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V
Jack saß allein an seinem Tisch und schob sich
ziemlich lustlos Stücke des gebratenen Specks in den Mund. Er spürte die
Sonne durch die Heckfenster auf seinen Rücken scheinen. Aber dennoch
schmeckte ihm weder das Essen, noch konnte er den neuen Tag genießen. Er
hatte das Gefühl, das etwas im Busch war. Etwas, das ihm nicht gefallen
würde.
Stephen war nicht da gewesen, als er erwacht war. Killick hatte ihm erklärt,
der Doktor habe schon gegessen und sei nun bei den Verletzten. Wobei es
sich mit Sicherheit um eine besondere Verletzte handelte.
Es klopfte an der Tür. Er brüllte: »Herein!«
Vulcan trat ein, salutierte kurz. Jack bot ihm einen Platz und eine Tasse
Kaffee an, die der Erste mit Freuden annahm. »Die Reparaturen gehen gut
voran. Wir haben die Einschüsse an unserem Rumpf geflickt. Sie waren auch
nicht so schwerwiegend«, erstattete er Bericht. »Fast so, als hätte uns der
Freibeuter nicht richtig treffen wollen.«
Aubrey lächelte. »Mein lieber Mr. Vulcan. Natürlich wollte er uns keinen
schweren Schaden zufügen oder uns gar versenken. Ich nehme mal an, Sie haben
keinerlei Erfahrung mit Piraten.«
»Nein, Sir.« Beschämt sah Vulcan zu Boden.
»Als Beute bringt ihm die Surprise einen gehörigen Batzen ein. Und
außerdem hätte er mit seinem und unserem Schiff die Medea besser in
die Zange nehmen können. Darauf hatte er es letztendlich abgesehen. Ihre
Ladung ist kostbar.«
Der Erste nickte. »Was die Medea betrifft....«
Das Schiff krängte, Jack musste seinen Teller festhalten, damit er ihm nicht
samt Frühstück vom Tisch rutschte. In der Kombüse polterte es. Killick
fluchte derb. Vulcan machte schwankende, betrunkene Bewegungen, um seine
Kaffeetasse auf Kurs zu halten.
»Wieso nehmen wir Fahrt weg?« Jack stand auf.
»Das wollte ich Ihnen gerade erläutern, Sir«, entgegnete der Erste. »Der
Fockmast der Medea ist halbwegs geflickt. Aber der Großmast hat auch
etwas abbekommen. Sie können nicht volle Fahrt machen, ansonsten bricht
ihnen wieder alles zusammen. Im Großen und Ganzen nur fünf Knoten. Ich habe
angeordnet, dass wir langsamer werden, damit sie mit uns mithalten kann.«
Jack setzte sich wieder. »Natürlich, sehr umsichtig. Irgendwelche Anzeichen
weiterer Segel?«
»Andrews sitzt im Ausguck. Der Kerl hat die Augen eines Habichts. Sollte
sich nur im Entferntesten etwas bewegen, erfahren wir es.«
»Schön, schön«, sagte Jack nur. »Ich muss noch die Logbucheintragungen
vornehmen.«
Vulcan stand auf, verbeugte sich. »Sehr wohl, Sir.« Langsamen Schrittes
entfernte er sich. Er hatte gehört, wie sehr der Captain diese Aufgabe
verabscheute und wollte lieber nicht zugegen sein, wenn er sich mit Wortwahl
und Grammatik plagte.
~~~
Finn lehnte aufrecht in ihrer Hängematte, als Jack
eine halbe Stunde später Stephens Kajüte betrat. Der Doktor selbst hatte in
seiner Studierecke Platz genommen, die Brille auf der Nase und kritzelte
emsig. »Guten Morgen, Jack«, sagte er ohne aufzusehen.
»Captain Aubrey.« Finns Stimme war freundlich, sie lächelte sogar ein wenig.
»Ich habe Stephen bereits gesagt, dass Sie mich nicht auf die Surprise
hätten bringen müssen.«
»Nun ja, Miss Kincaid, im Grunde war es seine Idee«, erwiderte Jack, den
Doktor ungeniert in Verlegenheit bringend. Zumindest dachte er das, aber es
funktionierte nicht.
Denn Finn nickte nur. »Ja, so etwas dachte ich mir. Ich danke Ihnen dennoch
für Speis, Trank und Obdach.«
»Ich hoffe, es ist angemessen?« Jack zog sich einen Hocker heran.
»Viel mehr als Toast darf ich laut ärztlicher Anweisung noch nicht zu mir
nehmen. Aber der war köstlich. Sprechen Sie Ihrem Steward, Mr. Killick,
meinen Dank aus.«
»Das werde ich. Das werde ich, Miss Kincaid.« Aubrey, der nie zurückhaltend
war, wenn es um Frauen ging, wurde auf einmal verlegen. Diese Situation war
verzwackt. Er konnte nicht mit der Tür ins Haus fallen und Brüllen war in
diesem Fall wohl auch nicht angebracht. Er sah über seine Schulter. Stephen
schrieb immer noch. Dennoch war er sich sicher, dass der Doktor genau auf
jedes Wort hörte, das gesprochen wurde und er war sich auf einmal noch
sicherer, dass er von seinem Freund diesmal keine Rückendeckung bekommen
würde. »Miss Kincaid«, begann er. »Darf ich höflichst um Erklärung suchen,
warum Sie sich an Bord der Medea befanden?«
»Das dürfen Sie, Captain Aubrey. Ich denke, dass schulde ich Ihnen.« Sie
zupfte an der Decke. »Die Medea ist mein ganzes Kapital. Sie sichert
mir und meiner Familie den Lebensstandard. Das leuchtet Ihnen sicher ein.«
»Sie wollten also nur Ihr Kapital schützen?« Jack runzelte die Stirn.
Finn lächelte. Ihr Gesicht bekam einen verklärten Eindruck. »Die Medea
ist mein Kapital, aber sie ist auch mein Leben. Ich kenne nichts anderes
und ich will auch nichts anderes. Lange an Land zu sein, macht mich
trübsinnig. Ich brauche das Rauschen des Meeres, das Schaukeln des Schiffes,
um mich geborgen zu fühlen. Sehen Sie, ich war vier Jahre alt, als mich mein
Vater zum ersten Mal mit auf See nahm. Ich war meiner Mutter zu aufsässig
und sie dachte, das würde mich bändigen. Eine Woche Seekrankheit und ich
würde zur Besinnung kommen. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich verliebte
mich. In die See, in die Schifffahrt.« Jack hob überrascht eine Augenbraue.
»Dass Ihnen das bei einer Frau merkwürdig vorkommt, verstehe ich. Aber es
ist die Wahrheit. Warum sollte ich sonst die Strapazen und Gefahren einer
Reise auf mich nehmen, wenn nicht aus Liebe? Captain Aubrey, nachdem ich zum
ersten Mal meinen Fuß auf die Planken eines Schiffes gesetzt habe, habe ich
den größten Teil meines Lebens auf ihnen zugebracht. Die Medea ist
mein Heim, die Männer dort meine Familie. Einige von den Älteren kennen mich
noch als Dreikäsehoch. Sie haben mir alles beigebracht, was ich weiß. Sie
haben mich zu dem gemacht, was ich bin.«
Jack setzte sich aufrecht hin. Er hatte ihre Worte gehört, doch es dauerte
ein wenig, bis er begriff. Aber die Hauptsache war, dass er begriff. »Eine
Frau als Kapitän hat in dieser Welt keine Aussichten auf Aufträge. Sie
sagten ja selbst, dass Mr. O’Hara alles für sie erledigt. Aber gehe ich
dennoch recht in der Annahme, dass Sie der Kommandant der Medea
sind?«
Finn schenkte ihm ihr liebenswürdigstes Lächeln. »Sie gehen vollkommen
recht.«
Daraufhin sagte Aubrey erst einmal gar nichts. Dann drehte er seinen Kopf,
sah Stephen an. »Hast du es gewusst?«
»Ja«, kam es langsam. »Aber ich hielt es nicht für ratsam, es dir zu sagen.
Wenn Miss Kincaid nicht verletzt worden wäre, wäre sie auch nie in
Augenschein getreten.«
»Du weißt, was ich von Menschen halte, die lügen?«
»Wenn du das Verschweigen von Tatsachen lügen nennen willst, dann habe ich
es wohl getan. Aber diesen Schuh musst du dir dann auch selbst anziehen«,
kam es gekränkt.
»Aber bitte, meine Herren«, schaltete Finn sich ein. Sie richtete sich ein
wenig auf, was ihr üble Schmerzen verursachen musste. »Keinen Streit. Ich
könnte nicht ertragen, Schuld an Ihrem Zerwürfnis zu sein.«
Jack lehnte sich zu ihr herüber, raunte leise, so dass Stephen ihn nicht
verstehen konnte: »Sehen Sie zu, dass Sie gesund werden und auf Ihr Schiff
zurückkehren.« Dann erhob er sich, verbeugte sich und ging aus dem Raum.
Finn sah auf Maturin. »Es hätte schlimmer werden können«, sagte er.
»Er hasst mich, weil du mich in Schutz genommen hast. Was könnte schlimmer
sein?« |
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VI
Ein paar Tage später...
Sie passierten Menorca am Morgen des dritten Tages, von feindlichen Schiffen
unbehelligt, in strahlendes Sonnenlicht getaucht aber leider von einer
Flaute begleitet. Jack versuchte, jede kleine Böe auszunutzen, aber viel
brachte es ihm nicht ein, da er immer wieder Fahrt wegnehmen musste, damit
ihm die Medea nicht abhanden kam. So verbrachte er die meiste Zeit
damit, die Stückmannschaften zu schinden. Aber diese nahmen es gelassen.
Nach ihrem Zusammentreffen mit dem Freibeuter hatten sie wieder Blut geleckt
und brauchten nicht unbedingt einer Aufforderung.
Finn erholte sich zu Stephens Freude sehr schnell, jedoch viel schneller als
es Aubrey lieb war. Sie war erstaunlich widerstandsfähig, sie klagte nicht
oder blies Trübsal, was ihr unbeabsichtigt Respekt von ihm einbrachte. Doch
dieser Respekt verflüchtigte sich wie ein laues Lüftchen, als Jack mit ihrem
Dickschädel aneinander geriet. Der war genauso stark ausgeprägt wie seiner
und behielt die weibliche Oberhand, denn sie ließ sich nicht durch die
Tatsache, dass er der Kapitän der Surprise war und sie auf diesem
Schiff nichts zu sagen hatte, davon abhalten, an Deck zu gehen, um frische
Luft zu schnappen. Letztendlich konnte Jack es ihr nicht verwehren. Zum
Einen war es gut für ihre Genesung und zum Anderen war sie Gast und nicht
Gefangene. Und da er sich mit Stephen noch immer die Kajüte teilte, wollte
er nicht dessen Unwillen über die in seinen ärztlichen Augen grundlose
Verweigerung der heilenden Seeluft hervorrufen.
Der Doktor konnte beizeiten nämlich sehr unleidlich werden, wenn er
Prinzipien in Gefahr wähnte. Dass es sich dabei um seine und nicht um Jacks
handelte, ließ er natürlich geflissentlich außer Acht. Also beugte sich der
Captain der freigeistigen Doppellastigkeit seines Schiffes, machte seinem
Missfallen allerdings ab und zu brummig Luft, was der arme Killick zu spüren
bekam, da er immer dann in Jacks Weg kreuzte, wenn dieser mal wieder
verstimmt war.
Zum Beispiel darüber, dass er fürchtete, seine Mannschaft verlor durch die
Anwesenheit einer Frau an Deck den Kopf. Nicht, dass sie noch nie eine
gesehen hätten, Gott bewahre. Aber so dicht vor ihren Augen wollte er Miss
Kincaid dann doch nicht haben. Zwei Toppgasten waren fast von den Fußpferden
gerutscht, als sie sich den Hals nach ihr verrenkten. Doch rechnete er ihr
auf gewisse Weise an, dass sie sich nach diesem Vorfall im Hintergrund hielt
und darauf bedacht war, sich keine Blöße zu geben. Wenn das eine Frau in
Drillichhosen, einem schlackrigen Hemd von Stephen nebst verwaschenem Mantel
nicht schon von selbst ungewollt tat. Sie hatte noch immer leicht
Schlagseite, wenn sie ging – oder eher schlurfte – aber die Verletzung
heilte. Dennoch wünschte Jack, es möge schneller vonstatten gehen. Wann
immer er ihr: »Captain Aubrey?« hörte, verzog sich sein Gesicht zu einer
grimmigen Fratze. Doch zwang er sich zu lächeln, sie freundlich zu behandeln
und ihre Fragen höflich zu beantworten.
Im Moment saß sie gerade wieder am Heck. Der junge Lord Blakeney war bei ihr
und hing regelrecht an ihren Lippen. Stephen war nicht zu sehen. Jack nickte
Vulcan zu und spazierte zu den beiden herüber. Sie waren so in ihr Gespräch
vertieft, dass sie seine Anwesenheit nicht bemerkten. Er nutzte diese
Gelegenheit, hielt sich abseits und lauschte.
Voller Erstaunen stellte er fest, dass Miss Kincaid dem Jungen ein
haargenaue Abhandlung über die Schlacht von Abukir gab. Sie redete so, als
wäre sie selbst dabei gewesen. Und die Worte, die sie dabei wählte, waren
wesentlich blumiger und interessanter, als sie ihm je in den Sinn gekommen
wären. Doch was ihn noch mehr wurmte, war die Tatsache, dass sie kein
Seemannsgran spann, sondern die Wahrheit sagte. Er musste es ja wissen,
immerhin hatte er es miterlebt.
»Captain Aubrey!« Blakeney sprang auf, als er Jack erblickte, salutierte.
Dieser lächelte freundlich. »Wie ich sehe, unterhalten Sie sich blendend.«
»Ja, Sir«, gab der Junge kleinlaut zurück. Dann verbeugte er sich vor Finn.
»Ich gehe jetzt lieber, Ma’am.«
Jack sah ihm verwirrt nach, als er davoneilte.
»Er spürt Ihren Unwillen mir gegenüber. Als Fähnrich dieses Schiffes möchte
er sich nicht gezwungen sehen, für mich Partei ergreifen zu müssen, also
entzieht er sich lieber der Konfrontation«, sagte Finn leise.
»Ein Seemann entzieht sich keiner Konfrontation«, erwiderte Aubrey grimmig.
Finn lächelte milde. »Nur dass ich kein feindliches Schiff bin – vor dem er
niemals kneifen würde, sondern eine Frau. Bedenken Sie, trotz all seiner
Erfahrung und seines Mutes ist er auf gewisse Weise noch immer ein Kind.«
Jack zögerte, dann setzte er sich zu ihr. »Sie denken, ich mag Sie nicht?«
fragte er frei heraus.
»Das ist offensichtlich. Ich bin ein Störfaktor in Ihrer eingespielten
Routine. Es würde mich auch zutiefst verärgern, wenn meine Mannschaft durch
etwas abgelenkt und nicht bei der Sache wäre. Ein schlecht gerefftes Segel
kann ein Übel werden. Vor allem in einem Sturm.«
»Es könnte die Rah zerbrechen lassen«, erwiderte Jack und nickte. Nach einer
Weile fragte er: »Woher wissen Sie so genau über die Schlacht von Abukir
Bescheid?«
»Jeremiah Barton. Mein Koch. Gott habe ihn selig. Er war dabei. Sicher ist
Ihnen aufgefallen, dass ihm ein Auge fehlte. Das hat er dort gelassen. Ich
habe ihn gebeten, mir immer und immer wieder davon zu erzählen. Ich konnte
die Bilder förmlich sehen. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen. Aber dazu
stecke ich im falschen Körper.«
»Sie hassen es, eine Frau zu sein?« Jack sah sie erstaunt an.
»Oh nein, es hat schon seine Vorteile. Aber das, was ich erstrebe, wird mir
dadurch immer verwehrt bleiben.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Aubrey freundlich. »Sie haben bereits das
Kommando über ein Schiff. Wohlgemerkt keine Kriegsbrigg. Aber spielt das
wirklich eine Rolle? Ihre Mannschaft steht hinter Ihnen. Das spricht für
sich. Denn kein Mann würde es erlauben, von einer Frau geführt zu werden,
die ihr Handwerk nicht versteht.«
»War das gerade so etwas wie ein Kompliment, Captain Aubrey?«
»Dazu würde ich mich nie erdreisten«, gab er zurück.
Finn lachte. Dann presste sie die Hand an ihre Seite. »Bitte, bringen Sie
mich nicht zum Lachen.«
»Nichts läge mir ferner.«
Sie hustete. »Ist es schwierig für Sie?«
»Was ist schwierig?« Jack verstand nicht ganz.
»Sich in gewisser Weise degradiert zu sehen? Nur aufgrund eines Unfalls?«
»Sie denken, es war ein Unfall?«
»Stephen sagte es. Ich glaube ihm. Und ich halte Sie für keinen so dummen
Menschen, der sein Kommando, seine Ehre, ja sogar sein Leben aus Spiel
setzen würde, nur um einem unliebsamen Zeitgenossen eins auszuwischen.«
»Wie viel wissen Sie eigentlich über mich?«
»Genug, um mich davor zu hüten, mich in meinen nautischen Fähigkeiten mit
Ihnen messen zu wollen. Hören Sie also auf, mich als Bedrohung anzusehen.
Ich bin nicht ihr Feind.«
»Dann hören Sie aber auch auf, mein Schiff und mich mit Argusaugen zu
betrachten, um mir auch nur den kleinsten Fehler anzukreiden.«
»Sie unterstellen, dass ich es könnte? Ich fühle mich geehrt.«
»Nun ja, das Wendemanöver und das Eingreifen in die Schlacht waren sicher
Ihre Idee. Ich will nicht sagen, dass es brillant war, immerhin hätten Sie
dabei mehr als nur Ihren Fockmast verlieren können. Aber es war beherzt und
ehrlich. Diese Eigenschaften schätze ich bei Menschen.«
»Hören Sie auf damit. Sonst fangen Sie noch an, mich zu mögen.«
Jetzt war es Jack, der lachte. »Nie im Leben, Miss Kincaid. Nie im Leben.«
Schritte ließen beide aufsehen.
Stephen näherte sich ihnen, ein Tablett in den Händen. Er warf ihnen einen
verunsicherten Blick zu. Als er jedoch merkte, dass keine Gefahr im Verzug
war, entspannte er sich etwas, setzte das Tablett neben Finn auf der Bank
ab. Es enthielt duftenden Kaffee und bröckligen Zwieback. »Mit
liebenswürdiger Empfehlung von Mr. Killick«, erklärte er seine
Servierdienste, schüttete Kaffee in die kleinen Tassen.
Doch bevor sie trinken konnten, schallte es vom Ausguck: »Segel in Sicht!
Kurs Südsüdost! Entfernung 20 Seemeilen.«
Mit einen Klirren zersprang die Porzellantasse, da Jack sie zu heftig auf
die Untertasse gestellt hatte, bevor er sich erhob. Finn stellte ihre
behutsamer ab und erhob sich ebenfalls. Sie schwankte. Bevor Stephen
zufassen konnte, hatte Aubrey bereits seinen Arm um sie gelegt. Sie stützte
sich daran auf, höflichst darauf bedacht, ihm dabei nicht zu nahe zu kommen.
Polternde Schritte näherten sich. Leutnant Vulcan. Er hatte sein Fernrohr
ausgefahren, reichte es weiter an Jack. »Eine Vierundsiebziger, Sir«,
verkündete er.
Der Commander nickte. »Französisch«, fügte er noch hinzu.
»Darf ich?« wandte sich Finn an Jack, löste sich von ihm. Er hielt ihr das
Fernrohr vor die Augen und sie spähte hindurch. Nach einer Weile meinte sie:
»Das ist die Marquise. Der Kapitän heißt Etienne Devereux. Ein netter
Mann. Das Essen war ausgezeichnet.« Captain, Leutnant und Doktor starrten
sie verwirrt an. Sie lächelte. »Ich hatte letztes Jahr das "Vergnügen" ihm
zu begegnen. Er war sehr höflich. Ließ mir immerhin mein Schiff. Auch wenn
er meine gesamte Ladung beschlagnahmte. Doch wenn er mich jetzt in
Begleitung eines britischen Kriegsschiffes trifft, wird er wohl nicht mehr
so nachsichtig sein. Ich weiß, mein Wort hat hier nicht viel Gewicht,
Captain Aubrey.« Sie ließ das Fernrohr sinken und sah Jack an. »Aber das
Einzige, was wir jetzt noch tun können, ist – da Fliehen nicht in Ihrer
Natur liegt und auch wohl wenig Sinn hat – ihn sich in Sicherheit wiegen zu
lassen und sobald er nah genug ist, beide das Feuer auf ihn zu eröffnen.«
Jack nickte. Etwas Ähnliches war ihm auch durch den Kopf gegangen. Gerade,
als er sich umwandte, um Vulcan den entsprechenden Befehl zu erteilen und
ihn aufzufordern, ihre Absichten an Captain O’Hara zu übermitteln, ertönte
es erneut aus dem Ausguck. »Weitere Segel in Sicht. Kurs Nordnordost!
Entfernung 15 Seemeilen.«
»Das ist wohl heute nicht unser Tag«, murmelte Finn. »Was tun wir jetzt?«
Sie schielte auf Aubrey.
»Wir wählen das kleinere Übel«, erwiderte dieser.
»Und das wäre?«
»Wir versuchen, beide Schiffe in ein Gefecht zu verwickeln, in der Hoffnung,
dass sie – sollten sie sich als Verbündete gegen uns erweisen – nicht das
Risiko auf sich nehmen, sich gegenseitig über den Haufen zu schießen.« Er
deutete auf das unbekannte Schiff. »Das ist eine Sechsunddreißiger. Das
kleinere Übel, Miss Kincaid. Sie hält Kurs auf uns. Wir können ihr nicht
ausweichen. Nicht bei diesem Wind. Sie steht in Luv. Hat den eindeutigen
Vorteil.« Jack war abseits getreten, spähte erneut durch sein Fernrohr.
»Aber sie setzt gerade den Union Jack«, rief Finn.
»Was nichts zu besagen hat, da man sich allerlei List bedient, um einen
Feind zu täuschen«, warf Stephen leise ein.
»Signalflaggen. Die sind eindeutig«, erklärte Jack. »Diese Codes wechseln
ständig und nur die britische Marine kennt sie. Kein Feind kann sie
vortäuschen. Was...???« Er setzte das Fernrohr ab. Dann nahm er es noch
einmal hoch und sah erneut hindurch. »Bei meiner Seele.« Jack fing an zu
lachen. »Hat mich das lange Untätigsein doch glatt mit Blindheit geschlagen!
Mr. Andrews!« brüllte er zum Ausguck. »Setzen Sie das Willkommenssignal und
flaggen Sie: Erwarte Sie pünktlich um sechs Glasen zum Essen. Ausreden
abgelehnt.«
Andrews verharrte verwirrt und versuchte zu verstehen, was ihm Kopf seines
Kommandanten vorging. War das ein Täuschungsmanöver? Würde gleich der
Befehl, gefechtsklar zu machen, kommen?
»Starren Sie keine Löcher in die Luft!« bellte Jack laut. »Oder muss ich
erst selbst raufkommen?!«
Andrews zuckte zusammen und gehorchte. Zum einen, weil er nicht wegen
Befehlsverweigerung auf der Gräting landen wollte und zum anderen, weil sich
der grogselige Nebel vor seinen Augen zu lichten begann und er den Grund für
Aubreys Einladung nun klar und deutlich erkannte. Breit grinsend nahm er die
Signalflaggen zur Hand und übermittelte enthusiastisch die gewünschte
Botschaft.
»Bonden«, wandte der Captain sich an den Ruderführer. »Setz neuen Kurs nach
Nordnordost! Fünf Grad Backbord. Wir wollen der Marquise lieber
unsere Stückpforten als unser Heck zur Ansicht bieten. Wenn Sie mit der
Botschaft fertig sind, Andrews, signalisieren Sie O’Hara, dass er seinen
Kurs dem unserem anpassen soll.«
»Das hat er, glaube ich, auch so begriffen!« kam es postwendend von Finn mit
Fingerzeig auf die Medea. Die setzte gerade ihr Focksegel. Lieber
riskierte O’Hara einen erneuten Bruch des Mastes, als sich von einem
Franzosen die Brigg abjagen zu lassen.
»Captain Aubrey, Sir«, ließ Vulcan nervös verlauten. »Wenn ich mir eine
Frage erlauben darf. Ich gehe davon aus, dass Sie die Fregatte als
Verbündete betrachten...«
Weiter kam er nicht, denn Jack rief einen Matrosen zu sich. »Carlisle!« Der
salutierte, wartete auf Order. »Teilen Sie Killick mit, dass ich einen Gast
zum Essen haben werde. Insgesamt werden es...« Er überlegte, schien mental
seine Finger zu zählen. »...sechs Personen sein. Er soll das Beste
auftischen, was die Vorräte zu bieten haben!« Dann wandte er sich an seinen
Ersten. »Das da, Mr. Vulcan ist die Acheron. Und sie ist in der Tat
unsere Verbündete, denn immerhin hat diese Mannschaft sie aufgebracht und
Ihr Vorgänger führt jetzt dort das Kommando.«
»Der Franzose dreht ab!« schrie Andrews enttäuscht aus dem Ausguck herunter.
»Hat demnach die Hosen gestrichen voll. Nun ja, niemand bei Verstand legt
sich mit den Captains Aubrey und Pullings gleichzeitig an!« Jack
schmunzelte. Er war nicht im geringsten enttäuscht. Ein gemütliches Essen
sagte ihm weitaus mehr zu, als eine hitzige Seeschlacht. Auch wenn er
zugeben musste, dass die Marquise eine stattliche Prise abgab. An
einem anderen Tag vielleicht. Wenn die Zeichen günstiger standen...
~~~
Kaum war Pullings an Bord, stürmte Jack auch schon
auf ihn zu. Er musste sich keiner Höflichkeitsfloskeln bedienen, immerhin
war man unter Freunden. Er riss Tom in eine Umarmung, klopfte ihm dabei
herzlich auf den Rücken. Der schlacksige junge Mann grinste verlegen.
»Was für eine Freude. Was für eine Freude«, tönte Jack, geleitete Pullings
an der Mannschaft vorbei unter Deck. »Da denke ich noch so bei mir, dass ich
es mal wieder allein mit einer Vierundsiebziger aufnehmen muss. Will mich
schon auf sie stürzen, da kommt Captain Pullings angesegelt und verdirbt mir
den ganzen Spaß!«
Der Kapitän der Acheron lachte. »Das sah mir aber nicht danach aus.
Nicht bei diesem Anhängsel. Wie kommt es, Captain Aubrey? Hat die Brigg Sie
um Schutz gebeten?«
Jack schüttelte den Kopf. »Demnach ist es noch nicht bis zu Ihnen
vorgedrungen. Nun ja, Sie hatten wohl nicht viel Zeit zum Zeitung lesen. Ich
bin zum Eskortendienst abkommandiert.«
»Nein!« Tom blieb stehen. »Aber warum um Himmels Willen denn das?«
»Das ist eine lange Geschichte. Wollen wir uns dadurch nicht das Essen
verderben lassen.« Er wies auf den Eingang zur Offiziersmesse.
Pullings trat ein, wurde sofort von Mowett mit Schulterklopfen begrüßt. Auch
wenn er jetzt Captain war, sah er höflich über diese vertrauliche Geste
hinweg. Sie kannten sich zu gut, als dass man in diesem Moment mit aller
Vehemenz auf die militärische Etikette hätte pochen müssen.
Auch Stephen reichte dem jungen Mann die Hand. Sie waren immer gut
miteinander ausgekommen.
Vulcan hatte sich ebenfalls von seinem Stuhl erhoben. »Es ist mir eine Ehre,
meinen Vorgänger kennen zu lernen«, sagte er mit einer steifen Verbeugung.
»Leutnant Benedict Vulcan«, meinte Tom freundlich. »Wenn ich mich ein wenig
schneller entschieden hätte, würden Sie jetzt Dienst auf der Acheron
tun. Aber so war es schon immer. Die besten Happen bekommt Captain Aubrey.«
Alle anwesenden Offiziere brachen in johlendes Lachen aus. Das Eis war
gebrochen.
Erst jetzt fiel Tom auf, dass noch jemand im Raum war. Erstaunt riss er die
Augen auf, als er erkannte, dass es eine Frau war. Und als sie ins
Kerzenlicht trat, wurde er rot.
Denn Finn lächelte ihn an und sagte freundlich. »Schön, Sie wiederzusehen,
Captain Pullings.«
Jack sah auf seinen ehemaligen Ersten, dann zu Finn hinüber. Erst jetzt
begriff er. Leutnant Vulcan war es gewesen, der ihn nach der Acheron
gefragt hatte. Er war ihr ja nie begegnet, konnte ihre Konturen nicht
kennen. Doch die sonst so wissbegierige Miss Kincaid hatte geschwiegen,
einfach weil sie gewusst hatte, wer sich ihnen da näherte.
Dennoch ließ sie sich zu einer liebenswürdigen Erklärung hinreißen. »Wir
sind uns auf meiner letzten Fahrt begegnet. Captain Pullings war so
freundlich, nicht gleich das Feuer zu eröffnen und mir Zeit für Erklärungen
zu geben.«
Der nickte. »Sofern man davon sprechen kann, steht Miss Kincaid ja auf
unserer Seite. Verzeihen Sie mir, dass ich die Medea nicht sofort
erkannte. Und ich möchte mich noch einmal dienlichst für das ausgezeichnete
Essen bedanken. Ich bin damals leider nicht dazu gekommen, Mr. Barton meine
Hochachtung auszusprechen. Vielleicht kann ich es jetzt ja nachholen.«
»Ich fürchte nicht«, sagte Jack. »Bei unserem Gefecht mit der Hieron
kam der gute Mr. Barton ums Leben.«
»Die Hieron? Sie sind ihr begegnet?«
»Sie jagen ihr nach?« fragte Vulcan.
»Das ist mein Auftrag. Ja.« Leiser fügte er hinzu, als er sich setzte. »Also
beglückt uns mal wieder Killick mit seinen Kochkünsten.«
Der Steward hatte gerade den Raum betreten, ein Tablett mit köstlich
duftenden Steaks in beiden Händen balancierend. Er hatte Toms letzte Worte
gehört und brabbelte etwas in seinen Bart, von dem nur »Ist sich wohl auf
einmal zu fein, der Herr« zu verstehen war und setzte das Tablett heftiger
als beabsichtigt auf dem Tisch ab. Ein paar Steaks polterten davon herunter
und kullerten über den Tisch.
»Killick!« tadelte Aubrey ihn. Der Steward zog den Kopf ein. Doch bevor er
das Fleisch vorsichtig mit Messer und Gabel wieder in die ursprüngliche
Position bringen konnte, hatte Jack schon zugelangt und stapelte sich seinen
Teller voll. Mit einer einladenden Geste forderte er die anderen ebenfalls
dazu auf. »Wie kommt es«, sagte er ohne Umschweife, sah Tom an, der sich an
Killick vorbeibeugen musste – der gerade die Weingläser füllte. »Wie kommt
es, dass Sie jetzt hier sind? Ich dachte, Sie kreuzen immer noch in der
Südsee.«
»Bis vor drei Monaten tat ich das auch, dann kam der neue Befehl. Die
Hieron ist zu einem Ärgernis geworden, das beseitigt werden muss.«
»Jetzt jagen Sie mit einem ehemaligen Freibeuter einen Freibeuter. Entbehrt
nicht einer gewissen Ironie, oder?« Stephen sah in die Runde, erntete
nickende Zustimmung.
»Wir sind der Hieron vor drei Tagen begegnet«, erklärte Vulcan,
während er sein Steak in kleine, mundgerechte Happen schnitt. »Keine großen
Verluste bei uns, aber bei der Medea. Deshalb machen wir auch so
langsam Fahrt. Wir wollen sie nicht verlieren.«
»Wofür Miss Kincaid sicher sehr dankbar ist.« Tom lächelte Finn an.
»Sehr sogar. Wenn ich diese Ladung eingebüßt hätte, wäre es mit den guten
Aufträgen vorbei gewesen.« Jack warf ihr einen Seitenblick zu. Sie legte
ihre Gabel auf den Teller und griff sich an die Seite.
Sofort war Stephen alarmiert. Er wollte aufstehen, doch sie gab ihm mit
einer Geste zu verstehen, dass er sitzen bleiben sollte. »Ich wurde
verletzt«, erklärte sie dem verwirrten Pullings.
Dessen Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. »Nun, da Sie aber hier mit
uns sitzen, nehme ich an, es ist nicht so ernst?«
»Dr. Maturin war so frei, mich wieder zusammenzuflicken.« Sie trank einen
Schluck Wein. Die Blässe wich aus ihren Wangen, machte einer leichten Röte
Platz. »Sagen Sie mir, Captain Pullings, wie geht es Mr. Jennings?«
Tom wandte den Blick ab. Das brachte Jack auf den Plan. »Was ist mit diesem
Jennings?« wollte er wissen.
Der Kapitän der Acheron hüstelte. »Jonas«, erwiderte er nur.
Stephen begann mit den Augen zu rollen. »Nicht schon wieder.«
»Sie halten das für Unsinn?« Vulcan richtete seine Aufmerksamkeit auf den
Doktor.
»Ja«, sagte dieser fest. »Purer Aberglaube, der einen Menschen zu Grunde
richten kann.« Seine Augen suchten Jack, der diesem bohrenden Blick auswich.
Jeder außer Finn und Vulcan wusste, worauf er anspielte. Hollom.
»Nun ja, mit dem Glauben ist es in der Tat so eine Sache«, gab der Erste zu.
»Aber selbst Sie müssen gestehen, dass es manchmal Dinge gibt, die man nicht
wissenschaftlich erklären kann.«
Stephen sah auf Finn, erhoffte sich Rückendeckung von ihr. Aber die kam
nicht in dem gewünschten Ausmaß. »Mr. Vulcan hat recht. Auch wenn mich mein
aufgeklärter Geist dazu auffordert, so etwas nicht ernst zu nehmen, muss ich
dennoch zugeben, dass ich in der fraglichen Angelegenheit schwanke. Ich war
10 Jahre alt, da holte mein Vater einen Waisenjungen an Bord.« Alle
lauschten ihr gebannt, selbst Jack ließ für einen Moment das Essen Essen
sein.
Finn nahm noch einen Schluck Wein. »Mein Vater hatte schon immer eine
Vorliebe für Streuner. Doch seit diesem Tag gingen alle möglichen Dinge
schief. War er zum Deckschrubben eingeteilt, rutschte jemand auf den Planken
aus. Schickte man ihn in die Küche, brannte das Essen an. Als dann noch das
Haltetau des Beibootes riss, als er zugegen war, war das Maß für die
Mannschaft voll. Sie wollten ihn von Bord haben.«
»Man könnte diese Missgeschickte auch seinem Mangel an Kenntnis
zuschreiben«, warf Stephen ein.
»Natürlich. Das wird es wohl auch gewesen sein«, stimmte Finn ihm zu. »Aber
es änderte nichts an der Einstellung der anderen ihm gegenüber. Und ich muss
zugeben – gut, ich war noch ein Kind – aber es war manchmal schon
unheimlich. Mein Vater brachte es aber nicht fertig, den Jungen ganz aus
seinen Diensten zu weisen, zumal er sehr aufgeweckt war. Er schickte ihn auf
eine Schule und nahm ihm später als Schreiber für die Geschäftskorrespondenz
in die Firma auf.«
»Da hat er aber noch mal Glück gehabt«, ließ Jack verlauten, schaufelte sich
Fleisch in den Mund.
Finn legte den Kopf schief. »Wie man es nimmt, Captain Aubrey. Aus dem
Jungen wurde ein Mann, aber ein Jonas ist er trotzdem geblieben. Heute mehr
denn je, obwohl ich, wenn man mich fragte, das Wort Judas eher für ihn
gebrauchen würde. Der Mann, von dem ich spreche, hört auf den Namen Ian
Shaughnessy.«
»Der Kapitän der Hieron?« Jack riss die Augen auf. »Warum haben Sie
das nicht früher erzählt?«
»Weil es für Sie keine Bedeutung hat. Und«, fuhr sie fort, seine nächste
Frage vorausschauend beantwortend. »Ich war Captain Pullings bereits mit
allen Informationen dienlich, die ich über Ian habe.«
Betretenes Schweigen. Besteckgeklirr auf den Tellern. Hüsteln.
»Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Captain Pullings«, wandte Finn
sich an Tom. »Wie geht es Mr. Jennings?«
»Er ist desertiert. Was ich ihm nicht mal verübeln kann«, entgegnete dieser.
»Womit sich das Problem gelöst hat«, fügte Jack hinzu und sah mit einem
Blick in die Runde, der besagte, dass dieses Thema erledigt war.
Killick schlurfte heran, ein neues Tablett in den Händen. Er füllte Fleisch
auf, brachte noch mehr Soße und Wein. Die Anwesenden schwiegen, widmeten
sich ganz dem Menü.
Finn hatte vielleicht ein halbes Steak gegessen. Sie wusste, sie brauchte
mehr, um ihre Kräfte aufzufrischen. Aber ihr war nicht danach. Doch wenn sie
sich nur am Wein festhielt, würde sie bald betrunken sein. Also ermahnte sie
sich, weiterzuessen. Sie tunkte das Fleisch in die durchaus köstlich Soße,
schob es in den Mund, kaute und musste husten.
Alarmiert sahen 10 Augenpaare auf sie. Sie versuchte ein schiefes Lächeln,
nahm vorsichtig die Serviette und hielt sie sich vor dem Mund. Es war ihr
peinlich, aber sie musste den Fremdkörper loswerden, der ihr unangenehm auf
der Zunge lag. Als sie ihn betrachtete, war sie nur zu einem leisen »Oh« im
Stande.
Jack hatte sich neugierig zu ihr gelehnt und betrachtete den kleinen runden
Gegenstand in der Serviette. Er fing an zu grinsen. »Sieht so aus, als hätte
der Jäger seine Signatur hinterlassen. Miss Kincaid ist gerade auf eine
Schrotkugel getroffen. Killick, wo hast du das Biest bloß her?«
»Ich habe es auf dem Markt gekauft, bevor wir ablegten, Sir«, entschuldigte
sich der Steward. »Der Händler sagte, es wäre erstklassige Ware.«
»Zumindest können wir davon ausgehen, dass es frisch ist«, sagte Stephen.
»Der Geschmack ist wundervoll. Dennoch achten Sie auf Ihre Zähne. Brechen
Sie sich ein Stück ab, kann ich nichts für Sie tun, außer einen gesunden
Zahn zu ziehen. Und das wollen wir doch lieber vermeiden.«
Killick erblasste und sah zu, dass er zurück in die Kombüse kam. Seine Ehre
als Küchenchef war angekratzt. Ihm hätte es doch auffallen müssen? Warum war
er nicht umsichtiger gewesen? Wäre er nur einen Augenblick länger geblieben,
hätte er gesehen, dass sich die anderen nicht daran stören ließen. Nur waren
sie jetzt bedächtiger. Sie versuchten es dem Doktor gleich zu tun, der sein
Steak mit chirurgischer Präzision zerlegte und interessiert die Einzelteile
betrachtete.
Nun, Jack nahm sich nicht die Zeit dazu. Er schnitt, prüfte. Wurde das Stück
Fleisch als ungefährlich erkannt, landete es zusammen mit der Beilage in
seinem Mund.
Finn hatte jedoch den Appetit verloren. Sie stocherte noch ein wenig auf dem
Teller herum, dann legte sie ihr Besteck ab und schob den Teller zur Seite.
Höflich wartete sie jedoch, bis die anderen ebenfalls fertiggegessen hatten.
Dann lächelte sie und erhob sich. Die Männer sprangen der Etikette gebietend
auf, zogen noch rechtzeitig ihre Köpfe ein, um nicht an die Deckenbalken zu
stoßen.
»Meine Herren, ich ziehe mich jetzt zurück.« Sie nickte jedem der Anwesenden
zu.
»Miss Kincaid, Killick hat extra Figgy-dowdy zubereitet«, versuchte Jack sie
aufzuhalten. »Ich weiß nicht, ob Sie es schon mal gegessen haben. Falls
nicht, sollten sie sich diese Köstlichkeit nicht entgehen lassen.«
»Dieses Dessert ist mir durchaus bekannt, Captain Aubrey«, erwiderte sie
freundlich. »Soweit ich weiß, wird es mit Rum zubereitet. In meiner jetzigen
Konstitution halte ich das meiner Gesundheit nicht für zuträglich. Dr.
Maturin wird das sicher bestätigen. Der Wein war ausgesprochen köstlich und
für meine Verhältnisse vollkommen genug. Außerdem denke ich, dass die Herren
lieber unter sich sein wollen. Also noch einmal herzlichen Dank für die
Einladung, dennoch wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.« Langsam schritt sie
zur Tür, blieb dort noch einmal stehen. »Captain Pullings«, meinte sie
ernst. »Ich hoffe, sie bekommen die Hieron zu fassen. Sollten sie
Shaughnessys habhaft werden, suchen Sie bitte in seinen Sachen nach einem
goldenen Medaillon. Auf dem Deckel ist eine Kamee zu sehen. Sie ist mein
Eigentum und ich hätte sie gern zurück.« Mit diesen Worten verließ sie die
Offiziersmesse, bevor Tom irgendetwas darauf erwidern konnte. Verlegen
klappte er seinen offenen Mund zu und setzte sich.
Jack lehnte sich auf seinem Stuhl weit zurück, fuhr sich mit der Hand über
den Mund, während die andere auf seinem wohlgenährten Bäuchlein ruhte. »Nun,
mein guter Pullings, hätten Sie die Güte, uns alles über ihre letzten Monate
auf See zu berichten?«
Tom lächelte, griff nach seinem Weinglas. »Lassen Sie mich zuerst einen
Toast aussprechen.« Automatisch schnappten sich auch die anderen ihre
Gläser, warteten gespannt auf seine Worte. »Ich trinke hiermit auf die
Surprise und ihren Commander, Captain Aubrey!« Mit einem breiten Grinsen
im Gesicht fuhr er fort: »Und darauf, dass ich sein Gebrüll nicht länger
ertragen muss!«
»Hört! Hört!« Jack schlug mit der Hand auf den Tisch, kicherte und kippte
seinen Wein in einem Zug herunter.
Die anderen wagten nicht, ihrer Belustigung heftiger Ausdruck zu verleihen,
als durch ein mildes Lächeln. Bis auf Stephen, der lächelte offen, nickte,
sagte aber auch nichts, weil er weder Jack noch sich vor Vulcan brüskieren
wollte. Der Mann war ein guter erster Offizier, aber so ganz wusste der
Doktor noch nicht, wo er ihn hin stecken sollte.
Bevor Jack jedoch den Toast erwidern konnte, kam Killick herbei, schleppte
die schwere Schale mit Figgy-dowdy in seinen Händen, setzte sie mit einem
hörbaren Knirschen auf dem Tisch ab und zerknautschte dabei das Damasttuch.
»Wissen Sie, Captain, das erinnert mich an ein Essen vor ein paar Jahren.
Damals auf der Polychrest.«
»Oh, Sie meinen den guten Mr. Canning.« Jacks Gesicht leuchtete, wurde mit
einem Blick auf Stephen jedoch wieder blass. »Gott habe ihn selig«, murmelte
er betreten, sich daran erinnernd, dass sein bester Freund Canning bei einem
Duell erschossen hatte. Es war ein Unfall gewesen. Ein tragischer, tödlicher
Unfall.
»Was mich an ein weiteres Dinner erinnert, das ich die Freude hatte, auf
Madeira zu genießen. Dort traf ich unseren Freund Dundage. Er ließ die
Ethelion aufrüsten, hatte bei einem Sturm gehörig an Spieren eingebüßt«,
meinte Pullings beiläufig, schaufelte sich Figgy-dowdy auf seinen Teller.
»Wirklich?«
Tom nickte. »Natürlich lud er mich sofort zum Essen ein, wollte wissen, was
alles geschehen ist und wie es Ihnen geht. Bei diesem Anlass lernte ich Miss
Kincaid kennen. Auch wenn mir damals nicht ganz klar war, wer sie wirklich
ist. Das habe ich erst begriffen, als die Acheron den Weg der
Medea kreuzte.«
»Ein außergewöhnliches gut geführtes Schiff. Dafür, dass es keine
Kriegsbrigg ist«, sagte Jack ernst.
»Zu einer außergewöhnlichen Frau gehört auch ein außergewöhnliches Schiff,
meinen Sie nicht?« Tom sah auf seinen früheren Vorgesetzten.
»Wollen Sie damit etwa andeuten, Miss Kincaid ist der Kommandant der
Medea?« Vulcans Unterkiefer ging auf Talfahrt, der Löffel verharrte
reglos in der Luft vor seinem Mund.
»Oh, ich dachte, Sie haben Kenntnis davon.« Pullings rutschte verlegen auf
seinem Stuhl herum. »Verzeihen Sie mir mein vorschnelles Mundwerk.«
Vulcan fasste sich wieder, der Löffel fand sein angestrebtes Ziel. Er kaute,
schluckte und verdaute. Eher die Erkenntnis, als das Essen. Das schaukelte
noch ruhig in seinem Magen. Wie bei den anderen auch.
Es war Stephen, der sich zu Wort meldete. Er wusste, Jacks Umsicht reichte
manchmal nur von der Weinflasche bis zu ihrem Etikett und er wollte nicht,
dass er etwas sagte, dass Finn in einem falschen Licht erscheinen ließ.
»Miss Kincaid sah sich gewissermaßen dazu gezwungen. Nach dem Tod ihres
Vaters musste sie sich die Existenzfrage stellen. Immerhin galt es, eine
kleine Schwester und eine kranke Mutter zu versorgen. Die Medea war
ihr einziges Kapital. Sie hat es gewinnbringend genutzt. Wer wollte ihr
daraus einen Vorwurf machen?«
»Ich bestimmt nicht«, kam es von Jack, verblüffte den guten Doktor. »Mein
lieber Mr. Vulcan, Sie haben sicher nicht vergessen, dass es die Kanonen der
Medea waren, die uns Zeit gegenüber der Hieron verschafften.«
Tom wurde hellhörig. »Die Medea hat in das Gefecht eingriffen?«
Mowett knurrte: »Hat sie den Fockmast gekostet und Miss Kincaid fast den
Arm.«
»Ein Teufelsweib!« platzte Pullings heraus. Als er jedoch den scharfen Blick
bemerkte, den Stephen ihm zuwarf, sah er geflissentlich in eine andere
Richtung.
»Jedenfalls liegt mir selbst viel daran, die Medea wohlbehalten in
England abzuliefern«, erklärte Jack. »Ich würde es ungern sehen, wenn sie in
den Händen der Franzosen landet. Sie erinnert mich schmerzlich an die
Sophie.«
»Hört! Hört!« kam es diesmal von Mowett.
Die Stimmung lockerte sich, man redete über alte Schlachten, alte
Verletzungen, wog die Vorzüge der Acheron gegenüber der Surprise
ab. Wobei es fast in einen Streit zwischen Pullings und Aubrey ausartete,
dem Stephen ein Ende setzte, in dem er sich wort- und illustrationsreich
über den Verdauungstrakt eines Pferdes ausließ. Mit angewidertem Interesse
hörten ihm die anderen zu, stoppten aber, sobald Killick mit einer neuen
Flasche Wein erschien, seinen Redefluss.
Der Abend nahm kein Ende. Es wurden noch vier weitere Flaschen gelehrt, dem
Killick mit einen Stirnrunzeln zusah. Sein Vorrat schrumpfte. Doch er konnte
nichts dagegen tun. Würde er sich doch nie erdreisten, seinen Captain darauf
hinzuweisen, dass dieser zuviel trank.
Bald schallte lautes Gelächter aus der Kabine. Und Stephen fand sich
beängstigender Weise inmitten von vier Männern wieder, die sämtliche Shantys
zum besten gaben, die ihnen einfielen. Gerade versuchten sie, ihm das
Seemannsalphabet beizubringen. Er zwang sich, aufmerksam zuzuhören, kam aber
schon nach den ersten zwei Strophen nicht mehr mit.
A is the
anchor that holds a bold ship,
B is the bowsprit that often does dip,
C is the capstan on which we do wind, and
D is the davits on which the jolly boat hangs.
E is the ensign, the red, white, and blue,
F is the fo'c'sle, holds the ship's crew,
G is the gangway on which the mate takes his stand,
H is the hawser that seldom does strand.
Oh, hi derry,
hey derry, ho derry down,
Give sailors their grog and there's nothing goes wrong,
So merry, so merry, so merry are we,
No matter who's laughing at sailors at sea.
I is the
irons where the stuns'l boom sits,
J is the jib-boom that often does dip,
K are the keelsons of which you've told, and
L are the lanyards that always will hold.
M is the
main mast, so stout and so strong,
N is the north point that never points wrong,
O are the orders of which we must be'ware, and
P are the pumps that cause sailors to swear.
Oh, hi
derry, hey derry, ho derry down,
Give sailors their grog and there's nothing goes wrong,
So merry, so merry, so merry are we,
No matter who's laughing at sailors at sea.
Q is the
quadrant, the sun for to take,
R is the riggin' that always does shake,
S is the starboard side of our bold ship, and
T are the topmasts that often do split.
U is the
ugliest old Captain of all,
V are the vapours that come with the squall,
W is the windlass on which we do wind, and
X, Y, and Z, well, I can't put in rhyme!
Oh, hi
derry, hey derry, ho derry down,
Give sailors their grog and there's nothing goes wrong,
So merry, so merry, so merry are we,
No matter who's laughing at sailors at sea.
Als sich Pullings endlich torkelnden Schrittes zu
seinem Schiff aufmachte, stand der Mond bereits hoch am Himmel. Mowett war
ebenfalls verschwunden, hatte Vulcan mit sich gezogen. Stephen saß noch am
Tisch, während Jack sich bereits aus seiner Jacke zu schälen begann.
»Sieht gut aus, hhmm?« fragte Aubrey.
Der Doktor blinzelte. »Was?«
»Pullings. Seit er sich Captain nennen darf, ist er noch ein Stück größer
geworden.«
»Ja, wenn du es sagst.« Stephen gähnte.
»Was ist los?« Aufmerksam ruhten Jacks Augen auf seinem Freund. Er zeigte
keine Spur von Trunkenheit mehr.
Maturin erhob sich. »Ich werde nach Miss Kincaid sehen. Ich hatte Killick
angewiesen, ihr einen Trank zuzubereiten. Ich will nur sicher gehen, dass
sie ihn auch getrunken hat.« |