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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Siebentes Kapitel – Die Felsentempel am See |
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Am frühen Morgen wurde der kleine Flughafen per Taxi erreicht. Eine firmeneigene Fokker erwartete sie mit laufenden Propellern, und schon kurze Zeit danach erhoben sie sich in die Lüfte. Der Flug über das Niltal bot ein einmaliges Schauspiel. Sie flogen nicht besonders hoch. Das, in der Sonne glitzernde Band des Nils, schlängelte sich unter ihnen durch das grünende Uferland, während links und recht davon die Wüstenberge im rosigen Sonnenlicht ockerfarben aufragten, und bis ins Unendliche zu reichen schienen. Der Pilot deutete mal hier hin, dann dort und versuchte den Motorenlärm mit seinen knappen Erklärungen zu übertönen. Bereits kurz nach dem Start überflogen sie den Sadd el-Ali Hochdamm, der den Nil zum Nasser-See aufstaute. Er breitete sich insgesamt ca. 500 km lang und zwischen zehn bis dreißig Kilometer breit, unter ihnen aus. Einen gewaltigen Teil Nubiens hatte er überschwemmt. Bizarr schnitten die Wassermassen ins steinige Gebiet und formten zackige Muster. Ein gewaltiges Meer, das an die biblische Sintflut erinnerte, umgeben vom Wüstengebirge Nubiens. Die etwa 300 Km wurden in einer knappen Stunde zurückgelegt. Die Zeit wurde den Fluggästen nicht lang, die sich an dieser gewaltigen, von Menschenhand erschaffenen Naturbändigung nicht satt sehen konnten.
Abu Simbel lag fast an der Grenze zum Sudan, am westlichen Ufer des Sees. Der eigens angelegte Flugplatz von dieser Höhe aus betrachtet glich einem Ameisenhaufen inmitten der Wüste. Mehrere Containerflugzeuge standen aufgereiht neben der Hangarreihe, dazwischen kleinere Flugmaschinen und jede Menge von Lastautos und Baufahrzeugen, die man per Luft und auf dem Landweg mühsam hierher gebracht hatte. Es war ein Gewirr von Menschen, Bauteilen und Fahrzeugen. Die Fokker landete mit einigem Rumpeln und suchte ihren Standplatz inmitten des Trubels auf.
Nachdem die Männer das Flugzeug verlassen hatten und ihr Gepäck ausgeladen war, kam ein Jeep direkt auf sie zugefahren. Ein weißblonder Hüne sprang vom Lenkersitz direkt aus dem Wagen. „Hallo, willkommen in Abu Simbel! Ich bin der Bauleiter von Truppe zehn, Behrens mein Name, Klaus-Dieter Behrens! Freut mich, Sie endlich kennen zu lernen!“ Seine dunkle Stimme war sympathisch und aufrichtig. Die Männer schüttelten einander die Hände und es bedurfte keiner Vorstellung, der Deutsche war gut informiert. Er erkannte Frédéric wie auch Smaïn den Beschreibungen nach, die man ihm von beiden gegeben hatte.
Mit dem Jeep ging es zum Einsatzort. Eine große Siedlung gruppierte sich auf der Anhöhe oberhalb des Sees, sie sollte den Kern für eine moderne Stadt der Zukunft in weiterer Folge bieten. Eine neue Oase, gespeist durch das Wasser des Sees. Eifrig war man bemüht einen Kofferdamm anzulegen, denn der See war bereits beängstigend nahe den Tempelanlagen angestiegen. Von oben aus konnte Frédéric den Tempel nicht erkennen und er brannte darauf dieses viel gerühmte Meisterwerk zu sehen. Die einfachen, doch geräumigen Quaderhäuser boten gut funktionierende Sanitäranlagen, waren einfach, jedoch modern und zweckmäßig ausgestattet und gruppierten sich um Konferenzsäle, Geschäfte und ein größeres Einkaufszentrum. Frédéric und Smaïn waren nur unweit voneinander untergebracht. Jeder der beiden Männer bekam einen kleinen, wendigen Geländewagen zur Verfügung, der bereits vor der Tür stand. Beweglichkeit war alles, um den Einsatz der Männer voll zu garantieren. Breite Zufahrtstrassen waren angelegt worden, die Versorgung von über zweitausend Männern musste reibungslos klappen. Es gab Kantinen und Imbissstuben, die einheimischen Arbeiter machten einen zufriedenen und freundlichen Eindruck. Anscheinend profitierten sie nicht nur von einem gut bezahlten Job, der ihre Familien ernährte, sondern auch von dem Gefühl, an einem wichtigen Vorhaben teilzunehmen. Jedes, auch noch so kleine Rädchen in der internationalen Rettungsmaschine, war von Bedeutung. Nach dem gemeinsamen Essen fuhren Frédéric und Smaïn gemeinsam mit der ihnen zugeteilten Truppe die Serpentinenstrasse hinunter zum Ufer und zum Grossen Tempel. Erst als Frédéric vor den zwanzig Metern hohen, sitzenden Kolossalstatuen des Grossen Ramses stand und die dreiunddreißig Meter hohe Tempelfassade mit seinem Blick erfasste, war ihm klar, was die Welt dazu bewegt hatte, dieses gigantische Bauwerk retten zu wollen. Mit erhabenem, breitem Lächeln blickte der mächtige König, der an die sechzig Jahre lang regiert hatte, auf die Winzlinge, die gekommen waren, um ihn und sein Andenken Tausende von Jahren nach seinem Ableben zu retten. Ein Falkenpärchen kreiste über der Doppelkrone der äußersten, rechten Königsstatue und schraubte sich immer höher in den gleißenden Himmel, bis es den Augen der Menschen entschwunden war. Über sechzig Meter tief war der Tempel in den Fels gehauen und durch das Portal betraten sie die große Pfeilerhalle, in der ein Heer von Geologen, Archäologen und anderen Fachleuten damit beschäftigt war, Blöcke zu skizzieren und zu nummerieren. Zehn Meter hohe Osirisgestalten des Gottkönigs ragten beidseitig an den Wänden zwischen den Wandreliefs bis an die Decke hoch. Die Wände erzählten vom Ruhm und den Heldentaten des Pharaos. Alles was Frédéric in diesen ersten Augenblicken der Begegnung mit dem größten aller ägyptischen Könige empfand, war Ehrfurcht und Staunen. Die Nebenkammern, deren Wände ebenfalls allesamt mit eingemeißelten Szenen des königlichen Lebens bedeckt waren, dienten früher als Vorrats- und Schatzkammern. So war diese Tempelanlage nach einem Jahrtausende währenden Schlaf, begraben unter dem heißen Wüstensand, wieder zu neuem Leben erwacht und sollte nicht, wie befürchtet, für ewig in den aufgestauten Wassern des Nils versinken!
Anschließend besuchten die Männer den daneben gelegenen Tempel der Königin Nefertari, der Hauptfrau des Pharaos. Nie zuvor wurde einer königlichen Gemahlin ein solch imposantes Denkmal gesetzt und die Liebe und Zuneigung, die Ramses der Grosse für diese geheimnisvolle Frau empfand, trotz der zahllosen, auserwählten Nebenfrauen, die seinen Harem zierten und ihm weit über hundert Töchter und Söhne geschenkt hatten, war in die Geschichte eingegangen, und hat Dichter und Künstler immer von Neuem inspiriert. Der Tempel war kleiner als der Tempel des Königs und nebst Nefertari auch der Liebesgöttin Hathor gewidmet. Die sechs Standbilder der Fassade waren zehn Meter hoch und stellten den König und seine Gemahlin dar.
Nach diesem langen und aufregenden Tag fiel Frédéric wie tot auf sein bequemes Bett und er verspürte nicht den geringsten Hunger. Trotz der bleiernen Müdigkeit fiel er von einem Traumgespinst ins andere, die Kolossalstatue des Königs erhob sich, erwachte zum Leben, und der Zorn über den Frevel der Menschen traf sie durch eine gewaltige Sintflut. Der Pharao richtete den rechten Arm auf die Wasser des Sees und dieser stieg rasend schnell an und trat über die Ufer, Mensch und Tier versanken klagend und entsetzt in den Fluten. Als er erwachte war die Sonne eben aufgegangen. Er stürzte sich mit Übereifer nach einem ausgiebigen Frühstück in der Kantine, in seinen neuen Arbeitsbereich. Kräne und Brücken mussten aufgebaut werden, die Arbeit war in vollem Gange und er schloss sich seinem Team an, das ihn bereits am Vortag respektvoll und kameradschaftlich aufgenommen hatte.
Die Tage und Wochen vergingen wie im Flug. Ein Brückenkran war auf der Anhöhe errichtet worden, weitere Kräne wurden herangezogen, um die zersägten und nummerierten Blöcke des Monumentes vorsichtig und behutsam abtransportieren und wiedereinsetzen zu können. Der neue Tempel war 65 Meter höher und 180 Meter landeinwärts geplant. Jahrelang hatte man das Gemäuer zuvor vom Sand befreit, um dieses Unterfangen überhaupt möglich zu machen. Die wieder aufgebauten Tempel mussten mit Stahlbetonkuppeln versehen werden, von 50 m Spannweite für den Grossen, 24 m für den Kleinen Tempel. Die Höhen sollten 19 m und 7 m betragen. Von außen mit Fels und Geröll bedeckt, würden sie für den Betrachter unsichtbar bleiben und der Eindruck des natürlichen Tempelhintergrundes würde so bewahrt bleiben. Insgesamt 1.036 Blöcke von zwanzig bis dreißig Tonnen wurden ausgesägt, die fehlenden Stellen mit Mörtel und Zement ausgefüllt, um ein Einstürzen zu verhindern. Gleichzeitig wurden Innenwände und Decken an ein Stahlgerüst aus Stahlbeton gehängt. Beim Tempelwiederaufbau wurde genau darauf geachtet, dass die exakte Position der ursprünglichen Achse eingehalten werden würde. Sie war von großer, esoterischer Bedeutung. Frédéric war eben für diesen Teil der Arbeit zuständig und er lebte nur mehr für seine Aufgabe, während Smaïn die Arbeiter leitete, die für den Transport der Blöcke eingesetzt wurden. Laufend kamen Männer an, der Flugplatz wurde vergrößert, ebenso das Lager. Auch die Versorgungseinrichtungen konnten nach und nach verbessert werden. Zeit für sich hatten die Männer nur an dem einen freien Tag der Woche, dem islamischen Ruhetag, dem Freitag.
Das Konsortium der beteiligten, ausländischen Firmen trat einmal im Monat zusammen und auch der alte Theodor Hollowitz kam jedes Mal zu diesen Konferenzen. Presseleute und Journalisten waren ebenfalls anwesend, man gab Interviews und versuchte die Welt auf die finanziellen Probleme aufmerksam zu machen, ihr Interesse zu wecken. Aus Wochen wurden Monate und aus Monaten allmählich Jahre. Aus dem jungen Ingenieur war ein reifer, besonnener Mann geworden, der mit unglaublicher Zähigkeit ans Werk ging und von seinen Untergebenen mehr als geschätzt, ja bewundert wurde. Er schien nur für seine Arbeit zu leben, für die Errettung der Tempel. Das Projekt hatte bereits viele Millionen Dollar verschlungen und es würde noch einmal so viel kosten bis zu seiner Vollendung.
Frédéric nahm seine ihm zustehenden Urlaubstage nicht wahr, ebenso wenig wie Smaïn. Ägypten wurde zur Lebensaufgabe für die beiden Männer und alles, was sie vom Leben erwarteten, fanden sie hier auf ihrer gigantischen Baustelle, die zu ihrer Heimat geworden war: Freundschaft, Loyalität, Bestätigung und Anerkennung. Sie vergnügten sich höchstens ein paar Tage lang in Kairo, wo sie auch alte Studienkollege des Ägypters besuchten. Die meisten von ihnen waren als Fremdenführer für ausländische Reiseveranstalter tätig. Smaïn Ben Hamsa war nicht wirklich einer der ihren. Er war ein Einzelgänger. Er war nicht praktizierender Muslim und verschloss sich vor jeder religiösen Diskussion oder Handlung. Er verschwand einmal im Jahr auf dem riesigen Friedhof von Kairo und blieb dann den ganzen Tag über unauffindbar. Nach einer Rückkehr seiner geheimnisvollen Ausflüge, - sie waren bereits seit über zwei Jahren in Abu Simbel - , öffnete Smaïn zum ersten Mal dem Freund sein Herz. Sie saßen auf der Terrasse eines kleinen Cafés auf der Zitadelle in Kairo, als er nach einigem Schweigen von selbst zu reden begann: „Ich habe dir nie erzählt, wie ich meine Familie verloren habe!“ begann er. „Ich war zu dieser Zeit bereits in Abu Simbel und wir haben die Vorarbeiten aufgenommen, das heißt, es galt vor allem, die Tempelanlagen komplett von Sand und Geröll zu befreien. Es war unglaublich, was sich im Laufe der Jahrhunderte so angesammelt hatte. Der Anschlag in Medinet el-Faijum erfolgte wie die meisten Terroristenanschläge: Rasch, präzise, mörderisch und sinnlos! Meine Frau war mit unserem kleinen Sohn bei ihren Eltern zu Besuch gewesen. Sie lebten dort. Ihr nahes Dorf, wurde regelrecht ausgelöscht, es gab nur wenig Überlebende. Alles niedergemacht, in einem Hagel von Maschinenpistolenfeuer! Sie nennen das „den Heiligen Krieg!“ Smaïn lachte trocken und bitter auf. „Alles was mir heilig war, haben sie mir mit ihrem Fanatismus genommen! Im Namen Gottes! Ich konnte sie nur begraben, meinen Sohn, er war kaum drei Jahre alt, die Schwiegereltern, und deren Tochter, die sie mir anvertraut hatten. Sie war wahrhaftig eine Schönheit, einfach göttlich in jeder Hinsicht, sie war meine „Wüstenrose“! Der Name passte zu ihr, denn ihre Anmut erinnerte mich an eine dunkle Rose, die zart, weich und gleichzeitig von stolzer Schönheit war. Ihr langes, pechschwarzes Haar reichte ihr bis zur Taille! Wir hatten uns während des Studiums kennen gelernt, sie hatte ebenfalls Ägyptologie studiert, war sehr ehrgeizig gewesen, und sie war die Assistentin des Konservateurs im Ägyptischen Museum von Kairo gewesen. Nach der Geburt unseres Sohnes wollte sie sich einige Jahre lang dessen Erziehung widmen. Wir liebten ihn abgöttisch, er war so klug für sein Alter, so aufgeweckt, und seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Er war mein ganzer Stolz, die Freude meines Herzens! Es kam manchmal vor, dass Aysha gebeten wurde, doch im Museum vorbei zu kommen, vor allem, wenn es neue Fundstücke gab. Sie war dann immer schrecklich aufgeregt und konnte sich in eine unglaubliche Begeisterung hinein steigern! Manchmal, wenn ich nachts wach liege, denke ich, diese kurze Zeit des Glücks war nicht Realität und ist nur irgendwo in meinem Unterbewusstsein als Wunschtraum entstanden. Denn welcher Gott, welche göttliche Kraft hätte eine solche Tat und Grausamkeit zugelassen? Es konnte nicht wahr sein! Dann wieder kommen die Momente, wo ich denke, die Gegenwart hält mich in einem Traum gefangen, in dem ich ohne beide existieren muss. Wenn ich jedoch erwachte, was bald sein würde, dann würde das reale Leben weitergehen und ich neben der Geliebten erwachen, und durch das helle Kinderlachen meines kleinen Yussef. Zitternd vor Angst könnte ich mich in den Armen meiner Frau beruhigen. Erst wenn ich in der Nekropole von Kairo umherirre, und mich in den Staub vor ihrem Grabmal werfe, trifft mich die Ironie meines Schicksals jedes Mal mit einer so unglaublichen Wucht, dass ich wie gelähmt bin und Kraft suche, den Ort wieder verlassen zu können, um ohne sie weiter zu leben. Alles was ich noch habe, ist meine Arbeit, sie erhält mich am Leben und ich suche in ihr Vergessen, das es dennoch nie geben wird.“ Smaïn hielt inne und starrte in den Sternenübersäten Himmel. Sie sprachen beide lange kein Wort, denn es gab auch nichts zu sagen. Frédéric wusste das Vertrauen des Freundes zu schätzen, doch er konnte ihn weder trösten, noch ihm helfen! Keinen Trost, keine Aufmunterung, es gab nur Leere und tausend offene Fragen über Leben, Tod, oder Hoffnung. Er wünschte innigst, der Freund würde seine stumme Anteilnahme akzeptieren und in der Freundschaft, die er ihm entgegenbrachte, eine Spur von Halt finden.... |
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Achtes Kapitel – Was bleibt, ist die Erinnerung |
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Als der Morgen graut, ist der grübelnde Mann nun doch eingenickt und erwacht durch die eintönigen Geräusche des beginnenden Alltags. Die ersten Arbeiter sind auf dem Wege zur Arbeitsstelle, die ersten Busse transportieren ihre schläfrigen Fahrgäste an deren Ziele. Monotoner Motorenlärm dringt nur dumpf durch die gut isolierten Fenster des Stadthauses der Familie Hollowitz-Hardtberg, in Stuttgart. Ein Tag wie jeder andere. Der Tag, an dem er Elisabeth begraben musste...
Das alteingesessene, dreistöckige Jugendstilgebäude ist seit Generationen im Besitz der Familie, in die Frédéric eingeheiratet hat. Er hat sich immer dagegen gesträubt, eine moderne Villa außerhalb der Stadt errichten zu lassen, aus Angst, dass seine Frau und Tochter so weit draußen alleine nicht zurechtkommen könnten. Er hatte sich gezwungenermaßen nur selten in Deutschland aufgehalten, und wie eine eiserne Hand umkrallt erneut Selbstvorwurf seine Seele. Das Schuldgefühl, das ihn seit der Todesnachricht der Geliebten vergiftet, wird nicht schwächer. Elisabeth hatte gewusst, dass er nicht sein Leben am Schreibtisch verbringen konnte und von der Zentrale aus die Projekte leiten würde, wie ihr Vater es zuvor getan hatte. Er hatte ihr nie etwas vorgemacht. Er war immer ein Mann der Tat gewesen, doch sie hatten beide daran geglaubt, dass sie es schaffen könnten, und ihre Liebe groß und stark genug sei, mit allen Hindernissen fertig zu werden. Welch ein Hohn! Um sie vor Gefahren der Einsamkeit und des Verlorenseins zu schützen, besorgt um ihre zarte Gesundheit, hatte er sich geweigert, das Stadthaus aufzugeben. Elisabeth wandte oft genug ein, um wie vieles besser die Lebensqualität für sie alle, besonders aber für ihre kleine Tochter Anja, auf dem Lande wäre. Auch war das nächste Dorf mit ihrem kleinen, schnellen Wagen in wenigen Minuten zu erreichen und man hätte das Haus mit Telefonapparaten in allen Räumen ausstatten können. Außerdem waren da ja auch noch Karl und Anna, sie wären sicher liebend gerne in ein neues, großes, sonnendurchflutetes Haus, irgendwo am Stadtrand von Stuttgart mitgezogen. Man war doch gleich überall mit dem Auto. Sie machte sich sogar lustig über Frédérics Sorge, die zudem für ihn auch durch seine andauernde Abwesenheit akzentuiert wurde. Er war schon in Versuchung gewesen nachzugeben, wenn sie von dem imaginären Garten sprach, den sie anlegen würde, der Hollywoodschaukel am Ufer eines kleinen Teiches und den Momenten der Zweisamkeit in einer duftenden, von Blüten umrankten Laube. Er hatte Pläne gezeichnet und sich zwei Grundstücke angesehen. Eines davon wäre ideal gewesen und hätte Elisabeth bezaubert: ein leicht ansteigendes, hügeliges Stück Land, einerseits von einem klaren, murmelnden Bach begrenzt und im Osten vom dichten Mischwald und rauschenden Bäumen. Romantisch, musste er zugeben, wenn auch einsam...
Die Ärzte waren sich einig gewesen: Es sollte bei dem einen Baby bleiben und es hatte den Anschein gehabt, als würde sie es akzeptieren. Er erinnerte sie an die Schwierigkeiten, die sie während ihrer ersten Schwangerschaft hatte, die Schwächeanfälle und die angstvollen Nächte, in denen sie beide davor bangten, dass sie ihr Baby verlieren würden. Während dieser Zeit war er noch ständig im Hauptsitz des Werkes, das er nun leitete, tätig, doch die Sorge um sie, die homophil war, und das ungeborene Kind, das sie so sehr wollte, verfolgte ihn auch tagsüber. Er telefonierte mehrere Male am Tag mit dem Stadthaus, um sich zu vergewissern, dass zuhause alles in Ordnung war. Elisabeths Gesundheit war immer schwach gewesen, von Kindheit an, wie er von seinem Schwiegervater erfahren hatte, und die Fachärzte rieten von einer Schwangerschaft ab. Aber der Wunsch danach war so vorherrschend, dass auch Frédéric machtlos war, sie davon abzubringen, obwohl er sich Kinder wünschte. Ihrer Gesundheit zuliebe, hätte er diesen Wunsch ohne weitere Überlegung jedoch abgehakt.
Ihr Kind, Anja, kam durch einen Kaiserschnitt zur Welt, und Elisabeth war lange nach der Geburt erschöpft und deprimiert gewesen. Doch als es ihr besser ging, strahlte sie vor Mutterglück und ihre ganze Liebe, die sie von ihrer eigenen Mutter nie empfangen hatte, schenkte sie ihrem Kinde. Doch da war dieser Hintergedanke, ihm einen männlichen Erben schenken zu wollen, und um den er sie nie gebeten hatte. Sie dachte daran, wie sehr ihr eigener Vater sich diesen gewünscht hatte, einen Nachfolger, der einmal die Werke übernehmen sollte. „Hollowitz und Söhne“ sollte es heißen, doch dazu kam ja es nie. Elisabeths Mutter, war in den dreißiger Jahren eine sagenhaft schöne Schauspielerin, von allen gefeiert, gewesen. Sie war jedoch auch leicht entflammbar und leidenschaftlich, und dieses Leben, das ihr, der sie vergötternde Gatte bot, hatte ihr nicht genügt. Sie fühlte sich begraben in der großen Stadt, in dem dunklen Haus. Eines Tages ging sie mit einem Künstlerkollegen vom Film auf und davon und stark kurze Zeit später an Krebs. Elisabeth war erst ein paar Jahre alt gewesen und hatte kaum eine tiefe Beziehung zu dieser Mutter gehabt, an die sie sich nur als elegante Dame erinnerte, die ihr hier und da einen Gute-Nacht-Kuss gab, wenn sie nicht zu einem Empfang geladen war oder ins Theater ging. Ihr Vater hatte sich von den Frauen zurückgezogen, zwischen ihm und Elisabeth bestand eine enge, natürliche Zärtlichkeit, und sie bekam auch die besten Gouvernanten, die er auftreiben konnte, doch sie blieb sein Sorgenkind.....
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Frédéric starrt auf die Standuhr, Viertel vor sieben. Die Geräusche im Hause werden lauter, Türen fallen zu, verhaltenes Stimmengemurmel ist zu vernehmen. Anna ist sicher mit den letzten Vorbereitungen für den geplanten Empfang der Trauergäste nach der Beerdigung beschäftigt. Er wünscht, der Tag wäre bereits vorüber und er konnte nach Ägypten zurückfliegen. Die Stunden, die dazwischen liegen, würden qualvoll und endlos sein. Warum hatte sie ihm die zweite Schwangerschaft verschwiegen? Ihr Gynäkologe wusste ebenfalls nichts davon, denn sie hatte sich anonym in einer Klinik, am anderen Ende der Stadt, als Privatpatientin untersuchen lassen. Frédéric vermutet, dass sie Angst davor gehabt hatte, er würde ihr eine Abtreibung einzureden versuchen, und so hatte sie abwarten wollen, bis eine solche rechtlich gesehen nicht mehr möglich gewesen wäre. Sie hatte darauf vertraut, dass Gott ihr beistehen würde und war schließlich nach einer Frühgeburt jämmerlich verblutet. Das Eintreffen der Ärzte, inmitten der kalten Novembernacht, der Transport in die Klinik und die Bluttransfusionen kamen viel zu spät... Als er aus Ägypten herbeigeeilt kam, konnte er nur mehr ihren leblosen, kalten Körper, der ihn einst mit ihrer hingebungsvollen Leidenschaft geliebt hatte, beweinen.
Frédéric ruft Anna per Haustelephon zu sich und bittet um Kaffee. Er begibt sich in das gemeinsame Schlafgemach, duscht und kleidet sich für das bevorstehende Begräbnis an. Wird er jemals wieder Schlaf finden können? Er bezweifelt es. Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, schwarzes Hemd. ‚Schwarzer Tag’, setzt er in Gedanken zynisch hinzu. Sein Frühstück steht im Arbeitszimmer bereit. Außer zwei Tassen Kaffee rührt er nichts an. Die Werke bleiben heute geschlossen, nicht nur hier, auch in Brasilien wird unter Berücksichtigung der Zeitverschiebung, nicht gearbeitet. Leise Trippelgeräusche machen vor der Tür halt und dann wird diese langsam geöffnet, für eine Vierjährige ein schwieriges Stück Arbeit. „Hallo Papa!“ ruft sie mit heller, ein wenig zaghafter Stimme. „Bist du schon auf, Schatz?“ Der Vater schließt das, mit einem dunkelblauen Samtkleid bekleidete Mädchen, in die Arme. Ein Teil ihres vollen, kastanienbraunen Haares wird von einer blauen Satinschleife am Oberhaupt zusammengehalten, und um die Ohren kringeln sich ein paar eigenwillige Löckchen. Er senkt sein Gesicht in das nach Honig duftende Haar. „Ja und wie du siehst, habe ich ein sehr schönes Kleid an, wie zu Weihnachten! Anna hat gesagt, du musst mir etwas Wichtiges sagen, wegen Mama." Das Kind macht eine Pause und sieht den Vater mit großen Augen an. "Wo ist sie denn? Zwei Tage lang habe ich sie nicht gesehen. Anna sagt, sie sei sehr krank, aber ich will zu ihr!“ Das Mädchen plappert, ohne dazwischen Atem zu schöpfen. „Wann ist sie denn wieder gesund, ich will sie sehen, Papa!“ Frédéric hatte beschlossen, dass seine Tochter an der Beerdigung teilnehmen sollte. Manche Leute halten Kinder davon fern, doch er war der Ansicht, das Leben sei hart, und je eher man das begriff, umso besser war man darauf vorbereitet und konnte damit umgehen. Er sieht auf seine kleine Tochter nieder und geht in die Knie, um ihr direkt in die fragenden, nach Antwort suchenden Augen schauen zu können. Er würde sie nicht belügen. „Anja, du bist ein großes Mädchen, bald vier und du musst jetzt sehr tapfer sein!“ „Wie Schneewittchen allein im tiefen Wald?“ fragt die Kleine und zupft ungeduldig an ihrer Haarschleife. „Ja, wie Schneewittchen!“ Er versuchte sich an das alte Kindermärchen zu erinnern. Verdammt, wie war das doch gleich? Zögernd fährt er fort: „Weißt du noch, Schneewittchens Mama war sehr krank und dann ist sie gestorben, denn leider passiert das manchmal im Leben. Man wird krank, kein Doktor kann helfen, wenn es eine schlimme Krankheit ist, und dann stirbt man, das heißt, man geht zum lieben Gott und wohnt im Himmel, von wo aus man auf die Lieben hinuntersehen kann und sie auch beschützt!“ Frédéric weiß, dass Elisabeth dem Kind die Biblischen Geschichten erzählt hat und sie auch vor dem Einschlafen beten hat lassen. Er hatte ihr nie dreingeredet. Elisabeth glaubte an Gott und seine Gnade..... Nun hofft er, dass Anja diese Märchen zugute kommen würden. Halfen, den Tod ihrer Mutter besser zu verkraften. Wichtig war, dass sie nicht den Eindruck hatte, ihre Mama hätte sie allein zurückgelassen. Anja blickt ihren Vater groß an. Ihre Augen haben die gleiche Farbe wie die ihrer Mutter, tiefblau wie zwei klare Bergseen. „Meine Mama ist nicht tot wie die Mama vom Schneewittchen, und ich habe auch keine böse Stiefmutter. Meine Mama ist krank und der Doktor macht sie wieder gesund!“ „Der Doktor hat sie eben nicht gesund machen können, Liebes. Sie war sehr, sehr krank und der liebe Gott dachte wahrscheinlich, dass es besser wäre, sie käme zu ihm in den Himmel, dort kann ihr nichts mehr passieren." ‚Was rede ich da für einen Schwachsinn’, denkt der Mann entsetzt, doch er findet keine bessere Lösung, seine Tochter mit dem Tod der Mutter zu konfrontieren und seufzt nur, in Erwartung einer Reaktion seines Kindes. Er hofft, Anja hatte den unverhohlen zynischen Klang des Gesagten nicht bemerkt, denn was wusste das Kind schon von der Ironie des Schicksals? Der fassungslose Blick und das darauf folgende Schweigen sagen ihm, dass Anja ihn sehr wohl verstanden hat. Seine Tochter hat das Ausmaß des Gesagten erfasst, ihre Mama war für immer fort. Langsam und sanft schließt der Mann das Kind in seine Arme, legt seine glatt rasierte Wange an die ihre, die sich angenehm kühl und samtig zart an die seine schmiegt. Er fühlt sich hilflos und sucht vergebens nach weiteren erklärenden Worten, die es nicht gibt. „Kann ich ihr nicht einmal ‚Auf Wiedersehen’ sagen?“ „Doch! Das kannst du. Mama schläft tief und wird nicht mehr erwachen. Wir beide werden sie auf den Friedhof begleiten, du weißt schon, in die schöne Kapelle, wo auch dein Opa jetzt ruht. Dort wird sie für immer bleiben und du kannst sie besuchen, so oft du es möchtest.“ „Wie kann sie in den Himmel kommen, wenn sie im Friedhof eingesperrt ist?“ Verständnislos sucht das Mädchen eine Antwort im Blick des Vaters. ‚Nur keinen Fehler machen’, denkt dieser, bevor er laut sagt: „Mama ist bereits im Himmel, mein Liebes. Ihr armer, kranker Körper braucht Ruhe und den bringen wir in die Kapelle. Wenn wir Menschen sterben, dann verlässt unsere Seele den Körper, sie bleibt für immer lebendig und ist unsterblich.“ Frédéric denkt, dass es das Beste sei, ihr die Situation so anschaulich wie möglich zu erklären. Er schämt sich nicht, ihr Dinge zu veranschaulichen, an die er selbst nicht glauben kann. Später würde sie sich ihre eigenen Gedanken dazu machen und ihren eigenen Glauben suchen. Er verstand es nicht besser. „Die Seele fliegt wie ein Engel!“ versucht das Kind sich das Unglaubliche vorzustellen. „Genau, mein Liebes, die Seele fliegt wie ein Engel in den Himmel und dort wartet sie dann viele Jahre auf die anderen lieben Menschen, die sie verlassen musste!“ Fügt er hinzu. „Aber warum meine Mama? Ich will sie hier haben und nicht im Himmel! Der liebe Gott ist böse!“ Ihre Stimme bekommt nun doch einen weinerlichen Klang. Frédéric geht nicht auf den letzten Satz seiner Tochter ein, was hätte er auch darauf antworten können, vielleicht einen der blöden Pfaffenaussprüche wie: „Sie war zu schön für diese Welt, zu gut“, oder „der liebe Gott hat einen Engel gebraucht“! Vielleicht sollte er ihr gar von Luzifer erzählen? Dann war jedenfalls sicher, dass das Kind nie mehr ruhig einschlafen konnte! Er blickt auf das kleine Wesen, das sein Kind war, und das er so wenig kannte, herunter und unterdrückt einen Seufzer. „Das gehört zum Leben, Anja, das können die Menschen nicht bestimmen! Denk an Schneewittchen oder das Aschenbrödel, oder wie sie alle heißen, auch sie haben ihre Mama verloren. Es passiert leider sehr oft, dass Kinder ihre Mutter verlieren. Aber ich verspreche dir, du bekommst keine böse Stiefmutter, das kannst du mir glauben! Anja, ich bin immer für dich da, das weißt du!“ Er versucht den blauen, fragenden Kinderaugen standzuhalten und hofft mit den vertrauten Märchengestalten dem Kind geholfen zu haben, ja, ihm die Botschaft zu vermitteln, dass es nicht allein war mit seinem Kummer. Er hoffte, dass es begriff, dass es dieses Leben und Sterben immer schon gab und geben wird. Fast so, als sei das Sterben einer Mutter eine alltägliche und banale Angelegenheit, so ein Witz! In ein paar Jahren würde sie andere Antworten auf die vielen offenen Fragen suchen. Doch wahrscheinlich nicht bei ihm! „Hat mein Opa auf die Mama gewartet?“ will das Kind wissen. „Ganz gewiss!“ antwortet er. Er geht mit dem Kind ins Aufbahrungszimmer. Der starke Blumengeruch schlägt ihnen entgegen, die Kerzen sind neu entzündet worden. Unverändert liegt die blasse Frau auf dem rosa Satinkissen, gewandet in ihrem elfenbeinfarbenen, einfachen Hochzeitskleid aus Seide. Es war Annas Vorschlag gewesen und er befand es gut, das Kleid nie mehr sehen zu müssen, es mit Elisabeth zu begraben, wie auch die Erinnerungen an die vergangenen, glücklichen Jahre. Er lässt Anja zu Boden gleiten und auf Zehenspitzen nähert sie sich dem Sarg. „Sie ist so schön“, flüstert sie, doch sie weint nicht und legt ihre kleine Hand auf die ineinander verschlungenen Hände der Mutter. “Sie ist so kalt!“ Sie streichelt die Hände ihrer Mama und glaubt, sie dadurch wärmen zu können. Frédéric schluckt an dem Kloß, der sich in seiner Kehle gebildet hat und wartet ein paar Minuten ehe er flüstert: “Wir müssen jetzt gehen, es warten schon viele Leute auf uns am Friedhof!“ Stumm dreht sich Anja um und geht zur Tür. Noch einmal blickt sie zurück und wirkt noch kleiner und hilfloser in den Augen ihres Vaters. Dieser fühlt selbst physisch die Einsamkeit die auf dem Kind lastet, bevor er ihm festen Schrittes nachfolgt. Anja blickt zu dem großen Mann an ihrer Seite hoch und fragt mit ängstlicher, leiser Stimme: „Wirst du auch sterben und mich allein lassen?“ Er schüttelt entschlossen den Kopf, als er ihre kleine Hand ergreift. „Das werde ich nicht, Anja, und das wird Gott auch nicht zulassen!“
Die Bestattung erlebt er wie ein Außenstehender, ein Beobachter, der nur am Rande die unzähligen Menschen wahrnimmt, die gekommen waren, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Er schüttelt Hände, murmelt Dankesworte, erkennt hier ein Gesicht, dort einen namhaften Politiker, registriert Berge von Kränzen und Buketts und hat nur Augen für das kleine Mädchen, das zwischen ihm und Anna steht. Schützend umfasst er dessen Schultern und nimmt es auf den Arm, als es zu frieren beginnt. Die Rede des Priesters scheint endlos, „...immer für die anderen da gewesen, aufopfernd, mitfühlend, selbstlos, blablabla.....“ ‚Was weiß er schon, welch ein Mensch Elisabeth wirklich war? Nun lobt er sie in den prächtigsten Farben, na ja, er tut eben seinen Job, wie jeder andere auch!’ Diese und ähnliche Gedanken kreisen durch den Kopf des untröstlichen Mannes, dessen gebräunte Züge sich auffallend von all den bleichen Gesichtern abheben. Er scheint wie ein Fels in der Brandung da zu stehen, fast ungerührt, mit versteinertem Gesicht. Doch der Schein trügt. ‚Ich war ihr Untergang! Hätte sie mich nur nicht geheiratet! Wahnwitziger Theodor Hollowitz, der sich die Zukunft seiner Tochter so schön ausgemalt hatte mit mir an ihrer Seite! Gut, dass er es nicht mehr erleben musste, spätestens jetzt, hätte es ihm das Herz gebrochen! Ich hätte ihr nie begegnen dürfen, dann würde sie heute noch leben und könnte sich um andere kümmern, wie sie es immer tat, mit Hingabe und Begeisterung!’ hadert er mit sich selbst.
Feine Schneeflocken wirbeln durch den Wind und zwischen den Gräbern stelzen schwarze Krähen umher. Die Familiengruft ist eine dunkle, ehrwürdige Kapelle. Der Sarg wird endlich im Steinboden versenkt und mit Marmorplatten abgedeckt. Als sie den Friedhof verlassen, und endlich in der warmen Limousine sitzen, meint Anja vertrauensvoll: „Papa, du wirst jetzt immer bei mir bleiben, stimmt’s!“ Ein scharfer Schmerz durchzuckt die Brust des Angesprochenen. Er hat nicht den Mut ihr zu sagen, dass er noch diese Nacht abreisen wird.
Während des Empfangs dankt er den geladenen Gästen für ihre Anteilnahme und schirmt das Kind vor den neugierigen Damen ab, die es überschwänglich bedauern wollen. „Arme Kleine“ hört er hier und da, oder „Was wird nur aus ihr werden?“ und auch „Ja ja, die Kinder zahlen für die Sünden der Väter!“ und „Na, jetzt hat er es ja geschafft!“ ‚Selbstherrliches Pack!’ denkt Frédéric bitter und wütend zugleich. Was wussten sie von seiner Beziehung zu Elisabeth, von dem Gefühl, das sie miteinander verband, dieser unerwarteten, herrlich berauschenden Liebe, die ihn ereilte, als er es am wenigsten erwartet und gewollt hatte! Und während er von einem zum andern sieht, von der Geheimratsgattin zum Vorsitzenden des Bauministerium, von der ehemaligen Schuldirektorin zu den Lehrerkollegen seiner Frau, sowie deren ehemaligen Schülern, nimmt ein Blitzgedanke feste Formen an. Sein Entschluss ist gefasst und er wird nicht mehr darauf zurückkommen: Das Kind kommt mit nach Ägypten! Das war er Elisabeth schuldig. Er konnte nicht zulassen, den Fehler, seine Lieben nicht einfach mit sich zu nehmen, ein zweites Mal zu riskieren. Anja war alles, was ihm von Elisabeth und seiner Liebe geblieben war. Er spürt, wie sich der Schmerz um seine Seele ein wenig lockert. Er kann wieder tief durchatmen und weiß doch, dass diese Entscheidung eine wahnwitzige ist. Doch es ist die einzige, die er ihr und auch sich selbst zumuten kann. Er zieht sich von der Trauergesellschaft zurück und ruft nach Anna: „Ich nehme Anja heute noch mit, Anna, suchen sie ihre Sommersachen zusammen, ein paar Westen, was sie eben so hat, Spielsachen, Bücher, Sie wissen besser als ich, was so ein kleines Mädchen in einem Land, in dem ewiger Sommer herrscht, benötigt!“ Entsetzt erwidert das Hausmädchen: “Oh mein Gott, nach Afrika! Sind Sie sicher, Herr Direktor?“ „Ja, ja, machen Sie schon, keine Angst, ich komme schon mit ihr zurecht!“ “Aber wer soll sich um die Kleine kümmern, dort unten in der Männerwirtschaft?“ Erschrocken über die eigenen Worte, hält Anna sich die Hand vor den Mund: „Es tut mir leid, aber ich kann mir nicht vorstellen...“ „Ist schon gut, “ unterbricht sie ihr Dienstgeber sanft, „ich werde mich schon irgendwie organisieren. Anja braucht mich! Und es gibt auch Frauen in Ägypten, wissen Sie, Anna!“ „Lauter Wilde“, murmelt sie leise und senkt den Blick. Sie läuft betreten aus dem Raum und Frédéric seufzt verhalten. Er hat wirklich nichts überlegt, das ist ihm selbst klar. Was sollte er mit der Kleinen anfangen? Er hatte keine Ahnung was so ein Kleinkind an Nahrung und sonstiger Betreuung brauchte. Alles, was er ihr geben konnte, war seine Liebe, und seiner Ansicht nach, war es genau das, was Anja jetzt am meisten benötigte. Sie hatte ihre Mutter verloren, so klein und schon Halbwaise. Sie war das Wichtigste in seinem Leben und er sollte sein eigenes Leben nach ihren Bedürfnissen ausrichten! Das war er ihr schuldig! Er würde eben lernen, Vater zu sein, auch in praktischer Hinsicht. Er konnte Tempel versetzen, also konnte er auch allein ein kleines Mädchen groß ziehen! Eine unerwartete Herausforderung von ungeahntem Ausmaß wartete auf ihn. Er hinterlässt seiner Sekretärin eine Nachricht auf dem Telefonbeantworter und wird sie gleich am nächsten Tag noch einmal selbst anrufen. Sie sollte eine Annonce in allen großen Zeitungen aufgeben, „Kindermädchen gesucht, frei, ungebunden, seriös, robuste Gesundheit, möglichst mit Erfahrung und einem gewissen Maß an Abenteuerlust für Betreuung eines dreijährigen Mädchens in Ägypten. Bezahlung überdurchschnittlich gut, Kost und Quartier komfortabel und frei. Zuschläge und Vergünstigungen.“ Seine verlässliche, kompetente Sekretärin würde sich schon um alles kümmern. Sie würde mit ihren Falkenaugen bis in die Seelen, der sich bewerbenden Frauen blicken und alles aufdecken, was diese zu verbergen suchten. Sie würde Tests durchführen und Fangfragen stellen und vor allem, jeder Auskunft und Referenz nachgehen! In der Zwischenzeit müsste er versuchen, vielleicht doch eine Ägypterin zu finden, das würde sicher nicht leicht sein, da die Ägypterinnen ihr Leben hinter den Mauern ihres Heimes zu verbringen hatten und den Männern gänzlich untergeordnet waren. Anna hatte nicht Unrecht. Es war ja wirklich eine Männerwirtschaft, dort unten! |