Edred

Ich erkannte ihn sofort. Ein kräftiger Mann mit ansprechenden Zügen.
Er sah aus wie ein Germane. Sein Haar war voll, wellig und reichte ihm auf die Schultern. Es war eher hell als dunkel. Er war bärtig und gebräunt, schlicht aber gut gekleidet.  Helle Augen.
Er winkte, grüßte mich auf Germanisch.
Seine Stimme ist sehr angenehm, tief und wohlklingend, wie es sein sollte.
Sein Blick fiel auf die frischen Fladen in meinem Korb, und ich gab ihm einen.
Er suche eine Unterkunft für den Winter. Ich fragte nicht weiter, da  ich wusste wonach er verlangte. Ich schickte ihn dorthin, wo ich herkam.
Er sah mich verblüfft an, als ich mich mit dem Gruß der Freya verabschiedete.
Ich lachte leise in mich hinein, während ich meines Weges ging.

Berane kam vorletzten Herbst in einem Wagen der Römer.
Sie war verletzt, aber bereits am Genesen.
Und sie war schwanger. Es brauchte all ihre Heilkunst, das Kind nicht zu verlieren. Sie war gesund, aber ausgezehrt.
Ich stellte keine Fragen, Gunthar ebenfalls nicht. Er nahm sie auf ohne Bedingungen. Ich konnte nur ahnen, was sie durchgemacht hatte seither.
Ihr Haar war rot gefärbt, sie war dunkel getönt von der Sonne, sah sehr fremd aus. Kantige Züge, sehnig  wie ein Jüngling. Allmählich nahm sie wieder weibliche Formen an, als die Schwangerschaft fortschritt.
Sie kämpfte um das Kind, lag sehr  viel. 
Ein halbes Jahr später sah sie aus, als würde sie im nächsten Moment gebären, obwohl noch  zwei Monde vor ihr lagen.
„Freya, hilf mir“ lachte sie, als ich sie wieder einmal besuchte.
„Es sind zwei. Ich spüre es.“ Ihre Hände lagen über der starken Wölbung ihres Bauches. Dann weinte sie. Ich kann nicht sagen, ob es aus Schmerz oder aus Freude war, es schien mir eine Mischung aus beidem.
Sie hatte mir alles erzählt.
Der Römer, den sie gefunden und gepflegt hatte, war der Vater.
Sie waren sich wieder begegnet und  getrennt worden, um sich erneut zu begegnen. Ich hatte die Runen richtig gedeutet.
Wäre es nicht Berane gewesen, die mir diese Geschichte erzählte, ich hätte sie nicht geglaubt.
„Edred, ich habe wieder Visionen.“ eröffnete sie mir kurz vor der Geburt.
„Er wird kommen.“ Sie weinte. Diesmal waren es Tränen der Freude.
„Er wird Rom verlassen und in seine Heimat zurückkehren.“
Ich versuchte sie zu beruhigen, sah es als Laune einer Hochschwangeren, die einen unglaublichen Weg hinter sich hatte.
Wer konnte sie dafür tadeln?
Die Geburt kostete sie fast das Leben.
Sie war eigentlich zu alt und es waren tatsächlich Zwillinge.
Ein Junge und ein Mädchen. Klein, aber gesund und laut.
Ich habe sie nie glücklicher gesehen, als in dem Moment, als Atlind ihr die Neugeborenen an die Brust legte.
Atlind.  

Sie war ihr auf ihrer Reise begegnet, dann hatten sie sich aus den Augen verloren.
Lange vor  der Geburt erzählte ein Händler von einem Tencterer namens Hagen, der mit seiner Frau aus der Sklaverei  entkommen sei.
Berane fragte ihn  aus. Sie schien sehr bewegt. Er versprach diesem Hagen eine Botschaft zu überbringen. Im  Frühsommer kamen ein riesiger Mann und eine zarte, kleine Frau in Widos Tal. Sie hatte ihr  Kind bei sich. Es lief bereits.
Ein kleines Mädchen. Ihr Name ist ebenfalls Berane.
Atlind  half bei der Niederkunft, pflegte Berane bis sie die Zwillinge allein versorgen konnte.
Hagen, ihr Mann,  half ihnen, wo er konnte.
Die kleine Berane war oft bei mir.
Seit Wittgern tot ist, sind Kinder mir ein großer Trost.
Sie nannte sie Selene und Claudius. Ich fragte sie verwundert, warum sie solch fremdartige Namen gewählt habe.
„Edred, ich nenne sie nach den Menschen, die ihr Vater einst am meisten geliebt hat. Ich hoffe er wird sie irgendwann genauso lieben.“
Mehr und mehr vertraute ich ihren Träumen.
Meine Deutung der Runen war eingetroffen.
Du wirst von der Kälte in die Hitze gehen. Du wirst finden um gleich darauf zu verlieren und das wird mehr als einmal geschehen. Du wirst im Schatten der Wölfin morden und zwei Mal sterben , um zu leben.
Ich sah ihre Visionen  immer weniger als Wunschdenken an.
 Berane ist keine  törichte Träumerin.
Im Spätherbst des letzten Jahres kaufte sie  einem römischen Händler sein Gehöft ab. Zwei Milchkühe und ein Pferd. Nicht weit vom nächsten Dorf, in einer Lichtung im Wald. Ich besuchte sie oft.
Hagen und Atlind wollten im Sommer wieder kommen. Die Kinder gediehen.
Berane schien glücklich.
„Wartest du noch immer ?“ fragte ich sie. Sie nickte.
„Soll ich dir die Runen legen.?“ bot ich ihr an. Ich wollte ihr Kummer ersparen.
Sie lehnte lächelnd ab.
„Er wird kommen.“ Ein Jahr verging.
Selene und Claudius liefen und begannen zu sprechen.
Sie ähneln sich nicht. Selene hat eisige, helle Augen, ist bedacht .
Claudius  Augen  sind wie die seiner Mutter.
 Er ist ungestümer als seine Schwester, lacht viel.
Und dann begegnete ich an diesem Abend im Spätherbst  dem Fremden.
Ich hatte Fladen gebacken, denn Berane bekam sie noch immer nicht so hin wie ich. Also buk ich zwei mal die Woche Brot in ihrem Haus.
Gunthar hatte sie gebeten in Widos Tal  zu bleiben, aber sie hatte abgelehnt.
„Komm sooft du magst, Gunthar, du bist stets willkommen.“
Mit diesen Worten hatte sie sich von ihm verabschiedet.
Sie hat ihm erklärt, warum sie ihr Versprechen vor dem Winter zurückzukommen, nicht hatte halten können.
Gunthar war zunächst  sehr enttäuscht, aber er besuchte uns ab und zu  und schloss die Kinder schnell ins Herz.
Der Fremde hatte Selenes Augen. So erkannte ich ihn.

Berane

Selene stand reglos in der Tür. Ich hatte sie und ihren Bruder gesucht.
Es wurde dunkel, Zeit ins Haus zu kommen.
Die beiden waren müde, aber wie immer nicht bereit dies zuzugeben.
Es ist ein Wunder.
In einem Moment der Verzweiflung wurde ihre Existenz begründet.
Fast hätte ich sie verloren.
Durch die Aufregungen der ersten Zeit nach der Empfängnis und die unruhige Heimfahrt hatte ich immer wieder Blutungen.
Meine Schwangerschaft war schwierig und ihre Geburt fast mein Tod.
Ohne meine Kenntnisse der Heilkunst hätten weder die Kinder noch ich diese Zeit überstanden.
Sie sind ein Geschenk. Freyas Geschenk an mich.
Und wie  bei allen ihren Gaben, muss man sie sich verdienen.
Claudius war mehr wie sein Vater, ähnelte äußerlich jedoch  mir.
Selene war mir ähnlich im Wesen und besaß Maximus helle, kühle Augen.

Er und ich haben in dieser Nacht in Rom zwei Wesen geschaffen, die uns gleichen und  doch sie selbst sind.
Die Züge von uns beiden ineinander vereinigen.

Ich rief Selene,  hob sie hoch.
Ihr Ärmchen deutete in den Garten, von wo Claudius Stimme erklang, als ich sie nach ihm fragte. Sie sprach wenig, verstand aber sehr viel. Meine kluge Tochter.
Ein Geräusch ließ uns beide zum Hof schauen.
Ein Reiter stand dort. Er war abgestiegen, hatte sich uns bis auf wenige Schritte genähert. Ein dichter Bart bedeckte sein Gesicht, das Haar hing ihm bis auf die Schultern. Ich hatte Angst vor ihm, bemerkte, dass ich fühlte, was Selene fühlte.
Ich hatte es wieder und wieder  gesehen. Ihre Angst empfunden.
Aber diesmal war sein Gesicht kein Schatten.
Es war Maximus Gesicht.
Claudius kam zu uns, hielt sich ängstlich an meinem Bein fest, sah den Fremden misstrauisch an. Der machte einen zögernden Schritt vorwärts.
Dann räusperte er sich.
„Wie heißen sie?“ fragte er heiser mit dieser Stimme, die ich unter Tausend erkennen würde.
„Dies ist Selene und ihr Bruder heißt Claudius.“ antwortete  ich.
Er musterte uns lange, als traue er seinen Augen nicht. Sein Blick wanderte immer wieder von meinem Gesicht zu den Kindern und zurück.
„Wo ist der Vater?“ wagte er zu fragen.
Ich sah die Angst in seinem Blick. Behutsam  nahm ich Claudius auf den anderen Arm und ging auf den Besucher zu.
Die  Kinder begannen zu weinen. Sie fürchteten sich vor dem  Fremden.
Er wich zurück, sah dabei  sehr hilflos und schuldbewusst  aus.
„Schhhh, Schhh“ beruhigte ich sie. „Nicht weinen. Wer wird denn weinen.“
Selene und Claudius verstummten beim besänftigenden Klang meiner Stimme, sahen ihn neugierig an.
„Wo ist ihr Vater..?“ stellte er die Frage erneut.
Seine Stimme klang vorsichtiger, leiser als beim ersten Mal.
Mehr als zwei Jahre waren vergangen.
Mir war es wie gestern.
Dass ich ihn gesehen hatte. Ihn berührt, geküsst, geliebt hatte.

„Ihr Vater ist gerade nach hause gekommen.“ versicherte ich ihm.
Ein zaghaftes Lächeln verdrängte den besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht bei meinen Worten. Ich erwiderte es.

„Er ist endlich heimgekehrt.“

                                      ENDE

                                                                         

EPILOG

Maximus verbrachte den Winter in Germanien.
Selene und Claudius gewöhnten sich bald an ihn und nannten ihn ‚Vater’ bevor er sie wieder verlassen musste. Besonders Selene fasste sehr schnell Vertrauen.
Beranes Wunsch, er möge diese beiden so lieben, wie er seine erste Frau und ihr Kind geliebt hatte, erfüllte sich wenige Wochen, nachdem er sie gefunden hatte. Sie entdeckte ihn, beide Kinder im Arm, schlafend auf ihrem Lager.
Das Lächeln auf seinen Zügen sagte mehr als Worte
.

Im Frühjahr kehrte er nach Trujillo zurück, um sich um sein Anwesen und im Laufe des Sommers um die Weinernte zu kümmern.

Berane lehnte es ab die warme Jahreszeit mit den Kindern in einem heißen Land  wie Spanien zu verbringen. Sie hatte unter dem Klima in Zucchabar und Rom  sehr gelitten. Zudem ging es Edred nicht gut. Sie wollte sie nicht allein lassen.
Sie ließ keinen Zweifel daran, wie sehr sie es bedauerte, sich von Maximus trennen zu müssen. Er machte ihr keinen Vorwurf.
Maximus kehrte nach der Weinlese im Herbst  zurück ins Donautal, um seinem alten Freund Hagen, Atlind und ihre Tochter wieder zu begegnen.

Edred starb im Spätwinter 184 A.D.

Im Frühjahr darauf  brachen Berane, Maximus und die Kinder auf nach Trujillo. Gunthar begleitete sie.
Er und Maximus verstanden sich sehr gut und die Kinder liebten ihn.
In Spanien wurde er Maximus rechte Hand, bis zu seinem Tod im Jahre 189.
Berane überließ das Haus und die Summe, die sie jährlich vom Senat in Rom  bekam Hagen und Atlind.
Sie besuchte sie jedes Jahr in Germanien, wenn es ihr in Trujillo zu heiß wurde.

Berane ging das Risiko ein und  wurde im nächsten Jahr noch einmal schwanger. Zu ihrem Erstaunen verlief es diesmal völlig anders.
Sie hatte kaum Beschwerden und gebar im Herbst  186 eine zweite Tochter.
Sie nannten sie Edred. Danach hatte sie eine Fehlgeburt, von der sie sich nur langsam erholte. Maximus war sehr in Sorge, versicherte ihr, er sei glücklich und ein weiteres Kind sei es nicht wert ihr Leben zu riskieren.
Er hatte einige Missernten, konnte sich aber Dank der Rücklagen aus seiner Zeit in Rom über Wasser halten.
Schließlich wendete sich das Blatt und der Wein vom Gut Meridius wurde ein feststehender Begriff im Süden Spaniens.
Claudius interessierte sich sehr für den Weinbau. Er übernahm die Verwaltung des Anwesens an seinem zwanzigsten Geburtstag. Sein Vater war 58 Jahre alt, seine Mutter 55.

Selene heiratete den Sohn eines befreundeten Weinbauern, wurde auf eigenen Wunsch von Berane in der Heilkunst unterwiesen. Sie bekam zwei Söhne.

Claudius heiratete erst nach dem Tod seiner Eltern, wurde Vater von drei Töchtern und zwei Söhnen.

Berane  überlebte Maximus. Er starb mit 68 Jahren im Schlaf.
Sie fand ihn am Morgen. Leblos. Als sie die ersten Wochen  der Trauer überwunden hatte, dankte sie Freya.
Ein gnädiger Tod. Er wurde in dem Mausoleum beigesetzt, neben seiner ersten Frau Selene und ihrem Sohn.

Berane holte  Hagen und Atlind  nach Trujillo, verbrachte ihren Lebensabend im Kreis ihrer Kinder, Enkel und Freunde.
Sie starb an einem herrlichen Herbsttag , 15 Monate  nach Maximus im Alter von 66 Jahren.
Schon vor Maximus Tod  hatte sie gewusst, dass  eine zehrende Krankheit  ihr nicht mehr viel Zeit lassen würde. Ihre Familie beerdigte sie an seiner Seite.
Sie hatte es nur Selene gesagt, die sie behandelte, bis sie starb, hatte immer gehofft ihr Mann würde vor ihr gehen, um ihm dies zu ersparen.

Sie hat ihren Kindern und  Enkeln nur wenig  von der Zeit in Afrika und Rom erzählt. Auch er hatte kaum darüber gesprochen- auf ihren Wunsch.
Atlind fragte sie einmal weshalb.
„Ich will sie nicht erschrecken.“ antwortete sie.
„Es war unser Weg. Er war hart. Ich habe dennoch soviel Glück erfahren.
Sie sollen ihren  eigenen  Weg gehen. Von Herzen wünsche ich ihnen, er möge leichter sein, als der, den wir gehen mussten. Und sie sollen soviel Glück erleben, wie uns vergönnt war.“

Die Gedenktafel auf ihrer und Maximus Grabstätte trug folgende  Inschrift:

Wie klein ist doch der Teil des Unendlichen und der weltoffenen Ewigkeit, der einem eben zugemessen ist. Mach dir das alles innerlich klar und denke nichts Großes mehr als dies:
Zu handeln, wie dich deine eigene Natur leitet und zu leiden,
wie es die allgemeine Natur mit sich bringt.

 Mera Luna ,    20.12.2003

 

Quellen :

‚Gladiator’ & Bonus Material / Dreamworks

‘ Lightbearer/ Mondfeuer’ /Donna Gillespie

‘ The beacon at Alexandria’/ der Leuchtturm von Alevandria’/ Gillian Bradshaw

PM Perspektive 69/ Das Leben im alten Rom

PM History / Spartacus

BBC One / Colosseum- Romes Arena of Death

 

Anmerkungen:
Die ersten Worte brachte ich am 29.5.2000  zu Papier(!), nachdem ich ‚Gladiator’ das erste Mal in OV gesehen hatte.
Es war ca. 23.30.
Den letzten Satz schrieb ich am 20.12.2003 um ca.23.45.

Die Storyline stand bereits vor Jahren fest, nach einigen alternativen Handlungsverläufen entschied ich mich Anfang des vergangenen Jahres für die aktuelle  Version.

Es gibt mittlerweile Parallelen zum  aktuellen wahren Leben, aber sie hatten  damals  noch keinerlei Einfluss auf mich.
Eine Schwangerschaft als dramaturgisches Element einzubauen, hatte den Grund  in der  Konsequenz der Story und ihrer Entwicklung dahin zu kommen, wohin ich wollte und stand von Anfang an fest.
Keinesfalls wollte ich das wahre Leben imitieren. Ich habe mir überlegt , es zu ändern, als die Situation da war. Die ganze Story umzuschreiben, schien mir aber ungerechtfertigt.

Deshalb diese Anmerkung um den Verdacht zu widerlegen, ich hätte RCs Privatleben hier  einfließen lassen, um einen Effekt zu erzielen.
Das war nie meine Motivation.

Die Figur der Auriane ist angelehnt an die  gleichnamige Heldin aus ‚Mondfeuer’.
Ich habe nichts kopiert aus den Quellen, mich lediglich inspirieren lassen.

Anfangs als Kurzgeschichte angelegt, ist ein Roman draus geworden.
Ich kann es manchmal kaum glauben, dass ich all das geschrieben haben soll.

Ich danke allen, die mich dabei unterstützt haben für ihr Feedback und ihr Lob.
Vor allem meinem Editor, der es mir ermöglicht hat, mich während des vergangenen letzten Jahres, in dem ich die Rohfassung von 2000 überarbeitet habe, dank der Kritik und Anregungen wesentlich zu verbessern.

Wenn es denen, die ‚Im Schatten der Wölfin’ ‚ gelesen haben auch nur halb so viel Spaß gemacht hat wie mir das Schreiben, dann bin ich mehr als zufrieden.

I hope you were entertained.

                                                                       Mera Luna 12/2003