V

Jack saß allein an seinem Tisch und schob sich ziemlich lustlos Stücke des gebratenen Specks in den Mund. Er spürte die Sonne durch die Heckfenster auf seinen Rücken scheinen. Aber dennoch schmeckte ihm weder das Essen, noch konnte er den neuen Tag genießen. Er hatte das Gefühl, das etwas im Busch war. Etwas, das ihm nicht gefallen würde.
Stephen war nicht da gewesen, als er erwacht war. Killick hatte ihm erklärt, der Doktor habe schon gegessen und sei nun bei den Verletzten.  Wobei es sich mit Sicherheit um eine besondere Verletzte handelte.
Es klopfte an der Tür. Er brüllte: »Herein!«
Vulcan trat ein, salutierte kurz. Jack bot ihm einen Platz und eine Tasse Kaffee an, die der Erste mit Freuden annahm. »Die Reparaturen gehen gut voran. Wir haben die Einschüsse an unserem Rumpf geflickt. Sie waren auch nicht so schwerwiegend«, erstattete er Bericht. »Fast so, als hätte uns der Freibeuter nicht richtig treffen wollen.«
Aubrey lächelte. »Mein lieber Mr. Vulcan. Natürlich wollte er uns keinen schweren Schaden zufügen oder uns gar versenken. Ich nehme mal an, Sie haben keinerlei Erfahrung mit Piraten.«
»Nein, Sir.« Beschämt sah Vulcan zu Boden.
»Als Beute bringt ihm die Surprise einen gehörigen Batzen ein. Und außerdem hätte er mit seinem und unserem Schiff die Medea besser in die Zange nehmen können. Darauf hatte er es letztendlich abgesehen. Ihre Ladung ist kostbar.«
Der Erste nickte. »Was die Medea betrifft....«
Das Schiff krängte, Jack musste seinen Teller festhalten, damit er ihm nicht samt Frühstück vom Tisch rutschte. In der Kombüse polterte es. Killick fluchte derb. Vulcan machte schwankende, betrunkene Bewegungen, um seine Kaffeetasse auf Kurs zu halten.
»Wieso nehmen wir Fahrt weg?« Jack stand auf.
»Das wollte ich Ihnen gerade erläutern, Sir«, entgegnete der Erste. »Der Fockmast der Medea ist halbwegs geflickt. Aber der Großmast hat auch etwas abbekommen. Sie können nicht volle Fahrt machen, ansonsten bricht ihnen wieder alles zusammen. Im Großen und Ganzen nur fünf Knoten. Ich habe angeordnet, dass wir langsamer werden, damit sie mit uns mithalten kann.«
Jack setzte sich wieder. »Natürlich, sehr umsichtig. Irgendwelche Anzeichen weiterer Segel?«
»Andrews sitzt im Ausguck. Der Kerl hat die Augen eines Habichts. Sollte sich nur im Entferntesten etwas bewegen, erfahren wir es.«
»Schön, schön«, sagte Jack nur. »Ich muss noch die Logbucheintragungen vornehmen.«
Vulcan stand auf, verbeugte sich. »Sehr wohl, Sir.« Langsamen Schrittes entfernte er sich. Er hatte gehört, wie sehr der Captain diese Aufgabe verabscheute und wollte lieber nicht zugegen sein, wenn er sich mit Wortwahl und Grammatik plagte.

~~~

Finn lehnte aufrecht in ihrer Hängematte, als Jack eine halbe Stunde später Stephens Kajüte betrat. Der Doktor selbst hatte in seiner Studierecke Platz genommen, die Brille auf der Nase und kritzelte emsig. »Guten Morgen, Jack«, sagte er ohne aufzusehen.
»Captain Aubrey.« Finns Stimme war freundlich, sie lächelte sogar ein wenig. »Ich habe Stephen bereits gesagt, dass Sie mich nicht auf die Surprise hätten bringen müssen.«
»Nun ja, Miss Kincaid, im Grunde war es seine Idee«, erwiderte Jack, den Doktor ungeniert in Verlegenheit bringend. Zumindest dachte er das, aber es funktionierte nicht.
Denn Finn nickte nur. »Ja, so etwas dachte ich mir. Ich danke Ihnen dennoch für Speis, Trank und Obdach.«
»Ich hoffe, es ist angemessen?« Jack zog sich einen Hocker heran.
»Viel mehr als Toast darf ich laut ärztlicher Anweisung noch nicht zu mir nehmen. Aber der war köstlich. Sprechen Sie Ihrem Steward, Mr. Killick, meinen Dank aus.«
»Das werde ich. Das werde ich, Miss Kincaid.« Aubrey, der nie zurückhaltend war, wenn es um Frauen ging, wurde auf einmal verlegen. Diese Situation war verzwackt. Er konnte nicht mit der Tür ins Haus fallen und Brüllen war in diesem Fall wohl auch nicht angebracht. Er sah über seine Schulter. Stephen schrieb immer noch. Dennoch war er sich sicher, dass der Doktor genau auf jedes Wort hörte, das gesprochen wurde und er war sich auf einmal noch sicherer, dass er von seinem Freund diesmal keine Rückendeckung bekommen würde. »Miss Kincaid«, begann er. »Darf ich höflichst um Erklärung suchen, warum Sie sich an Bord der Medea befanden?«
»Das dürfen Sie, Captain Aubrey. Ich denke, dass schulde ich Ihnen.« Sie zupfte an der Decke. »Die Medea ist mein ganzes Kapital. Sie sichert mir und meiner Familie den Lebensstandard. Das leuchtet Ihnen sicher ein.«
»Sie wollten also nur Ihr Kapital schützen?« Jack runzelte die Stirn.
Finn lächelte. Ihr Gesicht bekam einen verklärten Eindruck. »Die Medea ist mein Kapital, aber sie ist auch mein Leben. Ich kenne nichts anderes und ich will auch nichts anderes. Lange an Land zu sein, macht mich trübsinnig. Ich brauche das Rauschen des Meeres, das Schaukeln des Schiffes, um mich geborgen zu fühlen. Sehen Sie, ich war vier Jahre alt, als mich mein Vater zum ersten Mal mit auf See nahm. Ich war meiner Mutter zu aufsässig und sie dachte, das würde mich bändigen. Eine Woche Seekrankheit und ich würde zur Besinnung kommen. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich verliebte mich. In die See, in die Schifffahrt.« Jack hob überrascht eine Augenbraue. »Dass Ihnen das bei einer Frau merkwürdig vorkommt, verstehe ich. Aber es ist die Wahrheit. Warum sollte ich sonst die Strapazen und Gefahren einer Reise auf mich nehmen, wenn nicht aus Liebe? Captain Aubrey, nachdem ich zum ersten Mal meinen Fuß auf die Planken eines Schiffes gesetzt habe, habe ich den größten Teil meines Lebens auf ihnen zugebracht. Die Medea ist mein Heim, die Männer dort meine Familie. Einige von den Älteren kennen mich noch als Dreikäsehoch. Sie haben mir alles beigebracht, was ich weiß. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.«
Jack setzte sich aufrecht hin. Er hatte ihre Worte gehört, doch es dauerte ein wenig, bis er begriff. Aber die Hauptsache war, dass er begriff. »Eine Frau als Kapitän hat in dieser Welt keine Aussichten auf Aufträge. Sie sagten ja selbst, dass Mr. O’Hara alles für sie erledigt. Aber gehe ich dennoch recht in der Annahme, dass Sie der Kommandant der Medea sind?«
Finn schenkte ihm ihr liebenswürdigstes Lächeln. »Sie gehen vollkommen recht.«
Daraufhin sagte Aubrey erst einmal gar nichts. Dann drehte er seinen Kopf, sah Stephen an. »Hast du es gewusst?«
»Ja«, kam es langsam. »Aber ich hielt es nicht für ratsam, es dir zu sagen. Wenn Miss Kincaid nicht verletzt worden wäre, wäre sie auch nie in Augenschein getreten.«
»Du weißt, was ich von Menschen halte, die lügen?«
»Wenn du das Verschweigen von Tatsachen lügen nennen willst, dann habe ich es wohl getan. Aber diesen Schuh musst du dir dann auch selbst anziehen«, kam es gekränkt.
»Aber bitte, meine Herren«, schaltete Finn sich ein. Sie richtete sich ein wenig auf, was ihr üble Schmerzen verursachen musste. »Keinen Streit. Ich könnte nicht ertragen, Schuld an Ihrem Zerwürfnis zu sein.«
Jack lehnte sich zu ihr herüber, raunte leise, so dass Stephen ihn nicht verstehen konnte: »Sehen Sie zu, dass Sie gesund werden und auf Ihr Schiff zurückkehren.« Dann erhob er sich, verbeugte sich und ging aus dem Raum.
Finn sah auf Maturin. »Es hätte schlimmer werden können«, sagte er.
»Er hasst mich, weil du mich in Schutz genommen hast. Was könnte schlimmer sein?«

VI

Ein paar Tage später...
Sie passierten Menorca am Morgen des dritten Tages, von feindlichen Schiffen unbehelligt, in strahlendes Sonnenlicht getaucht aber leider von einer Flaute begleitet. Jack versuchte, jede kleine Böe auszunutzen, aber viel brachte es ihm nicht ein, da er immer wieder Fahrt wegnehmen musste, damit ihm die Medea nicht abhanden kam. So verbrachte er die meiste Zeit damit, die Stückmannschaften zu schinden. Aber diese nahmen es gelassen. Nach ihrem Zusammentreffen mit dem Freibeuter hatten sie wieder Blut geleckt und brauchten nicht unbedingt einer Aufforderung.
Finn erholte sich zu Stephens Freude sehr schnell, jedoch viel schneller als es Aubrey lieb war. Sie war erstaunlich  widerstandsfähig, sie klagte nicht oder blies Trübsal, was ihr unbeabsichtigt Respekt von ihm einbrachte. Doch dieser Respekt verflüchtigte sich wie ein laues Lüftchen, als Jack mit ihrem Dickschädel aneinander geriet. Der war genauso stark ausgeprägt wie seiner und behielt die weibliche Oberhand, denn sie ließ sich nicht durch die Tatsache, dass er der Kapitän der Surprise war und sie auf diesem Schiff nichts zu sagen hatte, davon abhalten, an Deck zu gehen, um frische Luft zu schnappen. Letztendlich konnte Jack es ihr nicht verwehren. Zum Einen war es gut für ihre Genesung und zum Anderen war sie Gast und nicht Gefangene. Und da er sich mit Stephen noch immer die Kajüte teilte, wollte er nicht dessen Unwillen über die in seinen ärztlichen Augen grundlose Verweigerung der heilenden Seeluft hervorrufen.
Der Doktor konnte beizeiten nämlich sehr unleidlich werden, wenn er Prinzipien in Gefahr wähnte. Dass es sich dabei um seine und nicht um Jacks handelte, ließ er natürlich geflissentlich außer Acht. Also beugte sich der Captain der freigeistigen Doppellastigkeit seines Schiffes, machte seinem Missfallen allerdings ab und zu brummig Luft, was der arme Killick zu spüren bekam, da er immer dann in Jacks Weg kreuzte, wenn dieser mal wieder verstimmt war.
Zum Beispiel darüber, dass er fürchtete, seine Mannschaft verlor durch die Anwesenheit einer Frau an Deck den Kopf. Nicht, dass sie noch nie eine gesehen hätten, Gott bewahre. Aber so dicht vor ihren Augen wollte er Miss Kincaid dann doch nicht haben. Zwei Toppgasten waren fast von den Fußpferden gerutscht, als sie sich den Hals nach ihr verrenkten. Doch rechnete er ihr auf gewisse Weise an, dass sie sich nach diesem Vorfall im Hintergrund hielt und darauf bedacht war, sich keine Blöße zu geben. Wenn das eine Frau in Drillichhosen, einem schlackrigen Hemd von Stephen nebst verwaschenem Mantel nicht schon von selbst ungewollt tat. Sie hatte noch immer leicht Schlagseite, wenn sie ging – oder eher schlurfte – aber die Verletzung heilte. Dennoch wünschte Jack, es möge schneller vonstatten gehen. Wann immer er ihr: »Captain Aubrey?« hörte, verzog sich sein Gesicht zu einer grimmigen Fratze. Doch zwang er sich zu lächeln, sie freundlich zu behandeln und ihre Fragen höflich zu beantworten.
Im Moment saß sie gerade wieder am Heck. Der junge Lord Blakeney war bei ihr und hing regelrecht an ihren Lippen. Stephen war nicht zu sehen. Jack nickte Vulcan zu und spazierte zu den beiden herüber. Sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie seine Anwesenheit nicht bemerkten. Er nutzte diese Gelegenheit, hielt sich abseits und lauschte.
Voller Erstaunen stellte er fest, dass Miss Kincaid dem Jungen ein haargenaue Abhandlung über die Schlacht von Abukir gab. Sie redete so, als wäre sie selbst dabei gewesen. Und die Worte, die sie dabei wählte, waren wesentlich blumiger und interessanter, als sie ihm je in den Sinn gekommen wären. Doch was ihn noch mehr wurmte, war die Tatsache, dass sie kein Seemannsgran spann, sondern die Wahrheit sagte. Er musste es ja wissen, immerhin hatte er es miterlebt.
»Captain Aubrey!« Blakeney sprang auf, als er Jack erblickte, salutierte.
Dieser lächelte freundlich. »Wie ich sehe, unterhalten Sie sich blendend.«
»Ja, Sir«, gab der Junge kleinlaut zurück. Dann verbeugte er sich vor Finn. »Ich gehe jetzt lieber, Ma’am.«
Jack sah ihm verwirrt nach, als er davoneilte.
»Er spürt Ihren Unwillen mir gegenüber. Als Fähnrich dieses Schiffes möchte er sich nicht gezwungen sehen, für mich Partei ergreifen zu müssen, also entzieht er sich lieber der Konfrontation«, sagte Finn leise.
»Ein Seemann entzieht sich keiner Konfrontation«, erwiderte Aubrey grimmig.
Finn lächelte milde. »Nur dass ich kein feindliches Schiff bin – vor dem er niemals kneifen würde, sondern eine Frau. Bedenken Sie, trotz all seiner Erfahrung und seines Mutes ist er auf gewisse Weise noch immer ein Kind.«
Jack zögerte, dann setzte er sich zu ihr. »Sie denken, ich mag Sie nicht?« fragte er frei heraus.
»Das ist offensichtlich. Ich bin ein Störfaktor in Ihrer eingespielten Routine. Es würde mich auch zutiefst verärgern, wenn meine Mannschaft durch etwas abgelenkt und nicht bei der Sache wäre. Ein schlecht gerefftes Segel kann ein Übel werden. Vor allem in einem Sturm.«
»Es könnte die Rah zerbrechen lassen«, erwiderte Jack und nickte. Nach einer Weile fragte er: »Woher wissen Sie so genau über die Schlacht von Abukir Bescheid?«
»Jeremiah Barton. Mein Koch. Gott habe ihn selig. Er war dabei. Sicher ist Ihnen aufgefallen, dass ihm ein Auge fehlte. Das hat er dort gelassen. Ich habe ihn gebeten, mir immer und immer wieder davon zu erzählen. Ich konnte die Bilder förmlich sehen. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen. Aber dazu stecke ich im falschen Körper.«
»Sie hassen es, eine Frau zu sein?« Jack sah sie erstaunt an.
»Oh nein, es hat schon seine Vorteile. Aber das, was ich erstrebe, wird mir dadurch immer verwehrt bleiben.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Aubrey freundlich. »Sie haben bereits das Kommando über ein Schiff. Wohlgemerkt keine Kriegsbrigg. Aber spielt das wirklich eine Rolle? Ihre Mannschaft steht hinter Ihnen. Das spricht für sich. Denn kein Mann würde es erlauben, von einer Frau geführt zu werden, die ihr Handwerk nicht versteht.«
»War das gerade so etwas wie ein Kompliment, Captain Aubrey?«
»Dazu würde ich mich nie erdreisten«, gab er zurück.
Finn lachte. Dann presste sie die Hand an ihre Seite. »Bitte, bringen Sie mich nicht zum Lachen.«
»Nichts läge mir ferner.«
Sie hustete. »Ist es schwierig für Sie?«
»Was ist schwierig?« Jack verstand nicht ganz.
»Sich in gewisser Weise degradiert zu sehen? Nur aufgrund eines Unfalls?«
»Sie denken, es war ein Unfall?«
»Stephen sagte es. Ich glaube ihm. Und ich halte Sie für keinen so dummen Menschen, der sein Kommando, seine Ehre, ja sogar sein Leben aus Spiel setzen würde, nur um einem unliebsamen Zeitgenossen eins auszuwischen.«
»Wie viel wissen Sie eigentlich über mich?«
»Genug, um mich davor zu hüten, mich in meinen nautischen Fähigkeiten mit Ihnen messen zu wollen. Hören Sie also auf, mich als Bedrohung anzusehen. Ich bin nicht ihr Feind.«
»Dann hören Sie aber auch auf, mein Schiff und mich mit Argusaugen zu betrachten, um mir auch nur den kleinsten Fehler anzukreiden.«
»Sie unterstellen, dass ich es könnte? Ich fühle mich geehrt.«
»Nun ja, das Wendemanöver und das Eingreifen in die Schlacht waren sicher Ihre Idee. Ich will nicht sagen, dass es brillant war, immerhin hätten Sie dabei mehr als nur Ihren Fockmast verlieren können. Aber es war beherzt und ehrlich. Diese Eigenschaften schätze ich bei Menschen.«
»Hören Sie auf damit. Sonst fangen Sie noch an, mich zu mögen.«
Jetzt war es Jack, der lachte. »Nie im Leben, Miss Kincaid. Nie im Leben.«
Schritte ließen beide aufsehen.
Stephen näherte sich ihnen, ein Tablett in den Händen. Er warf ihnen einen verunsicherten Blick zu. Als er jedoch merkte, dass keine Gefahr im Verzug war, entspannte er sich etwas, setzte das Tablett neben Finn auf der Bank ab. Es enthielt duftenden Kaffee und bröckligen Zwieback. »Mit liebenswürdiger Empfehlung von Mr. Killick«, erklärte er seine Servierdienste, schüttete Kaffee in die kleinen Tassen.
Doch bevor sie trinken konnten, schallte es vom Ausguck: »Segel in Sicht! Kurs Südsüdost! Entfernung 20 Seemeilen.«
Mit einen Klirren zersprang die Porzellantasse, da Jack sie zu heftig auf die Untertasse gestellt hatte, bevor er sich erhob. Finn stellte ihre behutsamer ab und erhob sich ebenfalls. Sie schwankte. Bevor Stephen zufassen konnte, hatte Aubrey bereits seinen Arm um sie gelegt. Sie stützte sich daran auf, höflichst darauf bedacht, ihm dabei nicht zu nahe zu kommen.
Polternde Schritte näherten sich. Leutnant Vulcan. Er hatte sein Fernrohr ausgefahren, reichte es weiter an Jack. »Eine Vierundsiebziger, Sir«, verkündete er.
Der Commander nickte. »Französisch«, fügte er noch hinzu.
»Darf ich?« wandte sich Finn an Jack, löste sich von ihm. Er hielt ihr das Fernrohr vor die Augen und sie spähte hindurch. Nach einer Weile meinte sie: »Das ist die Marquise. Der Kapitän heißt Etienne Devereux. Ein netter Mann. Das Essen war ausgezeichnet.« Captain, Leutnant und Doktor starrten sie verwirrt an. Sie lächelte. »Ich hatte letztes Jahr das "Vergnügen" ihm zu begegnen. Er war sehr höflich. Ließ mir immerhin mein Schiff. Auch wenn er meine gesamte Ladung beschlagnahmte. Doch wenn er mich jetzt in Begleitung eines britischen Kriegsschiffes trifft, wird er wohl nicht mehr so nachsichtig sein. Ich weiß, mein Wort hat hier nicht viel Gewicht, Captain Aubrey.« Sie ließ das Fernrohr sinken und sah Jack an. »Aber das Einzige, was wir jetzt noch tun können, ist – da Fliehen nicht in Ihrer Natur liegt und auch wohl wenig Sinn hat – ihn sich in Sicherheit wiegen zu lassen und sobald er nah genug ist, beide das Feuer auf ihn zu eröffnen.«
Jack nickte. Etwas Ähnliches war ihm auch durch den Kopf gegangen. Gerade, als er sich umwandte, um Vulcan den entsprechenden Befehl zu erteilen und ihn aufzufordern, ihre Absichten an Captain O’Hara zu übermitteln, ertönte es erneut aus dem Ausguck. »Weitere Segel in Sicht. Kurs Nordnordost! Entfernung 15 Seemeilen.«
»Das ist wohl heute nicht unser Tag«, murmelte Finn. »Was tun wir jetzt?« Sie schielte auf Aubrey.
»Wir wählen das kleinere Übel«, erwiderte dieser.
»Und das wäre?«
»Wir versuchen, beide Schiffe in ein Gefecht zu verwickeln, in der Hoffnung, dass sie – sollten sie sich als Verbündete gegen uns erweisen – nicht das Risiko auf sich nehmen, sich gegenseitig über den Haufen zu schießen.« Er deutete auf das unbekannte Schiff. »Das ist eine Sechsunddreißiger. Das kleinere Übel, Miss Kincaid. Sie hält Kurs auf uns. Wir können ihr nicht ausweichen. Nicht bei diesem Wind. Sie steht in Luv. Hat den eindeutigen Vorteil.« Jack war abseits getreten, spähte erneut durch sein Fernrohr.
»Aber sie setzt gerade den Union Jack«, rief Finn.
»Was nichts zu besagen hat, da man sich allerlei List bedient, um einen Feind zu täuschen«, warf Stephen leise ein.
»Signalflaggen. Die sind eindeutig«, erklärte Jack. »Diese Codes wechseln ständig und nur die britische Marine kennt sie. Kein Feind kann sie vortäuschen. Was...???« Er setzte das Fernrohr ab. Dann nahm er es noch einmal hoch und sah erneut hindurch. »Bei meiner Seele.« Jack fing an zu lachen. »Hat mich das lange Untätigsein doch glatt mit Blindheit geschlagen! Mr. Andrews!« brüllte er zum Ausguck. »Setzen Sie das Willkommenssignal und flaggen Sie: Erwarte Sie pünktlich um sechs Glasen zum Essen. Ausreden abgelehnt.«
Andrews verharrte verwirrt und versuchte zu verstehen, was ihm Kopf seines Kommandanten vorging. War das ein Täuschungsmanöver? Würde gleich der Befehl, gefechtsklar zu machen, kommen?
»Starren Sie keine Löcher in die Luft!« bellte Jack laut. »Oder muss ich erst selbst raufkommen?!«
Andrews zuckte zusammen und gehorchte. Zum einen, weil er nicht wegen Befehlsverweigerung auf der Gräting landen wollte und zum anderen, weil sich der grogselige Nebel vor seinen Augen zu lichten begann und er den Grund für Aubreys Einladung nun klar und deutlich erkannte. Breit grinsend nahm er die Signalflaggen zur Hand und übermittelte enthusiastisch die gewünschte Botschaft.
»Bonden«, wandte der Captain sich an den Ruderführer. »Setz neuen Kurs nach Nordnordost! Fünf Grad Backbord. Wir wollen der Marquise lieber unsere Stückpforten als unser Heck zur Ansicht bieten. Wenn Sie mit der Botschaft fertig sind, Andrews, signalisieren Sie O’Hara, dass er seinen Kurs dem unserem anpassen soll.«
»Das hat er, glaube ich, auch so begriffen!« kam es postwendend von Finn mit Fingerzeig auf die Medea. Die setzte gerade ihr Focksegel. Lieber riskierte O’Hara einen erneuten Bruch des Mastes, als sich von einem Franzosen die Brigg abjagen zu lassen.
»Captain Aubrey, Sir«, ließ Vulcan nervös verlauten. »Wenn ich mir eine Frage erlauben darf. Ich gehe davon aus, dass Sie die Fregatte als Verbündete betrachten...«
Weiter kam er nicht, denn Jack rief einen Matrosen zu sich. »Carlisle!« Der salutierte, wartete auf Order. »Teilen Sie Killick mit, dass ich einen Gast zum Essen haben werde. Insgesamt werden es...« Er überlegte, schien mental seine Finger zu zählen. »...sechs Personen sein. Er soll das Beste auftischen, was die Vorräte zu bieten haben!« Dann wandte er sich an seinen Ersten. »Das da, Mr. Vulcan ist die Acheron. Und sie ist in der Tat unsere Verbündete, denn immerhin hat diese Mannschaft sie aufgebracht und Ihr Vorgänger führt jetzt dort das Kommando.«
»Der Franzose dreht ab!« schrie Andrews enttäuscht aus dem Ausguck herunter.
»Hat demnach die Hosen gestrichen voll. Nun ja, niemand bei Verstand legt sich mit den Captains Aubrey und Pullings gleichzeitig an!« Jack schmunzelte. Er war nicht im geringsten enttäuscht. Ein gemütliches Essen sagte ihm weitaus mehr zu, als eine hitzige Seeschlacht. Auch wenn er zugeben musste, dass die Marquise eine stattliche Prise abgab. An einem anderen Tag vielleicht. Wenn die Zeichen günstiger standen...

~~~

Kaum war Pullings an Bord, stürmte Jack auch schon auf ihn zu. Er musste sich keiner Höflichkeitsfloskeln bedienen, immerhin war man unter Freunden. Er riss Tom in eine Umarmung, klopfte ihm dabei herzlich auf den Rücken. Der schlacksige junge Mann grinste verlegen.
»Was für eine Freude. Was für eine Freude«, tönte Jack, geleitete Pullings an der Mannschaft vorbei unter Deck. »Da denke ich noch so bei mir, dass ich es mal wieder allein mit einer Vierundsiebziger aufnehmen muss. Will mich schon auf sie stürzen, da kommt Captain Pullings angesegelt und verdirbt mir den ganzen Spaß!«
Der Kapitän der Acheron lachte. »Das sah mir aber nicht danach aus. Nicht bei diesem Anhängsel. Wie kommt es, Captain Aubrey? Hat die Brigg Sie um Schutz gebeten?«
Jack schüttelte den Kopf. »Demnach ist es noch nicht bis zu Ihnen vorgedrungen. Nun ja, Sie hatten wohl nicht viel Zeit zum Zeitung lesen. Ich bin zum Eskortendienst abkommandiert.«
»Nein!« Tom blieb stehen. »Aber warum um Himmels Willen denn das?«
»Das ist eine lange Geschichte. Wollen wir uns dadurch nicht das Essen verderben lassen.« Er wies auf den Eingang zur Offiziersmesse.
Pullings trat ein, wurde sofort von Mowett mit Schulterklopfen begrüßt. Auch wenn er jetzt Captain war, sah er höflich über diese vertrauliche Geste hinweg. Sie kannten sich zu gut, als dass man in diesem Moment mit aller Vehemenz auf die militärische Etikette hätte pochen müssen.
Auch Stephen reichte dem jungen Mann die Hand. Sie waren immer gut miteinander ausgekommen.
Vulcan hatte sich ebenfalls von seinem Stuhl erhoben. »Es ist mir eine Ehre, meinen Vorgänger kennen zu lernen«, sagte er mit einer steifen Verbeugung.
»Leutnant Benedict Vulcan«, meinte Tom freundlich. »Wenn ich mich ein wenig schneller entschieden hätte, würden Sie jetzt Dienst auf der Acheron tun. Aber so war es schon immer. Die besten Happen bekommt Captain Aubrey.«
Alle anwesenden Offiziere brachen in johlendes Lachen aus. Das Eis war gebrochen.
Erst jetzt fiel Tom auf, dass noch jemand im Raum war. Erstaunt riss er die Augen auf, als er erkannte, dass es eine Frau war. Und als sie ins Kerzenlicht trat, wurde er rot.
Denn Finn lächelte ihn an und sagte freundlich. »Schön, Sie wiederzusehen, Captain Pullings.«
Jack sah auf seinen ehemaligen Ersten, dann zu Finn hinüber. Erst jetzt begriff er. Leutnant Vulcan war es gewesen, der ihn nach der Acheron gefragt hatte. Er war ihr ja nie begegnet, konnte ihre Konturen nicht kennen. Doch die sonst so wissbegierige Miss Kincaid hatte geschwiegen, einfach weil sie gewusst hatte, wer sich ihnen da näherte.
Dennoch ließ sie sich zu einer liebenswürdigen Erklärung hinreißen. »Wir sind uns auf meiner letzten Fahrt begegnet. Captain Pullings war so freundlich, nicht gleich das Feuer zu eröffnen und mir Zeit für Erklärungen zu geben.«
Der nickte. »Sofern man davon sprechen kann, steht Miss Kincaid ja auf unserer Seite. Verzeihen Sie mir, dass ich die Medea nicht sofort erkannte. Und ich möchte mich noch einmal dienlichst für das ausgezeichnete Essen bedanken. Ich bin damals leider nicht dazu gekommen, Mr. Barton meine Hochachtung auszusprechen. Vielleicht kann ich es jetzt ja nachholen.«
»Ich fürchte nicht«, sagte Jack. »Bei unserem Gefecht mit der Hieron kam der gute Mr. Barton ums Leben.«
»Die Hieron? Sie sind ihr begegnet?«
»Sie jagen ihr nach?« fragte Vulcan.
»Das ist mein Auftrag. Ja.« Leiser fügte er hinzu, als er sich setzte. »Also beglückt uns mal wieder Killick mit seinen Kochkünsten.«
Der Steward hatte gerade den Raum betreten, ein Tablett mit köstlich duftenden Steaks in beiden Händen balancierend. Er hatte Toms letzte Worte gehört und brabbelte etwas in seinen Bart, von dem nur »Ist sich wohl auf einmal zu fein, der Herr« zu verstehen war und setzte das Tablett heftiger als beabsichtigt auf dem Tisch ab. Ein paar Steaks polterten davon herunter und kullerten über den Tisch.
»Killick!« tadelte Aubrey ihn. Der Steward zog den Kopf ein. Doch bevor er das Fleisch vorsichtig mit Messer und Gabel wieder in die ursprüngliche Position bringen konnte, hatte Jack schon zugelangt und stapelte sich seinen Teller voll. Mit einer einladenden Geste forderte er die anderen ebenfalls dazu auf. »Wie kommt es«, sagte er ohne Umschweife, sah Tom an, der sich an Killick vorbeibeugen musste – der gerade die Weingläser füllte. »Wie kommt es, dass Sie jetzt hier sind? Ich dachte, Sie kreuzen immer noch in der Südsee.«
»Bis vor drei Monaten tat ich das auch, dann kam der neue Befehl. Die Hieron ist zu einem Ärgernis geworden, das beseitigt werden muss.«
»Jetzt jagen Sie mit einem ehemaligen Freibeuter einen Freibeuter. Entbehrt nicht einer gewissen Ironie, oder?« Stephen sah in die Runde, erntete nickende Zustimmung.
»Wir sind der Hieron vor drei Tagen begegnet«, erklärte Vulcan, während er sein Steak in kleine, mundgerechte Happen schnitt. »Keine großen Verluste bei uns, aber bei der Medea. Deshalb machen wir auch so langsam Fahrt. Wir wollen sie nicht verlieren.«
»Wofür Miss Kincaid sicher sehr dankbar ist.« Tom lächelte Finn an.
»Sehr sogar. Wenn ich diese Ladung eingebüßt hätte, wäre es mit den guten Aufträgen vorbei gewesen.« Jack warf ihr einen Seitenblick zu. Sie legte ihre Gabel auf den Teller und griff sich an die Seite.
Sofort war Stephen alarmiert. Er wollte aufstehen, doch sie gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er sitzen bleiben sollte. »Ich wurde verletzt«, erklärte sie dem verwirrten Pullings.
Dessen Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. »Nun, da Sie aber hier mit uns sitzen, nehme ich an, es ist nicht so ernst?«
»Dr. Maturin war so frei, mich wieder zusammenzuflicken.« Sie trank einen Schluck Wein. Die Blässe wich aus ihren Wangen, machte einer leichten Röte Platz. »Sagen Sie mir, Captain Pullings, wie geht es Mr. Jennings?«
Tom wandte den Blick ab. Das brachte Jack auf den Plan. »Was ist mit diesem Jennings?« wollte er wissen.
Der Kapitän der Acheron hüstelte. »Jonas«, erwiderte er nur.
Stephen begann mit den Augen zu rollen. »Nicht schon wieder.«
»Sie halten das für Unsinn?« Vulcan richtete seine Aufmerksamkeit auf den Doktor.
»Ja«, sagte dieser fest. »Purer Aberglaube, der einen Menschen zu Grunde richten kann.« Seine Augen suchten Jack, der diesem bohrenden Blick auswich. Jeder außer Finn und Vulcan wusste, worauf er anspielte. Hollom.
»Nun ja, mit dem Glauben ist es in der Tat so eine Sache«, gab der Erste zu. »Aber selbst Sie müssen gestehen, dass es manchmal Dinge gibt, die man nicht wissenschaftlich erklären kann.«
Stephen sah auf Finn, erhoffte sich Rückendeckung von ihr. Aber die kam nicht in dem gewünschten Ausmaß. »Mr. Vulcan hat recht. Auch wenn mich mein aufgeklärter Geist dazu auffordert, so etwas nicht ernst zu nehmen, muss ich dennoch zugeben, dass ich in der fraglichen Angelegenheit schwanke. Ich war 10 Jahre alt, da holte mein Vater einen Waisenjungen an Bord.« Alle lauschten ihr gebannt, selbst Jack ließ für einen Moment das Essen Essen sein.
Finn nahm noch einen Schluck Wein. »Mein Vater hatte schon immer eine Vorliebe für Streuner. Doch seit diesem Tag gingen alle möglichen Dinge schief. War er zum Deckschrubben eingeteilt, rutschte jemand auf den Planken aus. Schickte man ihn in die Küche, brannte das Essen an. Als dann noch das Haltetau des Beibootes riss, als er zugegen war, war das Maß für die Mannschaft voll. Sie wollten ihn von Bord haben.«
»Man könnte diese Missgeschickte auch seinem Mangel an Kenntnis zuschreiben«, warf Stephen ein.
»Natürlich. Das wird es wohl auch gewesen sein«, stimmte Finn ihm zu. »Aber es änderte nichts an der Einstellung der anderen ihm gegenüber. Und ich muss zugeben – gut, ich war noch ein Kind – aber es war manchmal schon unheimlich. Mein Vater brachte es aber nicht fertig, den Jungen ganz aus seinen Diensten zu weisen, zumal er sehr aufgeweckt war. Er schickte ihn auf eine Schule und nahm ihm später als Schreiber für die Geschäftskorrespondenz in die Firma auf.«
»Da hat er aber noch mal Glück gehabt«, ließ Jack verlauten, schaufelte sich Fleisch in den Mund.
Finn legte den Kopf schief. »Wie man es nimmt, Captain Aubrey. Aus dem Jungen wurde ein Mann, aber ein Jonas ist er trotzdem geblieben. Heute mehr denn je, obwohl ich, wenn man mich fragte, das Wort Judas eher für ihn gebrauchen würde. Der Mann, von dem ich spreche, hört auf den Namen Ian Shaughnessy.«
»Der Kapitän der Hieron?« Jack riss die Augen auf. »Warum haben Sie das nicht früher erzählt?«
»Weil es für Sie keine Bedeutung hat. Und«, fuhr sie fort, seine nächste Frage vorausschauend beantwortend. »Ich war Captain Pullings bereits mit allen Informationen dienlich, die ich über Ian habe.«
Betretenes Schweigen. Besteckgeklirr auf den Tellern. Hüsteln.
»Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Captain Pullings«, wandte Finn sich an Tom. »Wie geht es Mr. Jennings?«
»Er ist desertiert. Was ich ihm nicht mal verübeln kann«, entgegnete dieser.
»Womit sich das Problem gelöst hat«, fügte Jack hinzu und sah mit einem Blick in die Runde, der besagte, dass dieses Thema erledigt war.
Killick schlurfte heran, ein neues Tablett in den Händen. Er füllte Fleisch auf, brachte noch mehr Soße und Wein. Die Anwesenden schwiegen, widmeten sich ganz dem Menü.
Finn hatte vielleicht ein halbes Steak gegessen. Sie wusste, sie brauchte mehr, um ihre Kräfte aufzufrischen. Aber ihr war nicht danach. Doch wenn sie sich nur am Wein festhielt, würde sie bald betrunken sein. Also ermahnte sie sich, weiterzuessen. Sie tunkte das Fleisch in die durchaus köstlich Soße, schob es in den Mund, kaute und musste husten.
Alarmiert sahen 10 Augenpaare auf sie. Sie versuchte ein schiefes Lächeln, nahm vorsichtig die Serviette und hielt sie sich vor dem Mund. Es war ihr peinlich, aber sie musste den Fremdkörper loswerden, der ihr unangenehm auf der Zunge lag. Als sie ihn betrachtete, war sie nur zu einem leisen »Oh« im Stande.
Jack hatte sich neugierig zu ihr gelehnt und betrachtete den kleinen runden Gegenstand in der Serviette. Er fing an zu grinsen. »Sieht so aus, als hätte der Jäger seine Signatur hinterlassen. Miss Kincaid ist gerade auf eine Schrotkugel getroffen. Killick, wo hast du das Biest bloß her?«
»Ich habe es auf dem Markt gekauft, bevor wir ablegten, Sir«, entschuldigte sich der Steward. »Der Händler sagte, es wäre erstklassige Ware.«
»Zumindest können wir davon ausgehen, dass es frisch ist«, sagte Stephen. »Der Geschmack ist wundervoll. Dennoch achten Sie auf Ihre Zähne. Brechen Sie sich ein Stück ab, kann ich nichts für Sie tun, außer einen gesunden Zahn zu ziehen. Und das wollen wir doch lieber vermeiden.«
Killick erblasste und sah zu, dass er zurück in die Kombüse kam. Seine Ehre als Küchenchef war angekratzt. Ihm hätte es doch auffallen müssen? Warum war er nicht umsichtiger gewesen? Wäre er nur einen Augenblick länger geblieben, hätte er gesehen, dass sich die anderen nicht daran stören ließen. Nur waren sie jetzt bedächtiger. Sie versuchten es dem Doktor gleich zu tun, der sein Steak mit chirurgischer Präzision zerlegte und interessiert die Einzelteile betrachtete.
Nun, Jack nahm sich nicht die Zeit dazu. Er schnitt, prüfte. Wurde das Stück Fleisch als ungefährlich erkannt, landete es zusammen mit der Beilage in seinem Mund.
Finn hatte jedoch den Appetit verloren. Sie stocherte noch ein wenig auf dem Teller herum, dann legte sie ihr Besteck ab und schob den Teller zur Seite. Höflich wartete sie jedoch, bis die anderen ebenfalls fertiggegessen hatten. Dann lächelte sie und erhob sich. Die Männer sprangen der Etikette gebietend auf, zogen noch rechtzeitig ihre Köpfe ein, um nicht an die Deckenbalken zu stoßen.
»Meine Herren, ich ziehe mich jetzt zurück.« Sie nickte jedem der Anwesenden zu.
»Miss Kincaid, Killick hat extra Figgy-dowdy zubereitet«, versuchte Jack sie aufzuhalten. »Ich weiß nicht, ob Sie es schon mal gegessen haben. Falls nicht, sollten sie sich diese Köstlichkeit nicht entgehen lassen.«
»Dieses Dessert ist mir durchaus bekannt, Captain Aubrey«, erwiderte sie freundlich. »Soweit ich weiß, wird es mit Rum zubereitet. In meiner jetzigen Konstitution halte ich das meiner Gesundheit nicht für zuträglich. Dr. Maturin wird das sicher bestätigen. Der Wein war ausgesprochen köstlich und für meine Verhältnisse vollkommen genug. Außerdem denke ich, dass die Herren lieber unter sich sein wollen. Also noch einmal herzlichen Dank für die Einladung, dennoch wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.« Langsam schritt sie zur Tür, blieb dort noch einmal stehen. »Captain Pullings«, meinte sie ernst. »Ich hoffe, sie bekommen die Hieron zu fassen. Sollten sie Shaughnessys habhaft werden, suchen Sie bitte in seinen Sachen nach einem goldenen Medaillon. Auf dem Deckel ist eine Kamee zu sehen. Sie ist mein Eigentum und ich hätte sie gern zurück.« Mit diesen Worten verließ sie die Offiziersmesse, bevor Tom irgendetwas darauf erwidern konnte. Verlegen klappte er seinen offenen Mund zu und setzte sich.
Jack lehnte sich auf seinem Stuhl weit zurück, fuhr sich mit der Hand über den Mund, während die andere auf seinem wohlgenährten Bäuchlein ruhte. »Nun, mein guter Pullings, hätten Sie die Güte, uns alles über ihre letzten Monate auf See zu berichten?«
Tom lächelte, griff nach seinem Weinglas. »Lassen Sie mich zuerst einen Toast aussprechen.« Automatisch schnappten sich auch die anderen ihre Gläser, warteten gespannt auf seine Worte. »Ich trinke hiermit auf die Surprise und ihren Commander, Captain Aubrey!« Mit einem breiten Grinsen im Gesicht fuhr er fort: »Und darauf, dass ich sein Gebrüll nicht länger ertragen muss!«
»Hört! Hört!« Jack schlug mit der Hand auf den Tisch, kicherte und kippte seinen Wein in einem Zug herunter.
Die anderen wagten nicht, ihrer Belustigung heftiger Ausdruck zu verleihen, als durch ein mildes Lächeln. Bis auf Stephen, der lächelte offen, nickte, sagte aber auch nichts, weil er weder Jack noch sich vor Vulcan brüskieren wollte. Der Mann war ein guter erster Offizier, aber so ganz wusste der Doktor noch nicht, wo er ihn hin stecken sollte.
Bevor Jack jedoch den Toast erwidern konnte, kam Killick herbei, schleppte die schwere Schale mit Figgy-dowdy in seinen Händen, setzte sie mit einem hörbaren Knirschen auf dem Tisch ab und zerknautschte dabei das Damasttuch.
»Wissen Sie, Captain, das erinnert mich an ein Essen vor ein paar Jahren. Damals auf der Polychrest
»Oh, Sie meinen den guten Mr. Canning.« Jacks Gesicht leuchtete, wurde mit einem Blick auf Stephen jedoch wieder blass. »Gott habe ihn selig«, murmelte er betreten, sich daran erinnernd, dass sein bester Freund Canning bei einem Duell erschossen hatte. Es war ein Unfall gewesen. Ein tragischer, tödlicher Unfall.
»Was mich an ein weiteres Dinner erinnert, das ich die Freude hatte, auf Madeira zu genießen. Dort traf ich unseren Freund Dundage. Er ließ die Ethelion aufrüsten, hatte bei einem Sturm gehörig an Spieren eingebüßt«, meinte Pullings beiläufig, schaufelte sich Figgy-dowdy auf seinen Teller.
»Wirklich?«
Tom nickte. »Natürlich lud er mich sofort zum Essen ein, wollte wissen, was alles geschehen ist und wie es Ihnen geht. Bei diesem Anlass lernte ich Miss Kincaid kennen. Auch wenn mir damals nicht ganz klar war, wer sie wirklich ist. Das habe ich erst begriffen, als die Acheron den Weg der Medea kreuzte.«
»Ein außergewöhnliches gut geführtes Schiff. Dafür, dass es keine Kriegsbrigg ist«, sagte Jack ernst.
»Zu einer außergewöhnlichen Frau gehört auch ein außergewöhnliches Schiff, meinen Sie nicht?« Tom sah auf seinen früheren Vorgesetzten.
»Wollen Sie damit etwa andeuten, Miss Kincaid ist der Kommandant der Medea?« Vulcans Unterkiefer ging auf Talfahrt, der Löffel verharrte reglos in der Luft vor seinem Mund.
»Oh, ich dachte, Sie haben Kenntnis davon.« Pullings rutschte verlegen auf seinem Stuhl herum. »Verzeihen Sie mir mein vorschnelles Mundwerk.«
Vulcan fasste sich wieder, der Löffel fand sein angestrebtes Ziel. Er kaute, schluckte und verdaute. Eher die Erkenntnis, als das Essen. Das schaukelte noch ruhig in seinem Magen. Wie bei den anderen auch.
Es war Stephen, der sich zu Wort meldete. Er wusste, Jacks Umsicht reichte manchmal nur von der Weinflasche bis zu ihrem Etikett und er wollte nicht, dass er etwas sagte, dass Finn in einem falschen Licht erscheinen ließ. »Miss Kincaid sah sich gewissermaßen dazu gezwungen. Nach dem Tod ihres Vaters musste sie sich die Existenzfrage stellen. Immerhin galt es, eine kleine Schwester und eine kranke Mutter zu versorgen. Die Medea war ihr einziges Kapital. Sie hat es gewinnbringend genutzt. Wer wollte ihr daraus einen Vorwurf machen?«
»Ich bestimmt nicht«, kam es von Jack, verblüffte den guten Doktor. »Mein lieber Mr. Vulcan, Sie haben sicher nicht vergessen, dass es die Kanonen der Medea waren, die uns Zeit gegenüber der Hieron verschafften.«
Tom wurde hellhörig. »Die Medea hat in das Gefecht eingriffen?«
Mowett knurrte: »Hat sie den Fockmast gekostet und Miss Kincaid fast den Arm.«
»Ein Teufelsweib!« platzte Pullings heraus. Als er jedoch den scharfen Blick bemerkte, den Stephen ihm zuwarf, sah er geflissentlich in eine andere Richtung.
»Jedenfalls liegt mir selbst viel daran, die Medea wohlbehalten in England abzuliefern«, erklärte Jack. »Ich würde es ungern sehen, wenn sie in den Händen der Franzosen landet. Sie erinnert mich schmerzlich an die Sophie
»Hört! Hört!« kam es diesmal von Mowett.
Die Stimmung lockerte sich, man redete über alte Schlachten, alte Verletzungen, wog die Vorzüge der Acheron gegenüber der Surprise ab. Wobei es fast in einen Streit zwischen Pullings und Aubrey ausartete, dem Stephen ein Ende setzte, in dem er sich wort- und illustrationsreich über den Verdauungstrakt eines Pferdes ausließ. Mit angewidertem Interesse hörten ihm die anderen zu, stoppten aber, sobald Killick mit einer neuen Flasche Wein erschien, seinen Redefluss.
Der Abend nahm kein Ende. Es wurden noch vier weitere Flaschen gelehrt, dem Killick mit einen Stirnrunzeln zusah. Sein Vorrat schrumpfte. Doch er konnte nichts dagegen tun. Würde er sich doch nie erdreisten, seinen Captain darauf hinzuweisen, dass dieser zuviel trank.
Bald schallte lautes Gelächter aus der Kabine. Und Stephen fand sich beängstigender Weise inmitten von vier Männern wieder, die sämtliche Shantys zum besten gaben, die ihnen einfielen. Gerade versuchten sie, ihm das Seemannsalphabet beizubringen. Er zwang sich, aufmerksam zuzuhören, kam aber schon nach den ersten zwei Strophen nicht mehr mit.

A is the anchor that holds a bold ship,
B is the bowsprit that often does dip,
C is the capstan on which we do wind, and
D is the davits on which the jolly boat hangs.
 
E is the ensign, the red, white, and blue,
F is the fo'c'sle, holds the ship's crew,
G is the gangway on which the mate takes his stand,
H is the hawser that seldom does strand.

 

Oh, hi derry, hey derry, ho derry down,
Give sailors their grog and there's nothing goes wrong,
So merry, so merry, so merry are we,
No matter who's laughing at sailors at sea.

 

I is the irons where the stuns'l boom sits,
J is the jib-boom that often does dip,
K are the keelsons of which you've told, and
L are the lanyards that always will hold.

 

M is the main mast, so stout and so strong,
N is the north point that never points wrong,
O are the orders of which we must be'ware, and
P are the pumps that cause sailors to swear.

 

Oh, hi derry, hey derry, ho derry down,
Give sailors their grog and there's nothing goes wrong,
So merry, so merry, so merry are we,
No matter who's laughing at sailors at sea.

 

Q is the quadrant, the sun for to take,
R is the riggin' that always does shake,
S is the starboard side of our bold ship, and
T are the topmasts that often do split.

 

U is the ugliest old Captain of all,
V are the vapours that come with the squall,
W is the windlass on which we do wind, and
X, Y, and Z, well, I can't put in rhyme!

 

Oh, hi derry, hey derry, ho derry down,
Give sailors their grog and there's nothing goes wrong,
So merry, so merry, so merry are we,
No matter who's laughing at sailors at sea.

Als sich Pullings endlich torkelnden Schrittes zu seinem Schiff aufmachte, stand der Mond bereits hoch am Himmel. Mowett war ebenfalls verschwunden, hatte Vulcan mit sich gezogen. Stephen saß noch am Tisch, während Jack sich bereits aus seiner Jacke zu schälen begann.
»Sieht gut aus, hhmm?« fragte Aubrey.
Der Doktor blinzelte. »Was?«
»Pullings. Seit er sich Captain nennen darf, ist er noch ein Stück größer geworden.«
»Ja, wenn du es sagst.« Stephen gähnte.
»Was ist los?« Aufmerksam ruhten Jacks Augen auf seinem Freund. Er zeigte keine Spur von Trunkenheit mehr.
Maturin erhob sich. »Ich werde nach Miss Kincaid sehen. Ich hatte Killick angewiesen, ihr einen Trank zuzubereiten. Ich will nur sicher gehen, dass sie ihn auch getrunken hat.«

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