IX

Es klopfte. Jack sah auf. Jede Abwechslung war ihm recht, solange es ihn davon abhielt, sich durch das Logbuch quälen zu müssen. »Herein!«
Es war Vulcan. »Sir!« Er salutierte.
»Was gibt es?« Jack schob den Stapel Papiere von sich.
»Ich wollte Sie nur über den Fortgang der Reparaturen unterrichten, Sir!«
Aubrey wies auf einen Stuhl. »Dann nehmen Sie Platz, mein Freund und berichten Sie! Darf ich Ihnen einen Kaffee oder ein Glas Wein anbieten?«
»Kaffee wäre zu freundlich. Es ist frisch geworden. Doch Grog gestatte ich mir nicht, um mich aufzuwärmen.«
Jack schmunzelte. Gab ihm sein Erster gerade zu verstehen, dass er sich mit aller Gewissenhaftigkeit den Aufgaben widmete, solange der Kapitän noch unpässlich war. »Killick!« rief er laut.
Der lang bezopfte Kopf erschien in der Tür. »Sir?«
»Bring mir und Mr. Vulcan einen starken Kaffee.«
»Ja, Sir, wird sofort erledigt.«
Nachdem der Steward wieder fort war, richtete Jack seine volle Aufmerksamkeit auf den Leutnant. Dieser hatte die Hände lässig im Schoß gefaltet. Er mochte den Waliser, auch wenn er gewöhnungsbedürftig war, denn er hatte so rein gar nichts mit Pullings gemein. Aber er war aufrichtig und loyal, neigte nicht zu übertriebener Grausamkeit. Die Mannschaft zollte ihm Respekt. Doch was Jack irritierte, war seine übertriebene Förmlichkeit, die dann wieder in überschwängliche Gefühlsausbrüche ausarten konnte.
»Die Reparaturen sind gut vorangeschritten. Wir haben die neue Bramrah gesetzt, wie Sie sicher am Lärm bemerkt haben. Allerdings gibt es Probleme beim Segelflicken. Man hat uns nicht das vereinbarte Tuch geliefert. Auf den ersten Blick erscheint es vorzüglich, aber darunter befindet sich drittklassige Ware. Der Werftmeister hat uns übers Ohr gehauen. Zumindest ist das Tuch zu gebrauchen, auch wenn der Segelmeister fürchtet, dass es – wie drückte er sich aus? –  Dass es uns bei einem zu kräftigen Windstoß davon flattert, wie das seidene Taschentuch einer Lady.«
Jack runzelte die Stirn. Das gefiel ihm gar nicht. Sein Gedankengang wurde unterbrochen, als Killick mit dem Kaffee heranschlurfte. Er stellte jedem von ihnen eine Tasse hin und goss ein. Danach zog er sich rücksichtsvoll wieder zurück.
»Dennoch denkt Mr. Shannon, dass es halten wird?«
»Ja. Er hat es verstärkt, in dem er doppelte Lage nahm und Dreifachnähte setzen ließ. Allerdings hat er dabei mehr Tuch verbraucht als nötig. Doch war er der Meinung, es würde Ihre Zustimmung finden.«
Jack nickte. »Das ist in der Tat so. Der Mann weiß, was er tut.«
»Gut. Gut.« Vulcan nippte an seinem Kaffee. Jack wurde das Gefühl nicht los, dass da noch etwas war, dass ihm auf der Seele lag. Und im nächsten Moment rückte er damit heraus. »Captain Aubrey, es gibt eine Situation, mit der ich nicht ganz umzugehen weiß. Es ist wahrscheinlich der Mangel an Erfahrung.«
»Wo drückt der Schuh?« fragte Jack freundlich.
»Es geht um zwei der Neulinge, die wir in Valetta an Bord genommen haben.«
»Gepresste?«
»Nein Freiwillige. Zwei Brüder.«
»Was ist mit ihnen?« Jack wurde ungeduldig, weil Vulcan nicht endlich auf den Punkt kam.
»Sie waren beide Fischer, wissen etwas mit der See anzufangen. Aber dennoch werde ich das Gefühl nicht los, das etwas mit ihnen nicht stimmt. Sie erledigen ihre Arbeit gewissenhaft, aber dennoch sind sie mir – wie soll ich sagen – zu neugierig. Neulich erwischte ich sie dabei, wie sie die Kuhl inspizierten und an den Stücken herumkrochen. Als ich sie darauf ansprach, meinten sie, Leutnant Mowett hätte sie zum Reinigen abkommandiert. Aber als ich ihn danach fragte, hatte er keine Kenntnis davon. Doch möchte ich niemandem eine Lüge unterstellen, wenn ich nicht genaue Einsicht in die Sachlage habe.«
Jack nahm sich das Musterbuch zur Hand. »Wie lauten die Namen?«
»Eoin und Alasdair Murtough.«
»Schotten?« Jack hob eine Augenbraue.
»Nein, Iren.«
Weitere Fragen konnte Jack nicht stellen. Getrappel an Deck ließ sie aufhorchen. Brüllte da nicht gerade eine Stimme: »Segel in Sicht! Segel in Sicht!«
Sofort stürzten beide aus Jacks Kajüte und eilten hinauf an Deck. Mowett stand mit einem Fernglas an der Reling und spähte nach Nordwest. »Captain, Sir!« salutierte er, als er Aubreys gewahr wurde. »Zwei Schiffe. Sie beharken sich. Und wenn mich meine alten Augen nicht trügen, dann ist eine davon die Medea
Jack riss ihm fast das Fernglas aus der Hand. Er kniff ein Auge zu, suchte angestrengt nach den Segeln. Qualm. Dann kam ein Bugspriet in Sicht. Eine Schebecke. Sie drehte gerade weiter nach Westen ab und brachte ihre Backbord Kanonen in Schussposition. Die nächste Salve krachte. Jack folgte er Flugbahn, richtete seinen Blick auf das andere Schiff. Eine Brigg. Am Heck prangte deutlich ihr Name. Medea. Mowett hatte recht gehabt.
»Soll ich klar zum Gefecht machen lassen, Sir?« fragte Vulcan, obwohl er die Antwort eigentlich schon kannte. Ein Blick von Aubrey und der tiefe Bariton des Ersten ertönte laut über das Deck. »Alle Mann auf Gefechtsstation!«
Trommeln und Pfeifen.
Jack stiefelte mit langen Schritten zum Ruderführer. »Bonden, setz den Kurs Nordnordwest. Bring uns direkt zwischen die Brigg und ihren Angreifer.«
Barrett nickte. »Kurs Nordnordost. Aye, aye Sir!«
Jack hob den Kopf, sah auf Vulcan. Der war bereits auf dem Weg zu seinem Kommando. Die Toppgasten eilten die Wanten des Großmastes hinauf. Im Nu waren Mars- und Großsegel gesetzt. Die Surprise preschte über das Wasser, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her. 
»Jetzt zwei Grad Backbord«, befahl Jack. »Sinnig beim Anluven.« Als er erkannte, dass Bonden alles unter Kontrolle hatte, lief er in Richtung Kuhl. »Verpassen wir ihr eine Breitseite, Mr. Vulcan! Auf mein Kommando!«

~~~

»Was tust du da?«
Stephens Frage beirrte Finn nicht im Geringsten. Sie steckte sich Pistole, Pulvermagazin und Munition in eine Tasche am Gürtel. Wo die auf einmal hergekommen war, konnte der Doktor nicht sagen. »Wonach sieht es aus?«
»In meiner Meinung als Laie würde ich dennoch wagen zu behaupten, du machst dich gefechtsklar.«
»So ist es auch!« Finn nahm das schwarze Band und wickelte es sich fest um den linken Arm. Ein untrügliches Zeichen, wer zu wem gehörte. »Von Killick habe ich erfahren, dass wir die Medea und die Hieron vor uns haben. Der Freibeuter hat meine Brigg unter Beschuss genommen.« Sie deutete nach oben. »Wie du wohl unschwer hören kannst, ist Aubrey gerade dabei, bei dieser Sache ein Wörtchen mitzureden.« Sie stand auf, steckte sich ein Entermesser in den Gürtel. »Wofür ich ihm auch sehr dankbar bin. Aber glaub mir, solange ich noch atmen kann, werde ich nicht tatenlos zusehen, wie jemand versucht, mir mein Schiff wegzunehmen.« Sie streckte die Hand aus, streichelte Stephen über die Wange. »Zweimal hast du mich wieder zusammengeflickt. Du weißt doch, aller guten Dinge sind drei. Mach dir keine Sorgen.« Mit diesen Worten verließ sie die Kammer und rannte durch das Unterdeck.
Als Finn an Deck kam, hörte sie Aubrey gerade »Feuer!« brüllen. Die Stücke krachten ohrenbetäubend, erschütterten mit ihrem Rückstoß die Planken. Sofort wurden sie neu ausgerannt und geladen.
Durch den Rauch konnte sie die Hieron erkennen. Eine der Kugeln von der Surprise hatten ihren Rumpf durchlöchert, zwei der Kanonen aus der Verankerung gerissen. Sie konnte Köpfe von Männern sehen, die dahinter herumrannten und versuchten, das Leck zu stopfen. Nur noch wenige Meter trennten die beiden Schiffe voneinander. Entermannschaften hatten ihre Position eingenommen. Die Medea trieb steuerbord von ihnen. Ihr Ruder war beschädigt, sie konnte nicht mehr richtig manövrieren. Doch war man bereits in Gange, ein Provisorium zu bauen, das ihnen zumindest ein wenig Lenkung ermöglichen würde.
Eine Hand berührte ihren Arm. Sie wandte den Kopf. »Hallo, Eoin«, sagte sie freundlich.
Der schwarzhaarige Hüne grinste. »Die wern ’ne schöne Überraschung erlem, wenn die Medea ers’ das Feuer eröffnet. Dann ham wir se im Sack. Ian wird begeistert sein. Dein Plan war ganz gut, für ’ne Frau. Jetzt glaubt dieser Dämlack Aubrey wirklich, du stehst auf dern Seite.« Er grinste noch breiter.
Finn grinste ebenfalls. »Meine Pläne sind eben doch die besten. Doch was machst du hier?«
»Ian meinte, es wär gut, den Feind zu kenn. Nen bisschen spionieren. Darum bin ich hier.«
»Und dein Bruder?« Suchend blickte sie sich um.
»Der wartet am Beiboot. Wir machen uns auf’n Weg zu O’Hara. Zwei Hände mehr kanner sicher brauchen.« Für einen Moment runzelte Eoin die Stirn. »Warum feuert’n der noch nich? Ich hab schon längst mit gerechent, auch wenn ich lieber vorher mein Hals aus der Schlinge ziehn möcht.«
Finn rümpfte die Nase. »Weil die Kanoniere auf der Hieron so dumm waren und meiner Brigg das Ruder zerschossen haben. Jetzt kann sie nicht mehr beidrehen. Versucht sie eine Breitseite, besteht Gefahr, dass sie dabei Ian die Masten vom Deck fegt.«
Das leuchtete Eoin ein. »Komm jetz. Wir bringen dich in Sicherheit.«
Die Kanonen der Hieron krachten. Jemand schrie: »Alle Mann in Deckung!« Da zersplitterten schon Kompasshaus und Schiffsglocke. Splitter wirbelten durch die Luft, zerrissen Kleidung, Fleisch, drangen tief in die Körper der Menschen ein.
Finn hatte sich zum Schutz flach auf den Boden geworfen. Jetzt rappelte sie sich wieder auf, klopfte sich den Dreck von der Kleidung. Eoin neben ihr lag noch immer auf dem Boden. Sie drehte ihn zur Seite. Tot. Ein Teil seines Kopfes war seltsam eingedrückt.
Hastig rannte sie los, duckte sich und wich der Mannschaft aus. Jetzt oder nie. Sie zog ein weißes Tuch aus dem Gürtel, schwenkte es in Richtung Medea. Dort reagierte man sofort. Drei der Männer hangelten sich an der Ruderpinne entlang und befestigten das Provisorium. O’Hara schlug das Ruder ein und die Medea zog an der Surprise vorbei. Die Stücke wurden geladen, abgefeuert, zerfetzten Besangaffel samt Achterstange und Besanbaum der Hieron. Wahrscheinlich war eher das Ruder ihr Ziel gewesen, aber sie hatten zu hoch gezielt.
»Was zur Hölle soll’n das?!« brauste jemand neben ihr auf, eine Hand packte sie derb am Arm und riss sie herum.
»Alasdair«, erwiderte sie kalt und stieß ihn von sich weg. Bevor er sie erneut packen konnte, bückte sie sich, ergriff rasch ein zerbrochenes Stück Holz, das einmal zum Kompasshaus gehört haben musste. Mit voller Wucht hieb sie es dem verduzten Mann ins Gesicht. Der taumelte, stürzte und blieb bewusstlos liegen. Sie packte ihn bei den Füßen und schleifte ihn zur Seite. »Gute Arbeit, O’Hara«, murmelte sie.
Sie richtete sich auf, sah zur Hieron. »Wird Zeit, dass du die Zeche bezahlst.« Dann rannte sie los, schloss sich der Entermannschaft an. Killick erkannte sie, warf ihr einen verwirrten Blick zu. Sie lächelte ihn an. »Mein Schiff, meine Rache«, sagte sie nur.

~~~

Jack hatte eine Grinsen im Gesicht. Nach dem Manöver der Medea standen die Zeichen noch günstiger. Seine Surprise und die Brigg hatten die Hieron von beiden Seiten eingekeilt. Er hoffte nur, dass Miss Kincaids Mannschaft von Enterversuchen absah. Im Eifer des Gefechts würde man nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden können und er mochte seinem geschätzten Gast ungern Verluste zufügen, die sich vermeiden ließen.
Ein Ruck, der durch das ganze Schiff ging, als die Rümpfe zusammen stießen, ließ ihn für einen Moment schwanken, verwischte aber nicht seinen zuversichtlichen Gesichtsausdruck. Er zog seine Pistole aus dem Hosenbund, dachte an Nelsons Schlachtruf und sprang.
Wildes Gebrüll ertönte um ihn herum. Die Mannschaft der Surprise begann, ihm folgend, die Hieron zu entern.
Über die Reling hechteten sie hinweg, strömten wie ein hungriger Termitenschwarm über das Deck des Freibeuters. Shaughnessy hatte dem nicht viel entgegenzusetzen. Seine Stärke maß vielleicht die Hälfte von Jacks Mannschaft. Aber sie kämpften verbissen, hinterhältig und grausam. Ein Mann mit Augenklappe stürmte auf Jack zu, knurrte dabei wie ein tollwütiger Hund. Er schwang das Beil, bereit, dem Captain den Kopf von den Schultern zu trennen. Der feuerte einen Schuss auf ihn ab. Der Mann fiel wie ein Stein zu Boden. 
Mit gezogenem Degen bahnte Jack sich seinen Weg, stieß zu, schlug mit der Faust Knochen zu Brei, trat seinen Gegnern in die Kniekehlen, brachte sie damit zu Fall. Ein Rausch, vor dem er sich hüten musste, dass er vollends Besitz von ihm ergriff. Er hatte es aus Berichten von anderen gehört, wusste es war nur natürlich. Die Macht des Stärkeren, den anderen zu zertreten. Kalkweiße Gesichter, Fäuste, die auf einen am Boden liegenden einprügelten, obwohl dieser schon lange tot war. Keine Möglichkeit der Selbstkontrolle. Er wusste all das, doch zum Glück war es ihm noch nie selbst passiert. Er tötete, wenn er musste, aber Vergnügen empfand er nicht dabei.
Etwas streifte seinen Arm, er spürte warmes Blut seine Hand hinunter fließen, sah kurz darauf, bewegte die Finger. Keine Muskeln und Sehnen verletzt. Nur eine Fleischwunde. Aus den Augenwinkeln nahm er etwas wahr, es fesselte seine Aufmerksamkeit, denn er kannte dieses Rot. Haare, in die sich die Hand eines gutaussehenden blonden Mannes gekrampft hatte, der sein Opfer mit sich schleifte. Auf die Einstiegsluke zu.

~~~

Finn stürzte unsanft die letzten Stufen, kroch auf dem Boden weiter. Doch mit zwei Schritten war Ian bei ihr, riss sie auf die Beine. »Verrätst du mir, was das sollte?!« raunte er gefährlich. »Warum hältst du dich nicht an unseren Plan? Sag mir nicht, es war ein Unfall, dass O’Hara uns getroffen hat. Der Mann weiß, was er tut.«
Sie schlug nach seinen Händen, schaffte es, sich zu befreien, wieder zu Atem zu kommen. »Es war kein Unfall. Da hast du recht. Es war mein Befehl. Du hat vergessen, wem er zu Loyalität verpflichtet ist.«
»Warum?«
»Menschen ändern sich, Ian. Als ich damals dein Angebot annahm, hatte ich keine Ahnung, auf was ich mich einließ. Mein Vater war tot, ich stand vor dem Nichts. Das Geld, dass du mir geboten hast, war es wert, alle Moral über Bord zu werfen. Ich hatte Mutter und Schwester zu versorgen.« Anklagend hob sie den Finger. »Doch du konntest nicht mehr aufhören. Du wolltest mehr und mehr, hast mich mit dir gerissen. Ich gebe zu, dass ich keine große Sympathie für die Briten hege. Aber für die Franzosen auch nicht. Du hast mich benutzt. Und damit ist jetzt Schluss. Du wirst mich und mein Schiff nicht mehr in deine Machenschaften einbinden. So Gott es will, wird es heute damit zu Ende gehen.«
Ian lachte. »Wenn die Franzosen erfahren, dass sich der Wind gedreht hat, die Medea nicht mehr den Köder für sie spielt, werden sie dich jagen. Du wirst alles verlieren.«
»Das Risiko gehe ich mit dem größten Vergnügen ein. Es ist es wert. Denn ich habe erkannt, dass man irgendwann die Konsequenzen seines Handelns auf sich nehmen muss. Zumindest werde ich mit dem Gedanken sterben, dass ich das Richtige getan habe.«
Ian nickte. »Ja, sterben wirst du. Glaubst du allen Ernstes, ich lasse dich laufen? Wenn sie mich kriegen, werde ich ihnen alles sagen. Du wirst hängen, als Verräter an der Krone.« Er streckte eine Hand aus. Finn wich zurück.
Ein Schuss krachte. Ian sah sie mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen an. Dann knickte er in die Knie, verharrte einen Moment in dieser Position – fast als würde er beten, fiel nach vorn und blieb – das Gesicht nur um Haaresbreite von ihren Schuhen entfernt – auf dem Boden liegen.
Finn starrte in Richtung der Einstiegsluke. An der Treppe stand ein Mann, die rauchende Pistole noch immer in der ausgestreckten rechten Hand, von der Blut auf die Planken tropfte. Sein Gesicht war ernst. »Aubrey«, krächzte sie nur.

X

Die Hieron war aufgebracht, ein Großteil der Freibeuter tot, Shaughnessy eingenommen. Den lebenden Rest hatte man unter Deck gebracht und dort eingesperrt. Eine Priseneinheit war bereits an Bord zugange und warf die Toten ins Meer. Den Ausbruch einer Seuche würden sie sicher nicht in Kauf nehmen.
Jack saß auf der Bank am Heck der Surprise, trank einen kräftigen Schluck vom Kaffee, den Killick ihm gebracht hatte. Die Sonne schien. Er reckte ihr das Gesicht entgegen und schloss die Augen. »Hättest du jetzt die Güte, mich deine Wunde verarzten zu lassen?« Er öffnete träge ein Lid. Stephen.
»Ach, das ist nichts weiter. Es blutet schon nicht mehr.« Doch der Blick des Doktors veränderte sich nicht. Jack gab nach. »In Ordnung.« Er stellte die Tasse ab und zog sich die Jacke aus, krempelte den Ärmel hoch.
Stephen setzte sich neben ihm und tupfte mit einem Lappen das Blut weg. »Du hast recht. Es ist nur ein Kratzer. Ich werde trotzdem Salbe drauftun und es verbinden. Wenn es sich nämlich entzündet, könntest du Gefahr laufen, bald der Einhändige Jack Aubrey genannt zu werden.«
Der Captain verzog das Gesicht, ließ aber seelenruhig zu, dass Stephen sich an seinem Arm zu schaffen machte. »Wie geht es Miss Kincaid?« fragte er beiläufig. »Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich sie unter den Kämpfenden sah.«
»Kannst du es ihr verübeln?« Maturin zog eine Augenbraue hoch.
»Nein, aber warum hast du sie nicht aufgehalten?«
Der Doktor lachte. »Das hätte nicht mal ein Seeungeheuer fertig gebracht. Und da ich mit Worten nichts erreichen konnte und zu meinem Unbehagen zugeben muss, dass sie durchaus in der Lage wäre, mich bewusstlos zu schlagen, ließ ich sie gehen.«
»Das hätte sie nie getan«, widersprach Jack vehement. »Du hättest es darauf ankommen lassen sollen.«
»Kapitäne und ihre Schiffe sind eine geheiligte Einheit. Ich werde mich hüten, dem in die Quere zu kommen.«
Über diesen Spruch musste Aubrey lächeln. In gewisser Weise hatte der gute Doktor recht. »Wo ist sie jetzt?«
»Im Lazarett. Sie hatte eine Schramme an der Hand. Wohl von einem Sturz. Zum Glück haben diesmal meine Nähte gehalten. Die alte Wunde ist nicht wieder aufgeplatzt. Sie kümmert sich um die Verletzten. Ihnen Tränke einzuflößen ist auch nicht schwer.«
»Was ist mit Padeen?«
»Der hat etwas abbekommen.«
»Aber wir wurden doch gar nicht so hart getroffen!«
»Nein, aber er ist gestützt, als die beiden Schiffe zusammenstießen. Dabei hat er sich den Arm gebrochen.«
»Oh...« Jack krempelte das Hemd wieder herunter, nachdem Stephen den Verband angelegt hatte. »Nun ja, in einer Stunde wird das Ruder der Medea wieder einsatzbereit sein. Dann können wir endlich auf den ursprünglichen Kurs gehen. Auch wenn wir unser Ziel mit Verspätung erreichen werden. Aber unter den gegebenen Umständen wird uns das niemand verübeln. Ich wette, der gute Pullings wird sich die Haare raufen, dass ich ihm mal wieder zuvor gekommen bin.« Er grinste breit.
»Wirst du Sophie deine Aufwartung machen, wenn wir in England sind?«
Jack kratzte sich am Kinn. »Sofern ich keine anderen Befehle erhalte, die eine dringende Befolgung erfordern, wollte ich mir eigentlich die Zeit nehmen.«
»Gut, deine Frau wird schon nicht mehr wissen, wie du eigentlich aussiehst.«
Aubrey tastete nach den wirren Strunken seines Haares. »Aber ich schätze, ich sollte vorher einen Barbier aufsuchen, damit sie nicht vor Schreck in Ohnmacht fällt.«

~~~

 Finn saß in Stephens Kajüte. Mit den Fingern trommelte sie auf den Tisch. Dann erhob sie sich und marschierte auf und ab. Das Warten macht sie mürbe. Und genau das wollte Captain Aubrey. Er ließ sie im Unklaren über seine Absichten und das trieb sie fast in den Wahnsinn. Doch die Konfrontation würde kommen. Früher oder später. Vor ihm davon laufen konnte sie nicht. Es sei denn, sie wollte in die See springen und jämmerlich ersaufen. Sie ballte eine Hand zur Faust, schlug sie gegen die andere.
Die Tür quietschte. Finn wandte den Kopf, wich sofort erschrocken zurück.
»Hättst mich erschlagen solln, du Misthure!« raunte Alasdair Murtough gefährlich. »Du hast Ian verraten. Jetzt isser tot. Und du wirst ihm folgen.« Hastig sprang er auf sie zu, versuchte, sie zu greifen.
Finn suchte Schutz hinter dem Tisch, packte einen Stuhl bei der Lehne und hielt ihn abwehrend vor sich.
»Das wird dir nichs nützen, vermaledeite Schlampe. Ich hab Ian ja gleich gesagt, Fraun bringen Unheil. Ham dir wohl einen guten Preis bezahlt, die Briten, hä?«
Er hechtete nach vorn. Finn hob den Stuhl, stieß mit den Beinen nach dem Brustkorb ihres Angreifers. Seine Hände waren ausgestreckt, hangelten nach ihr, als wolle er sie erwürgen. Panik machte sich in ihr breit. Sie wich weiter zurück und schob sich an der Wand entlang auf den Eingang zu Stephens Studierkammer zu. Ein Tür gab es nicht, die sie versperren konnte, vielleicht brachte sie sich so erst recht in Bedrängnis. Dann sah sie etwas im Kerzenlicht blitzen. Ein Skalpell. Daneben ein Vogel, der mit den Flügeln an eine Holzplatte genagelt war. Sein Bauch war aufgeschnitten.
Finn hob den Stuhl und warf ihn gegen Alasdair Murtough. Der war wirklich einen Moment aus der Fassung gebracht, da er ihn abwehren musste. Sie sprang zum Schreibtisch, griff das Skalpell.
Als Murtough sich mit wütenden Knurren auf sie stürzte: »Ich brech dir die Knochen, du Hexe!« reckte sie ihren Arm nach vorn, legte alle Kraft hinein und stieß zu. Das Skalpell drang in sein Fleisch, als würde sie weiche Butter damit schneiden. Bis zum Anschlag. Dann ließ Finn los und taumelte zurück. Murtough machte noch ein paar Schritte auf sie zu, griff sich an die Brust und fiel um.
Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen. »Was geht denn hier vor?« Es war Aubrey, dicht gefolgt von Stephen. Beide sahen verwirrt auf die zitternde Frau und den Toten zu ihren Füßen.
»Er wollte... wollte... mich umbringen«, stotterte sie.
Sofort eilte Stephen zu ihr und schloss sie in seine Arme. Sie barg den Kopf an seiner Schulter, während Aubrey neben Murtough niederkniete und das Skalpell aus seiner Brust zog. Er hielt es Maturin hin. »Ich glaube, das gehört dir.« Als Stephen nicht reagierte, legte Jack es auf den Tisch.
»Ich wusste mich nicht anders zu wehren«, erklärte Finn.
»Ist ja schon gut.« Stephen streichelte ihr über das Haar. »Aber warum wollte er dich töten?« fragte er vorsichtig.
»Weil er einer von Ians Männern war«, brachte sie nur hervor.
»Ich verstehe nicht...« Maturin schob sie von sich weg, betrachtete sie argwöhnisch.
»Nein, Stephen, ich weiß, dass du das nicht verstehst.«
Aubrey war mittlerweile zur Tür geeilt. »Killick!« brüllte er. Der Steward erschien. »Hol dir zwei Männer und dann tragt diesen Toten an Deck. Werft ihn über die Reling!« Killick spähte verdattert an der Schulter seines Kommandanten vorbei. Jack gab ihm einen Schubs. »Hör auf zu stieren wie ein Mondkalb.«
»Jawohl, Sir, ja«, beeilte sich Killick zu sagen und rannte von dannen.
»Nun, Miss Kincaid, ich denke wir sollten uns unterhalten«, meinte Jack freundlich.
Sie nickte. »Ja, aber bitte nicht hier.«
Einladend wies Aubrey mit der Hand zur Tür. »Gehen wir in mein Quartier. So blass, wie Sie sind, können Sie sicher einen Grog vertragen. Sobald die Leiche weg ist, werde ich Killick damit beauftragen.«

~~~

Finn hielt das Glas in den Händen, wärmte ihre Finger daran. Es schien ihr, als hätte sich plötzlich eine Eiseskälte um sie herum ausgebreitet. Stephen lehnte an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt, legte einen äußerst verwirrten Gesichtsausdruck an den Tag. Aubrey hatte sich neben sie gesetzt, ihr aber seinen Stuhl zugedreht, so dass sie ihm direkt in die Augen sehen musste.
»Nun fragen Sie schon!« meinte sie leise.
»Ich hatte eher gedacht, dass Sie von selbst alles erzählen«, erwiderte der Captain freundlich.
»Sie wissen doch bereits alles. Warum... warum...«
»Warum ich Sie nicht verhafte?« Jack lächelte. »Das sollte ich eigentlich tun, ja.«
»Verhaften???« Stephen stieß sich von der Wand ab und stellte sich hinter Finn, so als wolle er ihr Rückendeckung geben. »Captain Aubrey, was reden Sie denn da?«
Finn legte eine Hand auf die seine, die auf ihrer Schulter ruhte, sah zu ihm hoch. »Er hat recht, er sollte es tun, denn ich habe mit den Franzosen konspiriert.«
»Was???« Entsetzt wich Maturin einen Schritt zurück. »Das kann nicht sein. Wie in aller Welt?«
»Das WIE ist einfach, fragst du dich nicht eher nach dem WARUM?« Sie seufzte. »Es ist eigentlich ganz simpel. Die Medea spielt den Köder. Oft begleiten mich andere Handels- und Kriegschiffe. Ein Konvoi ist am sichersten. Da ich eine Frau bin, fällt es mir nicht schwer, meine Talente zu nutzen. Ich erfahre viel von den Kommandanten, gebe diese Informationen an Ian weiter. Der trägt sie dann zu den Franzosen. Den Verlust der Harriet, Caroline und der Osiris hat die Marine meinem Zutun zu verdanken. Es tut mir leid. Ich wollte es nicht. Am Anfang tat ich es des Geldes wegen. Nach Vaters Tod erbte ich Schulden. Ich musste meine Familie schützen. Das Klima in Malta bekommt meiner Mutter. Wenn wir zurück nach Irland hätten gehen müssen, wäre sie wieder krank geworden. Ich war verzweifelt und nahm Ians Angebot an. Doch bald fand ich mich so verstrickt in ein Netz von Intrigen, dass ich selbst nicht mehr zu trennen vermochte.«
»Warum haben Sie Ihre Meinung geändert? Wenn ich recht gehe, sollten Sie die Surprise den Franzosen zuspielen. Warum haben Sie es nicht getan?«
Finn sah Jack an, lächelte. »Es geht um richtig oder falsch. Ich war eine Figur auf einem Schachbrett, das ich nicht mehr überblicken konnte. Ich wollte meine Ketten loswerden. Als ich Mr. Pullings traf, sah ich eine Chance und betete, er möge der Hieron habhaft werden. Ich wünschte mir jeden Tag, Ian möge bei dem Versuch, sein Schiff zu verteidigen ums Leben kommen, so dass er keine Möglichkeit bekommen würde, mich zu belasten. Und wenn doch, dass ihm niemand Glauben schenkt. Oder man sich das ganze Drumherum spart und ihn gleich als Verräter aufknüpft. Aber das Schicksal wollte es anders. Als ich von Stephen erfuhr, dass die Surprise mir als Eskorte dienen würde, fasste ich einen Entschluss. Ich kannte Ihr Geschick aus seinen Briefen, Captain Aubrey. Ich schmiedete einen Plan, täuschte Ian und täuschte auch Sie. Sie hätten es niemals erfahren sollen. Doch da Sie es nun wissen, liegt mein Leben in Ihren Händen.«
Jack nickte. »Ja, da haben Sie recht.«
»Willst du sie wirklich verhaften lassen?« Argwöhnisch sah Stephen seinen Freund an.
Dieser schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Idee. Was die Franzosen können, können wir erst recht. Noch sind Sie unentdeckt, Miss Kincaid. Darum will ich Ihnen ein Angebot machen. Die Hieron ist aufgebracht, keine Gefahr mehr. Sie wären eigentlich frei. Aber wir wollen nicht so hastig sein.«
Finn begriff, worauf er hinauswollte. »Sie haben vor, den Spieß umzudrehen und Bonaparte mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Sie wollen meine Medea als Köder für sich benutzen.«
Jack lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Sie sagten selbst, es ginge um richtig oder falsch. Man kann aus den reinsten Motiven – und Ihre Familie zu schützen, würde ich in der Tat so nennen – Chaos anrichten. Sie selbst meinten, Sie fühlten sich schuldig. Tragen Sie diese Schuld hab. Wollen Sie das tun? Werden Sie England helfen?«
»Nein«, erwiderte Finn leise. Aubrey zog die Brauen hoch. »Aber ich werde Ihnen helfen«, fügte sie hinzu und brachte den Captain zum Lächeln.

~~~

Finn befand sich wieder in Stephens Kajüte. Jack ließ sie nicht bewachen, da es zum Einen keinen Weg zur Flucht für sie gab und zum Anderen wusste er, dass sie es auch gar nicht versuchen würde. Sie hatte ein Versprechen gegeben, das würde sie halten.
»Du weißt, dass du sie in Gefahr bringst«, sagte Stephen plötzlich.
»In Gefahr war sie seit Jahren. Ich würde eher behaupten, dass sie zu ersten Mal so etwas wie Sicherheit genießt.«
Maturin lachte. »Dass du so was sagst, dachte ich mir bereits. Aber du irrst dich. Wenn die Franzosen erfahren, dass sich der Wind gedreht hat, werden sie sie jagen. Und wenn die Briten von dem erfahren, was sie ihnen angetan hat, werden sie sie auch jagen. Als sie noch mit Shaughnessy gemeinsame Sache machte, war sie sicherer.«
Jack blinzelte. »Weil sowohl die eine als auch die andere Seite sie für einen Freund hielt.« Er ließ den Kopf hängen. »Du hast recht. Doch es ist eine einmalige Chance. Ich kann sie nicht verstreichen lassen. Das musst du einsehen.«
»Und wenn ich es nicht tue, forderst du mich wieder zum Duell?« fragte Stephen spitz.
Jack lachte. »Über solche Tölpeleien sind wir doch wohl erhaben.«
»Du solltest sie gehen lassen«, beharrte der Doktor. »Viel wird es dir ohnehin nicht einbringen. Höchstens ein Schiff, dann werden die Franzosen merken, was Sache ist. Und wenn das geschieht, ist sie so gut wie tot.«
»Mein lieber Stephen, ich will dir mal etwas vor Augen halten. Ich bin Soldat. Falls es dir entfallen sein sollte. Ich muss tun, was meiner Seite den Sieg sichert.«
»Selbst wenn du dabei Opfer bringen musst. Ja, das weiß ich. Ich habe es ja mehr als einmal selbst erfahren. Aber, Herrgott noch mal, finde einen anderen Weg.«
»Wenn es ihn gäbe, dann würde ich ihn beschreiten. Und wenn Miss Kincaid einen Ausweg sehen würde, dann würde sie ihn ebenfalls wählen. Es geht um Schuld und Sühne.«
»Papperlapapp«, winkte Stephen ab. »Sie respektiert dich, das machst du dir zu Nutze.«
»Bitte, Stephen, lass uns das Thema wechseln.«
»Weil es dir unangenehm ist, dass ich recht habe?« stieß der Doktor hervor. »Das kann ich nicht zulassen.«
»Und was willst du tun? Du hast hier keine Befehlsgewalt.«
»Ich habe meine Mittel«, erwiderte Stephen kalt.
»Ja, die habe ich auch.« Jack sah ihn an. »Zwing mich nicht, dich zu beurlauben.«
»DAS würdest du tun?« Maturin war entsetzt. »Du würdest unsere Freundschaft aufs Spiel setzen, nur um deine ehrgeizigen Pläne zur Steigerung deines Ansehens bei der Admiralität durchzusetzen? Und das Leben einer Frau würdest du dabei auch opfern? Ich kann nicht glauben, was ich da höre.« Frustriert ließ er sich auf einen Stuhl sinken.
»Du kannst mir glauben, dass ich es nicht möchte. Ich respektiere Miss Kincaid, aber mein Kodex verbietet es mir, sie laufen zu lassen...«
»Verdammt, sie hat dich gerettet, als du blutend an Deck gelegen hast, während die Squall um euch herum tobte. Sie hat es nicht aus Berechnung getan, sondern aus Sorge und Respekt dir gegenüber. Und du hast nichts besseres zu tun, als auf den Kodex zu pochen und sie in den sicheren Tod zu schicken. Rede dir nur ein, es wären hehre Motive. Du würdest ihr helfen. Das tust du nicht, du knüpfst ihren Strick.«
»Stephen, jetzt gehst du zu weit!«
»Nicht weit genug, wie mir scheint. Wir sind selten eines Geistes. Aber gerade deshalb sind wir Freunde. Ich kann dir nicht vorschreiben, was du tun sollst. Ich kann dich nur bitten, dich in dieser Sache mal nicht wie ein Soldat, sondern wie ein Mensch zu verhalten!«
»Dr. Maturin«, erwiderte Jack steif. »Es ist besser, Sie gehen jetzt!«
Stephen nickte. »Ja, das denke ich auch.« Er erhob sich und ging langsam aus der Kabine.
Jack faltete die Hände im Schoß, ließ seinen Kopf hängen. Wieso um alles in der Welt mussten sie immer aneinander geraten, wenn sie es beide am wenigsten gebrauchen konnten? Ein Teil seines Selbst wusste, dass Stephen recht hatte, aber der andere, der, der Jack Aubrey zu dem Kommandanten machte, der er war, behielt die Oberhand. Fiona Kincaid hatte Verrat begangen. Die Motive waren verständlich. Nachvollziehbar. Aber Verrat blieb Verrat. So sehr er sie auch mochte, er konnte ihr das nicht durchgehen lassen. Nicht, wenn das Wohl Englands (das seinige mit eingeschlossen) auf dem Spiel stand.

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Killick war so freundlich gewesen, ihr etwas zu Essen zu bringen. Er hatte kein Wort mit ihr gesprochen, aber an seinen Augen hatte sie sehen können, dass er wusste, dass etwas vorging. Vermutlich hatte er schon geargwöhnt, als sie zur Entermannschaft gestoßen war. Die Sicherheit hatte ihm dann wohl der Tote gebracht.
Finn schob den Teller von sich, das Fleisch darauf fast unberührt. Sie griff nach dem Glas mit Wasser und trank es in einem Zug leer, nahm den Krug und füllte nach. Die Tür wurde geöffnet. Sie sah nicht auf. Erst als jemand neben ihr niederkniete und ihre Hände nahm, blickte sie den Mann an.
»Ich halte seine Idee für töricht und gefährlich. Ich bin wahrscheinlich nicht genug Seemann, um es genau beurteilen zu können, aber weiß ich doch Recht von Unrecht zu unterscheiden.«
Finn löste eine Hand aus seiner Umklammerung, streichelte seine Wange. »Ich fürchte, eben das kannst du im Moment gerade nicht. Aber danke für deinen Zuspruch.«
»Hast du erwartet, ich verurteile dich?«
»Ich war mir nicht sicher.«
Stephen sah zur Seite, damit sie das Grinsen in seinem Gesicht nicht bemerkte. Wenn sie wüsste, was er so trieb, wenn er nicht mit Captain Jack über die Meere segelte. Maturin, der Spion. Dieser Gedanke hatte Aubrey sich einst vor Lachen ausschütten lassen. Er war eines besseren belehrt worden, ließ es jedoch dabei bewenden, keine Details kennen zu wollen. 100%tig glaubwürdiges Dementi. Stephen war ihm dankbar dafür. »Nein, ich verurteile dich nicht«, erwiderte er. »Du wolltest deine Familie schützen. Das ist edel. Auch wenn der Weg, den du dabei beschritten hast, umstritten ist. Doch finde ich es unvernünftig von Aubrey, dir so einen Handel vorzuschlagen.«
»Er hätte mich auch gleich ausliefern können. Er ist geradlinig. Ich hatte angenommen, er würde es tun. Das er mir eine Chance gibt, ehrt ihn.«
»Herrgott!« Stephen erhob, sah auf Finn hinab. »Fängst du jetzt auch noch damit an!« Er kratzte sich am Kopf. »Eigentlich kam ich hierher, um dir einen Plan zur Flucht zu unterbreiten. Du kannst dich noch immer retten.«
»Und meine Mannschaft im Stich lassen?« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Wenn es mir nur darum ginge, mich zu retten, dann hätte ich schon vor Jahren verschwinden können. Aber ich habe Verantwortung. Meiner Familie, meinen Männern gegenüber. Eins hat mich diese unsägliche Geschichte gelehrt. Es gibt Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Aber dort, wo sich die Konturen vermischen, wird Grau daraus. Und egal, wie viel Weiß man versucht hinzuzufügen, es wird immer Grau bleiben. Mein Leben ist eine Grauzone. Ein Nebel, durchdrungen von Licht und Schatten. Judas verriet Jesus für 30 Silberlinge. Ich habe weitaus mehr bekommen, aber wert war es das nicht.«
»Es ist also deine Überzeugung, das tun zu müssen?« Stephen setzte sich auf einen Stuhl neben sie.
»Ich kann meine Weste damit nicht reinwaschen. Aber ich kann mir selbst dadurch ein besseres Gefühl geben. Ich werde nicht davon laufen.«
»Selbst wenn ich jetzt auf die Knie fallen und dich inständig darum bitten würde!«
Sie lächelte ihn an. »Dann würde ich mich nur versucht sehen, dich küssen zu wollen.«
Stephen legte den Kopf schief. »Ein Anfang wäre es«, meinte er leise.
»Ja, ein Anfang wäre es«, erwiderte Finn, beugte sich zu ihm herüber und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

~~~

Jack tigerte auf und ab, drehte seine Runden auf dem Achterdeck. Die frische Brise streifte sein Gesicht. Mit auf dem Rücken gefalteten Händen blieb er stehen und sah auf das Meer. Wenn sie so weiter Fahrt machten, würden sie innerhalb eines Tages Portsmouth erreichen. Und dann?
Er runzelte die Stirn, tippte mit der Schuhspitze auf die Planken. Stephens Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Sie hatten eine Tür aufgestoßen, die sich immer weiter öffnete. Und der Blick, den er auf das Innere erhaschte, gefiel ihm nicht. Sein Plan war gut, aber er hatte einen Haken. Natürlich würde das Aufbringen der Hieron ihm einiges Ansehen einbringen. Aber war es genug für einen Kaperbrief? Oder würde man ihn weiter Eskortendienst schieben lassen? Er konnte keine Forderungen stellen, ohne der Admiralität seine Pläne mit der Medea zu offenbaren. Doch tat er das, brachte er Miss Kincaid tatsächlich in Gefahr. Denn sie konnten sie genauso gut in Gewahrsam nehmen und verurteilen. Und wer konnte genau sagen, wie viel französische Spione es bei der britischen Marine gab? Wenn Finns Tarnung frühzeitig aufflog, würde alles zu einem Häufchen Sand zerrieseln. Zu viele Fragen und zu wenige Antworten.
Dass sie keinen Rückzieher machen würde, dessen war er sich sicher. Seinetwegen nicht. Sie mochte ihn und das nutze er aus. Stephen hatte recht gehabt. Und Pullings auch. Sie war ein Teufelsweib.
Oder spielte sie doch ihr eigenes Spielchen? Täuschte sie schon wieder und betrog?
Jack schüttelte den Kopf. Er verstand vielleicht die Frauen nicht, aber einen Seemann schon. Abrupt drehte er sich um und stiefelte zu Vulcan hinüber. Der salutierte und sah seinen Captain fragend an. »Suchen Sie Mowett, Shannon und Hartford. Ich möchte Sie alle bei sechs Glasen in meiner Kajüte sehen.« Der Erste nickte, Jack marschierte wieder ans Achterdeck und starrte weiter auf die See.

~~~

Finn betrachtete den schlafenden Mann neben sich. In einem Gewühl aus Decken, Kissen und Laken lagen sie auf dem Boden in seiner Kajüte, von Tisch und Stühlen vor den Augen eines zufällig den Raum Betretenden verdeckt. Sie fuhr mit dem Finger seine Brust hinab.
Stephen schlug die Augen auf, sah sie an. »Hallo«, meinte er leise.
»Selber Hallo«, gab sie lächelnd zurück.
»Haben wir wirklich getan, was ich denke, das wir getan haben?« fragte er mit einem Stirnrunzeln.
Finn drückte einen Kuss auf seine Halsbeuge. »Wie würdest du dir sonst das Fehlen sämtlicher Kleidung erklären?«
Er lachte. Leise. Verhalten. »Zehn Jahre«, murmelte er. »Ich hatte erwartet, es würde vertraut sein, aber es war anders.«
Finn nickte, setzte sich auf und schlang sich einen Teil der Decke um ihre Blöße. »Natürlich. Wir haben uns beide verändert. Die Zeit geht nicht spurlos an einem vorbei. Doch ich frage mich...« Sie legte den Kopf schief.
Stephen legte eine Hand auf ihre Wange. »Was fragst du dich? Ob wir dafür in der Hölle schmoren werden?«
»Nein, ich frage mich... Wieso hattest du solche Scheu, mich zu berühren? Du warst so zurückhaltend, als gingst du davon aus, deine Wärme und Nähe wären nicht willkommen.«
Maturin wandte den Kopf, sah zur Seite, antwortete nicht.
»Sag mir«, beharrte Finn. »Wer hat dir so weh getan, dass du denkst, deine Zuneigung wäre unerwünscht?«
Er stieß einen langen Seufzer aus. »Ich möchte nicht darüber reden und du möchtest es sicher nicht wissen.«
»Wenn ich eine Frage stelle, dann möchte ich eine Antwort. Ansonsten würde ich den Mund halten.« Sie legte eine Hand auf seine Brust, presste sie auf die Stelle seines Herzens. »Es schlägt, also lebst du. Und wenn du lebst, fühlst du.«
»Ja«, erwiderte er träge. »Es ist eine unsägliche Geschichte und eine leidvolle.«
»Liebst du sie?«
Stephen verschränkte einen Arm unter dem Kopf. »Ich weiß es nicht. Wenn sie gemein und ekelhaft zu mir ist, bin ich versucht, sie zu hassen. Aber dann sehe ich in ihre Augen und kann es nicht. Vielleicht genieße ich es auf eine sehr morbide Art und Weise, dass sie mir weh tut und mich vor den Kopf stößt.«
»Weil uns immer fasziniert, was uns verwehrt wird. Was musst du jetzt nur von mir denken?«
Stephen lächelte und zog sie in seine Arme. »Dass du über solch Tändelei erhaben bist. Du bist stark, kannst für dich selbst sorgen und scheust dich nicht, es zu tun. Du bist nicht darauf angewiesen, deine Schönheit zu benutzen, um dir ein gutes Leben zu sichern.«
»Nein«, murmelte sie an seinem Hals. »Verzeih mir, aber fast empfinde ich Mitleid für sie.«
»Ja«, sagte er nur und küsste sie auf die Stirn.
Finn schlang die Arme um ihn und kuschelte sich in seine Wärme. »Trotz dieser Eskapade ändert sich meine Meinung nicht«, meinte sie leise. »Ich werde Aubrey helfen, um meines Seelenheils willen.«
»Wir werden sehen«, erwiderte Stephen geheimnisvoll.

~~~

Jack blickte ernst auf die Gesichter, die ihn erwartend ansahen. Wenn sie der Captain zu sich rufen ließ, hieß das entweder, Gefahr war im Verzug oder er wollte ihnen die Leviten lesen. Aber nichts dergleichen geschah. Aubrey sagte gar nichts, sah die Männer nur sehr lange an. Mit den Fingern spielte er am Rand seines Weinglases. »Meine Herren«, meinte er plötzlich, schreckte jeden aus seinen eigenen Gedanken. »Etwas sehr Entscheidendes ist vorgefallen und ich möchte Ihre Meinung dazu hören.«
»Hat es etwas mit diesem Freibeuter zu tun, Sir?« wagte Vulcan zu fragen.
Jack nickte. »Mehr oder weniger«, entschloss er sich dann zu antworten. »Miss Kincaid machte mir ein sehr lukratives Angebot, da sich ja bereits zweimal erwiesen hat, dass die Surprise und die Medea eine gute Einheit abgeben. Sie unterbreitete mir den Vorschlag, mit ihrer Brigg den Köder für französische und spanische Kriegsschiffe zu spielen und sie zusammen mit uns in eine tödliche Falle zu locken. Ich bin sehr geneigt, diesem Vorschlag zuzustimmen, aber bin mir im Klaren, dass die Admiralität da auch noch ein Wörtchen mitzureden hat.«
»Warum unterbreiten Sie ihnen nicht diese Idee, Sir?« wollte Mowett wissen. »Ich halte sie für waghalsig, aber nicht für vollkommen abwegig.«
Jack verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. »Weil ich Miss Kincaid da gern heraushalten möchte. Zum einen ist sie eine Frau, was sicher nicht gern gesehen ist und zum anderen fürchte ich um Spione. Wenn unseren Feinden bekannt wird, was sie bereit ist zu tun, werden sie sie jagen und sie wird ihres Lebens nicht mehr froh. Wir sind ein Kriegsschiff, die Medea nur eine Handelsbrigg. Sie hätte nicht den Hauch einer Chance.«
Vulcan lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Da haben Sie zweifelsohne Recht, Sir. Aber wir haben keine Wahl, denn zu bedenken ist, dass es durchaus möglich ist, dass wir, wenn wir Portsmouth erreichen, sofort neune Befehle erhalten, die es uns nicht ermöglichen, an diesem Plan festzuhalten. Wenn Sie die Admiralität nicht in Kenntnis setzen, werden sie vielleicht nicht zu Ihren Gunsten entscheiden.«
»Sie meinen, ich sollte es dennoch tun?« Jack sah seinen Ersten an.
»Benutzen Sie Captain O’Hara, Sir«, warf Mowett ein. »So wie es im Moment aussieht, kann jede Hilfe gebraucht werden. Es gibt immer ein offenes Ohr für derartige Vorschläge.«
»Ja, dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Ich werde mich zusammen mit Miss Kincaid zur Brigg übersetzen lassen und es mit Captain O’Hara besprechen.«
Vulcan lächelte leise in sich hinein. »Demnach, Sir, hatten sie bereits für alle Eventualitäten vorgesorgt.«
Jack erwiderte das Lächeln. »Genau, und kommen wir jetzt zu Ihnen, Mr. Shannon und Mr. Hartford.« Die beiden Angesprochenen starrten ihren Captain an. »Wenn wir im Hafen sind, möchte ich, dass Sie sich zusammen mit dem Segelmeister der Medea an das Aufrüsten derselbigen machen. Kann ich dem ersten Seelord bereits Ergebnisse vorlegen, ist er vielleicht eher geneigt, meinen Plänen zuzustimmen.«

~~~

O’Hara starrte auf Finn und Jack. »Is ’ne ziemlich heikle Sache«, meinte er. »Und anders geht’s nich?« Sein höflicher, vornehmer Ausdruck war abgelegt. Jetzt, wo sie aufgeflogen waren, sah er wohl keinen Sinn mehr, daran festzuhalten. Stattdessen brach sein rauer, irischer Akzent aus ihm heraus.
»Nein, Brendan«, erwiderte Finn ruhig. »Ich selbst kann nicht in Erscheinung treten. Sie würden einer Frau nie zuhören, geschweige denn, Geschäfte mit ihr machen. Das weißt du doch bereits. Darum brauche ich dich. Doch kann ich weder dich noch die Männer dazu zwingen. Aber es ist eine Chance, Brendan. Jetzt, wo Ian tot ist, brauchen wir einen neunen Verbündeten. Captain Aubrey sichert uns den Lebensunterhalt.«
O’Hara nickte. »Ach, Mädchen«, grummelte er dann. »Kennst mich doch. Bin kein ehrenvoller Mensch. Hauptsache es klimpert genug Geld in meiner Börse. Aber muss ich... muss ich mich dann in Schale werfen und vor diesen gelackten Affen treten?«
Jack überhörte geflissentlich die Bemerkung über den ersten Seelord. Er hätte vehement widersprechen müssen, aber gestand sich ein, dass O’Hara nicht mal so daneben lag. »Nein. Denke ich zumindest. Aber es wäre durchaus möglich, dass er sich selbst ein Bild machen möchte und meiner Beurteilung nicht ganz Glauben schenkt.«
»Is also nich unbedingt Ihr Freund, dieser Admiralitätsfurz?«
Jack musste grinsen. »Wenn die Hieron als meine offizielle Prise anerkannt wird, bekommt die Medea ihren gerechten Anteil«, versuchte er den Mann zu locken. »Und von jeder weiteren Prise ebenfalls.«
»Hhmm«, brummte O’Hara. »Naja, wenn die Kleine hier sagt, Sie sind eine Ehrenmann, dann glaub ich ihr. Hat mich noch nie belogen, bei meiner Seel.« Er streckte Jack sein Pranke hin. »Abgemacht, Verehrtester. Aber keine Tricks. Wenn sie uns verkaufen wollen, mach ich Ihnen Feuer unterm Arsch!«
Jack lachte und schüttelte die Hand. »Abgemacht«, sagte er. »Mir selbst liegt viel an Miss Kincaids Sicherheit.«
Er erhob sich. Finn folgte ihm, blieb aber an der Fallreepspforte stehen. »Ich mag Menschen wie ihn. Sie sagen, was sie denken. Ist nicht immer von Vorteil, aber ehrlich«, meinte er freundlich.
Sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Ich bleibe auf der Medea, wenn es recht ist. Ich werde Ihnen nicht davon segeln. Nicht, dass ich es könnte. Mein Versprechen gilt. Sagen Sie Stephen, es tut mir leid.«
»Ich weiß, dass Sie nicht kneifen werden«, erwiderte er ernst. »Stephen hat versucht, es Ihnen auszureden. Seine üble Laune lässt darauf schließen, dass es ihm nicht gelungen ist. Das ist für mich Zeichen genug, dass ich Ihnen trauen kann. Wie ich bereits erwähnte, werden Mr. Shannon und Mr. Hartford Ihnen beim Aufrüsten der Brigg helfen, wenn wir den Hafen erreicht haben.«
»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.«
»Nun ja, die Medea ist jetzt irgendwie auch mein Kapital, nicht wahr?« Er grinste.
»Warten Sie bitte noch einen Moment«, sagte Finn und verschwand. Es dauerte ein paar Augenblicke, dann war sie wieder da, hielt ein eingewickeltes Päckchen in der Hand. Sie reichte es ihm. »Geben Sie das bitte Mr. Blakeney. Ich hatte es ihm versprochen.«
Aubrey tippte sich an den Hut, dann stieg er die Jacobsleiter hinunter, in das wartende Boot. Finn sah ihm nach, wie er auf die Surprise zurückkehrte.
Ein Arm legte sich um ihre Schulter. »Isser’s wert?«
Sie wandte Brendan ihren Kopf zu. »Aubrey ist ein geradliniger Mensch, ein hervorragender Seemann. Ich respektiere ihn.«
»Das war nich meine Frage.«
»Ich weiß.« Sie boxte ihm gegen den Bauch. »Schon mal was von Diskretion gehört?«
»Ah...« Brendan sog die Luft ein. »Wenn nich er, dann isses der Quacksalber.«

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