DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 1

Dreizehntes Kapitel
 -Schmerzende Erinnerungen

 

 

Als der braungebrannte, muskulöse Mann im tadellos geschnittenen hellgrauen Anzug die zarte Frau im eng anliegenden , elfenbeinfarbenen Seidenkleid, in die Arme schloss, um sie vor dem Bürgermeister der Stadt, der die beiden vermählte, innig zu küssen,  fühlte Theodor Hollowitz ein großartiges Gefühl von Frieden in sich aufsteigen, so als wäre eine große Last von ihm genommen worden. Er konnte sich keinen geeigneteren Schwiegersohn wünschen.  Immerhin hätte Elisabeth sich auch in einen Gaukler, einen Erbschleicher verlieben können. Auf Frédéric war Verlass und zwar in jeder Hinsicht. Dazu trug auch die Vorstellung bei, wie sich die Geier der Konkurrenz, nachdem sie von der Heirat erfuhren, ärgern und ihre Wirtschaftsspione zum Teufel jagen würden. Ein grimmiges Lächeln huschte über sein Gesicht und die neben ihm stehende Eveline Staubitz warf ihm einen kurzen, besorgten Blick zu. „Alles in Ordnung, meine Liebe!“ flüsterte er und widmete sich erneut der Zeremonie.  

 

Kaysersberg war zwar eine Stadt, doch eine Kleinstadt, und so stand vor dem Gemeindeamt eine unerwartete Menschenmenge, die den Sohn des Hardtberg - Gutes sehen wollte. Man hatte über Umwegen und in letzter Minute von dessen Vorhaben erfahren. Nun empfing die Frischvermählten, als sie aus dem Tor des Amtsgebäudes traten, eine winkende und rufende Menge von Einheimischen. Ein Raunen ging durch die Menge. Wie hatte sich der schmale Student, den sie in Erinnerung behalten hatten, doch verändert. Nur die ältesten unter ihnen erkannten ihn an seinen sympathischen Zügen, den hellen Augen, die einen geradewegs zu durchbohren schienen und dem Lächeln, das sie so selten zu sehen bekommen hatten. Groß, ziemlich kräftig gebaut, schien er den Anzug mit seinen verborgenen Muskeln sprengen zu wollen. Sein Gesicht war ungewöhnlich Sonnengebräunt und durch sein von Natur aus dunkelblondes Haar zogen sich helle Strähnchen, für die wohl auch die Sonne verantwortlich sein musste. War er nicht lange Zeit in Afrika gewesen? Der Notar deutete etwas in der Richtung an...

Die zarte Person an seiner Seite hingegen, war ungewöhnlich blass, auch wenn ihre Wangen sich unter der Anteilnahme der vielen Menschen, die hier versammelt standen, röteten. Ihre blauen Augen strahlten. Besonders die kleinen Mädchen der Stadt blickten sie staunend an, sie glich so sehr den Illustrationen ihrer Märchenbücher. Eine Fee? Eine verwunschene Prinzessin? Einige von ihnen wurden nach vorn geschickt, um der Braut kleine Frühlingssträuße zu überreichen, oder einzelne, weiße Rosen. Es waren die Kinder derer, denen Frédéric nach dem Krieg sein Land verpachten ließ, meist waren diese damals selbst noch Kinder gewesen, wie auch er. Heute waren sie junge Eltern, die mit der älteren Generation wohlwollend zu ihm aufsahen. Neugierig musterten sie den ungewohnt dunklen Ägypter, Smaïn, der Frédérics Trauzeuge war. Es schien als sei er geradewegs einer orientalischen Legende entsprungen, trotz des hellen, modischen Anzugs.

Die spontane Anteilnahme und Aufmerksamkeit erfreute den Heimkehrer ungeahnter Weise. Er winkte den Leuten zu und rief laute Dankesworte in die Menge. Das Lokalblatt der Stadt war ebenfalls vertreten und Kaysersberg hatte seine einmalige Sensation! Bevor die Presseleute Europas Wind von der Sache bekommen hätten, würden die wertvollen Fotos des Brautpaares auf der Titelseite erschienen sein und die Klatschblätter müssten sich mit den Krümeln begnügen, die vom Tisch der Lokalzeitung abfielen und eventuell die Fotos um teures Geld aufkaufen.

Es gab auch seriöse Zeitschriften, die sich mit Tatsachen begnügten, ohne schmierige Spekulationen oder Kritiken für ihre Artikel zu verwenden, doch sie waren rar. Diese würden auch ihre gewünschten Interviews und  Fotos machen können, sei es vom  Brautpaar oder dem Schwerindustriellen Hollowitz, der nun doch zu dem ersehnten Sohn, an den er nicht mehr geglaubt hatte, gekommen war.

 

*******

 

Frédéric schreckt aus seinen Gedanken hoch. Ein leises Schluchzen dringt unter dem Moskitonetz des gegenüberstehenden Bettes zu ihm herüber. Er springt hoch um durch den Raum zu eilen und dem kleinen Mädchen über die Wange zu streichen.

„Psst, war ja nur ein Traum, ich bin ja da“, beruhigt er das Kind, das ihm verschlafen die Arme entgegenstreckt.

„Mama“, murmelt es und er schließt es in die Arme. Vorsichtig, um es nicht vollends zu wecken, lässt er sich an der Kante des Bettes nieder und wiegt es sanft, bis die regelmäßigen Atemzüge ihn davon überzeugen, dass es wieder eingeschlafen ist. Er streckt sich neben ihm aus und schließt ebenfalls die Augen, auf ein wenig Schlaf hoffend, da es inzwischen beinahe hell geworden ist. Er lauscht dem entfernten Ruf des Muezzin, der die Gläubigen zum ersten Gebet mahnt.

In Gedanken sieht er die Arbeiter im Lager, drüben auf der Insel, wie sie sich verschlafen und barfüssig, auf den Knien liegend, gegen Mekka neigen und Allah preisen.

 

Wie ein Film zieht das erste Jahr seiner Ehe mit Elisabeth vor seinem geistigen Auge vorbei, die Momente des Glücks, der leidenschaftlichen Nächte, in denen sie sich stundenlang liebten und nicht genug davon bekommen konnten, ihre Körper zu fühlen, zu ergründen und zu liebkosen. Die offenen, liebevollen Gespräche, die sie miteinander führten, die Schwierigkeiten als das Kind in ihrem Leib entstanden war und heranwuchs, ihr Kraft und Gesundheit raubte. Wie tapfer sie diese Monate des Bangens und der Hoffnung ertrug, ständig unter ärztlicher Beobachtung, und wie sie mehrmals in die Klinik eingeliefert werden musste, um ihr Baby nicht zu verlieren. Er denkt mit Rührung  daran, wie er seine großen Hände auf den geschwollenen Bauch der werdenden Mutter gelegt hatte und die ersten Bewegungen seines Kindes spürte, kräftig und auf sich aufmerksam machend.

Er erinnert sich wie unruhig er während dieser Zeit war, den Geburtstermin herbei sehnend und  er sich doch mit Leib und Seele der Firma widmen musste, da Theodor Hollowitz nur mehr fallweise erschien und sein schlechter Gesundheitszustand nicht mehr länger zu verbergen war.

Er erinnert sich an den regnerischen Apriltag, an dem Anja durch den geplanten Kaiserschnitt zur Welt kommen sollte. Man ging kein Risiko ein und Elisabeth war schwach nach den Monaten, in denen sie die Zeit teilweise in liegender Position verbringen musste. Er bestand darauf, bei der Operation dabei zu sein, was ihm schließlich auch gewährt wurde. Als man das kleine, blutige Stück Leben, dass man aus dem Bauch der Mutter geholt hatte, in seine großen Hände legte, wo es lauthals zu schreien begann,  raste sein Herz wie ein Trommelfeuer und er schämte sich nicht der Tränen, die seine unrasierten Wangen herunter liefen.

 

Der alte Vater Hollowitz raffte sich auf und vertrat Frédéric im Werk, so gut sein Zustand es ihm erlaubte. Eveline Staubitz, die nun auch Frédérics Sekretärin war und die Direktion mit Erfahrung und Wachsamkeit leitete, stand ihm zur Seite. Die beiden kaschierten ihre langjährige Freundschaft und Affäre, die sie in jüngeren Jahren miteinander hatten, seit langem nicht mehr und Eveline brachte den alten Mann persönlich jeden Abend nach hause.

Karl, der Chauffeur, musste immer in der Nähe der jungen Frau bleiben, jederzeit für sie abkömmlich sein. Auf ihn war Verlass und seine Anwesenheit beruhigte Frédéric, wenn er zwischen Bürohaus und Werk hin und her raste, oder seine Besprechungen und Konferenzen abhielt.

Nach der Geburt des Babys blieb Frédéric an der Seite seiner geschwächten Frau. Sie hatten Anna zu ihrer persönlichen Betreuung engagiert. Sie kümmerte sich auch weitgehend um das Neugeborene. Nur stundenweise machte sich der Ehemann auf ins Werk, vor allem, um an den wichtigen Besprechungen teilzunehmen, Aufträge auszuhandeln und auftretende Probleme zu beseitigen. Dieser Stress zerrte auch an seiner Person, er hatte abgenommen, war schlanker geworden, trotz seiner muskulösen Figur. Zwei neue, tiefe Falten hatten sich beidseitig seines Mundes eingekerbt und er zählte die Tage, wo er wieder Deutschland verlassen konnte, sobald Elisabeth sich erholt hatte. Das Land, in dem so viele Monate lang Winter herrschte, machte ihm zu schaffen, es schlug auf sein Gemüt, wenn es an zwei von drei Tagen entweder regnete, alles grau in grau war, oder ein eisiger Wind jedes Verlassen des schützenden Hauses zum Alptraum machte!

 

Elisabeth wurde wieder völlig gesund. Es dauerte mehrere Monate, doch ihre Wangen färbten sich rosig, ihr feines Haar bekam wieder den alten Glanz und ihre Gestalt nahm wieder die alten Rundungen an, wurde biegsam und stark. Als sie sich zum ersten Male vorsichtig liebten, küsste er die Narbe auf ihrem abermals flach gewordenen Bauch und  sie durchlebten  die gleiche Leidenschaft, die sie zu Beginn ihrer Beziehung immer wieder aufs Neue verblüfft hatte. Er konnte von sich sagen ‚Ich bin ein glücklicher Mensch!’

 

Die pausbäckige, kleine Anja gedieh prächtig und war rundum gesund. Sie war bald der Mittelpunkt, egal, wo sie auch erschien. Verwöhnt und verhätschelt von ihrer Mutter, den Angestellten und dem schier nach ihr verrückten Großvater, nützte sie intelligent ihre Macht, um ihren Willen in fast allen Dingen durchzusetzen.

Sie war intelligent und begann früh zu sprechen. Elisabeth schien sich angesichts des Kindes und dessen Frohsinn von Tag zu Tag zu verjüngen, und als Frédéric vorsichtig auf ein Projekt in Ägypten, dass man ihm angeboten hatte, zu sprechen kam, war sie begeistert von seinen Plänen.

Sie selbst hatte ihre Tätigkeit als Mittelschullehrerin aufgegeben, zumindest vorläufig. An Benefizveranstaltungen nahm sie ehrenhalber teil und besuchte auch wöchentlich das Mutter-Kind-Heim, wohin sie ihre eigene Kleine jedes Mal mitnahm. Sie krabbelte und tollte dann quietsch vergnügt mit den anderen Kinder der Institution im großen Spielraum umher, während ihre Mutter die administrativen Dinge erledigte und mit den jungen Frauen sprach.

 

Frédéric sah sich bereits in Ägypten, unter der Wüstensonne, nur den tiefblauen Himmel über sich, kein Häusermeer und den Wolken verhangenen Ausblick auf Stuttgart vor sich. Nur die dann notwendige, wenn auch von vielen Heimatflügen unterbrochene Trennung von seiner Familie hinterließ einen bitteren Nachgeschmack in seinem Bewusstsein.

Es ging um den Isistempel auf der Insel Philae. Seit dem Bau des alten Staudamms von Assuan war der Tempel aus der griechisch - römischen Zeit Ägyptens gefährdet. 1902 stand er zum ersten Mal unter Wasser und Frédéric erinnerte sich nur zu gut an seine Bootsfahrt, die er mit Smaïn zwischen den gespenstisch aus den Fluten ragenden Säulen und Wänden unternahm, als er das erste Mal Ägypten bereiste. Es war kurz vor dem Beginn seiner Tätigkeit in Abu Simbel und lag sieben Jahre zurück.

Die Aussicht, dieses einmalige, klassisch schöne Monument, in das er sich sofort verliebt hatte, in Gemeinschaft mit einer italienischen Firma und der Unterstützung der UNESCO retten zu können, hatte ihn verhext.

Als er gegen Ende 1971, nach fast zwei Jahren zum ersten Male wieder afrikanischen Boden betrat, fühlte er sich wie neu zum Leben erwacht. Als er das Flugzeug verließ, zog er gierig die heiße, trockene Luft ein und wandte sein Gesicht dem Zenit entgegen.

Die bevorstehenden Arbeiten und Vorbereitungen nahmen ihn so sehr in Anspruch, dass er oft den ganzen Tag über nicht dazu kam an seine Familie zu denken. Doch abends, egal wie spät auch immer es war, meldete er sein Gespräch nach Stuttgart an und lauschte der Stimme seiner Frau, die ihm von den Fortschritten seiner Kleinen berichtete und ihm versicherte, dass es ihr gut ginge und alles wie immer sei.

 

Er versuchte, so oft es ging, tageweise nach Deutschland zu fliegen. Anfänglich öfters, doch mit dem Fortschreiten der Arbeiten wurden die Abstände zwischen seinen Besuchen gezwungenermaßen länger. Termine mussten eingehalten werden, daran ließ sich nicht rütteln. Es war alles eine Frage der Finanzierung, die das Gelingen der Arbeiten sicherte.

Sie hatten sich vorgenommen, dass Elisabeth mit der Kleinen, sobald diese aus dem ersten, schwierigen Alter herausgewachsen war, ihn manchmal besuchen und eventuell auch für länger in Ägypten bleiben würde. Sie war gesund und fühlte sich ausgesprochen gut. Frédéric freute sich auf diesen Moment. Er würde ihr Ägypten nahe bringen, der Zauber, der ihn seit Jahren gefesselt hat, würde auch von ihr Besitz ergreifen. Ihre helle Haut würde einen goldenen Schimmer bekommen, das blonde Haar unter der Sonne des ewigen Landes noch mehr leuchten. Die Einheimischen würden ihrer schlanken, geraden Gestalt begehrlich heimliche Blicke hinterher werfen. Er würde sie lieben, in diesen heißen Wüstennächten, bis ihre schweißnassen Körper aneinanderklebten und sie würde Isis für ihn sein, Bastet und Hathor, eine zu Mensch gewordene Göttin. So hatten beide sich das vorgestellt...

Sie war stark, und wenn sie unter seiner Abwesenheit litt, so ließ sie es sich nicht anmerken. Im Gegenteil, sie ermunterte ihn sogar, wenn er ihr gegenüber Zweifel äußerte und seiner Sorge deswegen Ausdruck gab.

Sie erwartete ihn jedes Mal mit einer Herzlichkeit und liebevollen Hingabe, mit dem Kind auf dem Arm, das ihn jauchzend begrüßte.

Er war wieder braungebrannt wie eh und je, sein Körper wirkte breiter und aufrechter. Es wurde ihm besonders dann bewusst, wenn Elisabeth ihn jedes Mal verliebt ansah, als entdecke sie neue Seiten an ihm.

 

Einige Tage nach Anjas drittem Geburtstag verstarb Theodor Hollowitz an einem Herzanfall, jede Hilfe kam für ihn zu spät. Trotz Betreuung und Medikamente hatte sich sein Zustand in letzter Zeit immer rascher verschlechtert.

Frédéric war dem Himmel dankbar, dass er sich gerade in Deutschland zu diesem Zeitpunkt aufhielt, denn die Geburtstagsfeier seiner kleinen Tochter hatte er sich um keinen Preis entgehen lassen wollen.

Elisabeth, die mit dem Ableben ihres Vaters schon seit längerer Zeit gerechnet hatte, war reichlich gefasst und organisierte allein die   Begräbniszeremonie. Die notariellen und rechtlichen Dinge waren wohlgeordnet und bedurften wenig Zeit. Die Firma war schon seit der Eheschließung auf das Ehepaar Hardtberg überschrieben worden. Ohne Vorbehalt seitens des Gründers, der Frédéric Hardtberg als seinen Sohn ansah und ihn ebenso behandelte. Eveline Staubitz, langjährige Angestellte, Freundin und Vertraute des alten Mannes, bekam einen angesehenen Erbteil, der es ihr ermöglichte in Wohlstand und ohne Sorge ein angenehmes Leben zu führen.

Sie beschloss Deutschland erst einmal zu verlassen und sich die Welt anzusehen. Der Tod des Gefährten traf sie hart und bereits einen Tag nach dem Begräbnis flog sie in die Staaten und versprach, von sich hören zu lassen.

Frédéric blieb ganze zwei Wochen in Europa. Es war Elisabeth, die ihn schließlich aufforderte wieder seine Tätigkeit aufzunehmen, es ginge ihr gut, beruhigte sie ihn  und sie hätte ohnehin soviel zu erledigen, zumal sie geplant hatte, das Mutter Kind-Heim  ausbauen zu lassen.

Er flog wieder nach Ägypten und je mehr Meilen zwischen Deutschland und dem näher kommenden Land, das auf ihn wartete, lagen, desto leichter wurde ihm ums Herz, es war so und er konnte es nicht leugnen.

Am Liebsten hätte der die beiden jetzt schon mitgenommen, doch Elisabeth behauptete, es sei noch zu früh für die Kleine. Sie fürchtete die Impfungen, die sie dem Kinde hätte antun müssen, und so übte er sich noch in Geduld.

 

Die Vorbereitungsarbeiten auf der Insel waren abgeschlossen, nun konnte mit der Versetzung des Tempels begonnen werden. Man hatte eine benachbarte Insel ausgewählt, 300 m von Philae entfernt, namens Agilkia. Sie wurde mit Sand und Gestein erhöht und den Tempel hatte man mit einem 15 Meter hohen Steingürtel umgeben, um ihn trocken zu halten. Die Vorgangsweise war die gleiche wie in Abu Simbel auch: die Blöcke wurden vermessen, zerteilt, transportiert, um dann wieder  auf der vorgesehenen  Insel aufgebaut zu werden, in ihrer ursprünglichen Form und Ausrichtung.

Agilkia war etwa um die Hälfte kleiner als Philae, doch für den Tempelwiederaufbau gerade richtig.

Die Zeit, die dieses Projekt in Anspruch nehmen würde, war nicht abzusehen, da jeder Block einzeln auf dem Wasserwege zum neuen Standplatz transportiert werden musste.

 

Er verbrachte im Herbst dieses Jahres 1973 einen dreiwöchigen Urlaub mit seiner kleinen Familie und quartierte sich im heimatlichen Kaysersberg ein. Es war nicht allzu weit von Stuttgart entfernt, und das beruhigte Frédéric, der ständig in Sorge um Elisabeth und die gemeinsame Tochter war. Doch Anja hatte die robuste Gesundheit ihres Vaters geerbt und die Sorge um sie, schien ungerechtfertigt zu sein.

Die Tage waren ausgefüllt mit Spaziergängen durch die herbstlichen Wälder, sie atmeten die Klarheit des Herbstes ein und lauschten dem Rauschen der Bäume, deren Laub sich in allen Tönen der Farben Purpur und Gold färbte.

Anja lernte auf einem Pony zu reiten, fütterte begeistert die Enten im Park des Teiches und Frédéric zeigte ihr die Gassen und Plätze seiner Kindheit.

Sie besuchten die Pächter und fuhren mit dem Fahrrad durch die Weinberge. Sie sahen den gebückten Weinlesern bei der Arbeit zu, teilten deren Mahlzeit im Freien und taten sich an den süßen Trauben gütlich, die die ihren waren.

Er machte Anja darauf aufmerksam, dass alles, so weit sie schauen konnte, ihr gehörte und das Kleinkind klatschte begeistert in die rundlichen Hände, ohne allerdings den Sinn des Vernommenen richtig erfassen zu können.

Sie gingen liebevoll miteinander um, doch der Schatten seiner bevorstehenden Abreise, trübte das scheinbar ungezwungene Glück.

„In ein paar Monaten, bevor Anja noch vier wird, kommt ihr nach! Ich bin sicher, ihr gewöhnt euch rasch an den Klimawechsel und das heiße, trockene Wetter kann deiner Gesundheit nur gut tun, das wird jeder Arzt dir bestätigen“, versicherte Frédéric. „Zwei Drittel der vielen Millionen Menschen Ägyptens sind Kinder! Und sie sind gesund und leben wie überall auch. Warum sollte Anja dort nicht glücklich sein?“ erläuterte er seiner zögernden jungen Frau. Er legte ihr Zögern als Besorgtheit für Anja aus, wie konnte er ahnen, was sie vielleicht bereits zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hatte?

Die Sonne stand an diesem Oktobertag bleich und unschlüssig über Stuttgart. Das fahle Licht verblasste allmählich und dichte Wolken zogen auf. Warum erinnerte er sich an diese unbedeutenden Einzelheiten so genau? Es war wohl einer der letzten, noch angenehmen Herbsttage dieses Jahres gewesen. Allerheiligen stand vor der Tür und dementsprechend war seine Stimmung, als er seiner Familie den Rücken kehrte und Karl ihn zum Flugplatz fuhr. Er blickte nicht zurück.

Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken, und er zuckte unwillkürlich zusammen. Er führte diese körperliche Reaktion auf den einsetzenden Regen zurück. Die vergangenen Wochen waren friedvoll und geruhsam gewesen. Mein Gott, was würden sie ihm jetzt fehlen, seine beiden Schätze! So konnte es nicht weitergehen, er war nun seit zwei Jahren ein Pendler zwischen zwei Kontinenten und ihm fiel die Befürchtung ein, die sein Schwiegervater anlässlich der Weihnachtsfeier in Bayern geäußert hatte: “Du wirst demnächst wieder jahrelang irgendwo hin verschwinden ......“ Damals hatten sie sich zwar noch nicht geduzt, aber es kam aufs Gleiche hinaus. Wie recht er doch gehabt hatte. Trotzdem hatte er ihm die Last der Firma auf die Schultern gelegt. Aber er wäre auch so wieder abgehauen, das wusste er. Was sollte er auf einem Bürosessel, mit Ausblick auf Smok-Wolken und Auspuffgase?

„Es muss sich etwas ändern, das geht so nicht weiter! Gleich nach Weihnachten nehme ich die beiden mit, egal mit welchen Argumenten sie mir wieder kommt!“ sagte er laut zu sich und Karl warf einen verwunderten Blick in den Rückspiegel, den er aber nicht beachtete.

Das flaue Gefühl wurde er diesmal jedoch nicht ganz los, auch nicht, als sie das Mittelmeer überflogen hatten und über die weite Wüste des Festlandes sich dem Ziel näherten....

 

Elisabeth ließ seit einigen Wochen während ihrer Telefonate durchklingen, dass sie sich nicht besonders wohl fühle und erklärte ihm, ihre Unpässlichkeit war wohl auf das regnerische, feuchtkalte Wetter zurück zu führen.

„Ich habe es dir doch gesagt, mein Schatz. Du hättest gleich mitkommen sollen, hier ist es immer warm und mild, gerade jetzt zu dieser Jahreszeit! Es ist der letzte Winter, den ihr in Deutschland verbringt, das verspreche ich dir!“

Warum hatte sie ihm so wenig vertraut? Hatte sie derart befürchtet, er würde eine erneute Schwangerschaft ablehnen, um ihn zu täuschen? Sie hätten es durch gestanden, nie hätte er sie beeinflusst, das ungeborene Kind entfernen zu lassen, egal was er selbst darüber dachte und wie groß seine Angst um sie auch war! Ach, könnte er nur die Zeit zurückdrehen, um ihr in dieser Zeit beistehen zu können! Wie allein musste sie sich doch gefühlt haben!

 

Als der Anruf ihn erreichte, konnte er erst die stammelnden Worte Annas nicht verstehen. Erst als ihr der Hörer anscheinend aus der Hand genommen wurde und er mit dem Chefarzt der Klinik sprach, der ihm in sachlichen, ruhigen Worten den Tod seiner Frau mitteilte, erfasste er die Worte, aber nicht deren Bedeutung. Er war aus dem Schlaf geschreckt, als das altmodische Telefon laut zu läuten begann, und sofort verspürte er ein schmerzhaftes Ziehen in der Magengrube, die Gewissheit, dass dieser Anruf sein Leben veränderte.

„Sind Sie noch dran, Herr Ingenieur?“ krächzte es aus dem Hörer, „hallo, ist hier noch jemand?“

„Ich höre Sie“, erwiderte er rau, „was heißt verstorben? Was faseln Sie da für Zeug, Mensch! Ich habe vor ein paar Stunden mit ihr telefoniert, es ging ihr gut, bis auf die kleine Grippe, die sie seit einiger Zeit mit sich herumschleppte!“

„Ja wussten Sie nicht, dass sie im dritten Monat schwanger war?“ herrschte der Arzt ihn ungläubig durch die Leitung an.

„Schwanger? Sind Sie verrückt!?“ Im gleichen Moment wurde ihm die Unsinnigkeit seiner Frage bewusst. Natürlich war der Mann seiner Sache sicher. Er fühlte sich wie ein Idiot. Der Raum seiner Unterkunft begann sich zu drehen, ein Stuhl kippte um. Er verspürte den Drang aus diesem Traum zu erwachen und ließ sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt zu Boden gleiten. Er zog die Knie an und umklammerte den Telefonhörer. Alle Kräfte schienen ihn zu verlassen und der große Mann war nur mehr ein Haufen Elend, an welchem kalt und unbarmherzig ein nicht aufzuhaltendes Schuldgefühl hoch kroch, um ihn zu erdrücken.

 

„Geben Sie mir bitte meine Angestellte“ sagte er tonlos.

Als Anna sich wieder meldete, war sie einigermaßen gefasst, doch ihre Stimme hatte einen weinerlichen Klang. „Es tut mir so leid, Herr Direktor! Ihre arme Frau, wir haben doch nichts gewusst! Sie sagte, sie sei erkältet und sie ließ mich nicht den Doktor rufen! Sie hat behauptet, sie hätte einen Spezialisten in der Stadt aufgesucht, aber Karl hat sie nie zu einem Arzt gefahren... Wir nahmen an, sie hätte ein Taxi genommen!“ Anna begann zu schluchzen. „Bitte, Herr Direktor, kommen sie sofort“, die restlichen Worte gingen in ihrem Schluchzen unter. Er ließ den Hörer fallen und schloss die Augen. In gleichmäßigen rhythmischen Bewegungen schlug er mit dem Hinterkopf gegen die Wand, an der er kauerte und so fand ihn Smaïn, der nebenan durch den umfallenden Stuhl geweckt worden war.

Wie er nach Deutschland zurückkam, kann er heute nicht mehr genau nachvollziehen. Der Freund kümmerte sich um alles, ein Hubschrauber brachte ihn nach Kairo, dort nahm er die nächste Anschlussmaschine, es war nur ein einziger Flug nach München angesetzt und von dort aus wurde er von Karl abgeholt, der mit ihm stundenlang über die Autobahn nach Stuttgart raste...

Smaïn wollte den Freund begleiten, doch Frédéric lehnte ab, er wollte allein sein, vor allem kein Mitleid zulassen, sich verkriechen wie ein wundes Tier. Vielleicht gab es doch noch ein Erwachen aus diesem sadistischen Komplott der Götter...

Doch mit jedem zurückgelegten Kilometer, der ihn dem trauernden Haus entgegenbrachte, wurde die Realität zur Gewissheit und es gab kein Entrinnen vor der Tatsache: Sie hatte ihn verlassen......

 

Vierzehntes Kapitel – Im Land der Sonne

 

Sie steht am Ufer des Sees und streckt ihm die weißen Arme entgegen. Der Wind spielt mit ihrem Haar, weht es hoch und lässt es gleich einem durchscheinenden, sich ständig verändernden Heiligenschein leuchten und strahlen. Ihr Lächeln erscheint verlockend und traurig zugleich. Der See, der zwischen ihnen liegt, ist von dunkler Farbe. Türkis? Grau? Ein wenig von beidem. Er sucht verzweifelt ein Boot, um zu ihr zu gelangen. Keine Menschenseele, nur Wasser vor ihm, Wüste in seinem Rücken. Sie winkt und setzt einen Fuß ins Wasser. „Nein, “ ruft er und empfindet Panik, „nein, geh nicht weiter!“ Sie setzt den zweiten Fuß ins Wasser.....es reicht ihr bis zu den Knien, dann bis zur Taille.

„Bleib stehen!“ ruft er und spürt das Gefühl der Angst in sich hoch steigen. Sie hört ihn nicht und taucht immer weiter in den See ein. Die Fluten umspülen bereits ihre Schultern..... Schließlich versinkt ihr Gesicht, das letzte, und das er noch von ihr sieht, ist ihr helles Haar, das sekundenlang auf der Oberfläche schwimmt, als hätte ein Fischer sein Netz verloren. Dann ist auch davon nichts mehr zu sehen. Der Himmel wird dunkel, der See schwärzt sich, die Fluten teilen sich. Er sieht ein Kind inmitten des Wassers treiben, es streckt Hilfe suchend die Arme zum Himmel.

„Papa, Papa!“ Weinend blickt das kleine Mädchen zu ihm hinüber. Er stürzt sich verzweifelt in den See und versucht das Kind zu fassen. Je weiter er schwimmt, um so mehr scheint es zurückzuweichen.

Kraftlos lässt er sich treiben und spürt wie Wasser seinen Mund ausfüllt, das Rauschen der Fluten in seinen Ohren hallt, das Pochen seines eigenen Herzens ihn erschüttert, erst wild, dann langsamer, dann......

„Papa, Papa!“

Er zwingt sich die Augen zu öffnen. Das Mädchen liegt halb über ihm, Tränen rinnen über die runden Wangen, das Haar hängt ihm verschwitzt und zerzaust in die Stirn.

„Papa! Warum hast du geschrieen? Du machst mir Angst!“ Schluchzend klammert es sich an seinen sehnigen Hals. Frédéric atmet schwer. Die Mittagssonne wirft bizarre Muster durch die heruntergelassenen Jalousien auf den Kachelboden. Er lässt sich zurücksinken und versucht sich zu sammeln. Sein Gesicht ist nass von Schweiß und Tränen. Er fühlt sich erbärmlich, und schmiegt den Kopf des Mädchens an seine, sich unregelmäßig hebende Brust und streichelt sein Haar.

„Ist ja gut, Anja! Ich hab‘ nur geträumt! Ist ja alles gut, mein Schatz!“

Das Schluchzen der Kleinen wird leiser und verebbt letztendlich. Frédéric sieht auf seine Rolex, 11.35 Uhr! Anscheinend hat man ihn schlafen lassen, statt ihn morgens zu wecken. Er hasste diese Abweichungen seines geregelten Arbeitslebens. Er setzt sich auf, das Kind auf dem Schoss.

„Sieh dich erst einmal um, hier werden wir beide für eine Weile miteinander wohnen! Und du hast nicht einmal bemerkt wo wir sind, so müde warst du!“ Er versucht seiner Stimme einen heiteren Ton zu verleihen. Anja rutscht von seinen Knien und beginnt im Raum umherzugehen und die Einrichtung staunend zu betrachten.

„Werden wir jetzt hier bleiben?“

„Ja, zumindest vorläufig! Gefällt es dir?

„Das Bett ist schön, wie ein Prinzessinnenbett mit dem Schleier!“ Sie zupft am feinen Moskitonetz, das die Bettstatt umgibt und er lacht.

„Da hast du Recht! Das ist ein ganz besonderes Bett! Der Schleier schützt nicht nur vor Mücken oder Fliegen, sondern auch vor bösen Träumen!“

„Bei dir hat das aber nicht funktioniert!“ antwortet Anja skeptisch.

„Das funktioniert nur bei kleinen Mädchen, Fräulein Naseweis!“

Er erhebt sich und begibt sich ins Badezimmer. Die Kleine trippelt hinter ihm her. Er zeigt ihr, wie der Wasserhahn funktioniert und sie berührt die Gegenstände mit wachsendem Interesse.

„Du darfst das Wasser aber nicht trinken! Wir trinken nur Wasser aus Flaschen, so wie diese hier!“ Er deutet auf eine Mineralwasserflasche. „Das Wasser enthält Bazillen, die wir Europäer nicht vertragen, also denke daran! Auch zum Zähneputzen, nimmst du dir Wasser aus dieser Flasche, die immer hier steht. Ich kann mich doch auf dich verlassen, oder?“ Anja nickt ernst. „Hier werden wir deine Sachen schlichten!“ er deutet auf die Etagere unter dem Spiegel.

„Da komm‘ ich ja nicht hoch!“ wettert das Kind.

„Na ja, das sehe ich“, antwortet ihr Frédéric skeptisch, „ich glaube, wir müssen ein paar Veränderungen für dich machen lassen!“ Er greift zum Telefon und bestellt Frühstück. Kurz darauf bringt ein Boy das Tablett mit den gewünschten Sachen. Kaffee, Fladenbrot, Feigenkonfitüre und Getreideflocken mit Milch. Als sie am Tisch vereint, gewaschen und umgekleidet sitzen und gemeinsam frühstücken, er in bequemen Jeans und leichtem Hemd mit hochgewollten Ärmel, sie in ihrem Lieblingsommerkleid, weiß mit aufgedruckten  kleinen Rosen, klopft es und Klaus-Dieter Behrens lässt sich in der Tür blicken. „Schon wach, Prinzessin?“ fragt er und sie nickt, während sie sich einen weiteren Löffel voll Getreideflocken mit Honig in den Mund schiebt.

Frédéric bietet seinem Kollegen Kaffee an und dieser akzeptiert gern.

„Smaïn ist drüben auf der Insel, mit Bautrupp sieben! Er hat verboten, euch beide zu stören, die vergangene Nacht war ja wirklich kurz für euch beide gewesen! Ich musste kurz aufs Festland, wir bekommen Material und Werkzeug per Bahn geliefert und ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Hab den großen Mercedes dabei und drei Männer zum Aufladen!“

„In Ordnung! Wir werden dann auch hinüber fahren und erst einmal nachsehen, wie es so läuft. Ich nehme Anja mit!“

„Wohin fahren wir?“ will das Mädchen wissen und nippt an der warmen Milch.

„Wir fahren zur Baustelle, sie liegt auf einer Insel, ganz in der Nähe!“ lautet die Antwort.

Anja wird ganz zappelig: „Fahren wir mit dem Boot?“

„Ja, mit einem kleinen Motorboot, es wird dir gefallen!“

Er nimmt seinen Aluminiumkoffer mit Messgeräten und Aufzeichnungen und sucht in den Koffern der Kleinen nach einem Westchen und einem Sonnenhut. Bevor sie den Bungalow verlassen, cremt er ihr Gesicht und Arme mit einer Sonnenschutzcreme ein.

Sie lässt es brav über sich ergehen und trippelt mit den Beinen vor Aufregung.

„Ich muss unbedingt bald jemanden finden, der sich um die Kleine kümmert! Ich kann sie ja nicht immer auf die Baustelle mitschleppen, das ist kein Platz für eine Vierjährige!“ meint er und Behrens verabschiedet sich knapp, um wieder zu verschwinden.

„Er ist nett!“ sagt Anja, als sie den Jeep vor der Tür besteigen.

„Ja, das ist er!“ Frédéric legt den Rückwärtsgang ein, wendet und sie verlassen die Hotelanlage um zum Anlegesteg zu fahren. „Hat er eine Frau?“ will sie interessiert wissen. Frédéric lacht. „Nein, hat er nicht! Vielleicht wartet er ja auf dich. Du musst dich mit dem Wachsen also beeilen!“ Anja scheint zu überlegen und grinst schelmisch.

 

Das Motorboot mit Außenbordmotor ist für ihn immer an der gleichen Stelle festgemacht. Er hilft dem Kind ins Boot und legt ihm eine Schwimmweste um, die viel zu groß ist, dann startet er den Motor.

„Halt‘ dich nur gut fest!“ ermahnt er es und fährt erst langsam, dann mit raschem Tempo auf den See hinaus. Das Bild seines schrecklichen Traumes der letzten Nacht entsteht kurz vor seinen Augen, und er blickt zu Anja, die auf dem Boden des Bootes kauert und sich ein wenig verkrampft am Bootsrand festhält. Ein kalter Schauer rieselt über seinen Rücken. „Alles in Ordnung?“ ruft er, um den Motorenlärm zu übertönen.

„Ja!“ schreit sie aus voller Kehle und lacht, während das lange Haar wie eine Fahne hinter ihrem Kopf herweht. Sie fahren zwischen den Inseln Agilkia, auf der bereits eifrige Bautätigkeit herrscht und Konosso hindurch und bald ist Philae, das ein wenig weiter südlich liegt, in Sicht. Vom Tempel selbst kann man kaum etwas sehen, der Steingürtel, den man ringsum aufgebaut hat, um die Anlage vor dem Hochwasser zu schützen, lässt dies kaum zu. Der Mann drosselt den Motor und steuert auf die Anlegestelle zu, die von diversen Schiffen und Kähnen belagert wird. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander, so erscheint es einem Außenstehendem zumindest, jedoch hier ist alles hier geplant, Transport, Übernahme, Verschiffung.

Männer jeder Hautfarbe, jeden Typs eilen durch die Gegend. Die Ägypter unterscheiden sich von den übrigen Männern durch die langen Galabijas und die um den Kopf drapierten Tücher. Der Grossteil davon sind Nubier, die noch dunkler aussehen als die übrigen Einheimischen.

Anja nimmt diese ersten Eindrücke des fremden Landes mit großen erstaunten Augen auf, während ihr Vater sie aus dem Boot hebt. Man zollt ihr verwunderte Blicke und so manches Lächeln aus schwarzen Augen streift sie beide.

An seiner Hand streben beide dem Eingang des notdürftig errichteten, kastenartigen Verwaltungsgebäudes zu. Ein dunkler Korridor führt in mehrere kleine Räume, die büromäßig eingerichtet sind. Auch er hat hier seinen Platz und lässt seine Tochter auf einem niedrigen, runden Pouf aus Kamelleder niedersetzen. Er gefällt dem Kind, das ein paar Mal darauf auf- und nieder hüpft und sich dann neugierig umsieht.

Sein Vater spricht mit den Arbeitsführern, die abwechselnd den Raum betreten, gibt Anordnungen und hört sich die Ausführungen der Leute an.

Manchmal erschrickt es, denn es kommt vor, dass der Vater die Stimme drohend erhebt. Doch Anja versteht den Vater nicht, wenn er mit den Einheimischen arabisch spricht. Es klingt eigenartig, fast wie ein Bellen und manchmal zischt er so komisch beim Sprechen...

Sie erhascht einen Bleistift, der unter den Schreibtisch gerollt war und kritzelt auf einen Stein, den sie unterwegs aufgehoben hatte, angezogen durch die runde Form und helle Farbe, die er besitzt. Sie malt ein Gesicht auf den Stein und gewöhnt sich an das Palaver des Vaters, das er weiterhin mit verschiedenen Leuten führt. Die Zeit verrinnt. Die Kleine bittet um Wasser und schenkt den Stein ihrem Vater, der ihn dankend auf den Schreibtisch legt.

„Ich glaube, wir machen für heute Schluss! Du hast noch nichts gegessen und wir müssen noch ein paar Sachen für dich besorgen. Sie werden auch ohne uns hier zu Recht kommen. Was meinst du? Sollen wir nachsehen ob Klaus-Dieter Zeit für uns hat?“

Erfreut nickt die Kleine und Frédéric nimmt sie auf den Arm und sie verlassen das dunkle Gebäude, um in die Sonne zu treten, die momentan ihre Augen blendet.

Nicht unweit entfernt entdeckt Frédéric Smaïn, der mit einer Gruppe Europäern, angeregt in ein Gespräch verwickelt, beisammen steht. Eine Frau ist darunter, sie trägt helle Jeans, ein ebensolches Hemd und hat das Haar zu einem Knoten aufgesteckt. Sie  muss etwa in seinem Alter sein, das Gesicht Sonnen gebräunt wie das seine auch, doch es ist ebenmäßig, fast klassisch zu nennen,  und eine dunkle Sonnenbrille bedeckt ihre Augen. Ihre Taille ist schlank, doch die üppigen Rundungen, die sich unter der engen Kleidung deutlich abzeichnen, lassen ihre romanische Abstammung erahnen.

In beiden Händen hält sie einen aufgerollten Plan und Smaïn deutet auf verschiedene Einzeichnungen, die darauf vermerkt sind. Zwei weitere Männer sehen ebenfalls interessiert auf die Karte. Frédéric geht auf die Leute zu, die ihm nun entgegen blicken. Sie haben von dem Schicksal, das ihm widerfahren ist, erfahren, und man weiß nicht so recht, wie man sich ihm gegenüber verhalten soll.

Sie brechen die Unterhaltung ab und begrüßen ihn freundlich und scheinbar gelassen, vielleicht angesichts des Kindes auf seinem Arm.

„Hallo!“ lächelt die Frau der Kleinen zu. „Wie heißt du denn?“ Der italienische Akzent ist nicht zu überhören. Frédéric grüsst die übrigen Männer auf Italienisch.

Beim Anblick der ersten Frau, die ihr nun seit ihrer Ankunft in Ägypten begegnet, taut sie sofort auf und erwidert: „Ich bin Anja und das ist mein Vater.“ Sie rubbelt dabei wie wild an seinem Haar und er lässt sie zu Boden gleiten, um es mir gespreizten Fingern hinter die Ohren zu streifen.

„Salut, Carla!“ begrüßt er die mittelgroße Frau, die den Plan einrollt.

Smaïn ist fasziniert von den blauen Augen der Kleinen und reicht ihr die Hand. „Ich bin der Freund deines Vaters. Ich heiße Smaïn.“

„Ich weiß!“ Sie blickt zu dem großen Mann auf, der ähnlich wie ihr Vater gekleidet ist und nicht in einer langen Kutte, wie die anderen dunklen Männer hier.

„Ich kenne dich von den Fotos, die Papa mir gezeigt hat! Bist du jetzt auch mein Freund?“ will sie wissen.

„Das bin ich!“ erwidert der Gutaussehende Mann mit dem vollen, tiefschwarzen Haar, das unter dem beigen Safari-Hut hervorschaut. „Und es ist mir eine besondere Ehre!“ Er legt die rechte an die Brust und verbeugt sich leicht vor ihr. Anja ist entzückt über diese orientalische Ehrerbietung und schenkt ihm ihr strahlendstes Lächeln.

„Ich bleibe jetzt hier bei meinem Vater“, plappert das Kind weiter, „meine Mama ist gestorben. Aber sie kann mich vom Himmel aus sehen!“

Betreten blicken die Leute weg, nur Smaïn hält dem Blick des Kindes ruhig stand und erwidert ebenso gelassen und zustimmend: „Ja das ist richtig! Irgendwie ist sie immer da, auch wenn du sie nicht siehst!“

Die Bestätigung des großen Mannes beruhigt Anja und sie nickt zuversichtlich. Wenn alle es sagen, dann musste es stimmen!

„Ist deine Mama auch im Himmel?“ will sie wissen und Frédéric macht der unbequemen Unterhaltung rasch ein Ende. „Ich glaube, wir haben noch einiges vor, Fräulein Naseweis! Wir wollen nach Assuan und einkaufen, und dazu muss ich irgendwo Klaus-Dieter auftreiben!“

Die Frau sieht Frédéric mit ihren mandelförmigen, dunklen Augen an. „Soll ich euch vielleicht begleiten? Ich nehme an, die Besorgungen sollen für das Kind sein! Es würde mir Spaß machen und eine Abwechslung für mich bedeuten!“ versichert sie und Frédéric nickt zufrieden. „Wenn du hier abkömmlich bist, gern! Was meinst du, nehmen wir sie mit?“ wendet er sich dem Kind zu, das zustimmend nickt und Carlas warme Hand ergreift.

„Ja, wir nehmen sie mit, weil sie auch ein Mädchen ist, und sicher besser weiß als du, was ich brauche!“ ist die altkluge Antwort. Erheitert lachen alle auf, das Kind hat den bedrückenden Bann, der sich über sie alle seit der Ankunft des verwitweten Unternehmers gelegt hat, durch seine realistische und direkte Art gebrochen.

Sie fahren mit dem Boot zurück nach Assuan und mit dem Jeep geht es direkt ins Zentrum der Stadt. Der südliche Teil, den sie durchqueren, zeigt eine emsige Bautätigkeit auf, neue Gebäude modernsten Stils entstehen hier, wie man sehen kann.

Sie fahren direkt zur Scharia el-Suk, der Innenstadt, mit seinen Basaren und Geschäften. Bunt ist es hier und jede Menge Touristen wühlen sich durch die Gassen und drängen sich in Souvenirläden und vor den Ständen der Waren anpreisenden Geschäftsleute.

Sie parken den Wagen und Carla schlägt vor, erst in das Kaufhaus, einem Zollfrei-Shop zu gehen, wo es Einheimischen untersagt ist, einzukaufen. Dort würde die Auswahl an europäisch ausgerichteten Artikeln besonders groß sein. Das kühle Gebäude nimmt sie auf und sie besuchen die verschiedenen Abteilungen. „Hier finden wir schon das meiste für dich!“ versichert die energische Frau und Anja ist hocherfreut, als sie nebst Kleidung, Sonnenbrille, ein paar Hüten und Kappen auch ein Plüschkamel kaufen, sowie einen Stoss von bunten Büchern mit herrlichen Bildern und Märchen aus dem Alten Ägypten, Malsachen, einen bunten Ball und einen kindgerechten Plattenspieler mit den dazugehörigen Schallplatten. Sie kann es kaum erwarten, all die Dinge auszuprobieren und damit zu spielen und hüpft ungeduldig umher.

Carla geht einfühlsam auf die Wünsche der Kleinen ein lässt sie selbst Kleider, Blusen, Jeans und Jacken auswählen. Frédéric ist froh, dass er selbst nicht die ungewohnte Tätigkeit, für ein kleines Mädchen einkaufen zu müssen, tun muss. Sicher hätte er die Hälfte vergessen oder unpraktisch, wenn nicht unbrauchbar ausgewählt.

Mit Einkaufstaschen und Paketen bepackt verlassen sie das Kaufhaus, verstauen die Sachen im Jeep und schlendern durch den Bazar, um vor einem kleinen, einheimischen Restaurant halt zu machen und ein typisches Mahl zu sich zu nehmen. Der Vater hofft, dass der Magen des Kindes die ungewohnte Kost vertragen wird, doch Carla beruhigt ihn; ihrer Meinung nach kann Fladenbrot, Bohnen und Gemüsesuppe wirklich niemandem schaden.

Später, die Sonne ist bereits am Westufer hinter den Hügeln mit den Felsgräbern versunken, kaufen sie noch zwei kleine, bestickte Galabijas, die Anja unbedingt wollte. Für sie sind die knöchellangen, bunten und mit kleinen Perlen versehenen Kleidungsstücke direkt ihrem Märchenbuch „1001 Nacht“ entsprungen! Ihre Begeisterung kannte keine Grenzen. Bereits auf der Rückfahrt zu der Bungalowanlage schläft sie tief und fest auf dem Rücksitz des Jeeps ein, inmitten ihrer Pakete und Plüschtiere, das wollene Kamel fest dabei umschlungen.

 

 

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