DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 1

Elftes Kapitel – Rückkehr nach Ägypten

 

Die Worte der Geliebten hallen im Kopf des, der Gegenwart entrückten Mannes nach, als hätte sie sie eben erst ausgesprochen. Er schneidet eine hämische Grimasse, sodass die Stewardess, die sich um die wenigen Passagiere in der First Class-Abteilung eifrig bemüht, verschreckt und schuldbewusst fragt: „Ist alles in Ordnung, Signore? Haben Sie einen Wunsch?“

„Nein, nein, alles bestens! Wann landen wir in Kairo?“

„In ca. zehn Minuten beginnen wir mit dem Anflug, etwa um 01.15 Uhr werden wir landen!“

Der Mann nickt und verlangt noch einen doppelten Whiskey. Er soll helfen, diese letzten Erinnerungen endgültig zu verscheuchen, denn sie tun weh und bringen ihm nur Kopfschmerzen. Dann schließt er die Augen, gibt dem Mädchen damit zu verstehen, dass er allein gelassen werden wollte. Die Flughostess beobachtet aus den Augenwinkeln die Reaktion des Gutaussehenden Mannes, der sich ein wenig in seinem Sitz dehnt, um die Steifheit seines Körpers in der eingenommenen Position zu lockern. Es war einer der wenigen Fluggäste, dessen Einladung sie ohne Vorbehalt angenommen hätte, obwohl das gegen jedes ihrer Prinzipien war. Doch sie machte sich wenig Hoffnung, der Mann schien von Sorgen erdrückt zu werden und hatte abermals seine Stirn zu tiefen Falten gefurcht.

Er hat die Trauer des Kindes natürlicherweise an erster Stelle platziert, sie war ihm wichtig, so zerbrechlich, zart und hilfsbedürftig, wie es war, und es war alles, was ihm von seinem kurzen Familienleben geblieben war. Er muss mit seiner Trauer so oder so zu Recht kommen. Er erinnert sich an Smaïn’s Geschichte und auch daran, dass dieser keine zweite Familie mehr gründen will. Die Angst, nochmals alles zu verlieren, sitzt ihm tief in den Knochen. Doch Smaïn wird vielleicht seine Entscheidung eines Tages wieder ändern. Er jedoch ist fest entschlossen, sich nie mehr wieder gefühlsmäßig zu engagieren.

‚Selbst dann’, denkt er amüsiert und bitter zugleich ‚wenn ich so alt werde wie der gute Ramses, dann habe ich noch immerhin an die fünfzig Jahre vor mir, die alles andere als lustig zu werden versprechen!’

Schließlich ist er gezwungen, seine Tochter sanft zu wecken. Verschlafen blickt sie im ersten Moment verständnislos um sich. Als der Sicherheitsgurt festgemacht wird und die lächelnde Flugbegleiterin sie mit aufmunternden Worten ihrer Malkünste wegen lobt, ist sie wieder völlig munter und blickt neugierig auf die näher kommenden Lichter, die in der schwarzen Nacht auftauchen.

 

Der Flughafen von Kairo gleicht auch um diese Stunde, einem Bienenkorb. Gedränge, Schieben, Kontrolle, Visum erledigen, Gepäck besorgen. Einen Träger zu organisieren ist rasch erledigt, denn eine Unzahl von Einheimischen bietet laut ihre Dienste an und schließlich kann  der Unternehmer den hünenhaften Truppenleiter Klaus-Dieter  erkennen, der von der zweiten Halle aus winkt.

Nach der Begrüßung übernimmt der Riese das kleine Mädchen, das bereits schwer am Arm des Vaters sitzt und seinen Kopf an dessen linke Schulter gelehnt hat.

„Ja, wen haben wir den da?“ fragt er absichtlich verwundert. „Ist das eine ägyptische Prinzessin, oder was?“ Das Mädchen lacht und wird sogleich aus ihrer Reserve gelockt. „Ich bin keine Prinzessin“ erwidert es schelmisch, „das ist mein Papa und ich fliege nach Ägypten!“

„Na dann bist du am Ziel, denn hier sind wir in Ägypten, Kleine!“ lacht der große Mann und Anja blickt verwundert mir großen Augen um sich. Erst jetzt nimmt sie die fremdartige Welt um sich herum wahr. Die dunklen Gesichter der Ägypter, dazwischen fast schwarze Nubier, schwer bewaffnete Soldaten, Polizei und nur vereinzelte, fast vollkommen verschleierte Frauen in kleinen Gruppen nehmen ihre Blicke gefangen.

 

„Sind das alles Prinzessinnen?“ fragt sie aufgeregt den Deutschen, der ihr Herz im Sturm erobert hat.

„Nein, nein, “lacht dieser, „die Damen hier in Ägypten sind alle so gekleidet. Sieh nur, auch viele Männer haben lange Kleider an, das ist praktisch und leicht, denn hier ist es meistens sehr heiß und außerdem ist es hier so der Brauch. Wir sind ja in Afrika, Schätzchen!“

Sicher und gezielt führt er die beiden aus der Halle zum Flugfeld, wo sie mit einem Polizeijeep zum Firmenflugzeug fahren.

 

Frédéric hat selbst seit Jahren den Pilotenschein in der Tasche und dies erweist sich oft während der Projektleitungen in Ägypten, wo er sich meist aufhält, und auch wenn er in Brasilien nach dem Rechten sieht, als äußerst hilfreich.

Er hat nach der Firmenübernahme den Bestand der Angestellten und Arbeiter aus aller Welt geprüft, entlassen, wo er es für nötig hielt und neue Fachkräfte und tüchtige Helfer eingestellt.

Er weiß, auf seine Leute kann er sich hundertprozentig verlassen, denn seine Führungskräfte waren seit vielen Jahren bei der Firma. Seine gute Menschenkenntnis hat sich im Laufe der Zeit und Erfahrungen, als er auch noch einer von ihnen war, perfektioniert. Er fühlt sich immer noch als einer der ihren und ihnen gleichgestellt. Er ist ein Mann, der lieber selbst auf dem Terrain arbeitet und die administrativen Erledigungen, wie auch die Leitung der Firma seinen Fachkräften überlässt. Sein sicheres Auftreten, das Fachwissen, das ihn auszeichnet, und vor allem die Erfolge, die er bei allem, was er auch beginnt, erzielt, haben ihm zu dem natürlichen Respekt, den ihm jeder, mit dem er zu tun  hat zollt, verholfen.

 

Lärmend erhebt sich der Flugapparat in die Lüfte und das Kind schläft kurz darauf wieder ein. Der Flug wird nur von kurzer Dauer sein, nach Assuan sind es etwa 600 km, rund eine Stunde wird man dafür brauchen. Nun fühlt auch Frédéric, wie Müdigkeit ihn übermannt, und er schließt die Augen. Seine Kopfschmerzen pochen immer noch aufs Heftigste. Der deutsche Begleiter beendet die höfliche Konversation, die er begonnen hatte, um seinen Arbeitgeber nicht zu stören. Doch Frédéric findet keinen Schlaf, zu viele Gedanken kreisen in seinem Kopf. Er glaubt nun fest, dass es das Beste für das Kind gewesen war, es aus dem dunklen, mit Trauer erfülltem Haus heraus genommen zu haben, egal wie es jetzt auch weitergehen sollte in der Wüste. Die neuen Eindrücke, das Fremdartige würden Anja erst gar nicht zum Überlegen kommen lassen. Er hofft und ist sich fast sicher, dass der schmerzliche  Verlust der Mutter in diesem jungen Alter bald überstanden sein  würde, die Erinnerung an sie bestand ewig, und in späteren Jahren würde Anja sich an diese Frau, die ihr Kind so geliebt hatte und den Kinderwunsch über ihr Leben stellte, glorifiziert, wenn auch schemenhaft werden.

Er lehnt sich zurück und überlegt, ob es bei ihm auch so leicht sein würde, mit dem Verwinden des Verlustes der geliebten Frau. Manchmal weicht der Schmerz einem Anflug von bitterem Zorn auf die Geliebte. Warum hatte sie sich einem solchen Risiko ausgeliefert? Hat er ihr so wenig bedeutet, dass sie diese Entscheidung allein getroffen hatte? Oder hat sie einfach nur zu sehr auf ihren Gott und Erhörung ihrer Gebete vertraut!

 

Der Propellerlärm der zweimotorigen Flugmaschine bringt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Das kleine Mädchen liegt schwer in seinen Armen. Er küsst das dunkle Haar, und blinzelt die verstohlene Träne aus seinem Augenwinkel. Es ist die Ohnmacht, die ihm so zu schaffen macht. Er schluckt schwer und blickt auf die Armbanduhr. Sie müssten jeden Moment Assuan erreichen. Während dieser Überlegung werden die Lichter der Landebahn sichtbar und kommen näher. Der Pilot gibt seine Anflugsposition bekannt und bereitet die Landung vor. Rumpelnd setzt die Maschine auf und rollt auf der vorgesehenen Strecke aus.

Klaus-Dieter springt als erster aus dem Flugzeug und nimmt das schlafende Mädchen in Empfang. Wie es scheint, kann Anja nun nichts mehr wecken. Die wohltuende Wärme lullt sie ein und der kleine Kinderkörper liegt schwer in den Armen des großen Deutschen.

Ein großer, dunkler Ägypter, bekleidet mit Jeans und weißem, flatterndem Hemd, kommt übers Flugfeld gelaufen. Smaïn Ben Hamsa blickt dem Angekommenen stumm entgegen. Die Männer schließen einander in die Arme und es bedarf keiner Worte, um dem Mitgefühl Ausdruck zu geben, das Smaïn für Frédéric empfindet.

„Mein Gott, wie sieht sie dir ähnlich!“ bemerkt er verwundert nach einem Blick auf die kleine Schlafende.

 

Mit dem Jeep fahren sie zu dem komfortablen, jedoch wenig luxuriösen Hotel im Bungalowstil, welches nicht weit von der Bootsabfahrtsstelle zur Insel Philae liegt. Seit über einem Jahr wohnen Frédéric und einige seiner Männer in den von Sykomoren beschatteten kleinen Gebäuden, während ein Grossteil der Arbeiter ihr Lager auf der Insel selbst aufgeschlagen hat und teilweise in Zelten untergebracht ist.

Der Bungalow besteht aus einem einzigen, jedoch ziemlich großen Raum und einer Kochnische, sowie einem winzigen Bad mit Dusche. Der Ventilator sorgt für etwas Luft und auf dem Tisch ladet ein Teller mit frischem Fladenbrot und eine große Obstschüssel zum Verzehr ein.

Sie legen das Mädchen auf eines der Betten unter das Insektennetz und Frédéric zieht ihm die kleinen, weißen Stiefel aus.

„Die wird sie ja wohl nicht so bald mehr brauchen“, meint er grimmig und prüft, ob das Moskitonetz rundum gut abschließt.

Klaus-Dieter stapelt die Koffer und Taschen in eine der Ecken.

„Ich geh dann, Boss“, kündigt er an und verlässt den Raum nach einem kurzen Gruß. Frédéric dankt ihm noch und lässt sich schwer auf einen der geflochtenen Stühle fallen: „Was bin ich froh, dem ganzen endlich entflohen zu sein!“ vertraut er dem Freund an. „Ich komm‘ mit dieser Welt dort drüben nicht mehr zurecht“ fügt er hinzu und wirft einen Blick auf die Kleine die sich verschlafen auf die andere Seite wälzt.

„Was gibt es für Geschichten mit den extremistischen Aufwieglern?“ will Frédéric wissen und schenkt für sie beide ein Glas Whiskey ein.

„Die Sache hat sich zum Glück auf wundersame Weise gelöst“, erwidert der Angesprochene. „Kurz nachdem wir gestern miteinander telefoniert hatten, veranstaltete die Staatspolizei eine Razzia im Lager. Sie suchten den seit langem flüchtigen Terroristen Rachid Waddid. Der hatte sich unter einem falschen Namen in unsere Arbeiterliste eingetragen und war auf der Suche nach Sympathien für seine Bewegung. Irgendwer musste ihn allerdings verraten haben, wer, das ist wahrscheinlich nie herauszufinden, die Männer bangen um das Leben ihrer Familien! Es ist auch nicht wichtig. Der Überraschungsangriff war jedenfalls erfolgreich und als der Verbrecher  mittels eines gekaperten Ruderbootes das Weite suchen wollte, wurde er erschossen und konnte nur mehr tot aus dem See geborgen werden.“

Frédéric war klar, dass der Tod des Mannes die beste Lösung für alle war, so traurig es auch sein mag, denn eine Gefangennahme hätte weitere Erpressungsversuche nach sich gezogen, um die Freilassung des fanatischen Mörders zu fordern.

Eine gewisse Genugtuung strahlt aus den Glutaugen des Ägypters:

„Er war bei dem Anschlag auf das Dorf meiner Familie dabei!“ Er stößt einen Fluch in seiner Muttersprache aus, in der Art wie: „Möge die Hölle ihn verschlingen und der Teufel seine Eingeweide fressen!“

Frédéric versteht die Rachegelüste des Freundes. Nicht einmal diese sind ihm vergönnt. An wem sollte er sich rächen? Er konnte nur seiner Trauer und einer Spur von Selbstmitleid frönen und das erscheint ihm sinnlos und vergeudete Zeit zu sein. Sich anderen Dingen zuwenden, den Tempel von Philae retten, seiner Tochter Aufmerksamkeit schenken, das waren die Dinge denen er sich widmen wollte.

Smaïn verlässt ihn, als bereits die ersten Hähne krähen und der Himmel von Schwarz ins Dunkelgrau wechselt.

Erschöpft lässt Frédéric sich auf seine Bettstatt sinken, ohne sich vollends zu entkleiden. Er starrt zu dem rotierenden, leise summenden Ventilator an der Decke, und versucht, in Gedanken die Zeit seiner Verbindung zu Elisabeth heraufzubeschwören, auch wenn es noch so schmerzt. Er hatte versagt. Zum ersten Male in seinem Leben wirklich versagt. Als Ehemann und Beschützer der Frau, die ihm sein Boss, dem er alles zu verdanken hatte, anvertraut hat. Er schluckt schwer und spürt, wie kalter Schweiß über seinen Rücken kriecht. Er war ein jämmerlicher Versager. Nur eines konnte ihn trösten, sich vorzunehmen, seine Schuld an Elisabeth, an seiner Tochter gut zu machen. Der Vater zu sein, den das Kind verdiente.

Zwölftes Kapitel – Ein Hauch von Glück

 

Nach den leidenschaftlichen Tagen und Nächten, die die Liebenden in dem verschneiten Schlosshotel Bayerns durchlebt hatten, begleitete Frédéric Elisabeth und ihren Vater, der die Situation klar erkannt hatte, nach Stuttgart zurück. Er brauchte Elisabeth und bat sie, ihn zu heiraten oder mit ihm zu leben, was immer und wie immer sie es wollte. Er wollte sie nicht verlieren und fühlte von Tag zu Tag immer mehr die Notwendigkeit, ihre Nähe zu spüren, sie zu halten, zu lieben und ihrer Stimme zu lauschen. Er hatte sich mit diesen Tatsachen abgefunden und kämpfte nicht mehr dagegen an, nein, er genoss es sogar.

Elisabeth war einverstanden mit einer Heirat, allerdings im Verborgenen, ohne großer Feier, ohne Publikum und viel Getue.

Als ein, in der Öffentlichkeit stehender Mensch, war dies nicht einfach für Theodor Hollowitz, seine Tochter unbemerkt zu vermählen. So hatte Frédéric die Idee, die Eheschließung in seiner so lang verschmähten Heimat zu vollziehen. Er informierte den Notar in Kaysersberg, der das offiziell vorgeschriebene Aufgebot im Gemeinderat von Kaysersberg aushängen ließ. Der Name der Braut wurde mit dem Mädchennamen der Mutter getarnt. So wurden Presseleute nicht hellhörig, und man konnte auf eine relativ ungestörte Hochzeit hoffen.

 

Der Alte hatte seinen zukünftigen Schwiegersohn noch für kein neues Bauprojekt vorgesehen, und führte ihn in die Firma ein, mit einer Selbstverständlichkeit und einem Enthusiasmus, der ihn selbst verblüffte. Elisabeth erfüllte die Situation mit Glück. Sie ging ihrer Tätigkeit als Lehrerin und Wohltäterin der Jugend strahlend nach, den Abend des wiedervereint Seins herbei sehnend. Er kam täglich spätabends mit dem Firmenchef in das Stuttgarter Stadthaus zurück, wo er nun wohnte, ungeduldig, trotz Müdigkeit und Abgespanntheit, die geliebte Frau zu umarmen.

Trotzdem die Eheschließung noch nicht stattgefunden hatte, war er als Mitglied der Familie aufgenommen worden und eroberte mit seinem verhaltenen und dennoch spürbaren Charme das Personal des Hauses.

Theodor Hollowitz legte eine Energie ans Tageslicht, die ihm keiner mehr zugetraut hätte. Es schien, als ginge es um ein Zeit begrenztes Weitergeben seines Wissens und seiner Tätigkeit. Er machte den Jüngeren mit den Gepflogenheiten, den Schwierigkeiten und der Organisation seiner Firma vertraut. Sein Werk würde nicht verkauft werden, das wusste er nun mit Gewissheit. An dem zukünftigen Schwiegersohn würden sie sich alle die Zähne ausbeißen. Diese plötzliche, unerwartete Wendung der Geschehnisse verlieh ihm neue Lebenskraft. Er erfreute sich am sichtbaren Glück seiner Tochter, und es übertrug sich zum Teil auch auf ihn.

Frédéric lernte jede einzelne Abteilung kennen, Führungskräfte und Arbeiter, Büroangestellte und Buchhalter, Steuerberater und Botengänger.

Er verbrachte Tage an der Seite der schwitzenden Stahlarbeiter im Werk, scheute sich nicht, ebenfalls mit Hand anzulegen, wollte Erklärungen und gab selbst Ratschläge für Verbesserungen. Schließlich war er ein alter Hase in dieser Branche!

Er empfing an der Seite des alten Mannes ausländische Delegationen, studierte aufgesetzte Verträge und Angebote, informierte sich weitgehend über die Rechtslagen und Spitzfindigkeiten der Hierarchie dieses Industriezweiges. Er zog Erkundigungen ein über die Konkurrenten der Firma, ging deren Geschäftswegen  und Aufträgen  nach und war gewappnet für jede Frage, jeden Angriff seitens der gewieften und geschulten  Branchenhaie, die nach einem Schwachpunkt bei ihm suchten.

 

Dieser neue Wind, der durchs alte Hollowitz-Werk wehte, blieb nicht lange im Verborgenen. Parallelen wurden gezogen, Vermutungen angestellt. Offiziell war von keiner bevorstehenden Heirat die Rede, Frédéric wurde als Teilhaber der Firma vorgestellt, nicht mehr. Die Nachforschungen der Medien stießen auf Granit: Hollowitz und seine Crew bildeten eine abschirmende Mauer, es blieb bei Vermutungen und spekulierendem Gerede. Der auffallend gut aussehende, kraftvolle Mann, der den alten Firmenchef auf Schritt und Tritt begleitete, lehnte jedes Gespräch mit Presseleuten ab, aus Zeitmangel, wie er angab.

Sie würden schon noch auf ihre Rechnung kommen. Er wollte sich die Presse nicht zum Feind machen. Der Einfluss der Medien auf Politik und Wirtschaft war nicht zu unterschätzen.

Die „Verschwörung“ nahm ihren Lauf. Während Frédéric eine Woche vor dem angesetzten Termin nach Frankreich reiste, ging Elisabeth ihrer Tätigkeit nach und traf heimliche Vorbereitungen für ihre Abreise.

 

Frédéric erkannte das alte Kaysersberg kaum wieder, als er die geräumige, ausgebaute Bahnhofshalle verlassen hatte. Ihm bot sich eine moderne, ausgebaute Stadt mit einem alten Stadtkern, neuen Hotels, Restaurants, Bilderbuchhaften Fachwerkhäusern in bestem Zustand, blumengeschmückt und umgeben von blühenden, gepflegten Gärten. Pfirsich- und Marillenbäume standen in der ersten Blüte dieses milden Frühlings, saubere, gepflegte Wege und Strassen durchzogen das Stadtnetz. Die große Anzahl der fremden Urlauber war auffallend und ungewohnt für ihn. Anscheinend war der verträumte Weinhauerort zum touristischen Zentrum geworden, was ihn nicht weiter verwunderte. Das liebliche Hügelland, durchzogen von Wäldern und Wiesen, seine unendlich weiten Weinhänge und die romantisch anmutende Burgruine Kientzheim strahlten eine Atmosphäre von Frieden und Erholung aus. Wer wollte in dieser Umgebung nicht Ruhe und Naturleben tanken? Fast zwanzig Jahre zuvor hatte er eine verwundete, alte Kleinstadt,  die sich im Wiederaufbau befand, verlassen, und  wurde nun mit ihrem wieder erlangtem Lebensfrohsinn und blühenden Wohlstand konfrontiert. 

Er ging zu Fuß zum Hause des Notars, vorbei an den schmucken Einfamilienhäusern, modernen Bürogebäuden und Geschäften, Einkaufszentren, Caféhäusern und Gasthöfen.

Auf den Strassen tummelten sich junge Mütter mit ihren Sprösslingen, schwatzende Hausfrauen standen beisammen, die Einkaufskörbe prall gefüllt, alt und jung genoss die laue Frühlingsluft dieses Maimonats. Ältere Herren promenierten ihren vierbeinigen Freund, und Gruppen von Radfahrern waren unterwegs, ebenso wie Erholungssuchende, bewaffnet mit Fotoapparaten und Spazierstöcken. Auf dem Platz des großen Brunnens sangen Jugendliche in Jeans mit Stirnbändern im Haar und ledernen Fransenjacken, zum Klang einer Gitarre, die einer von ihnen spielte.

 

Der inzwischen schon betagte Notar erwartete und begrüßte ihn hoch erfreut. Außer knappen Briefen und Informationen hatten beide keinerlei Kontakt miteinander gehabt. Der Mann des Gesetzes kannte die Anordnungen, und Frédéric hatte all die Jahre hindurch kaum etwas daran geändert. Diskret stellte der alte Mann auch keine persönlichen Fragen, er wünschte ihm lediglich eine glückliche Vermählung, er hatte alles nach Wunsch organisiert. Heute in sechs Tagen sollte die Eheschließung stattfinden, so wie ausgemacht.

„Wir haben jetzt ein modernes Kurhotel“, verriet der Notar seinem langjährigen Klienten. „Ich habe eben dort für Sie und Ihre Braut, wie angeordnet, die Zimmer reservieren lassen, das Hochzeitsmahl ist ebenfalls bestellt und ich bestand auf absolute Diskretion, die mir auch zugesichert worden ist!“

Der Heimkehrer war zufrieden. Er ließ sich die Buchhaltung seines verpachteten Besitzes vorlegen und stellte fest, dass er ein wohlhabender Mann war. Geschickt hatte Maître Schiltig, den Gewinn für ihn angelegt. Teils in sicheren Aktien und Wertpapieren, teils auf gesperrten Konten mit hohem Zinssatz.

Frédéric dankte dem Notar für die Mühe und Betreuung seines Hab’ und Gutes während all der Jahre und bat auch weiterhin um die Erledigung in allen Geld- und Rechtsfragen. Bald würde dessen Sohn die Kanzlei übernehmen, der schon seit Jahren mit ihm zusammengearbeitet hatte und ihn unterstützte, sodass er sich zur wohlverdienten Ruhe setzen konnte, wie er erzählte.

 

Nachdem er sich nach einem Autoverleihhaus erkundigt hatte und noch eine Tasse Kaffee mit dem alten Herrn trank, verließ er das gutbürgerliche Haus und schlenderte versonnen durch die geschichtsträchtigen Gassen.

Er mietete einen modernen Kleinwagen und begab sich zu dem, etwas außerhalb der Stadt liegenden Kurhotel, das inmitten einer gepflegten Parkanlage lag.

Auch dort wurde er bereits erwartet und freundlich, sowie auch respektvoll begrüßt. Man war darüber informiert worden, wer er war, und die Neugier der ihn musternden Angestellten, war nicht zu übersehen, wie diskret diese auch versuchten so gleichgültig wie möglich zu erscheinen.

Er ließ sich die romantisch möblierte Suite zeigen, hell, sonnig und sehr geräumig, mit rosa geblümten Chintzvorhängen, Bettüberwurf und der einladenden Sitzgruppe, einer kleinen Bar mit Eisschrank, Fernseher und einem Balkon, der die gesamte Zimmerfront entlanglief. Er öffnete die doppelte Glastür und trat in die milde Maienluft hinaus. Sein Blick schweifte über die Hinterfront des Parks, beobachtete die schnatternden Enten im künstlich angelegten Teich, über den eine leicht gebogene, weiße Holzbrücke führte und auf der anderen Seite des Wasser in einem Stück Mischwald mündete. Gelbblühende Forsythiensträucher säumten die kies bestreuten Wege, und Tulpenbeete leuchteten in allen Farben.

Das Ende des Parks war nicht zu erkennen, doch der Horizont verschmolz mit den Weinhügeln seines Vaters, die seit langem nun schon ihm gehörten. Er trat ins Zimmer zurück und schloss die Balkontür.

Nachdem man ihm sein Gepäck gebracht hatte, begutachtete er auch noch die beiden Zimmer, die für Vater Hollowitz und Eveline Staubitz reserviert worden waren. Sie lagen auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors und standen der Suite an Komfort und Eleganz um nichts nach.

Es würde eine kleine Hochzeitsgesellschaft werden, unauffällig und intim! Er freute sich auf ein Wiedersehen mit Smaïn und auch Behrens, der Truppenleiter, war geladen worden. Die drei Männer pflegten seit Jahren eine aufrichtige Freundschaft und waren ein gut aufeinander eingespieltes Arbeitsteam, das jedem auftretendem Problem Herr wurde.

 

Außer dem Brautvater und seiner Sekretärin waren auch der Notar und seine Familie geladen.

Nachdem er geduscht und eine kleine Mahlzeit am Zimmer zu sich genommen hatte, fuhr er geradewegs zu dem Gedenkhügel, wo seine Familie mit den anderen Opfern der Bombardierung begraben lag.

Er ließ sich im weichen, jungen Gras nieder, zupfte gedankenverloren an den Gänseblümchen ringsum und versuchte die Erinnerung an seine Eltern und den jungen Bruder herauf zu beschwören. Viele Jahre hatte er sie verdrängt, ohne sie zu vergessen, doch nun entstanden sie klar und lebendig vor seinem geistigen Auge. Der gütige Blick der Mutter, die so manchen Bubenstreich vor dem strengen Vater verheimlichte, der Bruder, der zu ihm aufblickte und im auf Schritt und Tritt überall hin gefolgt war.

Der Vater, wenn er steifbeinig abends die Stube betrat, das Gesicht von Sonne und Wetter gegerbt, wortkarg, aber immer mit einem offenen Ohr für seine Pläne und Vorstellungen. Die Enttäuschung darüber, dass er seine Nachfolge als Gutsbesitzer und Weinbauer nicht antreten wollte, hatte er überspielt und seinen Eintritt in das Internat auch noch gefördert, indem er die hohen Kosten dafür bezahlt hat.

Spaßes halber sagte er manchmal zur Mutter: „Alles deine Schuld! Hättest dem Buben nicht soviel Bücher gekauft! Da muss man ja Flausen davon bekommen!“

Sein kleiner Bruder, Henri, wäre der richtige Mann fürs Weingut geworden. Ein stämmiger Junge, der gerne schon im zartesten Alter den Vater in die Weinberge begleitete. Bodenständig und Heimat bezogen. Frédérics innere Unruhe hatte ihn schon als Kind geplagt. Eine innere Stimme rief und lockte damals schon und er war ihrem Ruf gefolgt...

 

Frédéric genoss die Erinnerung, die jede Spur von Trauer inzwischen verloren hatte, und lehnte sich an eine junge Birke um den Singvögel zu lauschen. Man durfte keine langfristigen Pläne schmieden in diesem Leben, das hatte er längst gelernt.

Sein Blick schweifte in die Runde, wo einst der alte Gutshof stand. Bis zum Horizont zogen sich die bestellten Weinberge dahin und noch darüber hinaus. Die Gewissheit, dass er über soviel Land verfügte, befriedigte ihn.

Eine ganz arme Partie würde Elisabeth also doch nicht machen, obwohl er wusste, dass ihr Materialismus fremd war. Ihn beruhigte es gewissermaßen ja doch....

zurück                                        weiter