12.a In Ketten - 180 AD - Teil 1

Maximus' dunkle Augenbrauen hoben sich fragend.

"Tu es einfach", fuhr ich ihn an, während ich auf ihn zuging.

Er sah erstaunt aber nicht beunruhigt aus. Nicht im mindesten. Gehorsam streckte Maximus seine Arme aus, Hände nebeneinander, die Handflächen nach unten. Als ich nahe genug war, holte ich das Schloß hinter meinem Rücken hervor und versuchte, seine Handgelenke zusammenzuschließen, wobei ich mich vor lauter Eile gänzlich ungeschickt anstellte. Maximus sah, was ich zu tun versuchte, und wollte instinktiv seine Hände wegziehen. Aber er meisterte seine Gefühle - welche auch immer das sein mochten - und zwang sich dazu, ruhig zu bleiben, bis es mir gelang, das Schloß einrasten zu lassen.

Er verharrte so, die Hände ausgestreckt, damit ich sehen konnte, was ich getan hatte, als wollte er mir die Gelegenheit geben, mich des Erfolgs meiner Handlung zu versichern. Vielleicht dachte er, ich hätte plötzlich Angst vor ihm bekommen, vor dem Fremden, der er behauptete während der Jahre, die seit unserer gemeinsamen Zeit in Moesia vergangen waren, geworden zu sein. Dann hob er abermals fragend die Augenbrauen; die Geste war nur leicht angedeutet, ließ ihn jedoch so überlegen, beinahe hoheitsvoll wirken, daß mein Herz einen Sprung machte. Es überraschte mich immer wieder aufs neue, wie vornehm er sein und handeln konnte - trotz seiner niederen Herkunft. Selbst als Sklave in Ketten strahlte er etwas Königliches aus, unendliche Kraft und Würde. Bestimmte Dinge ändern sich nie. Und Maximus war immer noch Maximus, ganz gleich was er selbst von sich zu glauben vorzog.

Ich brachte meine eigenen Gefühle zum Schweigen und starrte auf seine gefesselten Handgelenke - Handgelenke, die ich selbst zusammengeschlossen hatte, und plötzlich wußte ich nicht mehr, warum oder wie ich es getan hatte, oder was ich damit erreichen wollte, den stolzen, starken Mann, der da vor mir stand, auf diese Art zu bändigen. Den Mann, welchen ich mit einer Intensität liebte, die beinahe an Besessenheit grenzte. Den Mann, den ich für immer aufzugeben bereit war, der jedoch Flucht und Freiheit um der Rache willen verweigerte. Den Mann, welchen ich an seine Frau zu verlieren bereit war ... den ich mich jedoch weigerte, an Rache und Tod zu verlieren.

Maximus beobachtete mich neugierig. Er schien nicht ärgerlich zu sein. Nur fasziniert von dem seltsamen Verhalten der Frau, die er sechs Jahre zuvor aus Sklaverei und Prostitution gerettet hatte und die soeben die Eisen um seine Handgelenke zusammengeschlossen hatte. Die Frau, welche er aus der Sklaverei gerettet, dann aber zu der schlimmsten Art von  Knechtschaft verurteilt hatte - denn die Fesseln unerwiderter Liebe sind stärker als jedes eiserne Kettenglied...

Ich warf einen kurzen Blick auf Maximus' Gesicht, dann ging ich zurück zu dem Tisch, von welchem ich das Schloß genommen hatte, und kam mit den Ketten in der Hand zurück. Als er sie sah, wechselte sein Ausdruck von Neugier zu Irritation. Er ließ seine Hände sinken und es sah aus, als wollte er sich von mir abwenden.

"Gib mir Deine Hände", befahl ich und bemühte mich, den Klang meiner Stimme so gebieterisch wie möglich erscheinen zulassen, aber selbst in meinen eigenen Ohren klangen meine Worte alles andere als überzeugend.

Maximus schaute mir aufmerksam ins Gesicht, während ich es vermied, seinem Blick zu begegnen.

"Julia ... es reicht", begann er und klang wie ein Vater, der entschieden hatte, daß sein Kind es zu weit getrieben hatte und es an der Zeit war, dem Spiel ein Ende zu setzen.

Ich schluckte krampfhaft. Ich war kein Kind. Ich hatte hier den Befehl.

"Gib mir Deine Hände."

Er versuchte, mich zu necken. Das war ein Fehler.

"Ist das ein Befehl? Befiehlt die Herrin ihrem Sklaven, es zu erlauben, sich in Ketten legen zu lassen?"

Ich biß mir auf die Unterlippe, weigerte mich jedoch zu antworten und beharrte weiter auf meinem zweifelhaften Standpunkt.

Maximus seufzte in gespielter Resignation und hob abermals die Hände, beobachtete, wie ich mich ungeschickt mit den Ketten anstellte. Auch jetzt wirkte er noch nicht ärgerlich. Nur belustigt. Das machte es noch schlimmer. Aus meinen Augenwinkeln sah ich, wie die Katzen auf ihren Plätzen unruhig zu werden begannen, voller Verachtung auf die primitiven menschlichen Wesen starrten, die sie durch ihr lächerliches und unwürdiges Benehmen im Schlaf gestört hatten.

Endlich hatte ich es geschafft, die Ketten durch die Ringe an seinen eisernen Handfesseln zu ziehen. Ich stand da, wußte nicht, was ich tun sollte, hielt die losen Kettenenden in meinen Händen, die Glieder waren kalt und schwer ... und schienen nutzlos. Ich war frei. Er war ein Sklave. Ich hatte seine Handgelenke zusammengeschlossen. Ich hatte die Ketten an seinen Handfesseln befestigt. Ich hatte hier den Befehl - nicht er ... warum war dann ich diejenige, die sich hilflos fühlte, und nicht er?

"Vielleicht möchtest Du mich an die Säule dort drüben ketten, aber es könnte sein, daß die Ketten den Marmor ein wenig beschädigen", schlug er gelassen vor. Es war offensichtlich, daß er, trotz seiner anfänglichen Irritation, weder mich noch das, was ich tat, ernst nahm. Das war ein Fehler. Ein ernster Fehler. Ein Fehler, den meine Kapitäne, Agenten und Vorarbeiter nur einmal und nie wieder begingen. Ein Fehler, der Avidius Cassius das Leben gekostet hatte. Wußte Maximus das nicht? Kannte er mich nicht besser?

Geschürt durch die Erinnerung an das, was sich vor sechs Jahren in einem Militärlager in Moesia zugetragen hatte, die Erinnerung an den Augenblick, in welchem ich ihm für kurze Zeit den Befehl entrissen und zum allererstenmal mein Leben in die eigenen Hände genommen hatte, verwandelte sich meine Verwirrung in Entschiedenheit. Ich packte ihn grob an den Armen, drehte ihn um und schob ihn nicht gerade sanft rückwärts, bis sein Rücken auf den kalten Marmor der Säule traf, welche jener, die er vorgeschlagen hatte, direkt gegenüber lag, am entgegengesetzten Ende des Zimmers. Ich wäre um keinen Preis auf den Vorschlag eingegangen, den er gemacht und der ihn so erheitert hatte. Statt dessen würde ich ihm zeigen, wer hier den Befehl hatte. Er leistete keinen Widerstand. An der Säule angelangt, schlang ich die Kettenenden jeweils hinten um dieselbe herum und zog die Enden dann wieder nach vorn, zwang ihn, die Ellbogen anzuwinkeln und preßte ihm die zusammengeschlossenen Hände fest an den Körper. Diesmal stellte ich mich nicht ungeschickt an, und einen Moment lang glaubte ich wirklich, daß ich hier den Befehl hatte ... aber meine Verwirrung kehrte schnell zurück, als ich feststellte, daß ich die losen Enden der Ketten in Händen hielt, jedoch nichts hatte, um sie zusammenzuschließen.

"Du kannst so was nicht besonders gut, nicht wahr? Es ist nur zu offensichtlich, daß Du nicht daran gewöhnt bist, ungehorsamen Sklaven Fesseln anzulegen", sagte Maximus, und der Anflug von Humor in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er dachte offenbar, daß es sich um eine Art kindischen Scherz handelte, den er besser gutmütig über sich ergehen lassen und nachsichtig gegenüber der Frau sein sollte, die er aus Sklaverei und Prostitution gerettet hatte. War es für ihn auch ein Scherz gewesen, als er versprochen hatte, mir das Schwimmen beizubringen, mich dann jedoch verließ, während ich vor Kummer eingeschlafen war und von seinem Kind träumte? Kam ihm nie der Gedanke, daß ich bereit war, alles zu tun, um meinen Willen durchzusetzen? Daß es während der vergangenen Jahre für mich selbstverständlich geworden war, meinen Willen durchzusetzen?

Ich warf einen Blick hinüber zu dem Tisch, auf welchem ich den Schlüssel für das Schloß hatte liegen lassen, und ich hörte ihn leise vor sich hin lachen. Der Schlüssel lag außerhalb meiner Reichweite. Innerlich verfluchte ich meine Dummheit, und wütend schleuderte ich die Ketten zu Boden, griff ärgerlich nach dem Schlüssel und drehte mich wieder zu Maximus um. Ich erwartete nichts anderes, als daß er seine Fesseln abgestreift hätte, und ich war bereit, mich auf ihn zu stürzen, sollte er es getan haben ... Er hatte sich nicht gerührt. Aber die Tatsache, daß er keinerlei Widerstand leistete, beruhigte mich nicht im mindesten. Es wirkte eher wie Spott auf mich.

Ich hob die Ketten wieder auf, und mit meiner ganzen Kraft zog ich sie so fest wie ich nur konnte.

Maximus gab einen überraschten Schmerzenslaut von sich, und ich verspürte eine grimmige Genugtuung, als ich das Schloß öffnete, die beiden letzten Kettenglieder hineinlegte und es zuschnappen ließ. Dann trat ich einen Schritt zurück und betrachtete ihn  - die Augen weit, die Hände vor den Mund gepreßt.

 

Ich hatte einen Mann in Ketten gelegt.

Ich hatte einen Sklaven in Ketten gelegt.

Ich hatte Maximus in Ketten gelegt.

 

Er reagierte völlig gelassen auf den schockierten Ausdruck in meinem Gesicht. Auch wenn er wieder Ketten trug, weigerte er sich anzuerkennen, daß er nicht mehr Herr der Lage war. Er weigerte sich, dies anzuerkennen, auch wenn die Frau, derer er sich so sicher gewesen war, völlig anders als erwartet reagiert hatte.

"Ist es das, was Du willst", fragte er, und der Anflug von Sarkasmus in seiner Stimme brachte mich unsanft in die Realität zurück und erinnerte mich an die Dringlichkeit zu handeln.

"Was ich will ist, Dich auf diesem Schiff zu sehen", antwortete ich.

"Julia ..."

"Ich werde Dich von Matrosen an Deck tragen und im Frachtraum einschließen lassen", drohte ich, weigerte mich jedoch, zur Kenntnis zu nehmen, daß meine Stimme die Verzweiflung, die mich zu übermannen schien, nicht länger verbergen konnte.

"Was wenn es der Kapitän nicht erlaubt?" fragte er und bemühte sich um größtmögliche Sachlichkeit.

"Er wird es erlauben. Das Schiff gehört mir, und er steht in meinen Diensten, Maximus. Tatsächlich gehört mir eine ganze Flotte von Schiffen." Während ich noch sprach, warf ich mein Haar mit einer ungeduldigen Kopfbewegung zurück. In den Jahren, die seit meiner Eheschließung vergangen waren, war mir das Gefühl fremd geworden, mein üppiges Haar lose auf meinen Schultern oder meinem Gesicht zu fühlen. Als ich noch eine Sklavin und Hure war, pflegte ich mich hinter meinem hüftlangen Haar zu verstecken, ließ es mir gleich einem rot-goldenen Schleier ins Gesicht fallen, um den Ausdruck von Haß und Traurigkeit in meinen Augen zu verbergen. Ich wollte jenen, die nach Belieben über meinen Körper verfügten und ihn zur selbstsüchtigen Befriedigung ihrer Lüste mißbrauchten, nicht auch noch die Genugtuung gewähren, einen Blick in mein Herz und meine Seele werfen zu können. Aber ich war nicht mehr länger diese Julia - "die Beste, die ich je gezüchtet habe". Ich versteckte mich nicht länger. Mußte mich nicht länger mehr verstecken. Es war besser, mich ernst zu nehmen ... und sich meiner nicht zu sicher zu sein.

Maximus nickte und schaute mich an, als sähe er mich zum erstenmal. Bewunderung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er hatte mich nicht ernst genommen. Er war sich meiner sicher gewesen. Nun begann er einzusehen, daß beides ein Fehler gewesen war.

"Ich bin beeindruckt", sagte er. "Du bist in der Tat nicht mehr dieselbe Frau, die ich kannte, als wir voneinander Abschied nahmen vor ... wie vielen Jahren?"

Seine beiläufige Erwähnung der Vergangenheit tat weh. Sie tat entsetzlich weh.

Ich ließ es nicht zu, daß der Schmerz mich von meinem einmal eingeschlagenen Weg abbrachte.

"Ich habe mich nicht so sehr verändert, Maximus, und Du auch nicht. Die Umstände, unter denen wir jetzt leben, sind andere, aber wir sind immer noch dieselben wie damals."

"Julia, sollte ich nicht hier sein, wenn Proximo zurückkommt, dann wird er einen Mann töten, der mir das Leben gerettet hat. Ich kann nicht zulassen, daß dies geschieht. Juba darf nicht für meine Freiheit sterben."

Obwohl ich mir alle Mühe gab, es zu vermeiden, stiegen mir dennoch Tränen in die Augen, als er von der Brutalität einer Welt sprach, welche die seine geworden war. Einer Welt, in der ein Menschenleben noch weniger zählte, als es dies gewöhnlich tat.

"Vielleicht wird er nicht ... vielleicht meint es Proximo nicht so", sagte ich und bemühte mich um Festigkeit in meiner Stimme, versagte jedoch kläglich.

"Proximo kann es nicht dulden, daß ein Sklave entkommt, ohne entsprechende Strafen zu verhängen. Die anderen Galdiatorenbesitzer würden eine harte Bestrafung fordern, um ihren eigenen Sklaven zu zeigen, daß so etwas nicht geduldet wird. Es würde mich nicht überraschen, sollten sie von Proximo - als Strafe für seine Unachtsamkeit mir gegenüber - fordern, alle seine Gladiatoren zu töten. Ich könnte nicht mit dem Wissen leben, am Tod von Männern schuldig zu sein, die ich als meine Freunde betrachte. Außerdem gibt es nicht ein Fleckchen im ganzen Imperium, welches Commodus nicht durchsuchen ließe, bis er mich gefunden hätte. Was macht es schon für einen Unterschied, ob ich in einigen Wochen sterbe oder erst in ein paar Monaten?"

Was machte es schon für einen Unterschied? Wie konnte er mich fragen, was es für einen Unterschied machte? Vor sechs Jahren hatte ich mein Leben aufs Spiel gesetzt, um ihn zu beschützen und ihm zu helfen, den Thron seines Kaisers zu retten. Vor sechs Jahren war ich bereit gewesen, für ihn zu sterben ... Und ich war es immer noch. Es war noch gar nicht lange her, ich saß auf meinem Platz im zweiten Rang des Kolosseums, da hatte ich die Götter, welche ich aus Mangel an Glauben und persönlichem Groll so geflissentlich ignorierte, angefleht, mein Leben zu nehmen aber ihn zu verschonen ... Wie konnte er es wagen, mich zu fragen, was es für einen Unterschied machte, ob er starb oder nicht?

"Ich will sterben! Ich wollte sterben, solange ich mich erinnern kann, aber ich wußte es nicht! Nicht bis heute nacht! Ich will sterben, General Maximus! Was bedeutet Dir das schon?"*1

Vor sechs Jahren hatte ich ihm dieselbe Frage gestellt. Er war in mein Leben getreten, und in einem einzigen Augenblick war es in tausend Stücke zerbrochen. Er war in mein Leben getreten, und plötzlich hatte ich entdeckt, was es bedeutet, lebendig zu sein. Wirklich, schmerzhaft lebendig. Ich hatte gelernt, was es bedeutet, sich warm und sicher und umsorgt zu fühlen, und was Sehnsucht und Verlangen bedeuten - und vollkommene Zufriedenheit. Und ich hatte auch erkannt, daß, nachdem ich all dies gelernt hatte, ich nicht so weiter leben konnte, wie ich gelebt hatte, solange ich mich erinnern kann. Ich konnte so keinen einzigen Tag weiter leben. Und ich hatte versucht, meinem Leben als Sklavin und Hure, meinem Leben in Sehnsucht und unerfülltem Verlangen ein Ende zu setzen. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt, und als Maximus entdeckte, daß ich versucht hatte, mir die Pulsadern aufzuschneiden, war er wütend geworden.

"Was es mir bedeutet? Du wagst es, mich zu fragen, was es mir bedeutet, ob Du lebst oder stirbst?"

Aber auch ich war wütend gewesen und ohne jede Furcht, so wie ich kurz zuvor, auf einem Ruhebett liegend und um seinen Körper bettelnd, ohne jede Scham gewesen war. Ich hatte ihn herausgefordert, mich über seine Sorge lustig gemacht, und Maximus hatte mich grob geschüttelt, seine Finger in meine Unterarme gegraben, seine tiefe Stimme ein leises, drohendes Grollen.

"Ist Dir klar, wie viele Menschen ich habe sterben sehen? Ist Dir klar, wie viele Männer und Jungen ich zu den Göttern und Ärzten habe flehen hören, sie nicht sterben zu lassen? Ist Dir klar, wie viele Menschen ich getötet oder in den Tod geschickt habe? Ist Dir klar, wie schwer all das Blut und das Sterben auf der Seele eines Mannes lasten?"

Er hatte abrupt innegehalten, aber es war bereits zu spät gewesen, und der bestürzte Ausdruck in seinen Augen hatte mir verraten,  daß er zu viel gesagt, etwas preisgegeben hatte, das tief in seiner Seele verborgen gewesen war, etwas, daß ihn quälte. Etwas das er niemals zuvor irgend jemandem eingestanden hatte ... nicht einmal sich selbst. Da war ein langes Schweigen zwischen uns gewesen, dann hatte Maximus den Kopf geneigt und seinen Mund in einem leidenschaftlichen, brutalen Kuß auf meine Lippen gepreßt. Er hatte mich mit einer so wilden Intensität geküßt, daß meine Lippen schmerzten und der kupfrige Geschmack von Blut meinen Mund füllte ...

Und nun wollte er sterben.

"Alles um der Rache willen? Du lebst für die Rache? Du bleibst für die Rache?" verlangte ich zu wissen -  eine seltsame Frage für eine Frau, die selbst nur für ihre Rache gelebt hatte. Die immer noch für sie lebte. Für die es immer noch vieles gab, für das sie sich rächen wollte - trotz Reichtum und Macht und Freiheit.

Maximus senkte zum erstenmal, seit wir uns wieder begegnet waren, den Blick.

"Es ist nicht nur das ... längst nicht nur das", sagte er ruhig.

"Dann erkläre es mir, denn ich verstehe es nicht."

Er vermied es, mich anzusehen. Statt dessen schaute er hinüber zu einem Tisch, auf dem man unser Abschiedsmahl bereitgestellt hatte.

"Du hast mir Essen versprochen, Wein und Erquickung. Statt dessen finde ich mich abermals in Ketten wieder."

Er sagte dies leichthin, obwohl es diesmal gezwungen klang. Er versuchte, mich abzulenken, mich von meinen Plänen, ihn zu befreien und ihm die Flucht aus Rom zu ermöglichen, abzubringen, wie ein Vater versucht, sein Kind abzulenken, das traurig ist, weil schlechtes Wetter seine Pläne durchkreuzt hat.

Er wirkte entspannt und ruhig, wie er da so gegen die Säule gelehnt stand, aber ich wußte es besser. Wie sehr er sich auch weigerte, es sich einzugestehen, so reichte nicht mal seine eiserne Selbstkontrolle aus zu verbergen, welcher Aufruhr in seinem Inneren herrschte. Er erklärte, sterben zu wollen, aber in seinen Augen war keine Todessehnsucht gewesen, als er mich das erstemal im Licht der Öllampen betrachtet hatte. Da war keine Todessehnsucht in seiner Umarmung, als er mich fest an seinen warmen Körper gedrückt hatte ...

Ich nahm die männlich schönen Züge seines Gesichtes in mich auf, seine umwerfenden grün-blauen Augen, seine lange, vornehme Nase, seinen zärtlichen, schön geformten Mund, sein entschlossenes Kinn, seine breite, unter Streifen schwarzen Leders und Schnallen verborgene Brust, seine muskulösen, bronzefarbenen Arme und Beine ... und ich brach in Tränen aus.

"Du verdienst es. Du verdienst es, in Ketten gelegt zu werden", schluchzte ich, wohl wissend, wie unvernünftig das war, geradezu absurd ... und es war mir gleichgültig. Es war mir absolut gleichgültig.

Maximus machte einen Schritt auf mich zu, aber die Ketten hielten ihn zurück.

"Julia?"

Aus seiner Stimme und seinen Augen sprach Sorge, aber es war zu spät. Seine Sorge war für mich nicht mehr von Belang. Auch Vernunft war mir gleichgültig. Ich war wütend. Fürchterlich wütend. Wütend über das Leben und das Schicksal und die Ungerechtigkeit von beidem. Wütend über Maximus, der sterben wollte, während ich ihm sein Leben und seine Freiheit anbot ... und die Chance, zu lieben und geliebt zu werden. Und wütend über mich selbst, weil ich nicht gelernt hatte, das, was ich nicht haben konnte, auch nicht zu wollen und zu ersehnen und statt dessen immer noch wollte, und ersehnte und litt.

"Wie viele Jahre ist es her, Maximus? Ist es das, was Du gerade fragtest? Nun, ich kann Dir ganz genau sagen, wie viele Jahre es her ist, bis auf den Tag und die Stunde, als ich Dich in Deiner Generalsuniform sah und Du mir Lebewohl sagtest ... und mich aus Deinem Leben wegschicktest!"

Die Boshaftigkeit in meiner Stimme verfehlte nicht ihre Wirkung auf meine Katzen. Nun hell wach starrten sie mich mit großen Augen an. Nigra, immer die Scheue, verschwand pfeilschnell hinter einem der Ruhebetten, während Rubia sich mir vorsichtig näherte, ihre grünen Augen blitzten neugierig und zugleich argwöhnisch. Phoenion schaute zuerst mich, dann Maximus und schließlich wieder mich an und entschied endlich, daß wir nicht der Mühe wert seien. Er rollte sich wieder zusammen und schloß seine goldenen Augen.

Maximus sagte nichts.

Ich dagegen redete weiter.

Ich hätte mich nicht zurückhalten können, selbst wenn mein Leben davon abgehangen hätte. Ich wollte mich nicht zurückhalten. Ich war zu wütend und enttäuscht und frustriert. Zu verbittert.

Warum konnte ich ihn mir nicht aus dem Herzen reißen? Warum konnte ich ihn nicht hassen für all den Schmerz, den er mir durch seine Zurückweisung zugefügt hatte, dafür, daß er mir eine Ahnung dessen gewährt hatte, was ich hätte haben können, wären die Umstände andere gewesen, und mich dann verließ? Warum konnte ich ihn nicht einmal jetzt hassen, wo er mich wieder zurückwies?

"Ich bin besessen von Dir ... jede Stunde jedes Tages während der vergangenen sechs Jahre habe ich an Dich gedacht und mich gefragt, wo Du bist und was Du tust und ob es Dir gut geht. Ich habe Dich in den Armen Deiner Frau gesehen und geweint, weil ich wußte, daß Ich Dich niemals haben würde."

Tränen liefen mir über die Wangen. Ich machte mir nicht die Mühe, sie wegzuwischen.

Maximus starrte unverwandt auf den Teppich.

"Es tut mir leid", flüsterte er.

Leid? Es tat ihm leid? Zurückweisung und Spott schienen nicht auszureichen, mußte er jetzt auch noch Mitleid hinzufügen? Vor sechs Jahren hatte ein junger Tribun mit Namen Martius mich in Maximus' Gegenwart "die Hure" genannt*2, und die brennende Intensität seines Blickes hatte mir Schauer über den Rücken gesandt. Es war der gequälte Blick eines Mannes gewesen, der nicht nur mit gefährlichen Umständen zurechtkommen mußte, sondern auch mit seinen eigenen Dämonen kämpfte, denn in seinen strahlend blauen Augen brannten bittere Wut und Sorge, Schuld und Kummer, lodernder Zorn und Zärtlichkeit ... und Mitleid. Vor sechs Jahren hatte ich schweigend gefleht, er möge mich nicht verurteilen für das, was ich war. Er möge mich nicht verachten, weil ich eine Hure war. Doch vor allem hatte ich darum gefleht, von seinem Mitleid verschont zu bleiben ... aber ich war nicht länger diese Frau. Ich war weder länger "die Beste, die ich je gezüchtet habe" noch "die Hure". Ich flehte nicht mehr. Ich hatte es nicht mehr nötig zu flehen. Ich erteilte Befehle. Ich traf Entscheidungen. Und es ging nach meinem Willen.

Ich richtete mich gerade auf, hob entschlossen das Kinn, meine Stimme war fester und kälter - trotz der heißen Tränen, die mir über die Wangen liefen.

"Es soll Dir nicht leid tun, Maximus. Verstehst Du denn nicht? So viele Male war meine Liebe zu Dir der einzige Grund, daß ich noch leben wollte. Ich habe mich aus Liebe zu Dir verzehrt, Maximus ... an dem Tag, als ich Dich das erstemal sah ... und seither an jedem weiteren Tag."

Maximus sah zur Decke hinauf und blinzelte, die Muskeln an seinem gebräunten Hals arbeiteten, während er krampfhaft schluckte. Er schloß die Augen und lehnte den Kopf gegen den mit goldenen Adern durchzogenen Marmor der Säule. Es war offensichtlich, daß er seine eigene, persönliche Hölle durchlebte, und diese Hölle hatte nichts zu tun mit Tod und Sklaverei, nicht einmal mit der Ermordung seiner Familie. In dieser Hölle gab es nur ihn und mich und was hinter dem Vorhang eines Alkovens während eines wilden Gelages geschehen war.

Es gab nur ihn und mich und was in einem Badezuber mit duftendem Wasser und Rosenblättern geschehen war, während der Tod sich uns näherte. Es gab nur ihn und mich und was in einem Militärzelt zwischen einer halb nackten, betäubten Sklavin und einem attraktiven römischen General geschehen war. Er suchte noch einmal die dunklen Winkel seines Herzens und seiner Seele auf, in die zu blicken er während der vergangenen Jahre nie gewagt hatte. Dunkle Winkel, die er vermutlich ebenso gemieden hatte, wie er mich während der Tage, die auf Cassius' Tod folgten, gemieden hatte ...

Es war unmöglich, daß er meine Liebe zu ihm nicht bemerkt haben sollte. Unmöglich, daß er sich selbst eingeredet haben könnte, daß meine Liebe zu ihm nur die mädchenhafte Vernarrtheit einer jungen Sklavin in ihren strahlenden Retter gewesen sei. Er wußte es besser ... auch wenn er versuchte, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Aber zu hören, wie ich es laut aussprach, hatte eine weitere schwere Bürde zu seinem eigenen Unglück hinzugefügt. Es wäre jetzt an mir gewesen, ihn zu bemitleiden, aber ich war so wütend, so fürchterlich wütend, daß mein Ausbruch am Strand an jenem stürmischen Nachmittag dagegen wie eine kindische Laune erschien. Nicht einmal der Anblick seines eigenen Schmerzes reichte aus, meine verzweifelte Wut zu besänftigen.

"Aber Du hast nie wieder auch nur einmal an mich gedacht, nicht wahr, Maximus? Du warst zu beschäftigt mit Deiner Familie und der Rettung des Imperiums, um noch einen Gedanken an die junge Sklavenhure zu verschwenden."

"Das ist nicht wahr", flüsterte Maximus, die Augen noch immer geschlossen.

Ich ging zu ihm hin und packte ihn an den Unterarmen, grub meine Nägel in sein Fleisch. Mit leiser Stimme sagte ich fordernd und eindringlich:

"Warum hast Du nicht auf meinen Brief geantwortet?"

Aus den Augenwinkeln nahm ich vage eine Bewegung in der Nähe der Tür wahr, zollte dem aber keine weitere Beachtung, da ich all meine Aufmerksamkeit allein auf Maximus konzentriert hatte, auf jede seiner Gesten, jede Bewegung und jedes Wort.

"Brief?" Maximus sah mich an, sein schönes, bärtiges Gesicht ganz nah an meinem, Bestürzung in der Stimme. In Gedanken sah ich den scheinheiligen Ausdruck in Aemilius Trebutius Flaccus' Gesicht jedesmal, wenn er das Gespräch wieder auf den Brief brachte, den er für mich nach Vindobona gesandt hatte, und ich hörte den heimlichen Spott in seiner höflichen Stimme, wenn er mir wieder einmal erklärte, daß er keine Antwort auf denselben erhalten habe. Die Demütigung, die mir einzugestehen ich mich wieder und wieder geweigert hatte, schlug plötzlich wie eine Woge über mir zusammen, und ich wirbelte herum, um mein hochrotes Gesicht vor Maximus zu verbergen, weigerte mich, ihn das ganze Ausmaß meines Unglücks sehen zu lassen ... verbarg mich zum erstenmal, seit ich die Freiheit erlangt hatte, wieder hinter dem Schleier meines rot-goldenen Haares. Einen Moment lang war im Zimmer nichts anderes zu hören als mein keuchender Atem. Dann nahm ich alle Kraft zusammen, um mich wieder in die Gewalt zu bekommen, und wandte mich ihm erneut zu: die Hände in die Hüften gestemmt, den Kopf in einer Geste der Anklage leicht geneigt, bot ich das typische Bild der zänkischen Ehefrau, wie man sie aus den derben römischen Possen kennt, aber ich war unfähig, mich zurückzuhalten.

"Man sagte mir, Du habest den Brief erhalten. Versuch nicht, mir einzureden, daß Du ihn nicht bekommen hättest."

"Ja, ich habe ihn bekommen. Ich ..."

"Aber Du hast ihn nicht beantwortet!"

"Julia", flehte er. "Ich erhielt ihn, als ich in Castra Regina war. Er erreichte mich nur wenige Stunden, bevor das Lager von Barbaren angegriffen wurde. Ich las ihn, Julia, und ich begann sogar, ihn zu beantworten, aber ... ich hatte nicht die Zeit. Julia ... ich war im Krieg. Mein eigenes Lager wurde nur Tage später angegriffen, und ich verlor Hunderte von Männern. Ich wurde schwer verwundet ... "

 Ich wurde immer wütender. Mein erhitztes Gesicht brannte, nicht weil ich mich gedemütigt fühlte, sondern weil ich vor Zorn nur noch rot sah. Herausfordernd verschränkte ich die Arme vor der Brust.

"Du hättest später antworten können."

"Der Brief ging verloren. Er muß irgendwo in meinem Zelt verschwunden sein, denn ich konnte ihn später nicht mehr finden."

"Wieso hielt dich die Tatsache, daß Du meinen Brief nicht mehr finden konntest, davon ab, ihn zu beantworten?" geißelte ich ihn erbarmungslos. Maximus fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, ein Mann, der nicht mehr wußte, was er machen sollte, der versuchte, vernünftig mit jemandem zu sprechen, der jenseits aller Vernunft war, der versuchte, die Kontrolle über sich zu behalten, auch wenn alles um ihn herum außer Kontrolle geraten war. Warum konnte er nicht ein schlichtes, bescheidenes menschliches Wesen sein? Warum mußte er immer über den Normalsterblichen stehen, ganz gleich, wie elend seine Lebensumstände auch sein mochten?

"Ich konnte mich nicht mehr an Deinen Nachnamen erinnern und wo Du lebtest. Ich ließ meinen Diener nach dem Brief suchen, aber auch er fand ihn nicht. Weißt Du, wer ihn fand, Julia? Weißt Du, wer ihn am Ende fand?"

Mein Mund nahm einen trotzigen Zug an. Der Ton seiner Stimme ließ keinen Zweifel darüber zu, wer ihn gefunden hatte. Aber ich wollte es von ihm hören. Ich wollte die bittere Genugtuung haben, ihn sagen zu hören, daß seine Bauersfrau von meiner Existenz gewußt hatte ... und gewußt hatte, daß ihr Ehemann nicht für jede andere Frau gänzlich immun war. Ich wollte die bittere Genugtuung haben zu wissen, daß die Frau, der Maximus' Herz und Körper und Treue gehört hatten, die Frau, die verhindert hatte, daß er mir auch nur für eine Nacht gehörte, diese gesichtslose Frau, die noch jetzt aus dem Jenseits Anspruch auf ihn erhob, daß sie wenigstens einmal so gelitten hatte wie ich, und aus demselben Grund, der mich jeden Tag und jede Nacht der vergangenen sechs Jahre gequält hatte.

"Meine Frau, sie hat ihn gefunden.*3 Sie war bei mir in Vindobona. Ich mußte ihr erklären, wer Du warst und warum ich einen Brief von einer Frau, die ich ihr gegenüber nie erwähnt hatte, bekam, und der - davon war Olivia fest überzeugt - ein Liebesbrief war."

Da hatten wir es. Er hatte es ausgesprochen. Aber es war noch nicht genug. Nicht im geringsten.

"Du hättest Nachforschungen anstellen und herausfinden können, wo ich lebte, wenn Du es wirklich gewollt hättest."

"ICH WAR IM KRIEG! ICH WAR EIN GENERAL UND ICH WAR VERANTWORTLICH FÜR EINE GANZE ARMEE!"

Maximus explodierte - rasend vor Wut zerrte er an seinen Fesseln, die eisernen Kettenglieder rasselten und klirrten. Dies geschah so plötzlich, daß es mich beinahe umwarf, sein glühender Zorn war von einer solchen Heftigkeit, daß ich ihn wie einen Schlag körperlich spürte. Erschrocken taumelte ich einen Schritt zurück und preßte eine Hand auf mein wild hämmerndes Herz. Rubia schoß unter eines der Ruhebetten und Phoenion sprang auf die Terrasse hinaus. Ich hatte nie erlebt, daß er seine Stimme im Zorn erhob, sie nie so donnern gehört. Nicht einmal, als er den Befehl über Cassius' Legion übernommen hatte und dessen Offiziere verhaften ließ. Seine Wut durchbohrte mich wie ein Blitzstrahl, und ich sah in seinen Augen jenes mörderische blau-grüne Leuchten, das seine Feinde sahen, bevor sie starben. Ich streckte ihm meine zitternden Hände besänftigend entgegen, wagte jedoch nicht, ihn anzufassen, während seine Wut gleich einem gewaltigen Sturm auf hoher See über mich hinwegrollte.

"Ich habe gekämpft, um römische Städte, römische Bürger, römische Soldaten zu retten! Ich habe gekämpft, um das Imperium zu erhalten! Aber ich habe verloren, Julia, ich habe alles verloren! Meine Familie, meinen Kaiser, meine Armee ... meine Freiheit! Und während dessen hast Du Dir Gedanken um einen verdammten Brief gemacht!" Maximus Brust hob und senkte sich, sein Gesicht vor Zorn gerötet. Er ließ den Kopf sinken und schüttelte ihn traurig. "Und Du hast Dir nur Gedanken um einen verdammten Brief gemacht", wiederholte er völlig erschöpft.

Sein Körper sackte gegen die Säule. Er verharrte so einen Moment lang, dann hob er plötzlich den Kopf und lachte bitter.

"Was sollte das heute nacht, wolltest Du mich für diesen Brief bestrafen? Wurde ich deshalb von Deinem Freund, Apollinarius, so gequält, und dann in diesen Ketten stundenlang hängen gelassen in der festen Überzeugung, daß mir eine Vergewaltigung bevorstand ... daß ich eine Woche lang der Sex-Sklave Deines Freundes sein würde? Genau wie Du es einst warst?"

Maximus ließ seinen Kopf zurück gegen die Säule sinken. "Hast Du mich deshalb höchst persönlich wieder in Ketten gelegt, um ganz klar zu machen, daß unsere Positionen jetzt vertauscht sind?"

"Nein", formte ich unhörbar mit den Lippen, aber kein Laut kam aus meiner verkrampften Kehle.

"Hast Du Dich jetzt ausreichend gerächt für diesen unbeantworteten Brief, Julia, für Dein Leben als Sklavin? Hast Du mich nun genug bestraft?"

Er lachte rauh, ein unangenehmer Laut, der mir Schauer über den Rücken sandte.

"Und Du wirfst mir vor, ich würde nur für die Rache leben."

Mit zitternden Knien bewegte ich mich rückwärts und sank in einen Stuhl. Ich brauchte nicht in den Spiegel zu sehen um zu wissen, daß alles Blut aus meinem Gesicht gewichen war. Die lastende Stille wurde nur von Maximus' unregelmäßigen Atemzügen unterbrochen. Die gelbbraune Katze steckte ihren Kopf durch die Schlafzimmertür, schien zu erwägen, wie sicher die Lage war, und kam dann leise in mein Wohnzimmer. Leaenea, Phoenions Tochter und das einzige unter Rubias Kindern, das seinem stolzen abessinischen Vater glich. Sie sprang auf meinen Schoß, wollte ein bißchen Aufmerksamkeit, aber ich war zu sehr in mein eigenes Elend versunken, um auch nur eine Hand zu heben und sie mechanisch zu streicheln. Leaenea hatte nicht nur die gelbbraune Farbe ihres Vaters geerbt sondern auch dessen Hochmut, und so sprang sie nach kurzer Zeit wieder von meinem Schoß herab und stolzierte davon - entrüstet über die jämmerliche Frau, die ihre königliche Gesellschaft nicht einmal zu schätzen wußte.

Von seinem Platz an der Säule aus beobachtete Maximus die beleidigte Katze, welche - den nervös hin und her zuckenden Schwanz steil aufgestellt - das Zimmer durchquerte. Offenbar war er dankbar für diese Ablenkung, während wir allmählich von einander abließen und unsere Wut sich zu erschöpfen begann. Ich beobachtete ihn, wie er Leaenea beobachtete, und dachte dabei traurig über seine zornigen, bitteren Worte nach. Hatte er recht? War es das, was ich ihm in Wirklichkeit angetan hatte, als ich ihn angekettet, ängstlich und allein stundenlang in der Überzeugung ließ, man würde ihn als Hure benutzen, so wie ich gnadenlos benutzt worden war? Spielte es eine Rolle, daß ich nie beabsichtigt hatte, ihn so lange im Ungewissen zu lassen? Spielte es eine Rolle, daß ich nie beabsichtigt hatte, ihn glauben zu lassen, er sei vermietet worden wie man einen Zuchthengst vermietet, und noch dazu an einen Mann? Hatte ich insgeheim Proximo zugestimmt, daß es an der Zeit sei "dem arroganten Spanier" die Lektion zu erteilen, die er dringend nötig hatte? Hatte ich versucht, ihn zu bestrafen, weil er meinen Brief  nicht beantwortet hatte? Ihn zu demütigen, weil er frei, stolz und als ein Mann geboren worden war, während ich als hilflose Frau und Sklavin in diese Welt gekommen war? Hatte ich versucht, ihn zu bestrafen, weil er mich nicht liebte? War ich die ganze Zeit auf diese Rache aus gewesen, die kein Geld der Welt kaufen konnte?

Leaenea sprang anmutig auf den Tisch, wo das als Abschiedsmahl gedachte Essen bereit stand, und begann vorsichtig, sich einen Weg zu den Krabben zu bahnen. Seine Augen immer noch wie gebannt auf die Katze gerichtet, leckte Maximus sich unbewußt die Lippen.

Keiner von uns sagte ein Wort. Statt dessen verharrten wir beide so lange Zeit, nur die Länge und Breite des Raumes trennte uns von einander, aber es hätte ebenso eine ganze Welt sein können. Schweigend und unnahbar, beide zu sehr verletzt, um es in Worte fassen zu können. Beide hatten wir einander unendlich weh getan. Beide waren wir erschöpft. Beide besiegt. Beide Sklaven. Und beide so entsetzlich einsam.

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*1  vgl. Julias Tagebuch 1.Teil  5.Die Nacht in seinem Zelt

*2 vgl. Julias Tagebuch 1.Teil  8.Nachwehen und Maximus' Zweite Verweigerung

*3 vgl. Maximus' Geschichte Kapitel 87


12.b In Ketten - 180 AD - Teil 2

Endlich zwang ich meine weichen Knie dazu, ihren Dienst wieder aufzunehmen. Ich stand auf, nahm den Schlüssel und ging zu Maximus hinüber, gab ihm Zeit - genau wie ich es unten im Atrium getan hatte. Zeit mich anzuschreien oder mich zurückzuweisen oder beides. Er tat es nicht. Ohne ein Wort schloß ich die Ketten auf, wobei ich es sorgfältig vermied, ihn zu berühren, dennoch konnte ich nicht umhin, die zarten Härchen auf seinen Unterarmen zu bemerken, die Wärme seines muskulösen, in schwarzes Leder gehüllten Körpers, seinen männlichen Duft, der mir in die Nase stieg, mich lockte, näher zu kommen, seine kraftvollen Schultern zu packen, meinen Körper gegen den seinen zu pressen und mit einem heißen Kuß von seinem Mund Besitz zu ergreifen ...

Ich zwang mich, meine Hände ruhig zu halten und biß mir auf die Unterlippe, während ich an dem Schloß arbeitete und die Ketten fallen ließ. Ich fühlte seinen Blick, der gebannt an meinen Händen hing, wie er sorgfältig darum bemüht war, mir nicht ins Gesicht zu sehen.

"Ich bin müde, Maximus, und der Morgen dämmert schon fast", sprach ich mit tonloser Stimme gegen seine Brust. Plötzlich fühlte ich mich erschöpft, so erschöpft wie nie zuvor. "Ich brauche etwas Schlaf und Du sicherlich auch. Ich ... ich habe eigentlich kein Zimmer für Dich vorbereitet, weil ich glaubte, Du würdest jetzt bereits an Bord des Schiffes sein. Aber es gibt hier ein zweites Schlafzimmer ...", ich wies mit dem Kopf auf den als Kinderzimmer gedachten Raum, "und es ist ziemlich dunkel, weil es kein Fenster hat. Du wirst also ausschlafen können."

Maximus löste sich von der Säule und stand, während er die Ketten von seinen Handgelenken entfernte, dicht vor mir. So dicht, daß ich die Wärme seines Körpers spüren und den Moschusduft seiner Haut riechen konnte. So dicht, daß ich nur einen Schritt hätte tun müssen, um wieder in seinen Armen zu liegen ...

"Ich fürchte, es ist ein bißchen feminin", stammelte ich. Seine Wärme und sein Geruch verwirrten mich, und plötzlich wurde mir klar, daß, sollte ich den Raum nicht augenblicklich verlassen, ich einen noch gravierenderen Fehler begehen würde als jene, die mir bereits unterlaufen waren. "Kein Mann hat je diese Räume mit mir geteilt ... "

Ich hielt inne, aber es war bereits zu spät.

"Dein Ehemann?" fragte Maximus leise und zog unterdessen die Ketten aus den Ringen an seinen Handeisen. Ich konnte fühlen, wie er versuchte, mir ins Gesicht, in die Augen zu sehen, versuchte, die Wahrheit zu finden, die er dort verborgen glaubte. Ich hatte ihm mein nacktes, blutendes, verwundetes Herz gezeigt. Ich weigerte mich, ihn auch einen Blick in meine nackte, blutende, verwundete Seele werfen zu lassen. Ich neigte den Kopf und ließ mir mein Haar ins Gesicht fallen, versteckte mich hinter dem rot-goldenen Schleier. Versteckte mich, wie ich mich nie mehr versteckt hatte, seit ich frei geworden war ... Versteckte mich zum zweitenmal in dieser Nacht. Was bedeutete es ihm schon, daß ich nach einem lebenslangen Hurendasein nun das Leben einer jungfräulichen Vestalin*1 führte? Er wollte nur seine Rache. Und den Tod.

"Er war es nur dem Namen nach. Wir waren niemals intim mit einander. Als man mich aus der Sklaverei entließ, schwor ich mir, daß ich meinen Körper nie wieder mit einem Mann teilen würde - es sei denn aus Liebe", sagte ich mit so leiser Stimme, daß es kaum mehr als ein Flüstern war. "Ich hatte meinen Gemahl sehr gern, aber ich liebte ihn nicht. Also ... habe ich hier allein gelebt."

Einen kurzen, flüchtigen Moment lang schien es, als wollte Maximus mich berühren, mich in seine Arme nehmen ... und zum erstenmal, seit ich ihm begegnet war, hatte ich Angst, er würde genau dies tun. Denn sollte er mich in seine Arme schließen, mir Trost und Wärme und Geborgenheit schenken, nur um mich dann wieder zu verlassen, so könnte nicht einmal der Tod meine Qualen beenden.

Maximus war so gnädig und rührte sich nicht.

Ich atmete tief durch und sprach weiter, vermied es jedoch immer noch, seinem Blick zu begegnen.
"Ich werde Apollinarius bitten, daß er eine Möglichkeit findet, Dich von diesen Handeisen zu befreien, und er wird  Dir auch angemessene Kleidung und Sandalen besorgen. Wenn Du nun schon eine Woche hier bleibst, dann sollst Du Dich auch wohlfühlen. Du kannst nach dem Aufstehen baden."

Er nickte. Ohne ein Wort ging ich hinüber zu meinem Schlafzimmer und schloß, ohne mich noch einmal nach ihm umzudrehen, leise die Tür hinter mir. Dann lehnte ich mich mit dem Rücken gegen sie und schaute mich in meinem Zimmer um.

Stunden zuvor, als ich im Begriff gewesen war, die Sicherheit meines privaten Heiligtums zu verlassen, da hatte ich gewußt, daß, was auch immer zwischen jenem Augenblick und meiner Rückkehr in dieses Zimmer geschähe, nichts mehr so ein würde wie früher. Und so war es.

Ich hatte auch gewußt, daß ich, nachdem ich Maximus ein letztes mal gesehen haben würde, wenn nicht als Mensch so doch als Frau tot sein würde und das unabhängig davon, wie lange mein Leben auf dieser Erde noch währte ... Und da war ich nun - zurück in meinem Sanktuarium, und ich fühlte mich tot, wie ich es im voraus gewußt hatte ... aber nichts war so gelaufen, wie ich es geplant hatte. Ich hatte versagt, hatte ihn nicht retten können, und es war mir lediglich gelungen, uns beide tief zu verletzen. Maximus war hier, aber ich konnte ihn nicht haben. Ich war bereit gewesen, ihn an seine Frau und an die Ehre zu verlieren, aber ich bin dazu verdammt, daß der Tod ihn mir nehmen wird. Warum spielte das Schicksal immer sein grausames Spiel mit mir? Ich war bereit, mich zu unterwerfen. Warum wurde trotzdem immer noch mehr von mir gefordert?

Ich glitt an der Tür hinunter, setzte mich auf den kalten Marmorboden, schlang die Arme um meine Knie und brach in Tränen aus. Ich weinte hilflos wie ein Kind, und das heftige, würgende Schluchzen drohte mir den Atem zu nehmen. War es so auch für die Dame Lucilla gewesen? War es so für sie gewesen, als man ihr im Alter von achtzehn Jahren Maximus verweigert hatte? Hatte sie genauso hilflos wie ich jetzt geweint, als man sie von Maximus weggezerrt und mit Lucius Verus, dem Adoptivbruder und Mitregenten ihres Vaters, verheiratet hatte? Hatte sie in ihrem Hochzeitsbett gelegen wie eine zerbrochene Puppe, während ihr Ehemann sie nahm, und hatte dabei von Maximus geträumt, so wie ich in meiner Hochzeitsnacht von ihm geträumt hatte, auch wenn mir ungewollte Intimität erspart geblieben war? War es so für die verwitwete Kaisertochter gewesen, als man sie Maximus zur Ehe angeboten und dieser sie zurückgewiesen hatte? Hatte sie so wie ich getobt? Hatte sie so wie ich seine Frau und ihn und das Schicksal und sich selbst verflucht? Hatte sie sich nach Rache verzehrt? Hatte sie eine bittere Genugtuung verspürt, als sie sah, wie man ihn zwang zur Unterhaltung des Pöbels zu kämpfen? Plötzlich wünschte ich, Lucilla wäre hier, und ich könnte sie fragen...

 

Ich stolperte hinüber zu meinem Toilettentisch, nahm meine Juwelen ab und legte sie sorgsam in ihr mit Samt überzogenes Kästchen. Dann zog ich meine elegante elfenbeinfarbene Tunika aus, legte sie mit dem gleichen verrückten Sinn für Ordnung sorgfältig auf die Lesecouch und stellte die Sandalen darunter. Aus einer meiner Truhen nahm ich ein cremefarbenes Seidengewand und zog es an, bevor ich wieder zu meinem Toilettentisch zurückging, eine Bürste nahm und mein langes Haar damit bearbeitete. Die Tränen rannen mir immer noch über das Gesicht und ich bürstete mein Haar mit verbissener Konzentration, während ich mein Abbild im Spiegel vor mir betrachtete. Es zeigte mir eine Fremde, blaß, mit großen, blauen Augen, einem gehetzten Blick und Lippen, die fest aufeinander gepreßt waren, um zu verhindern, daß sie zitterten oder vielleicht auch, um das Heulen eines verwundeten Tieres zurückzuhalten ...

Ein lautes Miauen hinter meinem Rücken erschreckte mich so sehr, daß ich beinahe die Bürste fallen ließ. So fordernd konnte nur Phoenion miauen. Die abessinische Katze saß auf dem Teppich. Sie war über die Terrasse vor meinem Schlafzimmer hereingekommen und sah mich mit einer Mischung aus Neugier und Ungeduld an, die eine Erklärung für die unwürdige, lärmende Vorstellung im Wohnzimmer zu fordern schien.

Ich lächelte unter Tränen, wischte mir abermals über Nase und Augen und hob dann den sandfarbenen Kater auf meinen Schoß.
Sofort fing er an zu schnurren.

"Es tut mir leid, mein Schöner", sagte ich leise, und hielt, während ich sprach, meine Lippen dicht an sein Ohr, so wie Katzen es gerne haben. "Alle scheinen verrückt geworden zu sein, nicht wahr?"

Die Katze auf dem Arm ging ich hinüber zu meinem Bett, blieb jedoch unvermittelt stehen, als ich von draußen Stimmen hörte ... Ich runzelte die Stirn und näherte mich dem Durchgang, der auf die Terrasse hinaus führte, hielt aber wiederum inne, als ich bemerkte, daß eine der Stimmen die von Apollinarius war.*2

"General?"

Maximus war auf der Terrasse, er stand dicht an der Marmorbrüstung und schaute hinunter in den Garten, wo sich Apollinarius aufzuhalten schien.

Es hatte den Anschein, als wollte Maximus sich abwenden.

"General! Bitte! Ich möchte es Dir erklären und ich möchte mich entschuldigen. Bitte."

Widerstrebend kehrte Maximus zurück an die Brüstung.

"Danke, Herr. Es ... es tut mir unendlich leid, daß Ich Dich heute nacht so gequält habe - wie ich bereits sagte. Ich hatte wirklich keine Ahnung, daß Du dort so lange angekettet ausharren mußtest."

"Du warst derjenige, der den Schlüssel hatte", entgegnete Maximus kalt.

"Ja, das weiß ich. Aber Julia kam zu mir und bat mich, ihr ein wenig mehr Zeit mit Dir zu geben. Ich wußte, daß man Dich sofort auf ein Schiff bringen würde ... und ich wußte auch, wie sehr sie Dich liebt, deshalb wollte ich ihr die Gelegenheit geben, der Zeit so viele gemeinsame Minuten mit Dir abzuringen wie nur möglich.

"Ich war allein."

"Das weiß ich jetzt. Ich kann nur nochmals sagen, daß es mir leid tut. Julia ist eine wunderbare Frau und ich versuche zu verstehen, warum sie das getan hat. Ich glaube nicht, daß sie Dich absichtlich quälen wollte ... das glaube ich wirklich nicht. Sie liebt Dich, Herr, von ganzem Herzen. Als sie entdeckte, daß der Gladiator Maximus wirklich ihr General Maximus war, da hat sie das beinahe vernichtet. All die Zeit hatte sie Dich glücklich und in Sicherheit geglaubt, und es hat sie schwer getroffen, als sie feststellen mußte, daß dem nicht so war."

Ich sah, wie Maximus sich gegen die Brüstung lehnte, die Arme vor der Brust verschränkte und in die Dunkelheit starrte.

"Ich entschuldige ihr Verhalten heute nacht nicht, Herr, ... oder das meine - was das betrifft. Es war so unglaublich, einen  Mann von Deiner Stärke und Kraft in meiner Gewalt zu haben, und ich gebe zu, daß ich das ausgenutzt habe. Ich schäme mich für mich selbst."

Maximus fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er schaute erwartungsvoll zu Apollinarius in den Garten hinunter.

Der ältere Mann schien das als Zeichen zu nehmen, weiter zu sprechen. "Ich konnte nicht umhin, einen Teil Eurer Unterhaltung heute nacht mit anzuhören ... oder sollte ich besser sagen: Eurer Auseinandersetzung? Ich weiß nicht, warum Julia sich so hartnäckig in die Sache mit dem Brief verbissen hat, General.  O, sie war furchtbar enttäuscht, als sie keine Antwort erhielt aber sie kam darüber hinweg. Sie hatte diesen Brief tatsächlich seit Ewigkeiten nicht mehr erwähnt. Heute nacht brauchte sie etwas Greifbares, an dem sie ihre Enttäuschung festmachen konnte ... und sie wählte den Brief."

"Enttäuschung?"

"Ja. Sie dachte, sie könnte Dich retten, so wie Du sie gerettet hast ..."

Phoenion stupste mit dem Kopf gegen mein Kinn, forderte Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit, und ich bemühte mich, ihn zu beruhigen. Ausnahmsweise beschloß der Kater, mir einen Gefallen zu tun, und blieb still in meinen Armen liegen. Seinen Körper warm und weich und pelzig an meine Brust gedrückt, schnurrte er laut und regelmäßig. Ich hielt mich im Schatten versteckt, schob vorsichtig einen der durchscheinenden Vorhänge beiseite, die dazu bestimmt waren, mein Schlafzimmer vor nächtlichen Insekten zu schützen, und spähte hinaus. Die Nacht war schwarz, nur ein schmaler Lichtstreifen war am östlichen Himmel zu erkennen, und einzelne Lichter blinkten in der Ferne, Ostias Leuchtturm war von dieser Seite der Villa aus nicht zu sehen.

"... und Dir die Freiheit schenken, wie Du sie ihr geschenkt hast. Aber Du hast es nicht zugelassen. Indem Du es nicht zuließest, wähltest Du den sicheren Tod ... zogst es vor, Dich ihr abermals zu entziehen."

Trotz des schwachen Lichtes sah ich Maximus seufzen.

"Mein Leben ist sehr kompliziert. Von außen betrachtet mag es einfach erscheinen, aber es ist dennoch kompliziert. Ich habe eine Verpflichtung, und ich muß sie erfüllen - koste es was es wolle. Und es wird mich vermutlich das Leben kosten."

"General, Du hast den Tod gewählt statt Julias Angebot der Freiheit anzunehmen."

"Gewählt? Ich habe keine Wahl. Warum nehmt ihr beide, Du und Julia, an, ich hätte eine?"

Nun schien Apollinarius verwirrt. So verwirrt wie ich es war.

"Ich vermutete ... "

"Du vermutest zu viel. Ich habe Pflichten. Ich habe keine Wahl. Unglücklicherweise spielt Julia bei diesen Pflichten keine Rolle."

"Unglücklicherweise ...?"

Mein Herz schlug wie wild, und ich drückte Phoenion fest an meine Brust. Er blinzelte mit seinen goldenen Augen, protestierte jedoch nicht und unternahm auch keinen Versuch, sich zu befreien.
Maximus machte Anstalten, sich von der Brüstung zurückzuziehen, kehrte dann aber wieder um und lief unruhig auf und ab. Er war so augenfällig frustriert, daß ich mich gewaltsam zurückhalten mußte, um nicht zu ihm zu gehen, ihn nicht in meine Arme zu nehmen und zu beruhigen, wie man ein verstörtes Kind beruhigt.
Er setzte an zu sprechen, hielt inne, und begann von neuem.

"Denkst Du etwa nicht, daß ich mich geschmeichelt fühle, wenn eine Frau von ihrer Schönheit und Intelligenz mich anziehend findet? Denkst Du etwa nicht, daß, wenn wir nur mehr Zeit hätten, ich wahrscheinlich ihre Liebe erwidern könnte? Ich habe keine Zeit, Apollinarius. Ich habe keine Wahl. Meine Anwesenheit hier macht es für jeden nur noch schlimmer. Es wäre besser gewesen, wenn man mich in meiner Zelle in Rom gelassen hätte."

"Das hatte ich nicht verstanden. Ich entschuldige mich nochmals bei Dir, General."

Da war Trauer in Apollinarius' Stimme. Trauer und Verständnis. Maximus nickte kaum merklich und blickte zum östlichen Himmel, dorthin, wo die rote Sonne eben über den Horizont stieg.

"Apollinarius, bin ich ein Narr, daß ich Julias Angebot nicht angenommen habe und der Sklaverei nicht entflohen bin? Bin ich mein Leben lang ein Narr gewesen, weil ich die Pflicht über mein persönliches Glück gestellt habe? Aber ich kann einfach nicht anders. Seit ich mit vierzehn Jahren in die Armee eingetreten bin, hat man mich gelehrt, meine Pflicht zu tun ..."

Dann ging er ohne ein weiteres Wort zurück in das Wohnzimmer und ließ mich zitternd und schockiert zurück ... und hoffnungslos verliebt. 

Ich rührte mich nicht von meinem Platz am Ausgang zur Terrasse, bis die ersten Sonnenstrahlen schräg auf den Marmorboden meines Schlafzimmers fielen. Phoenion war schon lange eingeschlafen, und plötzlich schien sein Gewicht zu schwer für meine müden Arme. Ich legte ihn auf einen Stuhl und rollte mich in meinem großen Himmelbett zusammen. Sorge und Gram überwältigten mich endlich, und meine Augenlieder wurden schwer wie Blei.

"Denkst Du etwa nicht, daß, wenn wir nur mehr Zeit hätten, ich wahrscheinlich ihre Liebe erwidern könnte?"

Bevor ich einschlief, schwor ich mir, daß eine Woche Zeit genug sein würde.

Erschöpft von den Emotionen und der Anspannung der vergangenen Woche, die sich in dem Ausbruch im Wohnzimmer entladen hatte, schlief ich viele Stunden durch,  blind und taub für die Welt um mich herum und selbst für Maximus, der so dicht bei mir schlief. Keine Träume, keine Alpträume störten meinen Schlaf, und als ich aufwachte, genügte ein Blick auf das Licht, das von der Terrasse her einfiel, um mir zu sagen, daß es schon später Nachmittag sein mußte. Ich setzte mich im Bett auf, und mein Blick wanderte sofort zur Tür.

Maximus.

Es war seltsam still in meinen Räumen, nicht einmal die Katzen waren zu sehen.
Ich sprang aus dem Bett und wusch mich eilig, wobei ich flüchtig bemerkte, daß meine Augen leicht verschwollen waren. Zu sehr in Eile, um erst mein Haar zu bürsten oder nach einem Paar Pantoffeln Ausschau zu halten, öffnete ich die Tür und trat barfuß hinaus in mein Wohnzimmer, das lange Haar vom Schlaf zerzaust. Alles war noch so, wie wir es in der vergangenen Nacht zurückgelassen hatten. Maximus schien immer noch zu schlafen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, wickelte mein cremefarbenes seidenes Gewand fester um mich und öffnete die Tür zu dem Zimmer, in welchem Maximus schlief. Halb erwartete ich, daß er bereits wach war, und fragte mich, wer nach dem Zusammenstoß der vergangenen Nacht zuerst das Wort ergreifen würde.
Ein Lichtstrahl fiel vom Wohnzimmer her auf das Bett ... es war unberührt.

Mit klopfendem Herzen schloß ich die Tür wieder. War er nach seinem Gespräch mit Apollinarius fortgegangen? Einer Panik nahe wandte ich mich um und fragte mich, was ich tun sollte ... dann blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen. Maximus lag ausgestreckt auf dem Ruhebett neben dem Tisch mit dem Essen. Er schnarchte leise, eine Hand ruhte sanft auf Nigra, während die scheue schwarze Katze zufrieden schnurrend auf seiner Brust schlief, ihr Körper sich im Rhythmus seines Atems hob und senkte.

Ich schlich näher. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seinen ledernen Brustpanzer abzulegen. Das Ruhebett war zu kurz für ihn, ein Bein baumelte über das Fußende, während das andere angewinkelt war und der Fuß auf dem Boden stand - auch die Stiefel hatte er nicht abgelegt. Im Schlaf hatte sich seine Tunika hochgeschoben und seine gebräunten, behaarten, muskulösen Beine beinahe völlig entblößt. An seinem rechten Oberschenkel war eine häßliche Narbe zu sehen. Sie war tief und schien von einer Speer- oder Pfeilwunde herzurühren. War sie die Folge jener schweren Verwundung*3, die er in der vergangenen Nacht erwähnt hatte? Ich mußte alle Willenskraft aufbieten, um nicht meinen Finger über diese Narbe gleiten zu lassen, so wie ich mit meinem Finger seinen Namen auf dem Marmor des Kolosseums nachgezeichnet hatte. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und fragte mich, wie viele Narben noch unter dem schwarzen Leder verborgen sein mochten, wie viel sein gottgleicher Körper während all der Jahre seines Soldatenlebens und später als Gladiator erduldet haben mochte ...

Seine andere Hand lehnte gegen das rückwärtige Ende der Couch, die Finger leicht gekrümmt. Auch Maximus' Kopf war nach hinten gebogen, in einem Winkel, der nicht eben bequem aussah, das Haar wild zerzaust. Ich ging näher heran, um ihn besser bewundern zu können, und mein Fuß stieß gegen etwas Hartes, das auf dem Teppich weg rollte. Ein silberner Weinkrug. Kein Wunder, daß er das Unbequeme seiner Position gar nicht bemerkte. Als ich den Krug das letztemal gesehen hatte, war er voll gewesen und ich wußte, daß meine Katzen keinen Wein mochten. Den ganzen Wein auf leeren Magen ...

Im Schlaf sah Maximus so jung und sanft und unschuldig aus. Er war völlig entspannt, sich in keiner Weise bewußt, daß man ihn beobachtete, und der grimmige Krieger machte dem verletzlichen Mann Platz, welcher verborgen in ihm lebte, genauso wie das ängstliche kleine Mädchen noch immer in mir. Ich verlangte danach, mich neben ihn zu legen, ihn in die Arme zu nehmen, ihn zu beschützen, während er schlief, dann zu sehen, wie er erwachte, in seine atemberaubenden Augen zu blicken und mich von seinem jungenhaften Lächeln wärmen zu lassen ... Aber die Couch war zu schmal für Zwei, ja eigentlich kaum groß genug, um seinem kraftvollen Körper ausreichend Platz zu bieten.

 

   
Sandro Botticellis Gemälde "Venus und Mars", das diese Szene inspiriert hat

Vorsichtig, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht zu wecken, hob ich Nigra von seiner Brust, hielt seine Hand fest, daß sie nicht zurückfiel, und setzte die Katze auf den Boden, wo sie sich genüßlich streckte und dann auf einen leeren Stuhl sprang, um dort ihren Schlummer fortzusetzen. Ich verharrte so einen Moment lang, hielt seine warme, kräftige Hand zärtlich in der meinen - was für ein Kontrast zwischen seinen gebräunten, schwieligen und meinen milchweißen Fingern! - und streichelte mit dem Daumen zart über seine Knöchel.

Und dann sah ich es. Oder ich sollte besser sagen, ich bemerkte sein Fehlen.

Sein Ehering war nicht mehr da.

Hatte man ihm den Ring zusammen mit allem anderen weggenommen? Oder hatte er ihn abgenommen, nachdem er den toten Körper seiner Frau gefunden hatte? Hatte er ihn noch getragen, als Proximo ihn auf dem Sklavenmarkt in Zucchabar gekauft hatte? Oder war er irgendwo auf dem Weg in die afrikanische Provinz verloren gegangen?
Still setzte ich mich auf den Teppich neben das Ruhebett, hob Maximus' schlaffe Hand an und legte meinen Kopf auf die warme Stelle, wo Nigra eben noch geschlafen hatte, dann ließ ich seine Hand auf mein Haar fallen.

Maximus rührte sich nicht.

Seufzend atmete ich seinen ihm eigenen männlichen Duft ein, lauschte dem kraftvollen, regelmäßigen Schlagen seines Herzens durch das Leder hindurch und hörte in meinem Kopf noch einmal die Worte, die ich in der vergangenen Nacht erlauscht hatte.

"Denkst Du etwa nicht, daß, wenn wir nur mehr Zeit hätten, ich wahrscheinlich ihre Liebe erwidern könnte?"

O ja. Eine Woche war Zeit genug. Mehr als genug.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag, seine Wärme, sein Geruch, der Schlag seines Herzens, alles schien dazu bestimmt, mich in den Schlaf zu wiegen. Die Strahlen der späten Nachmittagssonne fielen schräg auf den Marmorboden und ich schlummerte immer wieder ein. Die Wärme seiner Nähe und seine Hand auf meinem Kopf machten es mir einfach zu glauben, wir seien nie getrennt gewesen. Es war einfach, sich vorzustellen, daß die sechs Jahre, die seit unserer Zeit in Moesia vergangen waren, nie existiert hatten.

Es war einfach, sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn er mich endlich nicht mehr zurückweisen würde ...

Ein Klopfen an der Tür erschreckte mich so heftig, daß ich aufsprang, um nicht dabei ertappt zu werden, wie ich Maximus' berauschten Schlaf ausnutzte. Gestört durch meine plötzliche Bewegung brummte er vor sich hin, wachte jedoch nicht auf. Ich bemühte mich, auf die Füße zu kommen, und eilte zur Tür. Ich öffnete sie einen Spalt breit und fand mich Apollinarius gegenüber. Er schaute auf mein zerzaustes Haar und mein seidenes Gewand und ein kleines, schiefes Lächeln spielte um seine Lippen. Bevor er noch den Mund öffnen konnte, preßte ich einen Finger auf meine Lippen und bedeutete ihm hereinzukommen. Verwirrt trat er ein, sah Maximus schlafend auf der Couch und folgte mir leise in mein privates Arbeitszimmer. Wir setzten uns dort, ließen jedoch die Tür offen, um hören zu können, wenn Maximus aufwachte.

"Er wird also nicht gehen ..."

"Nein", sagte ich. "Aber ich hoffe, daß er seine Meinung noch ändern wird ... "

Unsere Blicke trafen sich und es bedurfte keiner Worte. Er wußte, daß ich seine Unterhaltung mit Maximus belauscht hatte.

"Kapitän Paulus soll sich also weiter bereit halten?"

"Ja, er und die Mannschaft sollen an Bord bleiben und sich bereit halten, kurzfristig in See zu stechen. Sage ihm auch, daß möglicherweise Hispanien nicht länger sein Bestimmungsort sein wird ... "

Apollinarius blickte mich fragend an, und ich berichtete ihm kurz über den Mord an Maximus' Familie.
Fassungslos schüttelte er den Kopf. "Marcus Aurelius war ein anständiger Mann", sagte mein ehemaliger Lehrer. "Wie konnte er nur so ein Monstrum zeugen?"

"Sind die Wachen aufgewacht?"

"Das sind sie, und ich bin stolz, vermelden zu können, daß sie sich die Seele aus dem Leib kotzen!"

"Ich will, daß sie weit weg vom Haupthaus untergebracht werden ... sie können bei den Stallburschen schlafen  - und sorge dafür, daß der Stallmeister ein Auge auf sie hat. Ich will nicht, daß diese Kerle in meinem Haus herumschnüffeln oder die Hausangestellten tyrannisieren ..."

"Ich werde mit Sempronius sprechen ... er wird gut auf sie aufpassen ..."

Ich mußte unwillkürlich lächeln. Der Stallmeister war Numidier und maß gute 1,83 m, er konnte ein Pferd mit bloßen Händen zu Fall bringen. Er war einer jener Sklaven gewesen, die an meinem Hochzeitstag die Freiheit erhalten hatten, und mir treu ergeben. Wenn ich ihm befehlen würde, Proximos Männer zu töten, dann täte er es, ohne mit der Wimper zu zucken.

"Aber vor allem bitte ich Dich, Kleidung und Sandalen für Maximus zu besorgen ... und ich will, daß man ihn von den Eisen an seinen Handgelenken befreit ... "

"Ich werde einen Botenjungen zum Hafen schicken mit einer Botschaft für Kapitän Paulus, und er kann einen Teil der Kleidung heraussuchen, die wir für seine Heimreise gekauft haben ... in der Zwischenzeit werde ich einen Schmied besorgen ... "

An der Tür zu meinem Arbeitszimmer war ein schwaches Rascheln zu hören, und Apollinarius und ich drehten uns gleichzeitig um.

Maximus stand mit zerzaustem Haar an der Türschwelle und blinzelte wie eine Eule. Das Herz wurde mir weit. Er sah so jung und unschuldig aus - trotz des schwarzen Leders und der Eisen an seinen Handgelenken ...

"Ich ... ich habe Stimmen gehört ... "sagte er schüchtern.

Apollinarius verneigte sich vor ihm.

"General ... "

Maximus erwiderte den Gruß mit einem leichten Kopfnicken, seine Augen blieben jedoch fest auf mich gerichtet. Er schenkte mir ein zaghaftes Lächeln, und ich errötete wie ein junges Mädchen.

Apollinarius sah zuerst mich, dann Maximus an und beschloß, die Initiative zu ergreifen.

"Nun, da Du Dich ausgeruht hast, General, nehme ich an, daß Du gern ein Bad nehmen und die Kleidung wechseln möchtest ... "

Nun war es an Maximus zu erröten. Was brachte ihn so in Verlegenheit? Daß er zu viel getrunken und anschließend verschlafen hatte? Oder die Andeutung, daß er eines Bades bedurfte?

"Kleidung wurde für Dich besorgt, aber wir haben sie auf das Schiff bringen lassen, das Dich ... wegbringen sollte ... Ich werde sie sofort holen lassen. In der Zwischenzeit werde ich dafür sorgen, daß sich ein Schmied um Deine Handfesseln kümmert ... "

Maximus nickte stumm. Apollinarius wandte sich mir zu.

 
"Würdest Du mir bitte ein paar Minuten geben und dann den General zur Werkstatt des Schmieds begleiten, Julia?"

Nun nickte ich schweigend, den Blick auf Maximus geheftet.

Apollinarius seufzte leise.

"Wenn Ihr mich entschuldigen wollt ... "

Als wir allein waren, erhob ich mich von meinem Platz hinter dem Schreibtisch, bemühte mich krampfhaft zu verhindern, daß sich mein seidenes Gewand öffnete und kam mir so linkisch und unbeholfen vor wie seit Jahren nicht mehr.

"Die Werkstatt des Schmieds ist ganz in der Nähe ...", stammelte ich. "Ich zieh mich nur schnell an und bringe Dich zu ihm ... "

Er nickte und trat zur Seite, um mich vorbei zu lassen. Ich hatte bereits die Tür meines Schlafzimmers erreicht, als ich Maximus' Stimme hinter mir hörte.

"Es war Dein Haar, Julia ... "

Ich blieb stehen, wandte mich jedoch nicht um. Wovon redete er? Er fuhr fort:
"Es war hochgesteckt ... ich hatte Dich nie mit hochgestecktem Haar gesehen ... Deshalb habe ich Dich im Atrium nicht erkannt ..."

Ich schwieg einen Moment lang. Dann richtete ich mich gerade auf und sprach, ohne mich umzudrehen. Da war kein Zorn in meiner Stimme. Nur Traurigkeit.

"Das stimmt nicht, General. Du hast mich schon einmal mit hochgestecktem Haar gesehen ... Wir teilten uns einen Badezuber ... und ich war nackt."
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*1 Vesta:     vgl. Julias Tagebuch 1.Teil 2.Meine Kindheit im Haushalt von Avidius Cassius, Anmerkung*1                             
*2   Von hier an wurden in die Übersetzung Teile des Kapitels  "The Villa" aus "Glaucus' Story" (Susan Spicer's Forsetzung  ihrer "Maximus' Story") eingefügt.
*3  vgl. Maximus' Geschichte Kap.82f.

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