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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Achtes Kapitel – Entscheidung aus Vernunft |
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Als Anja mit Leyla die Klinik verlässt und Carla inzwischen behelfsmäßig eine kleine Babystube eingerichtet hat, verliert Frédéric über den Kindesvater kein einziges Wort. Und doch tobt Wut und Enttäuschung in seinem Innersten, auch wenn er sich das nicht anmerken lässt. Von Carla hat er genug erfahren, um sich ein Bild machen zu können und er schiebt diesen furchtbaren Gedanken immer wieder zur Seite, der seine Seele schmerzhaft auffrisst: ‚Er hat sich an meinem Kind vergangen!“ Die Wut gegen den Freund wird zum Schmerz und schließlich hatte Carla es doch vermocht, ihm klarzumachen, dass es ganz einfach passiert ist und alle Beteiligten mehr belastet hat, als er es sich vorstellen konnte. Seinetwegen belastet. Anja, weil sie um die Freundschaft der beiden Männer und seine Vorwürfe fürchtete, und Smaïn, der sich als Verräter vorkam und als unehrenhafter, triebhafter Mädchenverführer. Obwohl Frédéric sich immer noch nicht ganz vorstellen konnte, dass Anja die einzige Verantwortliche in der Sache sein sollte, begann sein Zorn sich zu legen, und wenn er in das kleine, dunkle Gesicht seines Enkelkindes blickte und die schwarzen Augen den seinen begegneten, dann konnte er nur mehr reine Freude und kaum Wut oder Enttäuschung in seiner Brust fühlen. Doch mit Smaïn war er noch nicht fertig! Seine Anja war früher zur Frau gereift, als er angenommen hatte. Eine Frau, die wusste, was sie wollte. Damit musste er sich abfinden, auch wenn er noch nicht dazu bereit war. Die Zeit würde dafür sorgen, dass sie einander verstanden, genauso wie früher. Carla hatte betont, dass Anja bewusst war, dass ein Leben mit Smaïn undenkbar war für sie und das Kind. Sollte Smaïn es ihr dennoch anbieten, dann käme die Ablehnung von ihrer Seite. Doch Anja denkt nicht daran, Smaïn zu informieren. Er würde Leyla schon kennen lernen, bald. Sie wollte sein Schuldgefühl nicht noch überdimensionieren. ***** Frédéric seufzt und fährt sich mit beiden Händen durchs dichte Haar. Die Baupläne, die auf seinem ausladenden Schreibtisch ausgebreitet vor ihm liegen, finden keinerlei Beachtung seinerseits. Er musste mit Anja sprechen. Ernsthaft sprechen. Er wollte sie um etwas bitten, und das würde sie vielleicht nicht ganz verstehen. Doch aus einem Gefühl des Schutzes heraus, musste er sie zu einer schweren Entscheidung überreden.
Als das kleine Mädchen tief schläft und beschlossen ist, dass alle vier, Carla mitgerechnet, nach Stuttgart fliegen werden, um Platz und Komfort für Leyla zu haben, wo man sich um die junge Mutter und das Baby dementsprechend bemühen konnte, bittet Frédéric seine Tochter um einen kleinen Spaziergang mit ihm. Verwundert kommt sie seiner Bitte nach, Carla hütet das schlafende Kind und mit dicken Wolljacken bekleidet, laufen sie entlang des Flussufers, den Arno entlang, und mit gemischten Gefühlen wartet Anja auf die Erklärungen ihres Vaters. Denn, dass es einen Grund für diese Zweisamkeit geben muss, ist der jungen Frau klar. Frédéric versucht seiner Stimme einen neutralen Klang zu geben, als er sie ansieht und dann zu sprechen beginnt. Wie jung sie ist, denkt er und laut sagt er: „Anja, es ist dein Leben und ich will dir auch nicht dreinreden.“ Er fährt mit beiden Händen durch sein volles Haar, das heller als es ist in der fahlen Sonne glänzt. Anja kennt diese Geste ihres Vaters und ein verstohlener Blick aus den Augenwinkeln zeigt ihr, dass Frédéric Mühe hat, die richtigen Worte für sein Anliegen zu finden. Er sagt es direkt und schonungslos heraus und ist dabei stehen geblieben, um Anjas Blick mit dem seinen zu fesseln: „Ich denke, ich sollte Leyla adoptieren. Sie soll nicht ohne den Namen eines Vaters leben müssen. Du hast es nicht nötig in späterer Folge jedes Mal ’Vater unbekannt’, anzugeben. Das hat das Würmchen auch gar nicht verdient. Es ist eine rein administrative Handlung, die euch beiden aber nur zugute kommen wird.“ Er wartet die Wirkung seiner Worte ab und Anja blickt hinunter auf den gemächlich dahin ziehenden Fluss. Ihre Gedanken überstürzen sich. Ist er verrückt geworden? Konnte sie Smaïn einfach so übergehen? Aber war es nicht vor allem ihr Kind? Sollte sie es etwa verleugnen? „Mein Kind hat einen Vater und ich werde irgendwann einmal, in ein paar Jahren, wenn es von Bedeutung für sie sein wird, den Namen bekannt geben und eintragen lassen! Dann wird auch Gras über die Sache gewachsen sein.“ Frédéric atmet tief ein und fährt fort: „Alles was ich tun kann, ist dir zu raten und dir beizustehen, wie es eben in meiner Macht steht. Die Entscheidungen kann dir keiner abnehmen, das ist mir klar. Ich habe viel nachgedacht in den letzten Tagen. Du bist für mich immer das Wichtigste im Leben gewesen und nun teilst du diesen Platz mit deinem Kind. Alles was ich will, ist, euch vor den Verleumdungen und Beleidigungen der Medien und mancher unehrenhafter, sensationslüsterner Zeitungsschreiber zu schützen. Die breite Masse interessiert keine wirklichen Hintergründe oder tiefe Gefühle, die bei diesem oder jenem Geschehnis eine große Rolle spielte! Was man hören und lesen will, das ist Sensation, Skandal und Sex! Je schmutziger, je schleimiger und undurchsichtiger, umso besser. Willst du dich dem ausliefern, samt deinem Kind? Ich glaube, und es ist meine aufrichtige Meinung, du solltest Leyla auch als ein von dir adoptiertes Kind ausgeben!“ Als er sieht, wie alle Farbe aus Anjas Gesicht weicht, setzt er rasch hinzu: „Nur jetzt, wo alle darauf warten, dich in der Luft zu zerreißen und nur dann, wenn man dich direkt danach fragt. Du weißt ja, die Familie deines Großvaters war immer ein beliebtes Ziel der Klatschspalten gewesen. Ich habe nach Leibeskräften versucht, deine Mutter davor zu schützen. Man kann sich nicht vorstellen, wie weit manche Zeitungsleute gehen, um die Auflagezahl ihrer Blätter zu verdoppeln. Man wird dich bedrängen, belagern, Vermutungen aufstellen, wenn du den Kindesvater nicht namentlich angibst und dich doch zur Mutterschaft bekennst, wovon ich dir zunächst abrate. Man wird dich in den Dreck ziehen, deinen Namen beschmutzen und wenn dir das auch egal ist, so denke an Leyla. Kaum wird sie laufen können, werden sie hinter ihr her sein und sie schikanieren mit impertinenten Fragen und dummen Bemerkungen.“ Anja hat sich gefasst und in ihrem Blick liegt ein schmerzlicher Ausdruck: „Ich soll mein Kind verleugnen? Willst du das wirklich von mir verlangen? Schämst du dich meiner? Ist es etwa dein guter Name, der hier auf dem Spiel steht?“ „Nein, natürlich nicht!“ beschwichtigt sie der Mann empört, doch sein Gesicht ist sorgenschwer. „Niemand kümmert sich so wenig um das Gerede von diesen Idioten wie ich. Ich will nur, dass du niemandem davon erzählst. Sie würden aus deiner Beziehung zu...“ er versucht Smaïns Namen über die Lippen zu bringen, doch es will ihm nicht gelingen, ...ihm, eine schlüpfrige Soap Opera machen. Am Besten, du weichst den Fragen aus, ich werde für dich Erklärungen abgeben, und sobald sie den Brocken von der Adoption gefressen haben, werden sie sich von euch abwenden und Ruhe wird einkehren. Bald schon wird es niemanden mehr interessieren, wessen Kind im Hause Hardtberg heranwächst. Das Ganze ist eine Farce für die Öffentlichkeit und vor dem Gesetz bleibt Leyla deine Tochter. Weder für dich noch die Kleine ändert sich irgendetwas deswegen. Wenn du wirklich die Anonymität des Vaters schützen willst, was ich zwar nicht ganz begreife, dann höre auf mich, denn ich habe es mir nicht leicht gemacht und denke seit Nächten an nichts anderes mehr. Die Dinge würden anders liegen, wenn du mit dem Mann ein gemeinsames Leben aufbauen wolltest. Aber nachdem dies nicht der Fall ist, musst du weiter voraus denken, denn auch er wird sonst ihr Opfer sein und nicht mehr zur Ruhe kommen!“ Er wartet die Wirkung seiner Worte ab und blickt sie dabei unverwandt an. Er sieht, wie es in ihren Zügen arbeitet und wie schwer ihr die zögernde Antwort fällt: „Ich vertraue auf deinen Rat, Papa, aber ich tue es ungern!“ „Ich weiß, mein Liebling, dann tu es für Leyla! Es ist nicht viel im Gegensatz zu dem, was ihr erspart bleibt, denk darüber nach!“ Sie nickt und entgegnet mit leiser Stimme: „Das brauche ich nicht, ich verlasse mich auf dich, das bin ich dir schuldig!“ Ihre Stimme zittert und ihre Augen werden verdächtig feucht. Er nimmt sie in den Arm und streichelt ihr Haar, und während das leise Schluchzen an seiner Brust schließlich schwächer wird, verflucht er erneut den Mann, der Anja zum Weinen gebracht hat.... Die Rückkehr ins Stadthaus der Hardtbergs erfolgt ohne Aufsehen und trotzdem kann man zwei Wochen später, ohne große Schlagzeilen, in den Kolumnen gewisser Magazine und Frauenzeitschriften lesen:
„Kindersegen bei Hardtberg-Hollowitz: die Tochter des bekannten Stahl-Hardtberg nimmt sich eines kleinen, ägyptischen Waisenkindes an....“ und auch: „Frédéric Hardtberg adoptiert kleine Ägypterin!“ Anja tut es tief in der Seele weh, diese Zeilen zu lesen und vermeidet es, so gut sie kann, nicht von den Meldungen behelligt zu werden. Um sich und ihr Kind herum baut sie eine Schutzmauer von Liebe auf und sie vermeidet es, das Familienhaus öfters zu verlassen als unbedingt notwendig. Natürlich bekommt sie Telefonanrufe, seriöse, die sie um ein Interview bitten und über die Adoption des Babys berichten wollen, und sie werden von Anja höflich, aber nur telefonisch und sehr knapp informiert. Es gibt auch Anrufe von Skandalblättern, die frisches Blut riechen und eine Sensationsstory wittern. Sie werden kurz und bündig abgefertigt. Die Beziehung, die die Familie und Firma von jeher zu Ägypten hatte, ist weitgehend bekannt und die Möglichkeit, eines Tages ein armes Waisenkind adoptiert zu haben, ist nicht von der Hand zu weisen und glaubhaft genug für die Öffentlichkeit. Anja findet diese Aufführung lachhaft, sie würde am Liebsten der Welt ins Gesicht schreien: „Seht her, das ist mein Kind, ich bin seine Mutter und ich bin stolz darauf. Und wer der Vater von diesem Kind ist, geht niemandem etwas an, außer mir und dieses kleine Mädchen hier! Und jetzt lasst uns in Ruhe und unser Glück genießen!“ Doch sie weiß nur zu gut, das ihr Vater recht hatte, man würde sie nicht zur Ruhe kommen lassen, und die aus den schmutzigen oder vielleicht sogar teilweise richtigen Vermutungen heraus entstehende Nervenbelastung wäre niemandem willkommen. Jeden Schritt, den beide in Zukunft nach Ägypten setzen würden, würde man nachspionieren und registrieren. Jeder Mann, mit dem Anja je Kontakt haben würde, gab Anlass zu Spekulationen und unglaubwürdigen, aber beleidigenden Verdächtigungen. Die Welt war einfach nicht reif für die natürlichste Erklärung der Welt! Nämlich, dass zwei Menschen sich gefunden haben, sei es auch nur für ein einziges Mal und dass aus dieser Vereinigung ein neues Menschenleben entstanden ist! Um wie vieles waren die alten Ägypter doch weiser in ihrer Lebenseinstellung und ihren Moralbegriffen! Hatte die Evolution sich nach rückwärts bewegt, statt nach vor? Manchmal schien es so...
Frédéric hatte einige kurze Erklärungen abgegeben, knapp und wenig aufschlussreich. „Es gibt viel Elend in Ägypten, es braucht unsere Hilfe und jeder weiß, dass ich dieses Land liebe. Was liegt näher als ein kleines, hilfloses Würmchen in unsere Familie aufzunehmen und ihm ein gutes Leben zu ermöglichen! Ich liebe das Kind schon heute wie mein eigenes!“ Danach verwirrte er die Journalisten mit Statistiken über Waisenkinder in Ägypten und bald schon hatten sie alle ihre Ruhe. Man schenkte den festen Worten, die von Herzen kamen und dem klaren Blick aus diesen warmen Augen Glauben, und allmählich beruhigte sich die Neugier und Sensationslust der Reporter. Auch Carla war während ihres Aufenthaltes in Stuttgart davon nicht verschont geblieben, doch sie wehrte immer energisch auf Italienisch ab und beteuerte, kein Wort verstehen zu können.
Anja genießt jede Minute mit ihrem Kind und die Tage vergehen in einer angenehmen, friedvollen und familiären Atmosphäre, wie sie das alte Haus wohl nicht oft zuvor erlebt hatte. Frédéric war noch nie so oft bei seiner Familie gewesen wie derzeit und Carla denkt nicht daran nach Italien zurück zu fahren. Anja lässt sich von allen verwöhnen und vergöttert ihrerseits das kleine Mädchen, das bereits, ein paar Wochen alt, den entzückten Menschen ein kleines, maliziöses Lächeln schenkt. Die sachliche Carla benimmt sich plötzlich wie eine überfürsorgliche Großmutter und sieht sich an dem Mädchen nicht satt. Die schwarzen, von dichten Wimpern beschatteten Augen, haben ihre Farbe nicht verändert, wie es so oft bei Säuglingen der Fall ist. Groß und klar blicken sie aus dem rundlichen und dennoch zarten, goldbraunen Gesicht in die neue Welt. Kleine Haarlöckchen, die die Farbe von Anjas Haar haben, vielleicht eine Spur dunkler, ringeln sich um den wohlgeformten Kopf und in die hohe Stirn. Anja vergleicht Leyla in ihrer grenzenlosen Liebe mit einer ägyptischen Prinzessin aus dem Altertum und Carla bestätigt es ernsthaft. So müssen die kleinen Töchter Nofretetes ausgesehen haben, meinen sie beide, genauso! Frédéric verfolgt die Unterhaltungen der beiden mit einem amüsierten Lächeln und nachsichtigem Kopfschütteln. Sein Leben, das er ursprünglich dem Abenteuer am Ende der Welt, in einer Welt von Kerlen verschworen hatte, wurde nun von diesen drei Frauen dominiert. Er konnte es selbst nicht ganz fassen... Die Gedanken an Anjas Studium sind in weite Ferne gerückt, doch sie wird nicht müde, Leyla in Skizzen festzuhalten. Leyla beim Schlafen, Leyla an ihrer Brust, Leyla in den Armen ihres Großvaters.... Sie überlegt, ob Smaïn eine der Meldungen gelesen haben kann, doch nachdem man keine Nachricht von ihm bekam, war es unwahrscheinlich und anzunehmen, dass er über die Geschehnisse im Hause seines Freundes nicht im Bilde war, ja, sich absichtlich davon fern hielt.
Die stetige Anwesenheit Carlas im Hause der Hardtbergs hinterlässt ihre Spuren. Der Mann wirkt gelöst, sein sonst oft sehr ernstes Gesicht wirkt nun weicher und ein Lächeln stiehlt sich öfters als sonst auf seine ausgeprägten und markanten Züge, die auch weiterhin jedes Frauenherz höher schlagen lassen. Eines Abends, im kleinen Speisesaal, als Leyla schon seit einiger Zeit fest schläft und erst später nach ihrer Milchration verlangen wird, erhebt Frédéric sein Glas und deutet damit auf Carla. „Ich will heute einen Toast aussprechen auf die Frau, die mir seit vielen Jahren mehr bedeutet als sie erahnt. So viele Jahre lang war sie für mich da, ohne mich einzuengen oder zu bedrängen und ich bin ihr dankbar dafür! Auf Carla!“ Anja wiederholt den Toast und die schlanke Italienerin lächelt angenehm überrascht! Sie trinken auf Carlas Wohl und Anja erhebt ihre Stimme, als sie sich erhebt: „Und ich will heute auf euch beide trinken, auf meinen Vater, der mir in den schwierigsten Situationen beigestanden hat, ohne Vorwurf, ohne Fragen, und auf Carla, meine beste Freundin. Sie ist für mich wie eine große Schwester, ich danke und liebe euch von ganzem Herzen!“ Carla hat feuchte Augen bekommen und murmelt etwas verlegen auf italienisch in ihr Glas, um ihre Rührung zu verbergen. „Moment, ich bin noch nicht fertig“, wirft Frédéric dazwischen. „Ich denke, wird sind alt genug, Carla, dass wir heute wissen, worin der Sinn des Lebens besteht und ich habe es einfach satt, die besten Jahre meines Lebens, die ich noch einigermaßen in der Lage bin zu genießen, alleine zu verbringen. Anja wird vielleicht bald schon wieder das Haus verlassen und ihr Leben umkrempeln und ich werde hier sitzen, wie ein alter Dachs in seinem Bau und Selbstgespräche führen! » Die beiden Frauen kichern amüsiert. "Carla, meine Liebe,“ er streckt ihr die Hand entgegen und zieht sie vom Stuhl hoch, „ich weiß, keine Forderungen, keine Konditionen zwischen uns, deshalb sieh es als Bitte und nichts anderes an und sage mir ehrlich, ob du mich nicht für den Rest unserer guten Jahre an deiner Seite ertragen könntest!“ „Wie damals in Ägypten?“ fragt sie leise und ihre Gedanken wandern zurück in das weiße Haus, in dem sie einige Jahre lang miteinander gelebt und tagsüber zusammen gearbeitet hatten, um den Isistempel vor dem Hochwasser zu retten. „Ja, genauso, wie damals in Ägypten!“ bestätigt ihr der Hochgewachsene Mann, „so lange ist das ja schließlich noch nicht her. An dir sind die Jahre zwar spurlos vorbeigegangen, aber machen wir uns nichts vor, sie rast dahin, die verdammte Zeit! Jetzt ist mein kleines Mädchen selbst schon Mutter und daran sieht man, dass wir nicht mehr zu den Jüngsten gehören. Also Carla, ich rede nicht lange herum, bleib' hier, an meiner Seite, werde meine Frau und ertrage mich, wenn du kannst, Jahr aus, Jahr ein, und lass mich jeden Tag an deiner Seite erwachen und einschlafen, wenn du meiner nicht ohnehin schon überdrüssig bist!“ Carlas üppiger Mund zuckt verdächtig und sie stellt ihr Glas nieder und streichelt mit dieser freien Hand die raue Wange des Mannes. „Amore mio“, sagt sie leise aber fest. Er schließt sie in die Arme und wortlos besiegelt ihr Kuss diese zustimmende Antwort, die sie ihm gibt. Als das laute Babykrächzen aus dem Mikrofon des Baby-watchers Anja zur Fütterung mahnt, entschuldigt sie sich lächelnd und eilt hinaus. Doch man hat sie kaum gehört, denn die Welt ringsum ist für das Liebespaar, das in ihren Adern die Leidenschaft süß wie in den lauen, ägyptischen Nächten prickeln spürt, versunken.
In aller Stille werden Carla und Frédéric getraut, und am nächsten Tag weiß es ganz Europa. Konnte man die beiden nicht am Hochzeitstag fotografieren, so werden sie nun vor dem Haustor belauert, vor der Firma und auf der Strasse. Sie lehnen lächelnd jeden Kommentar ab und so konzentriert man sich auch wieder ein wenig mehr auf Anja und ihr „adoptiertes“ Mädchen, das nun bereits fünf Monate alt ist. Blitzlichter flammen hier und da auf, wenn sie einen Spaziergang macht oder mit ihm aus dem Auto steigt. Sie winkt jede Aufforderung zu einem Gespräch ab und hat erkannt, was ihr Vater nach Leylas Geburt befürchtet und gemeint hatte, als er sie bat, nicht verlauten zu lassen, dass es ihr Kind sei. Es macht ihr nichts mehr aus, dass sie nicht lautstark verkündet hatte, die leibliche Mutter zu sein, nein, es war unwichtig, den die Leute glaubten ohnehin nur das, was sie glauben wollten. Und was ging sie schließlich ihr Liebesleben an, ihre Gefühle, ihre Entscheidungen, wo ihr eigener Vater ihr Schweigen akzeptierte und sie in Ruhe ließ! „Ich werde nach Ägypten fahren“, verkündet sie kurz nach der Hochzeit. Erstaunt zieht Frédéric die Brauen hoch. „Ach“, sagt er, „willst du, dass wir mitkommen, Carla und ich?“ „Wie ihr wollt, doch ehrlich gesagt, will ich mich von niemandem beeinflussen lassen, ich brauche ein paar Tage Ruhe und Abstand zu allen Dingen!“ Frédéric hat verstanden, was Anja bereit ist zu tun. Sein Freund sollte von seiner Tochter erfahren und wie Anja ihm dies beibringen wollte, blieb ihr allein überlassen. „Gut“ erwiderte er ruhig, „wir kommen später nach und fahren erst wieder nach Wien. Ich will nicht ewig pendeln und die Sache dort unten an der Donau wird noch ein paar Jährchen dauern. Die Teilstrecke der Metro in Kairo ist fast fertig und ich will keine größeren Aufträge bis auf weiteres annehmen. Lassen wir es also bei Wien bewenden. Ich nehme an, du willst irgendwann einmal weiterstudieren, deshalb habe ich deine kleine Wohnung auch nicht aufgegeben. Carla und ich werden uns ebenfalls ein Appartement mieten und ich freue mich, wenn du bald nachkommen würdest mit Leyla.“ „Das werde ich, Papa“ versichert Anja und lächelt, „ich komme mit Leyla nach Wien, sicher bald, ich verspreche es dir und ich bin froh, dass du dich entschlossen hast, nicht mehr soviel zu arbeiten!“ Sie küsst ihn auf die Wange und ihre Gedanken eilen voraus, nach Ägypten....
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Smaïn, der sich in Kairo aufhält, wo er die Bauarbeiten zur Ausdehnung der Untergrundbahn leitet, erfährt von Anjas Kommen erst, als er Tage später nach Assuan zurückkehrt. Das Büro in Stuttgart hat ihn zwar kurz von ihrer Ankunft informiert und er freut sich, sie nach all dieser Zeit, in der er kaum ein Lebenszeichen von ihr bekommen hatte, wieder zu sehen. Er ist sicher, dass sie nun beide, über ein Jahr danach, ihre innere Ruhe wieder gewonnen haben und vielleicht war die junge Frau sogar schon in festen Händen. Dieser Gedanke versetzt ihm einen kleinen Stich in der Herzgegend, doch ihm ist klar, dass keiner in seinen Augen je gut genug für Anja sein würde, so wie auch er es nicht war. Er selbst am Allerwenigsten und er verscheucht rasch diese unliebsamen und doch so süßen Gedanken, als er in den Jeep am Flughafen von Assuan steigt und die paar Kilometer zu dem Hügel zurücklegt, wo sich das Familienanwesen befindet. Als Ibrahim ihm heute die Tür öffnet, umspielt ein geheimnisvolles Lächeln seine sonst so verschlossenen, ausdruckslosen Züge und fragend betritt der Ägypter das Haus. Doch der Alte hüllt sich, wie immer, in Schweigen. Weit offen stehen die Terrassentüren und er durchquert die große Halle, um auf der rückwärtigen Seite des Hauses in den schattigen Garten zu treten. Von weitem schon sieht er die schlanke, gerade Gestalt im langen, weißen Leinenkleid, das volle, braune Haar, sehr lang und leicht gewellt, locker von einem schwarzen Seidenband im Nacken zusammengehalten. Sie steht mit dem Rücken zu ihm und er nähert sich ihr unbemerkt. Die große Freude, die er empfindet, ist unverdorben und echt, und als er ein Wort des Grußes von sich geben will, dreht Anja sich zu ihm um, auf dem Arm das Kind, ein Mädchen, gekleidet ebenfalls in einem weißen, duftigen Kleidchen. Lockiges, braunes Haar umrahmt das Goldgetönte Gesichtchen, aus welchem ihm die dunklen Augen - seine Augen, erwartungsvoll entgegenblicken.
Wie vom Donner gerührt bleibt er stehen und starrt dem Bild, das sich ihm bietet, entgegen. Seine Stimme versagt und er vergisst den Gruß, den er hat aussprechen wollen, während er sich Halt suchend an den Stamm einer Tamariske lehnt. Anja lächelt ihm entgegen und macht ein paar Schritte auf ihn zu. Sie streckt ihm das kleine Wesen entgegen und ermuntert ihn mit leiser, aber fester Stimme: „Hier, nimm sie! Es ist deine Tochter, Leyla!“ Mechanisch nimmt er das Kind auf den Arm und glaubt sekundenlang, man würde ihm den Boden unter den Füssen weg ziehen. Doch er fasst sich rasch und haucht einen zarten Kuss auf die weiche, gewölbte Stirn des Babys, das ihn aus großen Augen interessiert betrachtet. Es blubbert ein paar Babylaute und Anja lacht. „Sie hat dich begrüßt und ich tu‘ es auch! Ich freue mich, dich wieder zu sehen, Smaïn.“ „Aber warum...“ er lässt die Frage unvollendet und seine Stimme klingt brüchig. „ Warum ich es dir nicht früher gesagt habe?“ beendet sie seinen Satz. „Ich wollte mir die Überraschung aufheben und sie dir selbst überbringen. Ich habe Zeit gebraucht, verstehst du?“ erklärt sie ihm ruhig und blickt ihm offen in die dunklen Augen, die zwischen ihr und dem Kind hin und her wandern. Leyla verzieht den kleinen, runden Mund und er legt ihr vorsichtig das Mädchen zurück in den Arm, wo es gleich wieder lächelt und weiter vor sich hinblubbert. Gemeinsam setzen sie sich auf die große, gepolsterte Sitzbank vor dem Eingang des Hauses und blicken zum Stausee hinunter. „Ich fasse es nicht“, beginnt Smaïn schließlich rau, als er sich einigermaßen gefasst hat, „Du hast mein Kind empfangen und ich habe nichts davon gewusst! Du musst mir soviel erzählen, dein Vater...“ „Mein Vater ist wohlauf, sei beruhigt, er ist ein ganz verliebter Großvater. Er hat Carla endlich geheiratet und ist vollauf mit sich selbst beschäftigt, sofern seine Arbeit dies zulässt. Ich habe unser Geheimnis bewahrt, doch man kann ihm nichts vormachen, er hat es gewusst und zwar in dem Augenblick wo er das Baby sah. Ich habe deinen Namen in seinen Augen gelesen, doch er liebt dich viel zu sehr, um dir noch etwas nachzutragen, glaube mir. Er hat mich weder bedrängt noch gequält und Carla hat ihm mit weiblicher Diplomatie derartig zugesetzt, dass er die Tatsachen als Dinge des Lebens hingenommen hat, ohne Groll und überglücklich über das Kind. Offiziell hat er das Kind adoptiert, um mir die Presse vom Hals zu halten und dir ebenfalls. Aber wenn du Leyla deinen Namen geben willst, dann wird sie ihn bekommen, das verspreche ich dir!“ „Anja, ich war deiner nicht würdig, es tut mir so leid, was damals passiert ist, glaub‘ mir!“ Sein Gesicht ist ihrem nahe und sie blickt ihn ernst an. „Das darfst du nicht sagen, denn mir tut es nicht leid, kein bisschen, und du hast mir das schönste Geschenk gemacht, das man einer Frau geben kann. Ich habe dein Kind, und du wirst nie mehr allein sein, so lange du lebst! Du kannst Leyla besuchen, wann du willst und ich werde sie zu dir schicken, so oft du danach verlangst. Du wirst ihr Prinz sein, wie du es für mich gewesen bist, und du wirst Ihr deine Sprache lehren, wie du sie mich gelehrt hast und du wirst ihr die alten Geschichten erzählen, wie mir auch. Du wirst mit ihr über die Hügel wandern und ihr den Sonnenuntergang über der Wüste zeigen. Und sie wird dich lieben und Ägypten wird ein Teil von ihr sein, so wie es sein muss.“ „Wenn ich um Jahre jünger wäre, Anja“, beginnt der Mann und sein Blick ist sehnsüchtig und müde, „dann wäre alles anders, ich würde mit dir ein neues Leben aufbauen. Aber sieh mich an, ich habe die Mitte meiner Jahre längst überschritten und kann dich nicht an mich binden.“
Anja lächelt leise und betrachtet den Gutaussehenden, reifen Mann und seine ebenmäßigen Züge: „Du bist nicht alt, aber du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen, ich verstehe dich besser, als du glaubst und ich wollte nie im Schatten deiner Aysha stehen, denn das wäre der Fall, ob so oder so. Dein Herz wurde dir für immer gebrochen aber du sollst dich erfreuen an Leyla, denn sie ist ein Teil von dir, auch wenn sie dir nicht den Sohn ersetzen kann, den man dir genommen hat!“ „Ich liebe sie schon jetzt wie meinen Sohn“, entgegnet Smaïn mit einem liebevollen Blick auf das Mädchen, das fröhlich auf Anjas Schoss mit den nackten Beinchen zappelt. „Dann sei mein Freund Smaïn, wie du es immer gewesen bist. Wir sind Geschwister im Herzen und waren Liebende für eine Nacht. Leyla besiegelt unsere Bindung, die über allem steht, was Menschen in den Schmutz ziehen können!“ „Du weißt, was du mir bedeutest, du, dein Vater und dieses kleine Kind, das meine Tochter ist. Ich würde für Euch sterben, wenn es sein muss.“ „Das weiß ich“, beschwichtigt Anja den leidenschaftlich sprechenden Mann und fügt hinzu, „dann lass uns fröhlich sein und ein paar schöne Tage zusammen verbringen, in denen du dein Kind richtig kennen lernen sollst!“ |
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Neuntes Kapitel – Ein neuer Aufschwung |
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Während Anja mit Leyla nach ihrer Rückkehr aus Ägypten nach Wien übersiedelt, haben Frédéric und Carla sich bereits in einer Wohnung, direkt in der UNO City, die hauptsächlich von internationalen Diplomaten bewohnt wird, eingerichtet. Die eindrucksvolle, moderne Siedlung aus Stahl, Beton und Glas bietet einen friedvollen Wohnstandard am rechten Donauufer. Blickt man aus den Fenstern des Appartements kann man den träge dahin fliessenden, silbrig glänzenden Fluss sehen und dahinter die bewaldeten Hügel des Wienerwaldes. Trotzdem Wien eine moderne Metropole ist, hat es den Charme von ländlicher Anmut beibehalten und die sagenhafte Wiener Gemütlichkeit überträgt sich auch auf das tägliche Leben seiner Bewohner.
Anja hat es vorgezogen, einstweilen die kleine, moderne Stadtwohnung zu behalten. Sie hat Astrid kontaktiert und die Wiedersehensfreude der beiden jungen Frauen war groß. Die Freundin war entzückt über Anjas Rückkehr und hat bald an Leyla einen Narren gefressen. „Sie ist einfach perfekt!“ bemüht sie sich immer wieder zu sagen, „sagenhaft perfekt! Eine richtige Schönheit!“ „Ganz die Mama“, witzelt Anja und Astrid schmunzelt: „Na, der Papa muss aber auch nicht ohne sein, wenn ich sie mir so betrachte! Du könntest ihn mir einmal vorstellen, liebe Anja!“ Sie lachen beide und Anja ist sicher, dass die lebenslustige Astrid den Ägypter nur zu gerne in die Sammlung ihrer Eroberungen einreihen würde und Leyla lässt sich von der Fröhlichkeit anstecken und lacht mit.
Carla hat sich erboten auf Leyla Acht zu geben, wenn Anja wieder ihre Ausbildung aufnimmt. Bereits zum kommenden Studienbeginn ist diese bereit für den neuen Einstieg, sehr zur Freude ihres Vaters. Vor den Vorlesungen bringt Anja das Kind zu Carla, die mit ihm den gepflegten Wasserpark besucht, eine riesige Grünanlage mit kleinen Teichen, wo das kleine Mädchen begeistert lachend den Enten und Schwänen Brotkrümel vom Kinderwagen aus zuwirft, und sich die massenhaft darum scharen und sie zu ergattern versuchen. Eichkätzchen huschen auf den Stämmen der alten Bäume entlang und blicken mit ihren kleinen Knopfäuglein neugierig auf die Spaziergänger, in der Hoffnung eine Walnuss zu ergattern oder ein Stück Brot. Es ist wieder Herbst geworden und an Frédéric scheinen diese Jahre der Arbeit und des harten Lebens in den fremden Ländern dieser Welt spurlos vorbei gegangen zu sein. Man sieht sie ihm nicht an. Seine gerade und selbstsichere Haltung, seine feste und fast siegessichere Ganghaltung heben ihn aus der Masse der Männer hervor. Carla seufzt glücklich und schiebt den leichten, sportlichen Kinderwagen vor sich her. Er sollte sich in der Firma mehr helfen lassen, denkt sie. Er hat verdient, endlich etwas zur Ruhe zu kommen. Sie könnten die Zeit hier in Wien mit so vielen interessanten Dingen verbringen: in den weiten Wäldern umherwandern, das Stadtleben mit seinen Theateraufführungen genießen, die stillen, heimeligen Gaststätten aufsuchen, wo man zu melancholischer Musik, die von Liebe und Tod handelten, weißen Wein trank und trotzdem fröhlicher Dinge war. Sie könnten reisen, wieder einmal nach Italien fahren oder nach Ägypten. Anja war zwanzig geworden und so selbständig, dass sich Frédéric um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen brauchte. Eben ganz die Tochter ihres Vaters. Doch es scheint ihr selbst absurd zu sein: Der Mann konnte ohne seine Arbeit und die Herausforderungen, die diese mit sich brachte, nicht glücklich sein.
Anja würde jemanden kennen lernen und sicher ein glückliches Leben führen. Sie war reich, jung und schön und klug. Leyla nahm sie so in Anspruch, dass sie kein Interesse an männlichen Bekanntschaften hatte. Aber sie hatte Zeit.... Ob sie wohl Smaïn immer noch liebte? Sie war gefasst und sehr ruhig aus Ägypten zurückgekommen und ein Blick in ihr Gesicht bestätigte Carla die Annahme, dass sie das Richtige getan hatte. Im September fuhr sie abermals nach Kairo und dann mit Leyla nach Assuan weiter. Sie wollte dem Vater die Tochter nicht vorenthalten und der Tochter nicht den Vater. Sie selbst hatte als kleines Mädchen oft unter der Abwesenheit Frédérics gelitten und setzte nun alles daran, dass es Leyla nicht auch so erging wie ihr selbst. Bald würde das Kind seinen ersten Geburtstag feiern und wieder würde ein Jahr zu Ende gehen, bald schon... Leyla entwickelt sich zu einem fröhlichen, aufgeweckten, kleinen Mädchen. Sie zeigt Interesse an Menschen und die Welt um sie herum. Auf der Strasse dreht man sich bewundernd nach ihr um und macht Anja, Carla, oder wer auch immer mit ihr spazieren geht, Komplimente, während die Kleine jedem Vorbeigehenden ein strahlendes Lächeln und einen geheimnisvollen Blick aus den glänzenden, schwarzen Augen schenkt. Anja fühlt sich wohl in Wien und die Abmachung mit Carla, sich teilweise um das Kind zu kümmern, funktioniert tadellos. Carla war immer eine viel beschäftigte Frau gewesen, meist auf Reisen und intellektuell sehr rege, sodass sie nun sehr froh war, eine neue Aufgabe gefunden zu haben, die ihr die vielen, einsamen Stunden, die sie ohne Frédéric in einem neuen Land und einer noch nicht so vertrauten Umgebung verbringen muss, ausfüllt und verkürzt. Natürlich nimmt die Ägyptologie immer noch einen sehr wichtigen Platz für sie ein, doch sie lehnt Grabungsangebote immer wieder ab und begnügt sich damit, Gastvorträge auf der Universität und im Ägyptologischen Institut Wiens abzuhalten. Als Leyla ihre ersten Worte spricht und bereits seit einiger Zeit schon eifrig auf eigenen Beinchen umherläuft, gehört zu ihrem Sprachschatz vor allem die italienische Kurzform von Großmutter, nämlich „Nona“. So ruft und nennt sie Carla, während sie Frédéric „Papy“ ruft, was das französische „Opa“ darstellt, und dieser hart gesottene Mann schmilzt beim Klang ihrer hellen Stimme dahin wie Eis in der Sonne.
Die Wortspiele der verschiedenen Sprachen kommen der Familie zugute, denn die meisten Menschen im deutschsprachigen Raum nehmen an, dass „Papy“ gleichbedeutend mit „Papa“ ist, das jedoch ist falsch. „Papa“ wird nur einer genannt von Leyla, ein hoch gewachsener, geheimnisvoller Orientale, der öfters diskret die Familie besucht und kurzzeitig deren Gast ist, sich wenig in der Öffentlichkeit zeigt und dessen Herz jedes Mal schwer ist, wenn er von einem Firmenchauffeur oder einem Familienmitglied wieder zum Flughafen gefahren wird um Europa erneut für eine Weile den Rücken zuzukehren. Niemand verlangt von ihm, dass er gehen solle, doch es bedarf keiner Überredung zum Bleiben, sie wäre überflüssig. Smaïn kehrt in seine Welt zurück, wenn er merkt, dass sich einige Leute im näheren Umkreis der Wohn- und Arbeitsgegend seines Freundes Frédéric beginnen, sich für seine Anwesenheit und seinen Bezug zur Familie und dem Kind zu intensiv zu interessieren. In diesem internationalen Stadtviertel ist die Anwesenheit von Fremden jedoch ein allgegenwärtiger Anblick. Tausende Menschen aller Länder der Erde, die den Vereinten Nationen angehören, arbeiten in den hohen Gebäuden, wohnen im unmittelbaren Umkreis und gehen ihrem Leben nach. Smaïn ist hier nur einer von vielen, die eine etwas dunklere Hautfarbe besitzen als die ansässigen Europäer und die für die Ägypter typisch ebenmäßigen, glatt rasierten Züge unterscheiden ihn von den übrigen Orientalen in dieser Stadt auffallend. Auch Anja besucht mit ihrem Kind regelmäßig dessen Vater und eine entspannte und herzliche Atmosphäre begleiten diese Reisen und häufigen Aufenthalte in Ägypten. Sie erinnert sich zurück, als Smaïn und ihr Vater sich das erste Mal nach der Geburt der kleinen Leyla wieder gegenüberstanden. Viele Monate hatte Frédéric gebraucht, um dem Freund wieder in die Augen sehen zu wollen. Anja hatte ihm zuvor das Versprechen abgenommen, sich zu beherrschen und sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen. Er konnte nicht verhindern, dass er leicht verärgert die Stirn runzelte und sie fragte: „So wie er es getan hat, meinst du?“ Er verstummte jedoch sofort, als er den Schrecken in den Augen seiner Tochter sah. Es war ihm einfach so herausgerutscht und er ärgerte sich über sich selbst. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein Zusammentreffen vermieden, da er für seine Reaktion nicht wirklich garantieren konnte.
Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals, sie waren gemeinsam nach Assuan geflogen und stumm standen die beiden Männer nun da und blickten sich wortlos ins Gesicht. Anja beobachtete die Muskeln, die in Frédérics Gesicht zu zucken drohten und die Ader an seinem Hals, die gefährlich anzuschwellen begann. Carla plapperte im Hintergrund fröhlich und ablenkend mit der kleinen Leyla und Smaïns undurchdringliche Miene verriet dessen Gedanken nicht. Nur seine Augen sprachen und der Freund konnte in ihnen all das erkennen, das er brauchte, um Smaïn zu verzeihen. Schuld, Reue, aber auch Stolz und die Bereitschaft dazu zu stehen. Nach sekundenlangem, eisigen Schweigen streckte der Jüngere dem alten Freund die Arme entgegen und sie umarmten einander in stummer Vergebung und der Bitte darum. Sie blieben beide lange so stehen und Anja konnte die gemurmelten Worte nicht verstehen, aber sie spürte, wie die Eisringe, die ihr Herz bis zu diesem Zeitpunkt eingeengt hatten, zerbarsten und sie die wohlige Wärme der Freude und Erleichterung durchflutete. Ab diesem Zeitpunkt gehörte Smaïn wieder zur Familie wie schon zuvor und man würde kein Wort mehr über die Geschehnisse davor fallen lassen.
Oft muss Frédéric nach Deutschland fliegen, doch wenn es sich mit seiner Zeit vereinbaren lässt, dann kommt er meist spätabends wieder zurück nach Wien. Ihm ist unklar, wie er es die vielen Jahre ausgehalten hatte, von Carla getrennt zu leben. Sie ist sein Ruhepol und der Heimathafen, den erst spät nachts oft ansteuert, abgespannt und sich nach seiner geräumigen, komfortablen Wohnung sehnend, von wo aus er bei einem guten Glas Whisky die Lichter der Stadt auf der anderen Seite des Stromes betrachten kann. Das ewige Flair dieser Stadt beruhigte ihn. Carla und er erwarten, dass Anja ihnen irgendwann einen jungen Mann vorstellen würde, in den sie sich verliebt hätte und mit dem sie vielleicht ein Stück ihres Lebens gehen wollte, doch dies trifft nicht zu. Für sie gibt es nur Leyla und wenn sie weggeht, dann nur im großen Freundeskreis oder mit ihrer Studienkollegin. Keine Romanze reizte sie, kein Mann konnte anscheinend ihr Herz erobern. Einerseits ist Frédéric erleichtert darüber, andererseits befürchtet er, Anja dachte dabei zu sehr an Smaïn oder daran, was er von ihr halten könnte, sollte sie sich zu einer neuen Beziehung entschließen. Aber sie konnte nicht ein Leben lang nur die Mutter seines Kindes sein, ohne ein persönliches Glück für sich selbst aufzubauen. Doch Anja war noch so jung und viele Mädchen ihres Alters fielen von einer unglücklichen Affäre in die andere. Die Zeit würde alles arrangieren, auch für Anja....
Er hat sie überreden können im gleichen Teil der Stadt eine größere Wohnung zu nehmen, wo sie für ihre Kunst und das Kind für sein Wohlergehen, mehr Platz hatten. Die naturreine Umgebung vor allem, die Parkanlagen und Grünflächen haben Anja rasch davon überzeugt, dass die Lebensqualität am Stadtrand für Leyla deutlich höher lag als im Zentrum. Abgesehen davon war Carla leichter und schneller erreichbar und die direkte U-Bahn-Verbindung zur Universität war ein weiterer Faktor für ihre Entscheidung. Sie konnte so in Minutenschnelle wieder daheim sein und das Kind abholen.
Das Studium seiner Tochter macht Fortschritte, die Prüfungen, der letzten beiden Jahre haben sie die versäumte Zeit aufholen lassen und ihre Bilder sind ausdrucksstark und von einer Farbkombination die die Sinne anspricht und eine intensive Lebensfreude widerspiegelt. Anja liebt die Landschaftsmalerei, die immer noch sehr an die Impressionisten erinnert und auch Phantastische Kunst, Bilder von anderen Welten und Wesen, die einer Traumwelt entstiegen zu sein scheinen. Symbolismus mit all seinen Geheimnissen. Neuerdings interessiert sie sich für Collagen und zaubert aus japanischen, eingefärbten Algen und Gräsern, sowie Reispapier farblich harmonierende große Flächen, die vor allem sehr stark auf weiten, weißen Wänden zur Geltung kommen und den Mittelpunkt der Dekoration in einem weitläufigen Raum bilden. Diese fernöstliche Technik der Kunstdarstellung hat sie während eines Seminars von tibetanischen Künstlern kennen gelernt und war sofort fasziniert davon gewesen. Eine große Kraft ging von den Farben aus, der Transparenz und Differenz der präparierten Algen und Pflanzen, man empfand beim Anblick eines solchen Bildes Entspannung und innere Zufriedenheit, man spürte fast körperlich die Ruhe, die Geist und Seele durchflossen.
Durch befreundete Besitzer einer renommierten Kunstgalerie in der Wiener City, wurde es Anja ermöglicht, eine Vernissage zu veranstalten, um Kunstinteressierte Leute auf sich aufmerksam zu machen und ihnen diese aufwendige und ungewöhnliche Art von Kunst nahe zu bringen. Anjas Freundeskreis, sowie jener ihres Vaters und dessen Bekanntenkreis haben sich eingefunden an diesem lauen Juniabend, aber auch Kunstkritiker, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der diplomatischen, internationalen Szene. Einige Zeitungsleute wurden geladen und eine bekannte Partyservicefirma sollte die Gäste mit Erfrischungen, Champagner und kleinen kulinarischen Köstlichkeiten versorgen. Wenn an diesen raren Tagen die gesamte Familie unabkömmlich war, wurde ein zuverlässiger Babysitter engagiert, der sich um das Kleinkind kümmerte.
Anja, die von einer Anzahl Leute umringt wird, die alle gleichzeitig auf sie einreden, versucht, so gut es ihr möglich ist, auf jede einzelne der Personen einzugehen. Sie erklärt ihre Technik in groben Zügen und verneint die Frage, ob es sich bei ihren Farben um chemische Substanzen handle. „Nein, ich verwende prinzipiell nur Naturfarben!“ versichert sie und weigert sich charmant lächelnd, ihr Geheimnis über die Gewinnung und Herstellung dieser Farben Preis zu geben: „Sie werden verstehen, dass ich mein Herstellungsverfahren nicht verraten kann. Vergessen Sie nicht, dass man bis heute die Mixtur des roten Farbtones, den Tizian für seine Werke verwendete, noch immer sucht.“ Fröhlich lachend stimmen ihr die Interessenten zu und schon wendet sie sich anderen Gästen zu, einem Pärchen, das höchst modisch gekleidet ist. Die junge Frau in einem hautengen, silbergrauen Versace-Kleid, wie sie gleich erkennen kann, und das mehr frei gibt als es verhüllt, ist mit scheinbar echtem Schmuck überreich ausstaffiert und er, smart lächelnd im gut sitzenden, hellgrauen Designer-Anzug, den Hemdkragen des schwarzen Seidenhemdes an diesem warmen Abend offen stehend und das Champagnerglas lässig in der rechten Hand haltend. Seine unverhohlenen Blicke, mit denen er sie eine ganze Weile schon gemessen hatte, waren Anja nicht entgangen. Sein absichtlich zerrauft gestyltes dichtes Haar ist von einem Schwarz, das schon fast unecht wirkt. „Ich wäre sehr interessiert daran, einige ihrer Werke zu besitzen!“ spricht er Anja an, die in einem einfachen Kleid von Gucci, schwarz, Figur betonend und knöchellang, die hellblonde Begleiterin des attraktiven Mannes um einen halben Kopf überragt. Ihr Haar trägt sie offen und es ist von einer leuchtenden, rotbraunen Fülle, die beim künstlichen Licht der Beleuchtung die Nuancen stetig zu verändern scheint. Sie sieht in seine Augen, deren Farbe von einem undefinierbaren Braun sind, fast ein wenig zu unnatürlich mit Orangen Pünktchen um die Iris. Dieses seltene Phänomen fällt ihr sofort auf und sie denkt: Augenlinsen, natürlich, welch ein Geck! Trotz dieses Gedankens spürt sie eine gewisse Faszination, die von diesen Augen ausgeht. Laut sagt sie: „Eigentlich habe ich noch nicht daran gedacht, wirklich zu verkaufen, ich wollte die Interessierten vor allem mit dieser Technik bekannt machen und die Wirkung auf sie testen.“ Ein amüsiertes Lächeln umspielt die vollen Lippen des etwa dreißigjährigen Mannes, der sich augenscheinlich seiner Wirkung auf Frauen voll bewusst ist: „Aber ich bitte Sie! Keine falsche Bescheidenheit! Wozu diese Vernissage, wenn es nicht darum geht, ihre Kunst weiterzugeben und Geld damit zu machen!“ Bevor Anja verärgert antworten kann, dass es außer Geld auch noch andere Dinge und Werte gab, vor allem in der Kunst, hat Frédéric sich zu den Leuten gesellt und begrüßt den Mann, den er anscheinend kennt: „Wie geht es Ihnen, Karl-Robert? Ich habe nicht wirklich gerechnet, dass sie meiner Einladung Folge leisten werden und deshalb freut es mich umso mehr. Ich weiß, sie sind viel unterwegs! Ein viel beschäftigter Mann, wie man hört!“ Die Männer reichen sich die Hände und Frédéric wendet sich schließlich an seine verwunderte Tochter. “ Darf ich dir den Baron von Falkenberg-Heroldstein vorstellen, Anja? Sein Vater, der leider vor ein paar Jahren von uns gegangen ist, war ein guter Bekannter von mir und wahrer Freund deines Großvaters Theodor. Ich glaube, sie waren so etwas wie Jagdfreunde, wenn ich nicht irre!“ Der Baron nickt zustimmend und der Unternehmer fährt fort: „Dies ist meine Tochter Anja, ich bin nicht sicher, ob ihr euch bereits kennt!“ Der Angesprochene zieht erstaunt eine Augenbraue in die Höhe und mustert Anja neuerlich unverhohlen und direkt: „Ihre Tochter? Ich dachte nicht, dass es sich bei der Künstlerin um ihre Tochter handelt, eher um ...“ er lässt den Satz unvollendet und Frédéric lacht: “ Nein, mein Lieber, da haben Sie etwas Falsches angenommen mit ihrer Vermutung, auch wenn es mir schmeichelt, dass man mir eine so junge Freundin zutraut, aber meine Frau befindet sich dort drüben, in dem Goldlaméekleid!“ er deutet viel sagend auf die große, schlanke Italienerin, die sich mit Landsleuten angeregt unterhält. „Ich wusste nicht, dass sie eine so charmante und noch dazu so talentierte Tochter haben, Frédéric! Ich darf Sie doch mit dem Vornamen ansprechen, in Anbetracht der alten Freundschaft zwischen unseren Familien!“ Als Frédéric zustimmend nickt, fährt er fort: „Ich bin entzückt. Anja - welch passender Name!“ Er hatte ihren Namen beim Aussprechen in die Länge gezogen, sodass er fast anrüchig klang und Anja erwidert den Gruß höflich und mit einem undurchdringlichen Lächeln ihrerseits. "Er klingt wie ein Versprechen." Ungeduldig mischt sich die hübsche, blonde Begleiterin an seiner Seite in die Unterhaltung ein: „Willst du mich nicht endlich auch vorstellen, Charly!“ Ihre Stimme klingt ein wenig unsicher und sie versucht sich zu straffen, um gleich groß mit der Künstlerin zu wirken.
Ungehalten, als erinnere er sich plötzlich an ihre Anwesenheit, kommt Karl-Robert von Falkenberg-Heroldstein der Aufforderung nach: „Ja natürlich, entschuldige bitte! Dies ist Christine Weihmut, eine Bekannte, und Tochter eines deutschen Diplomaten, der hier erst seit kurzem in Wien tätig ist.“ Mit vollendetem Handkuss begrüßt Frédéric die entzückte, junge Frau, die nicht viel älter als Anja selbst zu sein scheint und auch Anja findet einige höfliche Worte um sie willkommen zu heißen. „Ich wünsche Ihnen allen noch einen angenehmen Abend, wenn Sie mich bitte nun entschuldigen wollen?“ Frédéric hat den Philippinischen Konsul entdeckt, der ebenfalls mit seiner Ehefrau auf der Gästeliste stand und eilt ihm entgegen, eine Begrüßung auf den Lippen. „Entschuldigen Sie, Anja“, spricht von Falkenberg sie mit einem ausgesucht charmanten Lächeln neuerlich an: „Jetzt verstehe ich auch, warum sie nicht unbedingt zu verkaufen suchen, als Tochter der Hollowitz Werke sind sie sicher in keiner finanziellen Notlage!“ Er lacht über den eigenen Scherz und Anja, die diese Bemerkung geschmacklos und unangebracht findet, erwidert rasch und trocken: „Ich bin nicht die Tochter der Hollowitz-Werke, sondern meines Vaters und ich heiße Hardtberg, das wird Sie doch hoffentlich jetzt nicht allzu sehr enttäuschen?“ Überrumpelt und ein wenig verdutzt blickt der Mann in ihre dunkelblauen Augen und meint mit gespielter oder echter Zerknirschung: „Entschuldigen Sie nochmals, Anja, aber ich glaube, Sie haben mich ein bisschen verwirrt!“ Unbehaglich sieht die Angesprochene auf die übergangene, junge Frau an seiner Seite, deren Gesicht deutlich die Verärgerung widerspiegelt, die sie angesichts des Interesses oder Geplänkels, das der Freund mit der Gutaussehenden Unternehmerstochter führt, empfindet. „Kommen Sie, “ spricht Anja sie nun direkt an, „wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen die Bilder, die mich am meisten berühren!“ Sie wendet sich halb zu Karl-Robert, „Sie entschuldigen uns für einen Moment“ und schon wendet sie sich ab, das Mädchen am Arm mit sich führend. Etwas ärgerlich blickt ihnen der gut gewachsene Mann nach und winkt einem Kellner, der ihm ein volles, neues Glas Sekt anbietet.
Anja spürt während des Abends noch öfters die Blicke des zweifellos Gutaussehenden Mannes und sie machen sie unruhig. Eigentlich ist ihr dieser Typ viel zu aalglatt, versnobt und direkt unverschämt. Und so etwas ist alter Adel? denkt sie. Aber er sieht gut aus. Sie seufzt und denkt an die kleine Leyla, Zuhause in ihrem Bettchen. Seit es das Kind in ihrem Leben gibt, hat sie sich um Herzensangelegenheiten nicht gekümmert, sie verspürte nie Lust mit Männern wegzugehen. Sie hatte ihre Studienfreunde, Bekannte im Kreise der UNO-City und Geschäftsfreunde ihres Vaters und alle behandelten sie respektvoll, sei es aus echter Kameradschaft, wohl wissend, dass Anja sie nie als etwas anderes als ihre Freunde betrachten würde, sei es mit Achtung und Zuneigung. Anjas Leben war ausgefüllt mit der Aufgabe sich dem kleinen Mädchen zu widmen und es ihren Vater so oft wie möglich sehen zu lassen und andererseits mit ihrer Kunst.
Als auch die letzten Gäste gegangen sind, es ist weit nach Mitternacht, lässt sie sich müde auf einen Stuhl sinken während die Leute vom Partyservice damit beschäftigt sind, Ordnung in den großen Raum zu bringen. „Ich werde euch nach hause fahren!“ verkündigt Carla entschlossen, „es war eine lange, aber erfolgreiche Nacht!“ Sie zwinkert Anja zu und diese nickt zustimmend: „Ja, ich glaube, ich bin gut angekommen bei den Leuten und ich habe mich über das rege Interesse gefreut!“ „Morgen wird man über dich einiges lesen können in den Kulturkolumnen mancher Zeitungen!“ versichert Frédéric und seine Tochter seufzt: „Ich weiß gar nicht, ob ich das will. Sie werden wieder in meinem Privatleben herumschnüffeln und in eurem ebenfalls!“ Frédéric schmunzelt: „Wir sind eine ehrbare Familie und sollen sie nur schreiben, warum nicht! Wenn du dir einen Namen als Künstlerin schaffen willst in diesen Kreisen, dann war diese Vernissage gerade das richtige, heute Abend! Sehr gemischtes Publikum, einflussreiche Leute, Neureiche natürlich auch, aber im Grossen und Ganzen, interessante Leute!“ Während sie zu dritt das alte Bürgerhaus in der City verlassen und dem silbergrauen Mercedes Frédérics zusteuern, fragt Anja beiläufig: „Was macht dieser Falkenberg, oder wie er heißt, eigentlich so im Leben?“ „Karl-Robert? Da bin ich überfragt, aber ich nehme an, er ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten, ich habe seit dessen Tod keinen Kontakt mehr gehabt zu der Familie. Sie gehört einem alteingesessenen, österreichischen Adel an und besitzt große Ländereien, Landwirtschaft, Holz und was sonst alles noch daran hängt. Das Familienschloss liegt etwa 30 km nordwestlich von Wien. Der Junge ist ein rechter Lebemann, wie man so hört. Lebt auf großem Fuß, Rennsport, Wohnung in Monte Carlo, Partys und Reisen. Ich nehme an, die Familie, sofern noch jemand aus diesem Geschlecht außer ihm lebt, kann es sich leisten, dem Spross einen solchen Lebensstandard zu ermöglichen. Wie ich die Dinge sehe, bleiben ihm für die Geschäfte nicht viel Zeit übrig aber er wird sich wohl auf die alten Mitarbeiter seines Vaters verlassen können!“ Er sieht Anja von der Seite an: „Interessiert er dich? Er sieht verdammt gut aus, das gebe ich zu und wie ich hörte, braucht er sich nicht über Mädchenmangel zu beklagen! Also kein Mann fürs Leben!“ „Wer denkt denn an so etwas », bemerkt Anja entrüstet. Ich finde ihn ziemlich blasiert“, kommentiert Anja kurz ihr Interesse, „ein typischer Playboy ohne jede Ambition! Wahrscheinlich bis oben voll mit Koks und anderem Zeug!“ Frédéric lacht laut auf. „Immerhin hat er sich für deine Bilder interessiert“, wirft er ein, „also ganz so ambitionslos dürfte er nicht sein und guten Geschmack hat er dadurch auch bewiesen“. „Ich finde, er hat etwas ziemlich Selbstherrliches an sich“, entgegnet Anja, „es ist eher alles nur Schall und Rauch bei dem Typen. Allein, wie er seine Freundin behandelt hat, - als wäre sie zeitweise Luft für ihn gewesen!“ „Seine Freundinnen wechselt der Junge oft genug, das steht in jedem Klatschblatt“, schmunzelt Frédéric. "Sie werfen sich wohl allzu schnell an seinen Hals!" Carla, die dabei ist, den Wagen zu starten, lächelt Anja durch den Rückspiegel zu: „Dann pass mal gut auf, Anja, dass dein Name nicht auch bald in den Klatschspalten steht, sozusagen als erlegtes Wild des jungen Falkenbergs!“ „Ganz sicher nicht!“ entrüstet sich Anja und ist sich ihrer Worte gar nicht so sicher. Doch seine überhebliche Art hat sie ein bisschen geärgert und doch hat irgendetwas sie angerührt, fasziniert, vergrabene Sehnsüchte bloß gelegt. Sie lehnt sich zurück und sieht seine Augen vor sich. Als hätte Carla ihre Gedanken erraten, sagt sie: „Jedenfalls hat er ganz faszinierende Augen!“ Sicher lenkt sie den Wagen durch die stille Nacht, in der nur mehr wenige Fahrzeuge auf den Strassen unterwegs sind, über die Brücke des Kanals und weiter durch die Auen zur Strasse am Kai, die sie direkt zu der großen Donaubrücke führt, über welche sie in kurzer Zeit in die vertraute Wohngegend gelangen werden.
Der Telefonanruf, den sie einige Tage später erhält, überrascht sie nicht wirklich. Das Interesse, das der junge Baron an ihr gezeigt hat, war ihr nicht entgangen und er hat es ihrer Meinung nach darauf angelegt, dass sie es auch merken würde. Nachdem er sich gemeldet hat und Anja sich noch darüber wundert woher er wohl die Geheimnummer ihres Telefonanschlusses haben könnte, fährt er fort: „Ich hätte gerne mit dir, ich darf doch du sagen, in Anbetracht unseres Alters, über deine Bilder gesprochen! Vielleicht kann ich dich doch dazu überreden, mir eines davon zu überlassen!“ Er macht eine Pause und wartet auf ihre Antwort. „Ich weiß gar nicht, ob die Bilder zu dir passen!“ Sie betont die Anrede, und fährt fort: „Ich habe sehr wenig Zeit, du verstehst, mein Studium, ich nehme es ernst, auch wenn mancher das Gegenteil annehmen sollte!“ „Wenn du mir noch meinen Ausrutscher nachträgst, weil ich dich auf deine Familie hin angesprochen habe, dann bitte, vergiss es endlich! Es war wirklich nicht so gemeint und ich hatte schon einige Gläschen des exzellenten Champagners, den man uns kredenzt hatte, intus! Meine lose Zunge spielt mir oft üble Streiche! Und warum sollten deine Bilder nicht zu mir passen? Ich finde das ein wenig anmaßend von dir! Was siehst du in mir? Einen dekadenten Blaublütigen, der von Kunst keine Ahnung hat?“ Als sie den verletzten Ton in seiner Stimme hört, lenkt sie mit ruhiger Stimme ein: „Schon gut! So war es ja nicht gemeint, aber ich assoziiere dich eher mit Chrom, Stahl und Glas, nicht mit naturfarben und Harmonie. Es ist ein reines Gefühl. Ich kann mich ja täuschen, aber ich denke doch, du bist eher auf avantgardistischen Ausstellungen zu finden, die sich der Abstraktion verschrieben haben. Mir liegt eben sehr viel an meinen Bildern, sie sind ein Teil von mir und ich habe viel Gefühl für ihre Anfertigung aufgebracht! Ich will, dass sie ebenso geliebt werden, wie ich das tue. Sie sind immer noch in der Galerie. Ich würde vorschlagen, du siehst sie dir nochmals in Ruhe an und kontaktierst mich dann eventuell um mir mitzuteilen, welches dich im Besonderen anspricht. Wir können dann immer noch weiter verhandeln!“ „Könntest du dich nicht mit mir in der Galerie treffen?“ fragt von Falkenberg rasch, „Du bestimmst den Tag und die Zeit!“ Zögernd überlegt sie rasch, bevor sie zustimmt: „Na gut, morgen vormittags, so gegen zehn, meine Vorlesungen beginnen erst um fünfzehn Uhr.“ „Ich hol’ dich ab!“ entgegnet er spontan, doch sie lehnt ab: „Nein, wir treffen uns direkt in der Galerie, ich habe einiges vorher zu erledigen!“ Damit muss sich der Baron zufrieden geben, doch er kann ihr noch das Versprechen abnehmen, mit ihm zu Mittag essen zu gehen. Anja legt den Hörer nieder und nimmt Leyla auf den Arm, die ungeduldig vor ihr herzappelt und nach dem Telefon verlangt. „Das war nicht Papy!“ sagt sie lachend und hält dem Kind den Telefonhörer ans Ohr, aus welchem der Summton zu hören ist. „Leyla will telefonieren!“ verlangt sie zielstrebig und Anja küsst die kleine, goldfarbene Nasenspitze ihres Kindes. Sie verspürt plötzlich das Bedürfnis, mit Smaïn zu sprechen, ihn zu hören und laut sagt sie: „Wir werden deinen Papa anrufen. Vielleicht ist er ja erreichbar!“ Rasch rechnet sie den Zeitunterschied aus und es müsste demnach früher Nachmittag sein in Kairo. Eine plötzliche Unruhe befällt sie, die sie nicht erklären kann, ja selbst Angst baut sich um sie herum auf. Sie schüttelt das unliebsame Gefühl ab, das ihr eine Gänsehaut verursacht hat und wählt die Vorwahl nach Ägypten und danach die Nummer der Baubehörde, in der Smaïn sein Büro hat. Sie wird einige Male weiter verbunden und wieder ist sie sich dessen bewusst, wie glücklich sie sich schätzen kann, dass sie fließend arabisch spricht. Sie wartet und kann endlich Smaïns etwas verzerrte Stimme hören. Ein Stein fällt ihr vom Herzen. Sie spricht ihn französisch an: „Hier ist Anja, deine Tochter will mit dir sprechen. Ich gebe sie dir jetzt, sie ist schon ganz ungeduldig und kann sehr hartnäckig sein!“ Anja nimmt Leyla auf den Schoss und hält ihr den Hörer an das kleine Ohr. „Papa?“ Dann lauscht sie aufmerksam den Worten, die der Mann zu ihr spricht. Sie nickt mit dem kleinen Kopf, dass ihre Löckchen fliegen. Anja hat von Anfang an darauf bestanden, dass er mit ihr in seiner Muttersprache spricht und das Mädchen versteht ihren Vater bereits sehr gut und kann auch mehrere Sätze mit ihm sprechen. Dann schmatzt es lautstark in den Telefonhörer und reicht ihn wieder Anja. Diese lacht: „Das war wohl nicht zu überhören! Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung da unten?“ Sie weiß, dass die Verträge mit der ägyptischen Regierung bald auslaufen und die Firma ihre Arbeit in den U-Bahnschächten der Hauptstadt abgeschlossen haben wird. Sie will wissen, welche Pläne er dann hat und wann sie ihn wieder besuchen kommen kann. Die Kleine verlangte nach ihm und auch Anja weiß, dass sich Smaïn nach seinem Kind sehnte. „Ich werde Mitte September hier fertig sein. Dann können wir nach Assuan fahren. Ich werde eine Weile ausspannen. Ich bin fix und fertig!“ Es ist da erste Mal, dass Smaïn zugibt, dass er müde oder abgespannt ist und es bedrückt sie. „Ich komme in der ersten Septemberwoche nach Kairo. Auch wenn du nicht viel Zeit für uns hast, vielleicht können wir dich aufmuntern, was meinst du?“ will sie wissen und Smaïn beteuert seine Freude über ihr Kommen. „Ich will mit dir reden. Keine Angst,“ setzt sie rasch hinzu, „nichts besonderes, einfach nur so!“ Das Schweigen am Ende der Leitung besagt, dass der Ägypter auf eine genauere Erklärung wartet. „Eigentlich ist ja gar nichts, ich habe jemanden kennen gelernt, der mich verwirrt. Ich will deinen Rat.“ „Meinen Rat?“ entgegnet er entgeistert, „welchen Rat soll ich dir geben? Du weißt, was dabei heraus kam, als du mich schon einmal um Rat gebeten hast! Bist du etwa verliebt?“ „Neeeein“, stottert sie, „ich weiß nicht, nein, aber er gefällt mir irgendwie. Ich fühle etwas für ihn, aber es ist eben ganz eigenartig. Vielleicht bilde ich mir auch nur alles ein, ich bin es nicht mehr gewöhnt mit Männern zusammen zu sein!“ verteidigt sie sich. „Pass auf dich auf“, sagt Smaïn mit rauer Stimme zum Abschied, „auf dich und auf Leyla!“ „Schon gut“, versichert sie ihm, „Du kennst mich ja. Pass nur du nur gut auf dich auf!“ Sie denkt an die Ermordung des Menschenrechtlers und Politikers Farag Foda, die im Juni dieses Jahres durch Extremisten geschehen ist. Die Macht der Fundamentalisten hat in letzter Zeit bedrohlich zugenommen und sie verfolgt mit beklemmender Spannung und klopfenden Herzens die Nachrichten im Fernsehen und der Presse, wenn die Rede von den sich häufenden Anschlägen sogar auf Touristenbusse in Ägypten war. Sie versteht diesen Hass nicht, den die Männer auf anders denkende Menschen ihres Landes haben, diese Mordlust und den Fanatismus, der sie bis zum Äußersten treibt, sogar bis zum eigenen Tod, im Namen Gottes. Diese Aussaat des Bösen schadete dem geliebten Land in jeder Weise und die Bevölkerung lebte in Angst und Schrecken. Wie musste Smaïn unter diesen Geschehnissen leiden! Jeder Anschlag, jedes gelungene Mordkomplott musste ihn an seine ermordete Familie erinnern. Wie konnte ein Mann soviel Schmerz ertragen? Warum lässt er sich nicht beistehen? Aber wie sollte man ihm helfen? Er hat niemals eine Seele in der Nähe seines Herzens geduldet, außer vielleicht ihren Vater Frédéric. Er hat es eingesperrt, sein Herz, und in einen hermetischen Sarkophag und den Schlüssel dazu in den Nil geworfen! Anja seufzt und macht sich daran für sie und das Kind ein rasches Mittagessen vorzubereiten. Sie hat ihm für Nachmittag eine Bootsfahrt versprochen, die sie gemeinsam mit Astrid machen wollen. Ein Seitenarm der Donau war dafür geradezu ideal. Sie würden vom Boot aus die Schwäne füttern und vielleicht sogar ein bisschen schwimmen, wenn das Wasser sauber genug war. Leyla trällert ein kleines, ägyptisches Kinderlied vor sich hin, das ihr Vater ihr gelernt hat, bei dem letzten Besuch in Ägypten. Lächelnd betrachtet Anja ihre kleine Tochter: ihr Haar war eine Spur stärker gelockt und auch dunkler als ihr eigenes es war und eine vergoldete Spange hielt die Fülle aus dem braunen Gesichtchen, um das sich trotz aller Bemühungen hunderte kleine, glänzende Löckchen kringelten. Ihre schwarzen, großen Augen blickten unter dichten, langen und geschwungenen Wimpern neugierig und altklug in die Welt und wenn sie lachte, dann eroberte sie jeden, der sich in ihrer Nähe befand und Anjas Herz schwoll an vor Freude und Stolz! Sollte die Welt doch glauben, es sei ein angenommenes Kind! Doch es war sie, die es unter ihrem Herzen getragen, es mit Freuden geboren und ihm das Leben geschenkt hatte! Es war für sie wie eine eigene Wiedergeburt, ja das war der richtige Vergleich, denkt sie und stimmt in das Lied, das ihr Kind singt, summend mit ein. |