Medea

When we two partet
In Silence and tears,
Half broken-hearted
To sever for years
Pale grew thy cheek and cold,
Colder thy kiss;
Truly that hour foretold
Sorrow to this.

 The dew of the morning
Sunk chill on my brow –
It felt like a warning
Of what I feel now.
Thy vows are all broken,
And light is thy fame;
I hear thy name spoken,
And share in its shame.

 They name thee before me,
A knell to mine ear;
A shudder comes o’er me –
Why wert thou so dear?
They know not I knew thee,
Who knew thee too well –
Long, long shall I rue thee,
Too deeply to tell.

 In secret we met –
In silence I grieve,
That thy heart could forget,
Thy spirit deceive.
If I should meet thee
After long years,
How should I gret thee? –
With silence and tears.

 - Lord Byron –

I

Jack saß übelgelaunt auf einem Stuhl in der Kammer des kleinen Gasthauses. Er hatte die Beine auf den Tisch gehievt und seine Jacke unordentlich auf den Boden vor das Bett geworfen. Seine Weste war geöffnet – der oberste Knopf fehlte – und das Hemd darunter war zerknautscht. Es wirkte, als hätte er darin geschlafen. Vermutlich hatte er das auch. Auch wenn es nicht mehr als nur ein paar Augenblicke unruhigen Hin- und Herwerfens gewesen waren. Gerade schüttete er das fünfte Glas Whisky in sich hinein.
Stephen musterte ihn kritisch, traute er doch dem Frieden nicht im geringsten. Das war nicht der Jack, den er kannte. Der alte Jack – Lucky Jack Aubrey – hätte schon längst seinem Unwillen Luft gemacht, vielleicht den Stuhl gegen die Wand geworfen oder gebrüllt wie ein Ochse. Aber von diesem Jack war nichts zu sehen. Der Commander der Surprise wirkte eher wie ein Häufchen Elend. Doch bevor es noch schlimmer wurde und er sich vielleicht unmöglich blamierte (sofern das bei ihren gemeinsamen Erfahrungen noch steigerungsfähig war) entschied Stephen, dass es an der Zeit war einzuschreiten. Demonstrativ ruhig spazierte er zum Tisch und nahm Jack die Flasche weg, gerade als sich dieser ein neues Glas einschenken wollte. Ohne ein Wort ging er zum Fenster zurück – wo er seit seinem Eintreffen gestanden hatte – und schüttete den Inhalt der Flasche ohne mit der Wimper zu zucken hinaus in den Garten.
Zumindest das rief eine Reaktion bei seinem Freund hervor. Er sprang vom Stuhl, der seines gewichtigen Besetzers beraubt mit einem Poltern umkippte und funkelte den Doktor ärgerlich an. »Das war eine unüberlegte Verschwendung«, presste er unter zusammengekniffenen Lippen hervor.
»Ja«, erwiderte Stephen gelassen. »Und sie kam gerade zur rechten Zeit. Verzeih mir die ungebührenden Worte, die ich gleich sagen werde, aber du benimmst dich wie ein Esel!«
»Ha«, schnaubte Jack. »Hätte der Doktor dann die Güte, mir zu sagen, wie sich ein Mann zu verhalten hat, den man seiner Freiheit beraubt hat!« Er ballte die Hände zu Fäusten, marschierte vor dem Tisch auf und ab. »Nach den vielen Beglückwünschungen und des Lobs über das Aufbringen der Acheron, lässt man mich jetzt wieder Eskortendienst schieben. Wie bei einem blutigen Anfänger. Ich werde zum Gespött der gesamten Marine gemacht!« Jack bückte sich und stellte den Stuhl wieder aufrecht hin, um sich mit einem lauten Ächzer darauf fallen zu lassen. »Ich weiß, wem ich das zu verdanken habe. Oh ja.«
»Du hättest ihn nicht schlagen dürfen«, kommentierte Stephen trocken.
»Es war ein Unfall«, brauste Jack auf.
Besagter Unfall ereignete sich am Abend des 13. Mai 1806. Jack und Stephen waren bei einer Abendgesellschaft von Lord und Lady Woodrow zugegen. Nach dem gemeinsamen Essen zogen sich die Herren zurück und versammelten sich an einem Tisch. Dabei kam es zupass – aufgrund des fehlendes Feingefühls des Gastgebers und seiner Unfähigkeit Gedanken zu lesen – dass Jack sich neben einem Herren wiederfand, auf dessen Nähe er liebend gern den Ärmelkanal durchschwimmend verzichtet hätte. Doch ließ er sich seine Stimmung dadurch nicht trüben.
Die Karten wurden ausgegeben. Man redete, knöpfte sich gegenseitig Geld ab und frönte dem importierten Whisky in überschwänglichem Maße. Jack war gerade in ein Gespräch mit seinem linken Tischnachbarn vertieft. Er hatte sich zu diesem herübergelehnt und bekam nicht mit, dass der Herr auf seiner rechte Seite auf Tauchstation gegangen war, um ein ihm entfallenes Blatt aufzuheben. Man hätte es auch Schummeln nennen können. Durch ein Poltern an der Tür aufgeschreckt – ein Diener hatte ein Tablett fallen lassen – fuhr Jack herum. Dabei hatte er seinen Ellbogen in einer präzisen Waagerechten ausgefahren, was dazu führte, dass dieser mit dem auftauchenden Kopf auf Kollisionskurs ging. Kein noch so geschicktes Ausweichmanöver konnte das verhindern. Ein Knacken ertönte, ein Stöhnen, schon sackte der Getroffene in sich zusammen, wie ein von Kettenkugeln umgemähter Großmast und ruinierte Lady Woodrows teueren Perserteppich mit seinem Blut. Herbeieilende Helfer konnten das Malheur nur noch bestaunen.
Schnell übergab man den Verletzten Dr. Maturins Obhut, dessen Schadensbegrenzung dazu führte, dass die gebrochene Nase dem dazugehörigen Gesicht nicht das Aussehen eines Preisboxers verlieh. Der Abend war gelaufen – schneller als Jack zurück zu seinem Quartier, er musste immerhin seine Würde waren. Und die wurde hart angekratzt, als er sich der Situation gegenüber sah, sich geschickt und wortreich entschuldigen zu müssen. Er tat es, mit ehrlicher Reue. So sehr er diesem Herren auch die Pest an den Hals wünschte, als menschlicher Vorschlaghammer hatte er nicht fungieren wollen.
Seit diesem Vorfall hatte er auf glühenden Kohlen gesessen, jeden Tag damit gerechnet, dass eine Eskorte kam, um ihn zu verhaften. Nun die Eskorte kam nicht, dafür aber ein neuer Befehl, der eindeutig die Handschrift der gebrochenen Nase trug.
»Es war ein Unfall«, beteuerte Jack noch einmal. »Es gibt zehn Zeugen, die das bestätigten. Dich eingenommen.«
Der Doktor nickte. »Ja. Aber auch einen Captain mit gesprungenem Nasenbein, der dich am liebsten auf der Stelle gevierteilt hätte, wenn Lady Woodrow nicht eingeschritten wäre. Es hätte wirklich nicht viel gefehlt und er hätte dafür gesorgt, dass man dich achtkantig aus der Marine wirft. Wenn nicht noch Schlimmeres. Ich habe nicht gern einen Toten zum Freund. Eskortendienst ist das kleinere Übel. Und es ist ja nicht so, dass wir es noch nie gemacht hätten.«
»Zu oft«, schnaubte Jack. »Jetzt halten wir Händchen mit einem Frachtschiff, das übermorgen nach England ausläuft. Ich sollte jubeln, hhmm?«
Der Doktor lächelte, dann wurde er ernst. »Seit drei Tagen vergräbst du dich hier, ertrinkst wortwörtlich in deinem Kummer. Oder sollte ich eher Frustration sagen?« Er zuckte die Schultern. »Wie dem auch sei. Deine Manöver standen schon oft auf Messers Schneide. Ein paar mal dachte ich schon, Fortuna hätte uns verlassen und wir würden mit Mann und Maus versinken. Aber wir haben es dennoch jedes Mal überstanden. Und du weißt, warum.« Er deutete mit dem Finger auf Jack. »Weil die Mannschaft hinter dir steht. Sie vertrauen dir und sie achten dich. Diesen Affentanz, den du hier gerade aufführst... Damit machst du dir und ihnen keine Ehre.«

Jack brummte etwas, das sich anhörte wie: »Ich weiß.« Dann hob er hilflos die Hände.

Stephen tippte sich gegen das Kinn, als dächte er angestrengt über etwas nach. »Nun ja, die Admiralität steht seit diesem schlagkräftigen Vorfall nicht gerade hinter dir. Dazu bist zu vielen von ihnen zu sehr auf die Füße getreten. Du hast wirklich Glück gehabt, dass du dich noch immer Kapitän nennen darfst, aber sie werden dir in der nächsten Zeit wohl keinen Freibrief mehr ausstellen.«
»Natürlich nicht!« schäumte Jack.
»Und das wurmt dich.« Stephen setzte ein unschuldiges Lächeln auf. Jack war kurz davor zu explodieren. Doch der Doktor brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. Er schritt zum Bett, hob die Jacke davor auf und reichte sie seinem Freund. Verwirrt nahm Jack sie entgegen, ließ zu, das Stephen das Hemd über seinem opulenten Bauch ordnete und die Weste zuknöpfte. Über den fehlenden Knopf legte er gekonnt das Jabot. Dann half er Jack, in seine Jacke zu schlüpfen.
»Verrätst du mir, was du vorhast?« fragte dieser voller Ungeduld.
»Freunde von mir geben ein Bankett. Und du wirst mich begleiten.« Mit diesen Worten ging er zur Tür und wedelte energisch mit der Hand, um Jack dazu zu animieren, ihm zu folgen.
Der Kapitän schlurfte seinem Freund nach, verwirrter denn je. Er konnte sich keinen Reim auf Stephens Pläne machen.

 ~~~

Der Raum war bis zum Bersten angefüllt mit Menschen. Laut plappernd unterhielten sie sich miteinander. Dröhnendes Männerlachen und verhaltenes Weibergekicher. Jack fühlte sich an eine gackernde Gänseschar erinnert. Ein paar Mal versuchte man ihn – der Höflichkeit halber – in die Unterhaltung einzubeziehen. Aber Jack wehrte sich auf sehr unhöfliche Art und Weise mit vehementem Schweigen dagegen. Er steuerte immer wieder die Bar an und kippte ein Glas Punsch nach dem anderen. Stephen war ihm in dem Gedränge abhanden gekommen. Aber Jack hatte nicht die Muße, ihn zu suchen. Er lehnte sich an die Wand und sah sich um. Er kannte niemanden hier. Vielleicht war es auch besser so. So konnte ihn niemand auf sein kongeniales Fehlverhalten ansprechen. Stattdessen spazierte er allein durch die Räume und blieb lieber mit seinen Gedanken unter sich.
Das Anwesen war groß, da es nur einstöckig war, dem Stil nach maurisch. Mit vielen geschwungenen Torbögen und fließend ineinander übergehenden Räumen. Noch dazu hoch über der Bucht gelegen. Ein malerisches Fleckchen mit einer atemberaubenden Aussicht. Ein kleiner Pfad schlängelte sich bis hinunter in den Hafen. Diesen Weg waren er und Stephen auch nach oben gestiefelt. Es hatte einige Zeit in Anspruch genommen, denn Dr. Maturin war immer wieder stehen geblieben, um eine Blume oder einen Käfer im Gras zu bestaunen. Jack war sich sicher, dass in den Taschen seines Freundes emsiges Krabbeln und Kriechen herrschte.
Nach der Ankunft war er höflich der Besitzerin vorgestellt worden. Stephen nannte sie die Witwe Kincaid. Sie war Irin, mittleren Alters und langweilig wie ein Regenguss.
Jack nahm noch einen Schluck Punsch, als sein Blick an einer jungen Frau hängen blieb. Sie mochte Anfang zwanzig sein und trug ein blassrosa Kleid, das perfekt zu ihrem aufgesteckten roten Haar passte. Er erinnerte sich. Stephen hatte sie miteinander bekannt gemacht. Sarah Kincaid, die Tochter der Witwe. Ein hübsches Mädchen, aber viel zu dürr. Sie sah aus, als hätte sie seit Wochen nicht mehr richtig gegessen und war unnatürlich bleich. Auch wenn ihr das eine gewisse Würde verlieh. Wäre sie blond gewesen, hätte sie sehr seiner Sophie geähnelt.
Ein dümmlich aussehender junger Offizier klebte förmlich an Miss Kincaids Seite, redete unaufhörlich auf sie ein. Sie nahm seine Worte schüchtern entgegen, wandte jedoch immer wieder den Kopf, als suchte sie eine Möglichkeit, ihm zu entfliehen. Gerade als Jack sich ihrer erbarmen und sie aus den Klauen der Langeweile erretten wollte, sah sie ihn an, ihr Blick hellte sich auf. Erfreut über soviel Enthusiasmus machte er sich auf den Weg zu ihr, bemerkte aber auf der Hälfte, dass ihre Freude nicht ihm galt, sondern jemandem, der hinter ihm stehen musste. Ihre Augen sahen eindeutig an seiner Schulter vorbei.
Er wusste, es war nicht sehr galant, sich jetzt umzudrehen. Viel zu offensichtlich. Aber er tat es dennoch, um seinen Konkurrenten in Augenschein zu nehmen und zog überrascht die Brauen hoch. Wenn auch in Hosen, Hemd, Weste und knielangen Rock gekleidet, verrieten die eindeutigen Wölbungen unter der Jacke, dass es eine Frau war. Das rote Haar war in ihrem Nacken zu einem Zopf zusammengefasst – auf dieselbe Art, wie Jack seine Mähne bändigte. Aber am verblüffendsten war die Ähnlichkeit zu Sarah Kincaid. Die Fremde war eine fast identische, vielleicht acht bis zehn Jahre ältere Kopie von ihr. Sie hatte die Hände hinter dem Rücken gefaltet und lächelte.
Sarah Kincaid ließ ihren Gesprächspartner samt Etikette hinter sich und rannte auf sie zu, den langen Rock im Laufen mit den Händen hochgerafft. Dabei stieß sie dem zur Salzsäule erstarrten Aubrey versehentlich ihren Ellbogen in den Bauch, entschuldigte sich höflich und jubelte: »Finn!« Stürmisch umarmte sie die ältere Frau.
Diese schob sie lächelnd von sich. »Ich freue mich auch, dich zu sehen.«
Sarah wurde wieder schüchtern, sah sich argwöhnisch um. »Aber jemand hier wird sich nicht über deine Anwesenheit freuen.« Sie nahm Finn bei der Hand und steuerte eine von Pflanzenkübeln verdeckte Ecke des Raumes an.
Aber diese Finn schien nichts von Heimlichtuerei zu halten. »Ich habe ein Recht hier zu sein. Immerhin ist es auch mein Haus.« Demonstrativ gelassen ging sie zur Bar, scherte sich nicht um das Murmeln, dass sich unter den Anwesenden breit machte und holte sich ein Glas Punsch. Mit hoch erhobenem, stolzen Haupt kehrte sie zu der noch ein wenig blasser gewordenen Sarah zurück. »Nur weil unsere Mutter nicht mit meinem Lebensstil einverstanden ist, hat sie noch lange kein Recht mich aus diesem Haus zu weisen«, sagte Finn gerade und reichte Sarah den Punsch, die ihn wohl nötiger brauchte, denn sie wirkte, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen.
Sie waren also Schwestern. Jack beglückwünschte sich stumm zu seinem guten Auge. Er ging zur Seite, damit nicht allzu auffällig wurde, dass er lauschte.
Finn setzte sich auf den Diwan, zog Sarah mit sich. Diese hatte durch den Punsch wieder an Farbe gewonnen. »Warum musstest du auch...« begann sie, verstummte dann.
»Warum musste ich mich dem Willen meiner Mutter widersetzen, die Heirat mit einem einflussreichen Mann ablehnen und mich dazu entscheiden, mein Leben auf unorthodoxe Art und Weise zur verbringen?« Finn lächelte. »Vielleicht hätte sie mir als Kind mehr Aufmerksamkeit schenken und nicht alles in Vaters Hände – Gott habe ihn selig – legen sollen. Aber wir hatten diese Diskussion schon. Es ändert nichts an meiner Entscheidung.«
»Aber wieso bist du dann hier?« Sarah sah ihre Schwester argwöhnisch an.
»Der Grund steht dort drüben«, sagte sie plötzlich und deutete auf Jack.
Der verschluckte sich prompt an seinem Punsch und hustete. Sein Gesicht nahm die Farbe eines Krebses an, den man zu heiß gekocht hatte. Eine Hand schlug ihm kräftig auf den Rücken. Er fuhr herum, der Inhalt seinen Glases verteilte sich auf dem Boden und seiner Jacke. Neben ihm stand Stephen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht. 
Finn erhob sich, steuerte auf Dr. Maturin zu. Der nahm galant ihre Hände und deutete eine Verbeugung an. Finn lachte und riss ihn in ihre Arme. »Das ist eher die Art, alte Freunde zu begrüßen«, sagte sie und klopfte ihm auf die Schulter. »Und wie du weißt, lege ich nicht viel Wert auf Etikette.«
Stephen nickte bedröppelt, dann besann er sich seiner Manieren. Er wandte sich an Jack, der mittlerweile sein Glas an das Tablett eines Dieners losgeworden war und mit einem Taschentuch am bekleckerten Ärmel wischte. Als er sich der Aufmerksamkeit bewusst wurde, lächelte er und steckte das Taschentuch weg. »Wenn ich euch miteinander bekannt machen darf. Fiona Kincaid. Captain Jack Aubrey.«
Finn zog eine Augenbraue hoch. »Lucky Jack Aubrey? Ich habe von Ihnen gehört. Es ist mir eine Ehre.« Sie hielt ihm die Hand hin. Er schüttelte sie und fragte sich, was hier vorging. Stephen hatte sich also mit dieser Frau treffen wollen, aber warum hatte er ihn dabei mitgeschleppt?
»Wie steht das Geschäft?« fragte Dr. Maturin freundlich.
»Das läuft ausgesprochen gut. Wie du siehst.« Finn deutete auf das Interiör. »Sie kann sich zwar mit meinem Leben nicht anfreunden, aber die Annehmlichkeiten die ihr dadurch zuteil werden, lehnt sie natürlich nicht ab.«
»Es weht also noch immer ein antarktischer Wind?« Stephen schüttelte den Kopf.
Finn wandte sich an ihre Schwester. »Tu mir bitte den Gefallen und halte Mutter in Schach, während ich mit diesen beiden Gentlemen einen Spaziergang im Garten mache.«
»Aber...«, protestierte die Jüngere, doch der Blick aus Finns Augen ließ sie gehorchen. Sie stand auf, knickste gehorsam und verschwand im Gedränge.
Finn nahm Stephen am Arm und geleitete ihn durch eine Tür, die in das Atrium führte. Jack folgte den beiden. Sie steuerten auf einen Pavillon zu, auf dessen Bank sie sich niederließen.
»In Ordnung, kommen wir jetzt zum Kern, für den ich ein unerfreuliches Zusammentreffen mit meiner Mutter in Kauf genommen habe«, sagte Finn und lächelte. »Stephen erklärte mir, dass Sie ein kleines Problem haben, Captain Aubrey. Ein Problem, das die Form einer Brigg hat, auf den Namen Medea hört und Ihnen einiges Kopfzerbrechen bereitet, da man Sie – hhmm, wie soll ich sagen? – dazu verdonnert hat, ihr als Eskorte nach England zu dienen. Stephen meinte, ich könnte Ihnen dabei helfen, diese Zweifel zu zerstreuen. Was ich in der Tat kann.«
Jack riss die Augen auf. Endlich begriff er. »Medea«, murmelte er. »Die Medea ist Ihr Schiff, nicht wahr?«
»Jawohl, Sir. Sie ist mein Schiff. Das Erbe meines Vaters. Da er nur mich und meine Schwester seine Kinder nennen konnte, also kein Sohn vorhanden war, der in seine Fußstapfen trat, entschied ich mich nach seinem Ableben, das Geschäft selbst in die Hände zu nehmen, anstatt auf die Gunst eines anderen angewiesen zu sein. Natürlich haben die meisten Männer Bedenken, mit einer Frau um Preise zu schachern, Verträge zu schließen. Also habe ich jemanden gefunden, der das für mich erledigt. Das Aushängeschild sozusagen. Sein Name ist Brendan O’Hara. Er ist nicht nur mein offizieller Vertreter sonder auch der Kapitän der Brigg. Ein sehr fähiger Mann. Die Medea ist ein zuverlässiges Schiff, Captain Aubrey. Bei gutem Wind schafft sie fünf bis sechs Knoten. Sie wird Ihnen also nicht wie ein Klotz am Bein hängen. Außerdem ist sie mit zwölf Stückpforten bewaffnet. Sechspfünder. Man muss ja heutzutage auf alles vorbereitet sein. Und nicht immer kann eine Eskorte eine Handelsschiff begleiten. Da verlasse ich mich lieber auf das Können meiner Männer. Dennoch kann ich Ihnen versichern, dass ich sehr dankbar bin, einen Mann wie Sie mit Ihrem Schiff an meiner Seite zu wissen.«
»Zwölf Stückpforten? Und eine Crew, die sie bedienen kann?« Jack war ehrlich beeindruckt. Die meisten Frauen, die er traf, konnten Steuerbord nicht von Backbord unterscheiden, Luv nicht von Lee, geschweige denn, dass sie sich für die Kanonen interessierten. »Das zerstreut meine Bedenken in der Tat ein wenig.«
»Wenn Sie wünschen, werde ich Sie auf der Medea herumführen lassen, dann können Sie sich selbst ein Bild über ihre Seetüchtigkeit machen«, entgegnete sie freundlich. »Wie wäre es mit morgen nach dem Frühstück? Das Mittagessen werden Sie selbstverständlich auf der Medea einnehmen. Seien Sie mein Gast. Der Koch ist nämlich ein wahres Genie auf seinem Gebiet.«
»Das würde ich in der Tat gern tun. So kann ich vor dem Auslaufen noch ein paar Worte mit dem Kapitän wechseln«, meinte Jack höflich.
»Ich dachte mir, dass Ihnen das gefällt«, entgegnete Finn ebenso höflich, sah dabei demonstrativ auf Jacks Bauch.
Dieser blickte auf Stephen, konnte erkennen, dass der sich ein Grinsen verkniff. »Dr. Maturin, Sie sind ein Schlitzohr«, stieß er hervor und brach in schallendes Gelächter aus.

II

Am nächsten Morgen...
Die Medea war ein wunderschönes Schiff. Gut in Schuss, wie Jack auf den ersten Blick feststellen konnte. Miss Kincaid hatte nicht untertrieben. Der Rumpf war in leuchtendem Blau gehalten und unterhalb des Schanzkleides mit einem weißen Streifen geschmückt. Ebenso waren die Stückpforten weiß umrandet. Als er sie zählte, kam er allerdings auf mehr als zwölf. Doch dann sah er genauer hin, schirmte seinen Augen gegen das Licht ab. Es waren weiße Kästchen aufgemalt, hinter denen sich keine Kanonen befanden. Doch auf den ersten Blick war das nicht gleich zu erkennen. Dieses Täuschungsmanöver würde einen Angreifer erst einmal abschrecken.
Jack schmunzelte, fuhr mit seiner Betrachtung fort. Der Kapitän hatte Vollzeug setzen lassen, wohl der Inspektion halber oder auch nur aus Angeberei. Das Resultat konnte sich durchaus sehen lassen. Die Segel waren aus exquisitem Tuch gearbeitet – sein geschultes Auge erkannte sofort, dass sie ein Vermögen gekostet hatten. Sie flatterten lau im Wind, der über die wenigen Schiffe in der Innenreede hinweg blies. Jacks Blick wanderte von den Segeln zu den Rahen, von den Rahen zu den Masten. Es musste eine erstklassige Zimmermannscrew daran gearbeitet haben. Auch jetzt herrschte emsige Geschäftigkeit. Matrosen hingen in der Takelage, mit Werkzeug und Farbeimern bewaffnet. Sie säuberten, klopften, hämmerten und pinselten eifrig am äußeren Erscheinungsbild der Brigg. Wieder andere prüften – wie Jack zuerst vermutet hatte – die Segel auf eventuelle Löcher, die dem Wind als Ausflucht dienen konnten und dem Schiff die Fahrt nahmen.
Er legte die Hände auf die Kaimauer, einen verträumten Ausdruck im Gesicht. Eine Schönheit. Eine wahre Schönheit. Die Medea lag tief im Wasser, die Ladung bereits an Bord. Soweit er in Erfahrung gebracht hatte, Gewürze und Stoffe für den englischen Markt bestimmt. Eine kleine Schnau lief gerade ein, vollführte ein ungelenkes Wendemanöver. Ihre Bugwelle brach sich am Rumpf der Brigg, brachte sie zum Schaukeln. Jack runzelte die Stirn über soviel Stümperei. Selbst mit einer einarmigen Crew hätte er das besser hingekriegt.
Stephen wartete neben ihm, legte ebenfalls eine Hand auf den Stein und stützte sich daran auf. Er hatte Jacks Zögern bemerkt. »Miss Kincaid hat die meiste Zeit ihres Lebens auf den Planken eines Schiffes zugebracht. Wenn jemand weiß, was er tut, dann sie.«
Jack blinzelte. »Woher kennt ihr euch eigentlich?«
»Unsere Väter waren enge Freunde. Als Kinder haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Nach dem Fortgang meiner Familie nach Spanien verloren wir uns allerdings aus den Augen. Doch nach dem Tod ihres Vaters haben wir wieder Kontakt aufgenommen.«
»Die vielen Briefe nach Malta waren also für sie bestimmt?« neckte Jack seinen Freund, ein anzügliches Grinsen im Gesicht.
»Die Intensität unserer Beziehung ist nicht Ihre Sache, Captain Aubrey«, entgegnete Stephen kühl. »Ich empfinde tiefen Respekt für Miss Kincaid und würde mir nie anmaßen, unsere Freundschaft mit stümperhaften Annäherungsversuchen zerstören zu wollen.«
Darauf sagte Jack nichts mehr. Er löste sich von der Kaimauer und spazierte federnden Schrittes über den Steg. Stephen folgte ihm. Finn musste die beiden gesehen haben, denn sie erwartete sie bereits an Deck. Wie am Tag zuvor trug sie Hemd und Hosen – diesmal allerdings aus gröberem Stoff. Ihr Haar hatte sie mit einem Tuch gebändigt. Auf ihren Wangen waren Farbkleckse zu sehen. Sie lächelte beide Männer an. An ihrer Seite stand ein vielleicht fünfzigjähriger, schwarzhaariger Hüne, den sie ihnen als Brendan O’Hara – den Kapitän – vorstellte. Besagter Kapitän übernahm die Führung.
Fast schämte sich Stephen für die Neugier seines Freundes, dem armen Mann musste vor lauter Fragen schon der Kopf schwirren, aber Captain O’Hara gab bereitwillig Auskunft über alles, was Jack wissen wollte. Oder eher, was er ihn wissen lassen wollte.
Aubrey spazierte über und unter Deck entlang, hob ab und an die Brauen in Anerkennung oder Missfallen. Er ließ es sich nicht nehmen, selbst in die Wanten zu steigen, kletterte bis zur Marssaling, genoss den Ausblick und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen.
Stephen sah zu ihm auf und schüttelte den Kopf. Er konnte seinen Freund ja verstehen, auch wenn es ihn nicht danach gedürstete, diese Höhe noch einmal zu erleben. Er konnte sich noch genau erinnern, wie er sich gefühlt hatte, als er auf der Sophie ins Grosstopp gestiegen war. Wäre nicht Mowett bei ihm gewesen, hätte er wie ein Baby geweint und die unter ihm befindliche Mannschaft mit dem nach außen gekehrten Inhalt seines Magens erfreut.
Die Medea hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der Sophie. Auch wenn sie kein so ansehnliches Hüttendeck besaß und auch leider keine Ulmenpumpe, in deren Betrachtung er sich jetzt hätte vertiefen können. So lehnte er sich an die Reling und schloss für einen Moment die Augen. Als sich eine Hand auf seinen Arm legte, blinzelte Stephen.
Finn war neben ihn getreten. Sie trug einen sauberen Rock, hatte ihr langes Haar zu einem Zopf geflochten. Die Farbe im Gesicht war ebenfalls verschwunden. »Vielleicht sollten wir deinem Freund jetzt sagen, dass das Essen gerichtet ist. Ich hoffe er mag Fasan.« Sie lehnte sich vor und öffnete den Mund, um Jack zu rufen.
Stephen sah, dass Captain O’Hara ihr einen bitterbösen Blick zuwarf. Sofort klappte Finn den Mund zu und überließ es ihm, den ihn Glückseligkeit schwelgenden Aubrey aus der Marssaling zu holen.
Die Aussicht auf gutes Essen ließ Jack nicht zögern. Behände kletterte er die Tausprossen hinunter. Dabei wehte ihm ein Windstoß die Jacke über die Hose. Finn wandte den Blick ab, kicherte lautlos in sich hinein. Ihr war genau wie dem Doktor aufgefallen, dass der Stoff über Jacks Achterdeck der Körperfülle nachgegeben hatte und an der Naht geplatzt war.
»Ach, wie herrlich!« schwärmte Jack. »Es ist fast so, als wäre ich wieder auf der Sophie. Nennen Sie es Sentimentalität, Miss Kincaid, aber mir bleibt gar keine andere Wahl, als diese Brigg zu mögen.«
Finn deutete mit der Hand nach Achtern. Dort war ein Tisch aufgebaut worden. Vier Stühle. Der Kapitän würde sich natürlich zu ihnen gesellen. »Bei diesem herrlichen Wetter wollte ich Sie nicht in die Enge der Kajüte zwängen«, erklärte sie lächelnd. »Also dachte ich mir, wir nehmen das Essen an Deck ein.«
»Was für ein überaus...« Jack hatte weiblicher Einfall sagen wollen, besann sich aber eines besseren. »Erfrischender Gedanke«, meinte er dann, erntete ein Augenrollen von Stephen, dem er ein grimmiges Knurren entgegen setzte.

 ~~~

 »Darf ich Ihnen noch einen Flügel nachlegen? Oder noch ein paar der köstlichen Trüffel?« Captain O’Hara blickte Stephen mit einem so gutmütigen Lächeln an, dass sich dieser schon fragte, ob er wirklich so verhungert aussah, dass er in jedem den Wunsch weckte, ihn mästen zu wollen.
Dankend hob er die Hand, verneinte winkend und wischte sich mit der Serviette über die Lippen. »Sehr aufmerksam. Aber noch einen Bissen und ich platze.«
Jack hingegen nahm das Angebot mit Freunden an. Einen Fasan hatte er ganz allein gegessen und der Rest des zweiten würde wohl auch in seinem Magen verschwinden. Ertränkt in Trüffeln mit Salbeisoße über karamellisierte Kartoffeln holpernd.
Finn saß ruhig, aber mit wachsamen Augen daneben. Wann immer sie glaubte, dass niemand es bemerkte, starrte sie zu Aubrey hinüber. Stephen konnte nicht sagen, ob es nur sein Essgebaren war, dass sie interessierte, oder ob es der Mann im Allgemeinen war. Sie nippte an ihrem Wein. Das Bouquet war aromatisch, verströmte Sommerfrische. »Captain Aubrey«, meinte sie plötzlich. »Hätten Sie die Güte – ich weiß, Captain O’Hara hier interessiert es auch, aber wird sich nicht gestatten, danach zu fragen – nun ja, hätten Sie die Güte, uns über das Gefecht mit der Acheron zu berichten?«
Geschmeichelt lehnte sich Jack in seinem Stuhl zurück. Er zwang sich, den Rülpser zu unterdrücken, der ihm schon bis zur Gurgel gekrochen war. »Aber mit Freuden werde ich das tun. Die Gazetten sind ja hierzulande etwas langsam.«
Dr. Maturin wandte den Kopf ab. Er hatte einen Vogel entdeckt, den er in seinem Flug beobachtete. Er hörte die Worte nicht, die Jack sprach. Er war ja selbst dabei gewesen, also war die Geschichte nichts Neues für ihn. Dennoch freute er sich über Finns Höflichkeit. Über seine Abenteuer zu erzählen ließ Jack jedes Mal in Begeisterung ausbrechen, die jeden Zuhörer sofort mitriss. Ab und zu unterbrach er sich allerdings und stopfte sich etwas vom Fasan in den Mund, kaute genüsslich. Aber es bedurfte auch keiner großen Worte, Rauch und Kanonenschüsse zu verdeutlichen. Wildes Gestikulieren mit den Armen war überzeugend genug. Fast wischte Aubrey dabei sein Weinglas vom Tisch.
Finn fing es gekonnt mit einer Hand und stellte es behutsam vor ihn hin. »Schnelligkeit ist natürlich von Vorteil, aber ohne einen klugen Kopf nützt einem selbst die stärkste Fregatte nichts«, beweihräucherte sie einen vom Essen und Reden ganz rot im Gesicht gewordenen Aubrey.
Er neigte leicht den Kopf, drückte Dankbarkeit aus. Stephen runzelte die Stirn. Natürlich. Von einer schönen Frau glorifiziert zu werden gefiel jedem Mann. Wenn Finn jetzt noch errötete und den Blick senkte, wäre der Tag für ihn bestimmt vollkommen.
»Nun ja«, sagte O’Hara leise. »Wir hatten auch schon unsere Begegnungen mit Freibeutern. Als Handelsschiff  lässt sich das nicht vermeiden. Wir geben eine gute Beute ab. Letztes Jahr wären wir fast geentert worden. Von der Hieron. Haben Sie von ihr gehört?«
»Nein«, gab Jack offen zu. »Erzählen Sie.«
»Die Hieron ist eine Schebecke. Größer und schneller und auch mit 34 Kanonen besser bestückt als die Medea. Sie macht seit ein paar Jahren das Mittelmeer unsicher, marodiert und plündert, was sie kriegen kann. Ein guter Freund von mir – ein Handelskapitän wie ich – verlor sein ganzes Hab und Gut. Eine Plage, sage ich Ihnen. Eine gottverdammte Plage.«
»Unter wessen Befehl steht die Hieron?« Aubrey war neugierig geworden.
»Der Mann heißt Shaughnessy. Ausgerechnet ein Ire«, schnaubte O’Hara. »Er segelt unter der Freibeuterflagge, hat sich niemandem verpflichtet. Seine Beute verkauft er sowohl an die Briten als auch an die Franzosen. Ehrloses Pack!«
»Sagten Sie nicht gerade, dass Sie fast geentert worden wären?« mischte sich Stephen ein.
O’Hara stürzte seinen Wein in einem Zug herunter. »Ja. Und das bedeutende Wort in diesem Satz ist fast. Sie waren schon bereit, auf die Medea zu klettern, als der Wind plötzlich drehte. Die beiden Schiffe drifteten auseinander. Unsere Steuerbordstückmannschaft knallte ihr aus allen sechs Kanonen feuernd eine Breitseite an den Bug. Die Männer holten alles aus sich heraus, was sie konnten. Trotzdem waren wir gezwungen zu halsen uns aus dem Staub zu machen. Die Hieron war leckgeschlagen. Sie konnte uns nicht verfolgen und wir hatten einem weiteren Angriff nichts mehr entgegen zu setzen. Allerdings gaben sie noch eine Abschiedssalve auf uns ab, die uns das Großsegel zerfetzte. Dennoch waren wir schneller als sie und schafften es, aus ihrer Reichweite zu gelangen. Bald war sie nichts weiter als ein entfernter Punkt hinter uns.« Er sah Jacks missbilligenden Gesichtsausdruck und fühlte sich genötigt hinzuzusetzen: »Wir sind keine Kriegsbrigg, Captain Aubrey. Die Ladung zu schützen ist unsere oberste Priorität.«
»Aber das Schiff ist ursprünglich mal so konzipiert worden, nicht wahr?« O’Hara nickte. »Warum wurde die Medea dann nicht zum Kriegsdienst eingezogen?«
Es war Finn, die antwortete. »Weil ich den Einwand einlegte, dass man mich dann meiner Existenz berauben würde.«
»Das heißt also, man hat es versucht?« Jack ließ nicht locker.
»Ja, aber ich konnte mich herauswinden«, erwiderte sie kurz angebunden.
»Schlüpfrig wie ein Aal, unsere Kleine«, sagte der Koch plötzlich und zwinkerte. Er war erschienen, um den Kaffee zu servieren. Doch dann stockte er, vor allem, da ihm Captain O’Hara auf den Fuß getreten hatte – wie Stephen aus den Augenwinkeln bemerkte – wurde blass und verschüttete fast den Inhalt der Kanne auf das Damasttuch. Finn nahm ihm die Kaffeekanne aus der zittrigen Hand und lächelte liebenswürdig. Barton entfernte sich, so schnell er konnte, mit einem Gesicht, dass die Farbe des Bries angenommen hatte, der zur Abrundung des Mahls auf dem Tisch stand.
Jack bekam den Fauxpas nicht mit. Barton hatte an seiner rechten Seite gestanden. Seit einem kleinen Zwischenfall vor ein paar Jahren, der ihn damals einen Teil seiner Gesichtshaut samt dazugehöriger Kopfbehaarung gekostet hatte – eine Explosion hatte sich nicht an Jacks Zeitplan gehalten – war sein Trommelfell in Mitleidenschaft gezogen worden. Und da der Koch nicht gebrüllt hatte, war es durchaus möglich, dass Jack ihn nicht richtig verstanden hatte.
»Was er sagen wollte«, fuhr Finn fort, als hätte Bartons vorlautes Mundwerk nicht über die Strenge geschlagen. »Ist, dass man an mich herangetreten ist. Da mein Vater aber ein hohes Ansehen bei der Admiralität genoss und ich dort noch ein oder zwei Fürsprecher habe, bin ich davor bewahrt worden, mein Leben als Ehefrau und Mutter verbringen zu müssen.«
Jack zog die Stirn kraus. »Sie halten demnach nicht viel von der Ehe, Miss Kincaid?«
»Von einer Ehe mit dem falschen Mann allerdings nicht«, kam es frei.
»Und was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Mann?« forderte Aubrey sie heraus.
»Nun ja«, sagte Finn ruhig, nippte an ihrem Kaffee. »Ein Mann sollte zuvorkommend sein, gutes Benehmen vorweisen können, damit er sich in der Öffentlichkeit nicht brüskiert und er sollte vor allen Dingen treu sein.«
Stephen wurde es mulmig. Das angeschnittene Thema war vielleicht nicht das richtige. Er kannte Jacks Ansichten über Treue. Und er glaubte nicht wirklich, dass diese mit Finns Ansichten konform gingen.
»Ein treuloser Mann ist nicht gerade förderlich für die Gesundheit einer Frau«, sagte sie mit einem leichten Anflug von Sarkasmus. »Und auch nicht für seine eigene. Wenn er einmal zuviel den Falschen zum Hahnrei macht und als Leiche endet.«
»Ha!« sagte Jack auf einmal laut, dass Stephen zusammenzuckte. »Damit unterstellen Sie, dass Frauen nicht besser sind als Männer. Sie geben also zu, dass auch verheiratete Frauen...«
Er kam nicht weiter, denn Finn schnitt ihm sehr unhöflich das Wort ab. »Was Frauen sind oder nicht, können Sie als Mann wohl kaum beurteilen, Captain Aubrey!«
Stephen hüstelte. Er sah die Zornesröte in Jacks Gesicht und fühlte sich genötigt einzuschreiten. Auch wenn er als Arzt jegliche Wunden flicken konnte, wollte er in diesem Fall lieber nicht damit konfrontiert werden. Vor allem, weil er sich nicht würde entscheiden können, bei wem er zuerst Hilfe leisten sollte. »Captain Aubrey«, sagte er freundlich. »Ich denke, es ist an der Zeit, auf die Surprise zurückzukehren. Wenn wir morgen wie geplant auslaufen wollen, muss noch einiges gerichtet werden.« Er stand auf, zwang Jack, es ihm gleich zu tun.
Steif nickte dieser Finn zu – seine Gelassenheit hatte Luvstellung angenommen. Für Captain O’Hara hatte er einen wärmeren Gesichtsausdruck übrig, auch wenn die Wut noch nicht verraucht war. Dann rannte er regelrecht über das Deck auf die Fallreepspforte zu. Stephen zuckte entschuldigend die Schultern und stakste hinterher.
Auf halbem Weg zur Kaitreppe holte er seinen Freund ein. Er wagte es nicht, ihn anzusprechen, legte aber dennoch vorsichtig eine Hand an dessen Arm. Aubrey fuhr herum, immer noch ein Funkeln in den Augen. »Die Brigg ist vortrefflich. Ein wundervolles Schiff. Allerdings lässt deine Wahl an weiblicher Bekanntschaft mal wieder zu wünschen übrig, Stephen.«
Dr. Maturin fing an zu lachen. Er musste sich an der Kaimauer abstützen, um nicht umzufallen. Der Kapitän starrte ihn mit verständnislosem Blick an. »Oh, Jack.« Er lachte noch immer, zwang sich dann zur Ruhe. »Nun ja, man könnte ihr vorhalten, dass sie in gewisser Weise damit angefangen hat. Aber du weißt, man soll eine Frau nicht herausfordern. Im Streit sind sie launischer als eine Brise. Und was dich so wütend macht, ist, dass sie deinen wunden Punkt getroffen hat. Natürlich liebst du Sophie. Ich würde niemals das Gegenteil behaupten, weil es eine Lüge wäre...«
Jetzt war es Jack, der ihm ins Wort fiel. »Ich möchte nicht darüber reden. Und als mein Freund bitte ich dich, das zu akzeptieren.«
»Natürlich. Lass mich dir aber dennoch einen guten Rat geben.« Jacks Blick verdüsterte sich. »Deine Beinbekleidung ist achtern etwas aus den Nähten geraten. Wenn du nicht zur Erheiterung der Mannschaft beitragen willst, solltest du sie flicken.« Er klopfte seinem Freund auf die Schulter. »Jetzt lass uns die Schnapsleichen im Hafen einsammeln und klar Schiff machen.«

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