Das Haus der Fantasie
»Willkommen! Willkommen! Treten Sie ein! Nur keine Scheu! Sie werden Dinge
erfahren, die Sie schon immer wissen wollten!«
Der Mann in der mit Flicken besetzten Jacke wirkte wie ein Clown, als er
einladend mit seinen Armen ruderte. Sein dicker Bauch quoll über den Gürtel.
Der Kragen seines Hemdes stand vor Dreck und sein Haar war bestimmt schon
eine Woche nicht gewaschen worden. Der Bart spross ihm wild im Gesicht und
hatte dringend eine Rasur nötig. Alles in allem wirkte er nicht sehr
vertrauensselig.
Doch er lächelte freundlich. Und irgendwie wirkte es echt.
Die drei Frauen blieben stehen. Misstrauisch beäugten sie die Gestalt und
blickten an ihm vorbei auf die alte, verfallene Jahrmarktsbude.
Das Haus der Fantasie war in vergilbten Buchstaben auf die
Vorderfront gemalt. Nicht sehr stilvoll und wohl auch ohne die dazugehörige,
angepriesene Fantasie.
Das Gebäude war riesig, aber das änderte nichts daran, dass es so aussah,
als würden gleich sämtliche Bretter vor den Augen der Betrachterinnen
zusammenbrechen.
»Was meint ihr dazu?« Chris legte den Kopf schief und wartete auf eine
Antwort ihrer beiden Begleiterinnen.
»Na, ich weiß ja nicht!« Ellen schüttelte den Kopf. »Sieht nicht grade
einladend aus.«
»Keine Lust auf ein Abenteuer?«
»Immerhin gibt’s hier kein Auto, das sie zerlegen kann«, meinte Amanda
anspielend auf den kleinen Unfall, den sie in den USA gehabt hatten. Der
hatte ihren Mietwagen die Stoßstange gekostet und der nervösen Chris ein
Begegnung mit der Louisiana Highway Patrol eingebracht. Amanda brachte es
jetzt einen Knuff in die Seite ein.
»Entschuldigen Sie...«, wandte sich Ellen an den Schausteller.
Dieser beugte sich neue Kundschaft erwartend zu ihr hinüber.
»Was kostet denn der Spaß?«
»Fünf Euro! Nur Fünf Euro!«
»Fünf
Euro pro Person?
Dafür?« Ellen schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht knauserig, aber ich gebe
doch kein Geld dafür aus, mich von Ungeziefer befallen zu lassen oder mir
schlimmsten Falles noch das Genick zu brechen!«
Der Mann kratzte sich am Kinn. »Aber meine Damen! Es erwarten Sie ungeahnte
Attraktionen innerhalb dieser Wände. Glauben Sie mir, jede einzelne Minute
im Haus der Fantasie ist schon allein fünf Euro wert!«
»Na, dann finden Sie jemanden, der Ihnen das bezahlt!« Ellen wandte sich zum
Gehen, doch Chris fasste ihren Arm.
»Jeeze, du willst da wirklich unbedingt rein?« fragte sie entrüstet.
»Na ja, ich würde auch ganz gern...«, ließ sich Amanda vernehmen.
»Ihr zwei unterschätzt mich bei weitem. Auch ich habe Vorstellungskraft.«
Sie lächelte leicht und erntete einen verwunderten Blick ihrer Freundinnen.
»Ich sag ja immer, Stille Wasser sind tief!« erwiderte Ellen und seufzte.
»Also gut! Sagen wir zehn Euro für uns drei!«
»Aber, ich bitte Sie!« Der Mann zog entrüstet eine Augenbraue nach oben.
Chris lehnte sich vertraulich zu ihm hinüber. »Es sieht nicht danach aus,
als hätten Sie viele Besucher. Immerhin sind wir eine Chance, ein wenig Geld
zu verdienen. Glauben Sie mir...« Sie deutete mit der Hand auf Ellen.
»...sie ist eine zähe Verhandlungspartnerin. Und im Übrigen halte ich zehn
Euro auch durchaus für angebracht.«
»Ihr Jungvolk treibt mich noch in den Ruin!« Theatralisch hob er eine Hand
und presste sie gegen seine Stirn. »Also gut, einverstanden! Zehn Euro für
Sie drei!«
Daraufhin zückten die Frauen ihre Börsen und legten zusammen. Der Mann
steckte das Geld geschwind in seine Hosentasche, so als könnte es ihm jemand
wieder wegnehmen. Dann winkte er einladend und bedeutete ihnen, das Haus zu
betreten.
Die Treppenstufen knarrten, als sich Chris, Ellen und Amanda langsam dem
Eingang näherten. »Hat eine von euch zufällig Psycho gesehen?« flüsterte
Chris.
»Wieso fragst du? Und wieso flüsterst du?«
Die junge Frau räusperte sich. »Ähem, keine Ahnung, aber fiel mir nur grade
ein, die Tür sieht aus wie die in Bates’ Motel.«
»Tu mir einen Gefallen!« Amanda nahm ihren Arm. »Vergiss für die nächsten
Minuten deine Einfälle, die sich in Richtung Horrorfilm bewegen und lass uns
ganz ruhig und gelassen durch dieses Haus gehen.«
»Okay, okay!« Dann betraten sie das Innere und die Tür schloss sich mit
einem lauten Knall hinter ihnen.
»Ruhig und
gelassen!« Der Mann kicherte ziemlich unmännlich. Er setzte sich auf die
Stufen und zog eine Packung Zigaretten aus seiner Tasche. Er zündete sich
eine Kippe an und inhalierte tief. Dann klopfte er sich mit der Hand auf den
falschen Bauch. Gestopft wie eine Weihnachtsgans. Seine Füße schmerzten in
den unbequemen Schuhen und die Kontaktlinsen brannten.
Einen Augenblick ließ er die Sonne auf sein Gesicht scheinen.
»Junge, du brauchst dringend eine Dusche!« sagte er zu sich selbst. »Und
eine Mütze voll Schlaf!« Und die drei da drinnen Nerven aus Stahl! dachte er
noch ironisch. Dann erhob er sich und schlenderte leichtfüßig vor der Bude
auf und ab.
»Bates’ Motel! Ha!« Er lachte auf. »Willkommen, in Crowe’s Motel trifft es
eher. Geben Sie Ihren Verstand am Eingang ab! Die Rückgabe wird nicht
garantiert und auch für den Diebstahl von der Garderobe wird keine Haftung
übernommen!
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise!«
Kurz hielt er inne und überlegte. »Hätte ich ihnen das vorher sagen sollen?«
Dann winkte er ab. Er hatte sie ja zu nichts gezwungen. Sie waren freiwillig
eingetreten. Und auch noch um den Eintritt feilschen! Also bitte! Selbst
Schuld! Keine Gnade!
Er kicherte wieder und zog an seiner Zigarette.
»Ist ganz
schön dunkel hier«, äußerte Chris. »Gibt’s denn keinen Lichtschalter?«
»Genau. Wieso heißt es Haus der Fantasie, wenn es doch eher einer
Geisterbahn gleicht?« Ellens Stimme klang schon nicht mehr so fest.
»Wartet mal kurz. Hier ist eine Wand. Vielleicht finde ich den Schalter«,
sagte Amanda. »Da ist irgendwas.«
»Hier ist in der Tat etwas, mein Schätzchen!« kam eine Stimme aus der
Finsternis. Die drei Frauen zuckten zusammen und schrieen laut auf. »Aber,
aber....« Ein Kichern erklang. »Wer hat denn gleich Angst vorm schwarzen
Mann!«
Chris kramte angestrengt in ihrer Hosentasche. Irgendwo musste doch das
Feuerzeug sein. Sie fand es und drückte den Zünder. Die kleine Flamme schoss
empor und erhellte ein Gesicht, das sich dicht vor dem ihren befand. Und
irgendwie kam es ihr verteufelt bekannt vor.
»Booooh!« sagte der Mann und lachte erneut. Vor Schreck ließ sie das
Feuerzeug fallen.
»Oh, klasse! Wie nett von dir! Jetzt stehen wir wieder im Dunkeln!« Amanda
fasste ihren Arm. »Das gefällt mir nicht!«
»Wir sollten von hier verschwinden!« ließ sich Ellen vernehmen.
»Ja, aber wie, wenn wir nicht sehen, wohin wir gehen?«
»Amanda, die Tür ist doch direkt hinter mir. Wir gehen einfach wieder raus!«
»Nein, nein, nein, nein, nein. Kommt nicht in Frage. Ihr seid jetzt in
meiner Welt. Und ich sage, wann ihr geht oder nicht!« Sie konnten Schritte
vernehmen. Der Fremde bewegte sich um sie herum. Doch wieso konnte er im
Dunkeln so gut sehen?
»Das... das... das gibt’s doch nicht!« stammelte Chris. »Der... der...
der....«
»Oh, Honey, Wortfindungsprobleme, hhmm? Ich schätze, du brauchst dringend
einen Thesaurus.«
»Hey, ich hab’s. Das ist nicht echt. Es ist nur Fantasie. Wir bilden uns das
nur ein«, meinte Ellen enthusiastisch.
»Ähem, na ja, aber wieso haben wir dann alle die gleiche Halluzination?«
warf Amanda ein.
Chris rang mit ihrer Selbstbeherrschung. »Oh je, oh je, oh je...«
»Vielleicht sind wir auf einen Schalter getreten und das ist nur eine
Projektion«, sagte Ellen.
»Fühlt sich das wie eine Halluzination an?« Der Mann streifte ihren Arm. Sie
zuckte zusammen. »Oder das?« Er griff Chris an den Hintern und sie fuhr
erschrocken herum. »Oder etwa das?« Langsam strich er mit seiner Zunge
Amandas Wange hinauf. »Ich werde euch berühmt machen!« verkündete er dann.
Sie hörten ein Geräusch, als würde die Klinge eines Schnappmessers
ausgefahren und waren fast der Ohnmacht nah.
In diesem Moment wurde eine Tür aufgestoßen. Eine männliche Gestalt wurde
vom einfallenden Lichtschein erhellt. Auch konnten die Drei jetzt ihre
Umgebung besser erkennen. Sie befanden sich in einer Diskothek. Der Kerl,
der sie bedrohte, stand vor einem riesigen Bildschirm, der auf einmal sein
Gesicht in Großformat zeigte. Er trug einen blauen Armani-Anzug und hatte
ein Messer in der Hand. Der Mann im Türrahmen hatte kurzgeschorenes Haar und
blickte ziemlich verärgert drein. Seine Muskeln spannten sich unter dem
weißen Hemd, als er die Hände in die Hüften stützte und wütend sagte:
»Sid, was
zum Teufel glaubst du, tust du hier?«
Der Angesprochene hob
unschuldig die Arme und lächelte. »Ich wollte doch nur ein bisschen Spaß. Du
bist so ein Spielverderber, Bud!« Dann zuckte er die Achseln und wandte sich
zum Bildschirm um. »Bin ich nicht wunderschön!« rief er und versank in der
Betrachtung seines eigenen Ichs.
»Ladies, wir sollten hier lieber verschwinden. Solange er beschäftigt
ist«, meinte Bud und
winkte ihnen, ihm zu folgen.
»Moment! Moment! Was geht hier vor?« Ellen blieb stehen und versucht zu
begreifen, was sie sah. »Sid 6.7, Bud White? Wo zur Hölle sind wir gelandet?
Ich bin nicht verrückt. Und wenn ihr auch seht, was ich sehe...« Sie drehte
sich zu ihren Freundinnen um. Diese blickten sie erwartungsvoll an. »Na ja,
ach Scheiße! Ich weiß nicht, was los ist. Ich habe ja auch nicht immer eine
Erklärung für alles!« Hilflos hob sie die Arme.
»Versuchen wir das ganze mal logisch anzugehen...«, meinte Amanda. »Hhmm, na
ja... es gibt keine Logik bei der Sache!«
»Ladies, wir
sollten wirklich gehen. Mit meiner Waffe kann ich nicht viel gegen ihn
ausrichten. Also kommen Sie schon. Ihnen wird nichts geschehen«,
ließ sich ihr Retter ungeduldig vernehmen.
Chris zuckte die
Achseln. »Also Logik hin oder her. Ich finde die Gesellschaft von Bud White
jedenfalls angenehmer als die von Sid. Finden wir doch raus, was hier noch
alles auf uns wartet. Vielleicht treffen wir ja noch mehr Charaktere.«
»Also wirklich, vor ein paar Augenblicken hast du aber ganz andere Töne
gespuckt!« erwiderte Ellen.
»Was soll’s! Gehen wir!« entschied Amanda und marschierte los. Den beiden
anderen blieb nichts weiter übrig, als ihr zu folgen. Sie schritten durch
die Tür und fanden sich auf einer verlassenen Straße wieder.
»Ähem, Officer!« rief Ellen.
»Ja?« Bud hielt an
und drehte sich zu ihr herum.
»Wo gehen wir denn hin? Das ganze ist doch ein wenig merkwürdig.«
»Sie finden das
hier merkwürdig? Dann sollten Sie froh sein, dass Sie Hando noch nicht
begegnet sind. Aber glücklicherweise schaut er eher selten hier vorbei. Er
weiß, dass Biebe und ich nicht gut auf ihn zu sprechen sind.«
»John Biebe? Der ist auch hier?«
Bud White schüttelte
verständnislos den Kopf.
»Natürlich ist er hier. Sehen Sie?«
Er deutete mit der Hand nach rechts. Die drei Frauen sahen auf ein
Universitätsgelände, das plötzlich irgendwie aus der Erde gestampft worden
war. Auf dem Rasen davor saßen zwei Männer, die in eine Art Backgammon Spiel
vertieft waren.
»Ich bin mir sicher, das war vorher noch nicht da!« sagte Amanda.
»Fantasie!« erwiderte Chris nur.
Ellen runzelte die Stirn.
Bud White wanderte zu den Männern hinüber und ging neben ihnen in die Hocke.
»Hey John und John. Na, wer von euch beiden gewinnt?«
John Nash blickte
kurz auf.
»Na, was glaubst du denn, Einstein?« Dann konzentrierte er sich wieder auf das Spiel.
John Biebe winkte ab.
»Er hat grad keinen guten Tag. Besser du
lässt dich auf keine große Diskussion mit ihm ein. Vorhin hat er mir eine
halbe Stunde lang erklärt, ob es besser sei, Tee mit Milch oder ohne oder
doch lieber Kaffee zu trinken.«
Er rollte mit den Augen und lächelte. Dann wanderte sein Blick zu den drei
Frauen, die staunend mit offenem Mund auf dem Rasen standen. »Hey, wen hast du denn da mitgebracht? Und
gleich drei auf einmal. Was wohl Lynn dazu sagt!«
Bud White kratzte sich am Kopf.
»Sie hatten ein kleines Problem mit
Sid. Ich konnte sie doch unmöglich mit ihm allein lassen.«
»Ah der Retter in der Not. Das gefällt
dir noch immer, hhmm?«
»John, das Spiel ist noch nicht vorbei. Wenn ich hier schon von Dilettanten
umgeben bin, dann habe wenigstens die Güte, mir deine volle Aufmerksamkeit
zu widmen. Dein Zug!«
Nash fuchtelte ungeduldig in der Luft herum.
»Wie du siehst, ich komme hier nicht
weg!« Entschuldigend
zuckte John Biebe die Schultern.
»John Biebe spielt mit John Nash "Nash". Ich glaube es ja nicht!« stieß
Chris hervor.
»Dann sind wir hier ja wohl in Princeton«, äußerte Ellen.
»Immer noch besser als Alaska.« Amanda blickte lächelnd auf ihre Sandalen
und wackelte mit den nackten Zehen.
In diesem Moment ertönte lautes Rotorengeräusch. Zwei große Helikopter
näherten sich. Sie stiegen über dem Rasen hinunter und wirbelten die Blätter
der Bäume durcheinander. Chris und Amanda hielten sich die Ohren zu und
Ellen versuchte krampfhaft, ihr Kleid daran zu hindern, ihre Unterwäsche zu
entblößen.
»Was zum Henker....« Bud zog seine Waffe und auch John Biebe griff nach seiner
Pistole.
Währenddessen
versteckte sich Nash hinter einen Baum und hielt sich die Augen zu.
»Sie kommen. Sie kommen«, flüsterte er immer wieder.
Chris’, Amandas und
Ellens Augen weiteten sich, als die Türen der Helikopter aufgerissen wurden
und schwarz vermummte Gestalten hinaushechteten. Sie rollten auf dem Rasen
ab und sprinteten auf die drei Frauen zu. Unsanft wurden sie gepackt und zu
den Hubschraubern gezerrt. Einer der Entführer blickte zu White und Biebe
und zwinkerte ihnen kurz zu. Dann warf er sich Ellen über die Schulter und
bugsierte sie in die Maschine. Chris und Amanda wurden von zwei anderen
Männern hochgehoben. Sie strampelten und wehrten sich.
»Das darf ja wohl nicht wahr sein! Runterlassen! Sofort!« schrie Amanda.
Chris zog es vor, ohnmächtig zu werden. Als sie wieder zu sich kam, befand
sie sich mit ihren Freundinnen im Helikopter und dieser hob langsam ab.
Verwirrt blickten sich die Frauen an und warteten gespannt auf eine
Erklärung.
Zurück am Boden sahen Bud und John dem Heli nach. Sie hielten sich die Hände
vor die Augen.
»Hab ich dir schon mal gesagt, dass ich diesen Kerl hasse!«
meinte White trocken.
»Yepp, Kumpel.
Ungefähr jedes Mal, wenn er das tut!«
Der vermummte Kerl
vor Ellen zog sich die Maske vom Gesicht und lächelte entschuldigend. Dann
streckte er die Hand aus.
»Terry Thorne!« sagte
er in sonorem Bariton.
Chris klappte die Kinnlade hinunter. »Ähem, ja... Hi!« erwiderte sie dann.
»Was zum Teufel sollte das?!« Ellen war mehr als wütend.
»Ich entschuldige mich hiermit ehrlich für die etwas unsanfte Behandlung.«
»Sie haben uns
gekidnappt!« stieß Amanda hervor.
Terry fuhr sich durch das Haar.
»Na, so würde ich das nun auch wieder nicht nennen!«
»Ach und wie denn
dann?« fauchte Ellen.
»Sagen wir mal so, ich lade Sie auf eine kleine Reise ein!«
»Ich glaube, mir
wird schlecht!« verkündete Chris. »Ich will hier raus! Sofort!«
»Dino, wir sollten landen!«
Der Helikopter
ging nach unten und setze hart auf dem Boden auf. Die Insassen wurden alle
gut durchgeschüttelt. Terry Thorne riss die Tür auf und Chris stürzte nach
draußen. Sie rannte zum nächsten Baum und konnte gerade noch dahinter in
Deckung gehen, bevor sie sich übergab. Amanda war ihr nachgekommen und legte
ihr die Hand auf die Schulter. »Na, geht’s wieder?«
Chris nickte und ging ein paar Schritte, um frische Luft zu schnappen.
»Vorsicht! Aus dem Weg«,
ertönte es laut hinter ihnen. Sie sahen einen großen, schwarzen Hengst auf
sich zustürmen und sprangen gerade noch rechtzeitig zur Seite, als das Pferd
samt Reiter an ihnen vorbeijagte.
»Was war denn das?«
»Ach das war nur East Driscoll«,
sagte Terry. Er und Ellen hatten sich zu den beiden gesellt.
»Er macht das ständig. Hält es wohl für lustig.«
»Ist vielleicht nicht
so stilvoll, wie in einen Helikopter gezerrt zu werden. Aber die Wirkung ist
dieselbe«, meinte Ellen schnippisch.
»Immer noch sauer, he?«
»Jedenfalls ziehe ich es vor, von jetzt an zu Fuß weiterzulaufen!«
»Genau!« pflichtete
Amanda ihr bei.
»Ich sowieso!« Chris war immer noch ein wenig blass um die Nase.
»Wenn Sie es so haben wollen. Ich muss jetzt allerdings los. Da wartet eine
dringende Sache, der ich mich widmen muss.«
Thorne lächelte sie an und ging zum Heli zurück. Er stieg hinein, drehte
sich noch einmal kurz um und winkte. Dann schloss sich die Tür und die
Maschine hob wieder ab.
»Okay, rekapitulieren wir hier mal!« Amanda verschränkte die Arme vor der
Brust. »Wir hatten eine etwas unfreundliche Begegnung mit Sid 6.7, wurden
von Bud White gerettet, haben John Nash und John Biebe beim "Nash" spielen
beobachtet, wurden von Terry Thorne in einen Hubschrauber gezerrt und von
East Driscoll fast in Grund und Boden geritten. Ich weiß ja nicht, wie es
euch geht, aber ich für meinen Teil hatte genug Fantasie und möchte jetzt
nur noch in mein Bett!«
»Prinzipiell ein guter Gedanke. Er hat nur einen Haken!« erwiderte Ellen.
»Und der da wäre?«
»Siehst du hier irgendwo eine Tür?«
Amanda blickte sich um. »Mist! Heißt das etwa, wir kommen hier nicht mehr
raus?«
»Lost in Crowe Space!« meinte Chris ironisch. »Ich wusste doch, irgendwann
kommt alles zu einem zurück!« Sie setzte sich auf einen Baumstamm und
verschränkte die Hände im Schoß. »Vielleicht sollten wir East nach dem Weg
fragen.«
»Oder einfach weiterlaufen. Irgendwo muss doch ein Ausgang sein!« Ellen
stemmte sie Hände in die Hüften. »Los, auf geht’s!«
Der Wald verbreitete eine angenehme Kühle. Die Bäume dufteten nach Harz und
ab und zu konnten die drei Wanderinnen ein paar Vögel zwitschern hören.
»Also, ist doch ziemlich idyllisch hier!« meinte Chris verträumt.
»Wenn du auf Steine in deinen Schuhen stehst!« Amanda bückte sich und
versuchte, die kleinen Kiesel aus ihren Sandalen zu entfernen. Plötzlich
sauste ein Pfeil an ihr vorbei und bohrte sich in den Baum dahinter.
Erschrocken ließen sich alle Drei auf die Erde fallen. Sie wagten kaum zu
atmen und pressten ihre Körper auf den Boden. Vorsichtig hob Chris den Kopf
und erblickte zwei riesige Männerbeine, die in Lederschuhen und Bracae
steckten.
Der Mann bückte sich und half ihnen auf.
»East meinte, ihr wärt hier und könntet vielleicht Hilfe brauchen!«
sagte er.
»Ach nein, wie freundlich!« Amanda konnte den Sarkasmus in ihrer Stimme
nicht verbergen.
»Es ist gefährlich, hier so allein durch den Wald zu laufen. Ich werde euch
in das Lager bringen. Von dort aus werdet ihr weiter in die nächste Siedlung
reisen. Ach, und übrigens, mein Name ist...«
»...Maximus Decimus Meridius«, vollendete Chris
seinen Satz. Der Tribun lächelte und marschierte voran.
Das Lager war riesig. Tausende von Soldaten liefen umher. »Welche Aufgaben
haben die alle hier?« wollte Ellen wissen.
»Aufgaben?«
»Na ja, was tun sie?«
»Achso, sie warten.«
»Warten? Worauf
denn?«
»Auf die nächsten Regieanweisungen. Was denn sonst?« Max blickte sie verwundert an.
»Ah, ja...« Ellen
nickte. Wenn man nicht weiß, was man sonst sagen sollte, ist das immer eine
gute Lösung.
»Oh, da ist Cort!«
rief der Tribun erfreut aus. Er ging zum Prediger und umfasste
freundschaftlich seinen Arm.
»Es ist lange her!«
»Ja, das ist es, in der Tat!«
Cort lächelte sacht.
»Ich hätte da etwas, worum ich dich bitten möchte.«
»Und das wäre?«
Max deutete auf
die drei Freundinnen, die sich unter all den Männern doch etwas deplaziert
vorkamen. »Könntest
du sie eventuell mitnehmen, wenn du nach Redemption zurückkehrst?«
Cort kratzte sich am
Kinn.
»Es wird ein langer Ritt werden und das Gelände ist nicht gerade das
leichteste. Ach, was soll’s! Sie können ja unmöglich hier bleiben. Vor allem
nicht, wenn die Schlacht losgeht.«
»Hat er grade Ritt
gesagt?« Chris’ Gesicht verriet Entsetzen. »Ich kann nicht reiten! Ich mag
Pferde nicht mal!«
»Keine von uns kann reiten!« Ellen winkte den Männern zu. »Ähem, Hallo! Wir
haben hier ein kleines Problem!«
»Ein Problem?«
»Ja, wir können nicht reiten!«
»Ach herrje! Wo
kommt ihr denn her? Aber wir finden schon eine Lösung. Also eine von euch
kann ich zu mir in den Sattel nehmen. Irgendwo hier schwirrt East herum. Der
könnte die zweite mitnehmen. Aber was machen wir dann mit der dritten von
euch?«
»Die nehme ich mit!«
kam eine Stimme von hinten.
»Hey, wen haben wir denn da? The Man persönlich! Schön dich zu sehen. Und
damit ist das Reitproblem ja dann wohl gelöst, oder?« Max blickte fragend in Runde. Als ein einvernehmliches Nicken erfolgte,
atmete er erleichtert auf. Dann erblickten seine Augen etwas vertrautes,
denn er winkte mit der Hand.
„Hey, Driscoll, wir brauchen dich hier!“
Der junge Mann kam
vorbeigeschlendert.
»Was gibt’s denn so Wichtiges?« Er blieb stehen und betrachtete die Frauen.
»Hey, ihr seid doch... Tut mir leid, dass ich euch fast umgeritten hätte.«
»East, wir müssen
die drei nach Redemption bringen. Sie können aber nicht reiten. The Man und
ich nehmen zwei von ihnen zu uns in den Sattel. Könntest du die dritte
mitnehmen?«
»Kein Problem! Wann wollt ihr los?«
»Sofort!« The Man
streckte eine Hand aus und Chris ergriff sie. Er ging zu seinem Pferd und
schwang sich in den Sattel. Dann hob er die Frau zu sich herauf. East und
Cort taten das gleiche. Ellen platzierte sich vor Cort und Amanda vor East.
»Alles bereit? Na dann, gut festhalten!«
sagte der Prediger und sie ritten los.
Max schaute ihnen nach und dachte wehmütig:
>Die ziehen sich drei Bräute an Land und ich steh hier nur rum und warte auf
mein Stichwort. Moment mal, bin ich nicht eigentlich verheiratet? <
Der Ritt war
angenehm. Die Frauen dösten ein wenig vor sich hin. Was sollten sie auch
sonst groß tun? Es begann zu dämmern, als sie eine Lichtung erreichten. Der
Anblick war atemberaubend. Die Sonne versank langsam hinter den Bäumen und
tauchte alles in wundervolles Zwielicht. Dann sahen sie das kleine Haus, das
direkt neben einer großen Eiche stand. Rauch kam aus dem Schornstein und ein
Mann saß auf der Bank davor und trank einen Scotch.
Ellen beugte sich zu Chris hinüber. »Weiß du, mir kommt da gerade etwas in
den Sinn. Wir sollten absteigen und mal mit dem Kerl da drüben reden.«
»Gute Idee. Und der Kerl da drüben ist Jeffrey Wigand, wenn mich meine Augen
nicht täuschen.«
»Entschulding!« wandte sich Ellen an Cort.
»Was ist denn?«
»Könnten wir vielleicht anhalten? Ich möchte mir das Haus mal genauer
ansehen.«
»Das Haus vom alten Jeff?«
fragte East verständnislos.
»Der Kerl ist ein Einsiedler. Kann mir nicht vorstellen, dass es etwas
bringt, mit ihm zu reden. Die ganze Zigarettensache hat ihn ziemlich aus der
Bahn geworfen.«
»Einen Versuch wäre
es wert. Und die Pferde brauchen ein Pause.«
The Man ließ Chris vorsichtig aus dem Sattel gleiten. Sie wandte sich zu ihm
um und dankte ihm. Amanda und Ellen saßen auch ab. Zu dritt wanderten sie
über die Wiese auf das Haus zu.
Jeff schaute erfreut auf und lächelte.
»Ist lange her, dass ich Besuch hatte. Herzlich Willkommen! Kann ich Ihnen
was zu trinken anbieten?«
»Sehr freundlich von Ihnen. Aber eigentlich habe ich nur eine Frage?«
Ellen blickte zu ihm hinab.
»Und welche?«
»Wie real kann ein Traum sein?«
»Sind Sie denn sicher, dass Sie träumen?«
gab er zurück.
»Gute Frage!« warf Amanda ein.
»Na ja, wir haben eine Menge Dinge heute erlebt. Wir haben Personen
getroffen, die nicht real sind. Okay, mal abgesehen von Ihnen und Nash. Die
gibt’s ja wirklich. Aber nicht in der Art, wie wir sie vor uns gesehen haben
oder jetzt grade sehen.« Chris runzelte die Stirn. »Leute, ich rede wirres
Zeug, oder?«
»Yepp!« kam es von allen anderen gleichzeitig.
»Ich will nach Hause!« murmelte sie.
Amanda wandte sich an Jeff. »Was Chris hier sagen will, ist... ist, dass wir
in einer Art Traumwelt gelandet sind, die von Charakteren bevölkert wird,
die Russell Crowe einmal dargestellt hat.« Sie sah ihre Freundinnen an, die
bekräftigend nickten. »Wir sind hier hineingeraten, wissen aber nicht, wie
wir wieder hinauskommen!«
»Ach darum geht’s! Der Scheißkerl, hat euch nicht gesagt, wie man das Haus
wieder verlässt!«
»Wir haben auch, ehrlich gesagt, nicht danach gefragt!« warf Chris ein.
»Oh, ja ja, unser aller Schöpfer. Er liebt diese Spielchen.«
»Sie kennen ihn?« Ellen war überrascht.
»Aber natürlich! Er ist ein Teil von mir! Und wir alle hier sind auch ein
Teil von ihm! Sehen Sie!«
Jeffrey Wigand deutete nach
links. In diesem Moment sahen die drei Frauen alle Gestalten auf einer Art
Klippe stehen. Und zu allem Überdruss segelte auch noch Jack Aubrey mit
seinem Schiff an ihnen vorbei. Er hob die Hand und winkte. Sie winkten
automatisch zurück.
»Aber wie kommen wir nun wieder hier weg?« Amanda wurde ungeduldig.
»Wissen Sie das wirklich nicht?«
»Wir schlagen dreimal unsere Hacken zusammen und sagen: Nach Haus, nach
Haus, nach Haus?«
»Das sollten Sie lieber nicht versuchen. Aber wenn nichts mehr weiter geht,
sollte man sich immer auf den Anfang besinnen!«
»Geht’s auch etwas deutlicher?« Chris legte die Stirn in Falten und
grübelte.
»Ich glaube, ich weiß wie!« rief Amanda plötzlich aus.
»Und wie?« fragten die beiden anderen.
»Wir brauchen zehn Euro!«
»Jetzt begreife ich!« äußerte Ellen. Sie kramte in ihrer Tasche und zog
einen Zehn-Euro-Schein hervor. Diesen reichte sie Jeff. »Haben wir recht
oder haben wir recht?«
Jeffrey Wigand nahm das Geld und steckte es ein.
»Ich wünsche Ihnen eine gute Heimkehr!«
Dann deutete er auf die Tür.
Die Drei gingen los. Amanda hielt noch einmal inne. »Heißt das, wir hätten
nur einem der Charaktere das Geld geben müssen, dann wären wir wieder
zurückgekehrt?«
»Yepp,
ich sagte ja schon, unser Meister ist ein Scheißkerl!« Dann lachte er und trank erneut einen Schluck Scotch.
Vorsichtig öffnete Ellen dir Tür und ging hindurch. Chris und Amanda
folgten ihr.
Halt! Halt! Stop! Stop! Das hatten wir doch schon mal! Die Drei blickten
sich verwirrt an. Dejá vu? Hatten sie alles nur geträumt? Hatten sie die
ganze Zeit hier vor der Bude gestanden? Spielte ihre Fantasie ihnen
Streiche?
In diesem Moment sah der Schausteller sie an und zwinkerte.
»Na, eine gute Reise gehabt?«
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