozusagen am Ufer des Sees und es kann jederzeit zu einem Ende dieser Herrlichkeit kommen, denn die Bauwerke werden unterschwemmt und die Zerstörung liegt praktisch auf der Hand! Aber nun ist sicher, es gibt eine Rettung! Nach den jahrelangen Studien und Abwägungen vor allem durch die bekannte Ägyptologin Christiane Desroches-Noblecourt, die übrigens die Conservatrice des Ägyptischen Museums im Louvre ist, eine bemerkenswerte Frau, das kann ich Ihnen sagen, lieber Hardtberg, gibt es einen Ausweg und wir, die Firma, soll aktiv dazu beitragen!“
Hollowitz zog kräftig an seiner Zigarre und wartete die Wirkung seiner Worte ab, doch Frédéric erwiderte nichts und ließ den Älteren fortfahren: „Wir wurden als Deutsche Firma ebenfalls herangezogen, denn wir sind bekannt für unsere solide Arbeit und Verlässlichkeit, was ich größtenteils auch Ihnen zu verdanken habe, mein Guter!“ Der Unternehmer hatte sich erhoben und ging mit großen gezielten Schritten im Zimmer auf und ab. „Was meinen Sie? Wären Sie bei diesem Ding der Unmöglichkeit mit dabei?“ Frédéric fühlte, wie neuerlich Abenteuerlust und Neugier auf Erfahrungen in einem anderen Teil der Welt in ihm aufflammten. Doch er unterdrückte seine Begeisterung, so gut es ging. „Ein paar Jahre in der Wüste, mit einem Projekt, das schier unmöglich erscheint und das es gemeinsam mit mehreren Ländern dieser Welt und deren Spezialisten zu lösen gilt, reizt Sie das etwa nicht?“ Etwas nervös wartete Theodor Hollowitz auf die Antwort. Er hatte es dem Mann wahrhaftig schmackhaft genug serviert. Frédéric schmunzelte: “Sie wussten, dass ich diese Herausforderung nicht abschlagen würde! Ich bin dabei, unter gewissen Bedingungen natürlich, vor allem, was meine Kompetenz vis à vis meinen Mitarbeitern betrifft! Sie wissen, ich arbeite alleine. Ich dulde niemanden neben oder über mir, keinen, der mir in meine Entschlüsse hineinredet! Außerdem verlange ich freie Hand in der Auswahl meiner Arbeiter, wie bisher gehabt!“ Auch er hatte sich nun erhoben und blickte auf den gut anderthalb Kopf kleineren Mann herab, der ihm freudig die rechte Hand anbot: „Also dann sind wir uns einig, Sie kriegen alles was Sie brauchen und begeben sich nach Ägypten! Die nächste große Konferenz der Beteiligungsländer findet bereits in drei Wochen in Kairo statt! Sie haben also noch genug Zeit, in Ruhe ihre Zelte hier abzubrechen, die nötigen Informationen in Stuttgart abzuholen und vielleicht etwas früher nach Kairo zu fliegen und sich mit den dortigen Gepflogenheiten vertraut zu machen!“ Frédéric begann bereits im Kopf seinen Plan für die Regelung seiner Projektbeendigung zu erstellen. „Sie werden es nicht bereuen, Hardtberg!“ frohlockte der Boss ein letztes Mal. „Und sie werden stolz darauf sein, Ihren Beitrag zur Erhaltung dieses mondialen und grandiosen Kulturschatzes geleistet zu haben!“ Und so geschah es auch letztendlich! Frédéric Hardtberg, renommierter, und in der Branche hoch geschätzter Maschinenbauingenieur, begab sich zu Beginn des Jahres 1965 nach Ägypten um sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen.
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Viertes Kapitel - Die Freundschaft |
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Frédéric kam im März 1965 in Kairo an und es blieben ihm noch knappe vier Tage bis zur Internationalen Konferenz der UNESCO, die wenige Tage später stattfinden sollte. Anpassungsfähig wie er war, hatte er sich rasch an die lebendige, laute Mentalität, die eindringlichen orientalischen Gerüche und das Menschengewirr auf Strassen und in den bevölkerten Bazaren gewöhnt. Er verbrachte den ersten Tag damit, sich unter das Gewühl der Menschen von der Strasse zu mengen, besuchte die dunklen Handwerkerläden und Geschäfte und versuchte angestrengt, sich die am häufigsten vorkommenden, arabischen Worte einzuprägen, Grußworte und einfache Sätze zu erlernen. Am zweiten Tage seiner Ankunft wurde ihm ein Herr Smaïn Ben Hamsa gemeldet, ein Ägypter, der von den Hollowitz Werken geschickt worden war und ihm zur Seite stehen sollte. Frédéric begab sich am frühen Morgen dieses Tages in die ausladende Hotelhalle des „Green Scarabée Hotels“, wo man ihm das geräumige und bequeme Zimmer reserviert hatte. Die Klimaanlage benützte er nicht, gewöhnt an das stickig-feuchte Klima des Tropenwaldes, erschien ihm die trockene und heisse Luft Ägyptens geradezu angenehm und ideal. Auch war dies die ideale Reisezeit für Touristen, denn die Sommerhitze begann sich in diesem Land Nordafrikas erst Ende April auszubreiten und hielt in der Regel bis Ende November an.
Der dunkle und große Mann im westlich orientierten Beigen Tropenanzug sah Frédéric skeptisch entgegen und hielt dessen forschenden Blick stolz stand. Als ihm der Europäer spontan die Rechte entgegenhielt, berührte er erst seinen Mund und die Stirn nach arabischem Brauch und reichte ihm anschließend seine Hand, um den Gruß mit festem Druck zu erwidern. Frédéric wunderte sich über die Kühle der Hand, die er in der seinen hielt, doch ließ sich seine Überraschung keineswegs anmerken. Er deutete auf die einladende Sitzgruppe und beide nahmen Platz. Die Verständigung erfolgte ohne Schwierigkeiten, denn es stellte sich heraus, dass Smaïn ein fast akzentloses Französisch sprach. Nach den üblichen einleitenden Begrüssungfloskeln, erläuterte Ben Hamsa seine Funktion und Aufgabe: „Ich soll Sie die erste Zeit in Ägypten mit den Sitten und Gebräuchen, die oft schwer verständlich sind für Menschen aus Europa, vertraut machen, und stehe Ihnen daher für jede Auskunft und jeden Dienst zur Verfügung! Über das Projekt selbst wissen Sie ja Bescheid, es befinden sich bereits Tausende von Arbeitern in Abu Simbel und der Transport von Bauwerkzeugen und Material ist in vollem Gange! Die Vorbereitungsarbeiten haben ja schon vor Jahren begonnen. Alles weitere werden wir bei der Konferenz erfahren, unseren Tätigkeitsbereich und andere persönliche Einzelheiten, wie Unterkunft und Verpflegung.“
Frédéric war etwas erstaunt, dass Smaïn ebenfalls an der Konferenz teilnehmen sollte, und als hätte dieser die Gedanken des Ingenieurs erraten, fuhr er schwach lächelnd, erklärend fort: „Ich genieße das Vertrauen von Monsieur Hollowitz bereits seit Jahren und bin seit Anbeginn der Untersuchungen schon vor 1960 mit den Sondierungsarbeiten betraut worden, vor allem auf archäologischen Gebiet. Ich war der direkte Assistent des Teams von Madame Desroches, der Ägypten-Expertin und Herr Hollowitz hat mich anschließend mit der Leitung der Arbeitertruppe betraut, die für das Werk tätig ist. Ich genieße das Vertrauen der Männer, bin einer von ihnen, trotzdem ich Ägyptologie und Architektur studiert habe. Das macht keinerlei Unterschied. Weder für mich noch für die Leute.“ Frédéric war beeindruckt von der offenen Art des Gutaussehenden Ägypters, der wohl, wie er selbst, um die Dreißig sein musste, und die Fragen, die er stellen wollte, lagen nahe: „Haben Sie Familie, Monsieur Ben Hamsa?“ Mit einem Schlag wurde das Gesicht des Orientalen verschlossen und er murmelte fast unhörbar: „Ich hatte Familie, sie kam bei einem Terroristenanschlag nahe Médinet-el Faijum ums Leben. Sie wissen ja, die Extremisten schaden meinem Lande seit Jahrzehnten und man weiß nie wo und wann sie zuschlagen!“ Frédéric fühlte sich unbehaglich und bereute die vorwitzige Frage. „Entschuldigen Sie, es ging mich wirklich nichts an, es tut mir aufrichtig leid!“ „Es macht nichts, Monsieur, so ist das Leben“, und fast zynisch fügte er hinzu: „Allah hat es wohl so gewollt!“ „Ich kann nachfühlen, was Sie empfinden“, erwiderte der Europäer, „mein Verlust liegt zwar schon lange zurück, gute zwanzig Jahre um genau zu sein, aber das erleichtert die Sache nicht besonders!“ Die beiden Männer beendeten dieses Thema auf feinfühlige Art und der Araber erhob sich auffordernd: “Was halten Sie davon, wenn wir uns gleich auf die Beine machen und Kairo erforschen? Ich werde Ihnen Orte und Viertel zeigen, wo kein Europäer jemals seinen Fuß noch hingesetzt hat!“ Frédéric war eingenommen von der spontanen Art des Jüngeren und erhob sich zustimmend. Beide waren etwa gleich groß, die Augen des Nordafrikaners waren fast schwarz im Gegensatz zu seinen eigenen, grünblauen, doch Frédérics Gesicht war fast ebenso dunkel und von der Sonne gebräunt, wie die natürliche Hautfarbe des Ägypters, die nur eine Spur dunkler erschien, denn das Leben im Dschungel hatte bereits markante Prägungen in das Gesicht des Europäers gezeichnet. An diesem Tage begann eine tiefe und echte Männerfreundschaft, die so manche Krisen und Katastrophen überwinden sollte.
Kairo, die größte Stadt Afrikas, und ihre Bewohner faszinierten Frédéric vom ersten Moment an. Die Menschen waren trotz der augensichtlichen Armut von einer ansteckenden und offenen Fröhlichkeit. Man grüsste einander auf der Strasse, ohne sich jemals vorher gesehen zu haben, oder winkte sich spontan zu. Die Tiefverschleierten Frauen strahlten eine Mischung von Geheimnis und Erotik aus, der er sich nur schwer entziehen konnte. Raschen Schrittes und mit gesenktem Blick huschten sie an ihm vorbei. Die strengen Gesetze des Korans erlaubten keinen Blick auf den Fremden, und ergab sich ein solcher zufälligerweise dennoch, blickte Frédéric in einen dunklen See der Versuchung. ‚Wenn diese Ägypter glaubten, sie könnten die sexuelle Ausstrahlung ihrer Frauen verbergen, indem sie sie mit bodenlangen Tüchern und Schleichern verhüllten, dass waren sie wohl auf dem Holzweg’, dachte er still in sich hinein lächelnd. Smaïn brachte ihn in einheimische Brouhahas, Café- und Teehäuser, Dampfbäder und gemeinsam rauchten sie die allgegenwärtige Wasserpfeife, Chicha, mit dem duftenden Früchtetabak und Mahassel, dem Honig. Abends speisten sie ägyptische Gerichte, Mulukija und Kofta, beides Hammelgerichte mit Ful Medames und Homos als Beilage - schwarzen Bohnen und eine Art Gurkengericht, und diskutierten bis weit nach Mitternacht. Am vierten Tage duzten sie einander und erforschten den Pyramidenbezirk von Gizeh. Sie liehen sich zwei braune Hengste und in gestrecktem Galopp preschten sie durch die Wüste, wo Frédéric atemlos zum ersten Male zur Spitze der Cheopspyramide aufblickte, um anschließend gemeinsam mit seinem Partner ihre schwindelnde Höhe von 137 Metern zu erklimmen, und den Blick über die felsige und ewige Landschaft bis nach Kairo schweifen zu lassen. Bald würde die Stadt den Fuß des Pyramidenbezirkes erreichen, sie breitete sich erschreckend rasch aus. Die Touristenströme ließen beide ungerührt, sie erlebten Ägypten auf ihre Art, und Frédéric konnte nicht genug davon hören, was der Ägyptologe über das Alte Reich zu berichten hatte, über Leben und Riten der Ägypter jener Zeit, denen er sein Leben, für die nächsten Jahre zumindest, verschreiben sollte. Die Größe und Weisheit dieses Antiken Volkes wurde ihm immer mehr bewusst und manchmal hatte er das Gefühl, die geschichtlich belegten Ereignisse, die man ihm nun erzählte, schon einmal hautnah miterlebt zu haben. Die Faszination „Ägypten“ hatte auch von ihm Besitz ergriffen! Im Schatten des Sphinx ließen sie die mitgebrachten Wasserflaschen über ihre Köpfe auslaufen und nahmen ihren Imbiss aus dunklen Fladenbroten, „Aisch beladi“ und mit „Hamam maschwi“, gegrillter Taube belegt, zu sich. Das Antlitz des Sphinx, wahrscheinlich eine Darstellung des Pharaos Chephren – genau konnte dies nie nachgewiesen werden - blickte aus zwanzig Metern Höhe majestätisch auf die beiden Männer zu seinen Löwenbeinen herab, während ringsum die Restaurationsarbeiten des Kolosses in vollem Gange waren.
Später setzten sie ihren Ritt weiter fort und besichtigten die umliegenden Pyramiden, drangen ein in den steinernen Bauch der geheimnisvollen Grabanlagen und überlegten die mögliche Technik und Vorgangsweise , die die Bauherren und Architekten des Alten Reichen wohl angewandt hatten, um derart gigantische Bauwerke entstehen zu lassen. Nun wurde Frédéric auch zum ersten Male richtig bewusst, welche Gigantenarbeit vor ihm liegen würde. Den Abend dieses Tages verbrachten beide im ältesten Teil Kairos, in der Gegend der alten Zitadelle, von der aus sie das Lichterspiel der pulsierenden Stadt um sich herum beobachteten und dem pulsierenden Leben und seinen Geräuschen lauschten.
Die Konferenz der UNESCO fand am nächsten Tag im Ägyptischen Museum statt und die namhaftesten Ägyptologen Europas waren zugegen, weiters die Verantwortlichen der beauftragten Industriefirmen, der Kulturminister des Landes und mehrere Politiker der Beteiligungsländer. Theodor Hollowitz war ebenfalls gekommen und begrüßte die beiden Männer überschwänglich. Frédéric entging nicht die joviale Art, mit der er Smaïn Ben Hamsa behandelte, die Männer mussten wirklich auf vertrautem Fuße miteinander stehen. „Ich wusste, Sie beide würden gut miteinander auskommen, und ohne Sie katalogisieren zu wollen, Sie sind einander auf gewisse Art ähnlich! Zähigkeit und Sturheit, gepaart mit gesundem Menschenverstand und Logik!“ Er sah von einem zum anderen. „Nicht zu vergessen, ihre Kompetenz!“ Die Besprechung, die letzte ihrer Art, zahlreiche waren dieser vorangegangen, denen Frédéric natürlich nicht beigewohnt hatte, dauerte bis tief in die Nacht an , doch viele Fragen technischer und finanzieller Art blieben auch weiterhin offen. Weitere Konferenzen wurden angesetzt, im Abstand von mehreren Monaten, doch die Anwesenheit aller hier Versammelten würde nicht unbedingt erforderlich sein. Schon in zwei Wochen sollte das Team der Hollowitz-Werke in Assuan versammelt sein, von wo aus man die letzte Etappe nach Abu Simbel antreten wollte. Theodor Hollowitz wünschte seinen beiden Männern, sowie auch dem übrigen Team gutes Gelingen und trat noch am gleichen Abend seinen Rückflug nach Deutschland an. Smaiin und Frédéric sollten die Reise nach Assuan per Schiff Nilaufwärts antreten und dies bereits in zwei Tagen...... |