DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 2

Viertes Kapitel – Das Wiedersehen

 

Die kommenden Tage sind derart ausgefüllt mit administrativen Erledigungen und Anforderungen, dass Anja keine Zeit zum Grübeln oder tiefen Trauergefühlen findet. Die Trauer verarbeitet sie, man könnte sagen, positiv, soweit dies eben möglich war. Die lange Krankheit und das nahende Ende der sterbenden Frau, war etwas so Definitives und Unabwendbares, dass die seelische Vorbereitung auf die Todesstunde für das junge Mädchen schon lange vorher stattgefunden hatte. Der emotionelle Schock war demnach nicht mehr von großem, erschütterndem Ausmaße. Mit dem Tode Evelines geht für Anja auch ein Lebensabschnitt zu Ende. Sie spürt, dass die Ungezwungenheit der Jugend dem Ernst des Lebens Platz gemacht hat.

Stuttgart ist eine pulsierende Stadt und es gibt viel für sie zu entdecken. Doch kaum ist sie in der Universität Stuttgart, unweit des Rot- und Schwarzwaldes eingeschrieben und hat die ersten Vorlesungen besucht, tritt man mit einem großen, neuen, internationalen  Bauvorhaben an die väterliche Firma heran. In der österreichischen Hauptstadt Wien soll in der bereits existierenden UNO-City ein neues Kongresszentrum entstehen. Frédéric lässt Anja wissen, dass er in den nächsten Jahren zwischen Stuttgart und Wien pendeln werde und sich möglicherweise länger in der Hauptstadt dieser Alpenrepublik aufhalten wird müssen. Anja, die noch keine Zeit gehabt hatte, sich in der kurzen Zeit an das Leben im großen Stadthaus oder einen neuen Freundeskreis zu gewöhnen, ist hellauf begeistert: sie würde sich für Wien entscheiden. Durch ihre Adern floss das abenteuerlustige Blut ihres Vaters, Scheu oder gar Bedenken vor Neuem, Unbekannten kennt sie nicht!

Die viel besungene Stadt an der Donau war seit dem Altertum ein Schmelztiegel aller Kunstrichtungen und Wiege vieler großer Maler, Musiker und Dichter. Sollte es auch nicht auf Dauer sein, sie würde nur zu gern die renommierte Universität in Wien besuchen und die Stadt, ein lebendiges Museum schlechthin, auf sich wirken lassen.

Voll erwartungsvollem Eifer sieht sie dem ersten Besuch in der ehemaligen Kaiserstadt Wien entgegen. Ihre Kartons und Reisetaschen stehen teilweise noch ungeöffnet im Zimmer und haben noch nicht einmal einen festen Platz gefunden im Hause ihrer Mutter. Trotz der gediegenen und wertvollen Ausstattung des alten Baues, den zuvorkommenden Bediensteten, dem angenehmen Komfort und der riesigen Bibliothek, findet Anja die Atmosphäre bedrückend und sie erinnert sich kaum noch an den Großvater. Nur schattenhafte Umrisse sind von ihm in ihrem Gedächtnis haften geblieben, sieht man von dem Goldgerahmten Ölgemälde ab, das im Büro ihres Vaters an der Wand hängt. Im Kinderzimmer ihrer Mutter, das auch das ihre in den drei ersten Jahres ihres Lebens gewesen war, findet sie Zuflucht und Trost angesichts der gerahmten Erinnerungsfotos, die alle in den gleichen Silberrahmen an den Wänden prangen. Ein kleines, blasses Mädchen, dessen Haar sein Gesicht wie eine helle Wolke umgibt, mit einem kleinen Cockerspaniel am Arm, sieht ihr aus großen, blauen Augen entgegen. Den Augen ihrer Mutter, die sie von ihr geerbt hat. Ein anderes Foto stellt eine ausgesprochen schöne Frau dar, sie sitzt auf einem Barhocker, sehr professionell blickt sie in die Kamera. Ihr Haar ist kurz und glatt und wird von einem Stirnreif festgehalten, nach Mode der zwanziger Jahre. Anja weiß, dass es sich bei dieser gepflegten Erscheinung um ihre Großmutter, die Schauspielerin, handelt. Es muss eine harte Frau gewesen sein, denkt sie, ihr kränkelndes Kind und den Mann einfach im Stich zu lassen...

Die elfenbeinfarbenen, lackierten Möbel, auf welchen prächtige, alte Puppen mit Porzellanköpfen sitzen, standen bereits in dem Raum, als ihre Mutter, Elisabeth, das Zimmer bewohnte. Die feinen, hellrosa Vorhänge geben den Durchblick auf die belebten Strassen frei, und den etwas weiter entfernten Krähenwald, dessen grüne Farbtupfer zwischen den Häuserzeilen leuchten.

Man hatte für das junge Mädchen ein Zimmer im ersten Stock eingerichtet, modern und hell. Es blieb Anja überlassen, es fertig zu dekorieren oder einzurichten und sie hatte sich noch keine Gedanken darüber gemacht, als sich eben diese Möglichkeit ergab, in Wien weiter zu studieren! Es zieht Anja auch ungewöhnlich oft auf den Friedhof, wo sie die Familiengruft aufsucht und stumme Zwiegespräche mit ihrer Mutter hält. Noch nie hat sie ihr so gefehlt wie seit dem Tode Evelines, die nun unter den Pinien, im Süden Frankreichs, ihren ewigen Schlaf gefunden hatte, begleitet vom Zirpen der Zikaden und dem Rauschen des Mistrals in den Olivenzweigen.

 

Eine weibliche Bezugsperson fehlt Anja, ohne dass sie sich dies eingestehen möchte, und sie leidet in gewisser Weise darunter. Sie hätte sich gerne jemandem mitgeteilt und über ihr Erlebnis mit Philippe gesprochen. Sie wollte sich ihre Zweifel von der Seele reden, ihre Frustration, die sie erfahren musste, als sie das erste Mal in den Armen eines jungen Mannes lag und wollte wissen, ob es immer so sei, ob es an ihr lag, dass sie diese Erfahrung lieber nicht gemacht hätte. Carla war so gut wie nie in ihrer Nähe und die kurzen Telefongespräche waren zwar freundlich und gut gemeint, aber sicher nicht ausreichend, um ihr Trost oder Zusprach geben zu können. Es ergibt sich keine Gelegenheit, auf das heikle Thema „Liebe“ zu kommen und so baut Anja eine Schutzmauer um sich herum auf. Ihrem Vater gegenüber überspielt sie die Ängste und Fragen ihres Herzens mit Frohmut und Lebensfreude. Er sieht oft so müde aus und sie würde ihm liebend gerne einen großen Teil seiner Verpflichtungen abnehmen. Er ist ein Arbeitstier und immer noch der Meinung, er sei für jeden einzelnen seine Angestellte und dessen Wohlergehen persönlich verantwortlich. Nichts konnte ihn davon überzeugen, dass es an der Zeit war, etwas kürzer zu treten.

Kurz vor den Osterferien reisen Vater und Tochter nach Wien. Das junge Mädchen ist von der ausladenden Pracht der Paläste und Bauten, Museen und Kirchen, Kathedralen, alten Plätzen und schmalen Gassen fasziniert. Gleichzeitig ist der moderne Aufstieg und Fortschritt der Stadt überall spürbar und lässt keinen Zweifel an der Tatsache - Wien ist jung! Sie haben keine Schwierigkeiten eine kleine Zweizimmerwohnung nahe dem Zentrum, zwei U-Bahn-Stationen von der Universität entfernt für Anja zu finden. Ein kürzlich fertig gestelltes Appartementhaus bietet zu gediegenen Preisen seine komfortablen, hellen Wohnungen an und ein Mietvertrag ist nur einige Tage später abgeschlossen.

Anja ist zufrieden und die Vorstellung, diese interessante Stadt bald zu erobern, beflügelt ihre Gedanken und lässt sie wieder aufleben. Die Ereignisse überstürzen sich in ihrem jungen Leben. Da keine Zeit bleibt, die Wohnung fertig einzurichten, überlässt Anja dem Verwalter die Schlüssel und bestellt bei einem modernen Einrichtungshaus per Katalog die gewünschten Möbel und Ausstattungen. Der Verwalter versichert ihr, er würde sich um alles kümmern, sie wäre nicht enttäuscht, wenn sie endgültig käme, um hier zu leben. Frédéric freut sich über das Organisationstalent seiner Tochter und ist froh, dass sie trotz ihrer künstlerischen Ambitionen nicht weltfremd war, sondern praktisch denkend und voraus blickend.

Noch ein paar Wochen vor Trimesterschluss kehrt Anja nach Wien zurück und stürzt sich in ihre Entdeckungsstreifzüge, um Wien zu erobern. Die Menschen sind aufgeschlossen und immer bereit, sich dem Frohsinn hinzugeben, der sich in ihren Gesichtern widerspiegelt. Zugang zu ihren Gemütern zu finden, fällt Anja leicht und sie ist bald von einer Menge junger, lebenslustiger Leute umgeben, die das klassisch schöne Aussehen des Mädchen faszinierend finden und sich an dessen ungezwungener, fröhlicher Lebenseinstellung erfreuen. Ihre Gesellschaft wird geschätzt, doch von den jungen Männern hält sie sich fern und lehnt jede persönliche Einladung zu einem Treffen zu zweit ab. Nur in der Gesellschaft ihres großen Bekanntenkreises, umgeben von mehreren Leuten, fühlt sie sich wirklich wohl und kann aus sich herausgehen.

Zu Beginn der Osterferien will sie sich aber den geplanten, zweiwöchigen Aufenthalt mit dem Vater in Ägypten nicht entgehen lassen. Enttäuscht erfährt Anja am Abend vor dem Reiseantritt, dass Frédéric noch einige Tage in Wien bleiben muss. Dringende Geschäftsbesprechungen, wie schon so oft, halten ihn zurück.

Es war das erste Mal, dass Frédéric sie nicht begleitete. Er wollte rasch nachkommen, doch das Komitee der Internationalen Vereinten Nationen brauchte seinen Rat für die Weitergestaltung und den Ausbau des ursprünglichen gigantischen Bauvorhabens der UNO-City, die sich bereits zu einer Stadt in der Stadt entwickelt hatte und stetig weiter wuchs. Ein Ende der Bautätigkeit war noch gar nicht geplant oder gar abzusehen.

Anja will nicht warten und so fliegt sie plangemäß nach Kairo. Smaïn, der seit geraumer Zeit die Firma vertritt, holt sie vom belebten Flughafen ab. Die Hollowitz-Werke haben nicht unerhebliche Aufträge bei der Gestaltung der Metro in Kairo errungen, mit deren Bau man schon vor Jahren begonnen hatte. Die Semesterferien der Universität sollten drei Wochen dauern und Anja war noch unschlüssig, ob sie die gesamte Zeit in Afrika bleiben wollte. Andererseits zog es sie seit einiger Zeit wieder nach Kaysersberg, der Heimat ihres Vaters. Die Aussicht, in dem lieblichen Weinhauerstädtchen relaxen zu können war fast genauso verlockend wie die trägen Sonnentage, die sie in Ägypten verbringen wollte.

Als Smaïn der jungen Frau gegenüber steht, die er nun seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte, traut er kaum seinen Augen. Anja hat endgültig die Phase ihrer körperlichen Entwicklung zur ausgereiften Frau hinter sich gelassen, und vor ihm steht eine hübsche, weiblich geformte Achtzehnjährige, die ihm immer noch mit einem übermütigen, fast herausfordernden Blick aus den tiefblauen, großen Augen entgegen blickt. Das volle, braune Haar von der Farbe der glänzenden Kastanienfrucht trägt sie teilweise keck und locker hochgesteckt, teilweise fällt es in weichen Wellen in ihre hohe Stirn und über den Nacken bis auf die runden Schultern. Ihre Haut war heller als sonst, stellt der Ägypter fest. Anscheinend kam sie durch ihr Studium nicht viel an die Sonne. Dass es um diese Zeit in Wien noch nicht besonders viel Sonne gab, darauf kommt Smaïn nicht, zu sehr steht er unter dem Banne der jugendlichen und doch gereiften Ausstrahlung seines Schützlings. Irgendwie hat diese junge Frau, die in seinem Lande längst das heiratsfähige Alter überschritten hatte, nichts mehr mit dem ausgelassenen Flederwisch zu tun, von dem er sich nur zu gerne herumkommandieren hat lassen während der vielen Jahre. Sie war oft nach Ägypten gekommen, und nicht hatte er lieber getan, als ihr Begleiter, Wächter und Ersatzvater zu sein, wenn der eigene Erzeuger anderweitig zu sehr beschäftigt war, wie es ja meistens der Fall gewesen war. Anscheinend hielt diese Situation noch weiter an, sonst wäre sie nicht allein gekommen.

Anja küsst den vertrauten Mann auf die Wangen und meint spitzbübisch: „Du wirst nicht älter Smaïn! Immer siehst du gleich aus, seit ich dich kenne!“ Er lacht und versucht damit seine Ungezwungenheit wieder zu erlangen, die er angesichts des fraulichen Charmes Anjas irgendwo auf der Strecke gelassen hatte.

„Schön wär’s ja“, meint er mit einem schiefen Lächeln und um von seiner Person abzulenken, fügt er hinzu: „Das kann man nicht von dir behaupten, ich hätte dich kaum wieder erkannt!“ übertreibt er und nimmt ihr die Reisetasche ab, die sie als Handgepäck mit sich geführt hatte.

Während sie in der Halle auf den großen Koffer warten, kann er sie verstohlen von der Seite messen. Sie ist groß, nicht übermäßig, aber größer als die ägyptischen Frauen. Sie hat die grazilen Bewegungen einer Schauspielerin, denkt er. Ihm ist nicht bekannt, dass Anjas Großmutter eine gefeierte Künstlerin in den Dreißiger Jahren war, also leitet er diese Betrachtung nicht von dieser Tatsache ab. Es ist ihre Art, das Haar aus der Stirn zu streifen, ihr gerader, fast aufreizend eleganter  Gang, der jedoch keineswegs gekünstelt erscheint und ihre, trotz allem, greifbare, natürliche Jugend, die ihn fasziniert. Sie versinnbildlicht das Leben und ohne Zurückhaltung könnte er sie mit einer der längst vergessenen, ägyptischen Prinzessinnen des Altertums vergleichen. Ihr Profil, dass sie nun aufmerksam dem Förderband der Gepäcksbeförderung zugewandt hat , erscheint ihm wie das einer gemeißelten Büste aus hellem, polierten Marmor und ihre vollen Lippen, die immer einen Anflug des Lächelns andeuten, sind fast sinnlich zu nennen. Sie war die weibliche, vollkommene Ausgabe ihres Vaters.

„Da ist er, das ist mein Koffer!“ Smaïn schreckt aus seinen intimen Gedanken und greift sich den großen, braunen Lederkoffer, auf welchen das Mädchen mit ausgestrecktem Zeigefinger zeigt.

Sie fahren zum Hilton Hotel, wo sie noch drei Tage wohnen werden. Erst dann kann Smaïn aus Kairo weg und sie wollen nach Assuan weiterfliegen, wo das Haus der Träume mit seinen schattigen Gartenecken, den angenehm kühlen Räumen und der orientalischen, trägen Atmosphäre auf sie wartet. Sie braucht diesen stetigen Wechsel ganzer Welten, der immer schon ihr Leben bestimmt hat.

Nach einer erholsamen Erfrischung und Ruhepause, treffen sich beide in der mondänen Hotelhalle. Die Klimaanlage ist für Anjas Geschmack zu hoch eingestellt und sie fröstelt ein wenig, als sie Smaïn, der ihr in Jeans und einem leichten Baumwollhemd, das er am Hals offen trägt, gegenübersitzt und an einem eisgekühlten, frischen Fruchtsaft nippt. Ihr Gegenüber hat sich leicht nach vorne geneigt und hält die Hände verschränkt, während er sie erwartungsvoll anblickt: „Erzähl mir von deinem Studium, immer noch so begeistert?“

„Natürlich“, erwidert Anja erstaunt. Sie wendet ihren Blick gewaltsam vom Hemdausschnitt des Ägypters ab, auf dessen sehnigen, braunen Hals sie ebenso gestarrt hat, wie auf den sichtbaren, muskulösen Brustansatz des Mannes. „Ich liebe die Kunst, meine Malerei, die Werke der Grossen dieser Welt und ich glaube, ein Leben wird kaum ausreichen um einigermaßen die Gefühle und Aussagen verstehen zu können, die hier ausgedrückt worden sind. Liebe, Leid, Sehnsucht, Leidenschaft, Angst...  alles Menschliche, das unser Leben bestimmt, von der Wiege bis zum Grabe.“ Smaïn lächelt über den leidenschaftlichen Ausdruck in Anjas Augen und nickt: „So ergeht es mir auch. Ich glaube manchmal, alles über Ägypten und seine Vergangenheit zu wissen, dann werde ich oft eines Besseren belehrt, man findet etwas Neues, aus einer Epoche, die man bis dato falsch eingeschätzt hat. Man findet Mumien wichtiger, einflussreicher Menschen Ägyptens, von deren Existenz man nicht einmal eine Ahnung hatte. Oft sind es Verwandte oder Abkömmlinge bekannter Könige der verschiedensten Dynastien angehörig, und schon ist die Geschichte, wie man sie bisher in Büchern festgehalten und gelehrt hatte, überholt und hinfällig. Eigentlich müsste die Geschichte dieses Landes jedes Jahr und nach jedem wichtigen Fund neu geschrieben werden.“

„Das heißt, die Geschichtsbücher, die man in den Schulen benutzt, sind allesamt falsch?“ entgegnet das interessierte Mädchen zweifelnd.

„Nein“, erwidert Smaïn und lehnt sich zurück, „nicht falsch, aber überholt. Wichtige Einträge fehlen, Ergänzungen und Berichtigungen vielleicht. Natürlich entstehen so auch Fehler. Aber für die meisten Verantwortlichen der verschiedenen Schulsysteme der westlichen Welt ist Ägypten eine längst versunkene Kultur, über die man eben ein wenig Bescheid wissen muss, wie auch über Griechen und Römer, die jedoch, ihrer Meinung nach, den Lauf der Dinge dieser Welt in der Gegenwart in keiner Weise mehr beeinflussen können oder für sie Wichtigkeit haben. Es ist eher eine sehr alte Legende mit hübschen Geschichten, die sich um schöne Frauen wie Nefertari, Nofretete oder Kleopatra ranken, von Liebe und Tod berichten, und dem Leben, wie es so spielte, damals und bis zum heutigen Tag. Es sind Mythen über Herrscher wie den großen Ramses oder dem Ketzerkönig Echnaton. Ihre Taten werden verherrlicht oder verurteilt. Aber wer waren sie wirklich? Man vergisst nur allzu leicht, dass es sich um Menschen handelte, Menschen mit ihren Gefühlen und Gedanken, mit ihren Ängsten und Träumen, Schmerzen und Sehnsüchten. Bis auf die wenigen, faszinierten Ägyptologen dieser Welt, wissen die wenigsten, auch noch so klugen Leute, dass alles was wir sind und haben aus Ägypten kommt. Man hat einfach keine Zeit, sich heute noch mit diesen Dingen zu beschäftigen oder gar den Kopf darüber zu zerbrechen. ‚Fortschritt’ heißt der Gott der Menschen und Macht, Geld und Ansehen sind die Leitmotive des zwanzigsten Jahrhunderts.“ Smaïn hat sich in Eifer geredet und Anja lächelt: „Du hast recht und ich bin froh, dass es solche Menschen wie dich und meinen Vater gibt, die die Wahrheit erkannt haben. Ihr wart immer auf der Suche nach ihr und ihr habt sie gefunden!“

„Einen Teil davon, Anja, nur einen kleinen Teil davon“ erwidert der Ägypter rasch, „die ganze Wahrheit zu kennen, das vermag heute niemand. Aber es stimmt, man wird regelrecht süchtig nach dem Wissen um diese Welt unserer Ahnen und es lässt einen nicht mehr los. Man spekuliert, assoziiert und versucht besser zu begreifen. Es ist jedes Mal eine große Befriedigung für mich, wenn dank der verschiedenen Ausgrabungen und Funde, sich das eine oder andere Puzzle scheinbar widerwillig zusammensetzt. Für mich ist es dann, als hebe sich ein Vorhang über die bisher dunkle Bühne eines Stückes, das nun endlich lebendig und bunt vor mir erstrahlt. Mir ist, als hätte ich ein Stück meiner Seele damit erkannt und entdeckt.“

Anja legt eine Hand auf Smaïns verschränkte Hände: „Du bist so voller Begeisterung, Smaïn, so voll Feuer in deinem Herzen...“ sie macht eine kleine Pause, bevor sie weiter spricht: ...“bist du nicht einsam, wo du doch weißt, dass nur wenige Menschen deinen Enthusiasmus teilen, dass du praktisch allein dastehst mit deinen Fragen und Erwartungen?“

Smaïn fühlt Anjas zarten Druck auf seinem Handrücken wie eine heiße, elektrische Ladung, die sich in seinem Inneren fortpflanzt. Um jedoch seine Empfindung nicht zu verraten, versucht er seiner Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen, als er ihr rasch antwortet: „Nicht ganz so allein, wie es vielleicht den Anschein hat. Rechnet man die begeisterten Ägyptologen der Welt zusammen, dann wird daraus ein recht ansehnlicher Haufen von begeisterten Leuten, die alle das gleiche Ziel wie ich oder Carla verfolgen.“

„Wie schaffst du es nur, dass du soviel Zeit für deine Archäologie aufbringen kannst, wo du doch fast immer für die Firma arbeitest, ja oft jahrelang hintereinander bei Projekten mit dabei bist. Der Tag hat doch nur vierundzwanzig Stunden!“ Echte Verwunderung spiegelt sich in Anjas Augen und ihrer Stimme, und Smaïn, der sich inzwischen gefasst hat, erwidert ruhig: „Ich habe nichts, das mich von meinen Tätigkeiten und Aufgaben ablenkt. Meine Liebe gilt Ägypten, sei es, um in längst vergessenen Sandhügeln zu graben oder sei es, um dem Land Fortschritt und Wohlstand zu ermöglichen durch die Projekte deines Vaters, der sich immer um Ägypten bemüht hat und dem unser aller Dank gilt. Denn das alte Ägypten ist mit dem heutigen Ägypten ebenso untrennbar verbunden wie Sonne und Mond! Lebt das moderne Ägypten nicht größtenteils von seiner Vergangenheit, den Menschen, die kommen um die alten Monumente zu bestaunen und in alten Mythen zu wühlen? Ist es da nicht ganz normal, dass ich dazu beitrage, was in meiner Macht steht?“

„Trotzdem“, meint Anja sinnend und schüttelt den Kopf, „ich frage mich wirklich, wie du das alles schaffst. Und dann komme ich und stiehl dir auch noch deine wertvolle Zeit!“

Smaïn lächelt beschwichtigend und beruhigt sie: „Du weißt, dass ich jede Stunde, jeden Tag mit dir genossen habe, seit du als kleines Ding hier eingetroffen bist, verschlafen und mutterlos. Daran wird sich nichts ändern, Anja, ich bin immer für dich da und ich habe immer ein offenes Ohr für dich, bis du eines Tages den Mann deines Lebens kennen lernen wirst, der mir diese süße Bürde abnehmen wird.“ Er seufzt gespielt: „Ich hoffe, das wird noch ein Weilchen dauern.“

„Da kannst du ganz beruhigt sein“, entgegnet Anja trocken und denkt dabei unwillig an ihr erstes,  enttäuschendes Liebeserlebnis, an die Studenten, sie sich vor ihr aufspielen und vor ihr balzen, um sie für sich zu gewinnen und sie fügt hinzu: „Ich glaube, ich werde, so wie du, nur für meine Ideale leben, für die Kunst. Ganz sicher nichts aufgeben für irgendeinen Mann!“

Smaïn ist der leidenschaftliche Ton in Anjas Worten nicht entgangen und er horcht auf. „Wie kannst du so sprechen, Anja!“ mahnt er sie. „Ich rede nicht von irgendeinem Mann, ich spreche von „dem“ Mann. Er wird unverhofft in dein Leben treten und du wirst keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Unter seinem Blick wirst du dahin schmelzen und seinen Worten wirst du lauschen und sie als Musik empfinden. Seine Berührungen werden dir den Weg zum Himmel weisen.... Wirklich, du sprichst von Dingen, die du noch nicht kennst, ganz wie eine Frau, die schon ein paar gescheiterte Beziehungen hinter sich hat und nicht wie ein junges, erwartungsvolles Mädchen! Das passt nicht zu dir!“

Prüfend blickt er sie an, wie ein Vater, der versucht, seiner Tochter ein Geheimnis zu entlocken, dass er eigentlich nicht wissen will. Sie senkt den Blick und erwidert ihm, der auf eine Antwort wartet: „Ich denke eben so. Ich bin nicht geschaffen für eine Beziehung, ich bin mir da sicher. Ich finde Jungs wirklich alle andere als interessant, um an sie auch nur einen kostbaren Gedanken zu verschwenden oder gar die Zeit mit ihnen zu vertun.“

‘Also doch eine Enttäuschung’, denkt Smaïn und empfindet einen Anflug von Zorn. Wer hat es gewagt seiner Anja weh zu tun? Laut sagt er: „Du wirst sehen, das Leben hält soviel für dich bereit und dazu gehört eben auch Liebe. Du kannst es dir noch nicht vorstellen, du bist jung...“

Aufreizend hält sie ihm entgegen: „Du sprichst von Dingen, die du gar nicht wirklich verstehen kannst! Du lebst einsam wie ein Wolf und es gibt keine Frau in deinem Leben. Wie kannst du von großen Gefühlen sprechen oder gar vom Himmel...“

Noch bevor sie ihren Satz vollendet hat, weiß sie, dass sie die wunde Stelle ihres Freundes getroffen hat und sie bereut es zutiefst. Ihr Temperament ist wieder einmal mit ihr durchgegangen. Das Gesicht Smaïns ist fahl geworden und sein Blick verheißt nichts Gutes, als er schroff erwidert: „Du weißt nichts von mir, du bist ein Kind, du kennst weder meine Gefühle noch mein Leben. Du bist töricht, wenn du glaubst, dass eine Liebe sterben kann. Ich habe einmal geliebt, wirklich geliebt und das zählt für mich. Wenn du denkst, diese Liebe sei von kurzer Dauer gewesen, dann irrst du dich, Liebe währt ewig! Frag’ einfach deinen Vater und er wird es bestätigen. Wenn er jetzt eine Beziehung zu Carla unterhält, heißt das noch lange nicht, dass er deine Mutter vergessen hat. Das ist dir doch hoffentlich bewusst!“

Anja sinkt schuldbewusst noch tiefer in ihren weichen Fauteuil und versucht sich Rechtzufertigen: „Das habe ich nicht so gemeint, du solltest wissen, dass ich damit nicht die Liebe zu deiner armen Frau gemeint habe. Aber alles ist so lange her und du warst damals noch so jung. Warum hast du nicht versucht dir ein neues Leben aufzubauen, wenn Liebe für dich so wichtig ist! Mein Vater hat in seinem Leben auch für eine neue Frau Platz geschaffen, obwohl er meine Mutter wirklich geliebt hat!“

Smaïns Augen blicken wieder milder in das schöne Mädchengesicht, als er leise sagt: „Dein Vater hat deine Mutter nie vergessen, wie könnte er auch, er hat ja dich als immerwährende Erinnerung an sie. Carla ist ihm eine gute Gefährtin, aber er wird sie nie so lieben, wie er deine Mutter liebte, glaub‘ mir. Auch ich habe Frauen gekannt, doch keine wird jemals den Platz von Aysha einnehmen. Ich habe nichts, das mir geblieben ist von meiner Familie. Mein Sohn wäre heute ein Mann, einige Jahre älter als du. Die Götter haben mir nicht gestattet, dieses Glück erleben zu dürfen.“ Mehr zu sich selbst fügt er hinzu: „Vielleicht haben sie mich anderwärtig gebraucht!“

Anja weiß, dass Smaïn nicht dem islamischen Glauben angehörte. Er spricht gern von den alten Göttern, doch sie weiß, dass er Atheist ist, wie ihr Vater. Für ihn zählen die Realität und das Leben heute. Deswegen gehört er zu den Männern der Tat, die nur an sich selbst glauben und an das, was sie schaffen. Denen kein Hindernis im Leben unüberwindbar erscheint, die mit jedem Schritt alles unter ihren Füssen zertreten und vorausstürmen wie Heerführer, die meinen, die Welt besiegen zu müssen. Ungewollt denkt Anja an die Reliefs in den alten Tempeln, die den Pharao darstellen, wie er in seinem Streitwagen dahinstürmt und unter den Hufen seines Pferdes die Feinde Ägyptens zermalmt. Smaïn sollte man nicht zum Feind haben, das stand fest.

Anja ist froh, dass Smaïn nicht mehr verletzt wirkt und willigt dem Vorschlag, den großen Bazar der Altstadt aufzusuchen, freudig zu.

Am nächsten Tag hat Smaïn keine freie Minute für Anja, der er aber einen verlässlichen Chauffeur schickt. Sie lässt sich umherfahren und unternimmt bereits am frühen Morgen einen Ausflug in den Pyramidenbezirk von Gizeh. Aber nicht den großen Pyramiden gilt diesmal ihr Besuch, sie interessiert sich vor allem für die Stufenpyramide von Sakkarah, dem ältesten, bekannten Bauwerk der Welt. Wie viel Geheimnis es birgt, dieses Grabmal des König Djosers.... Sie ist allein angesichts dieser Anhäufung von Fels und Stein und genießt die greifbare Stille ringsum. Lange sitzt sie auf der Schattenseite des gewaltigen Baues und hängt ihren Gedanken nach. Der Chauffeur bleibt in angemessener Entfernung, an den Wagen gelehnt stehen und raucht wortlos seine Zigaretten. Unmerklich lässt er sie nicht aus den Augen, sein Boss hat ihm unmissverständlich klar gemacht, dass ihr kein Haar gekrümmt werden durfte. Er musste sie hüten wie sein Augenlicht. Man konnte sich auf ihn verlassen, das wusste Smaïn.

Noch steht die Sonne nicht am Zenith und die Luft ist warm, ohne die Haut zu verbrennen.

Anja ist für gewöhnlich keine Grüblerin und ein Mensch der Tat, der Vernunft und Einsicht. Aber seit ihrem Erlebnis mit Philippe Valet, das über ein Jahr zurückliegt, hat sie sich mit keinem Jungen mehr richtig befasst. Ihr Freundeskreis war groß und es gab mehrere junge Männer, auch unter den Studienkollegen und deren Freunden, die nur zu gerne eine intime Beziehung mit Anja hätten, die über Freundschaft hinausreichte. Anja lässt zu, dass man sie küsst, umarmt, sie liebte auch enge Tänze, wenn sie mit ihren Freundinnen am Wochenende von Lokal zu Lokal zog und sie genoss dies alles. Aber wenn sie die Erregung der Burschen spürte, die sich weit mehr von dem anziehenden, schönen  Mädchen versprachen, blockte sie ab und verschwand meist so rasch, dass diese es erst bemerkten, als Anja bereits nicht mehr auffindbar war. Sie wusste, dass Sex für sie keine Erfüllung darstellte, obwohl sie manche Liebkosung hungrig hinnahm und auch erwiderte und gerade deshalb, um diese angenehmen Gefühle nicht wieder in Eis verwandelt zu spüren, hat sie nie mehr zugelassen und zog sich jedes Mal zurück. Warum verspürte sie dann immer diese Sehnen, tief drinnen, das nach mehr verlangte?

Sie hätte gerne mit jemanden darüber gesprochen, doch ihren Freundinnen gegenüber wollte sie sich nicht offenbaren, sie waren auch viel zu unreif in ihren Augen, um wirklich zu verstehen, welche Gefühle sie quälten. Denn sie litt unter diesem Zustand. Ihr Körper und ihre Seele sehnten sich nach Liebe und doch wusste sie, dass ihr Wunsch letztlich unerfüllt bleiben würde, wozu also die Mühe, sich auf eine erneute Liebesbeziehung einzulassen. Sie versuchte es mit einer Art Selbsttherapie und schrieb ihre beunruhigenden Gefühlsschwankungen den unregelmäßigen Beziehungen mit ihrem Vater zu, die ihr junges Leben bestimmt hatten. Sie hatte sich immer nach ihm gesehnt und er war so selten für sie verfügbar.

Sie hatte auch schon daran gedacht mit Carla zu sprechen, aber diese war immer unterwegs und einfach so am Telefon über ihre intimsten Empfindungen zu sprechen, das brachte sie nicht über sich. Was sollte sie auch sagen? ‚Ich habe mich von einem Jungen vögeln lassen, es war die größte Enttäuschung meines Lebens?’ Also musste sie selbst damit fertig werden. Das Studium würde ihr dabei helfen, sie würde sich mit Volleifer damit beschäftigen und vielleicht ein weiteres Studienfach dazunehmen. Völkerwissenschaften vielleicht. Anja weiß ganz genau, dass sie rein praktisch gesehen, so viel Stoff nicht bewältigen würde können, aber der Gedanke, keine Zeit zum Grübeln oder für Selbstzweifel mehr zu haben, beruhigt sie. Irgendetwas stimmt anscheinend nicht bei ihr, aber was? Es musste etwas in ihrem Kopfe sein. Sie würde vielleicht einen guten Therapeuten in Wien aufsuchen. In der Stadt des Siegmund Freud, Vaters der Psyche, konnte es nicht schwer sein, jemanden zu finden, der ihre Probleme zufrieden stellend für sie analysierte.

Entschlossen steht sie auf und gibt dem Chauffeur ein Zeichen, dass sie zurückfahren wolle. In Kairo lässt sie sich zum Hotel chauffieren und genießt den Nachmittag über die Pflege im hoteleigenen Kosmetiksalon, lässt die Spitzen ihres langen Haares Nachschneiden und döst im Saunaraum vor sich hin. Später bestellt sie einen Masseur, der ihren entspannten Körper knetet und bearbeitet, bis sie fast dabei einschläft. Als der Tag sich zur Neige senkt und der Muezzin mit seiner scharrenden, zischenden und eindringlichen Stimme von den Türmen der unzähligen Minaretts der Stadt zum Abendgebet aufruft, fühlt Anja sich wohlig frisch und entspannt zugleich und freut sich auf das gemeinsame Abendessen mit Smaïn. Er hat versprochen, in der Halle auf sie zu warten und so geschieht es auch. Er sieht etwas müde aus, aber bei ihrem Anblick erhellen sich seine dunklen Züge und er lächelt ihr entgegen: “Du siehst phantastisch aus, ich weiß gar nicht was ich sagen soll, damit es nicht wie plumpe Schmeichelei klingt!“

Anja errötet unmerklich. Erst jetzt fühlt sie, wie sehr ihr Smaïn und seine Gesellschaft den ganzen Tag über gefehlt haben. Sie sieht ihn nicht mehr als ihren Bruder oder gar Vater an, sie sieht ihn mit den Augen einer Frau, die einem gut aussehenden Mann mit einem faszinierenden Gesicht gegenüber steht, und in dessen dunklen Augen unverhohlene Bewunderung für sie aufblitzt. Diese Erkenntnis erschreckt sie zutiefst. Schnell sagt sie: „ Auch Schmeicheleien tun uns Frauen gut, das weißt du doch! Ich habe mich heute richtig entspannt, es tat mir gut, einfach nichts zu tun und mich verwöhnen zu lassen. Aber ich sehe, du bist ziemlich müde. Anstrengender Tag?“

„Na ja, wie meistens. Wir haben wieder einmal Probleme mit den Extremisten. Einige Warnungen sind bei uns eingegangen, wir sollten die Bauarbeiten der Metro rasch einstellen, sonst würde uns bald halb Kairo um die Ohren fliegen!“ Die Sorge ist dem Mann anzusehen, als er die Brauen finster hoch zieht. „Ich weiß aus Erfahrung, dass man solche Androhungen nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Ich habe mit dem Polizeichef der Stadt gesprochen und er hat versichert, er würde die Wachposten um die Baustelle verdoppeln und auch bei den bereits in Betrieb genommenen Teilstrecken, sowie den Auf- und Abgängen. Ich glaube, er hat den Ernst der Situation erfasst und man kann ihm vertrauen!“

Während sie zum Speisesaal gehen schüttelt Anja den Kopf: „ Ich verstehe nicht, warum diese Leute, die ja auch Ägypter sind, unbedingt den Fortschritt in Ägypten aufhalten wollen. Diese Fundamentalisten schrecken nicht davor zurück, die Menschen ihres eigenen Volkes zu vernichten und ihnen zu schaden. Wo ist da die Logik?“

Smaïn setzt sich Anja gegenüber an den reservierten Tisch, der sich in einer angenehmen, von Palmen in Kupfertöpfen flankierten Ecke des Saals befindet und antwortet ihr: „Es gibt nichts zu verstehen! Im Fanatismus ist keine Logik zu finden! Es sind religiöse Fanatiker, die das Wort Allahs für ihre Mordtaten und Saat der Gewalt missbrauchen. Sie wollen eine Herrschaft der religiösen Diktatur, die Unterdrückung der Frauen und was weiß ich noch.... Ich habe seit langem aufgehört, ihre Beweggründe verstehen zu wollen, die sie zu terroristischen Handlungen veranlassen. Im Übrigen sind nur wenige Ägypter darunter. Die meisten dieser Leute kommen aus den Ausbildungslagern in Afghanistan und Pakistan. Fest steht, dass sie eine Bedrohung für mein Land und seine Freiheit sind, dass sie Blut und Schrecken verbreiten und die Menschen Angst haben, wirklich Angst. Sie fürchten für ihre Kinder, denn auch vor ihnen machen diese Mörder nicht halt...“ Der Gedanke an den eigenen, von islamischen Extremisten ermordeten Sohn, versteinert sein Gesicht, doch schon kurz darauf versucht er so entspannt wie möglich fort zu fahren: „Wir wollen uns aber heute nicht die Laune verderben lassen von all dieser Schlechtigkeit, denn wir können nichts daran ändern. Nur Vorsicht kann uns schützen. Aber genießen wir jetzt unser wohlverdientes Abendessen!“ Er hebt sein Glas mit dem perlendem Schaumwein hoch und prostet ihr zu: „Auf dich und dass dein Leben erfolgreich und glücklich verlaufen möge!“

Sie blickt Smaïn geradewegs in die Augen und entgegnet leise: „Mögen die Götter dich erhören, mein Bruder!“

Am Abend des nächsten Tages holt die kleine, firmeneigene Sportmaschine die beiden von Kairo ab und sie fliegen geradewegs in die untergehende Sonne, dem Süden und Oberägypten entgegen. Das Schauspiel, das sich ihnen darbietet, ist von so überwältigender Faszination, dass es keiner Worte bedarf, um ihr Entzücken zum Ausdruck zu bringen. Das kleine Flugzeug fliegt nicht sehr hoch und unter ihnen schlängelt sich der silbern glänzende Nil durch das fruchtbare Flussland. Die Wüste erstrahlt beidseitig, so weit das Auge reicht, wie pures Gold in den Strahlen der versinkenden Sonne. Rasch wird es dunkler und als sie das alte Theben und heutige Luxor überfliegen, sind nur mehr die beleuchteten Totentempel,  nahe dem Tal der Könige erkennbar, die sich zahlreich vor der Nekropolenstadt, in der Stille des Gräberbezirkes am linken Nilufer aneinander reihen. Sie brauchen über drei Stunden bis sie Assuan erreichen. Anja fühlt sich keineswegs müde, zu groß ist die Erwartung, sich wieder im geliebten Haus einzufinden.

Sie werden von Ibrahim empfangen, der sie mit unbeweglicher, aber nicht abweisender Miene empfängt und begrüßt. Ein leichtes Mahl wurde für die Ankömmlinge vorbereitet, welches sie bald darauf mit Genuss auf der rückwärtigen Terrasse, die zum Schwimmbecken führt, genießen. Der leichte, ägyptische Rotwein macht sie schließlich doch ein wenig schläfrig, doch ihr Herz ist wach und jubelt. Alle Probleme scheinen in weite Ferne gerückt zu sein und nichts kann diese Ruhe hier stören. Smaïn spricht heute Abend kaum, doch Anja fällt es nicht weiter auf. Sie ist im Einklang mit sich selbst. Als er ihre Müdigkeit bemerkt, erhebt er sich und wünscht ihr eine gute Nacht. Der zarte Kuss, den er ihr auf die Stirn haucht, die sie ihm darbietet, ruft in ihr den Wunsch hervor, er möge noch bleiben und sie könne mit ihm über alles sprechen. Sie fühlt sich im so nah. Er würde sie verstehen. Doch der Verstand sagt ihr, dass es besser sei, er ginge und ließe sie noch ein Weilchen sich selbst überlassen. Sie würde noch ein ganz kleines Gläschen trinken, auf den See hinausblicken bis sie müde genug war, rasch einzuschlafen.

So findet Ibrahim sie am nächsten Morgen vor, eingerollt wie eine Katze auf dem breiten Gartensofa schlafend, hat sie die Nacht unter dem Sternenhimmel Ägyptens zugebracht. Als Smaïn sie vorsichtig fürs Frühstück weckt, blickt sie erst verloren um sich, bis sie begreift, wo sie sich befindet.

„Ich hätte dich gestern Abend auf dein Zimmer bringen sollen!“ meint er mit einem Vorwurf in der Stimme, der jedoch ihm selbst gilt.

Sie lächelt ihm verschlafen entgegen und unterdrückt ein Gähnen: „Ich habe so gut wie seit langem nicht mehr geschlafen. Ich bin froh, wieder hier zu sein, ... mit dir“ fügt sie hinzu und stürzt sich über den frisch gepressten Orangensaft, der ihr kredenzt wird. „Hast du heute Zeit für mich?“ will sie wissen und blickt Smaïn erwartungsvoll an. „Ja, ich habe die ganze Woche Zeit für dich. Wenn dein Vater kommt, dann kehre ich nach Kairo zurück! Du kannst über mich nach Belieben verfügen!“ Lachend breitet er die Arme aus und Anja ist hocherfreut über dieses unerwartete Angebot.

„Das ist ein waghalsiges Angebot“, scherzt sie. „Ich will dir aber nicht zur Last fallen. Ich würde beispielsweise heute gerne ausreiten. Aber vormittags möchte ich noch in die Stadt fahren. Angeblich gibt es eine Sonderausstellung mit den Fundstücken der Insel Elephantine, die bald auf Weltreise gehen soll. Ich will sie nicht verpassen!“

„Tolles Programm“, nickt der Ägypter. „Wir fahren dann also“, er wirft einen prüfenden Blick auf seine moderne Armbanduhr, „in etwa einer Stunde in die Stadt und für den späten Nachmittag lasse ich uns zwei Pferde reservieren. Möchtest du in die Wüste reiten und von einem Hügel aus den Sonnenuntergang über der Wüste miterleben, wie früher auch?“

„Du bist ein Schatz“ ruft sie erfreut und küsst ihn auf die glatt rasierte Wange. Wie gut er riecht, denkt sie und schnuppert unwillkürlich an seiner Haut. Er zuckt leicht zurück, fast unmerklich. Er kann ihre Nähe kaum mehr ertragen, ohne andere Gefühle als die väterliche Zuneigung für sie zu empfinden, die er gewöhnt ist und die ihm als geziemt erscheint. Es ist wie ein elektrisches Knistern, das er auf der Haut spürt, sobald sie ihm zu nahe kommt. Vielleicht sollte er ihr klar machen, dass sie kein Kind mehr war und deshalb mehr Zurückhaltung an den Tag legen sollte. ‘Ach Unsinn’, denkt er gleich darauf, ‘es ist meine Schuld. Ich bin ein alter Trottel, der schwach wird, wenn ihm ein junges, hübsches Mädchen zu nahe kommt. Sie ist wie mein Kind, ich habe sie aufwachsen sehen. Es ist nur deshalb, weil sie so lange weg war, es ist die Wiedersehensfreude, die mich verwirrt’. Tief im Innersten spürt er, dass er sehr vorsichtig wird sein müssen, um sich nicht zu Dingen und Gedanken hinreißen zu lassen, die er später bereuen müsste.

Die Ausstellung, die im Museum auf der Insel Elephantine stattfindet, erweist sich als voller Erfolg. Eine große Anzahl von Touristen ist ebenso begeistert wie sie selbst. Was sie den Leuten voraus hat, das ist, dass ihr Begleiter selbst bei den meisten Ausgrabungsarbeiten vor ein paar Jahren dabei war und Details weiß, die anregend und höchst interessant anzuhören sind. Über jedes Stück weiß er eine kleine Anekdote zu berichten und bevor beide es bemerken, haben sich unmerklich einige eifrige Zuhörer dem Paar angeschlossen, die staunend seinen Erzählungen lauschen. Als Smaïn um sich blickt und die Lage erkennt, lächelt er wohlwollend, er spricht lauter und wendet sich seinem Publikum zu, statt nur leise auf Anja einzureden.

Als sie zwei Stunden später den schmalen Steg durch den blühenden Museumsgarten zur Bootsanlegestelle zurückwandern, meint Anja mit gespielter Entrüstung: „Sie hätten dir wenigstens ein angemessenes Trinkgeld geben können, wenn ich dich schon habe teilen müssen mit all den Leuten!“ Er lacht und hält ihren Arm fest, während sie gemeinsam die Feluke, das breite Boot mit dem weißen Segel, besteigen, das sie zur Stadt zurückbringen soll. „Ich kann es verschmerzen! Ich lade dich dafür ins Old Cataract Hotel zum Essen ein! Na, ist das vielleicht ein Angebot?“

„Überredet!“ lenkt Anja spielerisch ein, „aber diesmal ohne Anhang!“ Während das leichte Schiff auf die Flussmitte zusteuert und geschickt die schwarzen Granitfelsen umsegelt, genießt sie den Fahrtwind, der ihr offenes Haar wie eine Fahne hinter ihr herwehen lässt. Gekonnt kreuzt der Bootsmann gegen den Wind Nilabwärts bis zur hoteleigenen Anlegestelle des bekannten Hotels, in dem sie viele schöne Stunden ihrer Kindheit verbracht hat, als sie noch kein eigenes Haus hier besaßen. Smaïn brachte sie zum Schwimmen in das nebenan liegende neue Hotel und die gute Sezen, die sich, als sie noch ziemlich klein war, um sie kümmerte, leistete ihr bei Kuchen und Kaffee Gesellschaft. So manche Besprechung mit wichtigen Persönlichkeiten, ihrem Vater und den Verantwortlichen der Firma fanden hier statt, während auf der Insel Philae die Arbeiten langsam voranschritten. Oft war sie dabei gewesen und hatte die freundlichen, mitfühlenden Blicke der Anwesenden und Gäste während der aufwendigen Dinners, die später statt fanden, genossen.

In all den Jahren und schon lange vor ihrer Zeit war das Hotel und seine Ausstattung unverändert geblieben. Es strahlte immer noch diese Mischung von nobler, veralteter Eleganz und tadellosem Komfort aus. Man fühlte sich hier wohl und irgendwie daheim, das war es! Eifrig werden sie von dem livriertem Personal stilecht bedient, während an der Decke mehrere altherkömmliche, große Ventilatoren rotieren. Trotz der Klimaanlage hat man Wert darauf gelegt, diesen Stil einer vergangenen Kolonialepoche beizubehalten und gerade dieses Flair des längst Entschwundenen machte das Hotel so berühmt und beliebt.

Später bringt Smaïn sie zurück in die Villa und entschuldigt sich für den Nachmittag, da er mit dem Tempelaufseher auf der Insel Agilkia einiges zu besprechen hat. Es handelt sich offenbar um ein unvorhergesehenes, technisches Problem bei der Tempelanlage von Philae.

Anja genießt inzwischen die kühlen Berührungen des Wassers im Swimming Pool und döst im Schatten der Sykomoren vor sich hin. Ibrahim bereitet kalten Malven-Tee für sie vor und sie freut sich auf den Abend und den versprochenen Ausritt.

Wie auch Smaïn trägt sie zum Reiten die traditionelle, ägyptische Kleidung, einen langen, weißen und luftigen Galabija. Um den Kopf tragen beide eines jener zarten, fast durchsichtigen Baumwolltücher geschlungen, das sie vor Sonne und Sand schützen soll und mit dem man weitgehend auch das Gesicht schützen kann. Mit dem Jeep fahren sie zu dem Gestüt, bekannt für seine Zucht von vollblütigen Arabern. Es gehört einem einflussreichen, ägyptischen Geschäftsmann, der mit Smaïn gut befreundet ist. Die Anlage ist peinlich sauber, schattige Bäume schützen die Pferdeboxen mit den edlen Tieren.

Kurze Zeit später traben beide auf den glänzenden, braunen und feingliedrigen Tieren in die Wüste hinaus. Man muss sich in der Gegend gut auskennen, um nicht die Orientation zu verlieren, denn alles gleicht sich, Stein für Stein, Hügel für Hügel. Leichtfüßig galoppieren die Reitpferde auf dem gewählten Pfad die Anhöhe hoch und mit lautem Schnauben geben sie ihrer Freude an der Bewegung Ausdruck. Sie erreichen das von Smaïn gewählte Ziel nach einer guten halben Stunde, als sich die Sonne anschickt, dem Horizont zuzustreben, ungeduldig anscheinend, um dem aufgehenden Mond Platz am Firmament zu machen.

Sie steigen von den Pferden und halten fest die Zügel in ihren Händen. Tänzelnd kommen die beiden Braunen zur Ruhe und Smaïn deutet hinaus auf den weit entfernten, tief unter ihnen liegenden Stausee, der mit dem Horizont zu einem schmalen, kaum wahrnehmbaren Strich verfließt.

„Es ist jedes Mal ein neues Erlebnis für mich“, sagt Anja andächtig und nimmt das Schauspiel in sich auf. „Es ist deswegen, weil die Farben sich an keinem Tag gleichen“ erwidert Smaïn und nimmt Anja auch die Zügel ihres Pferdes ab. Sie lassen sich auf einem Steinhügel nieder und warten diesen Wechsel vom gleißenden Tag zur vollkommenen Nacht still und überwältigt ab. Seit Menschengedenken, hat sich an diesem Anblick nichts geändert. Wie sollte man da nicht an göttliche Macht glauben, bei dieser Herrlichkeit, die nicht zufällig entstanden sein konnte? Ein wohliger Schauer durchrieselt Anja bis in die Zehenspitzen.

In dieser mondhellen Nacht ist der Weg auch in der Finsternis gut erkennbar und der Ägypter kennt jeden Stein in dieser Umgebung. „Reiten wir zurück oder wollen wir noch den Beduinen einen Besuch abstatten?“ fragt er die junge Frau, die gerne einwilligt, die Wüstenbewohner wieder zu sehen. Mit ihrem Vater war sie vor Jahren zu den freundlichen Menschen gekommen, für die Gastfreundschaft ganz groß geschrieben wird. Das winzige Dorf ist nur einige Meilen entfernt, weiter im Inneren der Steinwüste. Die Öllichter in der Ferne kündigen die kleine Zeltsiedlung an. Es ist eine Familie, die aus ungefähr zwanzig Leuten besteht, die sie willkommen heißen. Man braut sofort heißen, belebenden Tee für die Gäste, die gebeten werden, es sich auf den Teppichen am Boden gemütlich zu machen. Smaïn tauscht die üblichen Begrüßungsworte aus und erwidert die Wünsche des Oberhauptes, einem alten, zahnlosen Mann, der in schwarze, weite Kleider gehüllt ist. Anja, die die Sitten und Gebräuche gut kennt, hat sich bereits vor dem Ankommen bei der Ansiedlung das Tuch nach ägyptischer Frauensitte um den Kopf geschlungen, sodass nur ihre Augen erkennbar sind. Der alte Mann erinnert sich an sie, als sie zu Besuch kam und lacht sie mit seinem zahnlosen Mund erfreut an. Er umarmt das Mädchen und macht ihm Komplimente wegen seiner blauen Augen. Kichernd halten sich die verschleierten Frauen im Hintergrund und ein paar Hunde streichen neugierig zwischen den Zelten umher. Etwas abseits liegen einige Kamele, und nur die Umrisse der ruhenden Tiere sind erkennbar. Die Nacht kommt schnell in Ägypten und der Tag sehr früh, sodass sich beide nicht allzu lange aufhalten, um den Gastgebern nicht als unhöflich zu erscheinen.

Nachdem sie beteuern, bald wiederzukommen, werden sie verabschiedet und nehmen die vielen guten Wünsche mit auf den Weg. Bald schon sind die schwachen Lichter der Öllämpchen verschwunden und die Nacht und ihre Einsamkeit nehmen die beiden Reiter, die sich abermals dem Inneren der Wüste zuwenden, wieder auf.

Fünftes Kapitel - Der Gesang des Wüstenwinds

 

Hier scheint die Zeit keine Rolle zu spielen. Alles scheint ewig zu sein. Die endlose Weite, die hellen Sanddünen unter den Hufen der Pferde und der Nachthimmel, der sich gleich einem samtenen, dunklen Tuch, durchsetzt von funkelnden Diamantsternen über ihren Köpfen spannt. Anja schiebt ihr Tuch in den Nacken und atmet tief durch. Alles in ihr ist in Aufruhr und gleichzeitig in erwartungsvoller Sehnsucht. Sie kann es nicht begreifen. Glück und Trauer – wie ist es möglich? Sie durchreiten die etwas abschüssige Landschaft im Schritt. Smaïns Stimme holt sie zurück in die Realität. „Ich will dir noch etwas zeigen, das du sicher noch nicht kennst!“ ruft er ihr zu, als sie ihm nachreitet. Er setzt zum Galopp an und Anja hat Mühe, den Abstand zu ihrem Begleiter einzuhalten. Als der Weg flacher wird, erkennt Anja im Schatten der Nacht die Umrisse einer halb verfallenen Mauer. Der Ägypter fällt in leichten Trab zurück und schließlich endet der Ritt der beiden im Schritt. Erregt werfen die Pferde ihre Mähnen nach allen Seiten und die Köpfe schnaubend hoch. Der Dampf ihrer Nüstern schickt kleine, weiße Wolken in den dunklen Himmel. Als sie nahe genug bei der ruinenhaften Festungsmauer angekommen sind, steigen sie erneut ab und Smaïn führt die Tiere an den Zügeln durch einen schmalen, verborgenen Durchgang. Erstaunt folgt Anja ihrem Begleiter und sie finden sich in einer Art offenem Innenhof wieder. Einige Palmen werfen ihre Schatten im Mondlicht auf den winzig kleinen See, der klar vor ihnen liegt. Smaïn führt die Pferde zu dem Gewässer, um sie zu tränken. „Du kannst probieren! Herrlichstes Quellwasser, garantiert rein und unverdorben!“

Was ist hier gewesen? Ich kenne diesen Ort gar nicht!“ will sie wissen und blickt sich um. Nur Teile der alten Mauer aus getrockneten Lehmziegeln sind noch erhalten. Die Sandstürme haben kleine Dünen im Inneren der Mauern angesammelt und sie versinkt bis zu den Knöcheln mit ihren Stiefeln im feinen Sand. Sie hat jegliches Zeit- und Raumgefühl verloren. Wahrscheinlich waren sie tief im Inneren der Wüste, wo sie noch nie zuvor gewesen war.

„Hier in der Nähe wurden einmal Ausgrabungsarbeiten begonnen,“ erklärt ihr Smaïn. „In den Fünfziger Jahren, als man zufällig auf ein altes Schachtgrab dort auf den Hügeln stieß, versprach man sich einen großen archäologischen Fund unterhalb dieser Steine und der Sandberge!“ Er deutet mit der Rechten gegen Osten. „Leider erwies sich die Grabung als Fehlschlag. Es war zwar ein altes, sehr altes Grab und man fand mehrere Skelette aus der Vorzeit hier, doch nichts weiter, das wirklich von Bedeutung gewesen wäre. Ein paar Tonscherben gaben Aufschluss über die Epoche der Bestattungsstätte, die man schließlich der Frühzeit Ägyptens zugeordnet hat, so etwa 4500 vor Christus. Man nennt diese Epochen die Faijum Kulturen. Es war der Beginn des Ackerbaues und der Töpferei. Das Grab war eines jener typischen Hockergräber. Die englische Ausgrabungsgesellschaft erhoffte sich eine Siedlung zu finden, leider brachten die Anstrengungen Enttäuschungen für die Beteiligten - außer dem einen Grab war nichts anderes zu finden. Und dies hier“, er deutet rings um auf die Mauerreste, „war das Lager des Grabungsteams. Man hatte extra einen Brunnen gegraben, um mit Frischwasser versorgt zu sein, da man sich eine lange und fruchtbare Ausgrabungsperiode versprach. Als sie dann schließlich erfolglos und sicher auch enttäuscht ihre Zelte abgebrochen haben, verfiel diese Schutzmauer nach und nach. Ab und zu kommen Nomadenstämme vorbei und machen halt, um sich und ihr Vieh an der Quelle zu erquicken.“

„Das klingt sehr romantisch. Wie haben sich die Leute wohl nur gefühlt, als sie feststellen mussten, dass sie keinen Erfolg erzielen würden!“ Anja stellt sich die Frustration der Beteiligten vor und empfindet Mitleid mit den sicher längst vergreisten oder gar verstorbenen Archäologen.

„Vielleicht geistern heute ihre Seelen umher und suchen immer noch nach verborgenen Schätzen?“ neckt Smaïn sie und sie erschauert unmerklich. „Du hast doch keine Angst vor Geistern?“ fügt er belustigt hinzu.

„Nein, natürlich nicht“, etwas unsicher klingt ihre Stimme, „aber scherzen sollte man nicht mit diesen Dingen.“

„Ich scherze nicht, Anja“, fügt er ernster hinzu, „Ägypten ist erfüllt von den Geistern der Vergangenheit, doch davor braucht niemand sich zu fürchten. Der sagenumwobene Fluch der Pharaonen existiert nur in Filmen und Romanen.“

Anja hat sich in den weichen Sand gesetzt und lässt verträumt den Wüstensand durch ihre Finger rieseln. „Es ist ein sehr romantischer Ort hier, richtig schön für Verliebte, wenn auch ein bisschen gruselig!“

Smaïn lässt sich neben ihr nieder, nachdem er die getränkten Pferde an einem der alten Palmenstämme festgemacht hat.

„Du kannst sogar ein Bad nehmen in dem kleinen See. Ich garantiere, es gibt weder Schlangen noch Krokodile, - heute nicht mehr!“ fügt er hinzu und Anja bemerkt sein schelmisches Lächeln. Seine dunklen Augen blicken bis auf den Grund ihrer Seele und sie senkt verwirrt den Blick.

„Warum können nicht alle Männer wie du oder Vater sein?“ fragt sie leise ohne ihn dabei anzublicken.

„Was meinst du damit, Mädchen? Du solltest nicht immer Vergleiche anstellen mit deinem Vater oder mir. Wir sind zwei alte Wüstenfüchse und du bist jung und solltest dich mit jungen Männern umgeben und dich von ihnen verwöhnen lassen. Entdecke das Leben und lasse deine Kindheit zurück. Sie ist vorbei.“

Smaïn hat seine Hand auf ihre Schulter gelegt und seine Stimme ist eindringlich und fest: „Junge Männer müssen zwar noch viel lernen, aber wenn du der Meinung bist, wir seien besser oder stärker als sie, dann irrst du. Wir haben ihnen die Erfahrung des Lebens voraus. Das macht uns vielleicht unverwundbarer, lässt uns überlegener erscheinen, wenn wir es auch nicht sind, wir sind aber nicht unbedingt klüger als die Jugend, eben nur erfahrener.“ Er macht eine kleine Pause, bevor er fort fährt:  „Ich fühle es, man hat dir wehgetan oder dich enttäuscht und die erste Enttäuschung im Leben ist meist besonders bitter für einen jungen Menschen, doch es gibt soviel zu entdecken, zu erleben und auch kennen zu lernen. Man darf nicht einer einzigen schlechten Erfahrung, egal welcher Art auch immer, ewig nachhängen. Du bist so stark, Anja. Du hast die Stärke deines Vaters und die Anmut deiner Mutter und kannst jedes Problem dieser Welt bezwingen! Du musst nur an dich glauben!“

Anja betrachtet seine sich bewegenden Lippen und saugt seine Worte in sich auf. Sie sind Balsam für ihre zweifelnde Seele. Er hat ihren wunden Punkt getroffen, ohne es zu wissen.

„Ich bin nicht fähig zur Liebe!“ stößt sie schließlich hervor, bevor sie es noch verhindern kann. Erstaunt blickt der Mann sie an, der den Sinn des Gesagten nicht richtig begreift: „Jeder ist fähig zur Liebe, sie kommt einfach und fordert ihre Rechte. Du redest wirres Zeug. Außerdem ist das kein Thema zwischen einem alten Mann und einem jungen Mädchen, wie du es bist. Sprich mit Carla über diese Dinge, da bist du besser beraten, Kind. Anja, wir sollten lieber aufbrechen, es wird spät!“ Er macht Anstalten sich zu erheben, fühlt sich plötzlich höchst unwohl in seiner Haut und will nur mehr weg von ihr, doch ihre Hand hält ihn zurück. „Nichts ist so, wie ich es mir vorgestellt habe!“

Smaïn will diese Unterhaltung, die ihn zu überfordern droht, beenden und bemerkt ausweichend: „Es ist oft alles anders, als man es sich vorstellt, das dauert das ganze Leben, das ein einziger Lernprozess ist, an!“

Zornig ruft Anja: „Hör auf mich zu belehren! Du willst mich nicht verstehen! Du hörst mir nicht zu! Ich habe mit niemanden darüber gesprochen und habe gedacht, du bist feinfühlig genug, um mich zu verstehen, aber ich habe mich anscheinend geirrt! Ich muss es einfach loswerden, verstehst du? Männer lassen mich kalt, das ist es! Ich sage es dir, ob du es hören willst oder nicht! Glaubst du, ich habe nicht bemerkt, dass du mir oft ausweichst, seit ich hier bin? Was ist los? Was ist anders geworden zwischen uns? Bin ich denn eine Aussätzige für dich? Ich habe manchmal den Eindruck, meine Anwesenheit verursacht dir Unbehagen! Bist du nicht mehr mein Freund, weil ich kein Kind mehr bin? Dafür kann ich doch nichts!“ Unversehens haben sich ihre Augen mit Tränen gefüllt und ihre Stimme zittert unkontrollierbar.

Smaïn umschließt ihr kleines, helles Gesicht mit seinen Händen und murmelt verzweifelt: „Du Dummchen! Du redest Unsinn und du weißt es. Es kann nicht mehr so sein zwischen uns wie früher! Du bist eine Frau geworden und ich sehe dich als solche, auch wenn ich dich wie eine Tochter liebe. Aber du bist dir deiner Wirkung auf mich nicht bewusst! Es gibt nun Grenzen zwischen uns dort, wo früher nur Freiland war. Ich schütze mich und dich vor diesen Gefühlen, die wir nicht zulassen dürfen! Niemals!“

Anja klammert sich an den gequälten Mann wie eine Ertrinkende und drückt ihre tränennassen Lippen auf seinen Mund. Smaïn will sie von sich stoßen, er ist zutiefst erschüttert, wendet sein Gesicht gewaltsam weg von ihr, und seine Stimme klingt rau als er sie tröstend in den Arm nimmt, wie ein kleines Kind. „Du bist auf der Suche nach dir selbst, es ist normal dass du so reagierst aber du solltest vorsichtiger sein. Ich denke, wir sollten diese Unterhaltung vergessen und nicht mehr darüber sprechen!“

Anja spürt Bitterkeit in sich aufsteigen und eine große Leere will Besitz von ihr ergreifen. Sie bedeutete ihm nichts. Nicht mehr. Mühsam und gefasst sagt sie, während sie sich aus der väterlichen Umarmung befreit: „Früher hat es dir nichts ausgemacht, dass ich dich küsste. Heute brauche ich dich und dein Verständnis und du wendest dich von mir ab!“ Mit unglaublicher Kraft hält sie seinen Arm fest, als er versucht sich zu erheben. „Nein, jetzt hörst du mir zu. Ich will mit dir reden und du wirst schockiert sein und vielleicht enttäuscht von mir und das ist vielleicht gut für uns beide. Möglicherweise verachtest du mich auch und das ist gut so. Aber ich will dir sagen, dass deine kleine, liebe und brave Anja sich von einem halbwüchsigen, ihr völlig gleichgültigen Jungen hat nehmen lassen! Einfach so, wie eine Nutte! Nenn' es Leichtsinn oder Neugier, es ist einfach passiert!“

Mit sadistischer Freude bemerkt sie, wie seine Züge sich mehr und mehr versteinern und er sie fassungslos ansieht, während sie genüsslich fort fährt, um ihm und auch ihr wehzutun, als wolle sie sich für das Geschehen bestrafen. „ Es passierte im Auto seines Vaters! Und glaube nicht, dass er mich verführt hat, es war nämlich eher umgekehrt gewesen, und ich war wirklich echt gut drauf. Ja, ich wollte es! Als es dann soweit war, habe ich mich gefühlt wie ein kalter Fisch. Das hättest du mir wohl nicht zugetraut, mein liebster Freund, mir, deiner unfehlbaren, kleinen Anja. Aber vergiss' bitte nicht, in meiner Welt liegen die Dinge eben anders. Europa ist nicht Ägypten! Man muss nicht jemandem versprochen sein, um mit ihm zu schlafen. Man lebt nach seinen Launen und Gefühlen und es ist absolut nichts Schlechtes dabei! Ich bin einfach ein Mädchen wie jedes andere auch, egal was du jetzt von mir denken magst!“ Sie verstrickt sich in Widersprüche, ohne es zu merken. Sie will sein Mitgefühl, seinen Trost und seinen Zusprach. Vielleicht will sie auch seine Kritik, seine Verachtung. Sie weiß es nicht, und holt tief Luft. Wie wird er reagieren? Sie hofft, ihn verletzt zu haben, um ihn für seine Ausflüchte zu bestrafen, doch er blickt sie nur wortlos, fast mitleidig an.  „Nein, das bist du nicht“, beginnt er endlich langsam zu sprechen, „du bist nicht ein Mädchen wie jedes andere. Du bist für mich das einzige weibliche Wesen, das mir nach Aysha jemals etwas bedeutet hat. Hier drinnen“, er schlägt sich nachhaltig mit der Faust an die Stelle seines Herzens, „überschlagen sich die Gefühle für dich! Du bist mein Kind, die Sonne meines Lebens, seit du diesen ägyptischen Boden vor so vielen Jahren betreten hast. Meine Prinzessin, Anja. Ich will, dass du glücklich wirst und zwar mit einem Mann, der deiner auch würdig ist. Du solltest mehr Geduld aufbringen, auf ihn zu warten, dann wirst du auch nicht länger enttäuscht sein!“

Sie schüttelt trotzig den Kopf. „Du hast vergessen, was Liebe ist, Smaïn! Du hast es seit dem Tod deiner Frau vergessen, also bitte, halte mir keine Predigten darüber!“

Er wehrt ihren Einwand ab: „Du bist verletzt und enttäuscht, aber nicht von dem Jungen, sondern von dir selbst. Eigentlich hast du dir ein romantisches, erstes Mal, ganz anders vorgestellt. Du bist in eine Situation geraten, die du nicht mehr steuern konntest, weil dein Körper dich verraten und dein Verstand ausgesetzt hat.“ Er seufzt. „Ich wünsche, du hättest mich nicht in dein Geheimnis eingeweiht. Das ist nichts für die Ohren eines Mannes.“ Ihr trauriger Blick lässt ihn verstummen und er lenkt ein: „ Du bist voll Feuer, das dich zu verbrennen droht und sehnst dich nach Liebe. Aber es hat nicht gereicht, dass du dich dem Erstbesten hingabst, weil du weder verliebt warst noch sonst etwas für den jungen Mann empfunden hast! Möglicherweise nicht einmal Sympathie. Er kann einem eigentlich Leid tun! Und du tust mir auch leid, Anja, aber das alles ist längst keine Katastrophe!“

„Für Sex braucht man heutzutage nicht mehr nicht verliebt zu sein!“ erwidert sie trotzig und er lacht sie aus: „Was heißt heutzutage? Du redest dir da etwas ein oder plapperst den Unsinn nach, den man in den modernen Magazinen niederschreibt und als neue Lebensweisheit verbreitet! Wie nennt ihr das gleich im Westen? ‚Sex, Drugs and rock n’roll’“. Er flucht irgendetwas auf Arabisch, das selbst sie nicht versteht, bevor er fort fährt: „Es gibt sicher genug Mädchen, die das denken, aber das war immer so und hat mit der jetzigen Zeit nichts zu tun! Du gehörst jedenfalls nicht zu dieser Sorte von Mädchen, das ist mir jetzt klar! Du hast dir selbst etwas vorgemacht! Man braucht doch ein Minimum an Gefühlen, um aus sich herausgehen zu können, es liegt in der Natur des Menschen, meinst du nicht?“

Unschuldig und sinnend blickt Anja den Freund an und sagt leise, ohne dabei seine direkte Frage zu beantworten: „Weißt du eigentlich, dass du immer mein Prinz warst, in all meinen Träumen und so lange ich denken kann?“

„Ich dachte, das wäre dein Vater gewesen“, wirft Smaïn rasch dazwischen. Er spürt bereits jetzt, dass er verlieren wird, wenn er dieser Konversation nicht sofort ein Ende bereitet. Hat er ihr eben vorgeworfen, dass ihr Verstand irgendwann ausgesetzt hat, dann konnte er den seinen auch nicht mehr richtig zu fassen kriegen. Er war drauf und dran, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren und weiß doch, dass er das nicht zulassen durfte.

„Nein“, erwidert sie fest, „Du warst mein Prinz, mein Beschützer und Befreier! Ich habe dich immer geliebt, Smaïn, weißt du das nicht?“

„Doch ich weiß es“, gibt er unbehaglich nach, „und ich bin sehr froh darüber. Du bist mir eine Tochter, eine Schwester!“

Er lässt den Satz unvollendet, sucht nach den richtigen Worten, während Anja ihr Gesicht ganz nahe an das seine gebracht hat. Absichtlich spöttisch entgegnet sie: „Du wiederholst dich, Smaïn. Darf ich dich daran erinnern, dass die ägyptischen Könige bei ihren Töchtern und Schwestern lagen und sich mit ihnen vergnügten, ja, mit ihnen Kinder zeugten? Es war etwas Göttliches, nichts Verwerfliches! Deine Vorfahren waren alles andere als prüde. Doch das muss ich dir doch bestimmt nicht erst erklären, oder?“ Sie wartet seine Antwort nicht ab und fixiert seinen unruhigen, flackernden Blick, hält ihn fest, saugt ihn in sich auf. „Also, ich bitte dich, lass doch diese selbstherrlichen Reden! Ich bin weder deine Tochter noch deine Schwester! Ich bin eine erwachsene Frau, Smaïn, zufälligerweise die Tochter deines besten Freundes. Ist es das, was dich verwirrt und dir Sorgen bereitet?“

Er schüttelt wortlos den Kopf, als sie hinzufügt: "Und ich will dich! Bitte liebe mich und erlöse mich von meinen Zweifeln. Halt‘ mich fest und vergiss alles was vorher war!“ Irgendwie fühlt sie selbst, dass sie nicht mehr wie die, ihr vertraute Anja, reagierte. Das Verlangen, von Smaïn in den Arm genommen zu werden ist zu übermächtig und beherrscht jeden aufkommenden Gedanken in ihrem Kopf. Sie will Trost und Nähe, und weitaus mehr, doch sie findet keine Bezeichnung dafür. Doch das war es, was sie bei Philippe gesucht hatte, nur das!

Die linde Nachtluft und die glitzernden Sterne am blauschwarzen Firmament tun ihr übriges, um die Luft um sie herum mit spürbarer Elektrizität aufzuladen. „Anja, ma chérie“, flüstert der Mann mit belegter Stimme, „was fällt dir ein! Ich will weder dich noch deinen Vater, meinen Bruder, verlieren und das wäre zweifellos der Fall, wenn wir nicht sofort zur Vernunft kommen! Versuche nicht die Dinge zu komplizieren, du machst es uns allen schwerer, als es schon ist.“

Der abwehrende Griff seiner harten Hände auf ihren Schultern verstärkt sich, als er ihre kleinen, zarten Hände spürt, die sie unter sein loses Gewand geschoben hat und die die glatte Haut seiner unbehaarten Brust sanft berühren. Er spürt, wie seine Sinne sich straffen und ihn zu übermannen drohen. „Willst du mein Verderben?“ murmelt er gequält und stößt sie unbeherrscht von sich. Er war grober gewesen, als er beabsichtigt hatte. Doch er will retten was noch zu retten ist. Sie stolpert und fällt auf den weichen Sandboden. Ihr verletzter Blick streift sein bestürztes Gesicht, als er ihr hilfreich den Arm entgegenstreckt und mit einem Ruck auf die Beine zieht. Anja klammert sich an seinen Arm und umschlingt plötzlich und spontan seine Mitte, bevor er sie erneut von sich stoßen kann. Sie schließt die Augen und sagt leise: „Ach Smaïn, mache es mir nicht so schwer, lasse mich nicht auf den Knien betteln um deine Liebe. Du willst es ebenso wie ich und ich verspreche dir, nichts wird sich ändern zwischen uns und niemand wird es je erfahren. Es wird unser Geheimnis bleiben! Noch nie habe ich mir etwas so sehr gewünscht! Seit Jahren träume ich von deiner Umarmung, stoße mich heute nicht von dir, ich könnte das nicht ertragen!“

Plötzlich wird ihr bewusst, dass es die Wahrheit ist, die sie eben von sich gab. Sie hatte immer an ihn gedacht und wahrscheinlich war dies auch der Grund, dass sie so gefühlskalt wurde, als sie erkennen musste, dass nicht Smaïn sie im Arm hielt, sondern ein fremder Junge. Der leidenschaftliche Prinz, den sie an ihrer Seite erwartet hatte, entpuppte sich als ungeduldiger, unerfahrener Junge, der nur darauf wartete, sich mit seiner Eroberung vor seinen Freunden in Paris brüsten zu können...

Das hier war anders, ganz anders... Smaïn ist unfähig, sich zu rühren. Sie presst ihren jungen, biegsamen Körper an den seinen und er spürt mit Erschrecken, wie dieser unter ihren Berührungen reagiert. Er hört das eigene Blut in den Ohren rauschen und sein Atem wird rascher.

„Weise mich nicht von dir!“ flüstert sie an seinem Ohr, während ihre weichen Lippen sein Ohrläppchen berühren und ihr süßer Atem seinen Hals streift. Wie unter einem Bann wird er ihres Duftes gewahr und ihrer halb geöffneten, feuchten Lippen, die sich den seinen nähern. Diese leidenschaftliche Frau hatte mit seiner kleinen Anja nichts mehr gemein! Es gab sie nicht mehr, die kleine, unschuldige Anja, die er hat aufwachsen und heranreifen sehen. Vor ihm stand ein leidenschaftliches, vollkommenes Weib, das sich nach ihm sehnte und in dessen Augen Verheißung und das Versprechen auf ungeahnte Lust und Liebe stand.

Ein schmerzlicher Laut entringt sich seiner Brust als er sich ihrem verheißungsvollen Mund nähert und sie küßt, mit aller Hingabe und seiner Liebe, die er für sie seit jeher empfunden hat. Er hält sie fest und lässt seine Hände tastend über ihren bereitwilligen Körper, der sich an den seinen drängt und sich ihm unter dem weißen Gewand nackt darbietet, wandern. Er hört ihr leises, verlangendes Stöhnen und weiß, dass es der helle Wahnsinn ist, doch er hat keine Kontrolle mehr über seinen Geist und seinen Körper und lässt zu, dass ihre weichen Berührungen das Feuer in ihm noch mehr entfachen, um sie ebenfalls zu liebkosen und ihren Körper erschauern zu lassen.

Die Welt um sie herum scheint versunken, es gibt nur diesen einsamen Platz inmitten der Wüste, die Gestirne am dunklen Himmel und ihre beiden hungrigen  Körper, die sich finden, mit einer so heftigen Leidenschaft und Hingabe, dass  Anja meint, in einem Meer der Gefühle und  Verzehrung zu versinken. Sie sinkt in seinen Armen auf den weichen Sandboden der Wüste und glaubt bodenlos zu fallen, als sie miteinander verschmelzen und sie seine heiße, glatte Haut, diesen harten, gestählten Körper auf sich spürt. Er zwingt sie erst mit behutsamen Bewegungen, die sich rhythmisch steigern, als er ihre Erregung spürt, immer  fordernder und rascher, einem überwältigenden Höhepunkt entgegen, und  ihrer Kehle entringt sich ein stöhnender Laut der Überraschung und des Staunens über ihr heftiges Empfinden, das dieser Mann in ihr ausgelöst hat. Ihr Körper reagiert auf diese neue Erfahrung mit einer Explosion von Lust, die sie in heißen Wellen durchflutet. Sie bäumt sich auf und klammert sich an den Hals des erfahrenen Mannes, der ihr diese Empfindungen schenkt.

Als er sie danach erschöpft und zärtlich in den Armen hält, spürt sie, dass er ebenso zittert wie sie selbst. Sie atmet schwer und lässt die unglaublich überwältigenden Gefühle, die er in ihr ausgelöst hatte, an ihn gepresst, abklingen. Lange liegen sie so nebeneinander, ohne sich loszulassen und blicken zum Sternenhimmel empor. Das leise Schnauben der wartenden Pferde bricht die heilige Stille, die sie umgibt und er flüstert leise und rau: „Komm, wir wollen uns erfrischen!“ Er zieht sie hoch und führt sie zu dem eiskalten Wasser des Teiches, der kaum größer als ihr Schwimmbecken ist. Sie betrachtet die Umrisse seines schlanken, durchtrainierten Körpers und ihre Finger ertasten seine Muskeln an Armen und Schenkeln.

Sie lassen sich ins Wasser gleiten und versinken darin, wie in einem bodenlosen Traum, aus welchem es kein Erwachen gibt. Er küsst sie unter Wasser und greift nach ihrem schlanken Körper um ihn an seine eigene Nacktheit zu ziehen. Nachgiebig presst sie sich an ihn, sie könnte vergehen vor Verlangen und es dürstet sie nach mehr. Während sie nach Luft ringend auftauchen, hat er bereits ihre Beine um seine Hüften geschlungen und hält sie fest, um sie erneut zu lieben und auszufüllen in dieser Leichtigkeit des Wassers, in dem sich ihre erhitzten Körper harmonisch, im Einklang zueinander, bewegen. Ihr Blick versenkt sich in den seinen und darin spiegelt sich die tiefe Leidenschaft, die sie einander in die Arme getrieben hat, wieder. Während die Nacht ihren Lauf nimmt, klammern sich die Liebenden immer aufs Neue aneinander, als könnten sie so dem anbrechenden, neuen Tag und damit der Realität des Lebens entkommen.

Als die Sterne allmählich am Himmel verblassen und sich dieser unmerklich aufhellt, trennen sie sich endlich, doch zögernd und bedauernd und reiten auf den Pferden nebeneinander, sich an den Händen haltend, hinunter ins Tal.

Anja verbirgt ihren Körper, der sich heute so anders anfühlt, so neugeboren, unter der weiten Galabija und das verräterische Leuchten ihrer Augen unter dem durchsichtigen Schleier, als sie das Gestüt erreichen. Der Stallbursche, der ihnen die Tiere abnimmt, schenkt Anja ein anzügliches Lächeln, das jedoch angesichts des finsteren Gesichtsausdrucks Smaïns sofort erstirbt. Mit einem leisen Gruß macht er sich davon, um sich um die Pferde zu kümmern.

Als sie fast daheim angekommen sind, sagt Smaïn heiser zu ihr: „Niemand darf davon erfahren! Es würde deinen Vater umbringen!“

„Mein Vater ist aufgeschlossen und selbst ein leidenschaftlicher Mann. Er ist keine schwache Natur!“ erwidert Anja lächelnd. Doch sie weiß, Smaïn hat Recht, er würde es als Verrat betrachten, wüsste er, dass der Freund, dem er stets sein Leben anvertraute, seine Tochter verführt hat. Niemals würde er ihr Glauben schenken, dass es umgekehrt gewesen war. Sie fühlt sich glücklich und möchte die Welt umarmen. Warum war das Leben so kompliziert und warum konnte sie die Menschen, die sie liebte, nicht an ihrem Glück teilhaben lassen?

Während sie auf der Terrasse das üppige Frühstück, das Ibrahim zubereitet hat, genießen, vermeidet Anja es, den alten Mann direkt anzusehen. Sie hat das Gefühl, dass er alles weiß. So ein Unsinn, denkt sie. Oder war ihr anzusehen, was Smaïn aus ihr gemacht hat? Erst heute fühlte sie sich wirklich als Frau, alles was vorher war, diese Streichelerfahrungen mit Jungs ihres Alters, dieses misslungene Intermezzo mit Philippe, es war wie ausgelöscht, es hatte nie stattgefunden.

Kurz darauf ist Smaïn verschwunden und sie ist enttäuscht, dass sie den Nachmittag alleine verbringen muss. Einerseits ist sie verdrossen und zieht sich in den kühlen Salon zurück und andererseits tut ihr diese Ruhe gut, um ihre Gedanken ordnen zu können. Sie skizziert aus dem Gedächtnis heraus sein Gesicht. Ihre Hand hält den Kohlestift nicht so sicher wie sonst und sie kann das leichte Zittern ihrer Hand kaum unterdrücken. Sie betrachtet ihre Zeichnungen: Es ist ein edles Gesicht, ein Gesicht das sie kennt, seit sie denken kann, das ihr da entgegenblickt. Es strahlt Verlässlichkeit aus, Sicherheit und Treue. Aber Anja hat noch einen neuen Ausdruck darin entdeckt: Leidenschaft! Mehrere Skizzen liegen bereits um sie verstreut herum und der Tag hat sich längst zur Neige gesenkt, als sie endlich die Eingangstür hört und Smaïn kurz einige Worte mit Ibrahim wechselt. Ihr Herz klopft bis zum Hals und sie sieht ihm erwartungsvoll entgegen, als er die drei Stufen zum Wohnbereich des Hauses herunter eilt. Sein Gesicht ist ernst und ein schmerzlicher Zug liegt um seinen Mund. Nachdem er ihren Kopf flüchtig geküsst hat, setzt er sich ihr entschlossen gegenüber. Sie ahnt, was er zu sagen hat. Sie sieht es in seinen Augen, an seiner Miene und hat es im Grunde ihres Herzens immer gewusst. Er war wieder der verlässliche, überlegene, alte Freund, der Bruder, und bei dieser Erkenntnis spürt sie, wie sich ein schmerzender Knoten in ihrer Brust bildet, der ihr das Atmen schwer macht. Unwillkürlich presst sie die rechte Handfläche gegen ihr Herz.

Bevor er zu sprechen beginnen kann, hebt sie abwehrend eine Hand: „Du brauchst nicht viel zu sagen. Ich weiß es und will es dennoch nicht hören!“

Er übergeht das Gesagte und wendet sich mit fester Stimme an sie: „Es gibt keine gemeinsame Zukunft für uns, Anja. Das weißt du besser als ich! Ich habe dir nichts vorgemacht und du selbst hast von Beginn an verstanden, dass es nie anders sein wird können, als es vor der letzten Nacht zwischen uns beiden gewesen ist. Denn nichts hat sich geändert und wir müssen aus unserem Gedächtnis streichen, was passiert ist. Ich weiß, du kannst es nicht verstehen und glaubst mich zu lieben. Natürlich liebst du mich, aber eben so, wie du mich seit jeher geliebt hast. Alles was du sonst noch für mich zu empfinden glaubst wird sich verflüchtigen, glaub‘ mir! Es war der Reiz eines Augenblicks!“

Anja, deren schmales Gesicht sehr blass geworden ist, sitzt wie versteinert da und ist unfähig eine Entgegnung zu äußern. Er hatte sich entschieden. Smaïn gibt seiner rauen Stimme einen weicheren Klang, nachdem er die Gefühlsregung Anjas bemerkt hat, als er eindringlich fort fährt: „Anja, kleine Anja, ich bin viel zu alt für dich. Mein Leben ist das eines einsamen Wolfes, das niemand teilen kann, auch du nicht. Ich finde keinen Platz in deiner viel versprechenden Zukunft. Und in deinem Innersten ist dir bewusst, dass jedes Wort stimmt, das ich jetzt zu dir sage! Es hätte nie passieren dürfen, ich werde es mir nie verzeihen, dass ich dir und mir so nachgegeben habe!“

Anja streckt rasch den Arm aus und legt einen Zeigefinger an seine Lippen: „Das darfst du nie sagen, mon Amour! Hörst du! Es darf dir nicht leid tun und du kannst nichts dafür, also quäle dich nicht, denn ich werde nie etwas von dir fordern, niemals! Schuld bin allein ich, dass du nun unter Selbstvorwürfen zu leiden hast. Du bist viel zu ehrenhaft für diese Welt! Ich kann dich nicht mehr so sehen, wie ich dich als Kind sah, das wirst du verstehen, aber du bleibst immer mein bester Freund, das musst du mir versprechen! Ebenso verspreche ich dir, dass niemand je davon erfahren wird. Es bleibt unser beider Geheimnis. Ich weiß sehr wohl, dass ich dir niemals deine Aysha ersetzen kann, das hatte ich auch nie vor.“

‘Aber ich hatte es gehofft’, denkt sie bitter.

Smaïn hält ihre Hand und blickt in ihre von Tränen verschleierten Augen, die ihn an den See vor ihrem Haus erinnern und in welchen er sein dunkles Gesicht sehen kann, welches sich in diesem unnatürlich intensiven Blau widerspiegelt. Er erfasst ihre Hand und hält sie lange, wortlos fest. Schließlich versucht er mit fester und leiser Stimme diese endgültige Unterhaltung zu beenden: „Ich danke dir Anja, dass du es mir nicht schwerer machst, als es schon ist. Wäre ich nur zehn Jahre jünger, dann würde ich dich zu meiner Aysha machen, glaube mir! Aber ich habe nicht das Recht, deine Jugend an mich zu fesseln, an einen alternden Mann meiner Art! Ich muss versuchen, meine Schuld zu bewältigen und mit ihr zu leben. Vergiss es, verliebe dich in einen jungen Mann, der deiner wert ist und er wird der glücklichste Mann auf Erden sein, wenn du ihm nur halb soviel Leidenschaft schenken kannst, wie du sie mit mir geteilt hast. Werd‘ glücklich und verzeih‘ mir, wenn du es kannst!“

Er unterdrückt den Impuls, sie in die Arme zu nehmen und zu streicheln, sie zu trösten! Er will es ihr und ihm nicht noch schwerer machen, als es schon war.

Anja schluckt und zwinkert die aufsteigenden Tränen in ihren Augenwinkeln weg. Sie bringt sogar ein klägliches Lächeln zustande.

„Schon gut, mache dir bloß keine Sorgen um mich und vor allem fühl‘ dich nicht schuldig! Verlange jedoch nicht von mir, alles zu vergessen! Das ist mir unmöglich und ich es will es auch nicht! Du hast mir soviel gegeben...“

Der unvollendete Satz bleibt im Raume hängen, als sie ihn verlässt und nicht mehr zu dem Mann zurück sieht, der mit versonnenem Blick hinter ihr hersieht, ohne sie zurück zu halten, obwohl es ihn mit jeder Faser seiner Seele danach verlangt!

Noch am gleichen Abend telefoniert Anja mit ihrem Vater, um ihm mitzuteilen, dass sie nach Wien zurückfahren wolle. Sie habe einiges nachzuholen in diesem Semester, da sie ja ein ganzes versäumt hatte durch Evelines Krankheit. Möglicherweise konnte sie sogar die erforderlichen Prüfungen schaffen, wenn sie sich ein wenig dahinter klemmte. Leicht verwundert sagt Frédéric zu, den nächst besten Flug für sie zu arrangieren und ihr Bescheid geben zu lassen.

So kommt es, dass beide, Smaïn und Anja mit dem kleinen Flugzeug am nächsten Tag, früh abends, nach Kairo unterwegs sind. Der Ägypter will sich weiter um den U-Bahn-Bau kümmern und Anja wird die Anschlussmaschine nach Wien nehmen.

Schweigend sitzen sie da und blicken angestrengt auf die unter ihnen liegende wüstenhafte Landschaft. Doch Anja sieht heute nichts von der Schönheit des Landes. ‚Es ist eine öde Gegend’, denkt sie, ‚was gefällt mir eigentlich daran’? Hier und da treffen sich ihre Blicke, um sich sekundenlang ineinander zu versenken und Smaïn ballt die Hände unmerklich zu Fäusten, bis seine Knöchel weiß hervortreten. Es gibt nichts mehr zu sagen, die Würfel sind gefallen und nichts, aber auch wirklich gar nichts würde ihn dazu bewegen, es sich anders zu überlegen. Sie hatte ihr Leben vor sich, seines war zu zwei Dritteln gelebt! Ihre Zukunft soll die eines glücklichen, reichen Mädchens sein, dem die Welt zu Füssen liegen wird und er, er würde im Hintergrund über sie wachen und sie vor Unglück bewahren, sofern es in seiner Macht stand. Anja, die beim Gedanken an seine Berührungen, die sie nie wieder spüren würde, ein wenig bis in ihr Innerstes erzittert, fühlt sich elend und trostlos einsam. Sie weiß, dieses Geheimnis konnte sie niemandem anvertrauen, sie musste es begraben, obwohl sie am liebsten der ganzen Welt mitteilen wollte, welches Glück sie durch den Ägypter erfahren hatte und wie sehr sie sich danach sehnte, ihn zu spüren, ihn lieben zu dürfen. Doch das war bereits der Beginn des unabwendbaren Endes und diese schmerzliche Erkenntnis ließ sie schier verzweifeln.

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