13.a Verschwörung und Hoffnung - 180 A.D. - Teil 1

Der Schmied brauchte nur einen Augenblick, um Maximus von den eisernen Sklavenfesseln an seinen Handgelenken zu befreien. Er wandte den Kopf zur Seite und verzog das Gesicht, als der muskelbepackte, große Mann seinen Hammer niedersausen ließ, und ich hielt mir in einer kindischen, albernen Geste die Augen zu, denn ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß er verletzt werden könnte. Aber der Mann verstand sein Handwerk, die Schlösser sprangen problemlos auf, und nach kurzer Zeit war Maximus seine Fesseln los. Er nickte dem Schmied dankend zu, während er noch dastand und die Eisen von seinen Handgelenken löste. Dann warf er sie auf den Boden und versetzte ihnen einen Fußtritt, der nur zu deutlich machte, wie sehr er sie verabscheute - waren sie doch eine ständige kalte, schwere und deutlich spürbare Erinnerung an den Verlust seiner Freiheit. Es bedurfte dazu keiner Worte. Die nur mühsam kontrollierte Heftigkeit der Geste sprach für sich.

Unsere Hände trafen sich, als er begann, die schwarzen Lederstreifen von seinen Handgelenken abzuwickeln und ich mich beeilte, ihm dabei zu helfen. Er ließ es zu und wehrte sich nicht, als ich sanft die entzündeten roten Male massierte, die jene auf seiner gebräunten Haut hinterlassen hatten. Ich war begierig, jedes äußere Zeichen, das uns daran erinnern könnte, daß er ein Sklave war, zu tilgen - wenigstens für die kurze Zeit, die vor uns lag. Maximus nahm die Lederstreifen und wir machten uns auf den Weg zurück zum Haus.

"Ein Bad wartet auf Dich, und saubere Kleidung, dann können wir frühstücken", sagte ich im Gehen. Ich wußte nicht, wie ich das unangenehme Schweigen brechen sollte, welches sich zwischen uns ausgebreitet hatte, nachdem ich aus meinem Schlafzimmer gekommen war, mich angekleidet und bereit gemacht hatte, ihn zu der Werkstatt des Schmieds zu begleiten.

Maximus runzelte die Stirn, dann lächelte er vorsichtig.

"Wir scheinen die Tageszeiten zu vertauschen. Es beginnt, dunkel zu werden. Wäre es nicht eher Zeit für das Abendessen als zum Frühstücken.

"Nun, Du hast darauf bestanden, Dich sinnlos zu betrinken und dann den ganzen Tag zu verschlafen", neckte ich ihn. Herumzualbern schien mir die natürlichste Sache der Welt zu sein, sobald ich mit ihm zusammen war. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dies jemals getan zu haben, bevor wir uns in Moesia trafen ... und mit Sicherheit hatte ich während der sechs Jahre, die seitdem vergangen waren, nie wieder jemanden geneckt. Dabei hatte ich jede einzelne Minute der Stunden genossen, in denen mein Kopf still auf seiner Brust geruht hatte, seine Wärme, sein Duft und der starke, stetige Schlag seines Herzens mich immer wieder hatten einschlummern lassen.

Wir gingen durch die Kolonnaden, die sich entlang des Teiches mit seinen wirbelnden Springbrunnen zogen. Auf dem größten thronte das marmorne Schiff, die anderen waren mit Sirenen und Tritonen geschmückt, alle sangen ihr sprudelndes Lied in der sanften Abendbrise. Maximus' Blick wanderte an der Fassade des Hauses entlang, dann schaute er zu dem glitzernden Teich und zu den Spiegelbildern, die uns auf der Wasseroberfläche begleiteten. Er blieb stehen und starrte ins Wasser. Die dunkle Oberfläche zeigte das Bild eines muskulösen Mannes in blauer Tunika und schwarzer Lederrüstung und einer schlanken Frau in weißer Seide, deren rot-goldene Haarpracht ihr über die Schultern bis hinab zu den Hüften fiel.

Was für ein Kontrast.

Obwohl ich eine hochgewachsene Frau bin - größer als die meisten Frauen und so groß wie viele Männer - neben Maximus wirkte ich klein und geradezu zerbrechlich. So klein und zerbrechlich wie ich mich an der Seite dieses starken und äußerst männlichen Vertreters seines Geschlechtes immer fühlte.

Dem Rhythmus des wirbelnden Wassers folgend kräuselten und veränderten sich unsere Spiegelbilder, schienen sich aufzulösen, nur um wieder neu und vollkommen klar auf der Oberfläche des Teiches zu erscheinen. Maximus betrachtete sie lange Zeit, anscheinend fasziniert von dem Wechsel des Lichtes und der Farben und offensichtlich verloren in seine Gedanken - welcher Art diese auch immer sein mochten. Auch ich schaute auf unser Spiegelbild und bemerkte, daß ich uns zum erstenmal gemeinsam sah. Das erstemal, daß ich sah, was andere sehen mußten, wenn sie uns anschauten: ein junges, bemerkenswertes Paar, meine Weiblichkeit die ideale Ergänzung seiner vollkommenen Männlichkeit.

Minuten verstrichen und Maximus rührte sich nicht. Durch sein Schweigen beunruhigt hakte ich mich bei ihm unter, unsere Haut berührte sich leicht - seine gebräunte und meine milchweiße.

"Du siehst sehr attraktiv aus", sagte ich in Gedanken versunken, während ich sein Spiegelbild betrachtete. "Die Rüstung steht Dir."

Er hielt seinen Blick weiter fest auf die Oberfläche des Teiches geheftet. Es schien, als habe er mich nicht gehört, aber ich wußte es besser. Ich spürte die Anspannung in seinem Körper und redete weiter, zwang mich zu einem leichten Plauderton, um seine Stimmung ein wenig aufzuhellen.

"Ganz offensichtlich denken die Leute, welche die Spiele besuchen, ebenso. Man findet Deinen Namen in die Wände des Amphitheaters geritzt - zusammen mit Vorschlägen, was sie am liebsten mit Dir anstellen würden", sagte ich und versuchte, ihm eine Antwort zu entlocken. "... und Puppen aus Blech mit Deinen Zügen werden vor dem Gebäude verkauft ... sehr - ähem ... männliche Puppen."

 

Ich hielt inne, allein der Gedanke an die grotesken Sex-Fetische, welche ihm ähnlich sehen sollten, war mir peinlich, aber es war bereits zu spät, um das Gesagte zurückzunehmen. Mein mühsam aufgebautes Selbstbewußtsein hatte in der vergangenen Nacht ernsthaften Schaden genommen, und nun schien es mich gänzlich verlassen zu haben. Ich kam mir dumm und ungeschickt vor, kindisch und verwundbar.

Und Maximus Schweigen war nicht eben hilfreich.

"Während der Spiele verkaufen die Händler sogar Tabletts mit Deinem Bild darauf, und an dem Tag, als ich dort war, hatten sie ihre gesamte Ware schon frühzeitig an den Mann beziehungsweise die Frau gebracht."

"Ich bin gut fürs Geschäft", murmelte Maximus, und seine Stimmung wurde zusehends bedrückter. Ich biß mir auf die Unterlippe. Ich hatte gewußt, daß es nicht leicht sein würde, aber erst jetzt begann ich ansatzweise zu verstehen, wie schwierig es sein würde.

Nach kurzem Zögern zog ich Maximus am Arm und drängte ihn in Richtung der Gärten. Ich hoffte, der Unterhaltung eine Wendung geben zu können, um die Atmosphäre so ungezwungen wie möglich zu gestalten - soweit es die grausamen Umstände, die seine unerwartete Anwesenheit in meiner Villa begleiteten, zuließen.

"Gefallen Dir die Gärten, Maximus?"

Er entspannte sich sichtlich. Gärten und das Wetter pflegen ein dankbares Thema zu sein, wenn man eine zwanglose Unterhaltung in Gang bringen möchte. Selbst wenn es sich um die Unterhaltung mit einem römischen General handelt, der zum Sklaven und Gladiator degradiert wurde.

"Alles hier ist umwerfend. Ich habe nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen."

Sein Kompliment machte mich auf absurde Weise stolz, wie ein liebeskrankes junges Mädchen mit ihrem ersten Verehrer.

"Mein Gemahl ließ sie mich entwerfen ... natürlich mit Hilfe von Architekten. Ich hätte etwas weniger Auffälliges bevorzugt, aber er bestand auf Größe und Pracht. Er lud Kunden hierher ein und wünschte, sie zu beeindrucken."

"Seine Reederei muß erfolgreich gewesen sein."

"Ja, und nun gehört sie mir."

"Du führst sie?"

"Ja."

In meiner Stimme schwang etwas wie Herausforderung mit und ich warf einen Seitenblick auf Maximus.

"Überrascht Dich das?"

"Nein", sagte er, und sein Ton deutete an, daß ihn nach den Ereignissen der vergangenen Nacht nichts, was mich betraf, mehr überraschen konnte. "Du lebst allein in diesem riesigen Anwesen. Was fängst Du mit Deiner Zeit an - außer daß Du versuchst, undankbare Sklaven zu retten?"

Ich mußte unwillkürlich über seine nicht eben galante Anspielung auf unseren Streit der vergangenen Nacht lächeln, hatte mich aber schnell wieder unter Kontrolle. Wie konnte ich ihm erklären, wie mein Leben - mein wirkliches Leben - war, ohne zu ihm auch über meine entsetzliche Einsamkeit zu sprechen, die Traurigkeit, die jedem Triumph einen bitteren Beigeschmack verlieh, die Sehnsucht, welche sich in jede einzelne Stunde ergoß? Wie konnte ich ihm von meinem Leben erzählen, ohne auch von der Wärme zu sprechen, von der Geborgenheit und dem Kind, nach denen ich mich so sehnte? Die Wärme und Geborgenheit, die kein Geld der Welt kaufen konnte, und das Kind, welches dazu verdammt war, niemals das Licht der Welt zu erblicken.

Er wartete auf eine Antwort, also redete ich weiter, hielt den Ton ganz bewußt leicht, selbst wenn ich dabei riskierte, nichtssagend und kindisch zu klingen.

"Ich lese viel. Ich habe nie eine richtige Erziehung genossen, Maximus, aber Apollinarius war mein Lehrer, und ich dürste nach mehr. Ich spiele mit meinen Katzen und gehe in den Gärten spazieren, auch wenn ich sehr viel lieber mit Dir zusammen hier entlang schlendere.  Außerdem habe ich eine hübsche Wohnung in Rom."

"Du solltest wieder heiraten. Kinder haben", sagte er. Das war ganz typisch Maximus! Immer fürsorglich. Immer liebevoll. Selbst wenn er sich weigerte zu lieben und sich lieben zu lassen. Selbst wenn seine gute Absicht mehr schmerzte, als daß sie half.

"O Maximus, Du versuchst immer, für andere Menschen zu sorgen."

Er antwortete nicht. Was sollte er auch dazu sagen. Ich nutzte sein kurzes Zögern und führte ihn zu einer schattigen Marmorbank, auf der ich mich niederließ und ihn an meine Seite zog. Ich sprach weiter.

"Ich lebe lieber allein als in einer anderen lieblosen Ehe."

"Du könntest jemand finden, den Du liebst, wenn Du Dich nicht an diesem Ort verstecken würdest", sagte er. "Geh nach Rom ..."

"Maximus, es war mir ernst mit dem, was ich letzte Nacht sagte ... daß ich mich keinem Mann hingeben wolle, den ich nicht liebe", meine Stimme wurde leiser, blieb aber fest und sicher, als ich zu ihm über das sprach, was ich in meinem Herzen fühlte. Was er wissen mußte. Was er verstehen mußte. "Ich habe genug davon gehabt. Jede Beziehung, die ich eingehen werde, wird nur auf Liebe beruhen ... oder ich werde allein bleiben."

Wieder breitete sich Schweigen zwischen uns aus. Maximus stützte die starken Unterarme auf seine Knie und starrte auf eine Rose, die in der sanften Brise zart sein Knie berührte. Das Schweigen hatte etwas Beunruhigendes an sich. Etwas viel Beunruhigenderes als seine rasende Wut der vergangenen Nacht.

 

Als ich noch eine Hure war, genoß ich eine hohe Wertschätzung für meine Fähigkeit im Umgang mit Männern. Ich brauchte nur einen kurzen Blick auf sie zu werfen, ein paar ihrer Worte zu hören, zu sehen, wie sie sich bewegten, und schon wußte ich, wie sie zu nehmen waren, wie ich sie in meinen Bann schlagen, sie verführen, ihre Lust befriedigen konnte. Ich konnte sie sogar manipulieren ... falls ich dies wünschte. Wäre ich aus freiem Willen eine Hure gewesen, dann hätte ich diese Macht vielleicht sogar genossen. Aber ich hatte jeden einzelnen Augenblick dieses Daseins gehaßt, auch wenn ich es verstanden hatte, es sowohl vor meinem Herrn zu verbergen, als als auch vor den Männern, denen ich zu Willen sein mußte - anscheinend widerstandslos und ohne weiter darüber nachzudenken. Neben meiner Schönheit war die Leichtigkeit, mit der ich Männer zu verführen verstand, der Grund gewesen, warum Cassius mich als Köder für Maximus ausgewählt hatte. Aber von dem Augenblick an , als ich die ersten Worte mit ihm wechselte, hatten mich all meine Fähigkeiten im Stich gelassen. Oder sollte ich besser sagen, es gelang mir nicht, mich ihrer zu bedienen.

"General? Genießt Du die Party nicht?"

Er hatte sich umgedreht, und ich hatte zum erstemal einen Blick in diese umwerfend blauen Augen geworfen, dann hatte er gesprochen und das erregende Vibrieren seiner tiefen Stimme hatte mir einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Als seine Augen über mein Gesicht und meinen Körper wanderten, war es mir, als würde ich unter diesem Blick vergehen. Es war nicht Lust, die ich in ihm sah, sondern Verwunderung, ein Mann, der nicht wußte, was er sagen sollte. Unter anderen Umständen und mit einem anderen Mann wäre es eine leichte, schnelle Eroberung gewesen. Statt dessen sollte dies der Moment sein, der mein Schicksal besiegelte.

Ich hatte ihn nicht verführen wollen, sondern sein Begehren hatte eine Frucht seines freien Willens sein sollen.

Ich hatte nicht heucheln wollen, als ich unter ihm stöhnte und mich wand, sondern hatte mir gewünscht, daß er mich zum Wahnsinn trieb mit seinen Küssen, seinen Zärtlichkeiten und dem Rhythmus seines kraftvollen Körpers.

Und er hatte mich begehrt - aus freiem Willen, aber trotzdem hatte er mich abgewiesen, mich verwirrt und frustriert zurückgelassen. Nichts sollte je mehr für mich so sein wie vorher.

Sechs Jahre waren vergangen, und seine Gegenwart machte mich immer noch schüchtern, ein unerfahrenes, verletzliches, liebeskrankes Mädchen statt der selbstsicheren, einflußreichen Frau, zu der ich in der Zwischenzeit geworden war.

Sechs Jahre waren vergangen, und ich wollte immer noch dasselbe.

Und mir blieben nur wenige Tage, um es zu bekommen.

Ich rutschte ein wenig auf der Bank hin und her, dann begann ich zögernd zu sprechen.

"Letzte Nacht ... ich wollte mit meinen Gefühlen für Dich nicht so herausplatzen. Es ist mir so peinlich, daß ich es dennoch getan habe."

Er sah mich nicht an, sagte nichts. Ich zwang mich weiterzusprechen, fühlte mich wie eine Blinde, die sich ihren Weg durch unebenes Gelände ertastet.

"Aber ... vielleicht ist es auch besser, daß Du weißt, was ich fühle. Ich habe nie geglaubt, daß ich diese Wege hier je mit Dir zusammen gehen würde, auch wenn ich immer davon geträumt habe. Es ist wunderbar für mich, Dich hier zu haben ... und sei es auch nur für kurze Zeit."

Maximus schien an der blutroten Rose neben seinem Bein ganz besonders interessiert zu sein. Er streckte eine Hand aus, und ich sah, wie er mit seinen großen, schwieligen Fingern zärtlich ihre samtenen Blütenblätter streichelte. Ich wünschte, er würde mich so berühren, wie er diese Blume berührte ... und errötete bei dem bloßen Gedanken an seine Hände auf meiner Haut.

"Liebe ist das Wichtigste auf der Welt", flüsterte ich so leise, daß man es kaum hören konnte.

Er schaute mich immer noch nicht an.

"Es gibt keine Zukunft für uns, Julia."

Seine Stimme war so kalt und leidenschaftslos, daß ich unwillkürlich zusammenzuckte. Mein Herzschlag setzte für eine Sekunde aus, dann zwang ich mich weiterzusprechen, versuchte, jede Emotion in meiner Stimme zu unterdrücken.

"Das weiß ich. Du hast keinen Zweifel daran gelassen, wie Deine Zukunft aussieht."

Maximus sprach weiter, ohne mich anzusehen, den Blick auf die Rose geheftet. Der Kontrast zwischen seinen starken, gebräunten, schwieligen Fingern und der zarten, samtenen Blüte war - trotz der Härte seiner Worte - äußerst erregend.

"Selbst wenn ich frei wäre, könnten wir nicht heiraten. Ein Mann meines Ranges kann keine gesetzliche Ehe mit einer Freigelassenen eingehen."

Mich heiraten? Dachte er wirklich, es sei irgendwie von Bedeutung, daß er mich nicht gesetzlich ehelichen konnte, weil ich eine ehemalige Sklavin und er von einem Senator adoptiert worden war? Darüber konnte ich nur lachen. Manchmal konnte er so herrlich naiv sein! Alle Macht seiner ehemaligen Stellung hatte das nicht ändern können, ebenso wenig wie die Tatsache, daß er nur knapp dem Tode entronnen war, und auch nicht das Martyrium, das er anschließend durchlitten hatte. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, ob er wohl auch so rührend unschuldig wäre, wenn es um das ging, was Männer und Frauen hinter verschlossenen Türen zu tun pflegen.

"Maximus, Du hast jetzt keinen Rang mehr", sagte ich sanft. "Solltest Du irgendwann Deine Freiheit wiedererlangen, dann wirst Du ein Freigelassener sein - genau wie ich!

"Vielleicht."

"Was heißt 'vielleicht'?"

Maximus stützte sich mit dem Handballen auf die Lehne der Bank hinter mir, verlagerte dann sein Gewicht ein wenig und gestattete es seinem Körper, sich mir entgegenzuneigen. Sein Arm streifte meinen Rücken und ich erschauerte. Er berührte mich kaum, aber für mich war es wie eine Umarmung. Die sanfte Brise spielte mit meinem offenen Haar, und  es berührte zart seinen nackten Arm, rotgoldenes Haar tanzte gleich einem Schmetterling auf straffer, gebräunter Haut.

Sein Gesicht war dem meinen ganz nah, so nah, daß es nur einer winzigen Bewegung bedurft hätte, um seinen schön gestalteten Mund mit meinen Lippen zu berühren. Der Ton seiner tiefen Stimme wurde noch ein wenig tiefer, und er sprach so leise, daß ich ihn nur mit Mühe verstehen konnte.

"Ich weiß, Du denkst, ich würde nur leben, um Rache für den Tod meiner Familie zu nehmen, aber da ist noch so viel mehr."

Nun war ich es, die schwieg. Maximus fuhr fort:

"Du weißt, daß Commodus eine Schwester hat."

In Wirklichkeit hatte der junge Kaiser vier noch lebende Schwestern, aber nur eine davon zählte. Die älteste, die ehemalige Kaiserin. Die, welche sich als Achtzehnjährige in Maximus verliebt und die man mit Lucius Verus verheiratet hatte. Die, welche man ihm viele Jahre später zur Ehe angeboten, die er jedoch zurückgewiesen hatte. Die, welche Gerüchten zufolge in ihrem jüngeren Bruder eine unnatürliche Leidenschaft erweckt hatte. Die, welche so vieles mit mir gemeinsam hatte - bis auf unsere anscheinend gänzlich verschiedene Herkunft und unser vollkommen unterschiedliches Leben. Die, der ich mich in der vergangenen Nacht in den Nachwehen von Wut und Frustration und Niederlage so verbunden gefühlt hatte ...

Als ich endlich sprach, waren meine Lippen wie taub.

"Lucilla ... ja."

"Nun, sie hat einen Sohn ... Lucius. Er und mein Sohn sind ... waren ... im gleichen Alter. In der Thronfolge kommt Lucius direkt nach Commodus."

Maximus lächelte ein wenig. Was machte ihn lächeln? Der Gedanke an den kaiserlichen Knaben, zu dem man meine ehemalige zehnjährige Dienerin bei unserer Rückkehr nach Rom geschickt hatte? Eine glückliche Erinnerung an seinen ermordeten Sohn? Oder seine ganz persönlichen Erinnerungen an die Frau, welche blaß und angespannt neben ihrem Bruder in der kaiserlichen Loge gesessen hatte, während er in der Arena kämpfte?

Maximus' Stimme riß mich aus meinen Überlegungen.

"Er ist noch sehr jung ... so unschuldig ... und er lebt direkt unter der Nase seines Onkels. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie skrupellos Commodus ist und daß er auch nicht vor einem Kind zurückschrecken würde. Sollte sich Commodus irgendwie bedroht fühlen, dann würde er, fürchte ich, Lucius etwas antun."

"Wie kommst Du darauf?"

"Seine Mutter hat es mir gesagt."

Es war, als habe er mir einen Schlag ins Gesicht versetzt. Lucilla hatte es ihm gesagt? Wie? Wann?

"Du hast mit der Dame Lucilla gesprochen?" fragte ich, wobei ich vorsichtig jedes einzelne Wort wählte. "Seit Du in Rom bist?"

"Ja. Sie besuchte mich eines Nachts in der Gladiatorenschule."

Die Welle der Eifersucht, die über mir zusammenschlug, war so mächtig, so intensiv, daß mir beinahe schwindelig wurde. Das Blut pochte in meinen Ohren, und ein roter Nebel legte sich vor meine Augen. Ich senkte den Kopf, und mein Haar fiel mir ins Gesicht, verbarg die Qual und den Schmerz, welche selbst die aus langer Übung erwachsene Selbstkontrolle nicht verbergen konnten.

Lucilla hatte Maximus in Proximos Quartier besucht. Dasselbe Quartier, das mir verschlossen geblieben war. Während Ränke, Bestechung und Schmeichelei mir nichts genützt hatten, war es ihr gelungen. War sie der Grund, warum Maximus jeden Besucher abgewiesen und Proximo ihm seinen Willen gelassen hatte? Hatte Lucilla ihre beträchtliche Macht eingesetzt, um ihn für jeden unerreichbar zu machen - außer für sie selbst?

Ohne den Kopf zu heben schluckte ich krampfhaft und fragte: "Warum sollte sie das getan haben?"

"Lucilla und ich kennen uns seit langer Zeit. Sie war zusammen mit ihrem Bruder in Germanien, als ihr Vater ... starb. Sie wußte, daß ihr Bruder meine Hinrichtung befohlen hatte und war schockiert, als sie mich in Rom im Kolosseum als Gladiator wiedersah. Sie kam zu mir, um ihre Sorgen mit mir zu teilen."

Langsam ließ ich die Neuigkeit sinken. Lucilla war in Germanien gewesen. Sie war zusammen mit ihrem Bruder in Germanien gewesen. Das wußte ich bereits. Sie hatte an seiner Seite auf dem goldenen Wagen gestanden, als er in Rom als Imperator einzog. Das war ein Skandal! Die Kaiser pflegen ihre weiblichen Verwandten bei offiziellen Paraden nicht in ihrem zeremoniellen Wagen mitfahren zu lassen. Nicht einmal ihre Ehefrauen. Und Brüder führen ihre Schwestern nicht in der Öffentlichkeit vor, als seinen sie ihnen ebenbürtige Partnerinnen.

Ich wußte, daß Lucilla zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder in Germanien gewesen war. Was ich jedoch nicht gewußt hatte war, daß sie auch zusammen mit Maximus dort gewesen war.

"Warum? Was könntest Du tun, um ihr zu helfen?" fragte ich, hielt meine Stimme ganz bewußt neutral.

"Sie weiß, daß ich vorhabe, Commodus zu töten. Ich habe daraus nicht gerade ein Geheimnis gemacht. Sie gab mir nur noch einen weiteren Grund, es zu tun ... um ihren Sohn zu beschützen ...den Enkel meines Kaisers, Marcus Aurelius."

Das war etwas anderes. Etwas ganz anderes. Und das mußte man ernst nehmen. Gerüchte über Commodus' politische Unfähigkeit hatten bereits Jahre vor seiner Thronbesteigung die Runde gemacht. Und tatsächlich hatte er den Thron nur bestiegen, weil er Marcus Aurelius' einziger überlebender Sohn war, aber vor allem deswegen, weil der Kaiser gestorben war, ohne offiziell einen Nachfolger zu benennen, denn nur die Tatsache, daß er sein Sohn war, hätte nicht genügt, ihn für den goldenen Lorbeerkranz zu qualifizieren. Er hatte seinen Vater in Germanien besucht, als der Imperator starb, und war sofort nach Rom zurückgekehrt, um seinen Anspruch auf den Thron geltend zu machen. Einige sagten, er habe sich aus Germanien wie ein Dieb davongemacht, mitten in der Nacht, nur begleitet von seinen Prätorianern und bevor die Legionen ihm Treue geschworen hatten. Wollte man den Gerüchten glauben, dann war Lucilla, anders als ihr jüngerer Bruder, für die Politik geboren, doch ihr Geschlecht stand zwischen ihr und dem Thron. Aber die Tatsache, als Frau geboren zu sein, hatte die weiblichen Angehörigen der kaiserlichen Familie nie davon abgehalten zu intrigieren und konspirieren, nicht einmal zu morden, wenn es nötig war oder ihnen nötig erschien. Ich stellte eine kurze Berechnung an. Lucilla war Marcus Aurelius' zweitgeborenes Kind, während Commodus das jüngste von einem Dutzend war, welches der Kaiser gezeugt hatte. Folglich mußte sie ungefähr Dreißig sein, während ihr Bruder lediglich neunzehn oder zwanzig Jahre zählen durfte ... noch so jung und bereits der mächtigste Mann der Welt.

"Sie konspiriert gegen ihren eigenen Bruder?"

"Schhh. Julia," alarmiert blickte sich Maximus im Garten um, wollte sicher gehen, daß wir wirklich allein waren. "Ich weiß, daß ich Dir vertrauen kann, denn ich habe in Moesia mein Leben in Deine Hände gelegt, und Du hast mich nicht im Stich gelassen. Diese Information muß unter uns bleiben!"

"Natürlich!" antwortete ich ernst. Trotz der beunruhigenden Nachricht über die Tochter des Kaisers, freute ich mich, daß er mir so bedingungslos vertraute. So bedingungslos wie in Moesia, als er nicht mehr über mich wußte, als daß ich eine Sklavin und Hure war.

So bedingungslos, wie ich ihm vertraute, auch wenn ich keinem anderen Mann mein Vertrauen schenkte.

"Ich möchte nur, daß Du verstehst, daß ich noch andere Gründe als die Rache für meine Frau und meinen Sohn hatte, um Dein Angebot abzulehnen. Es ist kompliziert, wie ich bereits sagte."

Also erhoben nicht nur Olivia und Marcus Anspruch auf ihn. Es waren auch Lucilla und ihr Sohn. Eine tote Frau, die er geliebt hatte, und ihr toter Sohn. Eine lebende Frau, die er ebenfalls geliebt hatte, und deren Sohn. Und was war mit mir, einer Frau, die weder Ehefrau noch ehemalige Geliebte war und die kein Kind hatte, für das es sich zu leben oder sterben lohnte? Einen langen Augenblick später nahm ich allen Mut zusammen und stellte ihm eine Frage. Ich kann mich nicht erinnern, ihn je etwas Schwierigeres gefragt zu haben.

"Hast Du Lucilla gern?"

"Ja, ... ich habe sie gern."

Das tat weh. Sehr weh. Aber ich schluckte hart und stellte die nächste Frage:

"Du liebst sie?"

"Nein, ich liebe sie nicht. Wenigstens ... nicht so."

"Du sagtest, daß Du sie schon lange kennst. Hast Du sie einmal geliebt?"

Maximus lächelte, wollte meinen Schmerz lindern, der so intensiv war, daß ich nicht einmal versuchte, ihn zu verleugnen.

Er schob eine Haarsträhne beiseite, die sich um meinen Hals geringelt hatte.

"Vor sehr, sehr langer Zeit", sagte er sanft. "Seit damals sind unsere Leben ganz unterschiedlich verlaufen... und wir haben beide geheiratet und haben ein Kind gehabt."

Seine Worte beruhigten mich nicht. Eifersucht und Furcht nagten noch immer an mir. Lucilla -   in der vergangenen Nacht schien sie mir so nahe gewesen zu sein -  nun war sie zu einer lebendigen, gefürchteten Rivalin geworden, die ihren Anspruch auf Maximus' Treue geltend machte. Ich neigte den Kopf und schaute auf meine Hände, die ohne jeden Schmuck in meinem Schoß lagen ... die weißen Knöchel verrieten meine Anspannung.

"Manchmal kann alte Liebe zu neuer Glut entfacht werden", flüsterte ich.

Maximus schüttelte verneinend den Kopf. Ich wußte, daß ich seinen Worten vertrauen konnte, und dennoch fühlte ich mich nicht besser. Sie waren eindeutig, änderten nichts an dem leidenschaftslosen Ton, mit dem er über uns und die gemeinsame Zukunft, die es für uns nicht gab, gesprochen hatte.

Und ich hatte nur eine Woche.


13.b Verschwörung und Hoffnung - 180 A.D. - Teil 2

Einen kurzen Moment später sah ich ihn an, blickte ihm direkt in die Augen.

"Maximus, hast Du keine Angst vor dem Tod?"

Er seufzte.

"Fast mein ganzes Leben war der Tod mein steter Begleiter. Ich habe meinem eigenen Tod ins Auge geblickt und auch dem Tod meiner Soldaten - jedesmal wenn ich in den Kampf zog. Und in der Arena blicke ich jetzt dem Tod jeden Tag ins Auge. Nein, ich fürchte mich nicht zu sterben. Außerdem warten meine Frau und mein Sohn bereits darauf, daß ich zu ihnen komme."

Was für eine dumme Frage! Natürlich fürchtete er den Tod nicht! Er wollte sterben. Er war bereit zu sterben. Hatte er erst einmal den Tod seiner Frau und seines Sohnes gerächt, hatte er Gewißheit, daß Lucilla und ihr Sohn in Sicherheit waren, dann wäre er bereit zu gehen ... bereit, mich für immer zu verlassen.

In einer blitzschnellen Bewegung preßte ich mich an ihn, versuchte, ihm nahe zu kommen - mit meinem Körper und meiner Seele - aber seine Rüstung ließ keine Intimität zu. Ich drückte meine Brüste gegen das schwarze Leder und die Schnallen seines Brustpanzers schnitten abermals schmerzhaft in mein Fleisch.

"Ich kann nicht glauben, daß Deine Frau Deinen Tod wünscht, Maximus. Sie liebte Dich", sagte ich eindringlich, und Olivia wurde unvermittelt zur Verbündeten in meinem verzweifelten Bemühen, ihn vor sich selbst zu retten. "Sie würde wollen, daß Du ein langes, glückliches Leben führst, statt aus welchem Grund auch immer ihr ins Jenseits nachzueilen."

"Julia ... "

Bevor er weitersprechen konnte, packte ich sein bärtiges Kinn mit beiden Händen und zwang ihn, mir in die Augen zu sehen.

"Nein ... hör mir zu. Eine Frau, die einen Mann liebt, würde alles für ihn aufgeben ... alles für sein Glück opfern. Es ist nicht so, daß Olivia Dich beobachtet und Dir jedes bißchen Glück mißgönnt, welches Dir in den Tagen, die Dir noch bleiben, beschieden sein könnte. Sie hätte gewollt, daß Du die Freiheit, die ich Dir biete, annimmst ... ein langes und glückliches Leben ohne sie führst. Eine neue Liebe findest. Sie wird auf Dich warten ... zehn, zwanzig Jahre lang."

Heiße Tränen verschleierten meinen Blick, ich schniefte und blinzelte sie weg.

"Es geht nicht darum, was meine Frau wollen würde. Es geht darum, was ich will", sagte Maximus ruhig und entschieden, so unglaublich entschieden und voller Würde, daß mir trotz allen Bemühens die Tränen über die Wangen liefen. Ich wischte sie ärgerlich weg.

"Nun, Du bist  halt egoistisch. Du denkst nicht an die Menschen, die Dich hier lieben und die wollen, daß Du lebst. Du denkst nur an Dich selbst."

Mein Ausbruch schreckte ihn nicht ab. Maximus wischte die Tränen zart mit seinem Daumen weg.

"Julia, wenn ich eine Möglichkeit wüßte, das zu vollenden, was ich vollenden muß, und trotzdem weiterzuleben - dann würde ich sie ergreifen. Ich weiß, daß Olivia und Marcus auf mich warten, wie lange ich auch immer leben werde."

"Aber ich habe Dir eine Möglichkeit geboten, und Du willst sie nicht ergreifen."

"Dafür gibt es gute Gründe."

"Ich weiß, ich weiß ... Juba. Glaubst Du nicht, daß Juba sein Leben mit Freude für Deine Freiheit opfern würde?"

"Vielleicht. Aber das zu entscheiden steht nicht in meiner Macht. Ich würde jedoch niemals Dein Leben für meine Freiheit opfern."

Erschrocken richtete ich mich auf.

"Was? Was soll das bitte heißen?"

Maximus betrachtete die Baumwipfel.

"Die Stadt hier ganz in der Nähe ist Ostia, nicht wahr?"

Meine Augen weiteten sich, und ich setzte mich gerade hin, Hoffnung regte sich in mir. Warum hatte ich daran nicht gedacht? In Ostia war ein Armeelager! Bei meiner Rückkehr aus Moesia hatte ich einige Zeit dort verbracht!

"Ja. Ja. Du könntest ... "

Aber bevor ich weitersprechen konnte, legte Maximus einen Finger auf seine Lippen und bedeutete mir zu schweigen.

"Ich könnte mich an die Legion dort wenden und würde sie unter dem Befehl eines Commodus ergebenen Generals finden, was sehr wahrscheinlich ist", sagte er. Er sprach ruhig und gelassen, wie ein Vater, der seinem enttäuschten Kind, das sich den Mond wünscht, erklärt, warum es ihn nicht haben kann. "Sollte er mich erkennen, dann würde er mich auf der Stelle niedermachen lassen. Sollte er mich nicht erkennen, dann würde er mich festsetzen, bis man mich identifiziert. In beiden Fällen wäre ich tot, und Commodus würde weiter leben."

"Aber was ist, wenn Du dort Männer vorfindest, die Dich kennen, und die Deiner Sache gewogen sind?"

"Das ist unwahrscheinlich, denn meine Legionen stehen im Norden. Und sollte es wirklich eine der Felix-Legionen sein, dann könnte ich hier trotzdem nicht weg, Julia."

"Aber Du könntest hingehen und schauen, wie es um die Legion bestellt ist, und dann zurückkehren. Ich werde mit Dir gehen. Du könntest Vorbereitungen treffen ... "

"Nein."

Ich schloß die Augen und schüttelte den Kopf, war so frustriert, daß ich es am liebsten laut herausschreien wollte.

"Maximus, warum nicht? Was Du sagst, macht keinen Sinn. Du bist der Kommandant einer Armee und vielleicht gibt es dort eine Armee für Dich."

"Das bin ich nicht mehr. Aber Julia, ich will damit sagen, daß Du keine Vorstellung hast, wie rachsüchtig Commodus ist. Du weißt nicht, wozu er fähig ist."

Ich war mir nicht sicher, was er damit andeuten wollte, und schwieg einen langen Augenblick, dann fragte ich: "Wem gegenüber?"

"Jedem, der ihm in den Weg kommt ... jedem, der mir hilft."

"Du meinst mich."

"Ja."

Ich packte Maximus an den Oberarmen und schüttelte ihn ... es drängte mich jedesmal, genau das zu tun, wenn er mich mit seiner Halsstarrigkeit wieder einmal zur Verzweiflung brachte. Und wie jedesmal war es, als versuche man, an den Säulen im Tempel des Jupiter zu rütteln.

"Maximus, verstehst Du denn nicht? Ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen."

"Ich nicht."

"Maximus ... "

"Julia, wie oft bist Du im Kolosseum gewesen und hast die Spiele gesehen?"

"Maximus, wechsle jetzt nicht das Thema."

"Antworte mir einfach."

"Nur einmal. Um Dich zu sehen."

"Bist du den ganzen Tag dort gewesen?"

"Nein, ich blieb draußen und ging erst hinein, als ich die Menge Deinen Namen skandieren hörte."

"Dann hast Du keine Vorstellung, was für Grausamkeiten dort geschehen."

Auch wenn ich bereits wenige Minuten, nachdem das erste Spektakel begonnen hatte, geflohen war, so hatte ich doch genug gesehen.

"Ich ... ich habe eine Vorstellung."

Maximus schüttelte den Kopf.

"Gladiatoren wie ich kämpfen ausschließlich am späten Nachmittag. Besonders ausgebildete Gladiatoren kämpfen Mann gegen Mann. Aber früher am Tag ist die Arena voll von Gladiatoren, die paarweise aneinandergekettet sind - Dutzende von Männern gleichzeitig, und man hetzt sie gegen einander und gegen wilde Tiere, die darauf abgerichtet sind, Menschen zu töten. Die meisten Tiere töten keine Menschen, weißt Du, ganz gleich, wie hungrig sie auch sein mögen. Man muß sie speziell dazu abrichten, Menschen zu töten. Das Gemetzel ist entsetzlich."

"Ich will das niemals sehen."

Was hatte das damit zu tun, daß ich ihm bei der Flucht helfen wollte?

"Das ist aber noch nicht einmal das Schlimmste ... nicht im Entferntesten." Maximus schaute mich nicht an sondern sah hinauf in den Abendhimmel. "Die Vorführungen am Morgen sind besonders grausam. Zum Tode Verurteilte werden in der Arena festgebunden und an wilde Tiere verfüttert, ohne sich verteidigen zu können. Auch Frauen und Kinder, die verbotenen religiösen Kulten angehören oder Kriegsbeute sind. Sie werden bei lebendigem Leibe zerrissen."

Er räusperte sich, und ich erwähnte nicht, daß es genau dies gewesen war, was mich von meinem Platz im Amphitheater getrieben hatte.

"Aber ich habe noch Schlimmeres gesehen. Vergangene Woche wurden wir aus irgendeinem Grund schon frühzeitig in die Arena gebracht und mußten die meiste Zeit des Tages in den Zellen dort verbringen. Die wertvollsten Gladiatoren bekommen die besten Zellen - nur knapp unterhalb des Bodens der Arena - so können wir alles sehen und hören, was dort vor sich geht."

Maximus atmete tief durch, und die Erinnerung ließ ihn erschaudern. Ich wußte, daß mehr hinter seinen Worten sein mußte. Er war ein kampferprobter Soldat,  Blut und Tod waren ihm nicht fremd.

"Die Spiele werden von Beamten finanziert, die hoffen, wiedergewählt zu werden, und die wissen, daß der die größten Chancen hat, der das beste Spektakel auf die Beine stellt. Mit "beste Spektakel" meine ich das blutigste und verderbteste. Vieles von dem, was in der Arena dargeboten wird, überschreitet die Grenze zwischen Brutalität und perverser sexueller Zurschaustellung."

Er schwieg und blickte gebannt zu den ersten Sternen hinauf, die am dunklen Himmel aufleuchteten. Ich ließ ihm Zeit, seine Gedanken zu ordnen, bevor ich ihn drängte weiterzusprechen. Ich wußte, daß er darüber reden mußte, ganz gleich, welche Überwindung es ihn zu kosten schien. Ganz gleich welche Überwindung es mich kostete, das zu hören, was er zu sagen hatte.

"Sprich weiter", sagte ich so sanft wie nur möglich. "Du weißt, daß ich nicht so leicht zu erschüttern bin."

Bevor er weitersprach, fuhr sich Maximus mit den Händen über das Gesicht - eine vertraute Geste. Immer hatte ich dann das Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen und wie ein müdes Kind zu trösten.

"Weißt Du, daß die Leute auf den Rängen picknicken, während sie sich das anschauen? Sie essen, während menschliche Wesen wie sie selbst vor ihren Augen hingemetzelt werden. Sie sind selbst den barbarischsten Darbietungen gegenüber völlig gefühllos."

Vor meinem inneren Auge sah ich die Menschen auf den Rängen des Kolosseums. Schwitzende, lärmende Menschen mit Hüten und Kissen, Körben mit Essen und Weinschläuchen, bereit, das sinnlose Elend ihres Lebens für ein paar Stunden zu vergessen indem sie zusahen, wie das Leben anderer auf ebenso sinnlose Weise zerstört wurde.

Maximus ließ den Kopf sinken, seine Stimme war kaum mehr zu hören.

"Sie karrten eine Frau in die Arena. Eine schöne Frau. Sie war nackt und mit dem Gesicht nach unten auf einem verzierten goldenen Wagen ausgespannt, der wie ein Altar aussah ... als wäre sie ein Menschenopfer an die Götter. Nachdem man sie einmal rund um die Arena gerollte hatte, damit jederman sie gut sehen konnte, bedeckte man sie mit Tierhäuten. Dann betrat ein Mann die Arena mit einem Tier, das er offensichtlich besonders abgerichtet hatte ... und das Tier vergewaltigte die Frau."

Ich schnappte nach Luft, grub meine Fingernägel in seine Arme. Das war es also. Mit Blut und Tod hatte er umzugehen gelernt, aber nur, wenn sie in fairem Kampf unausweichlich waren, nicht jedoch, wenn man sie den Schwachen und Hilflosen abverlangte. Schmerz und Gewalt konnte er ertragen aber nicht Mißhandlung und Perversion. Plötzlich fragte ich mich, was er gesehen hatte, als er Olivias und Marcus' tote Körper sah? Was hatte er gesehen - außer dem Tod und was auch immer ihn gebracht hatte?

"Ich werde Dir nicht sagen, was für ein Tier es gewesen ist, aber ich hätte es nicht für möglich gehalten. Ihre Schreie waren entsetzlich. Es erübrigt sich zu sagen, daß die Frau schwer verwundet wurde und stark blutete. Dann ließ man wilde Tiere frei, die sie töteten. Die Menge liebte es."

Trotz aller Bemühungen konnten meine zitternden Lippen ein Schluchzen nicht zurückhalten, und Maximus zog mich an sich, nahm mich in seine starken Arme. Meine Tränen flossen wieder über das schwarze Leder seiner Rüstung, während ich über die sinnlose Brutalität einer Welt weinte, in der ein Mädchen gezüchtet und zur Hure gemacht und ein anderes zur Belustigung des Pöbels hingeschlachtet wurde. Ich weinte um eine tote Frau und einen toten Jungen, deren einziges Verbrechen es gewesen war, Ehefrau und Sohn eines Mannes zu sein, der vom Abkömmling seines Kaisers verraten worden war. Aber vor allem weinte ich um Maximus. Ich weinte über die Grausamkeit seines Schicksals, seiner Versklavung, seiner Verluste und seines Schmerzes, vergoß die Tränen, die zu vergießen ihm verboten war, weil er stark sein mußte. Die Tränen, die zu weinen er so bitter nötig gehabt hätte.

"Und das ist noch nicht alles."

"Ich will nichts mehr hören!" weinte ich, das Gesicht gegen seine Schulter gepreßt. Der Schmerz in meiner Brust war so intensiv, daß ich glaubte, mein Herz würde brechen.

"Du mußt es hören."

Er wartete, bis ich mich etwas beruhigt hatte.

"Streitwagen rasten in die Arena, jeder schleifte eine nackte Frau hinter sich her. Als ihre Leiber zerfetzt und aufgerissen waren, sie jedoch immer noch lebten, ließ man wilde Tiere frei, um ihnen "den Rest zu geben". Und auch das ist noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste waren ungefähr ein Dutzend süßer, blonder Mädchen ... alle schienen jünger als zehn Jahre zu sein ... vermutlich aus Germanien. Es ist gut möglich, daß ich sogar noch die Verantwortung dafür trug, daß sie an diesem entsetzlichen Ort waren. Kriegsbeute." Maximus schauderte und flüsterte: "Ich kann es nicht in Worte fassen, was mit ihnen geschah."

Da war so viel Elend in seiner Stimme. Ich klammerte mich fester an ihn. Sollte sein Schmerz niemals ein Ende haben? Reichte es nicht, daß er seinen Rang und seine Freiheit, sein Heim und seine Familie verloren hatte? Mußte man ihn auch noch der Illusion berauben, daß er als ein Soldat Roms recht gehandelt hatte?

Maximus rieb mir sanft den Rücken, während ich mich an ihn lehnte, ausgelaugt und erschöpft, die Welt ein finsterer und grausamer Ort. Allein in seinen Armen gab es Sicherheit und Zuflucht.

"Verstehst Du jetzt", fragte er mit unsicherer Stimme, "warum ich es nicht riskieren kann, daß Du irgendwie in einen Versuch, mich zu befreien, verwickelt wirst? Du könntest in der Arena enden - zur Belustigung des Pöbels. Das könnte ich niemals ertragen."

Unfähig zu sprechen, nickte ich nur an seiner Schulter und schniefte. Wir blieben so lange, lange Zeit stehen. Einer tröstete den anderen. Einer zog Kraft aus der Gegenwart des anderen.

Endlich richtete ich mich auf und nahm sein Gesicht in beide Hände.

"Es tut mir leid, daß ich Dich egoistisch genannt habe."

Er lächelte und küßte meine Finger, sein Kuß leicht und zart wie die Berührung eines Schmetterlings.

"Ist schon gut."

"Vergangene Nacht sagtest Du, daß Du für den Tod Deiner Familie verantwortlich seiest und daß Du es verdientest zu sterben. Maximus ... was ist mit ihnen passiert?"

Augenblicklich fühlte ich, wie er sich zurückzog.

"Ich möchte darüber heute nacht lieber nicht sprechen."

Meine Hände fielen auf seine Schultern und ich betrachtete sein angespanntes Gesicht. Mein Gefühl hatte nicht getrogen. Olivia war nicht einfach nur ermordet worden. Etwas viel Schrecklicheres mußte mit ihr geschehen sein. Und mit Marcus.

"Ich verstehe", sagte ich und verfluchte mich selbst, daß ich diese Frage gestellt hatte. Ich zermarterte mir das Hirn, wie ich die düstere Stimmung, welche sich auf uns gelegt hatte, wieder aufhellen könnte. Maximus' Magen knurrte gerade im richtigen Moment, eine willkommene Ablenkung in dieser schlimmen Situation.

"O je, ich habe ganz vergessen, daß Du schon ewig nichts mehr gegessen hast. Du mußt am Verhungern sein!"

Offenbar dankbar für die Ablenkung rieb Maximus sich den Magen.

"Das bin ich wirklich."

Ich stand auf und nahm ihn bei der Hand.

"Komm, das Essen wird in meinen Räumen bereits auf uns warten. Es ist sicherlich schon kalt."

Maximus gestattete mir, ihn den Weg entlang zu ziehen.

"Wahrscheinlich ist es gar nicht mehr da. Vermutlich haben es Deine Katzen wieder verspeist. Das sind die am besten genährten Katzen, die ich je gesehen habe", merkte er mit leicht spöttischem Unterton an.

Ich lachte. "Nein, diesmal habe ich die Diener angewiesen, das Essen abzudecken."

Ich schlang meinen Arm um Maximus' Taille und er reagierte instinktiv - legte seine Hand auf meine Schulter. Es fühlte sich so richtig an. So natürlich. So gut.

Es fühlte sich an, als sei es so bestimmt.

Als wir beim Haus anlangten, entzündeten die Diener Lampen und Laternen und auch die Fackeln in den eisernen Halterungen entlang des Hauptweges. Als Maximus der Diener ansichtig wurde, spürte ich die plötzliche Anspannung in seinem Körper, aber da ich meinen Arm fest um seine Mitte geschlungen hatte, konnte er die Hand nicht von meiner Schulter nehmen.  Meine Hausangestellten waren tüchtig und diskret, aber obwohl Männer und Frauen ihre Köpfe respektvoll senkten, wußte ich, daß sie interessierte Blicke auf den Mann in der blauen Tunika und der schwarzen Lederrüstung warfen. Seit Marius Servilius' Tod hatte die Villa keine Gäste mehr beherbergt, und männliche Besucher hatten niemals andere Räume als das Arbeitszimmer in der ersten Etage betreten. Nicht vielen römischen Haushaltungen steht eine Frau vor, und manchmal kann Sittsamkeit von Nutzen sein. Außerdem ist Trauer die perfekte Ausrede, um nicht an Vergnügungen teilnehmen zu müssen.

Hocherhobenen Hauptes ignorierte ich ihre kaum verborgene Neugier, schob Maximus zur Treppe und in die Sicherheit meiner privaten Räume.

Zu meinem Ärger war Apollinarius da und dirigierte eine Gruppe von Dienern, die eifrig mit abgedecktem Geschirr und Amphoren, Tischwäsche und Handtüchern, kleinen Krügen und Lampen hantierten. Die Frauen waren im Wohnzimmer beschäftigt, während die männliche Dienerschaft im zweiten Schlafzimmer ein und aus ging. Als sie uns sahen, hielten sie augenblicklich inne und verneigten sich respektvoll. Apollinarius strahlte.

"Gerade rechtzeitig!" rief er. "General, Deine Kleidung wurde eben gebracht und das Bad ist für Dich bereit."

"Danke", murmelte Maximus und schob eilig meinen Arm beiseite, den ich immer noch um ihn geschlungen hatte. Ich ließ ihn.

Ich ging zum Tisch und inspizierte das Abendessen, während die verunsicherten Diener sehr geschäftig taten, dabei aber immer wieder einen Seitenblick auf Maximus riskierten. Sie wußten, wer er war. Sie mußten es wissen. Einige von ihnen waren bei den Spielen gewesen. Ein fremder Mann, der in den privaten Räumen ihrer sonst so zurückgezogen lebenden Herrin schlief, war wirklich etwas Neues in diesem ruhigen Haushalt.

Und wenn es sich bei diesem Mann um Roms Stargladiator handelte, dann war dies erst recht interessant!

Von ihrem Platz auf der Couch aus blickte Rubia empört auf all die Leute, die da herumwuselten und es wagten, ihre geheiligte Privatsphäre zu stören - ich konnte ihr nur zustimmen. Ich wollte, daß jeder verschwand und zwar auf der Stelle, bevor ihre Anwesenheit die ersten Anzeichen des Erfolgs zerstörten, die meine Bemühungen, Maximus Stimmung zu heben, gezeitigt hatten.

"Ich hoffe, es ist die richtige Größe. Als ich sie kaufte, hatte ich Dich nur aus einiger Entfernung gesehen ..." plauderte mein ehemaliger Lehrer weiter und schien den Tumult um uns herum gar nicht wahrzunehmen.

Maximus nickte und fühlte sich offensichtlich reichlich unwohl bei all der Aufmerksamkeit, die ihm sowohl von der Dienerschaft als auch von Apollinarius entgegengebracht wurde.

Ein dumpfer Schmerz begann sich in meinem Hinterkopf bemerkbar zu machen.

Rubia hatte recht: jemand mußte hier für Ordnung sorgen, bevor die Dinge gänzlich außer Kontrolle gerieten ... und diese Aufgabe fällt gewöhnlich mir zu.

"Schluß jetzt!"

Die Diener zuckten zusammen als das ertönte, was ich für mich "die Stimme" zu nennen pflege. Sechs Jahre waren vergangen, seit Silvia Cornelias Koch versucht hatte, mich anzufassen. In der Zwischenzeit hatte ich gelernt, nicht nur mit unverschämten Dienern umzugehen, sondern auch mit brutalen Vorarbeitern, aufsässigen Kapitänen, treulosen Handelsagenten, arroganten Konkurrenten und unerwünschten Freiern. Ich hatte den Trick von meinem Gemahl gelernt, der, wenn er einen Befehl erteilte, seine Stimme nie mehr als nur um eine winzige Nuance hob. Die Tatsache, daß seine Stimme keinerlei Emotion verriet, machte unmißverständlich klar, daß er unverzüglichen Gehorsam erwartete, und welches die Konsequenzen wären, sollte man ihm denselben nicht erweisen.

Die Hausangestellten wußten, was von ihnen erwartet wurde, und in Sekunden hatten sie ihre Aufgaben erledigt und den Raum verlassen. "Die Stimme" hatte sie ebenfalls gewarnt zurückzukommen, ohne gerufen worden zu sein, und daß Klatsch nicht geduldet würde. Ich wandte mich an meinen ehemaligen Lehrer. Apollinarius trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, ein untrügliches Zeichen, daß er unzufrieden mit sich war: es war ihm nicht gelungen, eine unangenehme Situation zu vermeiden. Ich gab meiner Stimme einen weicheren Klang.

"Bitte, mein Freund, sei so gut und sag alle meine Termine für die nächste Woche ab. Ich werde auch keine Besucher empfangen. Gib Athenodoros und Nicia Bescheid, daß sie mich und den General persönlich bedienen."

Apollinarius nickte.

"Wenn Briefe unterschrieben und dringend erledigt werden müssen, dann sorge dafür, daß sie zur Frühstückszeit bereit liegen. Kümmere Dich persönlich um jede andere Angelegenheit. Du kannst mich über alles, was ich wissen muß, informieren, nachdem ich die Briefe unterschrieben habe. Ach, und sag Athenodoros, daß das Frühstück auf der Terrasse serviert werden soll."

"Wie Du wünscht, Julia."

"Danke, Apollinarius. Ich sehe Dich morgen früh."

Mein ehemaliger Lehrer verneigte sich leicht, verließ dann den Raum und schloß die Tür.

Als wir endlich allein waren, schwiegen wir lange und schauten einander nur an. Maximus sprach als erster.

"Ich gehe ins Bad."

"Brauchst Du Hilfe?"

"Ich bemerkte meinen Fehler erst, als es zu spät war, und errötete peinlich berührt. Wo war mein Verstand, wenn ich ihn am dringendsten brauchte? Wo war die Frau, die problemlos mit unverschämten Dienern, brutalen Vorarbeitern, aufsässigen Kapitänen, treulosen Handelsagenten, arroganten Konkurrenten und unerwünschten Freien umzugehen verstand? "Was ich ... ich meine ist ... all diese Schnallen ..."

Maximus lächelte, während ich krampfhaft bemüht war, mein Stammeln unter Kontrolle zu bringen.

"Ich kann Phaedrus rufen, daß er Dir hilft ... er war der Diener meines Gemahls ... er langweilt sich, weil er keine Aufgabe mehr hat ... Phaedrus ist alt, aber er  ... "

Maximus hob die rechte Hand und zeichnete mit seinem schwieligen Finger zärtlich die Linie meines Kinns nach, berührte meine Haut so leicht, wie er die samtene, blutrote Rose berührt hatte. Ich erschauerte und wandte den Blick ab.

"Julia ... Julia ... ist schon gut ... Ich kann mich um mich selbst kümmern ... Vergiß nicht, ich bin ein Sklave ... "

"Nein."

"Julia", fuhr er fort und streichelte dabei geistesabwesend meine Wange, "Du mußt das akzeptieren ... "

"Nein."

"Julia, ich sollte nicht hier sein ... ich sollte mich nicht in Deinen privaten Räumen aufhalten ... Du mußt an Deinen Ruf denken ... "

"Nein!"

"Selbst wenn man akzeptiert, daß Du mich gemietet hast für ... Ich sollte nicht bei Dir schlafen. ... Bring mich anderswo unter, bei Deiner Dienerschaft ... "

"NEIN!"

Maximus zuckte ob der Heftigkeit meiner Reaktion zusammen, zog seine Hand jedoch nicht zurück, sondern ließ lediglich seinen Finger auf meiner Wange ruhen.

"Nein, Maximus. Dies ist mein Haus, und mein Wort ist hier Gesetz", sagte ich, und wiederholte unbewußt die Worte meines Gemahls. "Und in meinem Haus gibt es keine Sklaven. Nur bezahlte Diener und Gäste. Und solltest Du es noch nicht bemerkt haben: Du gehörst zur zweiten Kategorie. Ein unerwarteter aber willkommener Gast. Und nun, General, nimm Dein Bad. Ich bin hungrig, und ich kann nicht ohne meinen Gast beginnen ... "

Maximus schenkte mir ein schwaches, wehmütiges Lächeln.

"Ich wußte schon immer, wann Du ärgerlich mit mir warst, Julia, denn dann nanntest Du mich nicht länger 'Maximus' sondern statt dessen 'General' ... "

Ich mußte sein Lächeln einfach erwidern, auch wenn meines kein freudiges war.

"Ich bin nicht ärgerlich mit Dir, Maximus ... "

"Nicht mal, weil ich mich geweigert habe zu fliehen?"

Ich holte tief Luft.

"Ich verstehe Deine Beweggründe, Maximus. Ich kann Deine Entscheidung sogar akzeptieren und respektieren. Aber Du kannst nicht von mir erwarten, daß ich darüber glücklich bin. Nicht einmal Du kannst so etwas von mir erwarten ..."

Etwas blitzte in seinen faszinierend blauen Augen auf. Er schluckte hart, blinzelte, als wolle er eine unerwünschte Gefühlsregung verbergen, dann ließ er die Hand fallen, senkte den Blick und schwieg.

"Geh, Maximus. Ich bin wirklich hungrig."

Ohne ein Wort drehte er sich um, verschwand im Schlafzimmer und schloß die Tür hinter sich.

Einen Moment lang blieb ich noch im Wohnzimmer sitzen, dann ging ich mit festem Schritt auf die Terrasse - ich brauchte dringend frische Luft, obwohl ich eben erst aus dem Garten zurückgekehrt war. Normalerweise genügte allein der herrliche Anblick des Tyrrhenischen Meeres, um meinem Geist Ruhe zu spenden. Dazusitzen zwischen Kübeln voller Büsche und Blumen half mir immer, wieder die Kontrolle über mich zu erlangen. Aber heute nicht. Nicht wenn es um Maximus ging. Ich blickte auf das Wasser jenseits des sandigen Strandes, sah jedoch nicht die Wellen sondern nur den Aufruhr, welchen ich vor kurzem in Maximus' meerfarbenen Augen  beobachtet hatte.

Brüsk wandte ich mich um, trottete zur Tür des zweiten Schlafzimmers und klopfte vorsichtig. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, welche Ausrede ich vorbringen könnte, um mein Eindringen in seine Privatsphäre zu rechtfertigen, und es war mir auch völlig gleichgültig. Ich konnte immer noch behaupten, daß ich kontrollieren wollte, ob die Diener gut gearbeitet hatten, ganz gleich, wie lahm das auch klingen mochte, nachdem Apollinarius bereitwillig ein Beispiel seiner Tüchtigkeit gegeben hatte.

Keine Antwort.

Ich klopfte noch einmal.

Wieder nichts als Schweigen.

Langsam drückte ich die Klinke nieder und die Tür öffnete sich.

"Maximus?"

Das Zimmer war leer.

Ich konnte mich nicht erinnern, es betreten zu haben, seit ich als Braut meinen Einzug in diese Villa gehalten hatte. Es blieb immer verschlossen außer wenn die Dienerinnen dort putzten und Boden und Möbel polierten. Die Tatsache, daß es für ein Kind bestimmt war, das es niemals geben würde, ließ mich diesen Raum meiden, so wie ich jeden Gedanken an dieses Kind mied.

Im goldenen Licht der Lampen entdeckte ich, daß es größer war, als ich es in Erinnerung hatte, und so gut eingerichtet wie jedes andere Zimmer der Villa. Es war fensterlos, wirkte jedoch nicht erdrückend dank der ländlichen Szenen, welche die Wände zierten und sich an der Zimmerdecke fortsetzten, die den Eindruck vermittelte, als blicke man in den Himmel. Es gab ein großes bequemes Bett, die Bettdecke war in einem zarten Grünton gehalten, der perfekt zu den Wandmalereien paßte, am Fußende stand eine geschnitzte Truhe. Maximus' neue Kleidung lag ordentlich auf dem Bett ausgebreitet: drei Tuniken - eine weiße, eine sandfarbene und eine weinrote - Unterwäsche für einen Mann, zwei Gürtel und ein Paar guter Sandalen.

Ein großer wollener Teppich, der offenbar aus den östlichen Provinzen stammte, bedeckte einen guten Teil des Mosaikbodens. An einer Wand befanden sich zwei große hölzerne Schränke, während man einen Stuhl neben einen kleinen Tisch gestellt hatte, auf welchem ein Lampenständer stand, der vier brennende Bronzeöllampen trug. Ein weiterer brannte auf einem zweiten Tisch dicht neben dem Bett, dort gab es auch eine Schale mit frischem Obst, eine silberne Kanne und ein Glas. Die geschlossene Tür am anderen Ende des Raumes sagte mir alles, was ich über den derzeitigen Aufenthalt seines Bewohners wissen mußte. Die Tür führte in ein großes, gekacheltes Bad, welches mit Toilette, Zuber und einem Becken ausgestattet war. Tagsüber wurde es durch Licht erleuchtet, das durch eine verglaste Kuppel fiel.

Als ich sah, daß es bereits zu spät war, um mit Maximus zu sprechen, und ich würde warten müssen, bis er zum Essen kam, wandte ich mich um und wollte das Zimmer verlassen, aber etwas auf der anderen Seite des Bettes erregte meine Aufmerksamkeit. Der schwarze lederne Brustpanzer lag auf der Erde, dort wo Maximus ihn zusammen mit seinen groben Stiefeln hingeworfen hatte. Seine blaue Sklaventunika war ein paar Schritte weiter auf dem Boden gelandet, als er sich ihrer auf dem Weg ins Bad entledigt und Rüstung und Kleidung von sich geworfen hatte, wie eine Puppe ihren häßlichen Kokon abstreift, um sich in einen herrlichen Schmetterling zu verwandeln.

Ich hob die Tunika auf, der noch immer ein wenig von der Wärme seines Körpers anhaftete. Sie war aus grobem Leinen gemacht, abgetragen und arg zerknittert, nicht viel mehr als ein Lumpen, und doch hatte er sie getragen, wie ein Herrscher seinen Purpurmantel trägt ... Ich hielt sie mir an die Nase und sog begierig ihren Duft ein. Sie roch nach Leder und Schweiß und seinem eigenen typisch männlichen Geruch. Ich schloß die Augen und preßte die Tunika an meine Brust, so wie ich mich danach sehnte, ihn in meine Arme zu schließen - sein Duft in meiner Nase und Bilder von Maximus in meinem Kopf, wie er seine Kleidung von sich warf und nackt in den Badezuber stieg ... Ich hatte Maximus niemals unbekleidet gesehen ... nur in meinen Träumen. Ich hatte ihn sogar nie mit freiem Oberkörper gesehen, sein Körper war immer vor mir verborgen gewesen durch Kleidung und militärische Rangabzeichen und seinen eigenen Willen. Aber was ich bereits von ihm gesehen hatte, war mehr als genug.

Als ich dort stand, die Augen geschlossen, die Nase in seiner Tunika vergraben, begann das süße, vertraute Fieber in meinen Venen zu glühen, und ich spürte, wie meine Haut heiß wurde und sich nach Berührung zu sehnen begann. Ich hatte Maximus nie unbekleidet gesehen ... und nun trennte ihn nur eine verschlossene Tür von mir, trennte mich von seiner nackten Schönheit ...

Es wäre so einfach gewesen, die wenigen Schritte zu gehen und sie zu öffnen ... Es wäre so einfach gewesen, das Bad zu betreten, dabei die Schulterschließen meiner Tunika zu öffnen und sie neben dem marmornen Becken fallen zu lassen ... Es wäre so einfach gewesen, in das warme, duftende Wasser des Bades zu steigen und sich neben seinen nackten, nassen, göttlich schönen Körper gleiten zu lassen ...

Würde er mich zurückweisen? Oder würde ich das blaue Feuer in seinen Augen brennen sehen, das vor sechs Jahren hinter dem Vorhang eines kleinen Alkovens in ihnen gebrannt hatte? Würde er wütend sein? Oder erleichtert, daß ich ihm den ersten Schritt abgenommen hatte? Würde er mich akzeptieren, mein wahres Ich, wenn er mich in seine Arme nahm? Oder würde er die Augen schließen und so tun, als sei die Frau, die er nahm, seine tote Ehefrau?

Ein Dufthauch kam mir entgegen ... so wie es im Wald duftet .. nach Harz und Kiefer und Kräutern ... Seife ... gefolgt von einem platschenden Geräusch ... jemand schrubbte sich energisch ... Ich öffnete schlagartig die Augen ... Etwas stimmte nicht ... Stimmte absolut nicht ... Waren die schweren geschnitzten Eichentüren meiner privaten Räume geschlossen, dann schluckten sie jedes Geräusch ...

Aber die Tür war nicht, wie ich angenommen hatte, als ich Maximus' Zimmer betrat, geschlossen. Statt dessen war sie nur angelehnt, und als ich mich umdrehte, konnte ich einen Blick auf den gekachelten Boden des Bades und das Bassin erhaschen. Fasziniert blieb ich stehen und lauschte den Geräuschen, welche von jenseits der Türschwelle zu mir hinausdrangen, während Maximus sich mit der Gründlichkeit eines Soldaten wusch und es wie ein echter Römer in vollen Zügen genoß.

Ich preßte die Tunika fester an mich, mein Herz raste, und mein Verstand rief mir zu, daß ich das Zimmer verlassen, daß man mich hier besser nicht dabei überraschen sollte, wie ich ihn beobachtete, auch wenn dies nicht meine Absicht gewesen war. Aber mein Körper lehnte sich gegen die unvermeidliche Notwendigkeit auf und drängte mich statt dessen, zu ihm zu gehen, die Schwelle zu überschreiten und das Bad mit ihm zu teilen ... die Schwelle zu überschreiten und ihn zu dem Meinen zu machen ...

Plötzlich vernahm ich ein lautes platschendes Geräusch. Stille. Durch den Türspalt sah ich etwas Weißes. Ein Handtuch. Er war aus dem Bad gestiegen und trocknete sich ab. Ich sollte gehen. Jederzeit könnte er die Tür öffnen und das Schlafzimmer betreten, würde mich entdecken, wie ich seine Tunika an mich preßte, in seine Privatsphäre eindrang ...

Ich rührte mich nicht.

Meine Augen erhaschten eine Bewegung. Einen Schatten. Dann einen kurzen Blick auf glänzende, gebräunte, nackte Haut, straff über kräftige Muskeln gespannt.

Maximus' nackter Rücken.

Die Rundung eines herrlich geformten, festen Hinterteils.

 

Seine Tunika immer noch an mich drückend floh ich aus dem Schlafzimmer.

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