11a. Maximus unter meinem Dach - 180 AD -Teil 1

Routine hat irgendwie etwas Tröstliches an sich. Jede Art von Routine. Du kannst Dich an ihr festklammern wie ein Ertrinkender an einem Stück Holz. Du kannst Dich an ihr festhalten und, während Du das tust, sogar den Luxus genießen zu hoffen, daß letztendlich doch alles nicht so schlimm werden wird.
Soweit ich zurückdenken kann, hat Schönheit in meiner täglichen Routine immer eine wichtige Rolle gespielt. Sei es zu jener Zeit, als ich Julia war, "die beste, die ich jemals gezüchtet habe", und mich für den nächsten Mann vorbereitete, den ich zu befriedigen hatte, sei es als die Freigelassene Julia Antonina, die sich auf einen Theaterbesuch mit Apollinarius vorbereitete, oder auch die Dame Julia Servilia, die sich für eines der Bankette ihres wohlhabenden Ehemannes herrichtete - diese Routine hat mich immer dazu gezwungen, Zeit vor meinen Spiegeln zu verbringen.
Als ich als Sklavenkind in Cassius' Villa heranwuchs, besaß ich keine Puppen, aber man lehrte mich, die mir von den Göttern geschenkte Schönheit vorteilhaft zur Geltung zu bringen. Als junge Frau hatte ich meine Schönheit gehaßt, denn sie war es, die mich zu einem Dasein als Hure verdammte. Aber es war auch diese Schönheit, die mir die Chance gegeben hatte, meine Freiheit zu erlangen, denn weil ich schön war, hatte Cassius mich vor sechs Jahren als Köder für Maximus auserwählt. Er wählte mich, weil ich Julia war, "die beste, die ich je gezüchtet habe". Julia, die preisgekrönte Stute in seinem menschlichen Stall - so wie Maximus der preisgekrönte Hengst in Proximos' war. Was Cassius bei all seinem Planen und Intrigieren nicht vorausgesehen hatte war, daß, indem er mich auswählte, er sein eigenes Todesurteil unterschrieb. Wie ich bereits sagte: die Göttter haben einen seltsamen Sinn für Humor.

Bis zu einem bestimmten Punkt hat Schönheit jeden einzelnen Augenblick meines Lebens bestimmt. Es war meine Schönheit, die eine Hure aus mir gemacht hatte, aber es war auch meine Schönheit, die mich, als ich noch Hure war, davor bewahrte, daß ich mich bestimmten besonders widerlichen Männern hingeben mußte. Es war meine Schönheit, die sich die Männer nach mir verzehren ließ, aber es war auch meine Schönheit, welche die Aufmerksamkeit herausragender Männer auf sich zog, die mir die kostbaren Geschenke von Freiheit, Bildung und Respekt machten. Es war meine Schönheit, die den Neid von Frauen erregte, aber es war auch meine Schönheit, die sie auf Abstand hielt, freundliche weibliche Annäherungsversuche verhinderte, die über mich ergehen zu lassen, ich keine Meinung hatte aber auch nicht die Kraft, sie zurückzuweisen. So wie Medizin heilen oder töten kann, so kann Segen zum Fluch und umgekehrt werden.

Wie ich bereits sagte, war ich so gewöhnt an den Effekt, welchen meine Schönheit auf Männer hatte, daß ich sie kaum mehr zur Kenntnis nahm. Aber in jener Nacht war es anders. In jener Nacht wollte ich schön sein. Wirklich schön. Ich wollte, daß, wenn Maximus mein Leben für immer verlassen würde, er das Bild der heiteren, reifen Schönheit mit sich nehmen sollte, zu der ich geworden war, seit wir vor sechs Jahren von einander Abschied genommen hatten. Denn ich hatte nie den Eindruck vergessen können, welchen meine Schönheit auf Maximus gemacht hatte, sowohl während Cassius' Party als auch später im Bad der Sklavenquartiere - trotz seiner eisernen Selbstbeherrschung war er nicht fähig gewesen, seine Augen von meinem nackten Körper abzuwenden. Ich hatte nie vergessen können, wie sein erhitzter Blick mein erfrorenes Herz gewärmt und mein abgestumpftes Fleisch entflammt hatte. Ich wollte diesen heißen Blick noch einmal spüren, denn dann würde es vielleicht nicht ganz so schwer sein, daß ich zwar als menschliches Wesen weiterexistieren, als Frau jedoch tot sein würde.

Allein in meinem Schlafzimmer, das ich niemals mit einem Mann geteilt habe, konzentrierte ich mich auf die routinierte Aufgabe, meine Schönheit, derer ich mir voll bewußt war, kunstvoll zu unterstreichen. Mit langsamen, geübten Bewegungen rieb ich duftendes Öl in meine Haut. Myrrhe mit einem Hauch von Lotus, mein ganz persönlicher Duft, mein einziges Zugeständnis an die Vergangenheit. Meine Finger glitten über meine zarte, kühle Haut, verteilten das Öl, konnten mein Fleisch jedoch nicht erwärmen, denn es war nicht die seidige Berührung meiner Hände, nach der ich mich sehnte, sondern der schwieligen Finger des Mannes, welchen man ein Stockwerk tiefer angekettet hatte. Früher am Abend, bevor ich meine Dienerinnen für die Nacht entlassen hatte, war mir das hüftlange Haar kunstvoll hochgesteckt und mit Kämmen und Nadeln von Elfenbein und Gold geschmückt worden. Auf dem Bett ausgebreitet lag die goldverbrämte Tunika aus feinster elfenbeinfarbener Seide zusammen mit den passenden weichen Ledersandalen, welche ich für das Wiedersehen mit Maximus ausgewählt hatte.

Ohne den Blick von meinem Spiegel abzuwenden legte ich die Tunika an und schlang den goldenen Gürtel um meine Taille, dann nahm ich die Juwelen aus der flachen Schale, in der Nicia sie vor Stunden bereitgelegt hatte: den goldenen Halsschmuck mit den taubenblutfarbenen Rubinen, welchen ich, zusammen mit den passenden Ohrringen und Schulterbroschen, an meinem Hochzeitstag getragen hatte - ich war mir der bitteren Ironie wohl bewußt. Als ich fertig war, betrachtete ich mich mit geübtem, leidenschaftslosem, kritischem Blick. Einem Blick, der mir sagte, daß ich schön war und begehrenswerter als jede Frau es sich in ihren kühnsten Träumen ausmalen konnte, daß mich jeder Mann, der mich in dieser Nacht sähe, würde haben wollen und alles vergäße, was in seinem Leben bisher gezählt hatte, nur um mit mir zusammensein zu können ... aber ich war im Begriff, den einzigen Mann, den ich je geliebt hatte, für immer aus meinem Leben zu verbannen.

Als ich meinen Kopf hin und her bewegte, um meine Frisur zu begutachten, entdeckte ich eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, und als ich die Hand hob, um die Strähne zurück an ihren Platz zu stecken, bemerkte ich meinen Ehering, jenen schweren Ring aus gehämmertem Gold, den Marius Servilius mir an einem Frühlingstag, der schon eine Ewigkeit zurückzuliegen schien, an den Finger gesteckt hatte. Nachdem er gestorben war, hatte ich den Ring weiter getragen. War ich nervös oder beunruhigt, dann pflegte ich mit ihm zu spielen, drehte ihn zerstreut mit der Kuppe meines Daumens um den Finger, auf dem er steckte, - sein Gewicht und seine Form waren in solchen schwierigen Momenten von einem gewissen Trost, verfehlten in jener schicksalhaften Nacht jedoch ihre Wirkung. Während ich gebannt auf den Ehering starrte, dachte ich an Marius Servilius' letzte Minuten, als er mir sagte, das einzige, was er bei seinem Tode bereue, sei die Tatsache, den Mann nicht bestraft zu haben, der mich zu einer so unglücklichen Frau gemacht habe. Den Mann, welchen ich liebe, der meine Liebe jedoch nicht erwidere. Den Mann, den er als einen "Narren" bezeichnet hatte ... Während der vergangenen zwei Jahre, wann immer ich an diese Worte dachte, fragte ich mich, wer wohl der wahre Narr gewesen war: Maximus mit seinem Sinn für Ehre und Pflicht, oder ich selbst, mit meiner geheimen, nicht sterben wollenden Hoffnung, daß eines Tages, eines schönen Tages, sich der Wind drehen und er mich lieben lernen würde ...

Mein Ehering schimmerte im sanften Licht der Öllampen, Gold auf Gold als Symbol einer Verbindung, eingegangen von einem Mann und einer Frau, die nie intim miteinander geworden waren und dennoch eine seltsame Vertrautheit geteilt hatten, während jeder in seiner selbstgewählten Einsamkeit verharrte. Den Ring weiter zu tragen, welchen er an meinen Finger gesteckt hatte, während wir uns unser Eheversprechen gaben, war Ausdruck meiner persönlichen Hochachtung Marius Servilius Tibullus gegenüber. Meiner Achtung vor einem Mann, der mehr als nur einmal bewiesen hatte, daß er mich besser kannte als ich mich selbst. Einem Mann, der hinter meine Schönheit zublicken vermochte und akzeptieren konnte, was er dort vorgefunden hatte. Einem Mann, der mir die Möglichkeit geboten hatte, eine respektierte, mächtige und reiche Frau zu werden. Einem Mann, der mir Freiheit und Unabhängigkeit in einer Welt geboten hatte, in welcher nur allzu oft Frauen genau wie Sklaven als Eigentum betrachtet und ebenfalls nur allzu oft wie Huren benutzt und weggeworfen wurden. Marius Servilius hatte mir sogar die Freiheit geschenkt, in einem anderen Mann das zu sehen, was er mir zu geben nicht willens oder fähig war ... aber ich war ihm treu geblieben, weil ich Maximus treu geblieben war, und er hatte es vorgezogen, seiner Frau treu zu bleiben.

Marius Servilius verdiente ein besseres Andenken, als daß ich lediglich seinen Ring trug, aber ich konnte ihm nichts besseres bieten. Seine Totenmaske blieb in dem dafür bestimmten Schrein zusammen mit jenen seiner Eltern und Großeltern, sein Name und Geschlecht waren erloschen, da er weder Sohn noch Tochter sondern nur eine Fremde hinterließ, um sein Andenken zu ehren. Eine Fremde, die nicht an die Götter glaubte und keine eigenen Ahnen besaß. Eine Fremde, die nicht an die Götter glaubte, deren Herz jedoch erfüllt war von der Erinnerung an einen anderen Mann ...

Ich hatte eine Büste meines verstorbenen Gemahls in Auftrag gegeben und sie in seinem Arbeitszimmer aufstellen lassen, ganz nahe bei jener Pollia Marcias. Sein Arbeitszimmer blieb ebenso wie seine privaten Wohnräume verschlossen, beide unter der Obhut von Phaedros, seinem Leibdiener, der es vorgezogen hatte, in der Villa zu bleiben, nach einem Leben im Dienste eines Mannes, welcher nun tot war. Er war es, der die beiden Büsten - ebenso wie die Statue der Frau mit ihrem kleinen Sohn -  mit frischen Rosenblättern schmückte. Es war keine Pflicht, die ich ihm aufgetragen, sondern eine, die er aus eigenem Antrieb und, daran hegte ich keinerlei Zweifel, echter Zuneigung übernommen hatte. Ich dankte es Phaedros, indem ich ihn in der Villa behielt, auch wenn es keinen Herrn mehr gab, dem er dienen konnte.

 

Und nun ... nun hatte sich der Wind gedreht - so wie ich es mir immer erträumt hatte, und Maximus befand sich unter meinem Dach. Hilflos. Ängstlich. In Ketten. Ein Sklave, während ich frei war, seine Dienste gekauft wie die eines Zuchthengstes, meiner Laune ausgeliefert und der Macht meines Geldes. Sollte ich Rache gesucht haben für seine Zurückweisung - ich hätte mir keine brutalere wünschen können. Auf ihre merkwürdige, grausame Weise hatten die Götter den einzigen Wunsch einer Frau erfüllt, die nicht an sie glaubte. Wenn dies ein Beweis ihrer Existenz sein sollte, dann war es ebenfalls ein Beweis dafür, wie weit das Göttliche vom Menschlichen entfernt ist und daß es ebenso hoffnungs- und zwecklos ist, die Götter zu verehren, wie die römischen Legionen mit bloßen Händen aufhalten zu wollen.
Mit einem schweren, tiefen Seufzer nahm ich meinen Ehering ab und legte ihn in eine Schatulle, schloß den Deckel, ohne ihn noch einmal anzusehen, und gelobte mir selbst, ihn wieder anzulegen, sobald Maximus' Schiff den Anker gelichtet haben würde ... ich ignorierte, daß ich mir schon jetzt sicher war, ihn nie wieder zu tragen.

Während ich mich angekleidet hatte, mußte jemand in meinem Apartment gewesen sein und Wein und Speisen auf einen der niedrigen Tische gestellt haben, der dicht neben den Ruhebetten stand - guten Caecubischen Wein und eine große Auswahl an Speisen, von gebratenem Geflügel bis zu Shrimps, Brot, Käse, Oliven, gekochtem und frischem Gemüse, Früchten und Honigkuchen. Auch gab es Teller, Messer, Löffel und Pokale für Zwei, Schüsseln mit parfümiertem Wasser und Handtücher, Servietten, Gläser und einen silbernen Krug mit frischem Wasser. Ein intimes Abendessen für Zwei. Ein intimes Essen für den Geliebten, der keiner war. Ein intimes Essen, das ein Abschiedsmahl sein würde. Hier gab es nichts mehr zu tun, dafür aber eine Menge unten im Atrium. Ich wandte mich zur Tür, überlegte dann jedoch noch einmal kurz, füllte ein Glas mit Wasser und zwang mich - das Glas in der Hand und mit zitternden Beinen - zum Gehen.

Vor fünf Jahren, auf dem Weg zu einer Zeremonie, in welcher ich die Ehefrau eines Fremden werden sollte, stieg ich eine Treppe mit festem Schritt herab, und fühlte mich seltsam unbeteiligt, so wie man es durchlebt, wenn man den äußersten Grad von Erschöpfung erreicht und das Unvermeidliche zu akzeptieren gelernt hat. Nun stieg ich abermals eine Treppe hinab, diesmal in dem vollen Bewußtsein, daß jeder Schritt mich dem Augenblick näherbrachte, den ich eben so sehr herbeisehnte wie ich ihn fürchtete. Daß jeder Schritt mich der einzigen Quelle echter Wärme, Sicherheit und Zärtlichkeit, die ich je gekannt hatte, näher brachte und mich gleichzeitig von ihr entfernte.

Apollinarius stand am Fuße der Treppe und sah mich ungläubig an.

"Julia, wo bist du gewesen?" sagte er in gedämpftem Ton. "Als ich in Dein Apartment kam, um die Vorbereitungen für das Essen zu überwachen, und Dich nicht fand, dachte ich, Du seiest bei dem General!"

Ich ignorierte seine Frage. "Hast Du den Schlüssel?"

Apollinarius seufzte. "Nein, noch nicht. Ich hab' ihnen die Droge gegeben, aber es brauchte länger, als ich erwartet hatte, um diese Kerle außer Gefecht zu setzen. Ich hoffe, daß sie inzwischen tief und fest schlafen. Du gehst jetzt besser zu Maximus, und ich komme zu Euch, sobald ich den Schlüssel habe."

Der Ausdruck in seinen Augen zeugte von Besorgnis, aber ich war so mit mir selbst beschäftigt, daß ich weder Zeit noch tröstende Worte für ihn hatte. Ich nickte zerstreut und trottete hinüber zu der schweren geschnitzten Eichentür, holte ganz tief Luft und öffnete sie.

Das Atrium lag fast ganz im Dunkeln. Und es schien leer zu sein.
Mein erster Gedanke war, daß Maximus sich irgendwie hatte aus seinen Ketten befreien können. Und dieser Gedanke machte mich auf eine ganz unsinnige Weise glücklich, denn es hätte bedeutet, daß er die Angst und Niedergeschlagenheit, von der Apollinarius gesprochen, überwunden hatte ... die Angst und Niedergeschlagenheit, für welche ich die Verantwortung trug.

Aber dieses Glücksgefühl war nicht von langer Dauer, denn sobald meine Augen sich an das  Licht des Mondes gewöhnt hatten, das den Hof schwach erhellte, durch die Öffnung der Kuppel fiel und dunkle, bläuliche Schatten auf die Nischen des Atriums warf, sah ich ihn endlich. Er stand nicht aufrecht, die Arme zwischen zwei vom Mondlicht beschienenen Säulen ausgestreckt, wie ich es erwartet hatte. Statt dessen kniete Maximus auf der Erde. Er war vor Erschöpfung zu Boden gesunken, die Arme ausgestreckt über dem Kopf, der ihm auf die Schulter gesunken war.

Maximus.

Allein. In Ketten. Verletzlich. Besiegt.

Ich biß mir auf die Unterlippe, um nicht vor Kummer in Tränen auszubrechen. Um nicht zu ihm hinzulaufen, mich vor ihm auf die Knie zu werfen und ihn um Verzeihung zu bitten ... Ich nahm mich zusammen, denn es war nicht die Zeit, um Schwäche zuzulassen, nicht die Zeit für Tränen, sondern die Zeit, stark zu sein und zu tun, was zu tun war.

Ich mußte irgendein Geräusch gemacht haben, während ich mühsam darum kämpfte, meine Beherrschung wiederzuerlangen, denn Maximus wandte sich mir zu und schien mich in der Dunkelheit wahrzunehmen. Mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen ging ich auf ihn zu, gestattete ihm, deutlich zu sehen, wie ich mich ihm näherte, und wollte ihn nicht überrumpeln.
Maximus beobachtete mich, ja, aber er zeigte keinerlei Regung, war eindeutig unfähig, etwas zu fühlen, seine Sinne betäubt von Entsetzen oder Erschöpfung oder beidem.

"Maximus", flüsterte ich und gab ihm Zeit, um zu erfassen, daß meine Stimme eine freundliche war.

"Maximus", wiederholte ich, während ich mich vor ihn hin hockte und die Hand nach seinem Gesicht ausstreckte. Er wandte sich meiner Stimme und meiner Hand zu, und trotz der Dunkelheit sah ich, wie er sich dazu zwang, seinen Blick auf mich zu konzentrieren, aber dieser Blick war abgestumpft und leer. Der Blick jener, die nicht glauben können, daß ihr Schicksal sie so weit hatte sinken lassen.

Der Blick der Besiegten.

Der Blick eines Sklaven.

 

Wieder und wieder murmelte ich seinen Namen, streichelte sanft sein schönes Gesicht, wobei ich meine Fingerspitzen über seine bärtige Wange gleiten ließ, der Linie des Grübchens an seinem Kinn folgte und dann seinen schön gestalteten, lieben, sinnlichen Mund berührte. Unter dieser Berührung öffnete er instinktiv ein wenig die Lippen, und ich konnte seinen warmen Atem auf meiner Hand spüren - ein Schauer lief mir über den Körper. Immer noch hielt ich sein Gesicht in meinen Händen, versuchte, ihn zu einer Reaktion zu bewegen, fragte sanft: "Maximus, erinnerst Du Dich an mich?"

Er blinzelte, kniff die Augen zusammen, das schwache Licht leuchtete kurz in den blau-grünen Augen auf, die mich anschauten, mich aber nicht zu sehen schienen. Dann schüttelte er verneinend den Kopf. Die Bewegung war kaum zu erkennen, aber mir war, als habe ein wildes Tier seine Krallen in mein Herz und meine Seele geschlagen. Die Möglichkeit, daß Maximus sich meiner nicht erinnern könnte, war mir in all den Jahren des Sehnens, des Wartens und Hoffens nie in den Sinn gekommen. In all den Jahren verzweifelter Einsamkeit ... Der Schlag traf mich so hart, daß ich eine Sekunde lang nicht atmen, mich nicht bewegen, mir nicht einmal sagen konnte, daß er unter Schock stand, daß das Licht zu schwach war, als daß er mich hätte deutlich erkennen können. Daß es immer noch Hoffnung für mich gab...

Dann fuhr er sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.

Es überrascht mich immer wieder, wie eine schlichte Geste hilfreich sein kann, uns wieder auf das Eigentliche zu konzentrieren, ganz gleich wie groß unser innerer Aufruhr auch sein mag. Seine Lippen waren trocken, er stand unter Schock, war aber offenbar ebenfalls sehr durstig. Ich schob Schmerz, Tränen und Hoffnungslosigkeit entschlossen beiseite und sprach zu ihm mit so sanfter und beruhigender Stimme wie nur eben möglich.

"Ich habe Wasser, Maximus. Ich werde jetzt ein Glas Wasser an Deine Lippen halten."

"Trotz meiner Ankündigung, überraschte ihn die Flüssigkeit, und er verschluckte sich ein wenig, bevor er zuerst zögernd trank, dann mit großen Schlucken das kühle Wasser hinunterstürzte. Sein Durst mußte überwältigend sein, die kräftigen Muskeln an seinem Hals arbeiteten angespannt, während er gierig schluckte, kühle Tropfen rannen an seinem Kinn herab. Er leerte das Glas in einem Zug und verschluckte sich nochmals, als es schon nichts mehr zu trinken gab. Ich nahm das Glas fort.

"Mehr", stöhnte er.

Ich erschauerte. Nichts hatte mich auf die Woge von Verlangen vorbereitet, die beim Klang seiner schönen, tiefen Stimme über mir zusammenschlug. Sie überwältigte mich, wie eine Sturzflut alles mit sich reißt, was ihr im Wege ist ... General oder Sklave, Gott oder einfacher Sterblicher, ob er sich meiner erinnerte oder nicht, Maximus blieb Maximus. Der Mann, den ich liebte. Der Mann, den ich gerettet hatte. Der Mann, den ich wieder retten und dem ich die Freiheit schenken wollte ... auch wenn dies bedeutete, für immer auf ihn zu verzichten.

Ich streichelte abermals sein geliebtes, schönes Gesicht und sprach beruhigend auf ihn ein, als sei er ein ängstliches Kind, das sich nach Schutz und Zärtlichkeit sehnte.

"Bald. Bald wirst Du Wein und Speise bekommen, und es wird Dir besser gehen." Wie sehr ich auch dagegen ankämpfte - meine Stimme brach. "O Maximus, wie konnte es nur so weit mit Dir kommen?"

"Die Wachen haben mich hier angekettet."

Obwohl ein wenig heiser, klang seine Stimme vollkommen klar, aber davon konnte gar nicht die Rede sein.

"Das sehe ich, Maximus", sagte ich vorsichtig und versuchte, ihn zurückzuholen, denn sein Geist schien in weiter Ferne umherzustreifen. "Ich meine, wie kam es, daß Du ein Sklave wurdest? Wie konnte aus Marcus Aurelius' bedeutendstem General ein Gladiator werden?"

Als ich den Namen seines Kaisers nannte, lief ein Zittern durch seinen Körper. Oder vielleicht war es auch die Erwähnung seiner ehemaligen Stellung an der Seite des Kaisers, die durch den Nebel seiner Erinnerung drang. Er runzelte die Stirn. "Wer bist Du?" fragte er mit deutlicher Anspannung in der Stimme, die in seinem breiten Brustkorb wie in einem Resonanzraum zu vibrieren schien.

Meine Kehle verkrampfte sich und ich fand keine Worte, also hob ich die Hände und löste langsam mein Haar, ließ es mir über die Schultern fallen. Maximus runzelte abermals die Stirn und streckte die Hand aus, kam jedoch nicht weit, da die Kette ihn zurückhielt. Ich lehnte mich näher zu ihm hin, so daß seine Finger in mein Haar fassen konnten. Ich fühlte das Zittern in seiner Hand, als er vorsichtig eine Strähne berührte, dann seine Finger mit einer Geste durch meine Locken gleiten ließ, in der sich Zärtlichkeit und unnachgiebiger Besitzanspruch auf eine Weise verbanden, an die ich mich noch zu gut erinnerte.

"Julia", seufzte er, dann schloß er die Augen. Seine Nasenflügel bebten wie die Nüstern eines Hengstes, der den Geruch einer rossigen Stute aufnimmt. "Julia. Ich erkenne jetzt Deinen Duft ... Dein Parfum."

"Ja."

Ich fühlte, wie mir das Herz weit wurde und heiße Tränen in die Augen stiegen, der Klang meines eigenen Namens war wie warmer, wilder Honig, als ich ihn aus seinem Mund vernahm. Nein, er hatte mich nicht vergessen. Er mochte zwar nicht seine Liebe zu mir entdeckt haben, aber er hatte an mich gedacht. Mehr als nur einmal.
Er mochte mich nicht in seinem Herzen getragen haben, aber er hatte mich in Erinnerung behalten.
Ich kniete neben ihm und nahm sein Gesicht in meine Hände, küßte ihm Stirn, Wangen und Nase. "Du bist in Sicherheit, Maximus", flüsterte ich ihm leise zu und streichelte ihn weiter, unfähig, meine Hände von seinem kurzgeschnittenen, dunklen, weichen Haar zu lassen. "Niemand wird Dir hier weh tun."

"Dieser Mann ... "

"Ein Freund von mir. Ich habe Dich hierher bringen lassen, nicht er. Mir gehört diese Villa."

Noch immer verwirrt, runzelte Maximus wieder die Stirn. "Er ist Dein Ehemann?"

Ich brachte ein Lächeln zustande - trotz der Tatsache, daß, sollte ich jemals daran gezweifelt haben, sein Wissen um meinen Stand als verheiratete Frau jeden möglichen Zweifel beseitigte,  er könne den Brief, welchen ich ihm vor Jahren geschrieben hatte, nicht erhalten haben. Den Brief, welchen er nie beantwortet hatte.

"Nein, Maximus, er ist nur ein Freund. Mein Gemahl ist tot."

Maximus ließ die Arme sinken, bis sie wieder schwer in den Ketten hingen. Er schüttelte langsam den Kopf, versuchte, Klarheit in seine Gedanken zu bringen, zu verstehen.

"Ich dachte ... "

Ich saß ganz dicht bei ihm, meine Hände streichelten noch immer sein Gesicht.

"Wir mußten es so machen, Maximus. Dein Besitzer hätte sich geweigert, mit einer Frau zu verhandeln."

 

Maximus ließ einen tiefen, bebenden Seufzer vernehmen. Ein Seufzer so voller Schmerz, daß ich fürchtete, das Herz würde mir brechen. Ich redete weiter, wollte ihn und auch mich selbst damit beruhigen.

"Apollinarius hat es mit seiner Vorstellung ein wenig zu weit getrieben, fürchte ich. Er ist ganz hingerissen von Dir, aber er hat seine Grenzen überschritten. Wir wollten Dir keine Angst machen."

Maximus wollte wieder nach meinem Haar greifen, zerrte seine Ketten über den Marmor der Säulen, aber seine Hände konnten mich nicht erreichen, da ich jetzt direkt vor ihm saß. "Julia ... Du siehst so blaß aus."

Ich schloß einen Moment lang die Augen, der Klang seiner tiefen Stimme wärmte mich wie der sonnendurchglühte Sand am Strand unter den Bäumen. Er wärmte mich, wie nichts mich hatte wärmen können, seit ich zum letztenmal in seinen Armen gelegen hatte. Wie nichts mich jemals mehr würde wärmen können ...

"Das ist nur das Licht, Maximus", sagte ich und versuchte, die Tränen zurückzuhalten - vergeblich.

"Gleicht Dein Haar immer noch ... einem Sonnenaufgang?" Ich änderte meine Stellung, so daß er mein Haar wieder zärtlich berühren konnte, und es überfiel mich wie ein liebliches Fieber, als seine Hand nicht aufhörte, mich zu streicheln.

"Weich, so wie ich es in Erinnerung hatte. Ich habe nie geglaubt, daß ich Dich je wiedersehen würde", flüsterte er.

Ich drehte den Kopf so, daß ich die Innenfläche seiner ausgestreckten Hand küssen konnte - wie ich es mehr als nur einmal in meinen Träumen getan hatte. Wie zu tun ich es mir immer ersehnt hatte. Die Fläche seiner großen, starken, warmen, vom Schwertkampf schwieligen Hand, einer Hand, die Blut vergossen und die fruchtbare spanische Erde gepflügt, die Rom Ehre und einer achtzehn Jahre alten Sklavin und Hure die Freiheit gebracht hatte. Einer Hand, die über meinen Körper gewandert war und mich gelehrt hatte, was es bedeutet, zu leben und eine Frau zu sein, was es bedeutet, sich zu sehnen und zu verzehren und wie es ist, Erfüllung zu finden.

Mit großer Mühe gelang es mir, meine Selbstbeherrschung wiederzufinden, und ich redete weiter.

"Apollinarius hat den Wachen eine Droge in den Wein gemischt, aber es dauerte so lange, bis diese Kerle endlich eingeschlafen sind. Ich fürchtete, daß sie jederzeit wieder aufwachen könnten, daher war es mir nicht möglich, früher zu kommen", sagte ich und warf einen kurzen Blick in den Hof. "Apollinarius wird den Schlüssel zu diesen Ketten so bald wie möglich bringen, und wir werden Dich losmachen." Wir knieten einander gegenüber, ich rutschte näher an Maximus heran und schlang meine Beine um die seinen, dann nahm ich wieder sein Gesicht in meine Hände.

"O Maximus, wie konnte das nur geschehen?"

Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, um mich besser sehen zu können, und geistesabwesend strich er mir mit der Hand über den Kopf, seine Finger spielten mit den losen Haarsträhnen.

"Das ist eine lange Geschichte", begann er. Dann lachte er plötzlich leise, aber es war nichts Fröhliches in diesem trockenen, gequälten Laut. "Nun bist Du frei und ich nicht."



11.b Maximus unter meinem Dach - 180 AD - Teil 2

Bevor er noch weitersprechen konnte, öffnete und schloß sich in der Ferne eine Tür. Soldat bis ins Mark, war Maximus plötzlich hell wach, blickte über meine Schulter, und ich spürte deutlich, wie er erstarrte. Aufgeschreckt drehte ich mich um und sah lediglich Apollinarius, der mit einer Laterne in der Hand auf uns zukam.

"Es tut mir leid, daß es so lange gedauert hat", sagte er bereits am Eingang zum Atrium. "Ich dachte schon, diese Bastarde würden den ganzen Weinkeller leer trinken. Sie schlafen jetzt tief und fest."

Während er noch redete, entzündete mein ehemaliger Lehrer einige Fackeln an den Wänden des Atriums, und der weite Raum erstrahlte in einem gedämpften goldenen Licht. Er sah kühl und beherrscht aus, aber ich kannte ihn gut genug um zu wissen, daß er müde war. Es gab keinerlei Grund, das Atrium derart zu erleuchten, denn wir wollten Maximus zuerst in meine Räume und dann zum Hafen bringen. Aber trotz der gebotenen Eile und seiner eigenen Erschöpfung wollte Apollinarius Maximus genügend Zeit geben, um in ihm den Freund zu erkennen und nicht den Peiniger, den er vor den Wachen gespielt hatte. Als er mit den Fackeln fertig war, kam mein ehemaliger Lehrer auf uns zu und streckte eine Hand aus, um mir beim Aufstehen behilflich zu sein. Dann wandte er sich dem immer noch wie erstarrt auf dem Boden hockenden Maximus zu.

"General Maximus, vergib unser Täuschungsmanöver und was immer ich Dir sonst noch an Leid zugefügt haben mag", sagte Apollinarius so respektvoll wie nur möglich. "Es war notwendig. Das versichere ich Dir. Nun wollen wir sehen, daß wir Dich von diesen Ketten befreien und an einen angenehmeren Ort bringen. Speise und Wein erwarten Dich, und dann werden wir Dich hier 'raus bringen."

Während er sprach, schloß Apollinarius die Ketten auf und ließ sie mit einem klirrenden Geräusch zu Boden fallen.

 

Maximus versuchte aufzustehen, aber er hatte so lange gekniet, daß seine Beine ganz taub geworden waren. Apollinarius und ich mußten unsere ganze Kraft aufwenden, ihn auf die Füße zu bekommen. Ich sah, wie er zusammenzuckte, als mein ehemaliger Lehrer seinen Arm nahm, aber er beherrschte sich so weit, Apollinarius den Arm nicht zu entreißen. Dennoch war es nur zu ersichtlich, daß er noch nicht bereit war, Apollinarius zu vergeben - was auch immer sich im Atrium abgespielt haben mochte.

Maximus stolperte und er machte einige unsichere Schritte, bevor er wieder sicher stehen konnte. Ich ging neben ihm, bereit, ihm zu helfen, falls er wieder schwanken sollte, und wir führten ihn durch die geschnitzte Eichentür die Treppen hinauf in meine privaten Räume.

Wir betraten das Wohnzimmer, wo Phoenion und Nigra auf einem der Ruhebetten dösten, gänzlich uninteressiert an allem, was um sie herum vor sich ging. Rubia lag zusammengerollt auf einem Stuhl, aber als sie den fremden Mann sah, erhob sie sich. Wie sie das tat, erinnerte mich an die fließenden Bewegungen einer Riesenschlange. Ihre grünen Augen waren weit geöffnet und sie musterte den Neuankömmling argwöhnisch. Aber was sie sah, schien ihr zu gefallen, denn sie entspannte sich sichtlich und rollte sich wieder zusammen.

 

Im goldenen Licht meines Wohnzimmers war es mir zum erstenmal möglich, Maximus richtig zu sehen, so wie er war nach sechs Jahren, während derer ich ihn geliebt und von ihm geträumt hatte. Er war jetzt wieder hell wach, bekleidet mit einer groben blauen Tunika, seinen Oberkörper bedeckten vier breite schwarze Lederstreifen und ein fünfter, schmalerer, war quer über seine breite Brust geschnallt. Seine Erscheinung war ebenso beeindruckend wie damals, als er seinen kunstvoll gearbeiteten militärischen Brustpanzer und die silbernen Wolfspelze trug, welche von seinem hohen Rang zeugten.

Um seine Mitte wurde eine weitere Reihe lederner Riemen durch Schnallen kunstvoll zusammengehalten. Das Kleidungsstück, welches dem Schutz seines Trägers dienen sollte, endete in einer Art Lederschurz, der seine Oberschenkel bedeckte, seine Beine steckten in groben Stiefeln. Maximus wirkte noch gebräunter und muskulöser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Die kupfer-goldene Haut spannte sich über seinen kräftigen Bizeps, die feinen Härchen, welche seine Unterarme bedeckten, waren von der Sonne gebleicht, die Handgelenke mit schwarzen Lederstreifen umwickelt und in die eisernen Fesseln geschlossen, die dazu dienten, ihn anzuketten.

 

Maximus blinzelte ein paarmal, und das Licht der Öllampen ließ seine unbeschreiblich schönen grün-blauen Augen wie kostbare Edelsteine gefaßt in die Bronze seines gebräunten Gesichts erstrahlen. Ein paar mehr Linien hatten sich um seine Augen eingegraben, und sein bärtiges Kinn wirkte noch entschlossener. Aber trotz der schweren Prüfung, die - in welcher Form auch immer - über ihn hereingebrochen war, hatten ihn die Jahre nicht so hart gezeichnet, wie man es bei einem Bauern, der erst zum Soldaten und dann zum Gladiator gemacht worden war, hätte erwarten können. Während der vergangenen Woche hatte es Momente gegeben, in denen ich befürchtet hatte, mein Gedächtnis könnte mich getäuscht, meine Erinnerungen an sein schönes Gesicht und seinen gottgleichen Körper schöngezeichnet haben. Aber nun war kein Zweifel mehr an diesen Erinnerungen möglich, denn er sah eher noch besser aus, als ich es in Erinnerung hatte, noch kräftiger und, sollte dies überhaupt möglich sein, sogar noch männlicher. Kein Wunder, daß die Händler in den Arkaden des Kolosseums Fetische mit seinen Zügen verkauften, die keinen Zweifel über ihre Bestimmung zuließen. Kein Wunder, daß Männer ihn als Inbegriff von Männlichkeit bewunderten. Kein Wunder, daß Frauen sich fragten, wie es sein müßte, nackt und keuchend unter ihm zu liegen. Kein Wunder, daß irgendein eifersüchtiger und rachedurstiger Gott ein grausames Todesurteil über ihn verhängt hatte.

 

Er blinzelte noch einmal, schaute sich dann um, und der Ausdruck auf seinem Gesicht sagte mir, daß er ganz offensichtlich überrascht war. Erst dann kam mir der Gedanke, daß er vermutlich niemals etwas gesehen hatte, daß meiner Villa vergleichbar gewesen wäre. Vor sechs Jahren hatte Marcellus mir in Moesia gesagt, daß General Maximus Decimus Meridius kein hochgeborener Römer wie Cassius sei, sondern der Sohn eines bescheidenen spanischen Bauern, der durch Adoption in eine Senatorenfamilie aufgenommen worden war, wobei diese Adoption eine bloße Formalität darstellte, die ihm den Aufstieg zu höchsten militärischen Ehren ermöglichen sollte. Marcus Aurelius hatte mir anvertraut, daß Maximus seit seinem vierzehnten Lebensjahr Soldat gewesen war, und soweit ich wußte, hatte er sein gesamtes Leben als Erwachsener an den Grenzen des Reiches verbracht, seine Heimat oft für Jahre nicht gesehen, sein nüchternes Militärzelt war ihm Wohnstätte, Zuflucht und Hauptquartier in einem gewesen.

 

Ich war nicht die einzige, welche aufmerksam betrachtete, verglich, sich erinnerte. Maximus' Augen wanderten über mein Gesicht, mein Haar, meinen Körper, nahmen im Vorübergleiten die Beschaffenheit meiner Haut auf, das Funkeln meiner Juwelen, die zarten Schattierungen von Rosé und Grün, welche das Licht auf die Falten meiner elfenbeinfarbenen Tunika malte. Ich fand in seinen Augen dieselben Emotionen wieder, die ich dort auch schon in Moesia gesehen hatte: Staunen, Verwunderung, Faszination, Begehren.

Unter der glühenden Intensität seines erregten Blickes fühlte ich jenes vertraute Kribbeln, das ich sechs Jahre lang nicht mehr verspürt hatte. Ich fühlte, wie sich meine Brustwarzen schmerzhaft verhärteten und mein Puls zu rasen begann. Ich fühlte, wie jenes fieberheiße Verlangen, das ich nur noch zu gut im Gedächtnis hatte, wieder von meinem Körper Besitz ergriff und meine Haut so empfindlich  werden ließ, daß es schon beinahe weh tat. Der vage Gedanke stieg in mir auf, wie es für jemanden wie ihn, der nur noch die Brutalität eines Daseins als Sklave und Gladiator kannte, sein mußte, sich plötzlich von Komfort und Schönheit umgeben zu finden ... und sich mit der Frau konfrontiert zu sehen, die ich jetzt war.

 

Dann streckte er die Hand nach mir aus, und ich vergaß alles und warf mich in seine Arme. Ich vergrub mein Gesicht an seinem Hals und brach in Tränen der Liebe und der Erleichterung aus, während mich seine Wärme, seine Stärke und sein Duft gleich einem weichen Mantel einhüllten. Auch wenn Jahre vergangen waren, brauchte ich keine Zeit, um seinen Körper neu kennenzulernen, mein eigener paßte - trotz des Leders und all der Schnallen und Riemen, die sich in mein Fleisch gruben - vollkommen zu dem seinen. Es spielte keine Rolle. Es zählte nur, daß er Maximus war, und er war bei mir, wenn auch nur für wenige Stunden. Ich schlang meine Arme fester um seinen Nacken und atmete seinen männlichen Moschusduft ein, während ich meinen Tränen freien Lauf ließ und endlich Erleichterung für alle Qualen der vergangenen Woche fand. Die reiche, freie, selbstbewußte Frau, die ich während der vergangenen fünf Jahre gewesen war, verschwand in seinen Armen und ihren Platz nahm das ängstliche kleine Mädchen ein, welches ich gewesen war ... das ängstliche kleine Mädchen, das noch immer in mir lebte trotz Reichtum und Freiheit und Macht.

Er faßte mich mit seinem linken Arm fest um die Taille und mit der Rechten streichelte er zärtlich mein Haar, meinen Nacken, meinen Rücken, meine Schulter. Ich seufzte, als das wohl vertraute und schmerzlich vermißte Gefühl von Wärme und Geborgenheit mich umgab, Wärme und Geborgenheit, die Geld nicht kaufen und über die Macht nicht gebieten konnte. Wärme und Geborgenheit, die ich nie wieder fühlen würde.

Immer noch weinend hörte ich Apollinarius' Stimme nur von weitem.

"Ich lasse Euch beide allein", sagte er und ließ das Schloß und die Ketten auf einen Tisch fallen. Maximus nickte schweigend, dann hörte ich, wie mein ehemaliger Lehrer die Tür meiner privaten Räume hinter sich zuzog und abschloß, so wie wir es vereinbart hatten, da ich, was Maximus' Sicherheit betraf, kein Risiko eingehen wollte.

Wir verharrten lange so, einander schweigend in den Armen haltend. Mein Schluchzen ließ langsam nach, aber immer noch liefen mir Tränen über die Wangen hinab auf seinen warmen Hals und das schwarze Leder, welches seine Schultern bedeckte; mein Atem ging stoßweise und mein Körper hing schlaff in seinen Armen.

Maximus drückte mich noch fester an sich und während seine Lippen fast meine Schläfe berührten, flüsterte er mir beruhigend zu: "Es ist alles gut, Julia. Es ist alles gut."

Ich löste mich ein wenig aus seiner Umarmung und trocknete mir die Augen, die Geste eines ängstlichen kleinen Mädchens, nicht jene einer selbstsicheren, reifen Frau.

"Du bist nun ein Sklave und Du tröstest mich?" fragte ich, beeindruckt von seiner Stärke und Güte, so wie diese mich schon immer beeindruckt hatten.

Er gab meine Taille frei, hielt mich aber immer noch dicht bei sich, seine großen Hände streichelten meine nackten Arme. Dann zuckte Maximus mit den Schultern und lächelte, und ich fühlte, wie mir das Herz bei diesem lieben, jungenhaften Lächeln auf beinahe schmerzliche Weise weit wurde. Ein Lächeln, das noch immer die Kraft besaß, die Linien auszulöschen, welche Sorge und Verantwortung in sein schönes Gesicht gegraben hatten. Ein Lächeln, das noch immer die Kraft besaß, mein gebrochenes Herz irgendwie zu heilen und das seine Wirkung auf meinen Körper nie verfehlte, mein Fleisch brennen machte.

"Es ist Gewohnheit", sagte er. Dann nahm sein Blick einen Ausdruck von Neugier an. "Was meinte Dein Freund, als er sagte, daß Du mich hier 'raus bringen' wolltest?"

Die Aufregung wurde stärker als mein Schmerz. Dies war der Augenblick, in welchem ich die Kontrolle übernahm, der Augenblick, in dem ich wieder die mächtige Dame Julia Servilia wurde, und alles - die vergangenen Jahre, die Einsamkeit, die Macht, der Reichtum - zusammenpaßte und plötzlich einen Sinn ergab. Der Augenblick, in welchem ich ihm zurückgab, was er mir so selbstlos geschenkt hatte. Der Augenblick, in dem ich ihm das - mit Ausnahme eines Kindes - kostbarste Geschenk machte, das ihm zu geben mir möglich war: seine Freiheit.

"Wir haben alles arrangiert, Maximus", sagte ich, wischte mir über Wangen und Nase, und meine eigenen Worte überschlugen sich, so begierig war ich, ihm meinen sorgsam zurechtgelegten Plan zu enthüllen. "Beim ersten Morgenlicht, lange bevor die Wachen wieder zu sich kommen, werden wir Dich auf ein Schiff schmuggeln, das nach Spanien segelt, unmittelbar bevor es die Anker lichtet. Du wirst schon weit auf offener See sein, bevor irgend jemand merkt, daß Du nicht mehr hier bist. Wir werden einfach sagen, daß Du entflohen seiest...", meine Stimme erstarb, als ich sah, wie Maximus sanft lächelte und den Kopf schüttelte.

"Es gibt für mich keinen Grund mehr, nach Spanien zurückzukehren, aber gute Gründe, in Rom zu bleiben", sagte er und sprach mit Bedacht jedes Wort so weich und sanft, als gälte es, ein aufgeregtes Kind zu beruhigen.

Ich blinzelte wie eine Eule, war mir sicher, daß ich ihn nicht richtig verstanden hatte. Kein Grund, nach Spanien zurückzukehren? Kein Grund, nach Hause zu gehen?

"Aber Deine Frau ... Dein Sohn", stammelte ich.

Schmerz zuckte in seinem Gesicht auf. Ein Schmerz von solcher Intensität, daß es mir die Kehle zuschnürte, noch bevor er weiter sprach. Und als er dies tat, war seine Stimme völlig tonlos und alles Leben schien aus ihr gewichen, statt dessen war sie von einem so kalten Haß erfüllt, daß sie einem scharfen Rasiermesser glich.

"Sie sind beide tot. Ermordet von Commodus' Prätorianern. So wie auch ich durch ihre Hand hätte sterben sollen."

Tot.

Seine Frau war tot. Und auch sein Sohn. Olivia und sein kleiner Marcus, den er nach dem Kaiser benannt hatte, statt ihm, wie es üblich gewesen wäre, den Namen "Maximus" zu geben.

 

Blitzartig erinnerte ich mich an einen Tag, der nun schon viele Jahre zurücklag, kurz nachdem die Krankheit Marius Servilius einen ernsten Rückschlag versetzt hatte. Es hatte eine Woche lang geregnet, und an jenem späten Nachmittag, auch wenn das schlechte Wetter ganz offensichtlich noch nicht vorüber war, hatte der Regen für eine Weile aufgehört. Plötzlich hatte ich, nach den vielen langen Stunden am Bett meines Gemahls, das dringende Bedürfnis, frische Luft zu atmen, und befahl einem Stallknecht, die graue Stute zu satteln, welche ich zu reiten pflegte, bevor ich Sidereum geschenkt bekam. Ich ritt mit ihr zum Strand. Als ich dort ankam, ließ ich meinem Pferd die Zügel schießen und es stürmte die Brandung entlang, bis wir beide durchnäßt waren von Schweiß und Seewasser. Dann stieg ich ab und erlaubte der Stute, sich auszuruhen, während ich barfuß über den Strand wanderte. Marius Servilius' Krankheit hatte meine Welt erneut aus dem Gleichgewicht gebracht, und die Mauern, welche meinen persönlichen Schmerz im Zaum gehalten hatten, brachen nieder. Es war mehr als ein Jahr hergewesen, seit ich Maximus meinen Brief geschickt hatte, und ich konnte mir nicht länger etwas vormachen: er hatte ihn nicht beantwortet.

Er würde niemals antworten.

Auch konnte ich mir nicht länger vormachen, er habe ihn nicht erhalten, da Aemilius Trebutius Flaccus mich pflichtgemäß davon in Kenntnis gesetzt hatte, daß "der Herr den Brief erhalten habe". Als keine Antwort eintraf, bot er an, mir den schriftlichen Beweis vorzulegen, daß der Brief abgeliefert worden war, was ich jedoch ablehnte. Ich hatte keinen Grund gehabt, ihm zu mißtrauen, denn ich hatte ihm den Brief gegeben, weil ich wußte, daß er derjenige war, welcher dafür sorgen konnte, daß das Schriftstück schnell und sicher in Maximus' Hände gelangte. Sowohl sein geschäftlicher Umgang mit dem Kaiser als auch der Rang des Offiziers, an welchen der Brief gerichtet war, erlaubten es ihm, selbigen durch den cursus publius (*)befördern zu lassen.

Niemals fragte ich den Bankier während der folgenden Monate, ob er Neuigkeiten erhalten habe. Und er hatte niemals versäumt, mir zu sagen, wie leid es ihm täte, daß er aber keine Antwort auf "jenen" Brief erhalten habe, den ich ihm anvertraut hatte. Bisher noch nicht. Nachdem genügend Zeit verstrichen war, wurde es zu einer Art Spiel: er kam auf das Thema zu sprechen, versuchte, mir irgendeine Art von Antwort zu entlocken, und ich weigerte mich, dies zur Kenntnis zu nehmen, und lernte es allmählich, mein Gesicht zu einer undurchdringlichen Maske werden zu lassen. Manchmal fragte ich mich, ob dies eine Form von Rache des Bankiers für die Unannehmlichkeiten war, die ich ihm bereitet hatte, als ich  - in Begleitung eines Armee-Quästors und von sechs Prätorianern - mit einem Brief des Kaisers in der Hand vor seiner Tür erschienen war. Aber wahrscheinlich dürstete es ihn nur nach ein wenig Klatsch über eine reiche und verheiratete kaiserliche Freigelassene und ihre Affaire mit einem hochrangigen Offizier, die offensichtlich schief gelaufen war.

Auch wenn ich mich geweigert hatte, Aemilius Trebutius Flaccus' Köder zu schlucken, so ging ich doch jedesmal mit leeren Händen und einem verwundeten Herzen heim und verbrachte schlaflose Nächte, in denen ich wieder und wieder die möglichen Gründe erwog, warum Maximus seine Antwort an mich so hinauszögerte. Ich hatte niemals daran gezweifelt, daß er zurückschreiben würde, und hatte sogar zu hoffen gewagt, er würde kommen, um mich anläßlich eines dienstlichen Aufenthaltes in der Stadt Rom zu besuchen.

Aber meine schlaflosen Nächte endeten immer gleich: mit einer heimtückischen, verschwommenen, weiblichen Gestalt, die sich einer Schlange gleich in mein Herz und meinen Verstand windet. Olivia. Maximus' Frau. Die Frau, welche das Recht hatte, seinen Namen zu tragen, ein Recht, das ich niemals haben würde, weil ich eine Freigelassene und er Angehöriger einer Senatorenfamilie war.

Ich wußte nichts von ihr. Kannte weder die Farbe ihres Haares, noch ihre Größe oder ihr Alter. Ich kannte nichts als ihren Vornamen ... und daß Maximus sie so sehr liebte, daß er alle anderen Frauen abwies, einschließlich einer Sklavin und Hure, die seine Leidenschaft erregt hatte, und einschließlich der Lieblingstochter des Kaisers.

Ich bemühte mich, sie mir vom Leibe zu halten, ihr nicht zu erlauben, in meine Gedanken einzudringen und mich zu veranlassen, ihr Gesicht heraufzubeschwören, wie Wahrsager Visionen in ihren Kristallkugeln heraufbeschwören. Aber von Zeit zu Zeit ertappte ich mich dabei, wie ich versuchte, mir ihre Züge vorzustellen, indem ich eine Frau oder ein Mädchen betrachtete, die - wie man mir sagte - spanischer Herkunft waren. Es gab nicht viele Spanier in Rom bis auf einige berühmte Tänzerinnen aus Gades, die extrem erfolgreich waren, wenn man gemietete Unterhalterinnen für private Abendgesellschaften brauchte. Einige von ihnen hatte ich persönlich gesehen, üppige, spärlich bekleidete Frauen mit langem, welligem schwarzem Haar, bronzefarbener Haut und großen, schwarzen Augen. Einige waren jung und schön. Andere nicht mehr ganz so jung und schön. Aber sie alle hatten etwas gefährlich Verführerisches an sich, etwas das ihnen anhaftete wie Parfum aus Parthien, und sie sprachen Latein in einem Tonfall, der dunkle, unaussprechliche Freuden zu verheißen schien.

Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob Olivia wohl einer von ihnen gliche. Ganz gleich wie sehr ich mich bemühte, sie mir als ungebildete Bauersfrau vorzustellen, als Mädchen vom Lande, die vermutlich nie in ihrem Leben ein Buch gelesen hatte oder mehr als ein oder zweimal im Theater gewesen war, ganz gleich, wie viele Male ich mir sagte, daß sie sicherlich häßliche Hände von all der verrichteten Hausarbeit hatte, schwielige Füße vom Gebrauch grober Sandalen und Maximus zu Tode langweilen würde, hätte er sein ganzes Leben an ihrer Seite verbracht - trotz all dessen wußte ich, daß Olivia etwas Besonderes sein mußte, wenn sie einen Mann wie ihn hatte für sich gewinnen können.

An jenem Nachmittag am Strand, als ich blindlings durch den nassen Sand wanderte, explodierte all die Sorge und der Schmerz und die Enttäuschung über den unbeantworteten Brief in einem gänzlich irrationalen Zornesausbruch. Ich trat nach dem Sand und den Steinen und Muscheln, die auf ihm lagen, verletzte mir die nackten Füße und merkte es in jenem Moment nicht einmal. Ich schrie und heulte und schleuderte meine Fäuste gegen den sturmgepeitschten Himmel über mir - die schwachen Blitze in der Ferne erschienen mir wie ein Beweis für den Spott der Götter.

Ich konnte mich nicht erinnern, je in meinem Leben von einem so bösartigen, heftigen Zorn erfüllt gewesen zu sein. Ich schrie und fluchte, schreckte die Möwen auf, die dicht an der Brandung nach Muscheln und Krebsen suchten.

 

Ich verfluchte sie von ganzem Herzen und mit jedem Ausdruck, der mir zur Verfügung stand, und wenn ich endlich innehielt, kam ich mir so dumm und jämmerlich vor, daß ich nur noch wütender wurde, und ich begann erneut, sie zu verfluchen, aber nicht nur sie, sondern auch Maximus und - vor allem - mich selbst. Dann brach ich völlig erschöpft im Sand zusammen und blieb dort zitternd und schluchzend liegen. Es war jenes trockene Schluchzen, welches mir immer die Kehle zuschnürte, wenn ich von Schmerz gequält wurde, aber keine Tränen vergießen konnte. Ich konnte nicht mehr weinen, seit ich an jenem Morgen in Moesia erwacht war und hatte feststellen müssen, daß mein schöner Traum vorüber war und Maximus mich, während ich schlief, verlassen hatte *1.

Die ersten Regentropfen zwangen mich aufzustehen, in den Sattel zu steigen und zur Villa zurückzukehren. Als ich Aemilius Trebutius Flaccus das nächstemal traf, erwähnte ich beiläufig, noch bevor er wieder auf sein Lieblingsthema zu sprechen kommen konnte, daß ich erwog, mein Vermögen einem jüdischen Bankhaus, über das ich sehr viel Gutes gehört hatte, anzuvertrauen. Der Mann mag zwar ein Schwätzer gewesen sein, aber er war kein Dummkopf. Er machte mir ein besonders günstiges Angebot und kam nie wieder auf den unbeantworteten Brief zu sprechen. Ich behielt ihn als meinen persönlichen Bankier. Und ich vergoß keine einzige Träne mehr, bis ich wieder in Maximus' Armen lag.

 

Meine Knie gaben nach. Maximus packte mich an den Armen und führte mich, vorsichtig rückwärts gehend, zu einem Stuhl. Ich starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, und er  hockte sich vor mich hin, nahm meine Hände und tröstete mich, während doch ich diejenige hätte sein sollen, welche ihm Trost spendete.

"Sie sind tot?" wiederholte ich, als ob die Worte laut auszusprechen mir helfen würde, ihre Bedeutung zu begreifen.

Aber ich wußte, daß es die Wahrheit war. Ich wußte es in meinem Herzen, in meiner Seele und jedem einzelnen Knochen meines Leibes.

Olivia war tot, und ich fühlte Scham und Schuld mit der gleichen Geschwindigkeit und Wucht über mir zusammenschlagen, mit der noch vor kurzem die Leidenschaft mich überwältigt hatte. Ich hatte Rache gewollt, weil ich nicht geliebt wurde, und nun war Maximus ein Sklave, während ich frei war. Ich hatte Rache nehmen wollen an der Frau, welche schuld daran war, daß er mich nicht liebte, und sie war tot.

"Das ... das ändert die Dinge", stieß ich hervor. O ja, das tat es. Obwohl ich mich schuldig fühlte, eine Frau auf diese Weise verflucht zu haben, die nicht mehr Schuld daran trug, geliebt zu werden, als ich selbst schuldig war, eine Liebende zu sein, änderte ihr Tod doch alles.

So glaubte ich jedenfalls.

 

Ich blickte mich im Zimmer um, als würde ich eine Bestandsaufnahme meiner Besitztümer machen, statt dessen arbeitete jedoch mein Gehirn auf Hochtouren, um Pläne zu schmieden. In der Geldkassette in Marius Servilius' Arbeitszimmer war reichlich Barvermögen vorhanden, außerdem hatte ich Agenten und Bankiers in vielen Häfen des Reiches. Ich mußte nicht viel packen ... nur ein wenig Kleidung für die Reise, meine Juwelen und Papiere. Und Karten. Kapitän Paulus hatte Anweisung, sein Schiff auf schnellstem Wege nach Spanien zu steuern, aber er konnte in kürzester Zeit einen neuen Kurs festlegen. Die See war offen, und wir konnten Alexandria innerhalb von drei Wochen erreichen. Oder vielleicht sollten wir nach Zypern segeln und von dort nach Syrien oder Kappadokien. Und sollte es auch dort nicht sicher genug sein, dann könnten wir auch die Grenzen des Reiches hinter uns lassen, nach Parthien gehen ... Oder vielleicht wäre es besser, durch das Mare Internum (**) in die entgegengesetzte Richtung zu segeln, die Säulen des Hercules (***) hinter sich zu lassen und sich dann nach Norden zu wenden, dem nebligen, entlegenen Britannien entgegen ... es war romanisiert, aber ich hatte gehört, daß es dort Dutzende von Inseln gäbe, wo wir uns verstecken könnten, bis es sicher wäre zurückzukehren. Apollinarius könnte sich um das Geschäft kümmern. Und die Villa. Und die Katzen. Und Sidereum.

"Ich brauche nur einen Augenblick, um ein paar Sachen zu packen, dann kann ich mit Dir gehen. Wir ... "

"Nein, Julia. Ich kann nicht gehen."

Er sprach ganz ruhig und vernünftig, aber mit leiser, sanfter Stimme, wie ein Vater, der versucht, sein aufgeregtes Kind zur Vernunft zu bringen.

"Du mußt gehen, Maximus. Du wirst in der Arena sterben."

"Ja."

"Du wirst gehen?" fragte ich und hoffte gegen alle Hoffnung, daß "Ja" hieße, er habe seine Meinung geändert - aber ich wußte es besser.

"Ja, ich werde in der Arena sterben." Seine Stimme war sanft, er hätte es mir so gerne leichter gemacht. Ich packte seine muskulösen Arme, die hart wie Stein waren, und suchte in diesen blau-grünen Augen nach einer Antwort ... blau-grüne Augen, die plötzlich um Jahre gealtert schienen.

Ich fand keine Antwort. Aber ich konnte alles in diesen Augen lesen.

"Ich verstehe nicht. Ich biete Dir das Leben ... die Freiheit."

Er lächelte wieder, ein schwaches, trauriges Lächeln, und streichelte zärtlich meine Arme.

"Mein Leben ist bereits vorüber. Es wurde mir an dem Tag genommen, als ich die verbrannten Körper meiner Frau und meines Sohnes fand. Damals wollte ich sterben. Es war nur eine Fügung des Schicksals, daß es anders kam ... das Schicksal bot mir die Möglichkeit, den Mann, der meine Familie getötet hatte, mit seinem eigenen Leben dafür zahlen zu lassen. Ich beabsichtige, dafür zu sorgen, daß er zahlt. Dann werde ich sterben."

Obwohl seine Rede ganz ruhig und ohne besonderen Nachdruck war, sprach aus ihr eine absolute Gewißheit. Absolute Wahrhaftigkeit. Und eine Entschiedenheit, die keinen Zweifel duldete.

"Maximus, muß ich Dich vor Dir selbst retten?"

"Julia. Bitte, Du mußt verstehen, daß ich nicht mehr der Mann bin, den Du gekannt hast."

"Doch, das bist Du noch." Wieder konnte ich Tränen in meiner Stimme hören, und ich haßte mich dafür.

"Nein. Den Mann gibt es nicht mehr. Ich bin ein Sklave. Ein Gladiator. Ich unterhalte die Leute indem ich töte. Mein Tod dient allein dem Vergnügen des Pöbels. Ich bin ein Nichts. Mein Leben ist es nicht wert, gerettet zu werden."

Ich schüttelte seine Hände ab, stand auf und lief im Zimmer auf und ab. Maximus erhob sich ebenfalls, blieb jedoch stehen, schweigend, folgte mit den Augen jeder meiner Bewegungen, offenbar bereit, sofort zu handeln, sollte ich den Verstand verlieren. Ich lief hin und her, wieder glich ich einer Löwin im Käfig, kaute frustriert an meinen Fingernägeln, etwas, das mir mehr als einmal Schläge eingebracht hatte, während ich als Kind in Cassius' Villa aufwuchs.

Etwas, das ich nicht mehr getan hatte, seit ich ein Kind war.

Maximus war zurück in meinem Leben. Unter meinem eigenen Dach. Daß ich ihn hatte herbringen lassen, war Teil der Verschwörung gewesen, ihm die Freiheit wiederzugeben. Ich war bereit gewesen, für immer auf ihn zu verzichten, nur um es ihm zu ermöglichen, Gefahr und Sklaverei zu entfliehen. Ich war bereit gewesen, auf alles zu verzichten, was ich besaß, um mit ihm zu gehen, nun da seine Frau tot war ... aber er weigerte sich zu gehen und zog den Tod der Freiheit vor - und dem Leben ... und mir.

Ich fühlte den Drang, zu schreien, zu fluchen, zu kratzen, Dinge zu werfen ...

Ich war nicht mehr das kleine, ängstliche Mädchen. Nicht mehr die Sklavin und Hure. Nicht mehr Julia, "die Beste, die ich je gezüchtet habe" und auch nicht mehr die ungebildete Freigelassene Julia Antonina. Vielleicht würde ich nie die Dame Julia Meridia sein, aber mit Sicherheit war ich die reiche und mächtige Dame Julia Servilia. Ich hatte hier zu befehlen. Ich erteilte Befehle und meinen Befehlen wurde Folge geleistet. Ich hatte den Befehl über eine Flotte, und nur die kaiserliche Flotte war größer als die meine. Ich setzte Ideen in die Tat um. Selbst wenn das bedeutete, den Willen anderer zu ignorieren. Selbst wenn es bedeutete, Maximus' Willen zu ignorieren.

Ich wirbelte herum. Meine Haltung hatte sich gänzlich verändert.

"Maximus, streck Deine Hände aus."

 

(*) Cursus publicus: Der kaiserliche Postdienst, welchen zu benutzen der kaiserlichen Verwaltung und Offizieren vorbehalten war.
(**) Mare Internum: Das Mittelmeer.
(***) Die Säulen des Hercules: Die Meerenge von Gibraltar.
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*1   vergleiche: Julias Tagebuch 1.Teil 8. Nachwehen und          Maximus' Zweite Verweigerung

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