I.

Als die Kanonen der ‚Surprise’  ohrenbetäubend donnerten, fuhr ich in meinem gepolsterten Sessel auf. Mein Sitznachbar fluchte.
„Penn doch daheim, du dumme Nuss!“ meinte er giftig.
Ich streckte ihm die Zunge raus so weit ich konnte, worauf er sich schockiert wieder dem Film zuwand, erbost vor sich hingrummelnd.
Er hatte eigentlich recht. Ich war tatsächlich eingeschlafen.
Aber nicht, weil der Film so langweilig war. Der Film war alles andre als langweilig. Eine Seeabenteuer von Anfang 1800, nach der Romanserie von Patrick O’Brian, die im marinehistorischen Literaturkreis  höchstes Lob erfahren hatte. Ich hatte den Autor erst durch den Film entdeckt. Als die Dreharbeiten  im Juni 2002 in Baja, Mexiko begannen, hatte ich mich durch die ersten Bände gekämpft. Durch weit mehr als der Hauptdarsteller, wie sich später herausstellen sollte. Erst hieß es, er habe ALLE ZWANZIG  VERSCHLUNGEN, dann waren es um die zehn.
Und am Ende hatte er ZWEI gelesen, wie er selbst sagte.  Na, sowas.
Für meinen Geschmack zuviel Marinekram, aber O’Brian war ein brillanter Erzähler. Gesegnet mit trockenem Humor und dem Talent kuriose und überzeugende Figuren zu schaffen, denen er in einer fesselnden Geschichte Leben verlieh.
Ich war eingeschlafen, weil ich den Film zum 18. Mal sah.
Ja. Achtzehn.
Nur ein Film hielt den bisherigen Rekord von Siebzehn.
Mein persönlicher Meilenstein.
Ein Streifen namens ‚Gladiator’,  der stark inspiriert ist von zweien meiner Lieblingsfilme-’Spartacus’ und ‚Der Untergang des römischen Reiches’ .
Mittlerweile konnte ich die M&C Dialoge auswendig, genauso wie die von ‚G’, wie wir Insider den Film nennen.
Der eigentliche Grund dafür kam gerade wieder ins Bild.
Lucky Jack Aubrey.
Der Kapitän der ‘Surprise’, ein blondbezopfter  Engländer, der laut Autor größer und schwerer sein müsste. Mindestens dreißig Pfund.
Und zu klein war er auch. Mindestens 15 Zentimeter.
Ich kannte dieses Gesicht auswendig.
Die durchdringenden, hellen Augen. Die hohe Stirn mit den drei Dackelfalten.
Die leicht schräg im Gesicht liegende Nase und der Clara Bow-Mund, der eigentlich nicht zu einem Mann passt. Das  Muttermal zwischen den  buschigen, leicht konkaven Brauen, die Male auf den Wangen.
Der  ewige, dunkle Schatten eines starken Bartwuchses auf dem  ausgeprägten Kinn mit dem Kirk Douglas –Grübchen, womit die Spartacus –Verbindung hergestellt wäre. ( Douglas war Spartacus)
Die Maskenbildner hatten gepfuscht. Man sah immer wieder deutlich den dunklen Ansatz der Naturhaarfarbe. Solche Sachen regen mich auf.
Da stecken sie - ZIG Millionen in einen Film, aber dem Hauptdarsteller richtig die Haare färben, das können sie nicht. Bei ‚G’ hatte man vergessen den Bart und die Brauen an das gedunkelte Haar anzupassen.
Meine Kunden würden mich mit Anlauf in denselbigen treten, wenn ich so pfuschen würde. Ich verdiene meine Brötchen  seit langem als weibliche Version des ‚Figaro’
Der Film bekam trotzdem fünf Oscars.
Manchmal bin vielleicht etwas zu anspruchsvoll.
Er sah mit den blonden, langen Haaren, die übrigens echt waren, sehr  ungewohnt aus. Zudem fehlte der Bart, ohne den man ihn sonst kaum sah.
Die ersten Standbilder hatten in Insiderkreisen für Erheiterung gesorgt, und dass er sich die blonde Mähne erst viele Monate nach dem Drehschluss auf Kinnlänge  kürzen ließ, machte es nicht besser.  Seine Frisur wurde zum ‚running gag’ wie seine große Klappe, seine unmöglichen Klamotten  und seine Neigung  mehr auszuplaudern, als man eigentlich wissen will mit dieser rauen, melodischen  Stimme, die er beherrscht wie ein Instrument.
Vom vierteljährlichen Zölibat vor der Trauung bis zu den Ergebnissen des letzten Ultraschalls seiner Gattin während der Tour mit seiner Band in Australien, als er dem Publikum nach einiger Geheimniskrämerei eröffnete, es sei ein Junge.
Bei solchen ‚News’ fühle ich mich noch immer hin und hergerissen ihn für seine Indiskretion zu zerreißen oder dahinzuschmelzen angesichts dem Maß an Gefühl, das ihn in bestimmten Momenten  zu solchen Statements bewegt haben muss. Ich habe inzwischen gelernt oft den Mund zu halten, wenn es um meine Meinung geht. Mein Ego zu bezähmen. In mir ist nur der Aszendent des stärksten Feuerzeichens, dass ihn kardinal beeinflusst, und es wird gemildert durch meinen kardinalen,  (stärkstes der Wasserzeichen) aber im allgemeinen sanftmütigen Krebs. Und selbst das fällt mir noch immer schwer.
Wie muss es ihm da gehen...

Nicht Jack Aubrey. Sein Darsteller. Klar. Derselbe der den ‚Gladiator’ verkörpert und sich damit nach vielen guten Darstellungen  vom unteren  Mittelfeld an die Spitze gejagt hatte mit seiner typischen Mischung aus altmodischer Kerligkeit, eigentlich unmännlicher Sensibilität und einem unglaublichen Talent für komplexe Charaktere. Nun, komplex genug ist er selbst. Vielleicht war es das.
Seit über drei Jahren hing ich an Mr. C’s ‚Haken’ und wand mich hin und wieder wie der sprichwörtliche Aal dabei. Man kann viel über ihn sagen.
Ich habe genug gesagt. Zuviel manchmal.  Oft.
Es bleibt immer nur die Erkenntnis, dass er, mit allem, was ich nicht mag an ihm - und da gibt es schon einiges - die Art Mann zu sein scheint, die ich wohl gewollt habe und der ich nie begegnet bin. Ohne mir dessen bewusst zu sein.
Dass er inzwischen geheiratet hat und Vater  ist, hat diese Obsession zu meiner eigenen Verwunderung wider Erwarten nicht zu ‚normalem’ Interesse schrumpfen lassen.
Man muss schon besessen sein, um einen Film 18 Male anzusehen.
Es war nicht allzu schwer, denn der Film an sich war  schon sehr gut.
Mr.C als Lucky Jack, ein witziger, kerliger Charakter, der manches mit ihm selbst gemein hatte, war sozusagen die Sahne auf dem Kuchen.

Ich döste fast schon wieder ein, als ich etwas bemerkte.
In einer Szene, in der Jack mit dem Bordarzt Maturin auf dem Vorderdeck stand, drehte sich der Kapitän noch einmal um, bevor er die Stiege zu seiner Kajüte hinabging.
Er drehte den Kopf ganz in die Kamera, als suche er etwas.
Seine Augen schienen über das Kinopublikum zu gleiten. Als er in meiner Augenhöhe anlangte, huschte das typische Lächeln über seine Züge, dann drehte er sich zurück.
Moment.
Ich hatte diese Szene 17 Mal gesehen.
Jack dreht sich nicht um. Jack geht einfach runter.
Meine Müdigkeit spielte mir Streiche. Ich riss mich zusammen, zwinkerte ein paar Mal mit den Augen.
Es passierte wieder. Vielleicht 15 Minuten später warf mir Aubrey mitten in einer Kampfszene eine flüchtige Kusshand zu und zog kurz die Augenbrauen hoch. Ich war erst wie gelähmt.
Halluzinationen. Es war soweit. Mein Wahn begann mir Dinge zu zeigen, die ich sehen wollte oder was auch immer.
Kurzentschlossen schnappte ich meine Jacke und meine Tasche, verließ verstört den Kinosaal. Das leise Murmeln des Publikums, als Jack sich frontal  in die Kamera beugte und einen Fluch ausstieß, bekam ich nicht mehr mit.

Zwei Wochen später lief M&C noch immer in den Kinos. Der Film war ein großer Erfolg. Ich hatte keine weiteren Wahnvorstellungen gehabt, was mich beruhigte. Ich hatte den Film einfach zu oft gesehen, meine Fantasie war mit mir durchgegangen.
Ich beschloss ihn mir ein letztes Mal anzusehen. Allein schon, um mir zu beweisen, dass alles mit mir in Ordnung war. Es war ein Sonntagnachmittag und ich war fast allein im Saal.
Ich war ausgeschlafen, putzmunter und es war die Originalversion, was mich zusätzlich wach halten würde.
Bei der dritten Szene mit Aubrey fiel mir die Kinnlade runter.
Er sah in den Horizont. Aber anstatt  danach aus der Szene zu gehen wie sonst, lehnte er sich auf die Reling, sah mir kerzengerade in die Augen und winkte mir freudig lächelnd zu, wie ein Schuljunge beim Klassenausflug.
Ich wurde wütend.
Auf mich. Auf C. Auf diesen Scheißfilm, der mich in den Wahnsinn trieb.
„Ich werde hier sitzen bleiben bis zum Schluss.“ murmelte ich verbissen.
Ehrlich gesagt, war ich neugierig, was mir mein verwirrter Geist noch alles vorgaukeln würde.
Ich erwartete dieselben Veränderungen wie beim letzten Mal, aber sie kamen nicht. Kein Lächeln, keine Kusshand. Ich wurde wieder ruhiger.
Eine halbe Stunde später fing ich fast an zu schreien.
In der Szene, in der die Kamera ganz nahe an sein Gesicht heranfährt als Jack in seiner Kajüte einen Brief schreibt, passierte es wieder.
Jack schrieb: Dear,   --- aber anstatt jetzt Sophie folgen zu lassen, drehte er sich um, sah mir pfeilgerade ins Gesicht  und sagte laut und deutlich mit dieser unverwechselbaren Stimme in einem herrlich altmodischen Englisch:
What is your name, darling? Not Sophie, or is it?
Dann lächelte er bezaubernd. Ich sah es gerade noch, bevor ich fluchtartig das Weite suchte.
‚Please stay!’  tönte noch das Echo seiner Stimme in meinen Ohren, während ich aus dem Kino hetzte unter  dem Gemurmel und den verwunderten Blicken der anderen Besucher und Kinoangestellten.

Das EEG ergab nichts Ungewöhnliches.
Der Neurologe verschrieb mir ein leichtes Beruhigungsmittel, bat mich in zwei Wochen wieder zu kommen. Sollte ich wieder Wahnvorstellungen haben, solle ich ihn umgehend anrufen. Es war nicht nötig.
Bei meinem nächsten Termin schlug mir der Arzt vor, den Film jetzt noch ein letztes Mal anzusehen, sollte er noch laufen. Als Art Abschlusstherapie.

Ich gebe zu, ich hatte Angst, aber als die Handlung voranschritt, wurde ich von Minute zu Minute ruhiger. Es war alles in Ordnung.
Der Film lief Szene für Szene so ab, wie er sein sollte.
Jack schrieb : Dear Sophie. Er warf mir keine Kusshände zu, lächelte nicht, winkte nicht. Fast war ich enttäuscht. Irgendwie war es aufregend gewesen.

Ich blieb sitzen bis der Nachspann mit der herrlichen Musik  vorbei war und  der Trailer für einen anderen Film.
Mit einem erleichterten Seufzen erhob ich mich, streckte mich, griff meine Jacke und drehte mich um. Woran ich mich genau erinnere, ist das bekannt spitzbübische Grinsen auf dem Gesicht des Mannes, der hinter mir saß.
Er trug ein Rüschenhemd, eine Leinenweste und eine blaue Uniformjacke.
Seine übergeschlagenen Beine steckten in hellen Kniehosen  und schwarzen Stiefeln bis zum Knie. Er war blond und sein Haar war straff im Nacken zusammengefasst. Eine Strähne hatte sich gelöst, hing ihm in die Stirn.
Sein Gesicht kannte ich besser als mir in dem Moment lieb war.
Ich starrte mit offenem Mund in die hellen, übermütig blitzenden Augen, registrierte das amüsierte Lächeln seiner albern mädchenhaften, schmalen Lippen. Die Stimme versetzte mir einen Schock. Nicht dass ich sie  nicht schon unzählige Male gehört hatte. Während sie in mein Trommelfell drang, bemerkte ich so belanglose Dinge wie Brustbehaarung im Ausschnitt  seines Hemdes und die leichte Fehlstellung der rechten Pupille. Oder war es die Linke?
Er roch nach Salz und Schweiß. Verbrannt.
Pulver. Kerzenwachs und Talkum.
Meine Sinne schlugen Salto.
„Sorry, darling.  I had to lead you by the nose. I feared you would run  away once more. What’ is your name, Darling? We have spent so much time together.
No other member of the audience all over the world  made such an effort.
We really should get to know each other after all this time, my dear.” ertönte es rau aber charmant in altmodisch  anmutendem Englisch.
Jack Aubrey hatte sich erhoben, machte eine galante Verbeugung, griff  sich meine Linke zu einem Handkuss. Ich spürte noch seinen  warmen Atem auf meiner Haut, dann verlor ich das Bewusstsein.

II.

„Haaallloooo...HAAAAALLLLOOOOOO..!!“

Aus weiter Ferne drang eine Stimme in den Nebel um mich.
Als ich die Augen öffnete, sah ich zwei verschwommene  Gesichter dicht über mir. Ich blinzelte, überlegte einen Moment, ob ich wirklich wach war.
Mein Blick klärte sich, ich kniff angestrengt die Augen zusammen.
Das Gesicht mit der blonden Strähne über dem einen Auge kannte ich.
Der Schock ließ mir beinahe wieder die Lichter ausgehen.
Ich schnappte nach Luft, stütze mich auf.
Das andre Gesicht  war das eines der Kinoangestellten. Ein junger Bursche, der nach ‚Armani Man’ roch. Armani. Ich unterdrückte ein Kichern.
Die Köpfe fuhren hoch. Es lag sicher an meiner paranoiden Miene.
„Haben sie sich verletzt? Können sie aufstehen?“ wollte der letztere wissen.
Ich starrte  in die hellen Augen des anderen. Das eine  wanderte nervös.
Verblüffend. Wie beim Darsteller. Ich war fasziniert.
 Er wich unbehaglich zurück unter meinem Starren, strich sich in einer typischen Geste das Haar aus dem Gesicht.
„Ich weiß nicht...“ stotterte ich, richtete mich auf.
“Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ bot der Platzanweiser  mir an.
„Nein, danke. Ich glaube, es war nur eine Kreislaufschwäche.“ log ich.
Ich machte Anstalten aufzustehen, fühlte einen  kräftigen Arm im Rücken, der mich stützte, einen zweiten, dessen Hand meine nahm, mich hochzog.
Als ich stand, zuckte ich zurück, als wäre mein Helfer elektrisch geladen.
Das Geruchsgemisch aus Pulver, Talkumpuder und Männerschweiß traf mich frontal. Er war real und er war warm. Fleisch und Blut. Oder etwas ähnliches.
Er war Jack Aubrey wie Crowe ihn verkörpert hatte. Unverkennbar.
Ein verwirrtes Lächeln lag auf seinem sonnenverbrannten Gesicht.
In der letzten Szene des Films, als Maturin ihn darauf bringt, dass der Kapitän der Acheron ihn hinters Licht geführt hat, hatte er so ausgesehen.
Gebräunt und verschwitzt. Aber wann hatte er sich die Jacke angezogen?
Auf dem Weg aus der Leinwand  über die Bühne in den Saal?
Meine Gehirnwindungen schlugen Kapriolen. Moment... wie ... das geht doch nicht... Ich blinzelte.
Versuchte all das wegzublinzeln. Das war ein Traum. Kein Zweifel.
Das war nicht ‚Purple Rose of Cairo’ , wo Tom Baxter, der Forscher und Abenteuer zu der grauen Maus Celia im Publikum  herabsteigt,  zu der tapsigen Coffeeshopbedienung, die sich während der Depression  in die Traumwelt des Kinos flüchtet, um ihrem trostlosen Leben und ihrer Ehe zu entfliehen.
Wie sie den Film zum fünften mal sieht und er sie deshalb unbedingt kennen lernen will, sich in sie verliebt. Oh, verfl.....
Dies war mein 19. Mal. Was würde das bei einem Schürzenjäger wie Aubrey bewirken...

„Gehört der Typ zu ihnen?“ wollte der junge Mann argwöhnisch wissen.
„Er scheint nur Englisch zu sprechen. Er hat mich geholt.“
Sein Blick zuckte hektisch von mir zu dem seltsam gekleideten Fremden.
 In meinem Kopf raste es.
„Ja, das ist mein Cousin Jack aus .. äh... ehm... Portsmouth.“ hörte ich mich sagen. Wie bitte? Was hast du vor?? Willst du ihn etwa.....
„Warum ist er so komisch angezogen? Wollen sie auf einen Kostümball??“  Irgendwas in mir begann wieder  zu kichern.
Zum Glück konnte ich es unterdrücken.
„Hmmm, äh, nein. Er ist ein bisschen seltsam, hat diesen Film wohl zu oft gesehen.“  „Ach so“ meinte der Platzanweiser nicht sehr überzeugt.
„Sie müssen jetzt gehen.  Ist das ok?“ Ich nickte, dankte ihm.
Dann überlegte ich zwei Sekunden, rannte abrupt aus dem Kino, sah mich nicht um. Ich hoffte, das Phantom würde einfach verschwinden und ich aus diesem bizarren Traum
erwachen. Die frische Luft traf mich wie eine Wand.
Ich hatte geträumt. Das war alles nicht passiert. Ich war zurück in der Realität.
Film ade.

 Schwere Schritte hinter mir. Sie wurden schneller, verfolgten mich.
Dann nicht mehr. Ich wagte nicht mich umzudrehen, kniff die Augen zusammen, hastete stur weiter.
„Please...“  tönte  der Bariton hinter mir. Es klang verzweifelt.
Crowes Organ mit verzweifeltem Ausdruck... es war wie ein Köder.
Meine Neugier war stärker als meine Angst. Ich drehte mich um.
Jack Aubrey stand vor dem Kino, die Augen vor Entsetzen geweitet.
Sein Blick wanderte hilflos zwischen  dem Riesenbanner  des Films, aus dem er entsprungen war, wie Athene aus Zeus Schläfe, den Autos, den Passanten und den Häuserblöcken umher, als suche er irgendein Schiff auf dem er sich in Sicherheit bringen könnte. Er  begann panisch  mit den Armen zu rudern, als säße er in einem Rettungsboot, stammelte wirres Zeug, wurde zusehends hysterischer. Aubrey in Hysterie, das durfte nicht sein. Die Figur war für mich zu real geworden während der 18. Male, die ich den Film gesehen hatte.
Ich konnte es nicht ertragen den Helden in diesem Zustand zu sehen, geschweige denn ihn im Stich lassen.
Bevor er anfangen konnte zu schreien, war ich zurückgerast, hatte ihn untergehakt und redete Englisch auf ihn ein.
Ich fühlte mich verantwortlich. Nur ich wusste, WER dieser Mann war.
„Mr.Aubrey, please, be quiet. Come with me. I am your friend.
Etwas besseres fiel mir nicht ein. Mich wundert, dass mir überhaupt etwas einfiel. Seine Züge entspannten sich etwas, er klammerte sich geradezu an mich, als ich mit ihm zum Parkhaus ging, als sei ich der Anker, der sein Schiff vom Abtreiben bewahrt und irgendwie war ich das in diesem Moment.
Während er in rasendem Englisch auf mich einblubberte,  sich dabei ständig  hektisch umsah, versuchte ich  Logik in der Situation zu erkennen.
Es gab einfach KEINE. NADA. NULL KOMMA NULL.
Alles was dabei herauskam, war:
Du hast den Film zu oft gesehen und jetzt hat sich wie auch immer  die Hauptfigur manifestiert und hängt hysterisch und  mit Kulturschock  an deinem Arm. Du bist verantwortlich. Schaff ihn weg, bevor jemand die Bullen holt.
Denn dann würde es RICHTIG kompliziert werden.
SCHEISSE.

Ich brauchte eine halbe Stunde bis er in meinen  Twingo stieg.
Er drehte fast durch, wenn ein Auto aus der Garage fuhr. Es jagte ihm eine Höllenangst ein, aber es machte ihn auch neugierig. Die glänzenden Dinger auf Rädern erschreckten und faszinierten ihn.
Ich beobachtete ihn  mit sprachloser, kulleräugiger Faszination. Man begegnet nicht alle Tage  einem Romanhelden, der auch noch aussieht wie der eigene Traumtyp, wenn er eben diesen Charakter darstellt . Die Hülle war Crowe, als er die Figur vor  über einem Jahr verkörpert hatte. Bis zu  den  dunklen Haaransätzen, den Warzen, dem Silberblick, den  sehr knappen 180cm, den langen Wimpern und großen Füßen. Perfekt.
Der Rest war Aubrey. Lucky Jack Aubrey.
Nur ganz glücklich schien er mir  nicht. Er rollte sich auf der Rückbank  sofort unheroisch zu
einer Kugel  zusammen, gab in jeder Kurve erbarmungswürdige Töne von sich, bis ich  nach einer guten Viertelstunde in meine Strasse einbog, den Wagen im Carport abstellte.
Er blinzelte mich misstrauisch an, als ich den Sitz vorklappte, faltete sich auseinander und wagte das feindliche Terrain zu betreten.
Ich wohne in einer kleinen Doppelhaushälfte mit Garten. Ruhig und idyllisch.
Wären da nicht  die 637 Kinder unter zehn  aus den umliegenden Strassen.
Es regnete und zum Glück sah niemand , wie ich den seltsam frisierten und gekleideten Fremden mit mir durch den Eingang zog.

Er stand ohne Zweifel unter Schock. Ich war selbst nicht in bester Verfassung, schaffte es aber noch  ihn aufs Sofa zu setzen und ihm einen Jack Daniels einzuschenken. Er roch misstrauisch daran, dann stürzte er ihn hinunter, sah sich mit immer größer werdenden Augen um.
Ich bat ihn inständig sitzen zu bleiben. Meine beiden Katzen beäugten den Fremden argwöhnisch. Er schien sich davon ablenken zu lassen, versuchte  sie mit schmeichelnder Stimme zu locken.
Dieser Tonfall schaffte es trotz aller Verwirrung, mir eine Gänsehaut zu machen. Es war Crowes Stimme. Sie macht mindestens ein Drittel, wenn nicht die Hälfte seiner
Anziehungskraft aus. Das bekam ich gerade  zu spüren.
Ich floh in mein Bad, sperrte mich ein.
Was  sollte ich tun mit dem Kerl da unten? Wie war er in die Realität gekommen und warum war das passiert???
Jemand aus der Ferne anzuschmachten ist eins, aber ihn plötzlich leibhaftig und aus heiterem Himmel  am Hals zu haben etwas völlig anderes. Bevor ich zu kreischen anfing, besann ich mich.
Er war noch viel verstörter als ich. Und er sah aus wie der Traum meiner schlaflosen Nächte, als er eine Figur namens Aubrey gespielt hatte.
Nun gut, nicht ganz.
Die langen blonden Haare waren nicht das Wahre und der Bart fehlte, aber sonst...... sonst könnte es ganz interessant werden.

Hmm???

 Stellt euch jetzt ein ganz fieses, berechnendes Grinsen auf meinem Gesicht vor.
Bullshit. So fangen immer die Stories an, die die Unverbesserlichen veröffentlichen, damit sie ihren Kick kriegen.
Halb zog er sie, halb sank sie hin ...
Und das alles machte so gar keinen Sinn.  Das reimt sich sogar. Ha.
Noch viel weniger nach dem dritten Orgasmus auf Seite vier .. oder waren es vier bis Seite
Sex, äh sechs?

Wenn Illusionen in dein Leben treten, werden sie ganz schnell zu etwas anderem... wenn sie sich überhaupt so lange halten.
Deren Verfallsdatum ist kürzer als das einer Eintagsfliege.
Sie beginnen im Sekundenraffer zu welken, zu schrumpfen. Am Ende wandern sie in den Staubsaugerbeutel oder  enden einfach im Klo.
Ein Druck auf die Taste und weg.
Solch seltsame Gedanken begleiteten mich auf dem Weg zurück.

Ich wagte mich wieder ins Erdgeschoss und wurde fast panisch, weil niemand mehr auf dem Sofa saß. Dann hörte ich Gemurmel aus der Küche.
Er stand vor dem Kühlschrank, eine Hand im Rücken, in typischer Kapitänsmanier. Die andre öffnete und schloss die Tür des Geräts im Sekundentakt. Das Licht faszinierte ihn, sein Profil war ein Sinnbild  völliger Verblüffung. Eigentlich war es zum Brüllen komisch, wie dieser bezopfte Kerl in Stiefeln, der ausgebeulten Kniehose mit dem albernen  Latz  und Rüschenhemd da stand und ein selten dämliches Gesicht machte.
Ich starrte die Szene ein paar Sekunden an, wie ich wohl gestarrt hätte, wenn Darth Vader an meiner Haustür klingeln würde, um mir ein Abo des Star Wars - Fanmagazins  zu verkaufen.
Ich räusperte mich. Er fuhr herum, knallte die Tür des Wunderschrankes zu, sah mich ertappt an.
„It’s ok. Just a machine to keep food fresh. Like putting it on ice.” erklärte ich ihm, bemühte mich unverfänglich zu lächeln. Er nickte ungläubig. Dann kam er  zielstrebig auf mich zu, nahm schon wieder  meine Hand und zog mich zu dem Sofa. Dieses Getatsche sieht im Film so charmant aus, aber die Hand war von nervöser Feuchte und hatte etwas besitzergreifendes, dass meine innere Stimme dazu veranlasste ‚Alarmstufe Gelb! Alles auf Position. Feind nähert sich!’  zu plärren.
„Please, tell me what happened. Where am I and what is it all about these strange things I see??”
verlangte er in einer Mischung aus Verärgerung, Verwirrung und Neugier. Machte er Witze??
Springt aus dem Film, in MEIN Leben und erwartet, dass ich es erkläre???
Und sieht mich  dabei an, als ständen wir uns nahe und ich hätte ihm gerade eröffnet, dass ich die Scheidung beantragt habe.

Ich entzog ihm meine Hand, setzte mich diplomatisch korrekt  gegenüber, schenkte ihm noch einen Whisky ein. Dann sammelte ich mein bisschen Verstand, dass mir im Moment zur Verfügung stand ( nicht viel, ganz und gar nicht viel) und eröffnete mein Plädoyer. Entsprechend direkt fiel es aus.
„Honestly, Mr. Cro… äh, Mr.Aubrey, I don’t have a fucking idea.”
meinte  ich unverblümt. „I hoped YOU could tell  ME what happened. At least it was you who came to meet  me.” fügte ich hinzu.
Es war verdammt schwierig ihm dabei in die Augen zu sehen, weil er erstens einen Mörderblick hatte, was ich hätte wissen müssen  und ich zweitens  ständig unterbewusst in Versuchung war meine  eigenen Blicke über den ganzen Kerl zu verteilen, um kein Detail zu verpassen, wobei ich selbstredend nicht meine gute Erziehung vergaß.
Einem Kerl auf die Eier zu glotzen, von konsequenten Handlungen zu schweigen, war nicht mein Stil. Ich bevorzuge subtilere ‚Erotik’.
“NO!! “ protestierte er entrüstet. “I have seen you watching every move of mine. You have been following me and so I got curious. I wanted to meet the lady who seemed to be so fond of me to watch me over and over again. Eighteen times. This must be love. ” Ein selbstgefälliges Lächeln machte sich um seinen Mund breit. Mir fiel die Kinnlade auf Achtern.
Ich dachte, ich hör nicht recht.
Dieser eingebildete Rüschenhemdträger... ich überging den absurden Kommentar einfach.
„You actually  tell me, you see the audience from behind the screen?” fragte ich ungläubig.  Er sah mich an, als hätte ich etwas sehr dummes gesagt.
„Of course! We usually ignore, cause it is confusing, but I realized your face  more than once and so I started to observe you. How could I have done, if not?” Ich war baff.
“How and why did you get out of the movie???“  stellte ich die Frage aller Fragen. Er zuckte mit den breiten Schultern.
„Never done it before. Never felt like doing it. I just thought I wanted to sit behind you as a teasing lesson after you behaved so silly when I wanted to show you my recognition.”
erwiderte er mit  leicht beleidigtem Gesichtsausdruck.
Langsam wurde ich stinksauer.
Das lief hier alles in die falsche Richtung. Aber welche Richtung  war überhaupt richtig, wenn eine Filmfigur auf deinem Sofa sitzt und ihr langsam anfangt ernsthaft zu streiten??
„But you are a fictional character, you can’t be alive!  It makes no sense at all!” begehrte ich auf. Er sah mich  scharf an, packte derb meine Hand und legte sie auf seine Brust. Ich spürte sein Herz schlagen.
Dabei sah er mir beschwörend in die Augen. Seine Körperwärme unter meiner Hand und sein Gesicht so dicht vor mir... Ich bekam weiche Knie, das war zuviel, ich riss meine Hand weg, funkelte ihn an.
„This is an illusion. I am crazy and you are not here.” teilte ich ihm mit gespielter Kaltschnäuzigkeit  mit. Er runzelte die Stirn, holte erst mal Luft, dann blaffte er  mich an in typischer Crowe-Art. Man hat das Gefühl es gewittert und der Blitz wird  jeden Moment  einschlagen.
„Excuse me, dear. First you make me dizzy with your longing looks, then you run as soon as I react. You swear like a wench and accuse me of being an illusion. You drag me into a bizarre hell machine and bring me here.
And now you treat me like you despise me and  I were  responsible for all this.”
wetterte er.
“But you are!” schrie ich zurück. Meine Katzen flohen verschreckt.
„No, I am not, Lady. It was you!” donnerte  er dagegen.
Ich stand kurz vor einem Herzinfarkt.  Da kam mir eine Idee.
Zu seiner Zeit fielen die Damen oft in Ohnmacht, gespielt oder nicht. Ich trug zwar kein Korsett, aber das wusste er ja nicht. Impulsiv verdrehte ich die Augen und kippte zur Seite weg. Ich hörte einen Schreckenslaut von ihm, spürte wie er mich aufzurichten versuchte, aber ich spielte Lumpenpuppe.
Er hob mich kurz an, legte  mich längs auf das Sofa.
Als er anfing mir die Bluse zu öffnen, wohl um mein  nichtvorhandenes Korsett zu lockern, beschloss ich lieber ganz schnell  wieder aufzuwachen.
„Ähh, I just wanted to make sure you can breathe, don’t get me wrong…”
murmelte er verlegen und wich zurück, als ich abrupt die Lider aufschlug, ihn schockiert ansah.
Aubrey war kein Kostverächter, aber so dreist war er hoffentlich doch nicht.
„I’m ok, but don’t dare yell at me once more. I was so startled.” beschwerte ich mich. Es funktionierte. Sein Blick wurde schuldbewusst.
„Oh, Sophie,…äh, sorry, what is your name?” begann er.
Er konnte ihn nicht aussprechen, brach sich fast die Zunge dabei.
Es hörte sich immer an wie Helga. Immer noch besser als SOPHIE.
Ich hatte mal einen Tante Sofie, ein furchtbares Weib.
Wir saßen verdattert nebeneinander, dann sagte er plötzlich inbrünstig:
„I am hungry.” Ein leises Knurren, das den Ursprung in seiner oberen Leibesmitte hatte, unterstrich die Aussage sehr eindrucksvoll.
Sein Ton ließ keinen Einwand zu.

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