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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Zweites Kapitel – Sorgen sind wie dunkle Wolken |
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Während Anja versonnen den langsam verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne nachblickt, die stetig hinter den Dächern der Stadt Florenz verschwindet, spürt sie erneut die aufkeimende Unruhe, die ihr Sein seit Monaten schon erfüllt. Wie eine Art Vorahnung schleicht sich dieses Gefühl der Unruhe in ihren Kopf und sie kann es keinem der letzten Ereignisse ihres jungen, sechzehnjährigen Daseins zuordnen. Gelangweilt beobachtet sie ihren Vater und dessen italienische Freundin, die beide einen Halbstock unter ihr auf der freien Terrasse Café trinken. Sie sind halb von den südländischen Kübelpflanzen verdeckt und Anja vernimmt Brocken ihrer angeregten Unterhaltung, die sie jedoch kaum interessiert. Sie fühlt so etwas wie Erwartung in ihrem Innersten und sucht nach einer Erklärung. Sie hat geglaubt, mit sich selbst halbwegs im Reinen zu sein, doch das war anscheinend eine Täuschung gewesen. Endlich hat sie sich entschlossen, nach diesem letzten Jahr im Lycée ein Kunststudium zu beginnen. Immer schon liebte sie Farben und Lichteffekte, malerische Ausdrücke einer Welt, die sie immer wieder aufs Neue faszinierte in ihrer Vielfalt von Schattierungen und Nuancen. Ihre Vorliebe galt den französischen Expressionisten und den Künstlern der Wiener Schule - Klimmt, Fuchs und Brauer. Sie teilt die Leidenschaft der Malerei mit Eveline, jedoch ist ihr angeborenes Talent und der Sinn für Farbenharmonie, Proportion, Perspektiven sowie Vorstellungskraft, gepaart mit einem Gefühl für das Natürliche und Ausdruckstärke in ihren Bildern deutlich zu erkennen, während Eveline immer aus Zeitvertreib und zur Entspannung malte. Sie liebte das Spiel der Farben, mit denen sie ihren Gefühlen Ausdruck verleihen konnte. Anja besuchte bereits seit zwei Jahren eine öffentliche Kunstschule, in der sie viele Stunden ihrer freien Zeit verbrachte und Freunde gefunden hatte, die ihre Leidenschaft zur Malerei teilten. „L’école des Beaux Arts“ in Aix en Provence, war eine Privatschule zur Erlernung der Maltechnik und des Austausches von Erfahrungen von Farbspielen, ohne den jeweiligen Künstler beeinflussen zu wollen in seiner Idee und seinem Schaffen. Die Motive der Provence, mit ihren sanften Farben der Natur, ihren stetig wechselnden Lichteffekten, aber auch die vielen Jahre in Ägypten, das an farblicher Leuchtkraft und Lichtspielen kaum zu übertreffen war, haben Anja inspiriert und sie in ihrem Wunsch, dieser Richtung zu folgen, bestärkt. Ihr Vater hätte eine wirtschaftliche Ausbildung bevorzugt, doch in keiner Weise gab er die Enttäuschung oder gar einen Anflug von Unwillen zu, als Anja immer häufiger von ihren Plänen sprach, die immer konkreter wurden. Zu lebendig war die Erinnerung an die eigene Jugend in ihm, an seinen Wunsch, dem elterlichen Weinberg zu entfliehen und Maschinenbau zu studieren, ganz gegen die Vorstellung des eigenen Vaters. Doch obwohl es diesem wahrscheinlich halb das Herz gebrochen hatte, ließ auch er den Sohn ziehen und unterstützte ihn auch noch in seinem Vorhaben. Ein besseres Beispiel an Verständnis und Elternliebe konnte Frédéric sich nicht vorstellen. Er liebte seine Tochter, sie war sein Alles und sie sollte so leben dürfen wie sie es gerne mochte. Sie verdiente sein Einverständnis, seine Begeisterung und Unterstützung, egal was es dagegen zu halten gab. Und nun war sie inskribiert an der Kunstfakultät von Aix, in der die Vorlesungen in knapp einer Woche beginnen sollten. Dank ihrer ausgezeichneten schulischen Leistungen konnte sie die Abschlussprüfung ein Jahr vor den gleichaltrigen Kollegen ablegen. Auch wenn sie die Erbin eines Weltkonzerns sein würde, es änderte nichts an seiner Einstellung. Anja hatte recht: es gab genug gelernte und studierte Spitzenkräfte für alle Bereiche des Hollowitz-Hardtberg - Konzerns. Es stand nicht dafür, für eine Firma zu leben, zu kurz und knapp bemessen war die Zeit auf Erden für jeden einzelnen und von dieser Überlegung ausgegangen, konnte kein anderes Gegenargument bestehen. Während Anja der Geklapper des Kaffeegeschirrs lauscht, welches Carla in die Küche ihrer Dachterrassenwohnung gebracht hat, färbt der Abendhimmel über der Stadt sich blassrosa. Die beiden letzten Tage waren wahrhaftig ein Erlebnis für das Kunstbegeisterte, junge Mädchen und sie spürt jetzt erst die Müdigkeit in den Beinen. Keine noch so verborgene Kunstgalerie oder Kirche war ihr verborgen geblieben und Carla erwies sich wahrhaftig als ausgezeichnete Führerin und Expertin der Stadt, in der sie erst seit kurzem lebte. Ihr Vater war der Einladung, eine Woche mit Anja nach Italien zu kommen, nur zu gern gefolgt. Die Aufträge des Werkes waren derzeit nicht überwältigend. Nicht, dass dies Anlass zu ernster Besorgnis gab, im Gegenteil. Frédéric hatte etwas mehr Zeit an sich zu denken. Dazu gehörten Carla und natürlich Anja, die zwei Frauen seines jetzigen Lebens. Er war immerhin auch nicht mehr ein Jüngling, wenn er es sich auch nicht gerne eingestehen mochte, und eine Verschnaufpause tat ihm mehr als gut. Dieser Meinung war auch der Arzt, der Frédéric seit mehreren Jahren gesundheitlich, wenn auch selten, betreute. Einmal meinte er scherzend, dass er, Frédéric, der soviel von Maschinen verstehe, ja wohl am besten wisse, wann eine solche überholt werden müsse, um weiterhin gut zu funktionieren. Frédéric fand das nicht besonders lustig oder amüsant und beschloss widerwillig den gut gemeinten Rat zu befolgen und sich mehr Zeit zum Ausruhen zu gönnen. Äußerlich waren ihm seine knappen fünfzig Jahre keineswegs anzusehen. Seine Figur war nach wie vor kerzengerade und muskulös, sein Kopf mit dem dichten, brünetten Haar, hoch erhoben und sein Blick war klar und offen. Seine Augen ließen niemanden unberührt. Frauen versanken nur zu gern in seinem unergründlichen Blick, Männer hatten einige Schwierigkeiten, ihm standzuhalten. Anja liebte jede winzige Furche seines Gesichtes, er war immer noch ihr Traummann und sie hatte keinerlei Ambition, einen Jungen ihres Alters für sich einzunehmen oder ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken als unbedingt notwendig. Sie zog so manchen Blick und noch viel mehr auf sich, sei es in ihrer Schule oder während der Ausflüge mit Freunden, der Reitstunden, Ausritten oder einfach während eines Einkaufbummels in der Stadt. Viele ihrer Freundinnen hatten bereits einen festen Freund oder so manches Liebesabenteuer hinter sich. Die schwärmerischen Erzählungen ließen sie jedoch relativ unberührt. Ihr Interesse, das sie den verliebten Mädchen entgegenbrachte, war aus Freundschaft gespielt, denn sie besaß Feingefühl und Verständnis für ihre Mitmenschen. Ihr Leben war ausgefüllt mit den zahlreichen, diversen Interessen und Tätigkeiten, die ihren Alltag bestimmten, sei es die Reiterei, Malerei, ihr Studium oder das unabänderliche Pendeln zwischen Deutschland, Ägypten und Frankreich, wo sie immer noch mit Eveline lebte. Jungs hatten in diesem Leben keinen Platz. Bei dem Gedanken an die geliebte Freundin, die ihr die Mutter ersetzt hat, empfindet Anja einen kleinen Stich in der Brust. Eveline war bereits über siebzig und nicht mehr ganz gesund. Auch wenn sie es zu verbergen suchte, es war nicht zu übersehen, dass sie andauernd an Gewicht verlor und ihre Arztbesuche in der Stadt, für welche sie jede Begleitung ablehnte, wurden immer häufiger. Sie legte sich zeitig abends zu Bett, doch Anja hörte sie nachts umhergehen, in der Küche hantieren und die besorgten Fragen ihrerseits tat Eveline mit einem schwachen, fast entschuldigenden Lächeln ab. Es ginge ihr gut, sie könne nur nicht mehr so gut durchschlafen wie früher. Einmal redete sie sich auf die Mondphase aus, ein andermal auf den starken Wind, den Mistral, der des Öfteren die Provence heimsuchte. Anja bohrte nicht weiter. Sie wollte Eveline nicht mit Fragen quälen, auf die sie sicher keine ehrliche Antwort bekommen würde, doch dieser Zweifel wandelte sich immer mehr in Sorge. Ihrem Vater wollte sie ebenfalls nichts davon erzählen, vielleicht aus Angst davor, etwas zu hören was sie seit langem befürchtete und das sich als Realität erweisen könnte. Seit zehn Jahren lebte Anja bei Eveline. Ihr verdankte sie die glückliche Kindheit und Jugend in Unbeschwertheit, voller Verständnis und Wohlwollen, alles was ihr der Vater aus Zeitmangel und Überarbeitung nicht andauernd bieten konnte. Sie hat versucht, Eveline dazu zu überreden, mit ihnen nach Italien zu reisen, doch diese hatte energisch abgewehrt, mit der Begründung, eine richtige Schlafkur nachholen zu wollen. Sie habe einen Naturheilpraktiker gefunden, der ihr mit den richtigen Mitteln endlich zu erholsamen und tiefen Schlaf verhelfen könne. Unbewusst hatte sie so ihre andauernden Schlafstörungen zugegeben, die für Anja ohnehin schon lange kein Geheimnis mehr waren. Anja seufzt. In den nächsten Tagen wollten sie die Umgebung von Florenz ergründen und ein Stück die Riviera entlangfahren, in Richtung Süden. Frédéric hatte ihr versprochen, dass sie schon bald alle drei gemeinsam Rom besuchen würden, doch dafür war diesmal keine Zeit, leider. Während sich am Himmel die ersten Sterne zeigen, spürt Anja, dass sie etwas fröstelt. Unverkennbar sind die letzten Sommertage dahin gegangen, um dem Herbst Platz zu machen, der das Land mit seiner kräftigen Farbenpalette aber auch seiner Rauheit und Wetterunbeständigkeit in diesen späten Septembertagen heimgesucht hat. Sie zieht die dünne Jacke fester um sich, dann wendet sie sich der kleinen Eisentreppe zu, die auf die Terrasse und weiter zur Wohnung führt. Die anmutige, friedvolle Landschaft der Toskana zieht stetig an den Autofenstern vorbei, Zypressenalleen, die anscheinend ins Unendliche führen, hügelige Wiesen mit einsamen Gehöften und ab und zu ein leicht ansteigender Weinberg heben sich aus dem sanften, schmeichelnden Licht Mittelitaliens hervor. Sie haben in einem kleinen verschlafenen Städtchen Pizza gegessen und einige Schlucke des schweren, roten Landweins dazu getrunken. In Bälde würde die Küste sichtbar werden und in einem der kleinen, unpopulären Fischerdörfer wollten sie sich nahe des Ferienortes Livorno nach einem Nachtquartier umsehen. Die Lebensfreude der italienischen Bevölkerung ist allgegenwärtig und spürbar beim Anblick der weiten Felder und kleinen, emsig belebten Ortschaften, die sie hinter sich lassen. Hier ein Wink, dort ein freundlicher Gruß, nicht ohne eine gewisse Neugier aus dunklen, großen Augen. Fast hat Anja ihre Beunruhigung vergessen und ist verzaubert von den Eindrücken, die in gewisser Weise, vereinfacht vielleicht, den Bildern der Provence gleichen. Je weiter südlich sie streben, umso angenehmer werden wieder die Temperaturen und ein Hauch von Spätsommer liegt über dem malerischen Bild dieser Region. Anja erblickt die Details der Naturschönheit mit dem Auge der Künstlerin, und um ihre Eindrücke für später aufzuheben, hält sie manches mit ihrem Fotoapparat fest. In dem kleinen Fischerdorf wo sie auch übernachten, sitzen sie gemeinsam lange am Ufer des kleinen Hafens in der Trattoria des einzigen Hotels am Platze und genießen die gegrillten Fische, die sie serviert bekommen, frische Oliven und Weißbrot und blicken den Laternen der Fischerboote nach, die nun auf neuen Fang hinaustuckern, um ihr Glück zu versuchen. Ein paar spielende Kinder streichen neugierig in einiger Entfernung umher und gruppieren sich um das Auto der Fremden. Sie rufen und scherzen in ihrer kräftigen, melodiösen Sprache und Carla ruft ihnen ein paar aufmunternde Worte zu, die sie noch mehr zum Lachen bringen. Anja hat ihre Teenagerkrisen der Eifersucht besiegt und sieht in Carla eine gute Freundin, zu der sie auch manchmal Kontakt sucht, wenn ihr Vater wieder einmal außer Landes seinen Aufgaben nachgeht. Sie ist um einiges jünger als Eveline, eine reife, Gutaussehende Frau, deren Intelligenz und Wissen sich in den dunklen, stets kritisch blickenden Augen widerspiegelt. Anja ist es heute nur zu gut bewusst, dass die Freundschaft zu dieser Frau ihren Vater jung und vital erhält. Als Frédéric sich entschuldigend zurückzieht um sich zur Ruhe zu legen, spürt sie eine leichte Beunruhigung. Der Blick, den er Carla noch zuwirft lässt sie frösteln. Die beiden Frauen bleiben noch ein wenig sitzen und lauschen wortlos dem leisen Plätschern des Wassers, das gegen die Kaimauer rollt. Anja bricht das momentane Schweigen mit einem tiefen Seufzer und der anschließenden Bemerkung: „Ich hoffe, die gute Eveline hat ihren wohlverdienten Schlaf endlich gefunden!“ Carla blickt ihr offen in die Augen und erwidert ernst: „Sie ist nicht mehr die Jüngste, wie du weißt!“ Warum erschrecken Anja diese Worte? Ahnt sie, dass Carla noch nicht fertig ist mit diesen Feststellungen? „Ich denke, sie hätte längst mit dir sprechen sollen, du bist schließlich kein Kind mehr!“ Energisch zündet sich Carla eine Zigarette an und an den fahrigen Bewegungen erkennt das junge Mädchen, dass sie sichtbar nervös ist. „Ich habe deinem Vater zwar versprochen, dir nichts zu sagen, doch ich finde, du solltest darauf vorbereitet sein. Eveline ist sehr krank und zwar schon seit geraumer Zeit. Unheilbar krank. “ Die eiserne Faust, die bereits während der letzten Wochen im Hintergrund gelauert hat, schlägt nun unbarmherzig zu und umklammert schmerzhaft Anjas Herz. Sie legt eine Hand auf den fühlbaren Schmerz in ihrer Brust, als könne sie ihn damit lindern und schluckt die aufsteigenden Tränen: „Heißt das, sie hat ...“ „Ja“, wirft Carla rasch dazwischen, bevor Anja das Wort der Menschheitsgeisel aussprechen kann. „Sie hat einen tückischen Drüsenkrebs, den die Ärzte viel zu spät erkannten. Eveline hat sich nach der endgültigen Diagnose geweigert, sich operieren zu lassen. Sie trägt es mit Würde und Fassung und behauptet, sie habe keine Angst. Ihre einzige Sorge gilt dir, Anja! Sie macht sich Sorgen um deine Zukunft, doch ich finde, sie hat Unrecht in diesem Punkt.“ Jetzt, da die Vorahnung sich als richtig und bestätigt erwiesen hat, fühlt Anja wie die Realität bereits von ihrem Verstand Besitz ergreift und sie dabei ist, sich mit dieser grausamen Wirklichkeit als unabänderliche Tatsache abzufinden, sich daran zu gewöhnen, ohne dass sie gewillt ist, eine solche zu akzeptieren. Die grausame Existenz der Krankheit ist einfach gegeben. Zu sehr, zu lange schon hat sie bereits Böses geahnt, um noch besonders überrascht zu sein. Sie empfindet nur eine tiefe, und dumpfe Traurigkeit, die sich allmählich in ihr breit macht. Die Sterne haben ihr Glitzern verloren, ihr Licht und das zarte Plätschern des Wassers empfindet sie als laut und unangebracht. Irgendwie erscheint ihr diese Harmonie, die sie umgibt, plötzlich als verlogen und unecht. Das Leben war Schall und das Glück nur Rauch. „Wie lange wird sie noch durchhalten können?“ lautet ihre tonlose Frage. Carla schüttelt den Kopf : „Das wissen wir nicht. Die Ärzte meinen, es hinge von ihrer körperlichen Verfassung ab und der Kraft ihres Herzens. Ich weiß aber, dass sie durch die starken Schmerzmittel, die sie bekommt, kaum Schmerzen fühlt!“ „Das glaube ich nicht!“ wendet Anja ein und denkt an die Nächte, in denen sie die ältere Frau umherwandern hörte, während sie selbst danach wieder in einen unruhigen Schlaf fiel. Was ihr das Gefühl der Hilflosigkeit gab, war diese Ohnmacht, der Frau, die sie großgezogen hat und die ihr ihre Liebe und Zuneigung geschenkt hatte, in irgendeiner Weise helfen zu können. „Soviel ich weiß, will Eveline, wenn es schlimmer wird, dass du zu deinem Vater ziehst und in Deutschland weiter studierst. Ich sage dir aber schon heute, dass du gerne nach Italien kommen und bei mir wohnen kannst. Wenn ich unterwegs bin, dann kannst du hier allein leben, alt genug dafür bist du ja und Platz haben wir auch genug, wir zwei!“ Ungewohnter Weise hat Carla sich nach vor geneigt und ihren Arm um die Schultern des Mädchens gelegt. Anja spürt deren Aufrichtigkeit und schüttelt den Kopf: „Es kommt gar nicht in Frage, dass ich Eveline alleine und im Stich lasse, wenn es ihr schlecht geht. Darüber will ich mit niemanden diskutieren! Was danach sein wird, das weiß ich nicht und ich will auch gar nicht daran denken. Wenn die Ärzte nichts Genaueres wissen, dann kann es vielleicht noch sehr lange dauern, bis Eveline ...“ Sie lässt den Satz unvollendet, als sie merkt, dass ihre Stimme schließlich doch zittrig geworden ist. Trotzig fährt sie sich über die nassen Augen und bemerkt noch leise: „Ich danke dir, Carla, dass du ehrlich warst zu mir. Du bist die einzige, die kein Kind mehr in mir sieht!“ „Das bist du ja nicht mehr, auch wenn dein Vater das Gegenteil behauptet, aber so ist es eben mit den Männern: eine Tochter, die nie erwachsen wird, hält auch sie selbst ewig jung, glauben sie zumindest! Außerdem sehen Väter es nur sehr ungern, dass ihre Töchter heranwachsen und flügge werden. Es wird der Tag kommen, wo auch er nicht mehr den ersten Platz im Herzen seines Lieblings einnehmen wird und diese Vorstellung macht ihn krank vor Eifersucht und Angst!“ Anja ringt sich ein schwaches Lächeln ab für den Versuch der anderen, die Tragik der Situation abzuschwächen. „Diesbezüglich hat Papa noch lange nichts zu befürchten“, erwidert sie leise. Dann erheben sich die beiden Frauen. Die Blutjunge, deren Leben erst beginnt und die Reife, der man so leicht nichts mehr vormachen kann. Bevor jede ihr Zimmer aufsucht, umarmen sie einander stumm und bleiben einige Sekunden regungslos stehen, in einem Gefühl von stummer Anteilnahme an Evelines Schicksal. |
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Drittes Kapitel – Unter den Zweigen des Olivenhains |
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Die restliche Woche bleibt überschattet von der Wahrheit, die nun unabwendbar erscheint. Anja hatte das Bedürfnis, sofort nach Aix zurück zu fahren, unterdrückt. Ihr Vater hatte sich so auf diese Woche mit ihr gefreut und was änderte die plötzliche Heimkehr an der Tatsache, dass sie Eveline bald verlieren und ihre Zukunft von anderen Menschen aufs Neue bestimmt werden würde. Sie reden nicht viel, doch jeder versucht so ungezwungen wie möglich zu erscheinen und Anja ist froh, dass ihr Vater nicht mit ihr über die Situation und Eveline spricht. Sie versucht angestrengt die Bitterkeit in sich zu verdrängen, doch es bleibt bei einem kläglichen Versuch. Frédéric hatte versucht, seit Eveline ihm vor Wochen schon ihren Zustand eröffnete, sie zu einem Aufenthalt in einer spezialisierten Klinik in den USA zu überreden, doch es war zwecklos. Die Frau war zu sehr Realistin um sich noch irgendwelchen falschen Hoffnungen hinzugeben. Als Anja schließlich wieder vor dem kleinen, traditionellen Haus inmitten der Lavendelfelder steht, unterdrückt sie nur mühsam die aufsteigenden Tränen. Eine Ahnung, dass es nicht mehr lange dauern würde und sie diesen friedvollen Anblick nur mehr als Erinnerung bewahren konnte, presst ihr die Luft ab. Eveline öffnet die Tür und dann ist es mit ihrer Zurückhaltung vorbei. Sie schließt die kranke Frau in die Arme und schluchzt laut auf. Eveline redet beruhigend auf sie ein und klopft ihr zart auf den Rücken, während sich das Mädchen verzweifelt an sie klammert. Gemeinsam lassen sie sich auf der kleinen hölzernen Bank vor den Stufen nieder. „Ich will nicht, dass du dich so fertig machst“, beginnt Eveline zu sprechen. „Mein Leben war ein langes, erfülltes und voller Abwechslung. Ich habe es mit wunderbaren Menschen geteilt. Deinem Großvater, deiner Mutter und dann habe ich das große Glück gehabt, dass dein Vater dich mir anvertraut hat, das waren die schönsten Jahre in meinem Leben, zehn herrliche Jahre, von denen ich keinen einzigen Tag missen möchte! Deiner Mutter war es nicht beschieden, dich heranwachsen zu sehen und ich bin schon mehr als zweimal so alt, als deine arme Mama es war, als sie starb. Ich hadere nicht mit dem Schicksal, ich denke, ich habe alles erreicht, was es zu erreichen gibt, in diesem Leben. Und wer weiß, was mich dann erwartet! Ein neuer Beginn vielleicht? Und letztendlich ein Wiedersehen mit Theodor, deinem Großvater, wer weiß... Möglicherweise erwartet er mich schon ungeduldig, du weißt ja, dass ich fest daran glaube.“ Anja schluckt und kann sich schließlich beruhigen, denn die Ruhe und Kraft, die von der geschwächten Kranken ausgehen, gehen auf sie über und sie kennt die Einstellung Evelines, die an ein Leben nach dem Tode fest glaubt. Ein verlockender Gedanke, doch wo blieb die Gewissheit? Als könne Eveline die Gedanken ihres Schützlings lesen, fügt sie fest hinzu: „Du darfst dir heute noch nicht den Kopf über all diese Dinge zerbrechen, dein Leben ist gerade erst dabei zu beginnen, es wird lang und erfüllt sein. Erfreue dich während jeder wertvollen Sekunde daran! Nicht ohne manchen Schmerz, das ist sicher und uns Menschen eben beschieden, jedoch werden die glücklichen Momente überwiegen und deinem Leben Glanz und Freude geben, das weiß ich sicher! Es liegt an dir, es auszuleben, so wie du es willst!“ Sie blickt Anja in die feuchten, blauen Augen und stupst ihre Nase mit dem Zeigefinger an: „Ich will nur eines und das musst du mir versprechen: Bleibe dir immer selbst treu und höre auf deine eigene Stimme, auch wenn die anderen dir davon abraten! Mache nur das, was du für richtig hältst und nimm dich in Acht vor zuviel Freundlichkeit, die man dir später entgegen bringen wird. Du bist reich und das zieht die Menschen an wie Motten das Licht. Versuche in die Herzen der anderen zu blicken, beobachte sie und prüfe ihre Ehrlichkeit, bevor du dich für irgendetwas oder jemanden entscheidest!“ Anja nickt und streichelt die schlanken Hände ihrer Ziehmutter, die diese in ihren Schoss gelegt hat. So spendet die Todkranke ihr, die voll Kraft und Leben war, den Trost, den sie der Freundin hätte übermitteln sollen. Sie ist fest entschlossen, dass sie Eveline den Abschied durch ihre Sentimentalität nicht noch erschweren wird. Sie würde stark sein, stark für sie beide, das war sie ihr schuldig. Es würde nie wieder vorkommen, dass sie diese Schwäche vor Eveline zeigte.
Während der milde Winter ins Land zieht, verschlechtert sich Evelines Zustand zusehends. Die Pflegerin, die Frédéric engagieren will, lehnt Anja entschlossen ab. Sie wird das eine Semester ihres Studiums eben sausen lassen. Sie kümmert sich rührend um die kranke Frau, stets darauf bedacht, sich keinerlei Verzweiflung oder Trostlosigkeit anmerken zu lassen. Sie gibt sich stets gut gelaunt und ruhig, sitzt stundenlang am Bett Evelines, die es immer weniger verlässt, sie erzählt von kleinen Begebenheiten des Alltags oder Erinnerungen an Ägypten. Ach, Ägypten! Wie weit scheint es jetzt entfernt mit seiner strahlenden Sonne und der sprichwörtlichen Sorglosigkeit des Orients! Sie erzählt viel über die ägyptische Mythologie, den Götterglauben und die vielen Geschichten, die sich um ihn ranken. Wunderbare Legenden von Liebe, Auferstehung und ewigem Leben, tausende Jahre vor der Geburt Christus bereits bekannt und das Dasein eines riesigen, intelligenten Volkes bestimmend. Eines Volkes, dessen Kultur und Weisheit die Zivilisation unserer Welt bestimmt hat. Wie Carla sagte: „Die Wiege der Menschheit steht in Ägypten“, und in Gedanken sieht sie Smaïn vor sich, wie er bedächtig dazu nickt..... Nach Weihnachten war Frédéric eine Woche lang gekommen, um Anja moralisch zu unterstützen. Er hatte feststellen müssen, dass Anja zwar erfreut über seine Anteilnahme und den Besuch des Vaters war, jedoch keiner Unterstützung bedurfte. Sie erwies sich als gelassene, ruhige, junge Frau, die die Situation voll im Griff hatte. Bewundernd und ein wenig beunruhigt sah Frédéric seine Tochter heimlich von der Seite an: Sie war kein Kind mehr, das war ihm nun klar. Abgesehen von der gut geformten, weiblichen Figur mit ihren zarten Rundungen, die sich unter den engen Jeans und dem anliegenden Pullover deutlich abzeichneten, dem ausgeprägten Gesicht mit dem klaren Blick aus blauen Augen und dem vollen, geschwungenen Mund, strahlte sie Klugheit und Entschlossenheit aus. Ob sie bereits Erfahrungen mit Jungs ihres Alters gehabt hatte? Dieser Gedanke verursachte ihm Unbehagen. Carla, der sie sich oft auch telefonisch anvertraute, wusste jedenfalls nichts davon. Er ließ sie nur ungern wieder allein, doch Anja versicherte ihm bedächtig, er könne ihr vertrauen und sie würde sich täglich telefonisch melden um ihm Mitteilung über Evelines Zustand zu machen.
Nachdem Frédéric nach Deutschland zurückgeflogen war, kommt Philippe, den sie schon seit längerem nicht mehr gesehen hatte, zu Besuch. Er ist für einige Tage der Winterferien mit seinen Eltern zu seiner alten Großmutter gekommen. Aus dem etwas pummeligen, blassen Buben war ein schlaksiger, hoch aufgeschossener, junger Mann geworden. Er blickt sie etwas verlegen an, als er sie zur Begrüßung beidseitig auf die Wangen küsst. Sein dunkles Haar trägt er nach Punk-Mode wirr abstehend. Er trägt enge, schwarze Lederhosen und einen weiten, abgetragenen Pullover. Vom linken Ohrläppchen baumelt ein Kreuz aus Silber. Ungezwungen und ein wenig überrascht von der Veränderung des Jugendfreundes erwidert Anja den Gruß und bald schon plaudern alle drei - Eveline hat sich zu ihnen gesellt - vor dem gemütlichen Kaminfeuer über die letzten Jahre, in welchen sie sich immer nur flüchtig gesehen hatten. Philippe hatte die letzte Klasse wiederholen müssen, doch es machte ihm anscheinend nicht viel aus. Er legt seine anfängliche Befangenheit ab und erzählt von der Band, in welcher er Bassgitarre spielt, von den Auftritten in den Insider-Lokalen von Paris. Ein bisschen angeberisch findet Anja seine Erzählungen, doch sie hat Verständnis für den Jungen, dem sie es nicht immer leicht gemacht hatte, als sie als Kinder noch gemeinsam die Ferien verbracht hatten. Kritisch betrachtet ist sie sogar sicher, dass er bei den Mädchen in Paris gut ankam, nicht nur deshalb, weil er Musiker war, sondern weil er recht gut aussah, groß, schlank mit einem sympathischen Gesicht und grüngrauen Augen, die die Farbe je nach Licht zu wechseln schienen. Philippe kommt wieder und Anja ist etwas amüsiert über den verliebten Ausdruck, der sich nach und nach auf sein Gesicht stiehlt, wenn er sie ansieht. Eines Tages will er sie in die Stadt einladen. Kino und anschließend Pizzaessen. Anja lehnt ab, doch Eveline besteht darauf. Das andauernde Eingesperrtsein mit ihr sei auf die Dauer nicht gut für ein junges Mädchen. Es ginge ihr heute besonders gut, wie seit langem nicht mehr und außerdem würde sie ohnehin gleich einschlafen. Und sie dulde keine Widerrede. Zögernd gibt Anja nach, sie bliebe nur höchstens zwei, drei Stunden aus und sei lange vor Mitternacht zurück, versichert sie. Sie nehmen den Wagen von Philippes Vater, der es ihm ausnahmsweise erlaubt, da sein Sohn seit kurzem die Vorprüfung des Jugendführerscheins abgelegt hatte. Normalerweise müsste er selbst daneben sitzen, doch er will dem Jungen nicht den Abend verderben. Er versucht in letzter Zeit mehr auf den Jungen einzugehen, immer ängstlich besorgt, er könne mit seiner Musik ins Drogenmilieu abrutschen. Deshalb akzeptiert er auch ohne Grollen die etwas extravagante Aufmachung, samt Frisur und Outfit seines jüngeren Sprösslings. Der zwei Jahre ältere Alain, Philippes Bruder, hat sich, sehr zum Wohlwollen der Familie, für fünf Jahre zur Armee verpflichtet. Eine Sorge weniger für den gestressten Manager aus dem Pariser Architektenbüro. Es war nicht leicht, heutzutage Kinder aufzuziehen. Aber haben das Eltern nicht immer schon gesagt? Philippe will Anja den Film „Sid und Nancy“ zeigen. Es ist ein bereits vier Jahre alter Kultfilm aus dem Punkmilieu Englands. Er zeigt den letzten Lebensabschnitt des Sex Pistol-Leaders Sid Vicious, der verdächtigt wurde, seine Freundin Nancy unter Drogeneinfluss getötet zu haben. Kurz darauf starb auch er an einer Überdosis Heroin. Die darstellerische Schauspielkunst der englischen Künstler ist überwältigend und Philippe, der den Film bereits kennt, klopft den Takt der wilden Punkmusik des Filmes mit den flachen Händen auf seiner ledernen Hose mit. Anja gefällt der Film gut, es ist für sie eine Gesellschaftsstudie der gegenwärtigen, britischen Jugend und den Auseinandersetzungen der Generationen, Traditionen und Rebellionen dieser Jugend gegen das britische Establishment. Sie kann zwar nicht die Begeisterung für die wilde Musik der Punker teilen, wie Philippe es tut, doch auch sie liebt Popmusik, David Bowie und Pink Floyd im Besonderen und ist des Öfteren mit Freundinnen in Diskotheken unterwegs gewesen. Auch das scheint ihr schon so lange her zu sein.... Seit Evelines Krankheit war sie nicht mehr ausgegangen. Sie lässt es zu, dass Philippe den Arm um ihre Schultern legt und sie einmal ganz sanft auf die Wange küsst. Sie empfindet es sogar als wohltuend und prickelnd und fühlt, dass ihr Herz um einen Takt schneller schlägt. Am Ende des Films muss sie sogar ein paar Tränen der Rührung verdrängen. Es war ja doch Liebe zwischen den beiden Filmhelden, eine alles verbrennende und vernichtende Liebe bis zum Tod. Außerdem war es eine wahre Geschichte. Sie verlassen den Kinosaal Hand in Hand und schlendern zu Fuß durch die engen Gassen der Altstadt, wo Philippe eine kleine verschwiegene Pizzeria kennt. Bei Kerzenlicht teilen sie sich eine riesige „Pizza Mozzarella“ und trinken Cola. Philippe fragt Anja aus, will wissen, ob sie einen festen Freund hat und oft abends weg geht. „Was du alles wissen möchtest!“ neckt sie ihn. „Hast du denn eine feste Freundin?“ „Ach die Mädels kommen und gehen“, erwidert der Junge großspurig und ist sich im gleichen Moment bewusst, dass er das eigentlich nicht hätte sagen sollen. Diplomatie war noch nie seine Stärke. Irgendwie entschuldigend fügt er hinzu: „Wenn ich mit der Band spiele, da sind wir meistens umringt von den Girls, aber so richtig interessiert mich da keine!“ Er erzählt weiter von seinen Plänen, nach der Abschlussprüfung den Sommer mit den Bandmitgliedern nach England zu trampen und Anja bestärkt ihn dabei. Für sie selbst ist Tapetenwechsel, Reisen, Land und Menschen kennen zu lernen, sehr wichtig. Das unruhige Blut hatte sie sicher vom Vater geerbt und das sagt sie ihm auch. Er lacht darüber: „Ja, dein Vater ist ja immer auf Achse. Toller Bursche, dein Alter!“ Sie protestiert zwar wegen des Ausdrucks, für sie ist Frédéric ein umwerfend jugendlicher Mann. Alterslos, stark, unwiderstehlich. Doch mit der bewundernden Bemerkung hat sich Philippe ein Stück ihres Herzens erobert und sie erwidert seinen zittrigen Händedruck unter dem kleinen Tischchen. Eine nicht gekannte Sehnsucht erfüllt sie, stärker als die Sucht nach Geborgenheit, und sie entdeckt und sieht den jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt, zum ersten Mal auf diese Weise. Sie betrachtet seine schlanken, langen Finger, sein schmales, gleichmäßiges Gesicht und ihr Blick bleibt an seinen vollen Lippen hängen. Sie unterdrückt den Impuls, ihn zu küssen und dieser Gefühlsansturm verwirrt sie ein wenig. Als sie das Restaurant verlassen, weht ein eisiger Wind. Die Winter sind zwar nicht besonders streng in Südfrankreich, doch gerade heute, an diesem Jännerabend, scheint es anders und besonders kalt zu sein. Anja schlägt den gefütterten Rauledermantel enger um ihre Taille und Philippe hält sie eng umschlungen, während sie rasch dem geparkten Wagen entgegen streben. Aufatmend lassen sie sich in die bequemen Polster des Mercedes fallen und Philippe dreht die Heizung auf Hochtouren. Bald schon erfüllt wohlige Wärme den Wagen und langsam und vorsichtig lenkt er den Wagen aus der Stadt auf die einsame Landstrasse, die bis zu dem Besitz Evelines führt. Leise Rockmusik dringt aus dem Autoradio, doch Philippe sucht eine andere Radiostation, bis er auf sanfte Slowmusik stößt und die angenehme Stimme Eric Claptons den Wagen erfüllt. Wortlos lauschen sie der Musik und Anja summt schließlich den Text des bekannten Songs mit. „Kommst du noch ein bisschen zu mir rauf?“ will Philippe wissen. Doch Anja schüttelt entschieden den Kopf. Fast bekommt sie ein schlechtes Gewissen, hat sie doch die beiden letzten Stunden kaum an Eveline gedacht. Sie war schon so lange Zeit nicht mehr aus dem Haus gekommen. Philippe nickt verständnisvoll: „Ist klar, entschuldige die blöde Frage. Aber wollen wir noch ein bisschen im Auto reden? Nur zehn Minuten, “ und als Anja zögert, bemüht er sich rasch hinzuzufügen: „Versprochen!“ „Na gut“, meint Anja nachgiebig, die den Jungen, der sich heute Abend so um sie bemüht hat, nicht vor den Kopf stoßen möchte. Schon hat Philippe den Wagen auf den schmalen Feldweg gelenkt, der zu dem Wäldchen hinter dem Olivenhain führt und hält ihn an. Er lässt den Motor laufen, damit die Wärme nicht verloren geht, die angenehm das Wageninnere erfüllt. Sie lässt zu, dass er mit einer Hand ihren Kopf an sich zieht und sie erst sanft, dann fordernd küsst. Anja spürt eine heiße Welle der Erregung ihren Körper durchzucken und öffnet nachgiebig die Lippen. Sie erwidert seinen Kuss mit Hingabe und schließt die Augen, während sie ebenfalls die Umarmung genießt und ihre Hand durch das wirre Haar des Jungen gleiten lässt. Ermutigt von Anjas Reaktion lässt dieser seine zweite Hand unter ihren Mantel und dann ihren Pullover gleiten um gierig ihre Brust zu berühren. Er spürt die Bereitwilligkeit des Mädchens, registriert, dass ihr Atem schneller geht und betätigt mit der anderen Hand den Knopf an der Seite des Sitzes, sodass dessen Lehne langsam zurück gleitet und die Liegeposition einnimmt. So liegen sie eng nebeneinander und erforschen ihre Körper mit ungeduldigen Händen, während ihre Lippen nicht müde werden sich zu liebkosen. „Du bist so schön, Anja!“ haucht der Junge ihr rau ins Ohr, „ich begehre dich so sehr, immer schon!“ Als Antwort küsst Anja ihren Jugendfreund erneut und dieser schiebt seine heiße Hand unter den langen Strickrock des Mädchens. Anja unterdrückt mit Mühe ein Stöhnen, als seine Finger sich geschickt zwischen ihren Schenkeln bewegen. „Willst du es?“ flüstert Philippe nah an ihrem Ohr. Sie zögert. Im Grunde war Philippe ihr gleichgültig. Doch sie will endlich ihre erste Liebeserfahrung machen und ist erregt genug, ihn gewähren zu lassen. Viele unbekannte Gefühle toben in ihr und eine Sehnsucht nach etwas nicht Greifbarem quält sie. „Ja“, haucht sie, „ja, komm!“ Mit wenigen Handgriffen, bei welchen sie ihm hilft, schält er sie aus dem dicken Mantel, zwängt sich selbst aus der engen Lederhose, während sie aus ihren Stiefel schlüpft, und den übrigen Kleidungsstücken. Aufgeregt und bedenkenlos sieht sie ihrem ersten Liebesakt entgegen. Sie sieht, wie er das Kondom aus einer Hosentasche nimmt und senkt beschämt die Augen, als er es überstreift. Er umarmt sie und schiebt sich über sie. Sie spürt seine Erregung und wird weich und offen für seine Forderungen. Als er dann in sie eindringt, wird sie kurz von einem jähen, brennenden Schmerz ein wenig ernüchtert. Doch sie hatte es gewollt und nun hat sie es. Sie gibt sich einem Jungen hin, der ihr nicht viel bedeutet, der ihr nur sympathisch ist. Doch die Stimme ihres Körpers war stärker gewesen. Leicht ironisch denkt sie: „Eine Blume, die gepflückt werden wollte“. Während Philippe ihr verliebte Worte ins Ohr flüstert und seine Bewegungen immer rascher werden, spürt Anja bei jedem Stoss, dass sie sich geirrt hatte und sie eigentlich nichts mehr von der anfänglichen Erregung spüren kann. Jetzt, wo er in ihr ist, lässt sie die Situation kalt und sie empfindet nicht einmal mehr dieses wohlige Rieseln, das sie bei seinen ersten Berührungen und Küssen gefühlt hat. Sie lässt es geschehen, enttäuscht und ernüchtert, in der Hoffnung, dass er bald fertig sei und sie dem Auto und seiner Umarmung entkommen konnte. Unwillkürlich denkt sie an ihren Vater und an Smaïn. Der Gedanke an die beiden schmerzt sie. Sie hat Geborgenheit und Zuneigung mit Sex verwechselt, denn jedenfalls war es nicht das, was sie gesucht hatte. Ihre Sehnsüchte wurden nicht erfüllt, nicht hier und nicht mit Philippe. Sie hatte die erhoffte Erfüllung nicht gefunden und sich etwas anderes darunter vorgestellt. Der Junge der mit einem lauten Stöhnen in ihr kommt und dann verschwitzt auf ihr liegen bleibt, hat diese Sinneswandlung seiner Freundin nicht einmal bemerkt. Sie rührt sich nicht und als er sie müde und mit geschlossenen Augen fragt: „War es schön für dich?“ bringt sie es nicht übers Herz ihm die Wahrheit zu sagen und nickt nur bejahend. Er sieht in ihre Augen: „Du warst die beste Nummer, die ich je geschoben habe!“ „Das freut mich“ erwidert sie mechanisch und etwas zynisch. Sie zweifelt an der Richtigkeit der Schilderungen ihrer Freundinnen, die von der Erfüllung ihres eigenen Liebeslebens berichtet haben. Anscheinend logen sie sich selbst an. Viel ist nicht dran an dem Ganzen, denkt sie. Viel Lärm um nichts! Schweigend ziehen sich beide an und Philippe fährt Anja das letzte Stück zum Haus. Als sie aussteigt, ruft er ihr leise nach: „Schlaf schön, ich sehe‘ dich morgen, ja?“ „Sicher doch!“ erwidert sie und läuft, ohne sich umzusehen zum Haus. Es ist längst beschlossene Sache, diesen Jungen nicht mehr zu treffen. Es ist ruhig und finster in der Wohnung und sie hat nur das eine Bedürfnis, rasch unter die Dusche zu kriechen, unter der sie lange Zeit steht, um mit dem fließenden Wasser nicht nur den Geruch des Jungen, sondern auch die Enttäuschung und Frustration, die sie empfindet, von sich abzuwaschen, wegzuspülen. Sie wird Philippe nicht wieder sehen. Sie wird jedes Mal eine Ausrede finden, bis er begriffen haben wird, dass er ihr nichts bedeutete.
An einem der ersten schönen Tage im Frühling schläft Eveline friedlich in dem bequemen Lehnstuhl, den Anja für sie ans weit geöffnete Fenster gerückt hatte, damit sie die erquickenden Sonnenstrahlen genießen konnte, für immer ein. Als Anja aus der Küche kommt, wo sie Tee für sie beide zubereitet hat, und den auf die eine Schulter gesunkenen Kopf mit dem geflochtenen, fast weißem Zopf erblickt, weiß sie Bescheid. Am Fensterbrett spaziert eine Kohlmeise auf und ab und trällert ihre Hymne an den Frühling und das erwachende Leben. Sie fliegt davon, als Anja sich nähert und das Fenster schließt. Evelines Augen sind geschlossen und ihre Züge sind friedlich. Anja entdeckt die kleine Glasphiole, die der toten Frau aus der Hand gerollt ist und nun, geöffnet und leer, auf der Decke liegt. Es waren die starken, morphiumhaltigen Schmerztabletten, die Eveline seit Monaten zu sich nahm. Ob Eveline entschieden hatte, dass es nun genug sei, oder ob sie eben nur die letzte, sich darin befindliche Tablette nahm, um ihre Schmerzen zu lindern, würde niemand erfahren. Anja nimmt die Phiole in die Hand. Man würde sie nicht finden und niemand würde Spekulationen über die wahre Todesursache anstellen. Es änderte nichts daran, dass Eveline von ihr gegangen war, ob so oder so. Es war ihr Recht, ihr Leben, ihr Tod gewesen. Sie kniet vor der Toten und legt ihre Hände in deren Schoss, um dann still um sie zu weinen. Sie wird drei Tage später auf dem Stadtfriedhof in Aix beerdigt. Eine große Menschenmenge hat sich eingefunden. Einheimische, die die Deutsche, die ihr Land als Wahlheimat auserkoren hatte, gut kannten und mochten, ehemalige Kollegen aus der Firma, die aus Deutschland angereist waren, Carla und Frédéric, die Anja in ihre Mitte nahmen. Die Trauerfeier ist kurz, so wie die Verstorbene es gewünscht hatte. Ein Meer von Blumen bedeckt das von zwei schlanken Zypressen flankierte Grab, als die Leute den Friedhof verlassen und das helle, eintönige Klingeln des Sterbeglöckchens in der Kapelle das Ende der Feier ankündigt. Die Familie hat verlauten lassen, dass man auf Beileidsbekundigungen verzichten wollte und zieht sich in das nun leere Haus, welches vom Sonnenlicht dieses Nachmittags durchflutet ist zurück. Madame Valet, die nun schon sehr betagt, jedoch immer noch flink auf den Beinen ist, hatte vor dem Begräbnis eine kleine Jause vorbereitet. Ihr Mann war bereits vor zwei Jahren gestorben. Ihr Enkelsohn Philippe kommt nur mehr selten in den Ferien und wenn, dann höchstens um ein paar Tage zu bleiben. Als er nach Weihnachten wieder nach Paris zurückfuhr, war er mürrisch und missgelaunt gewesen. Seither hat er auch nichts mehr von sich hören lassen. „Na ja, die Jugend“, seufzt Madame Valet und schüttelt ihr ergrautes Haupt.
Carla reist noch am selben Abend aus beruflichen Gründen ab, doch Frédéric hat vor, mit Anja die erforderliche Zeit bis zur Testamentsvollstreckung abzuwarten, zumal sie ja noch nicht volljährig war. Beide wissen, dass Eveline Anja als Universalerbin eingesetzt hat, sie besaß ja keinerlei Verwandte. Wenige Tage später sind die Formalitäten erledigt und Anja muss überlegen, wie es nun weitergehen soll. Ihr Vater drängt sie, mit ihm nach Stuttgart zu kommen. Er macht ihr den Entschluss schmackhaft und schildert die frühlingshafte Stadt mit ihren blühenden Parkanlagen und dem geschäftigen Treiben in den schillerndsten Farben. Für Anja würde das Weggehen von hier bedeuten, dass sie ihre langjährigen Freunde aufgeben müsste und in eine andere, ihr nicht vertraute Welt eintauchen würde. Sie hat keine Angst vor dem Neuen, nur Bedauern empfindet sie, angesichts dieser unerwarteten, fremden Perspektiven in ihrem Leben. Andererseits war Vater jetzt immer öfter in Deutschland, das hieße, sie könnte gemeinsam mit ihm wohnen, auf ihn warten und einen Grossteil der Freizeit mit ihm verbringen. Es gab ja einiges nach zu holen! „Ich werde es versuchen!“ gibt sie schließlich nach und Frédéric ist hoch erfreut. Er hat im Stillen gehofft, dass sie sich dafür entscheiden würde. Carla hatte ihr den Vorschlag gemacht nach Italien zu kommen, aber Anja war durch den Tod der geliebten Pflegemutter klar geworden, wie begrenzt die Zeit auf Erden für jeden einzelnen war und wenn einem die Chance geboten wurde, sie mit einem geliebten Menschen weitgehend zu verbringen, dann sollte man nicht länger zögern. Madame Valet ist untröstlich, dass Anja wegziehen will, doch sie selbst hat beschlossen, ihre letzten Jahre in einem nahe gelegenen, gemütlichen Pensionistenheim zu verbringen. Ein Immobilienbüro sollte hier und da nach dem Rechten sehen und eine Großgärtnerei mit der Instandhaltung der Bepflanzungen beauftragt werden. Anja wollte ihr Pferd, Fantasio, nachkommen lassen, sollte sie sich dazu entscheiden, in Deutschland weiter zu studieren. Einstweilen war es im Reiterhof gut aufgehoben, wenn der Abschied auch schwer fiel. Das Leben, das Anja bis heute geführt hatte, hat sie zu einem flexiblen, praktischen Menschen geformt, dem es nicht sehr schwer fiel, sich neuen Situationen und Gegebenheiten anzupassen. Schon sieht sie der Zukunft optimistisch entgegen, erwartungsvoll dessen, was das Land ihrer Mutter für sie an Überraschungen bereithalten würde. Gemeinsam mit ihrem Vater verlässt sie den ruhigen Platz ihrer Kindheit und der unbeschwerten Jugend. Als sie selbst das Haus absperrt und den Steingepflasterten Weg zum Auto geht, dreht sie sich ein letztes Mal um und erfasst diesen Hafen des friedvollen Glücks mit einem Blick, der sich für immer in ihr Herz einprägen sollte. |