XI

Als sie Portsmouth erreichten, regnete es. Nicht in Strömen. Aber der feine Niesel war weitaus unangenehmer. Er kitzelte einen am Kragen und schob seine unangenehmen Finger in jedes Schlupfloch. Jack stand an Deck, sah auf die anderen Schiffe, die in der Reede lagen. Ein paar davon kannte er nebst Kapitänen. Er hatte gehofft, vielleicht Pullings mit der Acheron hier zu finden. Aber dann gestand er sich ein, dass er doch nicht wirklich damit gerechnet hatte.
Hinter ihm folgte die Hieron. Danach die Medea. Die Mannschaft des Freibeuters würde in Gewahrsam genommen werden. Wahrscheinlich würde man sie hinrichten. Er hoffte, dass niemand ihrem Geschwätz groß Beachtung schenken würde, sollte es doch einige geben, die versuchten, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen. Einem Shaughnessy hätte man eventuell Glauben geschenkt, aber diesen Herumtreibern? Dazu genoss Miss Kincaid ein viel zu hohes Ansehen in der Handelsbranche. Sie hatte immer peinlichst dafür gesorgt, dass niemand sie mit den Überfällen in Verbindung bringen konnte. Sie als Kapitän und Verräter... Es musste den Zuhörern Tränen der Belustigung in die Augen treiben.
Zusammen mit Stephen mietete er sich in einem Gasthaus ein. Am frühen Morgen des nächstes Tages würde er sich auf den Weg nach London machen. Es kam darauf an, was sich dort ergab, ob er sofort hierher zurückkehren würde oder doch noch Zeit bekam, seine Frau und seine Kinder zu sehen.
Stephen war nicht sehr gesprächig. Er hockte die meiste Zeit missmutig in seinem Sessel, rührte das Essen kaum an. Dann entschuldigte er sich und ging früh zu Bett. Jack saß noch eine zeitlang am Kamin, schlürfte den Tee mit Rum und hing seinen Gedanken nach.

~~~

Stephen stand am Fenster, sah der Kutsche nach, in der sein Freund saß, um das Unheil in Gang zu bringen. Das Einzige, was er tun konnte, was zu hoffen, dass Jacks Wunsch ohne viel Federlesen entsprochen wurde und man erst gar keine peinlichen Fragen stellte. Hätte Melville noch das Sagen gehabt, hätte er sich darüber keine Sorgen gemacht.
Missmutig kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und nahm Schreibkiel und Pergament zur Hand. Die Worte hatte er sich bereits am letzten Abend überlegt. Er war sie wieder und immer wieder durchgegangen. Nun brachte er sie zu Papier, versiegelte das Schreiben und läutete nach einem Burschen, dem er reichlich Geld zahlte, so dass der Brief schleunigst seinem Adressaten zugestellt wurde. Dieser würde wissen, was zu tun war.
Danach legte er den Morgenrock ab und kroch wieder ins Bett. Finn war auf der Medea. Er vermisste ihre Wärme, wünschte, sie wäre jetzt hier. Von diesem Gedanken getragen, schlief er wieder ein.

~~~

Eine Woche später kehrte Jack zurück. Stephen wusste bereits, was sein Vorsprechen beim Ersten Seelord eingebracht hatte. Einen Erfolg auf der ganzen Linie. Er hatte den Kaperbrief. Deshalb fragte sich Stephen, warum Jack dann so missgelaunt war. Als er seinen Gedanken laut aussprach, winkte dieser nur ab und machte sich über das Frühstück her.
»Sag mir, was nicht zu deiner Zufriedenheit gelaufen ist?« wollte Maturin wissen, rührte in seinem Kaffee, obwohl er weder Milch noch Zucker hineingetan hatte.
»Sophie«, erwiderte Jack nur. Dann hielt er inne, legte die Gabel auf den Teller und rang sich zu einer präziseren Erklärung durch. »Sie war zutiefst verwirrt, als sie mich mitten in der Nacht vor der Tür vorfand, zumal ich ihr kein Schreiben gesandt hatte, das mein Kommen ankündigte. Sie sah sehr müde aus, abgemagert. Der Kleine bekommt gerade Zähne. Er hat die ganze Nacht geschrieen. Sie rannte ständig zu ihm, so dass wir uns nicht mal für einen Augenblick in Ruhe unseren ehelichen Pflichten widmen konnten.« Er seufzte. »Dann machte sie mir Vorhaltungen, weil ich nicht soviel Sorge trug wie sie.« Jack trank einen Schluck Kaffee. »Ich liebe sie, Stephen, genauso sehr wie meine Kinder. Aber, Herrgott, ich bin ein Mann. Selbst, wenn ich es wünschte, könnte ich nicht die Aufgaben übernehmen, die sie innehat.« Nach einer erneuten Gabel Eier und Speck, gefolgt von einem Bissen Toast, meinte er: »Wie ich sehe, ist hier alles zur Zufriedenheit verlaufen.«
Stephen nickte. »Sämtliche Schäden an beiden Schiffen sind behoben, wie mir Vulcan erzählte, mit dem ich die Freude hatte, letzten Abend zu speisen. O’Hara erledigt alles, was nötig ist. Miss Kincaid hält sich im Hintergrund. Sie hat die Medea nicht einen Augenblick verlassen. Ich konnte sie nicht sooft sehen, da es merkwürdig erschienen wäre, aber Vulcan war so nett, Blakeney zu überstellen, so dass dieser mich auf dem Laufenden halten konnte.«
»Du denkst immer noch, ich bin der Idiotie anheim gefallen?« fragte Jack spitz.
Stephen zuckte die Schultern. »Ich habe erkannt, dass ich bei dieser Sache nicht viel zu sagen habe. Weder bei dir noch bei ihr. Meine Meinung kennst du. Sie hat sich nicht geändert. Doch werde ich mich fügen.«
»So einfach?« Aubrey hob eine Augenbraue.
»Ich ordne mich der Mehrheit unter. Felix qui potuit rerum cognoscere causas
Jack, um dessen Latein es sehr schlecht bestellt war, erwiderte nichts darauf, sondern kaute genüsslich an seinem Speck.

~~~

Finn stand an Deck der Medea. Sie trug Drillichhosen, hatte ihren Busen mit einem Leinentuch straff an den Körper gebunden. Von Brendan hatte sie sich ein Hemd geliehen. Fast versank sie in der Übergröße, schaffte es mit einem Gürtel, dass es nicht so aussah, als würde es gleich auf den Planken schleifen. Ihr rotes Haar war fast vollständig unter einem Tuch verschwunden. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten, unter Deck zu bleiben. Noch eine Stunde länger und sie hätte angefangen, gegen die Wände zu treten. Sie war eine Gefangene auf ihrem eigenen Schiff, dessen Zukunft noch immer in der Schwebe hing. Zur Tagesordnung konnte man nicht übergehen, da sie sich nicht hundertprozentig sicher war, wie Aubrey darauf reagieren würde. Dennoch hatte Brendan die Ware gewinnbringend an den Mann gebracht. Doch leider mussten sie leer zurücksegeln. Viele Händler sahen im Moment davon ab, lukrative Geschäfte zu machen. Eine allgemeine Durststrecke hatte eingesetzt. Zwar war die Hieron ausgeschaltet, aber es gab genug andere Schiffe, die diesem Beispiel folgten.
»Ein Boot nähert sich«, meldete einer der Matrosen. Er trat an die Reling und rief: »Wer da?«
»Surprise«, war die Antwort.
Finn zog ihn zur Seite. »Such Brendan, schick ihn in meine Kajüte«, befahl sie ihm. Er trollte sich und sie blickte auf den Neuankömmling. »Captain Aubrey.«
Er hangelte sich die Jacobsleiter hinauf. »Was tun Sie an Deck?«
»Arbeiten.« Sie spähte an seiner Schulter vorbei. »Wo ist Stephen?«
»Oh, er hat etwas zu erledigen. Nahm eine Kutsche. Wird am Abend zurück sein.«
»Sie haben ihn nicht gefragt, wo er hin wollte?«
»Warum sollte ich?« Jack runzelte die Stirn.
»Natürlich, wo käme die Freundschaft hin, wenn man argwöhnisch wäre.« Sie schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. »Nun spannen Sie mich nicht auf die Folter.«
»Nicht hier«, erwiderte er nur und überließ es ihr, vorauszugehen. 
Die Heckfenster ihrer Kajüte waren offen, brachten frische Luft in den Raum. Jack setzte sich auf einen Hocker, nahm dankbar den Whisky entgegen, den sie ihm anbot. »Meine Unterredung war fruchtbar. Ich habe den Kaperbrief. Und das, ohne die Medea überhaupt erwähnen zu müssen. Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder.«
Finn atmete erleichtert auf. »Gut«, sagte sie. »Ich bin es langsam leid, hier eingesperrt zu sein. Auf See kann ich endlich wieder offen an Deck, ohne diese Scharade.« Sie zupfte am Hemd.
»Steht Ihnen aber gut. Hätten Sie mich nicht angesprochen, dann hätte ich mehrere Blicke riskieren müssen, um Sie zu erkennen.«
»Wann laufen wir aus?«
»In zwei Tagen.«
Die Tür ging. O’Hara trat ein. »Gute Nachrichten, oder Gott stehe Ihnen bei«, meinte er nur.
Jack lächelte. »Gute Nachrichten. Gott kommt noch früh genug.«
»Sehr schön.« O’Hara ließ sich auf einen Stuhl plumpsen und griff nach der Karaffe, goss sich einen großen Schluck ein.
Aubreys Hand wanderte in seine Jacke. Er zog einen Beutel heraus und ließ ihn auf den Tisch fallen. »Das ist nicht der komplette Preis. Noch ist die Hieron nicht verkauft. Aber mein Prisenagent zahlte mir einen Vorschuss. Ihr Anteil.«
Finn rührte den Beutel nicht an. Mit vor der Brust verschränkten Armen starrte sie darauf, als wäre es ein Raubtier, das sie gleich anfallen wollte. Schließlich war es O’Hara, der ihn in die Hand nahm, prüfend wog. »Jetzt sind wir vollends im Geschäft, mein Werter.«

~~~

Stephen kehrte am Abend zurück. Er war eine Stunde zu spät. Jack hatte auf ihn warten wollen, aber dann doch schon mit dem Dinner angefangen. Er tat sich gerade gedünsteten Fisch auf, als Maturin hereinschneite. Er sagte kein Wort, zog nur seinen Reisemantel aus und goss sich ein Glas Wein ein. »Guter Jahrgang«, ließ er sich herab zu bemerken.
»Was immer du zu erledigen hattest, ich hoffe, es ist gut gelaufen?«
»Oh, ja, ja, mein Bester.« Stephen lächelte und stibitzte ein Stück Fisch von Jacks Teller.
»Ich lasse dir gern noch ein Gedeck bringen«, meinte dieser nachsichtig.
»Das wäre vortrefflich.«
Jack läutete und bestellte für den Doktor dasselbe wie für sich. Obwohl Maturin nicht so aussah, konnte er durchaus genauso viel verdrücken wie er.
»In zwei Tagen geht es los. Ich habe bereits alles mit Miss Kincaid und O’Hara besprochen. Sie werden mit Abstand aber dennoch in Sichtweite zu uns segeln. Sollte sich ein feindliches Schiff nähern, beginnen wir sofort mit den Täuschungsmanöver.«
»Wie lange hast du vor, damit durchzukommen?« Stephen sah ihn eindringlich an.
»Solange, wie ihre Tarnung intakt bleibt.«
»Ja. Und wenn sie aufgedeckt wird, was dann?« Der Doktor trank noch einen Schluck Wein. »Das Schiff ist ihr Lebensunterhalt. Wenn sie in die Sicherheit ihres Hafens zurückkehrt, kann sie ihr Geschäft an den Nagel hängen. Noch einmal auslaufen zu wollen, wäre lebensmüde.«
»Sicher. Das weiß sie und spielt mit dem Gedanken, sich dann ein neues Schiff zuzulegen.«
Stephen lachte. »Da Schiffe auch leicht an jeder Ecke zu bekommen sind. Jack, ich bitte dich.«
Der hob drohend den Finger. »Werd' nicht sarkastisch, Stephen. Natürlich habe ich das auch in Betracht gezogen. Ihre Crew ist gut geschult, die finden überall Arbeit. Und was Miss Kincaid persönlich betrifft. Nun ja, ich habe den Entschluss gefasst, sie und ihre Familie monatlich zu unterstützen.«
»Du willst was?« Stephen verschluckte sich und musste husten.
Jack zuckte die Schultern. »Du sagtest, ich sollte menschlicher sein. Sie selbst ist eine umsichtige Frau. Sie hat einen großen Teil ihres Geldes gut angelegt. Es reicht für ein angenehmes Leben und eine gute Mitgift für ihre Schwester.«
»Wenn sie dein Geld nicht wirklich braucht, warum willst du es dann trotzdem tun? Plagen dich etwa Schuld und Sühne?«
»Stephen!« kam es scharf.
Maturin lachte. »Der Herr Kapitän hat also doch ein schlechtes Gewissen. Du weißt nicht, wie sehr mich freut, das zu hören.« Im nächsten Moment landete Jacks Serviette in seinem Gesicht.

XII

Finn hatte es sich nicht nehmen lassen, das Ruder selbst zu führen. Endlich fühlte sie sich wieder frei. Auch wenn sie wusste, dass die Stimmung trog. Sie hatte sich auf ein waghalsiges Spiel eingelassen. Ian hatte sie immer irgendwie schützen können, Aubrey würde das nicht tun. Nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil er es nicht konnte. Die Admiralität hatte keine Kenntnis von dem Unterfangen, das er plante. Sagte er es jetzt, riskierte er einen Rauswurf und sie den Tod. Ein guter Redner war Aubrey nicht, das wusste sie von Stephen. Sollte er zu ihrer Verteidigung sprechen wollen, würde er sie noch tiefer mit reinziehen. Sie betete, dass er nie in die Verlegenheit kam.
Stephen. Sie wünschte, er wäre an Bord der Medea. Seine Nähe fehlte ihr.
Finn legte das Ruder etwas weiter steuerbord, brachte es genau in Luvstellung. Sie machten jetzt schon acht Knoten Fahrt. Die Route hatte sie genau mit Aubrey festgelegt. Im Grunde war es eine Art Zickzackkurs, der sie letztendlich nach Malta führen würde. Da sie aber nicht den geraden Weg nahmen, kitzelten sie die Franzosen und Spanier ein wenig aus ihren Verstecken heraus. Zumindest versuchten sie es. Bis jetzt war ihnen allerdings noch keiner begegnet. Nur ein Händler, der sehr erleichtert darüber war, dass man ihn nicht angreifen wollte, da er für die Briten segelte.
Zwei Tage schon und nichts war passiert. Wie ein Damokles Schwert kam die Nacht und senkte sich über sie. Finn warf sich unruhig in ihrer Koje hin und her. Als sie es nicht mehr aushielt, ging sie an Deck, setzte sich dort an das Heck. Die allgemeine Stimmung war angespannt. Die Männer sangen zwar, aber es täuschte nicht über ihre Wachsamkeit hinweg. Sie lauschte den vertrauten Klängen, bewegte ihre Füße ihm Gleichklang mit dem Stampfen der anderen.

AIR LAR ’SAN TOLL DHUBH CHA BHI GRIAN

CHA BHI GEALACH

‘S DUBH AN OIDHCHE CHAIDLEAS SINN

AIR LAR ’SAN TOLL DHUBH CHA BHI GRIAN

‘S DUBH AN OIDHCHE CHAIDLEAS SINN

Auf dem Boden des Kerkers wird es kein Sonnelicht geben.
Und auch keinen Mond.
Dunkel wie die Nacht wird unser Schlaf sein.
Auf dem Boden des Kerkers wird es kein Sonnelicht geben.
Dunkel wie die Nacht wird unser Schlaf sein.

Sie seufzte. Die Worte stimmten sie melancholisch. Seid ihrem unseligen Zusammenschluss mit Shaughnessy war ihr Leben ein Kerker gewesen. Und nach seinem Tod war es das nicht minder.

~~~

Jack betrachtete Stephen mit einem Stirnrunzeln. Er lehnte an der Reling, das Fernglas am Auge. Schon Ewigkeiten. »Mehr als ihre Hecklaternen wirst du nicht sehen«, sagte er freundlich.
»Dass ich sie sehe, ist Trost genug«, entgegnete Maturin.
»Willst du wieder die ganze Nacht hier verbringen? Du benimmst dich wie ein Mondsüchtiger. Die Mannschaft fängt schon an zu tuscheln.«
»Dann sollen sie doch. Ich tue nur meine Pflicht. Ich bin ein Forscher, also forsche ich.«
»Und das bei stockfinsterer Nacht, in der du nicht mal deine Hand vor Augen sehen kannst.« Jack schüttelte den Kopf.
»Du musst mir keine Gesellschaft leisten«, kam es spitz.
»Das weiß ich. Aber ich will sicher gehen, dass du nicht versehentlich über Bord fällst. Deine Schwimmkünste sind nicht die besten.«
Stephen schob das Fernrohr zusammen. »Wenn du wüsstest, Sophie wäre auf diesem Schiff, dann wärst du auch besorgt.«
»Natürlich. Aber du kannst sie doch nicht mit Sophie... Oh...« Jack starrte den Doktor an. »Das war mir nicht bewusst.«
»Nein, denn du hattest nur Augen für deinen ehrgeizigen Plan.«
Der Seitenhieb kränkte Jack, aber er zwang sich, darüber hinwegzusehen. »Wann?« fragte er leise.
»Noch bevor wir Portsmouth erreichten. Und jetzt kümmere dich um deine Angelegenheiten.«
»Auf meinem Schiff?« rief Jack entrüstet.
Maturin fing an zu lachen. »Willst gerade DU den Moralapostel spielen?«
Aubrey senkte den Kopf. »Nein. Es war unziemlich. Verzeih mir.«
Stephen klopfte ihm auf die Schulter. »Schon gut, mein Alter.«

~~~

»Segel in Sicht. Steuerbord voraus!«
Der Ausruf weckte sie. Finn zuckte zusammen und fiel von der Heckbank. Sie wühlte sich aus der Decke, die jemand über sie gebreitet haben musste und kämpfte sich auf die Beine. O’Hara hatte bereits ein Fernrohr am Auge, als sie bei ihm ankam. »Wer ist es?« fragte sie heiser.
»S’is die Marquise«, kam es nach einer Weile. »Sie flaggt, wir sollen den Kurs beibehalten. Und fragt an, wie viele.«
»Dann signalisiere ihr, ein Schiff. Obwohl sie das eigentlich selbst sehen müsste. Ich mache die Geheimzeichen am Heck für Aubrey bereit.«
»Mädchen!« Sie stockte und sah ihren Freund an. »Bist dir ganz sicher? Ansonsten heißt es bald...« Er fuhr sich mit dem ausgestreckten Finger an der Kehle entlang.
»Ja, Brendan, es ist der einzige Weg.«

~~~

»Sir!« Mowett platzte in Jacks Kajüte, störte ihn und Stephen beim Frühstück. »Signale von der Medea. Wir haben einen Franzosen am Haken.«
Sofort ließ Jack Messer und Gabel sinken und legte die Serviette beiseite. Er stand auf und zog sich seine Uniformjacke an.
Stephen erhob sich ebenfalls. »Ich gehe ins Lazarett.« Mit diesen Worten verschwand er, während Jack an Deck eilte.
Er nahm ein Fernrohr entgegen, das ihm Blakeney reichte und spähte hindurch. »Die Zeichen sind eindeutig. Sie haben Wacht, mein Junge. Lassen Sie gefechtsklar machen!«
Blakeney drehte sich der Mannschaft zu und gab das Kommando.
»Was geschieht jetzt, Sir?« fragte Vulcan.
»Die Medea zieht am Franzosen vorbei, bringt sich in Sicherheit. So hat sie es früher auch getan. Niemand kann es ihr verübeln. Ihr Schiff zu schützen, ist oberste Priorität. Es hat niemals irgendwelchen Argwohn geweckt. Wahrscheinlich gibt sie Schüsse auf den Franzosen ab. Aber die werden nicht viel anrichten. Das war immer so abgesprochen und wiegte die Briten in Sicherheit, auf wessen Seite die Medea stand.«
»Ein guter Plan, das muss ich zugeben, Sir. Ich wäre darauf reingefallen.«
»Das wäre ich auch, wenn Miss Kincaid nicht ihre Meinung, was die Wahl ihrer Seiten betrifft, geändert hätte.«
Jacks Hinweis an Vulcan war der richtige gewesen. Kaum hatte er nämlich zu Ende gesprochen, feuerte die Medea auf den Franzosen, richtete aber nicht viel Schaden an. Dann setzte sie alles an Tuch, was sie hatte und segelte auf und davon.
Die Surprise und die Marquise trafen aufeinander. Jack behielt die Oberhand, büßte allerdings seinen Besanmast ein, aber letztendlich kaperte er das französische Schiff und segelte mit dieser hübschen Prise im Hafen von Malta ein.
Allerdings fehlte bei ihrem Eintreffen von der Medea jegliche Spur. Sie hatten sich unterwegs aus den Augen verloren, was verständlich war, da die französischen Offiziere an Bord – die Jack mit Respekt und Zuvorkommendheit behandelte – keinen Verdacht schöpfen sollten. Was sie auch nicht taten.
Captain Devereux war ein kleiner, runder Mann, der beim Gehen aussah wie ein hüpfender Ball. Doch täuschte das nicht über seinen Scharfsinn hinweg. Hinter der Stirn unter dem schwarz gelockten Haar ruhte ein wacher Geist. Er war ein Seemann durch und durch. Er sagte, die Surprise erinnere ihn ein wenig an sein erstes Kommando und bald darauf schwelgten er und Jack in wunderschönen Erinnerungen, als sie beide noch Kadetten gewesen waren und es diesen Krieg noch nicht gegeben hatte. Devereux selbst gab zu, dass er von Großmütterlicher Seite Verwandtschaft bei den Briten habe, aber diesen Teil seiner Familie schon seit Jahren – wie denn auch, hob er hilflos die Hände – gesehen habe.
Sein erster Offizier, ein Mann namens Lalonge war ein begeisterter Hobbybiologe. Er und Stephen verstanden sich prächtig. Sie ließen sich die ganze Zeit über Käfer und Spinnen aus, verleideten dem Rest dabei fast das Essen. Lalonge war sehr erfreut zu hören, dass Stephen einmal einen Echten Scheinzwitterschmetterling besessen hatte und dieser sehr betrübt, dass er ihn ihm nicht mehr zeigen konnte.
Das Quartier, dass man den Franzosen in Malta zuwies, war nicht das Edelste, aber es war ihnen genug. Dort würden sie die Zeit verbringen und darauf warten, dass die Verhandlungen schnell vonstatten gingen und sie in ihre Heimat zurückkehren konnten.
»Ich wünschte, Sie könnten die Marquise kommandieren«, sagte Devereux und legte Jack beim Abschied eine Hand auf die Schulter. »Dann wüsste ich sie in wirklich guten Händen.«
Aubrey lächelte. »Wäre es andersherum gewesen, wünschte ich das auch für die Surprise
Man verabschiedete sich mit dem Versprechen, wenn keine anderen Pflichten Vorrang hatten, doch mal wieder vorbei zuschauen. Stephen war begeistert davon. Mit Jacks Hilfe sorgte er dafür, dass Lalonge seine Fachbücher bekam. Oft besuchte er den hageren Franzosen und schwadronierte mit ihm über Flora und Fauna.
Jack war ständig am Hafen, obwohl es dort eigentlich nicht viel für ihn zutun gab. Mr. Shannon und Mr. Hartford kümmerten sich um die Seetüchtigkeit der Surprise und Mr. Vulcan sorgte an Deck für Ordnung. Aber etwas trieb ihn dennoch immer wieder dorthin. Manchmal stieg er auch den Berg hinauf, um den Überblick über die Bucht zu haben.
Als Miss Kincaid aber nach einer Woche immer noch nicht eingetroffen war, begann Aubrey sich ernsthaft Sorgen zu machen. »Ich verstehe es nicht, bei diesem Wetter dürfte es doch keine Probleme gegeben haben. Wo steckt sie nur?«
»Vielleicht hat sie es sich anders überlegt und ist geflüchtet, Sir«, gab Vulcan zu bedenken, nachdem er von Jack in den vollen Umfang der Affäre eingeweiht worden war. Ein Vertrauensbeweis ohnegleichen. Der Waliser fühlte sich geehrt.
»Nein, so schätze ich sie nicht ein. Auch wenn ich wohlgemerkt nicht viel von Frauen verstehe. Aber die Sicherheit ihrer Familie und ihrer Männer geht ihr über alles.« Doch musste er zugeben, dass die Worte seines Ersten Früchte zu tragen begannen und Zweifel säten.
Doch dieser Zweifel wurde bald zerstreut, allerdings nicht in der Art, wie er es sich vorgestellt hatte. Die HMS Clayton lief im Hafen ein. An Bord befand sich jemand, den zu sehen, Jack sich eigentlich hatte freuen wollen.
»S’is ’ne Schande«, murmelte O’Hara, schüttelte immer wieder den Kopf und kippte schon das fünfte Glas Whisky in sich hinein, ohne dass er überhaupt zur Sache gekommen wäre.
»Was ist passiert?« Jack sah den Mann eindringlich an, konnte seine Ungeduld kaum noch verbergen.
Stephen lehnte an der Wand im Zimmer des Wirtshauses, in dem er und sein Freund sich eingemietet hatten und verzog keine Miene.
»Die vermaledeiten, trikolorten Musköppe«, grummelte O’Hara. »Wir ham geflaggt, aber sie ham nich drauf geachtet, ham einfach das Feuer eröffnet, uns geentert und das Schiff übernommen. Nen Großteil der Mannschaft ham sie als Gefangene mitgenommen. Die zu alt für sie erschienen – so wie ich...« Er tippte sich an die Brust. »Die ham sie ausgesetzt. Wenn nich die Clayton gekommen wär, wärn wir jämmerlich ersoffen.«
»Was ist mit Miss Kincaid?« Jack saß einer dicker Kloß ihm Hals.
O’Hara streckte ihm seinen Arm hin. Das Hemd war blutig, aber der Verband einigermaßen in Ordnung. »Hab sie verteidigt, wie eine Mutter ihr Junges, hat nichs genützt. Die ham sie getötet.« Er schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. »Wär ich doch tot. Oh, heilige Brigid, vergib mir.« Er begann zu schluchzen und brach schließlich in Tränen aus. Jack stand hilflos daneben.
Stephen stieß sich von der Wand ab, warf seinen Freund einen feindseligen Blick zu und verließ ohne ein Wort das Zimmer.

~~~

»Du denkst, ich habe sie getötet?« Stephens Kopf ruckte hoch. Jack kam langsam den kleinen Pfad hinauf. Die halbe Nacht hatte er nach seinem Freund gesucht. Jetzt ließ er sich neben ihm auf dem Felsen nieder und starrte in die Bucht. »Das denkst du doch, oder?«
Stephen schüttelte den Kopf. »Schuld an ihrem Tod ist dieser verdammte Krieg. Immer versucht einer, dem anderen gegenüber im Vorteil zu sein. Menschen sterben. Weißt du, mir ist etwas aufgegangen, als ich hier saß.« Er deutete mit der Hand auf die Schiffe. »Die Besten der Marine. Und doch sind sie für mich nichts weiter als Geisterschiffe mit einer Mannschaft bestehend aus Toten. Sie wissen es nur noch nicht.«
Darauf wusste Jack nicht, was er sagen sollte. Stattdessen legte er Stephen den Arm um die Schulter. So saßen sie beide da und starrten in den aufgehenden Morgen, jeder von den eigenen Dämonen gequält.

Epilog

 

Sometimes you don’t know what you’re waiting for
Till you see it’s been right there infront of you
But it happens too late
Or it happens too fast
And all what’s left then
Is to think of the past

 

Memories
They stay in your heart
None can take away what you feel
Just close your eyes
Stretch out your hand
And it’ll be real

- Caelin -

 

 

Mein liebster Stephen,                                                                                                                            18. September 1807

nun kann ich dich endlich von meiner eigenen Hand wissen lassen, dass es mir gut geht. Deine Verwandtschaft sorgt sich so sehr um mich, dass es mich fast beschämt. Was hast du ihnen bloß erzählt?
Du weißt, dass dir mein Wohlwollen immer sicher ist. Für den Rest meines Lebens. So sehr wie meine Liebe. Doch was du noch weiter für mich tun willst, stürzt mich in tiefste Verzweiflung. Ich kann dir diese Bürde nicht auferlegen. Aber weiß ich doch, dass du meine Widerworte diesmal nicht akzeptieren wirst.
Es betrübt mich, deinen Freund so im Unklaren zu lassen. Aber es ist besser. Es wäre nicht gut gegangen. Und man soll nichts zerstören, was viel zu wertvoll ist. Ja, so denke ich von ihm. Ein guter Mensch, trotz aller Widrigkeiten. Mach ihm bitte keine Vorwürfe. Es war meine Entscheidung. Moralisch vielleicht nicht vertretbar, aber dennoch verständlich.
Darf ich dich um etwas bitten? Ein Versprechen. Ich bin so dreist. Verzeih mir. Solange es möglich ist, hab eine Auge den kleinen Blondschopf. Ich habe ihn sehr lieb gewonnen in der kurzen Zeit und würde es ungern sehen, wenn sein Leben eine schlechte Wendung nehmen würde.
Vielleicht freut es dich zu hören, dass Cousine Siobhan einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat. Ein strammes kleines Kerlchen. Sie hat ihn Stephen genannt. Ich weiß, dass du sie sicher besuchen möchtest, stand sie dir doch einmal sehr nahe. Aber soviel ich hörte, wird sie das Anwesen verlassen und ich fühlte mich ihr nicht vertraut genug, sie zu fragen, wohin sie gehen will. Aber dennoch bin ich mir sicher, dass sie dir schreiben wird. Sie erwähnte etwas in der Art. Deshalb fühle ich mich fast schuldig, dir die Neuigkeiten schon erzählt zu haben. Vor allem, da du keine Möglichkeit hast, sie in nächster Zeit zu sehen. Aber ich dachte, du hast das Recht zu wissen, dass es Familienzuwachs gab.

In tiefer Zuneigung und Liebe
F.

P.S. Lass mich dir noch einen Rat geben, auch wenn ich nie sehr gut darin war. Wohin dein Weg dich auch immer führen wird, lebe. Das ist das Wichtigste. Liebster Stephen. Lebe!

Tränen liefen Stephens Gesicht hinab, während er auf der Bank auf den kleinen Familienfriedhof hockte und den Brief in seinen Händen hielt. Finns Mutter hatte einen Grabstein für ihre Tochter setzen lassen, wollte sie doch einen Platz haben, an dem sie trauern konnte. Wer konnte es ihr verübeln? Trotz aller Widrigkeiten hatte sie Finn geliebt. Sehr sogar.
Es schmerzte Stephen, sie, Sarah und Jack im Unklaren zu lassen. Doch er konnte es nicht aufdecken, ohne sich selbst unangenehmen Fragen gegenüber zu sehen. Er hatte eine Entscheidung gefällt und bereute sie nicht.
Langsam faltete er den Brief zusammen und steckte ihn in seine Jackentasche. Dann stand er auf, kniete vor dem Grab nieder und fuhr mit den Fingern die Buchstaben auf den Stein nach. Ein leichtes Lächeln stahl sich in sein Gesicht.

 
FIONA SIOBHAN O’MALLEY KINCAID

1774 – 1806

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