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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Neuntes Kapitel – Eine fatale Begegnung |
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Die Hollowitz-Werke und Ihre Leistungen wurden lobend in der Weltpresse und den Medien erwähnt. Theodor Hollowitz hatte daher beschlossen, die führenden Mitarbeiter auf seine Kosten über Weihnachten einzuladen. Er war mehr als zufrieden mit den Leistungen seiner Angestellten, dem guten Verlauf der Dinge in Ägypten und sicher auch nicht zuletzt, mit dem finanziellen Gewinn, der seiner Firma durch den Monsterauftrag entstanden war. Zu diesem Zwecke hatte er ein komplettes Schlosshotel gemietet, mitten im verschneiten Bayrischen Wald, umgeben von schneebedeckten Hügeln und Dörfern, die mit ihren Holzverzierten Höfen und schmucken Häusern einem Bilderbuch entsprungen zu sein schienen. In der Nähe von Garmisch-Patenkirchen gelegen, bot es den Gästen jedoch statt mondänem Trubel familiäre Atmosphäre in einem rustikalen Rahmen. Eine Seitenstrasse, verschneit und mühsam befahrbar gemacht, zweigte zu dem versteckten Geheimtipp von der Hauptstrasse ab. Nach Garmisch war man mit der Bahn gekommen, nachdem man am Münchner Flughafen gelandet war. Man schrieb den 23. Dezember 1968. In München versorgten sich die aus Ägypten kommenden Gäste - es waren an die dreißig Mann, - mit der nötigen Winterkleidung, und versuchten sich zu akklimatisieren, was nach Wüstentemperaturen gar nicht so leicht war.
Die Eröffnung der Tempelbauten in Ägypten fand zwar Ende September statt, doch es hatte Wochen gedauert, um das Lager aufzulösen. Tag für Tag waren die Maschinen mit den heimkehrenden Männern in alle Welt gestartet, Tag für Tag hatte es Abschiedsfeiern gegeben und man hatte sich auf ein Leben außerhalb der vertrauten Wüste vorbereit. Viele hatten bereits ein neues Projekt in Aussicht und wollten vorerst für einige Wochen ausspannen oder zu ihren Familien heimkehren. Smaïn und Frédéric, wie auch Behrens hatten zu den letzten ihres Teams gehört, die Nubien verließen. Smaïn wollte nach Dubai fliegen, um richtig auszuspannen und sein schwerverdientes Geld zu genießen. Frédéric sah ein, dass ihm wenig an einer europäischen Weihnachtsfeier nach alter Tradition lag. Alleine das winterliche Klima hätte den Aufenthalt für den Ägypter alles andere als erholsam gemacht. Er war und blieb wohl ein, die Einsamkeit suchender, Außenseiter. Sie hatten einander Glück gewünscht und jeder traf für sich die Reisevorbereitungen.
Der Unternehmer Hollowitz hatte auch die zuverlässigsten Leute aus Brasilien eingeladen, ebenso wie aus dem Deutschen Werk, mit Vorbedacht, allein stehende Damen, um den Männern die Gesellschaft holder Weiblichkeit nicht vorzuenthalten. Familienväter brachten Frau und Kind mit, das landgräfliche Schloss war erfüllt vom Lachen der ausgelassenen Jugendschar. In der großen Halle brannte Tag und Nacht im riesigen Kamin ein prasselndes, heimeliges Feuer. Ein drei Meter hoher Tannenbaum, geschmückt mit Gold- und Silberputz, verbreitete seinen angenehmen harzigen Duft, und vom Keller bis zum Dach roch es nach Lebkuchen, Bäckereien und Orangen. „Die Zivilisation hat uns wieder!“ bemerkte Frédéric zu Behrens, der sich neben den Kamin an die grob verputzte Wand gelehnt hatte. Die Gäste, es waren an die hundertfünfzig Personen, kamen laufend per Taxi, Pferdekutsche oder Privatauto an, und vor dem Hotel herrschte hektischer Reisetrubel. Die beiden Männer hatten ihre Zimmer, die im typisch bayrischen Stil, mit echten, bemalten, alten Bauernmöbel ausgestattet waren, bereits bezogen und sahen dem Treiben im Foyer zu. Der Boss wollte erst am Morgen des Heiligen abends kommen, dringende Geschäfte ließen sein Erscheinen heute noch nicht zu. So hatte jeder Zeit, sich von den Reisestrapazen zu erholen, oder sich mit der schmackhaften Bayrischen Küche vertraut zu machen, was niemanden schwer fiel. Man nützte die Zeit, um einander kennen zu lernen, sofern dies noch nicht der Fall war. Frédéric jedoch kannte den Grossteil der Leute bereits und traf auf zwei gute Kollegen, Deutsche, mit denen er in Brasilien gearbeitet hatte. Beide waren verheiratet, einer davon war Vater von zwei Lausejungen, die er ebenfalls mitgebracht hatte. Am Nachmittag hatte man sich mit den übrigen Leuten ziemlich gut angefreundet und die Stimmung war beschwingt und gelöst. Wie weit schien Ägypten plötzlich entfernt zu sein... Abends versuchten einige der allein stehenden Männer mit dem weiblichen Personal zu flirten. Die Mädchen waren mit eng geschnürten, traditionellen Baumwollkleidern bekleidet, den so genannten „Dirndln“, und diejenigen, die nun Jahre in der Wüste verbracht hatten, konnten sich an den frischen, größtenteils blonden, gut gebauten jungen Frauen gar nicht satt sehen. Doch die waren viel zu beschäftigt, um auf die Annäherungsversuche der braungebrannten Herren näher einzugehen. Ein charmantes Lächeln hier und da, eine resche, pfiffige Antwort - mehr war nicht drin. Doch es war nicht zu übersehen, dass auch die geladenen Frauen, meist höhere Büroangestellte aus den Städten, reichlich Interesse an den Herren zeigten, die mit gebräunten Gesichtern und muskulösen Körpern, die man unter Anzügen oder Pullovern erahnen konnte, nach Gesellschaft Ausschau hielten. Abwechslung bringende Betriebsfeste dieser Art waren selten und daher diesmal besonders viel versprechend für einsame Herzen. ‚Welch ein Unterschied zu unseren bleichgesichtigen, schmalbrüstigen Bürohengsten’, dachte die eine oder andere bei sich. Besonders Klaus-Dieter war kaum zu übersehen. Gut einen Meter neunzig groß, mit ausladenden Schultern, schmaler Taille und weißblondem Haar, das sein dunkles Gesicht mit den hellen Augen umrahmte, glich er einer Sagengestalt aus den Nibelungen. Er hatte es sich auf einem der geblümten Sofas bequem gemacht und war bald von mehreren Damen umgeben, die ihn mit Fragen über das Leben in der Wüste bestürmten und Koketterien auf ihn nieder prasseln ließen. Und er genoss es sichtlich!
So manches Einzelzimmer blieb diese erste Nacht bereits leer. Das Leben war kurz und man musste die Fest feiern, wie sie fielen, im wahrsten Sinne des Wortes. „Make love not war“ war das Motto dieser Zeit und ein Drang nach Freiheit und sexueller Entfaltung jedes Einzelnen wurde fast zur Sucht. Dabei musste man nicht unbedingt eines der Blumenkinder jener Epoche sein! Die Röcke waren kurz, sehr kurz, die Damenpullis ebenfalls und auch eng, sehr eng. Die Farben bunt und froh, wie auch die Menschen. Wer sich da konservativ gab, war fehl am Platz. Und da die hübsche kleine Ansammlung von Leuten auch äußerlich harmonisierte, musste die Auswahl nach diesen Kriterien getroffen worden sein, wie auch immer! Diejenigen, die die Gästeliste zusammengestellt hatte, waren gute Beobachter und Menschenkenner gewesen, soviel stand jedenfalls fest! Daran dachte auch Frédéric, als er zu später Stunde genüsslich an seinem Glas nippte, während sein Kollege Behrens mit zwei Frauen am Arm, beide im besten Alter, bereits vor einer guten Stunde verschwunden war. Er selbst hatte mit den zwei Jungs seines Kollegen aus Brasilien Schach gespielt. Natürlich war es ihm nicht entgangen, dass gewisse Frauen ständig an seiner Seite zu sein schienen, ihn regelrecht verfolgten mit aufreizendem Lächeln und schmachtenden Blicken. Seine Erscheinung stach, wie jene des blonden Hünen, ebenfalls besonders hervor. Er war kein Riese, aber er wirkte viel größer durch seinen gestählten , massiven Körper, seinem aufrechten, festen Gang und vor allem seiner Augen wegen, die niemanden unberührt ließen. Sie blitzten schalkhaft, um im nächsten Augeblick ernst und dunkler zu werden, wenn er sich in einer Diskussion verstrickt sah. Sie sprühten vor Geist und geheimnisvollem Versprechen, vor Humor und ebenso vor Aufrichtigkeit. Er hatte sein Haar schon längere Zeit nicht mehr schneiden lassen und es fiel in weichen Wellen in die hohe Stirn und seinen Nacken. Er gab das Bild eines Abenteurers wieder und gleichzeitig auch eines besonnenen Mannes, der genau wusste, was er tat. Er vermittelte den Eindruck von Kraft und Charakterstärke. Diese Mischung seiner Ausstrahlung war brisant und gefährlich. ‚Lass dich lieber nicht ein mit mir’, signalisierte sein Blick gewissen Männern, die versuchten, ihn aus seiner Reserve zu locken, ja, ließ sie verstummen, bevor sie noch richtig begonnen hatten, ihn zu provozieren. Andererseits jedoch schienen seine Augen jeder einzelnen Frau klar zu machen, dass sie etwas Besonderes war und er die Gesellschaft aller Frauen besonders genoss. Frédéric überlegte sein Gehaben nicht, er war wie er war, geradlinig und das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen liebend.
Nun, da sich die beiden Jungs zu Bett begeben mussten, trotz heftiger Widersprüche, genoss er das Feuer im Kamin, neben dem er sich platziert hatte, und sah dem ‚sich Anbahnen’ der einen oder anderen Liebesnacht um sich herum amüsiert zu, ohne selbst besonders darauf aus zu sein. Er hielt im Allgemeinen nichts von Affären mit Kolleginnen. Die sich daraus ergebenden Komplikationen, waren ihm ein kurzes, fleischliches Vergnügen nicht wert. Natürlich hatte er mit den verschiedensten Frauen geplaudert, doch er befand, für heute gab es genug Trubel, er war müde und er hatte bereits zu viele Fragen beantwortet und vielleicht zu leichtfertig Komplimente verteilt. Er bestand auf sein Recht, diese erste Nacht in Europa allein verbringen zu dürfen, seine Gedanken zu ordnen und eventuelle weitere Berufspläne ins Auge zu fassen.
Am nächsten Morgen glitzerte die Sonne auf dem jungfräulich weißen Schnee und im Garten tobten die Kinder und bewarfen einander mit Schneebällen, rodelten den benachbarten Hügel bergab, und ersannen immer wieder neue Spielarten. Im Laufe des Vormittags traf auch der Firmenboss per Hubschrauber in Begleitung zweier weiblicher Personen ein. Er begrüßte jeden einzelnen der Belegschaft, hatte für alle nette und passende, wie auch lobende Worte und wirkte sichtlich aufgekratzt und gutgelaunt. Eine der Damen, eine reifere Person, gut gekleidet und mit sehr selbstbewusstem Auftreten, stellte er als seine langjährige Sekretärin und unentbehrliche Perle vor, Eveline Staubitz. Sie war es, die diese Feier mit allem Drum und Dran organisiert hatte. Die junge Frau zu seiner Rechten, war seine Tochter, Elisabeth. Sie musste noch sehr jung sein, und war zart von Gestalt. Ihr langes, gewelltes Haar, das sie lose zusammengebunden trug, war von einem sehr hellen Rotblond und umrahmte das ernste, makellose Gesicht. Man sah ihr an, dass sie sich in der Menschenmenge nicht besonders wohl fühlte. Oder sie war einfach müde. Dennoch rang sie sich ein Lächeln ab, erkennend, dass man sie interessiert musterte. Der Boss hatte seine Tochter kaum jemals vorgezeigt, und das Interesse der Belegschaft war deshalb besonders groß. Man wusste rein gar nichts von ihr. Die Neugier der anwesenden Damen, doch auch mancher Herren, wuchs. Hollowitz wandte sich an Frédéric, den er überschwänglich begrüßte, und ihm freundschaftlich auf die Schulter schlug. „Na, mein Lieber, schon eingelebt im alten Europa?“ Er wandte sich an das Mädchen an seiner Seite. „Elisabeth, das ist einer meiner Helden aus Ägypten, ich habe dir ja reichlich erzählt von dem Projekt. Frédéric Hardtberg, der schon eine Ewigkeit für mich arbeitet und auf den ich mich in jeder Situation verlassen kann! Und das ist meine Tochter, Elisabeth, die ich unbedingt mitbringen wollte, damit Sie sie kennen lernen!“ Frédéric neigte leicht den Kopf zum Gruß und nahm die, ihm dargebotene schmale Hand, zur Begrüßung entgegen. Er begegnete dem vifen, unergründlichen Blick aus tiefblauen Augen. Das Mädchen war eine junge Frau, dessen weiche, elfengleiche Zügen ihr wirkliches Alter Lügen strafte, dachte er. „Es freut mich sehr, Mademoiselle, Ihre Bekanntschaft zu machen!“ „Sie können ruhig Elisabeth zu mir sagen, es freut mich ebenfalls“, entgegnete sie lächelnd. „Den Erzählungen meines Vaters nach, der nicht genug bekommt, Sie über den grünen Klee zu loben, führen Sie ein abenteuerliches Leben und es gibt nichts, dass Sie nicht bewältigen können!“ Ihre Stimme klang dunkel und wohltuend, aber ohne den Anflug eines Spottes, den er zuerst vermutet hatte. Der Ausdruck ihres Gesichtes spiegelte Offenheit und ein wenig Neugier wieder, das war alles. Er schenkte ihr eines seiner betörendsten Lächeln, das sie ebenso erwiderte. Sie war anders, stellte er erstaunt fest. Anders als alle, denen er je begegnet war. Eine gewisse Unruhe ergriff von ihm Besitz und er schob jede Überlegung darüber energisch zur Seite.
Gemeinsam begab man sich zum Mittagessen. Es gab traditioneller Weise Fisch, es war ja Heiligabend heute. Doch die üppigen Beilagen, wie auch die Nachspeisen, süß und deftig, ließen die so genannte Fastenspeise vergessen. War es Zufall oder gewollt, jedenfalls hatte Frédéric Elisabeth als Tischnachbarin, ganz, als wäre dies eine geplante Sache gewesen. Frédéric überlegte, dass Hollowitz ihm dadurch einfach eine besondere Ehre erweisen wollte, als er die Tischordnung so bestimmte. Oder war es diese Sekretärin, die ihn unverhohlen über den Rand ihrer spitz zulaufenden Brillen musterte? Sie saß ihm gegenüber, neben dem Boss. ‚War sie nur seine Sekretärin?’ fragte sich der Ingenieur, da die vertrauliche Art zwischen den beiden nicht zu übersehen war. Locker entstand ein angeregtes Gespräch zwischen ihm und der jungen Frau seines Bosses, und dabei erfuhr er ein wenig mehr über sie.
Sie erzählte ihm unumwunden, dass sie sechsundzwanzig war. Er hätte sie auf keine zwanzig geschätzt. Er selbst war beinahe acht Jahre älter als sie. Sie lachte und meinte: „Ja, das ist wirklich sehr alt!“ Er hoffte, dass dies ein Scherz war und zwang sich ein Grinsen ab. Am Unternehmen ihres Vaters hatte sie nie Interesse gefunden, ebenso wenig an einem Führungsposten in der väterlichen Firma und der Vater musste sich ihrem Wunsche fügen, als sie Pädagogin werden wollte. Dessen persönlicher Wunsch wäre ein wirtschaftliches Studium seiner Tochter gewesen. Doch die Jahre verstrichen und er fand sich wohl oder übel damit ab, dass sie, seine einzige Nachfolgerin und Erbin, dieses, sein Lebenswerk, nie übernehmen würde. Interessenten gab es genug, die schon wie die Habichte darauf lauerten, dass sie nach seinem Ableben die Firma aufkaufen und eine riesige Aktiengesellschaft daraus machen konnten. Doch Theodor Hollowitz dachte gar nicht daran, den Hut so bald abzugeben. Die Firma florierte, Tausende von Menschen hatten einen gesicherten Arbeitsplatz durch ihn, und egal, was später sein sollte, er machte weiter und wollte sein Lebenswerk bis zum letzten Atemzug so fortführen, wie er sich das immer vorgestellt hatte. Frédéric erfuhr, dass Elisabeth nach dem Verschwinden seiner Ehefrau alles für ihn gewesen war, er opferte ihr seine spärliche, freie Zeit und daher kam es für ihn auch nicht in Frage, sie in eine Lebensrichtung zu zwingen, die ihr absolut nichts bedeutete. Sie hatte kein Interesse an der Firma? Auch gut, sollte sie eben Lehrerin werden. Das wurde sie auch. Elisabeth Hollowitz, Lehrerin für bildende Kunst und Geschichte wie auch Geographie, an einem gemischten Gymnasium in Stuttgart! Hollowitz wusste, dass man heimlich über ihn spottete, und ihm war des Öfteren zu Ohren gekommen, dass gemunkelt wurde, sie wäre eine gute Partie. Schließlich bräuchte er einen potenten Schwiegersohn, und zwar bald, wenn er den Fortbestand seiner Firma retten wollte und solange die Rose nicht verblüht war! Elisabeth umgab sich gern mit Kindern. Sie wuchs mutterlos auf und verfügte selbst über mütterliche Gefühle, die sie durch ihren Beruf ausleben wollte. Neben dem Unterricht in der Mittelschule, war sie auch die Stütze des Pfarrhofes ihres Bezirkes, und bei jeder Veranstaltung, wohltätiger wie auch sozialer Art, mit dabei und aktiv tätig. Ihre finanzielle Ungebundenheit erlaubte es ihr, gestrauchelte Jugendliche betreuen zu lassen, selbst zu unterstützen und ein Heim für allein stehende, junge Mütter, das sie aus eigener Kraft gegründet hatte, trug sogar ihren Namen. Von politischen Tätigkeiten jeder Art hielt sie sich fern, trotz der zahlreichen Anfragen, die man an sie richtete und der Schmeicheleien. Sie fühlte sich nur wohl im Kreise der Jugend, und deshalb wollte sie vorerst auch nicht dieses Weihnachtsfest ungewohnter Weise mit all diesen Fremden verbringen. Ihrem Vater zuliebe hatte sie endlich nachgegeben. Ihretwegen waren sie erst heute gekommen, denn am Tag zuvor gab es noch drei Weihnachtsfeiern, die sie unter keinen Umständen versäumen durfte. Die Schulfeier der Klasse, jene im Kinderheim „Däumling“, und schließlich jene, in dem von ihr gegründeten Mutter-Kind Heim. Es bedeutete ihr viel, die erhitzten, aufgeregten, Gesichter zu sehen, wenn die Tür zum Festsaal sich öffnete und der strahlende Christbaum sein Licht bis in die dunkelste Ecke der Kinderherzen sandte. Sie wählte jährlich selbst die Geschenke aus, und sie war großzügig was die Auswahl ihrer Gaben betraf. Für eine ernste Beziehung nahm sie sich keine Zeit, die war zu kostbar, um sie an Schmeichler oder Emporkömmlinge zu vergeuden. Den Klatschblättern war sie ein Dorn im Auge. Zugern hätte man über ihre Liebesaffären geschrieben, schließlich war sie ein Mitglied der besseren Gesellschaft, da blieb man nicht einfach im Hintergrund der Geschehnisse. Vor allem nicht, zum Beginn dieser wilden siebziger Jahre! So kam es schon vor, dass so mancher unbedeutende, aber leicht zynische Artikel über ihre Persönlichkeit geschrieben wurde, nachdem man umsonst in ihrem Privatleben nach einem dunklen Punkt gewühlt hatte. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, die viele nur erträumen konnten: ein Leben des Jet Set zu führen, zu reisen, Partys zu feiern, die Grossen der Welt kennen zu lernen und mit ihnen im Strome des Vergnügens und der ausschweifenden Lebenslust mit zu schwimmen. Doch sie hatte einfach nichts dafür über, es war sinnlos nach ‚warum’ und ‚aber’ zu suchen, so einfach war das! Elisabeth hatte für diese Art von Zeitungsartikel nur ein schwaches Lächeln über, wenn man ihr verstohlen eines dieser Magazine zuspielte. Es wanderte direkt in den nächsten Papierkorb. Umso mehr schätzten sie ihre Schüler, die Jugendlichen, für die sie sich pausenlos einsetzte und die hilfsbedürftigen jungen Mütter, denen sie half, ein geordnete und gesichertes Leben zu führen, einen Beruf zu erlernen, oder zurück auf die Schule zu gehen. Allein angesichts deren durchlebten Enttäuschung, verspürte sie kaum den Wunsch, eine längere Beziehung mit einem Mann einzugehen. Ihrer Meinung nach gab es mehr enttäuschte Frauen als glückliche, das wollte sie sich ersparen. Das beste Beispiel dafür, waren ihre Eltern... All das erfuhr der Mann, der neben ihr nun am weihnachtlich geschmückten Tische saß. Sie plauderte in fröhlichem Tone aus ihrem Leben und er hatte den Eindruck, dass sie nur selten etwas von ihrem Leben preisgab. Warum sie gerade ihn dazu auserwählt hatte, ihr Zuhörer zu sein, konnte er nicht sagen. Sie, ihrerseits, erkundigte sich nach seiner Tätigkeit und schon bald darauf sprachen sie nur mehr über Ägypten. Sie hatte Geschichte studiert, und ihr Wissen stand dem ihres Gesprächspartners um nichts nach. „Leider war ich noch nicht in Ägypten“, gestand sie, „mein Vater war immer dagegen, er ist überbesorgt, was meine Gesundheit betrifft, und ich wollte ihn nicht ängstigen. Es stimmt, ich bin sehr anfällig für jede Art von Viruserkrankungen und dazu auch noch homophil! Die richtige Mischung von Sorgenkind also, und genau das Gegenteil von Ihnen!“ Sie verdrehte gespielt die Augen und versuchte, die Tragik ihres Zustandes durch Humor zu verdrängen. Nun verstand Frédéric auch die Blässe ihrer Haut und musterte verstohlen ihre zarte, fast knabenhafte Gestalt im modischen, aprikosenfarbenen Overall. „Gefällt dir unser Mann?“ unterbrach der Firmenboss das Gespräch der jüngeren Leute und zwinkerte Elisabeth zu, die etwas verlegen erwiderte: „Wir unterhalten uns sehr gut, Vater, danke, der Nachfrage!“ „Ich denke, wir sollten uns duzen, Elisabeth, so alt sind wir nun auch wieder nicht um so förmlich zu bleiben. Es redet sich so leichter. Also was hältst du davon, eine kleine Schlittenfahrt zu unternehmen?“ Geschickt nahm Frédéric der Situation die leichte Peinlichkeit, denn es war augensichtlich, dass der alte Hollowitz seine Tochter dem Ingenieur ans Herz legte, und sie sich dessen unbehaglich bewusst war. Sie stimmte freudig zu. Während Elisabeth ihre pelzgefütterte Lederjacke aus dem Zimmer holte, organisierte er an der Rezeption einen Pferdeschlitten und besorgte ebenfalls warme Decken, sowie eine Thermosflasche, gefüllt mit heißem Tee. Als die junge Frau leichtfüßig die Holztreppe herunter lief, dachte er, wie mädchenhaft sie doch wirkte. Sie war so schmal und wirkte irgendwie engelhaft durch ihre Zartheit. Er war sich dieses unsinnigen Vergleiches zwar bewusst, aber er fand keinen anderen Ausdruck für ihre Feengleiche Erscheinung. Vielleicht würden manche sie als unscheinbar bezeichnen, dachte er und konnte dieser Bezeichnung keinesfalls zustimmen. Er für seinen Teil fand sie höchst interessant und ihre Intelligenz verlieh ihr eine außergewöhnliche Ausstrahlung. Mit Frauen ihres Formats hatte er bis jetzt kaum zu tun gehabt, wo und wie auch? ‚Zerbricht sie nicht, wenn man sie in den Armen hält’, dachte er und ertappte sich bei diesem unangebrachten Gedanken. Sie war die Tochter des Big Boss, als Finger weg! Schelmisch lächelte sie ihm zu, als hätte sie seine Gedanken erraten, und gemeinsam verließen sie das Haus, um in der mit Fellen ausgelegten Kutsche Platz zu nehmen. Hell ertönten die Glöckchen der Attelage, als die beiden Rappen los trabten und dabei dicke Atemwolken aus den Nüstern bliesen. Er hatte die mitgebrachten Decken fest um sie drapiert und sich selbst mit einem Stück davon die Beine bedeckt. Trotz des frühen Nachmittags hatte die Sonne nicht mehr viel Kraft und stand milchig fahl über dem Wald, durch den ihre Fahrt sie führte. Der Winter hatte früh eingesetzt in diesem Jahr, die Nadelbäume waren schwer von dicken Schneepolstern bedeckt, und die Kufen des Schlittens glitten leise knirschend über den festgefahrenen Schnee. Nichts störte diese vollkommene Ruhe, bis auf das Glockengebimmel oder die „Hüh“- Rufe, mit welchen der Kutscher die Pferde ermutigte, den flotten Trab beizubehalten. Der plötzliche, grelle Warnruf eines aufgestöberten Eichelhähers ließ Elisabeth zusammenschrecken und unwillkürlich legte der Mann seinen Arm um ihre schmalen Schultern, um sie zu beruhigen. Der zarte Duft ihres feinen Haares, das gleich Spinnfäden ihr jugendliches Gesicht umrahmte, betörte ihn auf eigenartige Weise. Als wäre es Erinnerung an etwas längst Verlorenes, oder aber, an etwas nie zuvor Gekanntes. Ein Gefühl rührte sich in seinem Innersten, eine Sehnsucht nach mehr als das, was sein bisheriges Leben ihm geboten hatte.
Sie sprachen kein Wort und genossen jeder die Anwesenheit des anderen. Sie fühlten einander nah, obwohl Welten sie trennten. Doch, dass sie nun umschlungen, bar jeden Hintergedankens in diesem Schlitten durch den Bayrischen Wald fuhren, war für jeden der beiden die natürlichste Sache der Welt. Sie hatten beide ihre stürmische Jugendzeit abgelegt, waren allein stehend, vielleicht auch einsam, zumindest zeitweise. Er war der kräftige Abenteurer, ein Mann der Tat, ein Fels in der Brandung, und das spürte sie. Sie, mit ihrem nicht ganz gesunden, elfenhaften Körper, hatte soviel an Liebe zu geben, dass hunderte Kinder sie deshalb verehrten, und sie sich so selbst etwas Kindliches beibehielt, das ihn faszinierte. Sie waren keinesfalls füreinander geschaffen, Frédéric wusste es nur zu gut, und es war ihm voll und schmerzhaft bewusst in diesem Moment der weihnachtlichen Stille. Trotzdem konnte er sich der Magie ihrer Ausstrahlung nicht entziehen und er genoss die Wärme ihres, an ihn gelehnten Körpers und gab seine eigene an sie zurück.
Als sie beim Schlosshotel „Bayrischer Wald“ angekommen waren, war zwischen ihnen ein unsichtbares Band der Vertrautheit entstanden, das beide sich nicht erklären konnten und doch jeder von ihnen verspürte, ohne, dass sie viel miteinander gesprochen hatten, während dieser vergangenen zwei Stunden, Seite an Seite. „Es war traumhaft schön“. Elisabeth blickte zu dem, um gut anderthalb Kopf größeren Mann auf und dieser nickte zustimmend: „Ich habe es genossen, wie schon lange nichts mehr!“ sagte er leise, und sie zogen sich mit einem tiefen Gefühl des Bedauerns voneinander zurück. |
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Zehntes Kapitel – Verwirrung und Sehnsüchte |
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Die bevorstehende Weihnachtsfeier machte ihn nicht glücklich. Viel lieber wäre er den ganzen bevorstehenden Abend mit Elisabeth in einer heimeligen, dunklen Ecke der Weinstube des Hotels gesessen und hätte mit ihr bei einem Glas Wein geplaudert. Er hatte das Bedürfnis ihr so viel zu sagen, doch er wusste eigentlich nicht genau was. Einfach ihre Anwesenheit spüren zu können, ihrer angenehmen, dunklen Stimme zu lauschen, und den zarten Duft ihrer Haut, ihres Haares einzuatmen, das war sein Wunsch. Fieberhaft suchte er nach einem Einfall, was er ihr hätte schenken können. Natürlich war es nicht geplant gewesen, sich gegenseitig zu beschenken, man kannte einander ja kaum, doch Hollowitz wollte eine echte Weihnachtsbescherung und hatte, sicher mit viel Zutun seiner Tochter, für die anwesenden Kinder Geschenke besorgen, und unter dem Weihnachtsbaum legen lassen, wo sie nun in bunter und goldener Verpackung darauf warteten, geöffnet zur werde. Es war ein Riesenberg! Er wollte Elisabeth etwas Besonderes schenken. Was konnte man jemandem schenken, den man noch nicht einmal einen ganzen Tag lang kannte, und den es zuvor noch nicht gegeben hatte im eigenen Leben, der nunmehr aber doppelt zählte? Diese Vorstellung erschien ihm plötzlich unmöglich. Sie hatte irgendwo in ihm existiert, vielleicht als Traum oder Wunschvorstellung. Nach einer konkreten Erklärung zu suchen schien widersinnig, denn es gab keine, weil Gefühle nicht erklärbar sind.
Der göttliche Funke streifte seine grauen Gehirnzellen! Er durchwühlte sein Handgepäck nach einer kleinen, rechteckigen Schachtel. In ihr befand sich die wundervoll gearbeitete Figur der ägyptischen Göttin Bastet, aus dunkelblauem, sattem Lapis-Lazuli gearbeitet. Der schmale Katzenkopf dieser Göttin der Freude und Liebe, war von unglaublicher Anmut und passte harmonisch zu dem schmalen Frauenkörper der Statue. Etwa zwölf Zentimeter groß war das Kleinod, 18. Dynastie, wahrscheinlich aus der Zeit der Königin Hatschepsut. Er hatte es auf dem Schwarzmarkt in Luxor erstanden, mit Hilfe Smaïns. Trotzdem der Handel mit echten Antiquitäten streng verboten war, konnte er nicht widerstehen, und seither trug er die Statuette als Talisman mit sich herum. Wahrscheinlich war sie als Grabbeigabe gedacht, versprach sie ja auch im Jenseits dem Verstorbenen Liebe und ein glückliches Familienleben. Frédéric war Atheist, er glaubte nur an die Realität, doch mit Ägypten verhielt sich alles immer anders als man dachte. Ägypten hatte seine eigene Realität und der mächtige Zauber seiner Götter beeinflusste die Menschen auch heute noch. „Du kannst dich der Magie Ägyptens nicht entziehen!“ hatte ihm Smaïn zu Beginn ihrer Freundschaft erklärt. „Versuch es erst gar nicht!“ Und so war es auch gewesen. Jeder Tag, jeder Monat und jedes Jahr fesselten ihn stärker und stärker an das unvergleichliche Land der Pharaonen, seine Geschichte, Größe und die Weisheit!
Als er eine Angestellte an der Rezeption darum bat, die kleine Schachtel geschenkmässig für ihn zu verpacken, hatte er das Gefühl, als habe er das Figürchen speziell für Elisabeth erstanden und nur darauf gewartet, es ihr irgendwann schenken zu dürfen. Helles Glockengeläute rief die Gäste in den Festsaal, wo der Weihnachtsbaum nun in seiner ganzen Pracht in hellem Schein der Kerzen und Lämpchen erstrahlte. Ein traditionelles Weihnachtslied ertönte aus einem Lautsprecher und vereinzelt fielen die Anwesenden in den Gesang des Chores ein. Frédéric kam als einer der letzten in den Saal und fühlte sich ein wenig fehl am Platz angesichts der traditionellen, christlichen Brauchtumszeremonie. Er selbst blieb stumm. Die vielen Jahre in der Fremde, unter den Gemischtesten Völkern dieser Erde und ihren religiösen Gepflogenheiten, verliehen ihm ein Gefühl von Befremdung. Seine europäischen Wurzeln waren längst zu eng mit jenen der exotischen Erdenbewohner, der Orientalen und der Indios verknüpft, um von diesem andachtsvollen Frieden übermannt zu werden, wie es anscheinend bei Elisabeth und noch einige anderen Anwesenden der Fall war. Sie stand neben dem geschmückten Weihnachtsbaum, umringt von Kindern jeder Altersgruppe. Das silbergraue, enge, lange und hoch geschlossene Kleid aus Seide, umschmiegte ihre schlanke Erscheinung und brachte dennoch ihre kleinen Brüste und ihre wespengleiche Taille besonders zur Geltung. Sie trug das feine Haar teilweise locker hoch gesteckt. Eigenwillig hatten sich einige der gewellten Strähnchen gelöst, und fielen auf ihre Oberarme herab. Das helle Oval ihres Gesichtes strahlte kindliche Freude aus und der Kerzenschein des geschmückten Tannenbaumes spiegelte sich in ihren tiefblauen Augen wieder. Er spürte, dass sich etwas in ihm verkrampfte und ein ziehendes Verlangen seine Lenden erfasste und wandte gewaltsam den Blick von ihr ab. Als das Lied verstummt war, klatschte sie in die Hände und rief jedes einzelne Kind bei dessen Namen auf, um ihm sein Geschenke zu überreichen. Berge von Spielzeug wurden ausgepackt. Es herrschte eine wahrhaft ausgelassene Stimmung. Hollowitz war an Frédérics Seite getreten, ebenso seine „Perle“, Eveline Staubitz, die ebenfalls in bemerkenswerter Abendgarderobe erschienen war. „Meine Kleine ist selbst noch ein Kind“, bemerkte der ältliche Mann, mehr zu sich selbst, als zu Frédéric. „Ich finde, sie macht ihre Sache wirklich gut“, verteidigte dieser die glückstrahlende, zarte Frau. „Es scheint ihr beinahe mehr Spaß zu machen, als den Kindern!“ „Das ist es ja“, seufzte der Vater, „sie ist weltfremd und weigert sich, ihre Traumwelt zu verlassen.“ „Warum sollte sie?“, wollte der Jüngere wissen, „wenn es sie glücklich macht.“ Verständnislos sah ihn Hollowitz an: „Man kann in keinem Traum leben! Sie wissen das genauso gut, wie ich! Jeder Traum hat einmal ein Ende und das Erwachen kann nur umso schlimmer werden, wenn man so wie sie, zurückgezogen, und nur für ihre so genannten „Berufungen“ lebt. Auch ist sie nicht so gesund, wie es vielleicht den Anschein hat!“ „Ich weiß davon“ bestätigte Frédéric, „sie hat mir von ihren Leiden, wenn man es als solche bezeichnen kann, erzählt. Aber damit lässt sich leben, wenn man keine allzu großen Risiken eingeht und entsprechend auf sich acht gibt.“ „Na, Sie haben leicht reden, Mann! Sie sind gesund und kräftig. Sehen Sie sie doch an, man könnte meinen, der kleinste Windstoss kann sie umwerfen!“ „Da bin ich nicht ihrer Ansicht, Chef! Ich glaube, Sie unterschätzen ihre Tochter, und haben sie, ohne dass ich Ihnen nahe treten will, zu sehr beschützt und von der Welt abgeschirmt! Das ist vielleicht das Problem! Sie macht den Eindruck einer sehr resoluten, jungen Frau, die weiß, was Sie will. Sie hat ihren Weg seit langem gefunden, auch wenn Sie das nicht wahrhaben möchten!“ Hollowitz schüttelte nur unwillig den Kopf und drängte sich mit seiner Sekretärin nach vorne. Frédérics Worte waren nicht bei ihm angekommen. Er hielt eine kleine Ansprache, dankte für die gute Mitarbeit seiner Leute, erläuterte die kommenden Aufträge mit knappen, präzisen Worten und meinte abschließend: „Am hohen Gewinn dieses Jahres will ich Sie alle gerne teilhaben lassen! Während die übrigen Angestellten, wie auch Arbeiter einen prozentualen Weihnachtsbonus bekommen haben, wird meine Sekretärin heute Abend jedem von Ihnen ein Aktienpaket im Wert von fünftausend Mark aushändigen!“ Ein freudig überraschtes Raunen wurde hörbar, und der Boss fügte hinzu: „Sie sind damit gleichberechtigte Aktienpartner unserer Firma. Ich weise darauf hin, dass unsere Dividenden dieses Jahr um vierzig Prozent gestiegen sind, oder aber, Sie können ohne weiteres, wenn Sie knapp bei Kasse sind, die Aktien der Firma verkaufen und bekommen die Summe ausbezahlt! Damit wünsche ich Ihnen allen noch ein schönes Fest, genießen Sie die kommenden drei Tage, und ich wünsche Ihnen schon heute alle Gute fürs Neue Jahr, das hoffentlich für uns alle so erfolgreich wie das vergangene werden wird!“
Heftigen Applaus erntete Hollowitz, und war alsdann von einer Schar ihm dankender Arbeitnehmer und deren Familien umringt. Weihnachtsmusik setzte unaufdringlich leise ein und wurde von dem Lärm der aufgeregten Kinder, wie auch den Gesprächen der Gäste fast völlig übertönt. Es gab heute Abend keine feste Tischordnung. Ein riesiges, kaltes Buffet mit bayrischen, wie auch internationalen Spezialitäten lud ein, sich daran zu laben oder zu erfrischen, Getränke wurden gereicht, Champagner und Sekt floss in dieser kalten Winternacht ohne Ende. Frédéric hielt sich abseits und wartete den Augenblick ab, bis die Feiernden sich wieder verteilten, sich am Festbuffet gütlich taten, oder in Gruppen zusammenstanden, um sich fröhlich und angeregt zu unterhalten. Die Kinder waren vollauf mit den Geschenken und Spielsachen beschäftigt, sodass Elisabeth ein wenig Luft um sich herum bekam. Sie kamen sich beide auf halbem Weg entgegen, und sie wünschte ihm ein gesegnetes Fest. Er erwiderte ihre Wünsche und zog das schmale Päckchen aus der Rocktasche, um es ihr zu reichen. Sie sah ihn aufrichtig, aber auch verwundert an: „Für mich? Aber ... damit habe ich nicht gerechnet! Ich habe dir gar nichts zu schenken, ich wusste ja nicht ...!“ Sie ließ den Satz unvollendet und nahm das Geschenk vorsichtig entgegen. „Ich würde vorschlagen, du öffnest es nicht hier unter all den Menschen.“ Frédéric wollte damit allzu großes Interesse an dem Kunstgegenstand vermeiden. Auch erschien es ihm unpassend, ein so sakrales Kleinod unter den Blicken anderer Leute, dieser außergewöhnlichen Frau ans Herz zu legen. Er zog sie mit sich in die ausladende Bibliothek, die jedoch eine heimelige Leseecke mit wuchtigen Lederfauteuils besaß. Eine stilechte Stehlampe spendete warmes Licht, und auch hier prasselte ein wohliges Kaminfeuer in der hintersten Ecke des Raumes. Auf dem niedrigen Tisch lagen Zeitschriften und Magazine verteilt. Sie setzte sich in einen der wuchtigen Sessel und er blieb hinter der Lehne stehen und wartete den Augenblick ab, wo sie die Schachtel geöffnet haben würde, um ihre Reaktion zu sehen. Er blickte auf ihr feines, blondes Haar herab und verspürte den Wunsch sein Gesicht darin zu versenken. Nur mühsam entzog er sich dem Zauber ihrer Ausstrahlung. Der Zustand beunruhigte ihn aufs Tiefste. Sie hatte das Schächtelchen vorsichtig vom Papier befreit, und öffnete den vergoldeten Verschluss. Das anmutige Katzengesicht der Göttin blickte ihr entgegen, im polierten, blauen Stein spiegelten sich einzelne Flammen des Feuers. Am rechten Arm trug sie den Korb, in der Linken hielt sie das Sistrum. Vorsichtig nahm Elisabeth die kleine Figur in die Hand und hielt sie hoch: „Sie ist wunderschön! Mein Gott, woher hast du sie! Sie muss ja ein Vermögen wert sein!“ rief sie verhalten aus, und sah zu ihm hoch. Er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen und neigte sich zu ihr herab, um sie geradewegs innig auf den Mund zu küssen. Sie war zu überrascht um Widerstand zu leisten, und als sein Kuss fordernder wurde, öffnete sie bebend die Lippen, um ihn zu erwidern. Kraftlos saß sie in dem Lehnstuhl und er hielt ihr zartes Gesicht mit der rechten Hand umfasst. Er spürte, wie klein das Oval ihres Antlitzes war, wie zart ihre Haut sich anfühlte, und ein Duft von Maiglöckchen raubte ihm die Sinne. Sie roch nach Unschuld, nach Frühling, nach Verheißung. Verheißung? Wonach? Er vermochte es nicht zu definieren. War das Glück, war das Liebe? Oder einfach nur Begehren? Warum war er dann so unendlich beunruhigt?
Er gab sie frei und er sah, dass ihre Hände, die in ihrem Schoss lagen und die kleine Statue hielten, leicht zitterten. „Ich danke dir!“ hauchte sie, und trotz ihrer anscheinenden Verlegenheit hielt sie dem Blick seiner grünen Augen stand. „Leider habe ich nichts, was ich dir geben könnte“, lächelte sie bedauernd. „Du hast mir bereits mehr gegeben, als ich erwarten konnte!“ erwiderte er rau. „Allein, dass es dich gibt und du hier bei mir bist, das ist ein Geschenk, das mit nichts aufzuwiegen ist! Du bist meine Weihnachtsfee!“ Was redete er da? War er von Sinnen? Aber eben genau das, empfand er... Trotzdem er nicht daran gewöhnt war, Frauen so zu schmeicheln - dazu hatte er keinen Anlass, für gewöhnlich waren sie es, die ihm schmeichelten - kamen ihm diese Worte ganz leicht über die Lippen, ohne dass er sie stoppen konnte. Er sandte einen zweifelnden Blick auf das Antlitz der verschmitzt lächelnden Göttergestalt, die sie in den Händen hielt und schluckte schwer. Hatte sie etwa ihre Hand im Spiel? Er ließ sich auf der breite Lehne des Fauteuils nieder und streichelte zart mit den Fingern der Linken über ihre zart geröteten Wangen. Er zeichnete die Konturen ihrer vollen Lippen nach. Sie küsste impulsiv seine Fingerspitzen und er entdeckte eine große Sehnsucht in ihren glänzenden Augen, die auch er empfand. Ihre Brüste hoben und senkten sich rascher als zuvor. „Was ist bloß los mit uns?“ flüsterte sie und er schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiß es selbst nicht! Es passiert mir zum ersten Mal in meinem verdammten Leben, dass eine Frau mich so in ihren Bann schlägt! Du musst eine Hexe sein!“ So nahm er der Situation ihren Ernst und sie lachte hell auf: „Gibt es denn niemanden in deinem Leben?“ „Meine Arbeit und vielleicht Ägypten!“ war die Antwort. Sie nahm seine Hand in die ihre. „Kann das einem Mann genügen?“ Sie führte sie an ihre Brust und er spürte ihren pulsierenden Herzschlag darunter. „Fühl' mein Herz! Es spielt verrückt! So kenne ich mich gar nicht! Es macht mir Angst!“ Er spürte den unregelmäßigen, beschleunigten Schlag unter dem weichen Fleisch ihres kleinen Busens und küsste sie sanft auf die Stirn. „Angst, wovor?“ fragte er mit gespieltem Erstaunen, obwohl er ihre Gefühle nachvollziehen konnte. „Ich weiß es nicht! Sag du es mir!“ forderte sie ihn auf. „Du hast Angst vor der Liebe, die vielleicht dein Leben verändern könnte oder Angst, dass diese Liebe nicht erwidert wird?“ Sie schlug die Augen nieder und schwieg. Sie war betreten, er hatte mit seiner Vermutung genau ins Schwarze getroffen.
Lautes Lachen näherte sich ihnen, und die Magie des Augenblicks war dahin. Frédéric erhob sich und Elisabeth tat es ihm gleich, nachdem sie die wertvolle Figur vorsichtig in die kleine Schachtel zurückgelegt hatte und diese sorgsam verschloss. Eine Gruppe junger Leute betrat grüssend den Raum und die beiden schickten sich an, ihn zu verlassen. Sie mischten sich unter die Menschenmenge, die ausgelassen im Festsaal feierte und Vater Hollowitz bahnte sich einen Weg zu dem Paar. Als er das erhitzte Gesicht seiner Tochter bemerkte, sah er dem Jüngeren prüfend in die Augen: „Ich hoffe, ihr amüsiert euch so gut wie ich! War doch eine gute Idee, Elisa, “ - er benützte die Kurzform ihres Namens – „dass ich dich überredet habe mitzukommen, oder?“ „Ja“, erwiderte sie fest, „ich bin froh darüber!“ Frédéric hielt dem Blick seines Arbeitgebers stand und seine Miene verriet keinerlei Regung. „Na, dann feiert schön weiter!“ Der Alte klopfte dem Jüngeren auf die Schulter und steuerte auf eine weitere Gruppe seiner Angestellten zu.
Im Laufe des Abends war die Sympathie des Paares, die sie füreinander empfanden, keineswegs unbemerkt geblieben. Vereinzelt tuschelte man, ob die beiden sich etwa schon vorher gekannt hätten. Andere betonten, sie vergönnten der zurückhaltenden Millionärstochter ein bisschen Glück, da sie ohnehin bis jetzt zu kurz dabei gekommen war. Keiner jedoch kannte die wahre Persönlichkeit der Frau und so mancher glaubte sie schüchtern und glücklos in der Liebe. Ihr starker und zielbewusster Charakter war ihnen fremd. Weniger tolerante Gäste, meist weiblicher Natur, konnten sich die ätzende Bemerkung nicht sparen, es sei doch wohl augensichtlich, was den attraktiven Mann an dieser eher unscheinbaren Personen interessierte, nämlich ihr Geld. So hatten sie ihren Gesprächsstoff, und Theodor Hollowitz, dem so manche Bemerkung nicht entgangen war, runzelte unwillig die Stirn. Seine Sekretärin bat Frédéric in die Bibliothek, der Boss wollte kurz mit ihm sprechen. Elisabeth war gerade mit dem Zusammenstellen eines Puppenhauses beschäftigt, worum sie einer der kleinen Gäste gebeten hatte. Sein Verschwinden fiel ihr nicht weiter auf.
Ihm entgingen die tiefen Sorgenfalten auf der Stirn seines Chef keineswegs und er nahm diesem gegenüber, in einem der Clubfauteuils, Platz. „Frédéric, was ist da im Gange zwischen Ihnen und meiner Kleinen?“ Ohne Umschweife kam er zur Sache. „Im Gange ist überhaupt nichts, wofür halten Sie mich eigentlich?“ erwiderte der Angesprochene trocken. „Ich finde Ihre Tochter ungemein anziehend und klug. Ich denke, sie sollten endlich aufhören ein Kind in ihr zu sehen! Frauen ihres Alters haben in der Regel bereits Familie und selbst Kinder!“ Es verschlug dem Industriellen die Sprache, so angeherrscht zu werden. Die Falte auf seiner Stirn vertiefte sich um eine Spur, als er antwortete: „Hören Sie Hardtberg! Sie brauchen mir nicht zu sagen, wie ich meine Tochter behandeln soll, was wissen Sie schon?! Sie ist verwundbar, und ich will nicht, dass sie sich in irgendeine Idee verrennt. Dass ich sie für einen Ehrenmann halte, das wissen Sie, sonst wären Sie nicht hier! Ich schätze sie sehr und würde Ihnen, weiß Gott was anvertrauen. Sie sind einer der Besten, immer einsatzfähig, scheuen weder Gefahr noch Mühe! Aber gerade deswegen sollten Sie sich von Elisabeth fern halten! Sie werden demnächst wieder Jahre lang irgendwohin verschwinden und ich könnte nicht ertragen, dass sie unglücklich herumsitzt und Ihnen nachweint!“ „Ich könnte sie ja mitnehmen!“ entfuhr es dem aufgebrachten Mann, dem die autoritäre Art des Vaters seiner Tochter gegenüber missfiel. „Oder glauben Sie etwa, sie würde ein Leben lang in der Burg, die Sie um sie herum errichten wollen, dasitzen, und ihr eigenes Glück ewig für Andere in den Schatten stellen?“ Hollowitz machte eine wegwerfende Handbewegung und entgegnete: „Sie liegen komplett falsch mit ihren Äußerungen! Glauben Sie etwa, der Gesundheitszustand meiner Tochter würde ihr erlauben Ihnen überall hin zu folgen? Sie haben ja keine Vorstellung von den Ängsten, die ich seit ihrer Geburt ausgestanden habe! Jede Abschürfung, jeder kleine Schnitt wird für sie zur Lebensgefahr! Sie ist anfällig für jede Art von Infektionen! Wie sie ihr Studium so rasch geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel, angesichts der Wochen, die sie während der gesamten Schulzeit das Bett hüten musste!“ „Sie selbst haben mir erst vorhin gesagt, es sei nicht gut, dass Elisabeth ewig wie in einem Traum lebe, was nämlich gar nicht der Fall ist! Sie hat ein Recht auf Freiheit! Nichts für ungut, aber sie hat einfach andere Vorstellungen eines erfüllten Lebens, als Sie oder auch ich!“ „Haben wir das nicht alle?“ konterte der Ältere und sackte sichtlich in dem breiten Lehnsessel zusammen. „Sie ist nun mal mein Sorgenkind, was soll’s! Einerseits würde ich sie gerne an der Seite eines Mannes glücklich sehen, andererseits schnürt mir die Angst um sie die Luft ab! Sie ist das einzig wirklich Wertvolle, das ich besitze.“ Frédéric verspürte aufkommendes Mitleid mit dem ratlosen Mann, den er seit so vielen Jahren kannte. „Ich will es Ihnen nicht verheimlichen, Mann! Ich fühle mich sehr hingezogen zu Ihrer Tochter, und ich kann Ihnen offen gestehen, das ist mir bis heute in diesem Ausmaße noch nie passiert! Meine Erfahrung mit Frauen beschränkt sich auf kurze Affären, schon beruflicher Gründe wegen. Ich will nicht leugnen, dass Ihre Tochter für mich mehr als Sympathie empfindet. Es bedurfte nicht vieler Worte, um dies zu spüren. Ich befinde mich, wie Sie auch, in einer Zwangslage, und suche verzweifelt nach einer Lösung. Sie haben ja Recht, wenn Sie annehmen, dass ich nur für kurze Zeit sesshaft sein kann. Wer weiß das besser als Sie! Trotzdem denke ich, dass Sie ihre Tochter entscheiden lassen sollten, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Sei es mit mir oder auch ohne mich! Ich werde mich nach ihrer Wahl richten!“ Resigniert nickte der ältliche Mann und reichte Frédéric offen die Rechte. „Schlagen Sie ein, Frédéric! Sie haben Recht, es ist ihr Leben, und ich glaube, sie ist auch vernünftig genug, die beste Entscheidung für sich selbst zu treffen! Aber ich bitte Sie nur um eins: seien Sie ihr gegenüber ehrlich und fair, in jeder Situation!“ Der Jüngere erwiderte den Händedruck. „Sie kennen mich und ich werde Elisabeth keinesfalls beeinflussen, ob so oder so! Mein Wort darauf!“ Zerfahren fuhr sich Theodor Hollowitz über die Augen und gestand mit leiser, brüchiger Stimme: „Ich bin leider nicht mehr sehr gesund und leide schon eine ganze Weile an akuten Herzbeschwerden. Meine Tochter weiß nichts davon. Außer meinem Arzt ist nur die gute Eveline davon unterrichtet. Ich kann wahrscheinlich ohne meine Pillchen nicht mehr lange gerade stehen, so sieht’s aus! Und da sind die Aasgeier der Konkurrenz, die nur darauf warten, dass ich das Zeitliche segne, um meiner armen Tochter das Erbe, mit dem sie nichts anzufangen weiß, abzuluchsen, so billig wie möglich, versteht sich!“ „Aber es gibt doch Herzschrittmacher“, erwiderte betroffen der Jüngere. „Im schlimmsten Falle auch eventuell eine Transplantation!“ „Leider sind meine Arterien schon so verkalkt, das wäre vergebliche Mühe. Immerhin bin ich schon über siebzig und habe das Leben genossen, was nicht immer gesund für mich war! Gutes, reichlich üppiges Essen und Trinken und meine geliebten Havannas, die achtzehn Stunden Arbeit am Tag, und das nun schon seit Jahrzehnten. Das heißt nicht, dass ich knapp vor dem Ende stehe, das will ich damit nicht sagen. Aber ich muss eben schon mehr voraus denken, an das Danach! Ich bin zwar ein Unternehmer mit einem, man kann es wohl aussprechen, riesigen Konzern, aber ich betrachte, mag es eigenartig klingen, diese gigantische Firma als meine Familie. Die Vorstellung, diese auseinander gerissen und verhökert zu wissen, ist unerträglich für mich. Ich darf gar nicht daran denken, an die Entlassungen und Miseren, die dadurch heraufbeschworen würden!“ Der beleibte Mann zog aus der Rockinnentasche ein Pillendöschen hervor, entnahm ihm zwei Kapseln und schluckte sie rasch hinunter. Frédéric reichte ihm ein Glas Wasser, das er aus der bereitstehenden Karaffe gefüllt hatte. Ihm entging keinesfalls das Zittern der danach greifenden Hand. „Danke, es geht schon! Der heutige Tag war ja auch ganz schön anstrengend. Ich bitte Sie, kein Wort zu Elisabeth. Es tut mir gut, Sie ins Vertrauen gezogen zu haben. Ich habe kein Geheimnis mehr vor Ihnen zu verbergen. Ich hoffe, Sie sehen das als Zeichen meiner Hochachtung an!“ Schwerfällig erhob sich der erschöpfte, alte Mann. „Mit der Fliegerei wird es wohl auch nichts mehr für mich werden! Denken Sie nach, Hardtberg. Es könnte sich einiges auch in Ihrem Leben verändern, wenn Sie sich Ihrer Sache sicher sind! Aber überlegen Sie sich jeden Schritt ganz genau. So, nun werde ich mich wohl zu Bett begeben, es wird Zeit, feiert nur weiter, genießt die kurze Zeit der Unbeschwertheit, wer weiß, was das Morgen für uns bereit hält!“ Frédéric nickte und beendet die Konversation mit dem Satz: „Sie können sich auf mich verlassen, und zwar voll und ganz, und in jeder Weise!“
Im Foyer stieß er auf Elisabeth, die bereits nach ihm gesucht hatte und ihm lächelnd entgegen blickte. Sie sah ihrem Vater nach, wie er auf den Arm der Sekretärin gestützt, die wenigen Treppen zum Lift hochstieg und fragte schelmisch: „Hast du etwa eine Standpauke erdulden müssen?“ Frédéric lachte ein wenig gezwungen:“ Na ja, dein Vater ist sehr besorgt um dich und hat Angst, ich könnte dich unglücklich machen, weil du dich in mich verlieben könntest!“ Sie wurde ernst: „Dafür ist es zu spät! Was geschehen ist, ist geschehen!“ Frédéric nahm ihre kleinen Hände und führte sie an seine Lippen. Er küsste ihre weichen Handflächen und blickte sinnend in ihre Augen, um zu erwidern: „Das denke ich auch, doch ich bin mir nicht sicher, ob wir beide es gewollt haben!“ „Was macht das schon? Es ist, wie es ist!“ flüsterte sie, und ein übermächtiger Beschützerinstinkt, gepaart mit dem Wunsch, sie vollends zu besitzen, wurde in ihm wach. „Lass mir Zeit“, bat sie und küsste ihn flüchtig auf den Mund. Danach entzog sie sich seiner Umarmung und lief die Treppe hoch. Er stand da, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen und starrte der schlanken Gestalt im langen Abendkleid eine Weile nach, bevor er sich ein letztes Mal zur Bar begab, um seine aufsteigende Erregung mit einem Glas Sekt zu bezähmen. Sie war so ganz anders als die Frauen, die ihm während seines Lebens begegnet waren, und vielleicht war es das, was ihn so an ihr reizte.
Mitternacht war längst vorbei, als er sich ebenfalls zurückzog. Aus einem Glas Sekt waren drei geworden und er hatte sich noch an einer hitzigen Diskussion über den Regenurwald des Amazonas beteiligt, bei der er sich gewaltsam zurückhalten musste, nicht von seinen Fäusten Gebrauch zu machen. Sein Blut war heiß, sein Hormonspiegel wahrscheinlich aufs Doppelte angestiegen. Kurz nachdem er seine Zimmertür geschlossen hatte, und sich aus der Anzugsjacke schälte, klopfte es zaghaft an seiner Tür. Er öffnete perplex, und Elisabeth, immer noch im Abendkleid, bat ihn, hereinkommen zu dürfen. Er trat zur Seite und ließ sie eintreten. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, wandte er ihr sein fragendes Gesicht zu und sie ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen. Ihr schmaler Zeigefinger presste sich an seine warmen Lippen und sie flüsterte: „Ich habe nachgedacht! Es ist sinnlos! Egal was sein wird, wir wollen es beide! Und zwar heute und jetzt! Ich will nicht warten! Worauf auch?“ Ihre Lippen berührten seinen Hals wie die Flügel eines gaukelnden Schmetterlings und ihre Finger begannen langsam die Knöpfe seines blütenweißen Smokinghemdes aufzuknöpfen. Langsam wanderte ihr Mund über seine Brust und ihre zarten Hände berührten die ausgeprägten Muskeln seines Oberkörpers. Er stand da, wie vom Donner gerührt und sein Verlangen nach ihr, erfasste ihn gleich einem Gewittersturm. Er war sich dessen bewusst, dass sie nie zuvor einen Mann auf diese Art und Weise berührt hatte. Er atmete tief ein und stöhnte verhalten. „Bist du sicher, dass du es willst?“ raunte er ihr ins Ohr und als Antwort suchte sie seine Lippen, um ihn mit einer Heftigkeit zu küssen, die er ihr nicht zugetraut hätte. Seine lange unterdrückte Erregung flammte immer stärker auf und mischte sich mit einem tiefen Gefühl der Zärtlichkeit, das er für sie empfand. Mühelos hob er sie hoch und legte sie auf das weiche Federbett, in dem sie beide versanken. „Ich hab‘ auf dich gewartet, mein Leben lang“ flüsterte sie und er vergrub sein Gesicht in ihrem weichen Haar. Seine Hände befreiten sie von der Seide ihres Kleides. Er musste vorsichtig sein, wenn er diesen zarten Körper nicht brechen wollte.... „Ich hingegen habe nie erwartet, dass es mir je widerfahren würde. Ich wollte, ich könnte die Uhr anhalten und es würde nie Morgen werden!“ erwiderte er aufrichtig und bedeckte ihren alabasterfarbenen Leib mit seinen heißen Küssen. Ihre Hände fuhren sanft durch sein dunkelblondes, langes Haar. „Ich habe noch nie...“ versuchte sie ihm zu erklären und er sah eine Spur von Furcht in den blauen Seen ihrer Augen. Seine Lippen streiften ihre Lider und er erwiderte leise: „Ich weiß, mein Liebling, ich weiß. Vertraue mir...“ Sie schloss die Augen und gab sich seinen Händen und Lippen hin, stöhnte unter den zarten Berührungen auf, mit welchen er ihre, bisher verdrängte Leidenschaft entfachte, bis sie selbst ihre weißen Schenkel für ihn teilte und ihn einlud, sie zur Frau zu machen. Er ging behutsam mit ihr um, nahm sich Zeit und behielt nur mühsam sein Verlangen, sie endlich ganz zu besitzen, unter Kontrolle. Er spürte, wie sie sich unter ihm verkrampfte, als er vollends in ihren Leib eingedrungen war, und erstickte ihren Laut mit einem Kuss. Ihre Nägel hatten sich nur kurz in seine Arme verkrallt, und er genoss es, als sie weicher und nachgiebiger wurde und seine Lust erwidern konnte, ohne Vorbehalt, ohne Schmerzempfinden. Er wiegte sie auf den Gipfel ihres Höhepunktes und küsste die Tränen von ihren Augen, als sie erlöst und zitternd unter ihm aufstöhnte, und ihr zarter Körper ihm die größte Befriedigung seines Lebens verschafft hatte, die er je bei einer Frau bisher fand.
Ihre Körper verschmolzen mehrmals in dieser Nacht zu einer pochenden Einheit, einem Flammenmeer der Sinne. Ihr langes, seidiges Haar bedeckte sein Gesicht und die Rundungen ihres jugendlichen Körpers schmiegten sich vertrauensvoll an die Härte seiner Männlichkeit. Er wunderte sich selbst ob der Zärtlichkeit, die er ihr schenken konnte, bezähmte seine wilde Leidenschaft, die sie in ihm entfacht hatte, und war verwundert über die haltlose Hingabe mit der sie sich ihm aufs Neue offenbarte. Die Stunden vergingen, ohne dass sie Schlaf fanden, und als der Morgen graute, lagen sie eng umschlungen nebeneinander und schufen Pläne für ihre Zukunft. |