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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Sechstes Kapitel – Das Kleinod Smaïns |
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Mit Übereifer stürzt Anja sich in ihr Studium und vergräbt sich in ihren Büchern. Sie meidet die Staffelei, denn während des Malens schweift ihr Geist durch Zeit und Raum in eine Richtung, die sie vermeiden will, um ihr seelisches Gleichgewicht nicht ganz zu verlieren. Hatte sie anfangs jeden Vorschlag ihrer Freundinnen auszugehen, etwas zu unternehmen, sich zu amüsieren, abgelehnt, so zwingt sie sich schließlich dazu, die vier Wände ihres Zimmers zu verlassen, die Haustür weit zu öffnen, tief einzuatmen und den viel besungenen Mai in Wien und die weitläufigen Grünanlagen und Erholungsgebiete der Stadt zu genießen. Sie joggt und geht häufig reiten, denn Möglichkeiten gibt es in dieser einstigen Kaiserstadt genug dazu. Frédéric, der die Intimität seiner erwachsenen Tochter nicht weiter stören will, wohnt unregelmäßig und tageweise in der Wiener City, in einem der luxuriösen Hotels. Von hier aus ist es nicht weit zu der Riesenbaustelle an der Donau, wo das neue Kongresszentrum der Vereinten Nationen entstehen soll. Anja versucht nicht mehr, so wie früher, dem Vater jede freie Minute abzuringen, die Zeit ihrer Selbständigkeit hat begonnen und sie fühlt, dass sie seit ihrer Rückkunft aus Ägypten ein neuer Mensch geworden ist. Nun erst fühlt sie sich wirklich erwachsen. Nachdenklicher vielleicht und offener für Weltprobleme. Doch sie liebt es zu lachen, und sie empfindet eine ungeahnte Lebenslust, wenn sie allein oder mit Freunden durch die alte Stadt streift, immer auf der Suche nach kleinen, verborgenen Plätzen voll geheimnisvoller Geschichten. Sie liebt die verschwiegenen Kneipen und Gaststätten, die alten, traditionellen Kaffeehäuser, die meist typische Künstlertreffs sind, und sie kann verstehen, dass Touristen aus fernen Ländern bei dem Wort „Vienna“ immer entzückte „Ah“ und „Oh“ ausrufen. Der manchmal auch herbe Wiener Charme hat auch sie in seinen Bann gezogen. Kunst ist hier allgegenwärtig, an jeder Straßenecke, an jedem Haus oder seinem Inneren. Die vielen Kunstgalerien und Ausstellungen sorgen für ein stetig aktuelles Kulturgeschehen. Die Bildersammlung der alten Meister im Kunsthistorischen Museum ist ein Muss für jeden angehenden Kunstverständigen und eine immerwährende Inspirationsquelle für Anja und ihre Studienkollegen. In den Tagen dieses eifrigen Treibens und emotioneller Überlegungen, die zur Folge haben, dass sie an Smaïn denken kann, ohne dieses verzehrende Gefühl der Wehmut zu empfinden, das sie lange Zeit hindurch verfolgte, erfüllt sie dennoch eine dumpfe Ahnung, die schließlich zur Gewissheit wird. Diese Nacht mit Smaïn ist nicht ohne Folgen geblieben... Noch schiebt sie den Gedanken von sich, tut ihn ab, als vorübergehende Störung ihres Hormonhaushalts, aber die seelische Belastung ist kaum mehr erträglich und nach einer ärztlichen Untersuchung, zu der sie sich schließlich doch aufrafft, wird ihre Vermutung bestätigt: In ihr wächst das Kind des Ägypters. Sein Kind, ihr Kind. Die endgültige Diagnose einer sechswöchigen Schwangerschaft versetzt Anja sekundenlange einen Schlag in die Magengrube und die Weißgekachelten Wände des Behandlungsraumes beginnen sich um sie herum zu drehen. Besorgt betrachtet sie die junge Ärztin und vergewissert sich: „Geht es ihnen auch gut?“ Anja kann nur nicken und hastig verabschiedet sie sich, das schriftliche Testergebnis in der Tasche. „Vergessen Sie nicht die Vorsorgeuntersuchungen!“ ruft man ihr hinterher, doch sie hat bereits den Raum verlassen. Noch bevor sie das Untersuchungslabor verlässt, sucht sie verzweifelt die Toilette auf, um sich zu übergeben. Gebeugt steht sie über dem Waschtisch und mit zitternden Knien entleert sie sich ihres Mageninhalts. Erschöpft lässt sie kaltes Wasser über ihr Gesicht laufen und sieht ihr Bild im Spiegel. Ihr Gesicht ist Kalkweiß, jene goldbraune Tönung der Haut, die sie der Sonne Ägyptens verdankte, ist verschwunden, hektische Flecken sind auf ihren Wangen entstanden und sie starrt sich aus riesigen Augen selbst an. „Na, meine Gute“, sagt sie zu sich selbst in sarkastischem Ton, „ein besseres Souvenir konntest du dir wohl nicht aus Ägypten mitbringen!“ Sie denkt an Frédéric, ihren Vater, und welche Erklärungen sie ihm wohl abgeben wird müssen. Die Wahrheit wird er nicht erfahren, niemals! Sie musste einen Vater für ihr Kind erfinden. Es würde mit einer Lüge geboren werden und mit dieser Lüge groß werden. Doch es gab keine andere Lösung. Zu vielen Menschen würde es schaden, tiefe Gefühle standen auf dem Spiel. Wer, außer ihr und Smaïn, konnte schon diese Geschichte verstehen? Und nicht einmal Smaïn verstand sie wirklich. Er hat einfach nur als provozierter Mann reagiert, konnte irgendjemand ihm das zum Vorwurf machen? Sie würde es sicher niemals tun, aber sie weiß nur zu gut, dass ihr Vater anders über die Sache denken würde! Fieberhaft überlegt sie, während sie sich mit einem Papiertaschentuch das Gesicht trocken reibt. Langsam bekommt es wieder Farbe, doch sie findet, dass sie furchtbar aussieht. An den Fingern beginnt sie die Monate abzuzählen, die ihr bleiben. Mitte November also würde es soweit sein! Das hieße, wieder ein Semester versäumen! Sie würde wahrscheinlich nie mit dem Studieren fertig werden, wenn sie ihr Leben nicht besser in den Griff bekam! Aufatmend lehnt sie sich gegen die Wand. Egal, das Kind wird sie bekommen. ‘Ein Kind der Liebe’, würden die Leute sagen, denkt sie spöttisch. Eine andere Lösung kommt für sie nicht in Frage. Vorerst brauchte niemand etwas zu wissen und wenn es nicht mehr zu verbergen war, dann würde sie schon weitersehen, sicher fiel ihr etwas Plausibles bis dahin ein. Sie hofft auf den göttlichen Funken und legt eine Hand auf ihren Bauch. Ein plötzliches und unerwartetes Glücksgefühl lässt ihre Augen aufleuchten und sie beobachtet im Spiegel das sanfte Lächeln, das ihr Gesicht überzogen hat. Ja, dieses Kind ist ein Kind der Liebe und es wird geliebt werden von ihr und allen Menschen! Wenn Smaïn sich nicht zur Wahrheit entschließt, dann wird es seinen Vater eben nicht wirklich kennen. Was machte das schon aus? Sie selbst ist ohne Mutter groß geworden und war trotzdem ein glückliches, von allen geliebtes Kind. Doch schon jetzt tut es ihr in der Seele weh, dem Kind seinen großartigen Vater vorenthalten zu müssen. Wer gab ihr das Recht dazu? Sie verlässt den sanitären Raum und das große Gebäude durch die schwingenden Glastüren, um hinauszutreten in diese viel versprechende Frühlingsluft und zu Fuß zu ihrer Wohnung zu schlendern, vorbei an den zart grünenden, knospenden Kastanienbäumen, die ihre alten, knorrigen Äste erwartungsvoll zum Himmel strecken. Leben, jubiliert es in ihr. Leben, ich werde Leben schenken!
******* In den nächsten Wochen fällt es Anja schwer, sich auf ihr Studium zu konzentrieren. Sie ist froh, dass die Sommerferien bevor stehen. Ihre Gedanken eilen immer wieder zu dem Kind und den Erwartungen, die sie auf dieses setzt. Nur wenn sie daran denkt, wie sie es ihrem Vater beibringen könnte, macht ihr Herz einen schmerzhaften Sprung. Wie gerne hätte sie ihr Geheimnis mit diesem Menschen, der ihr auf der Welt das wichtigste war, geteilt. Aber gerade deshalb musste sie schweigen! Sie hatte ihn noch nie belogen, es war auch nie nötig gewesen. Er war so verständnisvoll und nachsichtig. Doch diese Wahrheit würde ihn so sehr erschüttern, dass sie sogar um seine Gesundheit bangen müsste. Nein, er würde es nicht erfahren. Täglich steht sie vor dem Spiegel und fixiert ihr Profil. Sie hat immer noch ihre schlanke, junge Figur. Aber wölbt sich nicht doch ein wenig das Bäuchlein? Sie ist bereits im vierten Monat, bald würde man es sehen. Anfangs konnte man die Veränderung ihres Leibes noch unter weiten T-Shirts kaschieren, es war Sommer und modisch gesehen war alles erlaubt! Weite Hosen waren Mode, weite Blusen ebenfalls. In ebensolchen Kleidungsstücken trifft sie sich nach wochenlangem Warten mit ihrem Vater, der sie zum Essen in ein schickes Fischrestaurant an der Donau, dem Fluss, der die Stadt Wien durchfließt, einlädt. Erstaunt zieht er die Augenbrauen in die Höhe und lächelt ihr entgegen: „Hast du deinen Look geändert?“ Unschuldig und fragend entgegnet die Tochter: „Findest du mich verändert?“ „Nun ja,“ sagt der überraschte Vater, „früher konnte dir nichts eng genug anliegen, Jeans, Pullis...“ Anja lächelt und wundert sich im Stillen, wie leicht ihr die Lüge über die Lippen kommt: „Bei der Hitze ist es so viel bequemer und es ist doch hübsch, oder?“ Er nickt zustimmend, und während des Essens wundert er sich wieder. Dieses Mal über ihren gesegneten Appetit: „Ich glaube fast, du hast zugenommen, Tochter. Kein Wunder, wenn du immer so hungrig bist wie jetzt!“ Anja verschluckt sich beinahe und versucht die aufsteigende Röte zu unterdrücken, die ihr Gesicht zu überziehen droht. Es stimmte, sie legte derzeit einen ungewöhnlichen Appetit an den Tag. „Welche Hitze heute“, sagt sie, nachdem sie ihren Bissen geschluckt hat. Eine Frau hätte sie wahrscheinlich längst durchschaut, aber Frédéric war so ahnungslos wie die meisten Männer es sind! Demonstrativ fächelt sie sich mit der Speisekarte Luft zu und übergeht die väterliche Bemerkung. Doch sie isst nicht mehr so hastig und bemüht sich langsam und bedächtig ihre Mahlzeit zu beenden. „Wollen wir in zwei Wochen kurz nach Ägypten fahren? Smaïn würde sich sicher auch freuen, dich wieder zu sehen!“ Frédéric glaubt seiner Tochter eine besondere Freude zu machen mit diesem Vorschlag. Anja schluckt und überlegt fieberhaft, bevor sie ihm leicht stotternd und kaum verständlich antwortet: „In zwei Wochen? Na ja, - ach, nein, ich habe schon meinen beiden Kolleginnen Kerstin und Astrid versprochen, eine Radtour durch den Wienerwald zu machen. Wir haben es seit langem schon geplant. Wir wollen zelten und werden wohl eine gute Woche unterwegs sein, denke ich!“ Leicht enttäuscht erwidert er: „Das ist in Ordnung. Es muss ja nicht sein, ich habe ohnehin viel zu viel um die Ohren!“ „Nein, nein“, bemüht sich Anja rasch dagegen zu sprechen, „ Ich wäre gerne mitgefahren, aber wir haben es seit langem geplant, ich kann nicht einfach so abspringen. Die beiden würden es mir nie verzeihen! Aber du musst fahren, unbedingt! Frag doch Carla, die würde sich freuen! In trauter Zweisamkeit nach Ägypten!“ Sie zwinkert dem Mann zu, der sie zweifelnd betrachtet: „Jetzt auf einmal drängst du mich, mit Carla wegzufahren, ohne dich?“ Anja widmet sich ihrem Eisdessert und proklamiert eindringlich: „Papa, ich bin erwachsen. Ich denke jetzt anders und ich bin seit langem nicht mehr eifersüchtig auf die gute Carla! Sie ist ohnehin viel zu geduldig mit dir und deiner Arbeit, die dich ihr fern hält!“ „Hört, hört“, meint er versonnen, „Du bist kein Kind mehr, das sehe ich nur zu gut. Gibt es eigentlich jemanden in deinem Leben?“ Er hofft, sie würde verneinen und weiß, dass er egoistisch reagiert. Die unvermittelte Frage macht Anja unsicher und sie vermeidet es, den Vater direkt anzusehen, während sie die Erdbeereiscreme in sich hineinlöffelt: „Nein, es gibt niemanden Bestimmten. Hab‘ gar keine Zeit für ernsthafte Beziehungen!“ Sie ist froh, dass Frédéric nicht weiter in sie drängt und von seiner eigenen Arbeit am Kongresszentrum erzählt. Er würde vielleicht mit Carla nach Ägypten fahren, meint er noch, wenn diese dafür Zeit hätte. ‚Großer Gott’, denkt Anja, als ihr Vater sie vor dem Appartementhaus abgesetzt hat, wo sie wohnt. ‚Das war knapp’! Es war das Letzte, das sie jetzt brauchen konnte, ein Wiedersehen mit Smaïn. Die Heimlichtuerei vor ihrem Vater setzte ihr mehr zu, als sie ohnehin schon befürchtet hatte und sie sucht immer noch verzweifelt nach einem Ausweg. Doch es war hoffnungslos! Wenn sie nicht wollte, dass er den besten Freund auf ewig verdammte oder selbst an der Enttäuschung zerbrach, dann musste sie die Sache allein durchstehen und die Kraft aufbringen zu lügen, zu schweigen und das würde sie auch ganz gewiss!
Der Sommer wird heiß in der Großstadt und die schattigen Liegewiesen nahe des großen Flusses und seiner Erholungsgebiete sind übervölkert von den Einwohnern der Stadt, die sich hier erfrischen und in den kühlen Fluten der Donauinselgewässer tummeln. Anja fühlt die Veränderungen ihres Körpers mehr und mehr. Ihre Mitte beginnt sich langsam aber stetig zu runden, ihr Busen wird voller, schwerer und sie versucht, gezielt ihren Appetit zu zügeln. Ihre Untersuchungen absolviert sie in der großen Universitätsklinik, die ihr eine gewisse Anonymität bewahrt. Sie ist nach französischem Gesetz volljährig und keine unnützen Fragen bedrängen sie seitens der sie betreuenden Mediziner. Ihre Schwangerschaft verläuft ohne Komplikationen, sie fühlt sich ausgesprochen gut und leidet weder unter Übelkeit noch anderen Beschwerden. Doch manchmal fühlt sie sich sehr allein und einsam, besonders wenn sie junge Väter mit ihren Kindern in den Parks umhertollen sieht, oder deren Stolz wahrnimmt, während sie den Kinderwagen mit ihrem krächzenden oder schlafenden Nachwuchs vor sich herschieben. Mit niemand kann sie ihr Glück teilen. Sie betrachtet diese kleinen Wesen mit ihren runden, winzigen Fäustchen und nur die Freude über das eigene bevorstehende Ereignis tröstet sie über die Abwesenheit des Kindesvaters hinweg. Ihre Freundin Astrid spricht sie eines Tages direkt auf ihren Zustand hin an. Sie wollen gemeinsam abends weggehen und albern vor dem Spiegel umher, probieren die verschiedensten Kleidungsstücke, als Astrid sie prüfend von der Seite her ansieht: „Du hast ja enorm zugenommen, Anja, bist du etwa in anderen Umständen?“ Astrid war kein Kind der Traurigkeit, sie liebte es, ihre Männerbekanntschaften zu wechseln, erlebte ihre Liebesbeziehungen mit einer Ungezwungenheit, um die so mancher sie beneidete und war von einer direkten, für manche schon beleidigenden Art. Doch gerade deswegen mochte Anja die kleine, naturblonde Wienerin leiden. Erst will sie sich in eine Ausrede flüchten, doch dann erkennt sie, dass Astrid nicht leicht zu täuschen war. Sie seufzt und gibt zu: "„Sieht man es schon wirklich? Ich habe gehofft, es würde noch ein wenig dauern!“ „Du bist schwanger?“ Astrid springt auf. „Du bist mir vielleicht eine Freundin, mir nichts davon zu erzählen! Mir kannst du nichts vormachen, andere lassen sich vielleicht noch täuschen, aber man sieht es dir ja direkt im Gesicht an! Jetzt erzähl‘ mal, wer ist denn der Vater? Du hattest doch nie feste Beziehungen, soviel ich weiß! Ein „One Night Stand“, etwa? Aber du doch nicht! Na komm‘ schon, erzähl endlich », drängt die Freundin, deren rundliche Wangen sich vor Aufregung rot gefärbt haben. „Ich schweige auch wie ein Grab, Ehrenwort!“ Sie legt die Hand auf die üppige Brust und wartet auf Anjas Erklärungen. Gemeinsam lassen sie sich rücklings aufs Bett fallen und Anja sieht zur Decke hoch. „Es gibt nichts zu erzählen, nicht viel!“ „Ein One Night Stand, also“, zieht Astrid lakonisch ihre Konklusion. Anja lächelt ein wenig schief: „So könnte man es nennen! Aber was für einer!“ Sie seufzt und Astrid kann ihre Aufregung und Neugier kaum mehr bezähmen. „Ich kenne diesen Mann seit ich denken kann, verstehst Du? Er ist um vieles älter als ich, aber er ist scheinbar ohne Alter, wenn man ihn ansieht. Er ist Orientale und er ist faszinierend und viel zu ehrenhaft, wenn du mich fragst. Ich habe ihn einfach verführt und glaube, das belastet ihn noch immer und er gibt sich die ganze Schuld an der Sache!“ „Wowh“, ruft Astrid, „klingt ja wie im Märchen, weiß er denn von dem Baby?“ „Natürlich nicht“, fährt Anja hoch, „er wird es früh genug erfahren, aber es wird nichts an unserer Beziehung ändern. Ich kenne ihn, er wird sich noch mehr Vorwürfe machen und es wird ihn ungeheuer belasten, wenn er vielleicht auch Freude darüber empfinden wird. Er ist der beste Freund meines Vaters und darum darf niemand es wissen. Wir sind uns da einig!“ „Dein Vater weiß also auch nichts, na, das sind vielleicht Neuigkeiten! Wie willst du es denn verheimlichen? Es ist doch wirklich unmöglich ein Kind zu verbergen, du musst es deinem Vater sagen, auch wenn du ihm verschweigst, wer dafür verantwortlich ist!“ „Verantwortlich dafür bin ganz alleine ich,“ entgegnet Anja schnell, „und eine Abtreibung wäre für mich nie in Frage gekommen!“ „Schon gut, ich kann dich ja verstehen, mit mir kannst du jedenfalls immer rechnen, das musst du wissen!“ Astrid hat ihren Arm um die Freundin gelegt und Anja legt ihren Kopf gegen deren Schulter. „Ich weiß,“ sagt sie leise, „und es tut gut, das Geheimnis endlich mit jemanden teilen zu können!“ „Wir werden gemeinsam überlegen, wie es weitergehen soll,“ fährt die praktische Astrid fort und in ihrem kleinen, klugen Kopf nehmen die verschiedensten Pläne bereits konkrete Formen an. Die beiden gehen an diesem Sommerlauen Abend nicht mehr aus. Sie sitzen bei weit geöffneten Fenstern im gemütlichen Wohnraum Anjas, in welchem eine romantische Unordnung herrscht, bestehend aus umherstehenden Staffeleien, Mal -Utensilien und einer Unmenge Bücher, die in jeder Ecke der kleinen Wohnung gestapelt liegen. Astrid kocht einen Topf voll Spaghetti und Anja stürzt sich über die dampfenden Nudeln mit ihrem gewohnten Heißhunger. Sie fühlt sie um vieles besser, fast fröhlich, jetzt, wo sie eine Vertraute hatte. „Wenn du jetzt im fünften Monat bist, Anja, dann wird es Zeit, dich ernsthaft mit deinem Problem zu beschäftigen. Wenn du nicht willst, dass dein Vater gleich davon erfährt, dann kannst du dein Kind weder hier bekommen, noch in Deutschland und musst überhaupt schon längere Zeit vor der Geburt verschwinden. Du bist finanziell ja unabhängig, wie wäre es mit der Schweiz?“ „Und was mache ich dann? Ich kann ja nicht einfach zurückkommen, Hurra, da bin ich wieder - und meinem Vater weismachen wollen, ich hätte unterwegs ein Baby aufgelesen und würde es behalten!“ Sie seufzt tief und meint mit bitterem Unterton: „Ich habe mich so auf das Kind gefreut, dass ich alle sich daraus ergebenden Schwierigkeiten weit von mir geschoben habe und jetzt stelle ich fest, dass sie scheinbar unüberbrückbar sind! Ich hasse diese Heimlichtuerei!“ „Nichts ist unüberbrückbar, wie du sagst. Für alles gibt es eine Lösung und oft ist diese näher als man glaubt. Ich würde an deiner Stelle als Erklärung abgeben, dass du eine unglückliche Liebesaffäre hattest und nicht darüber sprechen möchtest! Wer würde dir das nicht abnehmen?“ „Mein Vater wird enttäuscht sein, dass ich ihm die Folgen dieser Affäre verschwiegen habe. Würde es sich um einen anderen Mann handeln als um Smaïn, hätte ich ihm längst alles erzählt, das kannst du mir glauben. So aber, mit diesem, auf mir lastenden Geheimnis, ist alles noch viel schwieriger und komplizierter. Ich bin keine gute Lügnerin und irgendwann werde ich mich ohnehin verraten.“ Astrid nickt nachdenklich, bevor sie antwortet: „Leicht wird es nicht sein, wenn du so großen Wert auf dein Geheimnis legst, was ich ehrlich gesagt nicht ganz verstehe. Wenn du diesen Mann verführt hast, wie du sagst, er hätte ja nicht mitzumachen gebraucht und er sollte ebenfalls die volle Verantwortung kennen, egal ob es nun seine Freundschaft zu deinem Vater gefährdet oder nicht. Niemand kann von dir verlangen, dass du alleine eine so schwerwiegende Wahrheit mit dir herum schleppst! Du denkst viel zu viel an andere und vergisst dabei dich und deine Gefühle. Möglicherweise reagieren alle ganz anders, als du es dir vorstellst. Dein Vater wird auf Wolken schweben und der Kindesvater ist vielleicht bereit, alle guten Vorsätze über Bord zu werfen und dich zu heiraten!“ Anja schüttelt den Kopf, noch bevor Astrid ausgesprochen hat: „Das wäre nicht die richtige Lösung. Es stimmt, ich liebe diesen Mann und ich habe ihn immer geliebt, aber es stimmt auch, dass er um vieles älter ist. Das würde mich nicht stören, doch ihn stört es und ich bin sicher, ein gemeinsames Leben mit ihm würde mir nicht die Erfüllung bringen, die ich erwarte. Er ist ein Einzelgänger, immer unterwegs. Seine einzige, wahre Liebe hat er vor vielen Jahren begraben und er lässt keine Frau an sich heran, die mehr von ihm will, als ein flüchtiges Abenteuer! Sollte er sich womöglich verpflichtet fühlen, an meiner Seite zu bleiben, wäre weder er noch ich auf die Dauer glücklich, denn ich würde seine Einengung spüren. Er ist einfach viel zu ehrenhaft und meinem Vater treu ergeben! Und außerdem“, setzt sie gespielt empört hinzu, „ich kann ein Kind sehr wohl ohne Vater großziehen, in der heutigen Zeit ist es doch Gang und Gebe!“ „Daran zweifle ich nicht, aber was ist mit deinen Plänen, deiner Ausbildung?“ lenkt Astrid ein. „Ist das denn so wichtig?“ lautet die Erwiderung. „ Ich habe das ganze Leben vor mir. Ich weiß nur, dass mir das Kind jetzt am Wichtigsten ist, es wird mir alles ersetzen! Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich dieses Studium überhaupt will!“ „Na, das ist ja ganz was Neues?“ wundert sich die Freundin. „Trotzdem sollten wir jetzt überlegen, wo, wie und was dann weiter geschehen soll! Also, was ist mit der Schweiz? Deinem Vater könntest du sagen, du hast eben eine unglückliche Liebe hinter dir und möchtest dich erholen, allein sein und Natur tanken. So kommt er dich dann auch nicht besuchen, wenn du ihn darum bittest. Er ist ohnehin verständnisvoll und hat dich bis zum Exzess verwöhnt, oder nicht?“ „Na, ganz so ist es nicht, denn leider habe ich ihn ja gar nicht so oft gesehen wie ich wollte. Aber Verständnis hat er immer für mich gehabt, das stimmt. Diese Heimlichtuerei belastet mich mehr als mir lieb ist. Ist es denn so ungewöhnlich ein Kind zu bekommen? Warum kann man es nicht laut herausposaunen, dieses Glück, das ich empfinde, warum machen Menschen alles komplizierter, als es eigentlich ist?“ Anja fährt sich mit gespreizten Fingern durch das lange Haar, das in weichen Wellen ihren Rücken bedeckt und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Weil du es dir viel zu kompliziert machst! Ich sagte dir ja schon, du denkst viel zu wenig an deine eigenen Gefühle. Wichtig bist jetzt nur du und dein Kind, weder dein Vater, der eventuell enttäuscht sein könnte, noch dein Liebhaber, der mit den Schuldgefühlen ringt, noch sonst wer! Wenn du das begriffen hast, dann wird alles leichter sein für dich, denke drüber nach!“ Astrid ist eine energische, rationell denkende Person, die diese, für sie viel zu übertriebene Rücksichtnahme, die Anja den Beteiligten entgegenbrachte, nicht versteht. „So, nun gehe ich aber, denn sonst verpasse ich die letzte Straßenbahn und du weißt ja, sparen ist angesagt!“ Sie küsst Anja auf die Wange und streichelt diese während sie lächelnd und aufmunternd noch hinzufügt: „Pass auf dich auf, kleine Mama und denk‘ in erster Linie nur an deine eigene Person! Ich ruf‘ dich an!“ Anja begleitet sie zum Haustor, um dieses aufzuschließen und winkt der Freundin nach, die schon bald hinter der nächsten Ecke verschwunden ist und zur Haltestelle der Tramway eilt. Wieder in der Wohnung, greift sie nach dem Telefon und versucht ihren Vater zu erreichen, doch da fällt ihr ein, dass dieser ja mit Carla noch höchstwahrscheinlich in Ägypten weilt. Unschlüssig legt sie den Hörer schließlich auf die Gabel zurück und spürt erst jetzt, dass sie schon sehr müde ist und ohne den Saucenverkleckerten Tellern weitere Beachtung zu schenken, lässt sie sich auf ihr bequemes Bett fallen, wo sie auch sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf fällt. |
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Siebentes Kapitel – Ein Kind der Toskana |
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Im September entschließt sich Anja, das kommende Semester nicht mit dem Studium zu beginnen. Ihren Vater hat sie seit seiner Rückkehr aus Afrika nicht gesehen, doch sie weiß, dass er demnächst beruflich nach Wien kommen würde. In zwei Monaten würde sie ihr Kind bekommen und nun musste die Entscheidung fallen: Flucht vor der Wahrheit oder sich ihr stellen mit all den daraus resultierenden Konsequenzen? Sie hat es längst aufgegeben, ihren Zustand zu kaschieren und läuft im Gegenteil, mit anliegenden, langen T-Shirts durch die Gegend um allen ihr Glück zu bekunden. Astrid kümmert sich rührend um sie und sie genießt die Aufmerksamkeit ihrer besten Freundin. Gemeinsam durchstöbern sie die Kinderboutiquen und kommen immer öfter voll bepackt nach hause. Winzige Leibchen aus Baumwolle, bunte Hemdchen aus Batist und bequeme Strampelanzüge füllen die Regale von Anjas Wandschrank. Die Lernkurse würden im Oktober beginnen und Anja entschließt sich dann doch zur Flucht, obwohl Astrid sie davon abhalten will. Eines Abends greift sie abermals spontan zum Telefonhörer und ruft Carla in Florenz an. Sie hat Glück, die Frau hebt nach dreimaligem Klingelzeichen ab und Anja atmet auf, als sie die vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung hört: „Pronto?“ „Bona sera, Carla“, begrüßt Anja die Freundin ihres Vaters, hier ist Anja!“ „Aaah“, ruft die Frau erfreut ins Telefon, „Anja, wie geht’s dir so? Es ist doch nichts passiert?“ Seit einigen Jahren schon ist der Kontakt zwischen den beiden inniger geworden, freundlicher von Anjas Seite, die auch wirklich keine Eifersucht mehr auf die ältere Frau verspürt. „Es ist alles bestens, wie immer!“ beruhigt Anja sie. „Wie war Ägypten?“ „Heiß natürlich, aber auch schön wie immer. Schade, dass du nicht mitkommen konntest! Smaïn hat nach dir gefragt! Er kam mir dieses Mal besonders besorgt um dich vor, der Gute! Wie war eure Radtour?“ Erst verdutzt, dann rasch überlegend beeilt sich die junge Frau zu antworten: „Ja, recht nett! Aber ich rufe dich eigentlich mit einer Bitte an, denn ich würde gerne eine Zeitlang nach Italien kommen, zu dir. Glaubst du, es wäre möglich, dass du mich bei dir unterbringst?“ Sie macht eine erwartungsvolle Pause und braucht nicht lange auf Antwort zu warten: „Natürlich ist es möglich, ich habe es dir so oft schon angeboten, es freut mich! Ich bin ohnehin jetzt wochenlang in Florenz und habe mich schon vor der Langeweile gefürchtet! Mamma mia! Ich freue mich wirklich! Wann kommst du?“ „Ich werde in den nächsten Tagen einen Flug buchen und dann gebe ich dir Bescheid. Eine Bitte habe ich noch, sage einstweilen nichts meinem Vater, ich will es ihm dann sagen, wenn ich erst einmal bei dir bin, geht das?“ „Alles geht“, erwidert Carla, „komm erst her und dann kannst du deinen Vater verständigen. Du wirst schon deine Gründe haben, oder irre ich mich da?“ „Nein, es ist leicht zu erklären, du wirst schon sehen, ich freue mich auf das Wiedersehen und bin dir wirklich dankbar, dass du mich aufnimmst!“ „Du übertreibst, mein Kleines, ich muss dankbar sein, dass du mir, alter Frau, einen Besuch abstattest! Mach schnell und setz‘ dich ins nächste Flugzeug! Ciao, bella!“ Aufatmend verabschiedet sich Anja und packt ihren Koffer. Einen zweiten, etwas kleineren füllt sie mit den Babysachen. Der Flug ist rasch bestellt für den kommenden Tag, abends und sie vertraut auf die Sachlichkeit und den Beistand der langjährigen Bekannten und Geliebten ihres Vaters. Mit diesen Gedanken fliegt sie am darauf folgenden Tag nach Florenz, ihrer Niederkunft entgegen. Sie wollte nicht alleine in der Schweiz ihr Kind bekommen. Carla konnte sie vertrauen und sie würde sie beraten, auch wenn sie selbst kinderlos geblieben ist. Sie war nicht mehr allein. Als sie nach ihrer Ankunft Carla gegenübersteht und diese die große, dunkle Brille in ihr Haar geschoben hatte, um sie besser betrachten zu können, schlägt sie eine Hand vor den stummen, aufgerissenen Mund. Dann umarmt sie das junge Mädchen herzlich und murmelt gerührt und auch ein bisschen erschrocken: „Anja, das habe ich nicht gewusst!“ Anja lächelt: „Es weiß keiner, nur du. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Es gibt soviel zu erzählen, aber du darfst niemanden davon etwas sagen, vor allem nicht meinem Vater!“ „Ich danke dir für dein Vertrauen, Kind, aber jetzt komm‘. Wir haben alle Zeit der Welt zum Reden, komm‘ zum Wagen!“ Sie nimmt Anja die kleine Reisetasche ab und als auch die beiden Koffer verstaut sind, fahren sie durch die belebte Stadt bis zu Carlas Haus mit der Dachterrasse. Anja fühlt sich ruhig und gelassen, ihre Entscheidung hierher zu kommen war die richtige! Carla war ihr nicht böse für die Überrumpelung. Später trinken sie ein Gläschen Rotwein auf der Dachterrasse, genießen die noch laue Luft des Abends und blicken auf die Lichter der Stadt unter ihnen. Carla hat die junge Frau nicht gedrängt. Sie half ihr, sich im Gästezimmer zu installieren und ihr Gepäck auszupacken, zu verstauen. Während sie nun knusprige Käsestangen knabbern und schluckweise den italienischen Wein genießen, erzählt Anja ihre Geschichte. Sie erzählt alles und lässt nichts aus. Sie erzählt von Philippe und der enttäuschenden, ersten, sexuellen Erfahrung mit ihm und von Smaïn, durch den sie die Liebe kennen gelernt hatte. Sie betont, dass die einmalige Affäre von ihr aus gegangen war und, dass sie das Kind von Anfang an behalten wollte. Carla unterbricht sie nicht und sie hört mit unbewegter Miene zu. Es ist ihr nicht anzusehen, was sie von Anjas Beteuerungen, es sei allein ihre Schuld, hält und als die junge Frau schließlich mit dem Sprechen aufhört, legt sie die beiden Handflächen aneinander und stützt ihr Kinn auf die Fingerspitzen. „Eine schöne Geschichte, Anja. Es steht mir nicht zu, irgendjemanden die Schuld an deinem Zustand zu geben. Ich kenne Smaïn fast ebenso lange wie dein Vater und weiß, dass seine Loyalität ihm gegenüber das Wichtigste für ihn ist. Deine Wahl, dieses Kind zu bekommen, muss respektiert werden, denn ich bin sicher, du hast es dir nicht leicht gemacht mit dieser Entscheidung und niemand hätte das Recht dazu, dich beeinflussen zu wollen, das glaube ich ganz im Ernst.“ Sie seufzt ungewollt auf: „Deinem Vater wirst du es beichten müssen.“ Als sie den verschreckten Ausdruck in den Augen der Gegenübersitzenden sieht, beschwichtigt sie Anja: „Du musst ihm nicht den Vater nennen, das ist deine Sache, aber du kannst ihm nicht sein Enkelkind verschweigen, das ist dir doch klar!“ Zögernd und etwas kleinlaut antwortet Anja: „Ich will aber noch warten, bis es soweit ist. Er würde sich unnötige Sorgen machen, er ist ohnehin andauernd überfordert!“ Carla nickt zustimmend: „Gut, aber du versprichst mir, es ihm noch unbedingt zu sagen, bevor du mich wieder verlässt!“ Aufatmend nickt Anja und nimmt spontan die Hand der Freundin in die ihre: „Hab ich das Richtige getan, sag‘ mir, hättest du auch so gehandelt?“ Zweifelnd blickt Carla ihr in die Augen: „Du hast dich entschieden, also war es richtig. Ich wurde nie vor diese Wahl gestellt. In meinem Leben war kein Platz für Kinder, nicht einmal für eine normale Beziehung.“ Sie macht eine kleine Pause und fährt dann etwas leiser fort: „Aber für deine Leidenschaft brauchst du nach keiner Entschuldigung zu suchen, denn ich weiß, wovon du sprichst! Dein Vater fehlt mir sehr oft, aber das würde ich nie zugeben, denn es gab nie Forderungen zwischen uns, so war es ausgemacht und so soll es auch bleiben!“ Sie lacht auf und fügt achselzuckend hinzu: „Aber natürlich habe ich insgeheim darauf gewartet, dass er mich ganz bei sich haben will. Nun, er scheint aber ganz gut allein zu Recht zu kommen. Jetzt weißt du auch mein Geheimnis, also sind wir Verbündete!“
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Der milde toskanische Herbst neigt sich zu Ende, als Anja ihrer schweren Stunde entgegen sieht. Sie sehnt den Augenblick herbei, ihr Kind in den Armen halten zu dürfen und ihren Körper von der Last und Beeinträchtigung, die diese fortgeschrittene Schwangerschaft mit sich gebracht hat, zu befreien. Sie spürt, wie das Kind sich in ihr bewegt und zählt die Tage bis zum ungefähren Geburtstermin. Carla hat sich rührend um alles gekümmert, ihr Platz in einer angesehenen Klinik am Rande der Stadt war reserviert und die großen, forschenden Augen der älteren Frau stellen Anja immer wieder die gleiche Frage: „Wann weihst du endlich deinen Vater ein?“ Anja weicht diesem Blick aus, sie möchte nicht mit dieser Lüge leben, die sie ihm weiszumachen versuchen wird. Doch sie kann das Kind weder vor ihm verbergen, noch darf sie es ihm vorenthalten. Ebenso wenig, wie sie es Smaïn vorenthalten darf. Schweißgebadet wacht sie einige Tage vor der berechneten Geburt nachts auf und spürt die feuchten Laken unter ihrem Körper. Ein anhaltender, dann abebbender Schmerz zuckt durch ihren Leib und sie versucht ihren unförmigen Körper aufzurichten. Als der Schmerz abebbt, klettert sie aus dem Bett. Gleichmäßig tropft Regen gegen die Scheibe. Fahl sendet das Mondlicht seine Strahlen in den kleinen Raum und sie schaltet das Licht an.
Noch bevor sie das Zimmer der Freundin erreichen kann, spürt sie eine erneute Schmerzwelle auf sich zukommen. Als Carla erwacht und Anja mit verzerrtem Gesicht auf ihre Bettkante gestützt sieht, wird ihr klar, dass es höchste Zeit ist, die Klinik zu informieren. Sie lässt Anja niedersetzen und eilt zum Telefon. Bereits zehn Minuten später ist der Rettungswagen, den Carla angefordert hat, eingetroffen und die beiden Frauen haben sich notdürftig bekleidet zur Klinik fahren lassen. Für ein erstes Kind, wollte dieses wahrhaftig schnell geboren werden, konstatieren die Ärzte und bringen das junge Mädchen mit dem Schweißnassen, braunem Haar, das sich unordentlich über ihrem Kissen ausbreitet, in den Entbindungssaal. Unterwegs lauscht Anja dem Babykrächzen, das aus mancher verschlossener Tür hervor dringt. Sie hat ihre Hände auf den gewölbten Bauch gelegt und fühlt die ungeduldigen Stöße ihres Kindes. Plötzlich wird ihr bewusst, dass sie sich nicht einmal noch Gedanken gemacht hat, wie es heißen sollte. Ach, das war unwichtig. Sie stöhnt erneut auf, als eine neue Wehe ihren Leib auseinander zu reißen droht. Carla drückt ihre Hand, während sie neben ihr einhergeht und die Ärzte bittet, bei Anja bleiben zu dürfen. Als man sicher ist, dass es sich bei der Frau nicht um die leibliche, vielleicht hysterisch werdende Mutter handelt, wird es auch erlaubt.
Als Anja mit der ganzen Anstrengung, zu der ihr junger Körper fähig ist, die endlosen Minuten der Geburt durchlebt und die ermunternden Anweisungen des Arztes und Pflegepersonals nur wie aus weiter Ferne an ihr Ohr dringen, entringt sich ihrer gepeinigten Seele der Schrei: „Papa, hilf mir!“ Carlas Augen schwimmen in Tränen, während sie hinter der Gebärenden steht und ihren Rücken stützt. Kaum ist der Ausruf im Raum verhallt, als die freudigen Rufe der Umstehenden und dieses Gefühl der Befreiung, das Anjas Körper plötzlich erfüllt, dieser laute Schrei aus der Brust eines neuen Lebens, dem sie lauscht, die Ankunft ihres Babys bestätigen. Sekunden später liegt auf ihrer Brust ein kleines, verschmiertes Bündel Mensch, dessen winzige Fäustchen fest geballt sind und dessen noch blinde, schwarze Augen halbgeöffnet in Anjas Gesicht blicken. „Bella Ragazza!“ ruft der Arzt und ein italienisches, leidenschaftliches Stimmengewirr umgibt Anja, die das kleine Mädchen in ihrem Arm betrachtet. Man nimmt es, um es abzunabeln und gleich darauf in ein steriles Laken zu wickeln, um es zu säubern und zu wägen. Sie möchte es gar nicht loslassen, doch sanft nimmt man es aus ihren Händen. „Schon gut“, beruhigt Carla sie, „Du bekommst sie gleich zurück, mein Schatz!“ Sie presst ihre Faust beunruhigt auf den Mund, bevor sie ungläubig bestätigt: „Mein Gott, wie sehr sie ihrem Vater doch ähnelt!“ Dann küsst sie Anja auf die Stirn und streicht ihr das nasse Haar zurück, mütterlich und fast zärtlich. „Sie ist wunderschön, deine Tochter! Wie willst du sie denn nennen, Carina?“ Anja denkt nur kurz nach und spontan flüstert sie: „Leyla, sie soll Leyla heißen!“ Der Morgen dämmert heran, als Anja in ihr Zimmer gebracht wird, das Baby, gewaschen und gewickelt, bekleidet mit dem weißen, samtigen Strampelanzug, den Anja mitgebracht hat, neben ihr in einem weich gepolsterten Körbchen. Das kleine Wesen schläft tief und fest, die Ärmchen in die Höhe gestreckt und das Köpfchen zur Seite gedreht. Anja fühlt sich schwach, aber wie auf Wolken schwebend glücklich. Sie hat den Eindruck, immer tiefer in die Kissen zu sinken und schließlich wird sie von dem Wunsch, sich fallen zu lassen und zu schlafen, so derartig übermannt, dass sie nicht einmal mehr die Worte des Abschieds von Carla vernimmt, die ihr verspricht, im Laufe des Vormittags vorbei zu kommen. Als Anja durch das leise Weinen des Babys am Morgen erwacht, hat es zu regnen aufgehört. Durch die Scheiben des Fensters glitzern die Sonnenstrahlen und lassen die Tropfen auf dem Glas wie tausend Perlen aussehen. Anja ist ein wenig matt, doch sie steigt vorsichtig aus dem Bett und langt in den Schlafkorb des Kindes. Sie hebt es in die Höhe und hält es hoch. Es hat zu weinen aufgehört und wartet erwartungsvoll ab. Anja blickt in das feine, kleine Gesicht und wundert sich nicht über den feinen Goldton, der seine Haut überzieht. „Meine kleine Ägypterin!“ flüstert sie und küsst es ganz vorsichtig auf die winzige Nase. „Wie gut du riechst, mein Schatz!“ Sie liebkost sachte das runde Köpfchen mit dem dichten, dunklen Haarflaum, als die Tür geöffnet wird und Frédéric vor ihr steht.
Ungläubig und schwindlig vermeint Anja, die Welt hielte den Atem an, so wie sie selbst es tut und sie blickt fragend in die forschenden, nein, wissenden Augen des Mannes, den sie belügen wollte, um ihn nicht zu verletzen. Plötzlich wird ihr klar, dass ihr Vater die Mitte seines Lebens bereits überschritten hatte und die vielen, feinen Fältchen in seinem braungebrannten Gesicht, spiegeln sein Alter untrügerisch wieder, auch wenn er zweifellos immer noch zu den attraktivsten Männern denen sie je begegnet war zählte. Eine Woge von Liebe und Sorge durchflutet ihr Herz und spontan streckt sie ihm das Bündel entgegen. Zögernd greift er danach und als Anja die verstohlene Träne über die Wange des abgehärteten Mannes kullern sieht, fällt sie ihm um den Hals und weint stumm befreiende Tränen an seiner Schulter. Mit der einen freien Hand umfasst er ihre Taille und führt sie zum Bett, wo sich beide vorsichtig, das Baby in ihrer Mitte, niederlassen. Frédéric hat noch kein Wort gesprochen, sie halten einander umschlungen und als das kleine Dinge zu schreien beginnt, lachen sie einander gelöst an. „Ach, Papa, du hast mir so gefehlt!“ gesteht Anja ihrem Vater und sieht ihn an aus tränennassen Augen. Er erwidert offen ihren Blick und meint mit einem schiefen Lächeln: „Das lag nicht an mir! Aber lassen wir das! Ich weiß davon erst seit gestern! Als ihr auf den Krankenwagen gewartet habt, hat Carla mich angerufen, ganz kurz, ohne viel Erklärungen hat sie mich hierher befohlen und ich habe eine Privatmaschine gemietet. ‚Du wirst Großvater und zwar heute Nacht!’ hat sie mir schonungslos beigebracht und auch schon aufgelegt. Erst als ich heute früh in Florenz ankam, erzählte sie mir ein bisschen mehr, mit der Ermahnung, dich ja in Ruhe zu lassen und du wüsstest schon, was du tätest und hättest es so gewollt. „’Den Gedanken, deine Tochter sei ein armes Opfer, kannst du gleich wieder verwerfen, mein Lieber’, hat sie mich angeschnauzt. Ich habe gar nicht gewusst, dass ihr beide euch gegen mich verbündet habt!“ „Nein Papa! Es ging mir nur darum, dass du dich nicht aufregst oder die Sache falsch verstehst, es ist alles so kompliziert!“ Sie seufzt und setzt hinzu: „Ich habe es wirklich gewollt, dieses Kind, sieh dir die Kleine nur an! Ist sie nicht das schönste Mädchen, das du je gesehen hast?“ Sie hält es ihm vors Gesicht und Anja ist nach einem Blick in seine prüfenden und plötzlich erkennenden Augen klar, dass keine Lüge nötig ist, um die Wahrheit zu verschleiern, denn ihr Vater hat längst erkannt, wessen Kind er im Arm hält.... « Wie konnte er es wagen? » flüstert er schnaubend und seine grünen Augen werden dunkel vor Empörung und Schmerz. „Was gibt es da zu verstehen? Er, dem ich mein Leben anvertraut hätte, hat meine eigene Tochter geschwängert, die er von Babybeinen an kennt!“ Anja schüttelt bittend den Kopf. „Es war nicht seine Schuld und das musst du mir glauben“, erwidert sie eindringlich. „Er konnte nichts dagegen tun, wir waren machtlos....“ Frédérics Augen werden zu schmalen Schlitzen und sein Atem geht heftig, als er gepresst hervor stoßt: „Was versuchst du mir einzureden, Anja? Wieso ist er nicht hier? Wieso hält er nicht statt meiner dieses, sein Kind, im Arm?“ „Lass sie“, antwortet Carla, die sachte ins Zimmer getreten war, an Anjas Stelle. „Lass ihr Zeit, es ist nicht wichtig, nicht jetzt!“ Sie nimmt seine Hand und zieht den stummen Mann aus dem Raum, nicht, ohne vorher ein beruhigendes Augenzwinkern an Anja weiter gegeben zu haben. Sie brauchten alle Zeit. Er, der Mann, der vermeinte, von seinem besten Freund, ja Bruder, verraten worden zu sein, und sie, diese junge Frau, die zwischen Schuld und Liebe zu dem Kind, das sie geboren hatte, stand. Anja fühlt sich elend und die Wut und Enttäuschung die er Smaïns wegen empfindet, überschattet ihr junges Mutterglück. |