III.

 

Ach, ja. Der Mann war  anscheinend nicht nur von sich eingenommen, völlig unverfroren und naiv, was seine Handlungen anging.
Er war auch noch verfressen.
Sein Getränkekonsum stand dem in nichts nach, wie ich noch merken sollte.
Ich sah ihn ratlos an, dann holte ich eine Pizza aus dem Eisfach und warf sie in den Backofen. Er verfolgte mein Tun erwartungsvoll und minutiös. Ich musste ihm alles haargenau erklären, was und warum ich es tat und wie es funktionierte, gar nicht einfach, wenn man jemand vor sich hat, der Elektrizität nur als exotischen Begriff kannte. Als würde man mir etwas von Raumkrümmung und Hyperlichtantrieb erklären. Er war absolut gebannt, stellte viele intelligente Fragen und ich bekam einen ersten Eindruck, dass der Mann als Wissenschaftler und Techniker einiges auf dem Kasten haben musste. Wenigstens  auf der Basis seiner Zeit.
Irgendwann fiel sein Blick auf den Kalender.
Er stutzte, seine wasserblauen Augen mit den langen Wimpern  wurden größer und größer. “200 years?“ stammelte er überwältigt. Ich nickte.
“So that Frenchman was right. I once read his book and thought he was an idiot.
Well, seems I was the idiot.” stellte er lakonisch fest.
Ich wusste erst nicht was er meinte. Franzose?? Dann dämmerte es mir.
Cyrano de Bergerac, der legendäre Fechter hatte einen utopischen Roman geschrieben im 17. oder  18.Jh.
Die Reise zu den Mondstaaten und  Sonnenreichen, oder so ähnlich.
Science fiction könnte man sagen. Davon sprach er...!
„De Bergerac?“ wollte ich wissen.
Er sah mich verblüfft an. “You know him?“
“No, he never jumped out of a movie to meet me” versuchte ich witzig zu sein.
Er kapierte sofort, blitzte mich nur an. „Don’t yell at me!“ warnte ich ihn.
Er schmollte, ließ sich aufs Sofa fallen  und schloss die Augen.
Ein tiefer Seufzer bei dem er sich die weizenblonden Strähnen aus den Gesicht strich, wie ich es bei seinem Alter Ego schon zig Male gesehen habe.
„What kind of a woman are you, Helga?? I don’t get it. Rude, bold, vulgar and yet you made me leave my …errr…space. Alas, I didn’t know. You seemed so different. You have no respect towards a man and even lesser towards my effort to please you. I thought you adore or at least like me.” beschwerte er sich.
Er war sichtlich frustriert. Fast tat er mir leid.
Er war zuviel für mich, ich war aber auch zuviel für ihn.
Diese Einsicht rang mir das erste Grinsen des Abends ab.
„Welcome to the future, Captain. It is called womens liberation.”
Er sah mich verständnislos an, schnupperte und meinte nur:
„When will dinner be ready? I am starving.”
Dies war ein weiterer Hinweis, wo seine Prioritäten lagen. Sicher nicht bei der Entwicklung der Gleichberechtigung.
Er zog das starving herrlich in die Länge, es klang wie: staaaaaaaaaaaaaaving, um seinem Bedürfnis ein entsprechendes Gewicht zu verleihen. Als ich ihm mit den Worten und Tonfall seines Koches und Kabinenstewards Killick  antwortete, fing er tatsächlich an zu kichern.
„It will be ready, when it’s ready.” raunzte ich, David Threfall imitierend.
Ich konnte ihm nicht böse sein, obwohl er die ganze Pizza allein vertilgte und kaum fertig, fragte, wann das Hauptgericht serviert werde.
Ich schaute dumm angesichts solchen Fassungsvermögens, dann  kochte ich  ein Pfund Nudeln ab, warf Schinken  hinein, schüttete eine pikante Soße drüber, bedeckte das ganze mit reichlich Mozzarella und schob es in den Ofen.
Fertig war der Prosciutto-Mozzarella Gratin.
Meine ‚Maggi-Kochstudio’–Cuisine schien ihm zu schmecken.
Es klang jedenfalls so.
Nun, wenn ich daran denke, wie die Seeleute zu der Zeit verpflegt wurden..
Nebenbei leerte er eine Flasche Rotwein. Ich bekam mit knapper Not  ein Tellerchen Auflauf  ab. Er fragte mir  ein Loch in den Bauch, während er sich die Pizza und anschließend die Pasta zu Gemüte führte.
„Hmm, Italy.  Nice country, nice food and wine.“ schmatzte er während der Halbzeit seines Gelages, das ich fasziniert verfolgte. “And beautiful ladies.” machte er den Versuch eines Kompliments, lächelte charmant zwischen zwei gehäuften Gabeln Pasta und brachte sogar ein Zwinkern zustande.

War das jetzt der Aubrey wie Weir in gesehen hatte? Der Jack, der den Avancen einer dunklen Schönheit vom horizontalen Gewerbe heroisch entsagte oder O’Brians Jack, der Schürzenjäger, der seine Frau ständig betrügt, weil er einfach nicht anders kann? Da gab es durchaus Widersprüche in Weirs Sicht des Mannes und seiner Haltung im Gegensatz zum Schöpfer.
Er schien zu denken, ich habe italienische Wurzeln, weil ich ihm solch, aus seiner Sicht, ‚exotische’ Delikatessen vorsetzte.
Sein Augenlicht schien nicht das beste zu sein. Ich bin eher hell als dunkel und mediterran sehe ich gewiss nicht aus.
Ein dezenter Rülpser, gefolgt von einem gesättigten Seufzer rundete das ‚Dinner’ ab.
Kein Wunder war die echte Sophie so dünn gewesen, er  hatte ihr alles weggefressen und wenn er wieder auf See war, musste sie sparen.
Ich wollte sauer auf ihn sein, ihn unmöglich finden.
Eine Tatsache hinderte mich daran.
Er kicherte wie Crowe. Es war zum Verzweifeln.
 Ich hatte keine Chance.
Nachdem ich wegen der einbrechenden Dämmerung ohne Vorwarnung die Lampen angeschaltet hatte, sprang er auf, als hätte ich ihn ebenfalls unter Strom gesetzt, untersuchte alle Lichtquellen auf Kerzen oder Petroleum.
 Dann spielte er mindestens eine halbe Stunde mit sämtliche Lichtschaltern in der näheren Umgebung, bis ich ihn flehentlich  bat, endlich damit aufzuhören.
Mir war schon ganz schummrig von dem Geflackere.
Er setzte ein ertapptes,  entschuldigendes Lächeln auf, das mich  kurz  aus der Fassung brachte. Wir diskutierten ergebnislos, wer denn jetzt Schuld sei an der ganzen Sache. Er behauptete steif und fest, ich habe das alles ausgelöst.
Wenn ich ihn nicht ständig angehimmelt hätte, ihn hätte glauben lassen, ich sei verliebt in ihn, wäre er nie auf die Idee gekommen.
„I did not swoon. Mister. I was just enthused by the story and acting. That isn’t even your effort. You are not the actor, you are the character.
And what did you expect after jumping out of the film?? Sir?? By the way, you are married.” pflaumte ich ihn an. Er stutzte, überging meine Tirade einfach.
Ich stellte ihn vor Dinge, mit denen er offensichtlich nicht klarkam.
„Married?? No, I am just writing this letter to this woman called Sophie. Don’t have an idea if we are married. Never met her, maybe I will some day.”
Ich schaute dumm. Also war er Weirs Jack, nicht O’Brians.
O’Brians Jack hätte gewusst, dass er verheiratet ist. Im Film wird es nicht erwähnt. Er kannte nur das Drehbuch, nicht die Vorlage. Interessant.
Er hatte bei mir mit seiner.. ’Mädel, wenn du mich so ansabberst, kann ich ja nix für...’ Masche voll auf Granit gestoßen. Ich würde nie zugeben, dass er durchaus auf der rechten Fährte war. Ha, das ließ mein Stolz nicht zu.
Je mehr ich ihm zusetzte, desto lauter wurde er. Als es klingelte, fuhren wir beide  hoch, wie von der Tarantel gestochen. Ich legte den Finger an die Lippen, erhob mich und ging zur Tür. Meine Schwester, die nebenan wohnt, stand mit besorgtem Gesicht unter dem Vordach.
„Hast du die Glotze so laut oder hast du Besuch???“ wollte sie vorsichtig wissen, spähte herein. „Oh, entschuldige, ich hatte telefoniert und der Fernseher lief unten. Ich werde ihn sofort leiser machen. Alles ok.“ beschwichtigte ich sie, den Eingang blockierend.
„Ja, dann... Gute Nacht.“ Sie zog ab, warf noch einen misstrauischen Blick über die Schulter, bevor sie in der Nachbarhälfte verschwand.

Um Mitternacht lag Aubrey  vollgefressen, abgefüllt und ziemlich erledigt  auf dem Sofa. In Stiefeln. Ich legte eine meiner zahlreichen Decken über ihn.
Einen Moment spielte ich mit dem Gedanken ihm die Stiefel auszuziehen, verwarf ihn gleich darauf. Er könnte es als Unterwerfung oder gar Animation werten. Das kam nicht in Frage.
Ich habe eine türkisfarbene, eine rote, eine zimtfarbene Flauschdecke, eine blaue Chenilledecke und eine messingfarbene.
Die türkisfarbene bildete einen reizvollen Kontrast und wurde seinem Element, der See, gerecht. Woher nahm ich bloß, nach all den ernüchternden Disputen soviel Sinn für Romantik?? Grade hatte ich mir noch Gedanken der gegensätzlichen Art gemacht...
Er öffnete kurz ein Auge, dann schnarchte er weiter.
Die Diskussion hatte zu keinem Ergebnis geführt. Weder er noch ich hatten einen blassen Schimmer was geschehen war, wie es weitergehen sollte.
Ich erledigte wie in Trance meine Toilette, kroch  ins Bett und schloss die Tür zwei mal ab. Er könnte schlafwandeln oder einen Anfall bekommen, mich dabei für den Feind halten.
Oder gar für Sophie... ach was, er kannte sie ja nicht mal, dann  hatte er auch nicht... Moment... dann hatte er ja überhaupt...
Du liebe Güte... Ich musste vorsichtig sein. Ein Mann aus dem 19.Jh.
Ich kam ja schon mit meinen männlichen Zeitgenossen nicht besonders klar.

Surreal.
Bunuel hätte seine Freude gehabt.
Ich war in einem Film des berühmten spanischen Surrealisten gelandet.
Sein  genialer, durchgeknallter Freund Salvador Dali ist mein Lieblingsmaler. Zerlaufende Uhren. Brennende Giraffen. Elefanten auf Stelzen.
Patrick O’Brians, Moment, Peter Weirs Jack Aubrey auf meinem Sofa.
Wenn das nicht surreal war.
Ich kicherte ein letztes mal hysterisch, dann schlief ich ein.


IV

Faul und behaglich kuschelte ich mich in meine Decke. Es war noch früh.
Kurz nach sechs. Ich hatte diese Woche Urlaub, wollte eine Wand im Wohnzimmer neu streichen und tun und lassen wozu ich Lust hatte.
Mein Tagesablauf wird bei der Arbeit  von Terminen bestimmt, ich muss mich ständig an die Zeitvorgaben halten, kann mir selten Abweichungen erlauben.
Also genoss ich es  in den Tag zu leben, wenn ich konnte.
Im Halbschlaf erinnerte ich mich an den Traum.
Wie kann man nur solch einen Quatsch träumen.
Das hat man davon, wenn man denselben Film so oft sieht.
Diese Illusionen hätten mir Warnung genug sein müssen.
Etwas quietschte, es tapste auf dem Boden im Obergeschoss.
Meine  Katzen wollten sicher herein. Die Tür war zu, sie musste wohl in der Nacht zugefallen sein. Sollten sie noch draußen bleiben. Sie würden mich solange belästigen, bis ich sie füttern oder ins Freie lassen würde, am besten beides.
Dazu hatte ich absolut keine Lust, ich wollte mich lieber an den verrückten Traum erinnern. Manchmal gelingt es einem ja eine Fortsetzung zu träumen.
Jack Aubrey war darin vorgekommen. Er hatte auf meinem Sofa gesessen,
sich mit  mir gestritten. An den Wänden hatten berühmte Bilder von Dali gehangen, deren Figuren sich bewegt hatten, als seien es keine Gemälde sondern Filme. Worum es ging, daran konnte ich mich nicht erinnern.
Nur an sein fortwährendes: ’No, Lady it was YOU!’ Gefasel.
Und gerülpst hatte er auch. Also wirklich.
Wiederholtes Fauchen störte mich in meinem Dösen. Felix und Mickey stritten sich, waren sicher wütend, weil ich nicht aufmachte.
Holterdipolter rannten sie die Treppe runter.
Ich kannte diese Geräusche genau. Dann kehrte wieder Ruhe ein, ich versank in Halbschlaf.
Ich träumte  tatsächlich weiter, war mir aber bewusst, dass ich träumte.
Das ist seltsam, als ob man sich selbst im Film sieht.
 Und ich träume meist schwarz-weiß.
Jack schlief auf meinem Sofa. Schmutziges Geschirr, leere Flaschen und Gläser standen auf dem Couchtisch. Ich schlich mich im Traum nach oben und legte mich ins Bett, es war dunkel draußen.
Dann verlor ich den Traum, schlief ganz ein.
Im Aufwachen glaubte ich Schritte zu hören. Türen wurden geöffnet und geschlossen. Wasser rauschte kurz. Die Toilettenspülung.
So hellhörig war das Haus eigentlich nicht. Es klang, als ob die Nachbarn, meine Schwester mit Mann und Kind, in meinem Bad wären, statt auf ihrer Seite des Gebäudes. Etwas fiel mit einem dumpfen Knall zu Boden, eine Stimme fluchte unterdrückt.

EINBRECHER

Ich machte einen Satz aus dem Bett, warf mir den Morgenmantel über und überlegte krampfhaft. Mein Auto stand in der Einfahrt.
Wer würde da einbrechen?? Aber die verrücktesten Sachen passieren.
Ich sah mich nach etwas um, mit dem ich zuschlagen oder mich wehren konnte.
Ein schwerer, hölzerner Kleiderbügel lag in meiner Rechten, als ich die Türklinke betätigte. Nichts, abgeschlossen. Warum war abgeschlossen?? Ich drehte den Schlüssel möglichst lautlos, zögerte dann. Es kam niemand herein, solange geschlossen war. Vielleicht sollte ich warten, nichts riskieren...
Dann siegte mein Zorn, dass jemand einfach in mein Terrain eingedrungen war.
Die Treppe war gleich hinter der Tür. Ich wollte hinunterrennen  mein Handy vom Tisch schnappen und Zack raus in den Garten und die Polizei rufen...
Dann hörte ich die Dusche rauschen, die Stimme fluchte erneut. Das typische Poltern, wenn der Schlauch in die Wanne fällt.
DUSCHENDE EINBRECHER???
Es wurde immer toller. Ich schloss lautlos auf, öffnete ganz langsam, spähte um die Ecke in Richtung Bad. Die Tür war einen Schlitz offen.
Es war jemand in der Dusche. Kein Zweifel.
Mit drohend erhobenem Kleiderbügel stürmte ich hinein, blieb mit offenem Mund vor der Wanne stehen.
Ich hatte mir eine kleine Eckwanne einbauen lassen, da ich keinen  Platz für eine extra Dusche gehabt hatte. Ein halbtransparenter, milchweißer Vorhang ist als Spritzschutz an einem Stahlseil aufgehängt, das  an der Decke über dem Wannenrand  von einer Wand zur anderen verläuft.

Hinter diesem Vorhang stand mit dem Rücken zu mir  ein nackter Mann, die Stimmlage und Schulterbreite ließen  keinen Zweifel daran, und stimmte lauthals einen Shanty an, den ich zu kennen glaubte...
„ ... and up she rises, early in the mornin’..”
Ich war so verblüfft, dass ich erst jetzt die Kleider am Boden sah.
Heller Stoff, Rüschen, schwarze Stiefel, über denen weiße Strümpfe hingen.
Ungläubig wandte ich den Kopf und sah wieder zur Dusche.
Der ungebetene Badegast schien sich einzuseifen, er bückte sich nach vorne, sein langes, nasses Haar hing ihm wie ein abgezogenes Fell in den beeindruckend breiten Rücken..
‚... when I washed my hair, it felt like a dead Koala hanging down my back...’
echote dieselbe Stimme in meiner Erinnerung…etwas rastete in meinem Kopf ein, als ob man einen Fernseher anschaltet und das Bild erscheint.
Ich stieß einen unkontrollierten  Schrei aus, der den Mann in der Dusche herumfahren ließ.
Durch den Vorhang starrte er mich so entgeistert an, wie ich ihn.
Im nächsten Moment  versuchte er seine intimeren Teile  mit  den Händen und dem Nächstbesten, nämlich dem Duschvorhang  vor meinen aufgerissenen Augen  zu verbergen. Dabei rutschte er in der nassen Wanne aus, verlor das Gleichgewicht, ließ aber nicht los. Fasziniert starrte ich auf die Szenerie.
Es war wie einen Verkehrsunfall zu verfolgen, Momente bevor es knallt.
Man ist hilflos, kann aber nicht wegsehen.
Einige Sekunden hielten die Dübel der Aufhängung, dann gab es eine knirschendes Geräusch und ein ‚Ratsch’ als die Aufhängung  herabfiel und zusammen mit dem Schwankenden  in einem nassen Platscher auf dem Wannenboden aufschlug.
Er gab einen Schmerzenslaut von sich, dann war er still, saß erstarrt unter der ihn bedeckenden Folie. Die Dusche lief noch immer.
Schweigen. Dann diese Stimme.
„Helga, please, help me…” erklang es mitleiderregend unter dem Plastikhaufen hervor. HELGA.
Mein Gehirn erfuhr ein sekundenschnelles, umfassendes Update, dass mich in Bewegung setzte. Automatisch lehnte ich mich zur Armatur über den Wannenrand, versuchte ihn nicht zu berühren, stellte das Wasser ab.
Er hatte verdammt schnell kapiert wie die Armaturen funktionieren, die Klosettspülung hatte er auch geknackt. Respekt. Nur weil er von vor-vor-vorgestern war, war er dennoch Naturwissenschaftler was nautische  Physik und Mathematik angeht und mir sicher in  klassisch-technischer Hinsicht weit überlegen.
Inzwischen hatte Jack sich zum Teil von dem Vorhang befreit, wobei er strategisch heikle Zonen vorsichtshalber bedeckt hielt. Ich rollte nur mit den Augen, wusste wirklich nicht ob ich lachen oder kreischen sollte, dann legte ich ihm ein großes Handtuch auf den Rand und verließ ohne Kommentar das Bad, schloss  die Tür. Drinnen ächzte und rumorte es. Schließlich schien er es geschafft zu haben, aufzustehen. Das Wasser rauschte noch einmal kurz, dann hörte ich ihn aus der Wanne steigen.
Während ich die Treppe hinabging, stieg ein irrer Lachanfall in mir auf.
Ich schloss mich im unteren Gästeklo ein. Mein Spiegelbild reizte meinen Nervus Humoricus noch mehr. Wirre Haare, wirrer Blick.  Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, wusch ich mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser, kämmte mich und wagte mich wieder auf die freie  Wildbahn. Ich spähte um die Ecke.
Die ‚Bestie’ saß  auf dem Sofa und stöhnte mitleiderregend.
Dann sagte sie etwas schamhaft mit äußerst bedürftigem Unterton:
„What’s for breakfast? My back hurts like hell. I think I need a doctor, Helga.”

Es war nicht so schlimm. Während  eines Frühstücks bestehend aus Omelett aus fünf Eiern, drei Scheiben Schinken und sechs Scheiben Toast mit Butter und Marmelade, sowie einer Kanne starken Kaffee, von der ich  eine Tasse ergattern konnte,  versuchte ich ihn zu überreden mir die Prellung ansehen zu dürfen.
Er schaute mich strafend an, als habe ich  gerade Gruppensex  mit drei Franzosen vorgeschlagen.  Erst jammern und dann den Helden spielen.
Wir fingen wieder an zu streiten. Der Mann machte mich wahnsinnig.
Bevor ich wirklich hysterisch wurde, knallte ich ihm einen Eispack und ein Tube Mobilat auf den Tisch mit knapper Anweisung, wie er es verwenden solle und ging Einkaufen. So wie er fraß, würde mein Kühlschrank am Abend leer sein und das Eisfach auch. Ich irrte recht abwesend im Supermarkt umher, ertappte mich dabei, dass ich ständig prüfte, ob er dies oder jenes wohl essen würde.
Der Mann war keine 24h auf der Bildfläche erschienen und schon drehte sich alles nur um ihn! Ich war selbst schuld, denn ich ließ es zu und machte noch mit.
Auf der Heimfahrt schwirrte mir der Kopf. Ich war der Situation absolut nicht gewachsen, musste ihn loswerden. Theoretisch war es reizvoll sich vorzustellen, man habe einen Jack Aubrey bei sich daheim, vor allem in gewissen Situationen, ähemm, aber sobald man länger darüber nachdenkt, tauchen unzählige Fragen auf, die ganze Romantik und Spannung geht flöten.
Ich kippte fast aus den Latschen, als ich kaum eine Stunde später in meine Strasse einbog. Jack saß auf den Stufen vor der Tür meiner Nachbarn und plauderte mit meiner Schwester... nackte Panik erfasste mich zunächst. Er wirkte charmant bemüht und sie lauschte ihm halb amüsiert, halb befremdet, warf mir einen hilflosen Blick zu.
Er wusste nicht, dass sie kaum Englisch versteht und schon gar nicht sein Maschinengewehrgebrabbel. Er sah kurz zu mir herüber, lächelte herablassend.
In dem Moment wurde ich so sauwütend, dass meine Bluttemperatur sank statt zu steigen. Wenn ich richtig sauer bin, werde ich eiskalt und megaverletzend und ich halte lange durch damit. Er schien sich ja erstaunlich schnell erholt zu haben.
Sollte er sich doch bei ihr durchfressen.  Mein Schwager würde ihm schon den Marsch blasen.
Hasta la vista baby.
Ich tat , als sähe ich die beiden nicht, lud gemächlich meine Einkäufe aus, schloss  die Tür auf und schlug sie ihm vor der Nase zu.
Er hatte sich ausgesperrt, der Depp. Meine Haustür hat einen ovalen Ausschnitt aus Glas, durch den er mich  etwas schockiert ansah.
Ich lächelte so herablassend wie er vor wenigen Minuten und verließ den Vorraum, schloss  die Tür zum Erdgeschoss.
Er tauchte an der Terrassentür auf,  als ich die Lebensmittel in den Kühlschrank packte. Ich zwang mich zu absoluter Ruhe. Ich muss zugeben, er war geduldig.
Er schien kapiert zu haben, dass er mich verärgert hatte und das nicht unbedingt gut für ihn war.
Er nahm sich einen der Klappstühle und setzte sich vor das Bodenfenster, sah mir zu. Ich tat, als wäre er Luft und machte mich über  die Treppe davon, setzte mich oben vor den PC und tauchte ab ins Internet.
Mails, die obligatorischen Seiten, auf der Suche nach News betreffs Mr. Aubreys Alter Ego, der ihn verkörpert hatte.  Mein  tägliches Pflichtprogramm.
Yahoo verkündete auf der Startseite:
„Master & Commander“ --STOPP. Technische Probleme. Fox nimmt den hochdotierten Film aus dem Verleih.-
Mein Finger bebte, als ich auf den Link klickte. Ein Szenenfoto.
Jack hängt bei Kap Horn mit der Crew an der Reling.
„Der hochdotierte Preisanwärter von Peter Weir kann wegen technischer Probleme nicht länger in Deutschland aufgeführt werden. Fox verweigerte genaue Auskünfte. Der Streifen läuft seit Wochen mit unzähligen Kopien.
Plötzlich scheinen alle unbrauchbar geworden zu sein.
Materialfehler? Ein Journalist schnappte die Aussage  eines verstörten Kinobetreibers auf. Er behauptete, die Titelfigur, Jack Aubrey, dargestellt von Oscarpreisträger Russell Crowe, fehle auf sämtlichen Einstellungen.
Er sei einfach aus dem Film verschwunden. 
Das ist sicher ein Marketing Gag, um die Hype um den Film noch anzuheizen.“
Ich stieß ein asthmatisches Lachen aus. Von unten dumpfes Hämmern einer Faust auf Glas.  Ich legte beide Hände vors Gesicht, stütze die Arme auf den PC Tisch und begann zu kichern.
„Ich bin verrückt geworden und das ist alles Quatsch.“ kicherte ich mir vor.
Das Hämmern wurde energischer.
„Hör auf, du Idiot!! “ brüllte ich durchs Dachfenster.
Stille.
Ich starrte den Bildschirm an, rief meine Mails ab.
Drei neue Nachrichten. Alle von den üblichen Verdächtigen.
Alle begannen mit:  Hast du schon gehört, dass M&C nicht mehr läuft, weil.....
Jemand schloss  die Tür auf. Schritte. Meine Schwester rief mich.
Ich spähte von oben herab. Ihr Gesicht sprach Bände.
„Wieso sperrst du deinen Besuch aus? Was soll das?“ wollte sie verwundert wissen. Jacks Gesicht, die Stirn tief gefurcht, tauchte neben ihrem auf.
„Das ist kein Besuch, in dem Sinne. Ich habe ihn nicht eingeladen. Er hat sich  mir... ähmm,.. aufgedrängt. Kümmre dich nicht um ihn. Er hat einen an der Waffel, glaubt, er sei ein Marineoffizier aus dem 19.Jh.“ tat ich bemüht lässig ab.
„Wie bitte?? Und was macht er hier bei dir?? Er war doch gestern schon da!  Die Stimme ist unverkennbar. Ihr habt euch angeschrieen. Ist er gefährlich? Soll ich die Polizei anrufen? Wie kommst du zu dem Kerl?“
sprudelte sie nur so. Oh, nein, ich musste sie beruhigen.
„Er ist harmlos. Er hat mich  nur geärgert mit seinem ewigen Blödsinn, er sei Kapitän Iglo und  seinem albernen Aufzug. Als er noch dicht war, waren wir befreundet. Er ist gestern plötzlich aufgetaucht, ich werde ihn so bald wie möglich nach hause verfrachten. Er kommt aus .. ähhm.. Portsmouth.
Werde ihm mit der nächsten Maschine nach Hause schicken. Er ist ausgerastet.
Aber er ist echt harmlos. Ich hab das im Griff.“ log ich, dass sich das Parkett unter mir bog. Sie war skeptisch, aber sie zog ab.
Schritte auf der Treppe. Ich setzte mich wieder an den PC und harrte der Dinge, die sich schweren Fußes näherten.
„Helga...“ Er klang nicht sehr freundlich. Angriff ist die beste Verteidigung.
Ich drehte mich um. Er funkelte mich an, schien kurz vor dem Bersten.
Glowering. Ich habe diesen Begriff schon so oft gelesen, wenn es um Crowe geht.
Drohend, düster.  Er hatte es echt drauf. Und ich hatte es schon oft genug gesehen, um nicht drauf herein zufallen. In Filmen, von denen sich der gute Jack nicht träumen lassen würde. Also funkelte ich zurück.
„No word. Sit here. We have to talk about a few things. And don’t forget:
This is my house and not your ship, you are not the captain here, but me  and I won’t  take any  bullshit by you.
Listen now.”
Der einschüchternde Ausdruck schwand, machte einer verblüfften Miene Platz.
Ich sah und hörte  förmlich, wie die Rädchen in seinem Schädel sich drehten. Schließlich grinste er mich an, setzte sich vorsichtig mit wehleidigem Gesicht wegen der Prellung, wie ihm befohlen und meinte:
„There is not a moment to loose. Talk to me, Helga.”
HELGA.  Hieß nicht die Tussi in den 70er -Aufklärungsfilmen von Oswald Kolle so.....??
Immer noch besser als SOFIE.

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