|
DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
|
Fünftes Kapitel – Die Reise auf dem Nil |
|
Der trauernde Mann weiß nicht, wie lange er seinen Erinnerungen nachgehangen hat, doch nächtliche Finsternis breitet sich im abgedunkelten Zimmer aus. Auch der Straßenlärm hat erheblich nachgelassen, ist fast erstorben. Das Wachs einer der Kerzen, die bereits bis zum Stumpf abgebrannt sind, beginnt langsam und stetig zu Boden zu tropfen, und ein Häufchen erstarrten Wachses hat sich zu einem weißen Hügel auf dem gebeizten Parkettboden angesammelt . Frédéric klingelt nach dem Mädchen, das daraufhin sofort lautlos erscheint: „Anna, bitte bringen Sie frische Kerzen und versuchen sie, den Boden zu reinigen“. Das Mädchen eilt aus dem Raum, um seinen Anordnungen Folge zu leisten und Frédéric verlässt den stark nach welkenden Blumen riechenden Raum und begibt sich in sein Arbeitszimmer. Auch dieses ist Holzgetäfelt und sein Schreibtisch, der fast die gesamte Breite der einen Zimmerseite einnimmt, ist übersät von Plänen und Ordnern. Er geht um den Tisch herum und lässt sich in den Ledergepolsterten Drehfauteuil fallen, mit dem er sich langsam zum Fenster hin wendet. Er schiebt die dunkelgrünen Damastvorhänge zur Seite und späht auf die dunkle Strasse hinaus. Sie ist fast menschenleer und es hat wieder zu schneien begonnen. Ein Blick auf die antike Wanduhr bestätigt dem Mann, dass er viele Stunden im Zimmer seiner verstorbenen Frau verbracht hat. Allein mit seinen Erinnerungen. Allein mit der einzigen Liebe seines Lebens, die er der Erde übergeben musste. Es geht bereits auf 23.00 Uhr. Er greift zum Telefon, wird jedoch durch zaghaftes Klopfen bei seiner Betätigung unterbrochen. „Ja, bitte?“ fragt er ungeduldig, und schüchtern steckt Anna ihren Kopf in den Türspalt: „Wollen sie nicht eine Kleinigkeit zu sich nehmen, Herr Direktor?“ Ihre Stimme hat einen besorgten Klang angenommen. „Nein, danke Anna, ich habe heute keinen Hunger und werde bald zu Bett gehen. Ist alles für morgen bereit und organisiert?“ Anna denkt mit Nervosität an den morgigen Tag, die bevorstehende Beerdigung und den anschließenden Empfang, der hier im Haupthaus stattfinden soll. „Ja, ich denke schon, Herr Direktor! Ich habe heute Abend nochmals alles mit Karl durchgesprochen!“ Karl ist seit Jahren der Chauffeur Frédérics, aber auch „der Mann für jede Gelegenheit“. Er ist im Hause tätig, kümmert sich um die internen Probleme und Erledigungen und ist seit kurzem mit der jüngeren Anna liiert. „Sie können schlafen gehen, Anna! Was ist mit meiner Tochter? Geht es ihr gut?“ Anna nickt: “Sie hat zwar wieder nach ihrer Mutter gefragt, doch wir konnten sie ablenken und schließlich ist sie eingeschlafen, nachdem sie eine Weile gewartet hat, ob Sie doch noch zu ihr hereinschauen würden, Herr Direktor!“ Zerstreut nickt Frédéric und Anna schließt leise die gepolsterte Tür hinter sich. ‚Ja, das Kind’, denkt er und fährt sich mit beiden Händen abwechselnd durch das dichte Haar. ‚Wie wird es seine Mutter vermissen, verdammt! Wie soll ich sie ersetzen könne, wo die Kleine mich je kaum zu Gesicht bekommen hat?’ Elisabeth hatte vielmehr Vater und Mutter für die Tochter sein müssen, während er seiner Arbeit tausende von Kilometern entfernt nachgegangen war.
Das Hauptwerk des Hollowitz-Konzerns befindet sich auf einem riesigen Industriegelände außerhalb der Stadt und beschäftigt über zweitausend Leute. Hinzu kommen etwa tausend im Konzern von Brasilien. Der alte Theodor Hollowitz hatte eine monumentale Firma hinterlassen und es wurde oft genug gemunkelt, dass die Enteignung der jüdischen Familien Deutschlands eine große Rolle bei der Anhäufung dieses Reichtums spielte. Frédéric hat sich diese Frage nie gestellt und wies jeden Gedanken an dieses dunkle Kapitel der Weltgeschichte weit von sich. Er nimmt den Telefonhörer und meldet ein Ferngespräch nach Ägypten an. Es vergehen gut 10 Minuten bis der Apparat seines Schreibtisches läutet und er endlich mit dem Freund sprechen kann. Smaïn erkundigt sich nur kurz nach dem Befinden seines Chefs und Freundes mit der allgemeinen Floskel „Ca va?“ die der Angesprochene ebenso erwidert. Es ist nicht das Interesse, das dem Ägypter am Befinden seines Freundes fehlt, sondern der Takt, der ihm verbietet, weiter nachzufragen. Was der andere jetzt fühlt, kann gerade er nur zu gut nachempfinden. „Frédéric, ich hoffe, du kannst bereits in spätestens zwei Tagen abreisen und nach Assuan kommen!“ „Ich komme und zwar schon morgen Nacht!“ erwidert der Mann, der seinen Kopf in die linke aufgestützte Hand gelegt hat und sich zerstreut durchs volle Haar fährt. Nur weg hier! Jede Gelegenheit ist ihm willkommen, um Europa erneut den Rücken zu kehren. „Gibt es etwas Besonderes bei Euch? Irgendwelche Schwierigkeiten?“ erkundigt er sich nun. „Na ja, einige Probleme mit der zweiten Equipe. Sieht aus, als würden extremistische Aufwiegler Einfluss auf einige Arbeiter haben, was eine gewisse Unruhe im Arbeiterlager herauf beschwört. Aber ich erkläre dir alles an Ort und Stelle und ich habe die Sache vorerst im Griff!“ Rasch verabschieden sich die Männer voneinander und Frédéric beschließt, noch ein letztes Glas Whisky zu leeren und weiß, dass es sinnvoller wäre, Schlaf zu suchen. Weit zurück gelehnt macht er die Schreibtischlampe aus und starrt in die dunklen Ecken des vertrauten Raumes, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen...... *******
Er versucht sich an die Nilreise zu erinnern, die er und Smaïn damals gemeinsam nach Assuan unternommen hatten. Es war der Vorschlag Smaïns gewesen, sich Zeit zu lassen und per Schiff zu reisen, so konnte der Freund noch die Eindrücke des Landes auf sich wirken lassen. Seiner Meinung nach war es sehr wichtig, dass Frédéric Land und Leute besser kennen lernte und auch verstand. Zu Besichtigungsreisen würden sie später kaum noch Zeit haben, meinte er, und Frédéric war es mehr als recht, so viel wie möglich über Ägypten zu erfahren und zu sehen. Er hatte einiges nachzuholen auf diesem Gebiet.
Der Nildampfer hieß „Amenophis III.“, nach dem großen Pharao der 18. Dynastie benannt. Diese Nilschiffe trugen alle sehr klangvolle Namen, wie „Nile Crocodile“ oder „Cleopatra“, „Egyptian Sunrise“, „Osiris“ oder „Isis“. Es war ein Schiff der gehobenen Klasse, ein schwimmendes Hotel, und er genoss diese Tage in vollen Zügen. Jeden Tag konnte er mit Verwunderung feststellen, wie seine Zuneigung zu Ägypten wuchs und wuchs. Er konnte stundenlang am Sonnendeck stehen und die vorbeiziehende Landschaft betrachten, wenn Plantagen in Felder übergingen, Städte und Dörfer sichtbar wurden, die barfüssigen Kinder Schafherden zum Grasen führten, und so mancher Tempel am Horizont auftauchte und langsam wieder seinen Blicken entschwand. Er beobachtete den Sonnenuntergang am Westufer des Flusses und eine stille, tiefe Ehrfurcht vor der Kultur und Schönheit des fünftausendjährigen Reiches erfüllte sein Herz. Das Schiff fuhr gemächlich stromaufwärts in Richtung Theben, dem heutigen Luxor, und sein Wissen um Altägypten hatte sich dank Smaïns um einiges erweitert. Trotzdem die heutigen Ägypter mit dem früheren Volk nichts gemeinsam hatten, war es in Fragen des Glaubens oder der Gepflogenheiten, fühlte sich der Mann auf gewisse Weise zu dem heiteren Volk, das Ägypten 640 nach Christus erobert und islamisiert hatte, hingezogen. Irgendwie verschmolz die Antike mit dem Jetzt und bildete eine harmonische Einheit. Er wunderte sich immer wieder, wie stolz die Ägypter auf die Vergangenheit waren, sie betrachteten die Pharaonen und ihr Volk als ihre Vorfahren, ihre Geschichte, und er war ziemlich sicher, dass die meisten nicht einmal wussten, dass es historisch gesehen, keinerlei Verwandtschaft zwischen beiden gab. Doch es störte ihn nicht, im Gegenteil, er amüsierte sich über ihren stolzen Eifer. Immerhin lebte das Volk von dieser bemerkenswerten alten Kultur. Smaïn, der Ägyptologie studiert hatte, wusste sehr wohl um die geschichtlichen Tatsachen, doch auch er sprach von „seinen Vorfahren“ und Frédéric ließ ihn gewähren. Vielleicht war es die Ungewissheit des eigenen Ursprungs, die er hier gegen eine glorreiche Vergangenheit seiner Ahnen, dem Ansehen in aller Welt, eintauschen wollte. Es war gut, seine Wurzeln zu kennen, was machte es da schon aus, wenn es vielleicht nicht ganz die eigenen waren, möglich war schließlich alles in einer solch langen Zeitspanne und den Wirrnissen der Vergangenheit. Frédéric hatte festgestellt, dass Smaïn den muslimischen Gebräuchen nicht Folge leistete, er trank gerne ein Glas Wein mit ihm und hielt die Gebetsstunden auch nie ein, sondern schenkte ihnen keinerlei Beachtung, wenn sich seine Landsleute gegen Mekka verbeugten. Seine Miene blickte dann starr aufs gegenüberliegende Ufer des Nils und er dachte an seine Familie, die von den Anhängern Allahs und in dessen Namen hingemetzelt worden war. So hatte er anscheinend den Glauben an alles Göttliche verloren. Die Besatzung des Schiffes war fast ausschließlich nubischer Herkunft. Die Nubier waren seit jeher als nicht ortsansässig bekannt und liebten es, frei umherzuziehen. Die ideale Beschäftigung und ein wahr gewordener Traum für viele junge Männer war es, Arbeit auf einem dieser Schiffe gefunden zu haben. Sie gehörten dann zu den begünstigten Einwohnern des Landes.
Ägyptens Bevölkerung war stetig im Anwachsen, die Armut groß und allgegenwärtig, einen Job dieser Art zu bekommen, im Touristengeschäft arbeiten zu können, war eine einmalige Chance für jeden einzelnen Ägypter. Der schmale grüne Uferstreifen des „Vater allen Lebens“, des Nils, ernährte kaum seine 29 Millionen Einwohner. Täglich stieg die Zahl der Bewohner des Landes „Kemet“ an und schuf neue Probleme. Nur im Delta war genug Ackerboden und fruchtbares Land vorhanden. 96 Prozent der Flächen des Landes waren Wüste, Gebirge oder steiniges Distelgebiet. Trotz der schwierigen Lebensbedingungen der Einwohner legten diese eine positive Lebenseinstellung und allgegenwärtige Heiterkeit an den Tag, worüber Frédéric sich nicht genug wundern konnte.
Vor der Antike Ägyptens, Zehntausende von Jahren vor unserer Zeitrechnung, waren die Ufer bis weit in die Wüste überschwemmt und in dem dichten Sumpfgebiet tummelten sich Krokodile, Löwen, Giraffen, Nilpferde, Elefanten und sogar Nashörner . In Pharaonischen Zeiten wurde der Stand des Flusses alljährlich anhand des Nilometers gemessen und man wusste im Voraus wie reich oder gering die bevorstehende Ernte sein würde. Der unumstrittene, allmächtige Gott des Nils, Hapi, war der alleinige Herrscher über Leben und Tod der Bewohner des Landes. Mit Gold und Opferriten versuchte man ihn und die vielen übrigen Götter, Amun, Re, Osiris oder Horus, versöhnlich zu stimmen. 1889 wurde schließlich mit dem Bau des ersten Staudammes begonnen und 1952 mit dem neuen Assuan- Staudamm, der zweiunddreißig Mal mehr Wasservolumen zurückhalten sollte, wie der erste. So wollte man dem Wüstengebiet kostbares Ackerland abringen um die wachsende Bevölkerung ernähren zu können. Die Frage des Überlebens war vorrangig, die mächtigen Pharaonen und ihre Bauwerke schienen verloren zu sein. Das Hilfsprojekt der UNESCO plante schließlich mehrere Rettungsaktionen, 14 Tempel sollten abgebaut und Stein für Stein höher gelegen, und so der Gefahr des Wassers nicht mehr ausgesetzt, wieder aufgebaut werden.
Bei Kena, der Provinzhauptstadt, legte das Schiff zum ersten Male an, und ein ganzer Tag diente der Besichtigung von Abydos, dem heiligen Tempelbezirk des Pharaos Sethis I., sowie des Hathortempels in Dendera, einem gut erhaltenen Heiligtum aus der Zeit Kleopatras, in dem auch das einzige von ihr erhaltene Porträt zu besichtigen war. Während sie von Halle zu Halle schritten, lauschte Frédéric den Ausführungen seines Partners: “ Überlege einmal diese Zeitrelation: zwischen Sethis I, der ja der Vater Ramses II war, und der Regierungszeit Kleopatras liegen über 900 Jahre! Das ist ungefähr soviel an Jahren, die zwischen den ersten Kreuzritterzügen und der heutigen Gegenwart liegen, also vom tiefsten Mittelalter bis in unser modernes Zeitalter, in dem wir leben! Wie viel hat sich da verändert! Im Gegensatz dazu hatte sich die Religion und die Lebensart der Ägypter in den 900 Jahren keinesfalls verändert, trotz fremder Herrscher, Kriege und katastrophaler Perioden. Die Macht und der Reichtum Ägyptens war immer noch so sagenhaft wie seit jeher, die Götter und rechtmäßigen Pharaonen hatten letztendlich immer wieder gesiegt und waren die uneingeschränkten Herrscher über das Land Kemet.“ Über diese Jahrtausende überlebende Macht Ägyptens hatte Frédéric schon öfters nachgedacht, und er konnte Smaïn nur ehrfürchtig zustimmen.
Abends wurde die Fahrt in Richtung Theben fortgesetzt, das man am nächsten Vormittag erreichte. Luxor, das einstige Theben, befand sich am Ostufer des Nils und die Stadt gruppierte sich um die beiden Tempelbezirke Luxor und Karnak. Am Westufer des Nils befand sich die Stadt der Toten, die Totentempel der Könige, das Tal der Könige und der Königinnen. Wie auch damals konnte das gebirgige Wüstental nur mit Booten und Fähren erreicht werden. Die Prozessionen setzten über den Fluss und die Toten wurden im stillen, tiefen Bergeinschnitt, in ausgehobenen Felsengräbern beigesetzt. Schon in antiker Zeit gab es Grabräuber und Beamte, die die Gräber beaufsichtigten, so wie heute noch und auch damals waren diese angesichts der Reichtümer, die hier vergraben lagen, teilweise bestechlich und ständig der Versuchung ausgesetzt sich auf diese Art zu bereichern.
Der sagenhafte Fund des Grabes des jungen Königs Tut Anch Amun ging in den zwanziger Jahren um die Welt und das antike Ägypten rief eine weltweite Hysterie in der gehobenen Gesellschaft jener Zeit hervor. Spekulationen über verborgene Schätze erschwerten den Wissenschaftlern ihre Arbeit, und Diebstahl und Hehlerei von antiken Fundstücken nahmen beängstigende Ausmaße an. Villen und Häuser mussten in ägyptischem Stil eingerichtet werden, und in den Salons der mondänen Welt standen echte Sarkophage herum, denn die Partys, die man veranstaltete, standen alle unter dem Motto „Ägypten“. Nur so war man „in“. Man identifizierte sich gerne mit der sagenumwobenen Kleopatra oder einem Abkömmling des Königshauses. Jeder zweite war der Ansicht, er sei einer der wiedergeborenen Herrscher...
Das Nilschiff „Amenophis III“ sollte hier zwei Tage lang vor Anker liegen bleiben. Das gab den beiden Kollegen die Gelegenheit Tempel und Westufer näher betrachten zu können. Die Ausmaße des Karnak-Tempelbezirkes mit seinen Riesensäulen von dreiundzwanzig Metern Höhe, an denen noch teilweise die Originalfarben wie durch ein Wunder erhalten waren, verschlugen Frédéric den Atem. Jedes Mal, wenn er dachte, er hätte nun das kolossalste Monument besucht, wurde er eines Besseren belehrt. Man konnte nur dastehen, den Kopf weit in den Nacken zurücklehnen und versuchen, die Größe des Gesehenen zu erfassen. Zehn Meter Umfang hatten die stärksten unter ihnen, und einen Durchmesser von über drei Metern fünfzig! Während des Spazierganges durch die kilometerweite Anlage mit ihren Kapellen, Heiligtümern, Säulenwäldern und Sälen empfand Frédéric ganz plötzlich große Dankbarkeit seinem Schicksal gegenüber. Er fühlte sich als Auserwählter. Sein Leben war bestimmt von Abenteuer und Entdeckung, Herausforderung und Sieg. All die Opfer, die er oder seiner Familie auferlegt wurden, hatten beigetragen sein nunmehriges Leben zu bestimmen und zu lenken. Angesichts dieser Größe kam er sich als Spielball der kosmischen Mächte vor, und eine Art von Glauben, den er verloren geglaubt hatte, ergriff Besitz von seiner Seele. Nichts war sinnlos im Laufe der Bestehung der Erde und ihrer Entstehung, alles war geplant und vorbereitet und er war ein Rädchen im Uhrwerk der Zeit und der Dinge, die es zu tun galt. Die Maat, die allausgleichende Gerechtigkeit und Weltordnung, an die die alten Ägypter glaubten und nach der sie ihr Leben ausrichteten, erschien ihm logisch und allgegenwärtig. Ihm wurde klar, dass es sich bei dem Rettungsprojekt „Abu Simbel“ nicht um einen gewaltigen Auftrag der Industriewelt handelte, sondern um einen, im voraus geplanten Auftrag der Götter, einer heiligen Handlung, die erfolgreich durchgeführt werden musste, egal unter welchen Opfern und mit welchen Mitteln. Diese Erkenntnis durchfloss seine Seele wie ein warmer, beruhigender Strom von Energie und er fühlte sich eins mit den Mächten des Universums, egal wie sie auch hießen, Allah, Jehova oder Amun-Ra. Im Prinzip war alles das Eine und Ewige, alles Bestimmende. Smaïn war der friedliche, entspannte Ausdruck auf dem Gesicht des Partners aufgefallen, und er lächelte, da er genau wusste, welchen Eindruck Karnak auf „Nichtgläubige“ hinterlassen konnte. Sie wurden bekehrt, so einfach war das.
Nachdem sie das Tal der Könige besucht hatten und sich der zweite Tag dem Ende zuneigte, fuhren sie nicht wie die übrigen Besucher per Bus zum Bootsanlegesteg zurück, sondern nahmen den steilen Fußpfad, der über den Berggrat führte und über den seit antiken Zeiten Grabräuber und Plünderer ihre geraubten Schätze, teils auf Eselsrücken, davon schleppten. Der Weg stieg steil bergan und kleine Steine und Felsbrocken lösten sich unter ihrem Schuhwerk, um bis ins Tal zurück zu rollen. Hoch oben war es angenehm frisch, ein sachter Wind verkündete den nahenden Abend und sie blickten zurück ins Tal der Gräber. Tief unten wand sich der steinige Weg zu den Felsengrotten der Beerdigungsschächte und vereinzelt kreisten Raubvögel über den hervorspringenden Felsen. Friedliche Ruhe lag über dem Ganzen, ein Anblick und spürbarer Eindruck von Ewigkeit, der seit Jahrtausenden unverändert war. Eine Zeitlang wanderten sie schweigend den Berggrat entlang, um einen geeigneten Pfad für den Abstieg zu suchen. Der Ausblick war von majestätischer Schönheit und Größe. Frédéric überschattete seine Augen mit der flachen Hand und der leise säuselnde Wind spielte in seinem Haar, das sich leicht gelockt um seinen Hals kräuselte. In seinem Gesicht spiegelte sich die Verbundenheit mit diesem Ort wieder. Direkt unter ihnen lag der Felsentempel von Deir el Bahari, Totentempel der Königin Hatschepsut, dessen Entwurf und Pläne von deren Berater und Geliebten Senemut stammten, und der unterhalb des Tempels seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Sanft senkte die Nachmittagssonne ihre Strahlen auf den klassischen Bau architektonischer Perfektion und färbte den Stein golden mit einer Spur ins Rosarot.
Er musste seinen Blick gewaltsam abwenden, um nicht auf dem Geröll auszurutschen. Ein Sturz wäre fatal gewesen und möglicherweise sogar tödlich. Er wäre geradewegs mit gebrochenem Hals in die Arme des Todesgottes Anubis gesegelt. Unterhalb des Tempels begann der grüne Uferstreifen des Nils, der sich bis zum Fluss hinzog, welcher als silbriges Band in der Tiefstehenden Sonne glänzte. Luxor, am Horizont, verschmolz mit dem tiefblauem Himmel, dessen Farbe leicht ins Violette überging. Die Männer wählten einen steilen Abstieg, um so Zeit zu sparen. Die Dämmerung dauerte in Ägypten nur sehr kurze Zeit an, und in vollkommener Finsternis wurde der Weg lebensgefährlich, selbst für erfahrene Führer. Kaum hatten sie mit etwas zittrigen Knien, die von der Anstrengung herrührten, den Eingang des Tempels erreicht, ging die Sonne hinter den Bergen unter, und riesige Schatten breiteten sich über Hatschepsuts Totenreich aus, gleich den Schwingen des Horus. Smaïn war jedoch der Ansicht, dass man einen kurzen Rundgang durch den sagenhaften Bau unternehmen sollte. Gleich einer Theaterbühne schob sich der Tempel aus dem Schoss der steilen Felsenwand hervor. Eine Rampe führte zur ersten Terrasse und eine weitere zur zweiten hinauf. 200 Sphinxen säumten einst eine Allee, die durch duftende Blumengärten zum Totentempel führte.
Mit überzeugenden Worten, seiner Lizenz und einem angemessenen Bakschisch erhielten sie die Erlaubnis, sich noch kurze Zeit hier aufzuhalten, denn der Tempel wurde für die Öffentlichkeit zu dieser Stunde geschlossen. Die Männer hatten, wie bei jeder Besichtigung, Taschenlampen dabei und durchforschten die Galerien und Hallen auf eigene Gefahr. Kleine Fledermäuse erwachten zu Hunderten zum Leben und durchpflügten die Nacht, um auf Raubzug auszuschwirren. Smaïn beleuchtete die zart bemalten Reliefs, die die Expedition der Königin ins sagenumwobene Land Punt darstellten. Reich beladen wurde die königliche Barke, die Seeleute brachten seltene Bäume und Pflanzen an Bord, Ebenholz, Weihrauch und Felle, Elfenbein, Straußenfedern, Affen, Geparde und Giraffen. Die mitgebrachten Weihrauchbäume wurden vor den Totentempel der Pharaonin gesetzt. Sie waren bald eingewurzelt und zauberten einen grünenden Garten inmitten der Steinwüste Thebens. Es waren lebendige Wände, die zu den beiden Männern sprachen.
Smaïn erklärte: “Sie muss eine außergewöhnliche Frau gewesen sein, wahrhaftig göttliches Blut floss durch ihre Adern, denn sie war die erste Frau auf dem Pharaonenthron. Auch wenn manche sie als Usurpatorin bezeichnen. Erst war sie die königliche Gemahlin und Halbschwester des König Thutmosis II. und Tochter des großen Thutmosis I. Als die Macht an ihren Neffe und Stiefsohn Thutmosis III. überging, übernahm sie für ihn die Regierungsgeschäfte und dieses Land erblühte in den zwanzig Jahren ihrer Herrschaft zu Reichtum und Macht. Hier gehen die Meinungen der Ägyptologen auseinander: die einen meinen, sie hätte in Eintracht den Thron dem inzwischen erwachsenen Stiefsohn überlassen, die anderen sind vom Hass und den Rachegefühlen des so lange übergangenen Thronfolgers überzeugt. Ich persönlich halte diese Überlegungen für reine Spekulation! Er hätte ihr Andenken auf ewig ausgelöscht, ihren Namen auf Bauwerken und Gedenkstätten ausmeißeln lassen, wird ihm nachgesagt. Doch hätte er in diesem Falle seinen eigenen, bescheidenen Totentempel direkt neben dieses großartige Bauwerk der verhassten Nebenbuhlerin bauen lassen? Und doch – sieh nur, fast unscheinbar sind die Fundamente noch zu sehen! Meiner Meinung nach, haben andere das Antlitz der Königin ausmeißeln lassen, vielleicht sogar der Ketzerkönig Echnaton, oder die Priesterschaft, wer weiß.... Die Wahrheit haben sie alle mit ins Grab genommen. Doch dass sie in Vergessenheit geraten würde, das ist niemanden gelungen, wie man sieht!“ Frédéric blickte in das zarte, frauliche Antlitz, das die wenigen, von ihr erhaltenen Reliefs zeigten. Ihr Blick schien friedlich und gut. Sie liebte die weiten Erforschungsreisen und den Frieden. Die meisten ihrer Bilder waren ausgemeißelt und ausgeschlagen, oder auf Thutmosis I. verändert worden. Hatschepsut mit den Gottheiten, den männlichen Pharaonenbart umgebunden und in maskuliner Position dargestellt. „Als Thutmosis III. nach ihrem Tod, dessen nähere Umstände im Dunklen liegen, die Herrschaft übernahm, war es vorbei mit den ruhigen Zeiten. Ehrgeizig wollte er die Politik der Grenzerweiterung wieder aufnehmen und so wurde er mit seinen militärischen Strategien und Heerführungen der fähigste Feldherr, den Ägypten je hervorgebracht hatte, und er war auch der endgültige Bezwinger Nubiens.“ „Die umfangreiche Geschichte deines Landes, Smaïn, “ erwiderte Frédéric staunend, „ist unglaublich spannend und ich kann mich nur darüber wundern, wie viel man darüber noch weiß, nach so vielen Jahrtausenden!“ Smaïn lachte: “So viel wissen wir leider gar nicht, denn beim Brand der Bibliothek Alexandrias, zur Zeit Julius Cäsars, gingen an die neunhunderttausend Papyrusrollen für immer verloren! Stell dir vor, all das Wissen von den Flammen verschlungen! Nicht zuletzt haben wir viel deinem Landsmann Napoleon Bonaparte zu verdanken, der mit der Expedition nach Ägypten den Meilenstein für die moderne Ägyptologie setzte. Mit seinem Heer reisten Archäologen, Maler, Wissenschaftler, die katalogisierten und beschrieben, Zeichnungen anfertigten, und der Stein kam ins Rollen. Von dieser Zeit an begann die Emsigkeit der Gelehrten, trunken vor Wissensdurst fanden sie Unterstützung bei der Ägyptischen Verwaltung, und die Zeit der Ausgrabungen hatte begonnen. Und wieder ein Franzose, Champollion, öffnete für die Welt das Buch der Ägyptischen Mysterien, als er mit Hilfe des Steins von Rosette die Hieroglyphen zum ersten Mal entzifferte. So konnten wir ihr Leben von diesen Wänden ablesen. Die Ägypter liebten es, alles aufzuzeichnen, ihre Erinnerungen, Lebensgewohnheiten und Ereignisse, gute wie auch schlechte, für ewig in Stein fest zu halten. Wir stehen eigentlich erst am Beginn der Entdeckungen. Keiner weiß, welche Schätze unter den Tonnen von Sand und Stein verborgen liegen, aber ich kann dir sagen, nur einen winzigen Bruchteil davon haben wir bis jetzt entdeckt.“
Als sie den Tempel verließen, stand der Mond bereits hoch am Himmel. Vor dem Ausgang des weitläufigen Tempelareals stand ein einsames Taxi, das noch auf eine letzte Fuhr hoffte. Mit diesem begaben sich die beiden Männer, mit Staub bedeckt und verschwitzt, zurück zur Bootsanlegestelle und setzten von dort aus über nach Luxor, um ihr Schiff noch vor Mitternacht zu erreichen. Um ein Uhr morgens sollte es ablegen, und die Fahrt in Richtung Assuan wieder aufnehmen. Das Plätschern des Flusses gegen den Schiffsrumpf wiegte Frédéric in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen passierten sie die Schleuse von Esna, und kurz darauf die Stadt Edfu. Hier besuchten die beiden Freunde den Horus-Tempel, einen gut erhaltenen Bau aus der griechisch-römischen Epoche des Landes, der sie durch seine perfekte Ausrichtung und den exakten Linien seiner dicken Wände beeindruckte. Zurück am Schiff unterhielten sie sich mit einem grosspurigen, amerikanischen Müßiggänger, Mister Richard Hawks, dessen, um vieles jüngere Gattin, Frédéric schon manchen anzüglichen Blick seit Anbeginn ihrer Reise zugeworfen hatte. Nicht ohne sich über diesen alten Brauch lustig zu, lud der Amerikaner die beiden Männer zum Tee ein und man kam ins Gespräch. Anscheinend gelangweilt, ließ die schlanke Blondine in engen, halblangen Fischerhosen und knapp sitzender Rüschenbluse ihren Blick über den vorbeiziehenden Fluss schweifen, um aus den Augenwinkeln ihr kokettes Blickspiel mit Frédéric fortsetzen zu können. Dabei schlug sie abwechselnd das linke Bein über das rechte Knie und umgekehrt - langsam und fast auffordernd betont. Sie sprachen über Abu Simbel und der ältliche, blassgesichtige Ehemann erörterte angeberisch, als sei es sein persönlicher Verdienst, dass die Vereinigten Staaten die am meisten beteiligte Nation an diesem Projekt sei. Seiner Ansicht nach wäre es nur gut und recht, wenn Abu Simbel offiziell in amerikanischen Besitz überginge. Gegenargumentationen schienen den beiden Experten verlorene Zeit zu sein, und Frédéric wollte sich auch nicht die Mühe machen, mit dem blasierten Neureichen darüber zu diskutieren. Er war leicht wütend geworden über die Angeberei des älteren Mannes. Er verlor rasch die Geduld, wenn er es mit ausgesprochen dummen Menschen zu tun hatte. Die blonde Ehefrau hatte sich mit der Entschuldigung ihrer vorgetäuschten Migräne zurückgezogen, und kurz darauf verabschiedeten sich auch die zwei Männer von dem dümmlichen, arroganten Menschen, der nach dem Tee bereits stark dem Bourbon zugesprochen hatte. Sein lautes und unangebrachtes Benehmen fiel nun schon allgemein auf.
Während Frédéric und Smaïn sich über die Äußerungen des quasselnden Passagiers amüsierten, suchten sie ihre Kabinen auf, und verabredeten sich für 20.00 Uhr im Speisesaal zum Dinner. Kaum war die Tür hinter dem Franzosen ins Schloss gefallen, legten sich zwei weiche Hände von rückwärts um sein Gesicht und seine Augen. Starkes, teures Frauenparfum erfüllte den Raum. Eine weibliche, rauchige Stimme murmelte: “Das hat ja lange gedauert! Wie habt ihr nur diesen langweiligen Nörgler so lange ausgehalten, dein Freund und du?“ Frédéric drehte sich langsam um und war nicht sonderlich überrascht, die vollbusige Amerikanerin im Dunklen zu ertasten, die sich wollüstig an ihn presste und ihn geradewegs herausfordernd und intensiv küsste. Ohne lange zu überlegen erwiderte der Ingenieur ihre heißen Annäherungsversuche und spürte, wie seine Erregung von ihm Besitz ergriff. Er war kein Kostverächter, und der schwache Zorn, den er auf den Ehemann empfunden hatte, steigerte sein Begehren. Mit absoluter Befriedigung entblößte er die Amerikanerin rasch, und nahm die heißblütige Frau im Stehen, die vor Verlangen aufstöhnte und in seinen Armen erzitterte. Das war genau das, was sie von ihm erwartet hatte, als sie sich an seine starken Arme klammerte und ihre Beine um seine schmalen Hüften geschlungen hatte. Als er sie schwer atmend frei gab, wollte er wissen, wie sie in seine Kabine gekommen war, und sie erwiderte lächelnd: “Bakschisch, mein Lieber, Bakschisch! Für Geld bekommt man hier alles!“ Nicht nur für Geld, dachte Frédéric, und während sie einen weiteren hemmungslosen Liebesakt in seiner schmalen Koje vollzogen, und ihre schweißnassen Körper aneinander klebten, empfand er animalische Freude und genoss den Triumph, den er über den gehörnten Ehemann errungen hatte, indem er mit dessen leidenschaftlicher Frau heimlich schlief, denn das machte die Sache umso pikanter! Der Mann, der sich seiner Dollar wegen für etwas Besonderes hielt, hatte es nicht anders verdient. Außerdem schien es nicht so, als sei dieser Seitensprung der erste seiner hübschen, jüngeren Frau. Er wusste, dass diese Frau kaum auf ihre Rechnung kommen konnte, was die ehelichen Freuden betraf und war sicher, dass sie keine Gelegenheit ausließ, um sich ihren biologischen Ausgleich außerehelich zu besorgen. Als die junge Frau schließlich einschlief, ließ er sie ruhen und eilte, nachdem er geduscht hatte, in den Speisesaal, um mit Smaïn gemeinsam zu Abend zu essen. Der Amerikaner war ebenfalls nicht zugegen, wahrscheinlich schlief er seinen Rausch in der luxuriösen Drei-Zimmer-Kabine aus. Frédéric erzählte dem Freund von der angenehmen Überraschung. Smaïn war nicht weiters verwundert. „Die Frauen des Westens sind sehr emanzipiert“, lächelte er. „Ich kann dir aus Erfahrung sagen, heirate eine Muslimin, wenn du keine Hörner aufgesetzt bekommen willst!“ „Heiraten? Niemals im Leben, mein Freund! Die Welt ist voll von schönen Frauen, die nur auf uns warten! Das Leben, das ich führe, würde keine Ehefrau akzeptieren und ich will es für nichts aufgeben. Ich bin nur mir selbst Rechenschaft schuldig, und so soll es bleiben!“ „Du weißt nie, was das Schicksal dir bereithält, glaub‘ mir, mein Freund“ philosophierte der Ägypter und wandte sich genüsslich dem Honigtriefenden „Baklawa“ zu, welches sie als Nachspeise serviert bekamen.
Des Nachts legten sie vor dem frei stehenden Tempel Kom Ombo an, der anmutig und romantisch beleuchtet am rechten Nilufer auf einer grünen Anhöhe lag. Eine Besichtigung war für den frühen Morgen geplant. Der Abend verlief äußerst harmonisch, die Reise näherte sich ihrem Ende zu. Die Amerikanerin, deren Vorname Carolyn war, erschien erst nach Mitternacht, frisch und mit einem schwarzen, kurzen Cocktailkleid bekleidet, begab sie sich umgehend an die Bar, wo sie Wodka-Martini bestellte. Ihr Blick glitt suchend durch den Tanzsaal und ruhte verlangend auf Frédéric, der in ein Gespräch mit englischen Kollegen vertieft war. Er hob, als er sie entdeckt hatte, grüssend die Hand und wandte sich wieder seinen Gesprächspartnern zu, was der Lady augensichtlich missfiel. Ihr Ehemann war nicht mehr an diesem Abend erschienen, und so flirtete sie ungeniert mit dem jungen ägyptischen Barkeeper, vielleicht in der Annahme, Frédéric so auf sich aufmerksam zu machen. Doch für diesen war das kurze, feurige Abenteuer bereits ein Kapitel der Vergangenheit. Er hielt nichts von heimlichen Affären, die sich endlos lang dahin zogen. Er nahm sich, was ihm geboten wurde, und seine Gedanken waren längst in Assuan, wo sie gegen Mittag dieses Tages anlegen sollten. Irgendwann war die Blonde schließlich verschwunden. Frédéric konnte nicht einmal sagen, zu welchem Zeitpunkt und mit wem, da es ihn nicht ein bisschen interessierte. |
|
Sechstes Kapitel –Im tiefen Süden |
|
Assuan, das Tor zum Sudan und zu Nubien wurde sichtbar. Der Fluss verbreiterte sich, und man konnte den ersten Katarakt, die schwarzen Granitfelsen, die mitten aus dem Strom aufragten, erkennen. Zahlreiche Inselchen und Felsgruppen befanden sich in der Flussmitte, einige sehr bekannt, wie die Inseln Philae und Elephantine. Das Schiff legte kurz nach dem Mittagessen an. Die Kabinen waren geräumt und es herrschte emsiges Treiben in der Halle und auf dem Anlegesteg. Träger schafften die zahlreichen Gepäckstücke, der, das Schiff verlassenden Passagiere, von Bord. Am Kai wurde es von Taxifahrern oder Kutschern entgegen genommen, die bereits unterrichtet waren, wer und was in welches Hotel geschafft werden sollte. Der Kapitän in seiner langen Galabija verabschiedete sich in seiner zurückhaltenden aber aufrichtigen Art, und der Rest der Mannschaft war versammelt, winkte und hoffte auf ein gutes Trinkgeld. Außer den Touristinnen, die auf dem Schiff mitgefahren waren, bekam man keine Frauen zu Gesicht. Die ägyptische Frau wurde von Fremden ferngehalten, sie durfte weder alleine ausgehen noch einem Beruf nachgehen. Die Besatzung, Reinigungs- oder Verkaufspersonal, auch auf diesem Schiff, in den Städten und Hotels des Landes, war ausschließlich männlich.
Während die beiden Kollegen und Freunde ausschifften, standen die an Bord verweilenden Gäste träge unter dem Sonnendeck und sahen dem lauten, emsigen Treiben am Kai zu. Händler hatten sich um den Bootssteg versammelt, sie priesen laut und aufdringlich ihre Waren feil. Pfeifen, lange, ägyptische Kleidung, Kopfbedeckungen und Statuetten von Göttern und Königen. Kutscher boten ihre Dienste ebenso an wie die zahllosen Taxifahrer, und es war ein orientalisches Drunter und Drüber. Man wurde am Ärmel gezupft, um die Aufmerksamkeit auf den Anbieter oder Händler zu lenken, Kinder boten kleine Fächer für wenige Pfunde feil, und man war selbst bei all diesem typisch orientalischen Gehaben auf die Gepäckstücke konzentriert, in der Hoffnung, keines davon zu verlieren. Es blieben noch zwei Tage, ein ganzes Wochenende, bevor man das letzte kleine Stück Weg nach Abu Simbel fliegen wollte. Eine Kalesche brachte Frédéric und Smaïn auf raschem Wege ins Old Cataract Hotel. Die Fahrt führte durch eine bemerkenswert saubere Stadt, ein echtes Gegenstück zu Luxor, mit seinen gepflasterten Strassen und Wegen, die von Sykomoren, Oleanderbäumen und Palmen gesäumt waren. Assuan galt als Erholungs- und Kurort seines trockenen, heißen Klimas wegen. Leicht bergauf führte die Strasse, und das legendäre Hotel war nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt erreicht. Der sagenhafte, dunkelrote Bau im Kolonialstil, lag thronend über dem Ostufer des Nils, inmitten eines grünenden und blühenden Gartens, in dem eine Gruppe von Gärtnern eifrig bemüht war, die Anlagen zu pflegen und zu bewässern. Sie blickten neugierig, jedoch verstohlen auf, als die Kutsche den breiten Kiesbestreuten Weg zum Hoteleingang entlangfuhr. Als sie keine prominenten Persönlichkeiten erblickten, wie es so oft der Fall war, widmeten sie sich wieder träge ihrer Arbeit. Das Gepäck war bereits hierher gebracht worden und befand ich auf den Zimmern. Die Kühle der großen, gediegenen Hotelhalle mit den üppigen Blumenarrangements schlug den Männern wohltuend entgegen. Sie befanden sich immerhin 300 km südlich von Luxor, im Herzen Afrikas. Der beginnende Sommer war bereits von Tag zu Tag mehr und mehr spürbar. Die Zimmer waren komfortabel und groß, die Aussicht auf die Insel Elephantine und das westliche Nilufer von umwerfender Schönheit. Die weißen Segel der zahllosen Feluken, die über den Fluss und rund um die Inseln kreuzten, blähten sich leicht in der Brise, und die riesigen, hohen Palmen der Hotelanlage verliehen dem Ganzen einen Eindruck von paradiesischem Frieden und Wohlstand.
Sie soupierten in dem rot-weiß dekorierten Speisesaal, der nach arabischem Vorbild der großen Moschee von Kairo gestaltet war. Sie erfreuten sich der perfekten Bedienung und der ausgezeichneten Speisen in dieser wohltuenden, harmonischen Atmosphäre. „Ich verstehe, dass namhafte Politiker und Mitglieder der europäischen Königshäuser gerne ihre Sommerresidenz hier aufschlagen!“ erörtere Frédéric, als sie beim Café angelangt waren. Smaïn nickte zustimmend: “Die englische Gesellschaft hat seit der Eröffnung 1899 dieses Haus ja zu ihrem Generalquartier auserkoren, und das will bei den hohen Ansprüchen, die sie stellt, immerhin etwas bedeuten,“ fügte er leicht sarkastisch hinzu.
Am Nachmittag unternahmen beide eine Felukenfahrt zur Insel Elephantine, und besuchten die dortigen Ausgrabungsstätten, sowie das Museum mit den Fundstücken. „Seit dem Alten Reich bis zum Neuen Reich und dem Ausklang des Antiken Ägyptens, gab es hier regen Baubetrieb von Tempeln und Heiligtümern“ erklärte der Ägypter. „So hast du dort unten, auf der Südseite der Insel, ein deutsches Archäologenteam, das ein Heiligtum aus der Zeit Amenophis des Dritten freilegen und wieder aufbauen will. Dort drüben das Granittor des Chnum-Tempels aus der Zeit des Nektanebos des Ersten der 30. Dynastie, der also weit über Tausend Jahre später als Amenophis, der Dritte regiert hat.“ Frédéric legte schützend seine rechte Hand an die Stirn, um seine Augen trotz der dunklen Sonnenbrille zu beschatten, und sah eine Weile dem emsigen Treiben der Gruppe von Einheimischen zu, die mit Galabaijas und Turbanen bekleidet, Körbeweise Sand zu kleinen Lastautos schleppte. Andere waren im Türkensitz damit beschäftigt, die Körbe genauer zu untersuchen und den Inhalt zu sortieren. Die Tonscherben und Steine, die sich darunter befanden, wurden in Holzkisten gepackt. Daneben stand ein Hochgewachsener jüngerer Mann in heller Hose und Hemd, mit einem Tropenhelm auf dem Kopf, der aufmerksam zusah und verschiedene Notizen auf seinem Block vermerkte. Sie besuchten am Rückweg zur Anlegestelle noch den Nilmesser. Die steilen Stufen führten bis zum Fluss und an den Wänden waren die Maßeinteilungen der verschiedenen Zeitalter eingeritzt - aus pharaonischer Zeit sowie auch in Griechisch und Arabisch. So konnte man den Wasserstand zu den verschiedenen Jahreszeiten messen und das Ausmaß der Überschwemmungen und damit verbundenen guten oder schlechten Ernten im Voraus berechnen. Die Rückfahrt bescherte beiden einen Gesamteindruck von Assuan, den Anhöhen und gepflegten Gärten der Stadt über der majestätisch der dunkelrote Bau des Old Cataract Hotels thronte und gleich einer Festung erhaben auf den Fluss nieder blickte. Als sie ihr Domizil mit einer gemieteten Kutsche, die bereits am Anlegesteg auf sie gewartet hatte, erreichten, stand die Sonne schon sehr tief. Die Dämmerung in Ägypten brach gegen siebzehn Uhr dreißig herein und war nur von kurzer Dauer.
Die Hotelterrasse lud zum sehenswerten Schauspiel des Sonnenuntergangs ein und eine Anzahl von Hotelgästen wartete bereits bei Tee und Sandwichs auf diesen eindrucksvollen Moment. Die Freunde nahmen ebenfalls an einem der kleinen runden Tische, auf geflochtenen Ratahnstühlen nahe der Balustrade Platz und blickten auf die Insel, die sie am Nachmittag besucht hatten. „Na, meine Herren, auch hier abgestiegen?“ wurden sie plötzlich angesprochen und vor ihrem Tisch stand das amerikanische Pärchen, er, in weißem Leinenanzug, sie, in einem Hauch von buntem Chiffonkleid und großzügigem Ausschnitt. Das blonde Haar hatte Carolyn in großen Locken hochgesteckt, ganz wie es Mode war. Die beiden Männer erhoben sich höflich und deuteten eine Verbeugung an. Man konnte ihnen keinen Platz anbieten, die Terrasse war vollständig besetzt und keiner der Korbsessel mehr frei. „Wir werden uns das Ganze vom Zimmerbalkon unserer Suite ansehen, nicht war, mein Schatz?“ fuhr der rotgesichtige Mann fort und fuhr sich mit einem Tuch über das schweißnasse Gesicht. „Aber vorher gehe ich noch etwas trinken, bei dieser Hitze kommt man ja um! Gehe nur einstweilen nach oben, Darling, ich komme gleich nach“, wandte er sich an seine Frau und stapfte auf den Hoteleingang zu. Frédéric musste der Versuchung widerstehen, den Dicken danach zu fragen, was er eigentlich in Ägypten suche, wenn so ziemlich alles für ihn störend war.
Carolyn, die, während sie am Tisch vorbeigehen wollte, ganz plötzlich stolperte, wurde von Smaïn aufgefangen und festgehalten. Sie bedankte sich mit einem koketten Augenaufschlag. „Kretin!“ zischelte sie leise und mit immer noch lächelndem Gesicht Frédéric ins Ohr. Belustigt zog dieser eine Augenbraue hoch, verbeugte sich und meinte leise: „Es war mir ein Vergnügen, Madame!“ Sie stelzte ebenfalls in die Lobby des Hotels und war im nächsten Augenblick darin verschwunden. Smaïn griff etwas verdutzt in die linke Tasche seiner hellen Jacke und zog ein Stück Papier hervor, das er, nachdem er es auseinandergefaltet hatte und las, an Frédéric weitergab: „Das muss wohl eine Verwechslung sein, es ist sicher für dich bestimmt“. Frédéric warf einen Blick auf die Notiz, die einem Befehl gleich kam: „Zimmer 110, 22.00 Uhr“. Er musste unwillkürlich laut lachen: „Nein, nein, das gehört dir, mein Lieber und ich kann dir nur empfehlen, mach‘ Gebrauch von der Einladung, wenn du den Zorn der Lady nicht erregen willst. Du wirst es nicht bereuen und wer weiß, wann sich eine solche Gelegenheit wieder bietet! Lass dir das nicht entgehen! Sie ist eine sehr sinnliche Frau!“ Er lächelte, als er sich an die leidenschaftliche Eskapade erinnerte. „Es soll wohl gleichzeitig eine Art Strafe für mich sein, denke ich. Doch punkto Männern muss die Lady noch vieles lernen!“ Smaïn sah leicht verlegen aus, doch er steckte den Zettel zurück in die Rocktasche und sie widmeten sich schweigend dem Naturschauspiel. Die Sonne stand hinter dem Mausoleum des Aga Kahn Grabmales und färbte die Hügel rundum golden. Es befanden sich nur mehr wenige Boote auf dem Fluss und eine spürbare, fast heilige Stille lag über dem Bild der Landschaft. Der Himmel nahm eine rosige Tönung an, die mit dem zunehmendem Versinken der Sonne hinter den Wüstenbergen ins Zartlila wechselte. So segelte der Sonnengott Re mit seiner Barke langsam in die Unterwelt, während am Ostufer der Vollmond sichtbar wurde und die weiße Scheibe an Intensität und Leuchtkraft zunahm. Erst als es völlig dunkel war, gestatteten sich Frédéric und Smaïn ihre Zimmer aufzusuchen, um Erfrischung vor dem bevorstehenden Dinner zu suchen.
Nachdem sich Smaïn nach dem schmackhaften Abendessen entschuldigend zurückgezogen hatte, nahm Frédéric an, er folgte nun der eindeutigen, femininen Einladung, die ihn befehlend zu sich bestellt hatte. Er vergönnte dem Freund das Vergnügen zum Einen, dem ahnungslosen Ehemann diese Situation zum Anderen. Jener war bereits an die Bar des Foyers geeilt und würde sicher die halbe Nacht dort verbringen. Ein Landsmann hatte sich zu ihm gesellt und beide hockten einträchtig auf den Barhockern, den Oberkörper schwer auf die Theke gestützt. Die verschmähte Gattin hatte sich ebenfalls sofort nach dem letzten Gang des Essens zurückgezogen, und war mit triumphierendem Blick, den sie in Frédérics Augen senkte, aus dem Saal gerauscht. Diese kindische Geste entlockte dem Mann ein amüsiertes Grinsen. Es war für diese lebenslustige Person wahrlich kein Spaß, die jungen Jahre an der Seite dieses manierlosen, trunksüchtigen Mannes, bar jeden Charmes, zu verbringen. Aber seine Millionen wogen diese negativen Aspekte sicher auf. So kam jeder auf seine Rechnung, philosophierte Frédéric vor sich hin. Er erwiderte charmant lächelnd die interessierten Blicke der anwesenden Frauen, die sich allesamt an der Seite ihrer Ehemänner zu langweilen schienen. Sie labten ihre Träume an der hoch gewachsenen, männlichen Gestalt im hellen Anzug, denn keine besaß den Mut der Amerikanerin, auch wenn in ihren wüsten Vorstellungen so ziemlich die gleiche Sache ablief, die Carolyn ausgelebt hatte. Die meisten von ihnen dachten, dass sie einen so gut aussehenden Mann, mit diesem sprühenden Charisma und seiner geheimnisvollen Ausstrahlung noch nie zuvor begegnet waren. Manch Seufzer entrang sich ihrer Kehle, bevor sie den Blick von diesen breiten Schultern und dem ausdrucksvollen Gesicht mit dem verletzlich wirkenden Mund, den intensiv leuchtenden hellen Augen, schließlich lösten. Später ließ er sich zu einer Partie Bridge überreden, die von einer Gruppe älterer, englischer Herrschaften veranstaltet wurde.
Beim Frühstück traf man sich wieder, und verhalten gähnend bestellte Smaïn starken Café. Anscheinend war die Nacht nur kurz für ihn gewesen. Später brachen sie erneut auf, um mit einer, der vor dem Hotel wartenden Kutschen, zur Bootabfahrtstelle im Süden der Stadt zu fahren. Ihr Ziel sollte Philae sein, die Insel südlich vor Assuan. Man konnte diese Insel mit ihrem Isisheiligtum aus griechisch-römischer Zeit nur von August bis Dezember besuchen, wenn der Wasserstand niedrig war. Seit Jahrzehnten war die Insel die restliche Zeit über größtenteils unter Wasser. Nur vereinzelt ragten dann die antiken Säulen aus den Fluten. Dies war ebenfalls ein Resultat des Staudammbaues und zwar schon des alten Staudammes, der 1902 erbaut wurde. Mit einem gemieteten Ruderboot und dessen Besitzer legten sie ab und konnten bereits nach wenigen Minuten die Hälfte des aus dem Wasser ragenden Tempels erkennen. Der gewaltige Eingangspylon ragte zur Hälfte aus dem Wasser, ebenfalls der obere Teil des Trajan - Kiosks. Geschickt lenkte der Ruderer die kleine Barke zwischen den steinernen, gespenstisch versunkenen Bauteilen hindurch. Es war wie eine Reise durch Atlantis, empfand Frédéric und stellte Smaïn die Frage: „Wie lange wird der Bau dies überstehen, ohne für immer zu versinken?“ Schulter zuckend antwortete dieser: „Keine Ahnung! Die Alarmrufe der Wissenschaftler und Geologen blieben bis jetzt ohne Gehör. Über 60 Jahre steht die Insel bereits gute zehn Monate im Jahr unter Wasser. Es gibt so viel zu retten in Ägypten, man weiß nicht, wo man beginnen soll, es fehlt vor allem an finanziellen Mitteln, wie immer!“ Sie schifften durch zwei Lotussäulen hindurch und Frédéric streckte den linken Arm aus um die eine davon zu berühren. Smaïn fuhr fort: “Du solltest die Insel sehen, wenn das Wasser zurückweicht, sie ist nach kurzer Zeit von einem Blumenteppich bedeckt, als hätte Isis selbst ihr Heiligtum mit Blüten überhäuft und so ihre Spuren hinterlassen!“ Es war ungewohnt, dass der ruhige, asketische Ägypter so ins Schwärmen kam und Frédéric sah ihn prüfend an. Er dachte bei sich, dass der Freund ein würdiger Abkomme des großen, dahin gegangenen Volkes war, vielleicht floss wirklich ein wenig Blut der Alten in seinen Adern.
Sie hielten sich den Vormittag über zwischen den Steinsäulen und Pylonen des überfluteten Monumentes auf und lauschten der Stille, den eintönigen Ruderschlägen des Bootsmanns und beobachteten die Graureiher, die zahlreich auf den umliegenden, aus dem Wasser ragenden Granitfelsen ihre Flügel in die Sonne hielten und ab und zu in den Fluss tauchten. Es war bereits früher Nachmittag als sie zum Souper im Hotel erschienen. Träge von der üppigen Mahlzeit zogen sie sich für kurze Zeit auf ihre Zimmer zurück und besuchten am späteren Nachmittag noch die Felsengräber am anderen Ufer des Flusses. Steile Felsrampen, auf denen die schweren Sarkophage in die Felshöhlen gezogen wurden, führten auf den Berg. Mühsam war der Aufstieg, doch die Aussicht entschädigte die Wanderer für alle Anstrengungen. Vom Westufer aus blickten sie auf die Insel Elephantine und dahinter konnte man sogar, in weiter Ferne, das Hotel Old Cataract am Ostufer erkennen. In den Gräbern wurden die Fürsten und hohen Beamten der Insel Elephantine bestattet. Jene des Alten und des Mittleren Reiches. Nachdem sie zwei der schönsten Gräber mit ihren Wandmalereien und Inschriften besucht hatten, begann der Abstieg, der sich wieder schwieriger erwies als der Aufstieg. Sie liefen Gefahr, auf den rollenden Steinen auszurutschen und bis zum Flussufer abzustürzen. Doch beide waren ausdauernde Athleten und erreichten in kurzer Zeit wohlbehalten das Ufer.
An diesem letzten Abend in Assuan saßen die beiden Männer bis spätabends auf der Hotelterrasse, den Blick zum Sternenhimmel gerichtet. Sie sprachen über den bevorstehenden Flug nach Abu Simbel und die Arbeit, die sie dort erwartete. Gespannt und sich dessen bewusst, dass diese geruhsamen Stunden für lange Zeit die letzten sein würden, genossen sie die Wärme der Wüstennacht und ihre immerwährende Faszination. |