DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 2

Zehntes Kapitel – Wenn Träume Flügel hätten

 

Der junge Baron zeigt sich bei dem Treffen von seiner besten Seite, keine verbalen Ausrutscher, keine anzüglichen Bemerkungen. In seinem Blick liest sie unverhohlene Bewunderung und aufrichtiges Interesse an ihr.

Anja kann ein leichtes Herzklopfen nicht leugnen, als sich der gut aussehende Mann, der wartend eines ihrer Bilder betrachtet hat, zu ihr herum dreht. Er ist mit einem modischen, leichten Sommeranzug bekleidet, die Ärmel lässig hochgekrempelt. Unter dem engen, schwarzen T-Shirt, das er trägt, sind die einzelnen Muskeln seines durchtrainierten Oberkörpers deutlich zu erkennen. Die teure Designersonnenbrille hat er aus der Stirn geschoben und sein gebräuntes Gesicht, Solarium oder Fernreisen, wer wusste das schon, so Anja, lächelt ihr smart entgegen. Er deutet einen vertrauten Wangenkuss an, wie es unter guten Bekannten seiner Gesellschaftsschicht üblich war. Die überraschende Berührung empfindet sie als äußerst prickelnd und sie lächelt angenehm berührt.

 

„Das Einzige, das ich bedaure, “ beginnt er zu sprechen, „ist, dass ich dir noch nicht früher begegnet bin. Wien ist doch ein Dorf und man begegnet hier jedem andauernd und läuft sich gegenseitig über den Weg! Welche Vergeudung, da läuft ein Mädchen wie du durch Wiens Strassen und ich weiß nichts davon!“ Demonstrativ schlägt er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, was Anja die Gelegenheit gibt, seine gepflegten Finger zu betrachten und den schweren Familiensiegelring, den er trägt.

Sie schmunzelt: „Das ist rasch erklärt. Ich habe kein reges Gesellschaftsleben!“

Gespielt verständnisvoll nickt Karl-Robert: „Ja, ich weiß, du nimmst dein Studium sehr ernst!“ 

„Und ich kümmere mich um meine kleine Tochter!“ fügt sie hinzu und beobachtet seine Miene, die er aber gelassen beibehält, als er zustimmend nickt: „Davon habe ich inzwischen auch schon gehört! Du hast eine kleine Ägypterin adoptiert! Wie du siehst, bist du mir nicht mehr ganz so unbekannt!“

Anja belässt es bei dieser Annahme und findet es überflüssig, diesem Menschen, den sie erst einmal kurz gesehen hatte, ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Sie schlendern durch die große Galerie und Anja erklärt ihrem Begleiter die Bilder, und was sie sich bei deren Entstehung vorgestellt hatte, wie sie dabei ans Werk ging und er hört aufmerksam zu, stellt zwischendurch manche Frage und Anja ist verwundert über sein Interesse, das sie ihm eigentlich nicht wirklich zugetraut hat.

„Ich würde gerne eines dieser Bilder erstehen“, beginnt er von neuem, als sie beim letzten Bild angekommen sind.

„Sagen wir, ich gebe dir eines in Leihgabe und später können wir dann immer noch überlegen, ob du es wirklich behalten willst oder dich daran satt gesehen hast!“

Er sieht sie direkt an und fragt ernst, während er seinen Blick aus diesen undefinierbaren braungelben Augen in die ihren versenkt: „ Wie kann man sich jemals an Schönheit satt sehen? Man kann süchtig danach werden, das ist aber sehr reizvoll, oder nicht?“

Anja spürt seinen Blick und fühlt die Hitze in sich aufsteigen, die des warmen Sommertages wegen, ohnehin fast unerträglich in dieser Stadt war. Sie atmet tief ein: „Gut, also dann kannst du ein Bild auswählen, ich lasse es dir dann zustellen!“ „Natürlich auf meine Kosten“, fügt er schnell hinzu.

Er entscheidet sich für eine etwa zweimal zwei Meter große Fläche, auf der in mühevoller Kleinarbeit streifenweise in Türkis- und Blautönen die Algenstreifen in ihrer durchscheinenden Transparenz angeordnet und festgeklebt wurden und den Anschein einer tosenden Meereswoge erwecken.

Entzückt legt er den Kopf zur Seite und bewundert es von neuem: „Es lebt dieses Bild, ich kann beinahe das Rauschen der Wellenberge hören. Du bist eine begnadete Künstlerin. Ich bin also der erste Privatmann, der ein solches Werk bei sich aufstellen darf? Ich bin echt sprachlos!“

„Du bist der zweite, mein Vater besitzt natürlich bereits eines dieser Bilder!“

„Ja natürlich, das war anzunehmen“, lächelt er, ohne den Blick von dem Werk zu lassen, „der gute Frédéric! Das ist ein Kerl! Mein Vater hat mir die tollsten Geschichten über ihn erzählt. Er soll ja etwas ganz besonderes sein in Ägypten, dein Vater!“

„Er liebt dieses Land, ebenso wie ich auch und er hat viel für die Menschen getan, den Tourismus gefördert durch seine Projekte, was der Bevölkerung zugute kommt, die als Wächter der Monumente fungiert!“

Sie macht eine Pause und er wendet sich ihr zu: „Ägypten! Ja, es ist sehenswert, aber die trockene Hitze ist auch mörderisch. So fasziniert wie deine Familie es anscheinend ist, war ich nicht gerade, aber es gefiel mir ganz gut. Die Bahamas sind mir aber lieber! Ägypten ohne Ägypter wäre natürlich noch bei weitem angenehmer!“ Er lacht über seinen eigenen, wie er annimmt, gelungenen Scherz und als er Anjas düstere Miene sieht, fügt er entschuldigend hinzu: „Das war natürlich ein Scherz!“

Anjas Feingefühl hatte jedoch diese spontane Äußerung als solche verstanden, wie sie gemeint war. Also doch überheblich und blasiert, denkt sie und ist verwundert darüber, dass ihr diese Erkenntnis einen schmerzhaften Stich versetzt. Sie verlassen die Galerie und treten in die grelle Mittagssonne hinaus. 

„Ich habe einen Tisch im Garibaldi-Keller für uns reservieren lassen! Ich dachte, es wäre besser in einem kühlen Kellerlokal zu sitzen, als hier irgendwo in einem heißen Gartenlokal der Innenstadt!"

Sie nickt und folgt ihm zu dem weißen Porsche, den er demonstrativ im Halteverbot geparkt hatte, und sie fahren die kurze Strecke zu dem bekannten, teuren In-Lokal, nahe dem Kai.

Schmale Stufen führen in die Tiefe des alten Gebäudes. ‚Sicher geschichtsträchtig, dieses Haus’, denkt Anja, während sie mit ihren flachen Sandalen hinter ihm vorsichtig die Treppen hinuntersteigt.

Der Raum, in den sie gelangen, ist heimelig und italienisch eingerichtet, mit den typischen Landesfarben, rot-grün-weiße Tischtücher und Servietten, leise Volksmusik aus diskret versteckten Lautsprechern und gewaltige Chianti-Flaschen auf Regalen  mit künstlichen Weinreben drapiert.

Karl-Robert wird als Stammgast begrüßt und man weist ihm den Tisch in einer Nische zu. Neugierige Blicke streifen Anja, deren kurzes, körpernahes und weißes Leinenkleid in akzentuiertem Kontrast zu ihrer gebräunten Haut besonders vorteilhaft steht. Der italienische Kellner entzündet die Kerze auf der Mitte des Tisches und Anja empfindet die Kühle in diesen Räumen als wohltuend. Obwohl ihr die sengende Glut Ägyptens nicht viel ausmacht, leidet sie hier, in der drückenden Schwüle, die dieser Juni mit sich gebracht hatte, sehr. Die von Hitze aufgespeicherten Betonwände lassen die Stadt auch nachts nicht richtig auskühlen. Die neue Wohnstadt an der Donau, in der sie lebt, ist noch begünstigt von der Luft der Donau-Auen ganz in der Nähe. Außerdem sind die neuen Wohnungen alle vollklimatisiert.

 

Sie wählen beide den Salat des Hauses und gegrillte Scampis. Der Baron wählt einen leichten Roséwein und Anja ist damit einverstanden. Die Mahlzeit schmeckt ausgezeichnet und würzig, und das Restaurant ist bald bis auf den letzten Platz besetzt. Die Nische mit den Binsengeflochtenen, halbhohen Wänden bewahrt ein gewisses Maß an Intimität. Karl-Robert lässt seinen Charme sprühen und Anja spürt, dass sie dafür empfänglich ist. Es ist ihr nur allzu bewusst. Ich werde mich nicht verlieben, denkt sie, nur ein bisschen umwerben lassen, mich amüsieren. Worauf soll ich noch warten? Ich will mich wieder als Frau fühlen, es ist so lange schon her...!

 

Er überredet sie, am kommenden Wochenende seinen Landsitz zu besuchen. Es bedarf dazu keiner großen Überredungskunst seinerseits. „Es wird dir gefallen“, sagt er zufrieden über ihren Entschluss, mit ihm zu fahren. „Ich habe einen Teil des Schlosses in einen exquisiten Golfclub umbauen lassen, das ermöglicht mir die Erhaltung des teuren Besitzes.“

Anja verbeißt sich die Frage, was denn mit den großen Ländereien geschehen sei. Es ging sie schließlich nichts an.

„Ich freue mich wirklich!“ sagt er eindringlich und ergreift ihre auf dem Tisch liegende Hand. Die Wärme seines Handdrucks durchrieselt sie angenehm bis in die Zehenspitzen und sie entzieht ihm nicht ihre Finger. Er führt sie an seine vollen Lippen und küsst langsam und bedächtig jeden einzelnen davon, während er seinen Blick nicht von ihr wendet. Sie spürt ihre Schwäche und genießt diese, lässt sich treiben in diesem Meer der Gefühle und Empfindungen, die ein süßes Sehnen und eine verdrängte Erinnerung an ihre eigene Lust erahnen lassen. Sein Gesicht nähert sich dem ihren und er haucht seinen Kuss auf ihre halbgeöffneten Lippen. Seine faszinierenden Augen blicken in die ihren und sie fühlt sich wie gelähmt. ‚Schlangenaugen’! durchzuckt es sie. ‚Er hat Schlangenaugen und ich bin das hypnotisierte Kaninchen!’ Doch der Augenblick der Magie ist vorbei, er löst sich von ihr und ruft den Kellner, um die Rechnung zu begleichen.

Als sie schließlich vor ihm die steilen Treppen empor steigt und sie gemeinsam den Keller verlassen, spürt sie seine Blicke auf ihrem Rücken. Sie fühlt, wie sie ihren Körper entlang wandern, fast frivol, als könnte sie sie körperlich spüren, als seien es seine gepflegten Hände, die ihren Körper betasteten. Sie unterdrückt das Verlangen, sich umzudrehen und sich in seine Arme fallen zu lassen, auf Gedeih‘ oder Verderben....

 

Carla nimmt sich gerne der kleinen Leyla an, als Anja sie darum bittet. „Natürlich akzeptierst du seine Einladung!“ beharrt sie, als sie das Zögern der jungen Frau bemerkt. „Du hast fast drei Jahre lang dein Kind gehütet wie eine alte Glucke! Vergönne uns die Kleine auch einmal, ein ganzes Wochenende lang. Sieh dir das Schloss von dem Playboy doch einfach an und lass dich verwöhnen!“ Anja denkt an diese Worte, während sie den Fahrtwind genießt, der ihr Haar im offenen Sportwagen des jungen Baron Falkenberg zerzaust.

Sie haben über eine Ausfahrtsstrasse die Stadt verlassen und der Wagen rollt in raschem Tempo über die Landstrassen, die, die teilweise bereits abgeernteten Getreidefelder, teilen. Der heiße, frühe Sommer ließ die Erntearbeiten früher als sonst beginnen. Strohbeladene Traktoren begegnen ihnen, Mähdrescher, die riesigen, utopischen Monstern gleich von einem Feld zum anderen tuckern, um die letzte Ernte einzubringen, bevor die angesagten schweren Gewitter die Arbeit eines Jahres bedrohen oder gar vernichten konnten. Am Horizont sind die Staubfahnen der arbeitenden Maschinen zu erkennen und die Sonnenblumenfelder erstrahlen in einem satten, dunklen Gelbton, der in harmonischem Kontrast zu dem tiefblauen Himmel dieses späten Junitages steht.

 

Anja nimmt diese Eindrücke in sich auf, die an ihr vorbeiziehen, die kleinen Dörfer mit den lieblichen Kirchtürmen in Zwiebelform, die blumenreichen Gärten vor schmucken, modernisierten Bauernhäusern und kleine Weiher, versteckt unter tief hängenden Weiden.

„Es sieht hier ähnlich aus wie im Elsass!“ ruft sie laut dem neben ihr sitzenden Fahrer zu, um den Fahrtwind zu übertönen.

„Ja, es ist eine nette Gegend, aber ein bisschen langweilig!“ antwortet ihr Karl-Robert und sieht kurz zu ihr herüber. Sie kann seine Augen, die unter der dunklen Sonnenbrille versteckt sind, nicht sehen und daher fühlt sie sich sicherer vor deren Anziehungskraft.

„Allzu lange halte ich es hier nicht aus. Zum Glück sind es nur ein paar Kilometer bis nach Wien!“ fügt er hinzu. Vor ihnen taucht ein üppiger Mischwald auf, der anscheinend von einer langen, alten Mauer begrenzt ist, die sich in gerader Linie nach einem letzten Feld endlos lang dahin zieht. Die Strasse führt geradewegs in diesen Wald und beim Näherkommen sieht Anja die riesige Einfahrt, die von zwei steinernen Sphinxen flankiert ist, die auf zwei großen Steinpfeilern, halb verdeckt von den gewaltigen Baumkronen der Eichen hocken, und sie hat den Eindruck, als würden sie speziell auf sie lauern, bereit, sie anzuspringen.

 

Ohne den Wagen herunterzubremsen, passiert der Mann die Einfahrt, und nur flüchtig kann Anja das Schild: ‚Privatbesitz, Einfahrt verboten!’ ausnehmen. Sie durchqueren etwa drei Minuten lang den Wald und schließlich wird die Strasse lichter und breiter, vor ihnen liegt ein anmutiges Barockschloss, nur zweistöckig, doch lang gestreckt, mit einer ausladenden Freitreppe in der Mitte. Es ist im typischen Kaisergelb gestrichen, die Fenster- und Türflügel in sattem Tannengrün. Eine weite Terrasse mit Tischen und Stühlen, weiße Sonnenschirme darüber gespannt, auf der sich träge einige Leute in der Sonne räkeln, nimmt weitläufig die Vorderfront des Gebäudes ein.

„Das ist der Eingang des Clubhotels!“ Er zeigt mit der ausgestreckten Hand auf den Aufgang und wendet den Porsche, langsamer fahrend, zur Hinterfront des Hauses. Auch hier ein Eingang, weniger pompös, aber angenehm vom Schatten der großen Bäume, die fast bis ans Haus reichen, überdacht.

„Dort drüben sind die Stallungen“, er weist auf die lang gestreckten Gebäude östlich des Hauptgebäudes und Anja ist entzückt, als sie die sich daneben befindliche Koppel mit arbeitenden Reittieren erblickt.

„Das ist schön!“ ruft sie begeistert, „reitest du?“

„Kennst du einen Adeligen, der es nicht tut?“ Er lächelt ein wenig spöttisch und sie ärgert sich über die eigene Naivität. Es war eine andere Welt, diese Welt der Blaublütigen. Anja war gewiss nicht weltfremd und inmitten einer Welt des internationalen Wohlstandes groß geworden, doch sie hatte noch nie mit vielen Adeligen zu tun gehabt. Industrielle, Politiker, Wissenschaftler, ja, aber hier war man in Österreich, einem Land mit uralten Traditionen, das bis vor kurzem noch eine riesige Monarchie war und dessen letzter großer Kaiser noch bis heute von den Menschen mit Wehmut und Andacht verehrt wurde. Auch jetzt gab es noch so genannte „Kaisertreue“ und der Kult um die unglückliche Kaiserin „Sissi“ wurde weitergehegt in Film und Legenden, um dem Tourismus Genüge zu tun. ‚Ein bisschen weltfremd sind sie schon, diese Österreicher’, denkt Anja, jedoch mit Wohlwollen. Sie wendet ihr Gesicht der Sonne zu und fühlt die angenehme, frische Landluft wohltuend auf ihrer Haut prickeln.

 

Während sie aus dem Wagen steigen und sie nach ihrer kleinen Reisetasche greift, schweift ihr Blick in die Runde: Harmonie, ländlicher Frieden, und trotz allem ein Hauch von dekadenter Noblesse. Hübsch, denkt sie, romantisch! Ein schöner Platz um Kinder heranwachsen zu sehen!

Er fasst ihre Hand und sie durchschreitet die Eingangstür. So gelangen beide in eine große Halle, wo er von etlichen Leuten in sportlicher Kleidung, gegrüßt wird. Er erwidert ihre Grüsse und steuert mit ihr die kleine Bar an, die sich auf der einen Seite des pompösen Raumes befindet. An den Wänden befinden sich ein paar große Ölgemälde, jedoch nichts Wertvolles, Landschaftsmalereien aus dem vergangenen Jahrhundert, wie ihr Kennerblick feststellt.

Sie bestellt frischen Orangensaft und nippt an dem, mit Eiswürfel aufgefüllten Glas, während der Hausherr nach Gin-Tonic verlangt und sein Glas auf einen Zug leer trinkt.

Ein Mann, Mitte Vierzig, mit Sporthose und Hemd bekleidet, um welches er eine lose gebundene Krawatte trägt, die Jacke lässig  über die eine Schulter geworfen, schlendert auf sie zu:

„Charly, ich habe dich schon überall gesucht“, begrüßt er den Baron, ohne dabei den neugierigen Blick von Anja zu lassen.

„Und wer ist das schöne Kind?“ will er anmaßend grinsend wissen. Der Baron runzelt die Stirn. „Das ist Dr. Weigert, mein Rechtsberater, Anja“ übergeht er die Frage des Mannes, und betont dann eindringlich an ihn gewandt: „Anja Hardtberg. Sie ist mein Gast!“

Erstaunt zieht der Jurist die Augenbrauen hoch und versucht ein charmantes fast entschuldigendes Lächeln, während er Anja anspricht: „Es ist mir eine Ehre, sind sie die etwa die Tochter von ....?“

„Ja, sie ist die Tochter!“ ungeduldig schneidet der Baron dem Älteren die Frage kurz ab und wendet sich zum Gehen, „Komm Anja, wir gehen in den Privattrakt des Hauses!“

„Ich muss mit dir unbedingt sprechen, es ist wirklich wichtig!“ hält Dr. Weigert den jungen Mann zurück, während seine Stimme eindringlicher wird: „Es kann nicht mehr warten, ich brauche nur fünf Minuten, nicht länger!“ beschwört er ihn.

Anja ermutigt den zögernden Karl-Robert: „Ich warte einstweilen auf der Terrasse, lass dich nicht stören!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verlässt sie die eindrucksvolle, Barock überladene Halle und tritt hinaus in die warme Sommerluft.

Als Karl-Robert nach etwa zwanzig Minuten nach kommt, ist seiner unbewegten Miene nicht anzusehen, ob die Unterhaltung mit dem Juristen zufrieden stellend für ihn war oder nicht.

„Komm“, sagt er kurz, „Lass uns gehen!“ Durch die Halle und einen langen Korridor gelangen sie in eine gut bestückte, eindrucksvolle Bibliothek. Der Boden ist aus glänzendem Holzparkett und ein leichter Geruch von Staub und Moder liegt über allem, nicht unangenehm, mit einem Anflug von Nostalgie in der Luft.

Nach der Bibliothek erreichen sie abermals in eine kleinere Halle, von der aus mehrere Türen in die Privaträume des Barons führen. Zu Anjas Verwunderung ist diese Zimmerflucht nicht im barocken Stil möbliert, sondern großzügig, modern und hell mit stilechten Designermöbeln ausgestattet. An den weißen Wänden prangen bunte, riesige Ölbilder zeitgenössischer Künstler. Die Räume sind alle geschmackvoll und harmonisch dekoriert und obwohl sie sich im Stil gleichen, ist der Unterschied durch die Farben und eine persönliche Note des Dekorateurs, der sich darum bemühte, sie geschmackvoll zu setzen, nicht zu übersehen. Sogar die geräumige Küche ist schlicht, auf dem letzten Stand der Küchentechnik ausgestattet, mit verchromten Leisten und Spiegelglänzenden Einbaukästen, schwarz lackiert.

„Welch ein Gegensatz zum übrigen Schloss!“ bemerkt Anja bewundernd, „ Es gefällt mir! Hast du selbst die Innenarchitektur entworfen?“ „Im Grossen und Ganzen schon, aber mit Hilfe eines befreundeten Dekorateurs!“ lautet seine Antwort.

„Du kannst dir das Zimmer aussuchen, in welchem du dich installieren willst“, setzt Karl-Robert hinzu und schiebt die Sonnenbrille ins dunkle Haar. Sofort steht Anja wieder unter dem Bann seines Blickes, der sie intensiv und fragend mustert.

Sie ärgert sich über die eigene Nervosität und geht unruhig durch die weitläufigen Räume, während ihr dieser beunruhigende Mann dicht auf den Fersen bleibt. Wieder spürt sie seine Blicke und bevor sie sich für ein Zimmer entscheiden kann, kommt er ihr zuvor und deutet in den einen Raum, der durch die heruntergelassenen Jalousien im Halbdunkel liegt. „Nimm mein Zimmer, es ist bei weitem das angenehmste und beste, das ich dir bieten kann. Ich werde mich in eines der Gästezimmer verziehen - wenn du es wünscht“, setzt er nach einer kleinen Pause hinzu und greift nach einer bereitliegenden Zigarettenschachtel .

Sie sieht das überdimensional große Bett in der Mitte des Raumes stehen, die schwarzen Satinlaken darüber und die niedrigen Chromelemente, auf denen sich Hifi-anlage, Videogeräte und Flaschen mit verschiedenen Getränke befinden. In der einen Wand ist ein großer Fernsehbildschirm eingebaut. Er öffnet die Tür eines ebenfalls unauffällig eingebauten Kühlschrank. Im Licht des aufleuchtenden Lämpchens kann sie die gestapelten Champagnerflaschen erkennen.

„Alles was dein Herz begehrt!“ flüstert er dicht an ihrem Ohr und sie unterdrückt das aufkommende Zittern ihrer Hände, die nervös mit dem Riemen ihrer Schultertasche spielen.

„Wie du meinst“, sagt sie schwach, während sie die Sandalen von den Füssen streift und die Tasche auf einen Hocker abstellt.

„Ich werde mich kurz erfrischen, entschuldige mich bitte kurz!“ Eilig begibt sie sich in das angrenzende, offen stehende Badezimmer und schließt aufatmend die Tür hinter sich. Ihr Herz klopft laut bis zum Hals und sie atmet tief durch.

‚Ich werde mich nicht verlieben!’ Sagt sie sich eindringlich und betont im Geiste jedes einzelne Wort. Ich werde diese beiden Tage genießen, nicht mehr!

Fest entschlossen schlüpft sie aus den kurzen Shorts und der leichten Bluse und lässt das lauwarme Wasser über ihren erhitzten Körper laufen.

In der Eile hatte sie vergessen, frische Wäsche ins Bad mitzunehmen und sie schalt sich selbst ob ihrer Verwirrung. Was hatte er schon so besonderes an sich, denkt sie, dieser Baron? Es gab viele andere, besser Aussehende als ihn. Er hatte fast etwas Verruchtes in seinem Gesicht, etwas brutale Züge, aber gerade das machte ihn anziehend, überlegt sie und schließt die Augen, während sie ihr Gesicht in den Strahl der Dusche hält. Er wirkte ein bisschen exotisch, so gar nicht typisch germanisch. Er war dunkel, hatte etwas Südländisches an sich und sein Haar erinnerte sie fast an das eines Ägypters, an Smaïns Haar, das nunmehr vereinzelt von silbergrauen Fäden durchzogen war. Seine Augen, sie spürte eine unheimliche Macht, die von ihnen ausging und konnte sich keinen Grund dafür erklären.

 

Als sie schließlich das Bad verlässt, ist der Raum leer und sie kann sich aufatmend umziehen. Sie wird sich die Stallungen ansehen, darauf hat sie sich besonders gefreut. In Jeans und T-Shirt verlässt sie den modernen Trakt und trifft Karl-Robert in der Halle, an der Bar, wo er mit ein paar Gästen charmant plaudert. Das unverhohlene Interesse, das ihm die meist älteren Damen entgegenbringen, ihr geziertes, kokettes, lautes Lachen und die aufreizenden Gesten, mit denen sie versuchen jünger zu wirken als sie sind, ist augensichtlich und ärgern Anja ein bisschen. Sie hingegen, wird mit den bewundernden Blicken ihrer Männer bedacht, die der schönen, jungen Frau entgegenblicken, ihren biegsamen, gertenschlanken Körper wahrnehmen und die dennoch sinnlichen Rundungen ihrer ausgereiften Fraulichkeit.

Als Karl-Robert sie erblickt, entschuldigt er sich bei den Leuten und kommt ihr entgegen. „Wir wollen eine Kleinigkeit zu uns nehmen, draußen ist ein Brunch-Buffet aufgebaut und ich denke, es wird uns an einem so heißen Tag wie heute reichen!“

Trotz der appetitlichen Häppchen, verspürt Anja keinerlei Hungergefühl, die Anwesenheit des Mannes macht sie nervös und sie zwingt sich zur Ruhe.

„Ich nehme an, du willst die Pferde sehen?“

Sie haben sich erhoben und er hat ihre Hand ergriffen und so streben sie den Stallungen zu. „Darauf freue ich mich wirklich sehr!“ meint sie ehrlich und fühlt sich wieder ruhiger. Die Tatsache, seine Hand um die ihr zu spüren, macht sie froh und sie versucht sich zu entspannen. Wie sollte sie auch ahnen, dass sie bereits hoffnungslos unter allen bekannten Symptomen des verliebt Seins litt?

In den Boxen ist sie in ihrem Element. Außer einigen Privatpferden sind die Tiere alles ausgesprochene Rennpferde, eines schöner als das andere. An den Boxtüren hängen die Trophäen und Auszeichnungen jedes Sieges. Anja krault ihre großen Köpfe und hat für jedes Tier ein paar nette Worte über. Sie sehnt sich nach Fantasio, der in Frankreich geblieben war. Sie wollte ihn nach Deutschland kommen lassen, dann kam jedoch die Übersiedlung nach Wien, Leylas Ankunft und seither war ihr kaum mehr Zeit für die Betreuung eines Pferdes geblieben. Fantasio befand sich also noch immer in dem Reitstall der Provence, und sie nimmt sich in diesem Augenblick fest vor, ihn nach Wien bringen zu lassen. Leyla war schon bald drei, sie konnte mehr an sich selbst denken, sie musste wieder ein normales Leben führen, sie war erst zweiundzwanzig!

 

„Ich lasse zwei Pferde satteln“, unterbricht der Baron ihre Gedanken und sie nickt lächelnd. Während er sich entfernt, um einem Stallburschen Anordnungen zu geben, tätschelt sie ein weiteres Pferd, das es ihr mit einem warmen Blick aus den großen, dunklen Augen dankt.

Sie sieht, wie der Bursche zwei der Tiere aus der Box führt und verlässt den Stall um das ihr zugedachte Pferd selbst zu satteln. „Das mach ich schon“, sagt sie freundlich und nimmt ihm die Zügel aus der Hand.

Die Stute wiehert erwartungsvoll und tänzelt am Zügel. Rasch und mechanisch sattelt sie das Tier, schwingt sich in den Sattel, zieht die Gurte nach und lässt es eine Runde warm gehen. Bald ist Karl-Robert an ihrer Seite und gemeinsam traben sie vom Gelände in den angrenzenden Wald. Die Tiere schnauben und Anja ist erfreut, endlich wieder mit einem versierten Reiter dieses Glück auf vier Beinen genießen zu können.

Nachdem die Tiere warm geritten sind, erreichen sie ein Stoppelfeld, das sich über einen sanften Hang erstreckt. Unruhig heben die Pferde die Köpfe.

„Das lieben sie über alles, das Galoppieren über die abgemähten Felder!“ Und schon lässt er sein Tier angaloppieren, das sich sofort über das Feld davon macht. Mit festem Schenkeldruck und Fersendruck in die Flanken ihres Pferdes, tut Anja es ihm gleich und hat ihn bald schon eingeholt. Sie liefern sich eine berauschende Jagd, Seite an Seite, den Oberkörper weit nach vor gestreckt, lassen sie den Tieren ihren Lauf und lenken sie dann, kurz bevor das Golfgelände beginnt, in weitem Bogen den Hügel zurück bergauf. Am Waldrand angekommen, verfallen sie wieder in Trab und der Baron reitet an Anjas Seite, während er beruhigend den Hals seines Pferdes klopft.

Anjas Gesicht ist erhitzt und das Haar, das sie nur locker durch ein Band zusammengehalten hat, fällt zerzaust über die Schultern und in die Stirn. Er greift in ihre Zügel und bringt ihr Tier zum Stillstand. Ihre Brust hebt und senkt sich unter dem engen T-Shirt nach dem schnellen Galopp und er kann seinen Blick nicht davon abwenden. Während er sich vom Sattel aus zu ihr hinüberbeugt um mit der freien Hand ihr Kinn zu fassen um sie heftig, fordernd, fast brutal zu küssen, tänzeln die Pferde unruhig so eng nebeneinander stehend und er gibt sie plötzlich wieder frei.

„Wir können es morgen nochmals versuchen, heute bleibt es unentschieden!“ sagt er rau und lächelt sie viel sagend an. Sie erwidert seinen Blick und nickt ein wenig außer Atem gekommen.

Während sie die erhitzten Pferde im Schritt abgehen, damit sich diese beruhigen können, lässt die Spannung zwischen ihnen nach und Anja gibt sich Mühe nicht auf seine muskulösen Oberarme zu starren und die Brustmuskeln, die sich unter dem engen Polo abzeichnen. Er erzählt ihr von seinem Vater, der mit Anjas Großvater eng befreundet war. Er kann sich auch an Eveline Staubitz erinnern, die der Alte zu den seltenen Besuchen ins Schloss Falkenberg mitgebracht hatte. Wehmütig gedenkt Anja der guten Freundin, bei der sie aufgewachsen ist, und auch an die Lavendelfelder der Provence, sie sanften Weinhügel, ringsum und silbrig glänzenden Kronen der uralten Olivenbäume. Sie würde bald wieder zurückkehren, nimmt sie sich vor, Leyla sollte das kleine Landhaus kennen- und lieben lernen, wo sie, ihre Mutter, die Kindheit verbracht hat.

Karl-Robert von Falkenberg-Heroldstein erklärt ihr, dass die Landwirtschaft heute nichts mehr einbrächte und man müsse mit der Zeit gehen. Er hätte einige Waldstücke gerodet, den Golfplatz machen lassen und hatte auch vor, den Grossteil der Ländereien in Bauplätze umwandeln zu lassen und Parzellenweise zu verkaufen. Das lässt Anja an ihren riesigen Grundbesitz in Kaysersberg denken, sie hatte noch nie daran gedacht zu verkaufen, aber vielleicht waren die Falkenbergs in einer Zwangslage, alter Adel - vielleicht, aber nicht mehr vermögend, wie so viele! Sie fragte sich jedoch auch, wie es möglich war, dass ein so bedeutender Betrieb ohne die andauernde Anwesenheit seines Besitzers problemlos laufen konnte.

 

Er lässt sie vor der Tür seines Schlafzimmers, das er ihr überlassen hatte, allein und wendet sich ebenfalls einer der Türen zu, um den Staub des Ausritts von sich zu spülen. Anja überlegt, was sie sich überziehen sollte. Plötzlich vermeint sie, die Tür des Zimmers zuschnappen zu hören.

Sie lauscht dem Geräusch, welches das wohltuende Wasser gleichmäßig verursacht und als sich zwei starke Arme von rückwärts um die ihren legen weiche Lippen ihren Hals berühren, ist sie weder erschrocken noch überrascht, sondern angenehm berührt, wenngleich sie sich auch vollkommen elektrisiert durch diese Berührung fühlt. Sie hatte geahnt, dass diese knisternde Spannung, die sich zwischen ihnen beiden angestaut hatte, bald nach einer heftigen Entladung suchen würde. Sie lässt geschehen, dass er ihr Ohrläppchen küsst und mit seine Mund ihren Hals entlang wandert. Seufzend legt sie den Kopf in den Nacken, um ihm ihre Lippen darzubieten. Sie erwidert seinen heftigen Kuss mit Bereitschaft und Erregung, während seine Hände ihre Brüste und Schenkel streicheln. Das Geräusch des fließenden Wassers mischt sich mit dem ihres Blutes, dass in ihren Ohren rauscht, und sein nackter, straffer Körper, der sich an den ihren presst, lässt sie so schwach werden, das sie Angst hat, ihre Knie würden  gleich versagen und einknicken.

Er nimmt sie auf die Arme, während er sie weiterhin küsst, und trägt sie aus dem Bad, geradewegs zum Bett, mit den einladenden, schwarz glänzenden, kühlen Laken. Als er sich und sie darauf fallen lässt, spürt sie erst, wie sehr sie ihn begehrt. Die Liegefläche des Wasserbetts gibt einladend dem Gewicht ihrer Körper nach und passt sich nachgiebig deren Formen an.

Wie eine Ertrinkende klammert sich Anja an den erfahrenen Mann, der sie mit allen Regeln der Kunst verführt, sich ihres Körpers bemächtigt, einfühlsam und doch fordernd, und sie von einem Höhepunkt zum anderen treiben lässt. Als sie lange Zeit später erschöpft nebeneinander liegen und er eine Zigarette raucht, bemerkt er, ohne sie dabei anzusehen: „Du hast in dem Moment, als du das erste Mal diesen Raum betreten hast gewusst, dass wir dieses Bett teilen werden, oder?“ 

Anja lässt sich Zeit mit der Antwort und entgegnet schließlich: „ Sagen wir, ich habe es geahnt,“ dann setzt sie noch hinzu „und auch gewollt!“ Warum sollte sie ihm ihr Verlangen nach ihm verschweigen?

Er sollte nicht glauben, dass es nur seiner Verführungskunst zu verdanken war, dass sie in diesem Bett landeten. Gleichzeitig stellt sie fest, dass es das erste Mal in ihrem Leben war, dass sie in einem richtigen Bett von einem Mann geliebt wurde. Sie bereut es nicht und tastet nach den festen Muskeln seiner durchtrainierten Brust. Er legt die Zigarette in den Aschenbecher und dreht sich ihr zu, wobei er einen Arm unter ihren seitlich gedrehten Körper schiebt und ihn so mit beiden Händen an den seinen schiebt. Sein Atem riecht nach Tabak, doch es stört sie nicht, den die Magie seines Blickes durchdringt sie erneut und rührt das Verlangen in ihr, wieder von ihm besessen zu werden. Alle verborgenen Sehnsüchte, die einst Smaïn in ihr geweckt hatte, diese in ihr schlummernde Leidenschaft kommt mit Heftigkeit an die Oberfläche und sie gibt sich ihm bedingungslos hin, erfüllt seine Forderungen und lechzt nach dieser Lust, die er in ihr entfacht.

 

Sie hören nicht den wiederholten Rufton seines Handys, das er auf den Abstelltisch liegen ließ, sie achten nicht darauf, dass der Tag sich zu Ende neigt und die Dämmerung ihren Mantel auf das Schloss senkt.

„Du machst mich verrückt!“ keucht er und rollt sich erschöpft zur Seite. Sie stillen ihren Hunger am eigenen Fleisch und laben sich an der Feuchtigkeit ihrer brennenden Lippen, die sie zwischendurch mit dem eiskalten Champagner kühlen.

Nachts, als er mit gleichmäßigen Atemzügen neben ihr schläft, den einen Arm über dem Kopf locker von sich gestreckt, betrachtet sie ihn im Halbdunkel des von den Blitzen des grollenden Gewitters erleuchteten Raumes. Seine geschlossenen Augen verliehen ihm den Ausdruck von Unschuld und die entspannten Züge haben alles Verruchte verloren. ‚Er sieht aus wie ein Kind, wenn er schläft’, denkt sie, ‚viel jünger als er eigentlich ist’. Und  die weichen Falten des schwarzen Bett-Tuches  um seinen nackten Körper umrahmen ihn wie die Dunkelheit ihren gefallenen Engel, während der Donner draußen vor den großen Fenstern des Schlosses an das unwillige Grollen der aufgebrachten Dämonen der Unterwelt erinnert....

 

Als Anja spätabends am darauf folgenden Tag ihre Wohnung betritt, ist sie zu müde um noch die kleine Leyla abzuholen. Charly, Karl-Robert bestand darauf, dass sie ihn so nannte, hatte sie vor dem Wohnhaus abgesetzt, nachdem er noch vergebens versucht hatte, sie dazu zu überreden, eine Nacht länger im Schloss zu bleiben. Sie musste zur Ruhe kommen, Ordnung in ihre Gedanken bringen und die Vorlesungen durften auch nicht zurückbleiben. Sie ruft kurz bei Carla an. Ihr Vater schläft bereits, am nächsten Morgen soll er wieder nach Stuttgart fliegen.

Anja bittet die Freundin, Leyla bis zum nächsten Morgen dort zu behalten.

„Ich bin fix und fertig!“ bekennt sie, nachdem sie gefragt wird, wie es bei den Falkenbergs war.

„Du hast dich verliebt!“ konstatiert Carla trocken, „und du hast die beiden Tage mit ihm das Bett nicht verlassen!“

Anja versucht erst gar nicht sich herauszureden oder zu leugnen. Sie grinst. Carla kennt sie besser als sie sich selbst kennt und weiß aus eigener Erfahrung, wozu eine Frau aus Leidenschaft bereit sein kann, wenn sie ganz und gar einem Mann verfällt.

„Ich bin müde Carla,“ sagt sie nur, „gib meiner Prinzessin einen Kuss von mir, ich komme gleich gegen acht Uhr früh und hol mir den Schatz!“ Sie hat inzwischen beschlossen, den kommenden Tag dem Kind zu widmen und die Uni sausen zu lassen.

Als sie sich trotz der Müdigkeit kurz vor dem Einschlafen unruhig im Bett herum dreht, sieht sie sein selbstsicheres Lächeln vor sich mit dem leicht spöttischen Anflug, der es stets begleitet.

 

Sie trifft Charly von Falkenberg fast täglich. Er bemüht sich um sie, ruft sie an und lädt sie in schicke Lokale ein, stellt sie seinen Freunden vor, die nicht unbedingt alle blaublütig sind, und sein weißer Porsche steht oft überraschenderweise vor der Uni, wie immer im Halteverbot, um auf sie zu warten. Ihr Herz klopft dann schneller und die Mädchen, die an ihrer Seite die Schule verlassen, blicken ihr manchmal neidisch hinterher, wenn sie den braun gebrannten, gut aussehenden Mann hinter dem Steuer erblicken, der in seiner perfekt sitzenden, modischen Kleidung direkt einer aktuellen Fernsehserie entsprungen zu sein scheint, und ihr lässig zuwinkt. Wenn sie ihn einen Tag lang nicht sieht, fühlt sie sich leer und lustlos. Sie zählt die Stunden bis zum nächsten Wiedersehen und zwingt sich dazu, auf ihr Kind einzugehen, das sie mit tausend Fragen des Lebens bestürmt, wie es ihrem Alter jetzt entspricht.

 

So kommt es, dass Leyla auch noch das nächste Wochenende bei Carla und ihrem Großvater, der auch diese Woche einige Reisen hinter sich gebracht hat, verbringt. Anja begleitet Charly nach Salzburg zu einem Formel- 3 Rennen, das er als Pilot mitmacht und den Sonntag verbringen sie in der Krieau, der bekannten Wiener Trablaufbahn, um den Champion der Falkenbergs, „Black Devil“ einen herrlichen, schwarzen Hengst, den Anja bereits in seiner Box in Falkenberg bewundert hatte, laufen zu sehen. Der Baron ist außer sich vor Begeisterung, als der Hengst erwartungsgemäß siegt. Bringt ihm dieser Sieg doch einen stattlichen Gewinn ein. Ausgiebig feiern sie diesen Sieg mit den, das Pferd betreuenden, Leuten, dem Pfleger, dem Jockey und dessen Trainer und mehreren von Charlys Freunden bis spät in die Nacht. Die meisten der jungen Mädchen und auch reiferen Frauen, die zu seinem Bekanntenkreis gehören und entweder mit oder ohne Begleitung gekommen sind, behandeln den Baron sehr vertraut und er sie ebenso. Eine davon ist Christine Weihmut. Sie wirkt etwas blass und hält sich abseits. Anja konnte sie bereits während des Rennens auf einer der Tribünen ausmachen, als sie unverwandt zu ihnen herüber geblickt hatte. Sie ist in Begleitung eines hellblonden, schlaksigen jungen Mannes, der um einige Jahre älter zu sein scheint, als sie selbst.

Als die Gesellschaft später in den nahen Prater, dem Vergnügungspark der Wiener weiterzieht , um in einem großen Restaurant weiterzufeiern, trifft Anja die junge Frau im Waschraum der Toilette und es scheint ihr, als sei ihr die Blondine gefolgt.

„Ich will dich warnen“, sagt diese ohne viel Umschweife.

Verwundert dreht Anja, die sich eben vor dem Spiegel die Lippen nachgezogen hatte, zu ihr um. „Mich?“ fragt sie überflüssigerweise, da niemand anderer sich in dem Waschraum befindet. Doch ein ungutes Gefühl macht sich in ihr breit und sie würde das Mädchen am Liebsten stehen lassen und an Charlys Seite zurückkehren.

„Ja, natürlich dich,“ fährt diese ungeduldig fort. „Er ist nicht so, wie er sich gibt,“ sagt sie, „noch gibt,“ verbessert sie rasch. „Er ist ein großer Schauspieler und wenn er erreicht hat was er will, dann zeigt er sein wahres Gesicht!“ ‚Diese schlimme Eifersucht’, denkt Anja, und seufzt. Sie wendet sich wieder dem Spiegel zu, doch Christine Weihmut spricht leise und eindringlich weiter: „Du glaubst mir nicht, weil du es dir nicht vorstellen kannst, aber es ist so! Da sieh dir das an!“ Demonstrativ dreht sie Anja den Rücken zu und zieht ihr kurzes Kleid hoch. Oberhalb des kleinen Slips zieren zwei unschöne blaue Striemen den Rücken des Mädchens und Anja spürt wie sich ihr Magen zusammenkrampft.

„Du willst doch nicht sagen, dass „er“ das getan hat!“ sagt sie ungläubig, und verscheucht jeden Zweifel, der sich in ihr Herz einzuschleichen droht.

„Wer sonst?“ entgegnet spöttisch das Mädchen, während es sein Kleid wieder glatt streicht. „Natürlich er! Und sie sind echt!“

„Und was wollte er damit erreichen?“

„Was wohl! Dass ich ihm Geld verschaffe, doch mein Vater hat nicht mitgespielt und meine Liebe allein hat ihm nicht mehr genügt. Er lachte mich aus und schickte mich zum Teufel. Als ich mich weigerte, einfach abzuhauen, hat er mich geschlagen und dabei verhöhnt. Aber er hat mich auch gewarnt, ich solle dir aus dem Wege gehen. Da war mir klar, dass du sein nächstes Opfer sein wirst! Doch er macht mir keine Angst mehr! Ich werde ihn nie mehr wieder sehen, mein Bruder hat mich heute hierher begleitet, denn ich kann nicht zulassen, dass er dich auch so behandelt, er braucht endlich eine deftige Lektion!“

Anja empfindet die unglaubwürdigen Worte wie Schläge und leise fragt sie das aufgebrachte Mädchen: „Du liebst ihn immer noch?“

„Ich hasse ihn“, lautet die leidenschaftliche Antwort, doch Anja spürt, dass ihre Liebe dem Hass, den sie zum Ausdruck bringt, um nichts nachsteht. „Sieh’ dich vor“, warnt die junge Frau ihre Nebenbuhlerin ein letztes Mal. Danach dreht sie sich abrupt um, als würde jemand sie verfolgen, und verlässt den Waschraum. Anja atmet tief ein und betrachtet sich im Spiegel. Ihre braunen Augen erscheinen ihr in diesem Moment noch dunkler als sonst zu sein, und der angespannte Krampf in ihrem Magen lässt endlich nach.

„Sie ist verrückt,“ spricht sie laut zu ihrem Spiegelbild, wobei sie dennoch das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken sucht. „Zurückgewiesen, verlassen! Vielleicht für mich. Und jetzt will sie ihre Genugtuung, das ist alles.“ Sie denkt plötzlich an den hohen Gewinn beim Pferderennen, an den Motorrennsport, dem Karl-Robert frönt, und der sicher Unsummen verschlingt. Aber da ist dieses wunderbare Schloss, das man zu einem Golfclub-Hotel umgebaut hat, und das Millionen einbringen musste. Weiters, die immer noch bestehenden Ländereien, die ebensoviel wert sein mussten. Verarmt waren die Falkenbergs sicher nicht, das stand für sie fest! Und plötzlich findet sie den eben erlebten Auftritt von Christine fast lächerlich. Woher hatte sie die Striemen? Würde sie sich aus Rache von jemanden schlagen lassen, um es Charly in die Schuhe zu schieben? Ganz sicher sogar! Rache war ein ebenso starkes Gefühl wie Liebe oder Hass und dieses Gefühl verlieh einem Kraft, um die unglaublichsten Dinge zu tun. Vielleicht hat sie sich sogar vom eigenen Bruder schlagen lassen, wer konnte das schon sagen?

 

Als sie in die Gaststube zurückkommt, bemerkt sie, dass Charly sie bereits gesucht haben musste, denn als er sie sieht, erhellt sich seine Miene und sein Blick aus  schon leicht glasigen Augen sprüht ihr auffordernd entgegen. Er packt ihre Hand und ruft laut in die lärmende und lachende Runde: „Meine lieben Freunde, das Fest ist vorbei! Für uns jedenfalls!“ Die bedauernden Rufe die ihnen nachgerufen werden, halten ihn nicht zurück, er greift im Vorbeigehen nach seiner Leinenjacke und zieht Anja mit sich, die es widerstandslos geschehen lässt. Aus den Augenwinkeln sieht sie das schmale Gesicht dieser Christine Weihmut, die ihnen blass und mit zusammengepressten Lippen nachblickt.

 

Anja erlaubt zum ersten Mal, seit ihre Beziehung vor einer Woche begann, dass der Baron bei ihr übernachtete. Sie hatten sich geliebt, sogar im Auto, während der Spazierfahrten nach den Vorlesungen, oder im Wald und in dem gemütlich-eleganten Hotel in Salzburg vergangene Nacht. Sie hatte es kaum erwarten können, dass er sich aus seinem Schutzanzug schälte und sie in die Arme nahm, bevor sie ausgiebig das Salzburger Nachtleben genossen hatten.

Anja konnte bis jetzt an dem sie faszinierenden Mann zwar keine besonderen romantischen Anwandlungen entdecken, doch das machte noch lange kein Frauenmisshandelndes Monster aus ihm! Seine Liebe war fordernd und total und brachte sie beinahe um den Verstand. Romantik passte nicht zu ihm und dennoch störte sie das keineswegs! Er gab ihr so viel an Gefühlen und von sich selbst, dass sie ihn so akzeptierte, wie er eben war.

Sie hatte darauf bestanden, den Porsche für ihn zu fahren, und als sie in ihrer Garage am anderen Donauufer parkten, war er fast an ihrer Seite eingeschlafen. Das dunkle, kurze Haar war zerrauft und verlieh ihm das Aussehen eines Lausejungen. Zärtlich rüttelt ihn Anja wach, als sie den Motor abgestellt hatte: „Wir sind hier, komm steig aus!“

Er öffnet schlaftrunken die Augen und folgt ihr zu der Wohnung im Halbstock des Gebäudes. Er hatte sie bereits mehrere Male abgeholt und kennt sich demnach im Hause aus.

Sie streift die Schuhe von den Füssen und schaltet die gedämpfte Beleuchtung einer Stehlampe ein. Er lässt sich schwer auf die Couch fallen und kramt nach seinen Zigaretten.

„Haben wir nichts Besseres zu tun?“ murmelt sie und lässt sich auf seinen Schoss fallen.

„Und was wäre das?“ fragt er sie mit halbgeschlossenen Augen.

„Das hier!“ sie führt seine Hand an ihre Brust und küsst ihn herausfordernd und verlangend.

„Du bist unersättlich“, murmelt er schlaftrunken, doch als sie sich an seinem Hemd zu schaffen macht und sich schließlich rittlings auf ihn setzt, fällt jeder Rest von Müdigkeit von ihm ab und sie versinken wieder gemeinsam in einem Meer von verzerrender Leidenschaft, das sie in einem Sturm der Lust davon treiben lässt.

 

Am nächsten Morgen macht Carla ihr den Vorschlag, man könne sich doch auf einem der zahlreichen Ausflugsberge rund um Wien zum Essen treffen. So könnte ihr Freund auch das Kind sehen und ihr Vater würde sich ebenfalls freuen, er hätte heute in paar Stunden Zeit für Privatleben. Natürlich war Carla auch neugierig. Zögernd nimmt Anja das Angebot an, und als sie dem eben erwachenden Baron die Einladung unterbreitet, stimmt er bereitwillig sofort zu.

 

Sie treffen einander am frühen Nachmittag, im schattigen Gastgarten eines Restaurants, von welchem man einen herrlichen Ausblick auf die Donaustadt hat, als die meisten Gäste bereits dabei sind aufzubrechen.

Leyla kommt ihr entgegen gelaufen, als sie sie erblickt. Sie ist reizend anzusehen mit dem zweiteiligen, leichten Hosenensemble in zarten Gelbtönen und es steht in anmutigem Kontrast zu ihrer getönten Haut und den dunkelbraunen Locken.

Anja küsst das Kind, das neugierig zu dem Mann hochblickt, der ihre Mutter begleitet. „Hallo“ sagt er lächelnd und streckt ihr die Hand entgegen, „Ich bin Charly. Wer du bist kann ich mir denken!“

„Ach ja?“ fragt sie kokett und abwartend. „Ja, du bist Leyla, die kleine Ägypterin! Und du bist noch tausendmal hübscher als ich es mir vorgestellt habe!“ schmeichelt er ihr gekonnt und sieht mit Zufriedenheit wie ein Lächeln ihre Züge erhellt. ‚Frauen’, denkt er, ‚von klein auf schon empfänglich für Schmeicheleien’.

Anja küsst ihren Vater, nachdem sie die aufmerksam blickende Carla begrüßt hat und ihr entgeht auch nicht der prüfende Blick aus Frédérics klugen Augen. „Hast du abgenommen?“ fragt er sie spontan, was sie verneint. Sie achtet nicht auf ihr Gewicht, da es ihr bis jetzt noch keinen Kummer bereitet hatte.

Er begrüßt von Falkenberg freundlich und mustert ihn während der Mahlzeit, die sie gemeinsam einnehmen, verstohlen, was Anja keineswegs entgeht. Karl-Robert ist in seinem Element, er versprüht Charme, nimmt Carla für sich ein, als er von seiner Reise in die jordanische Felsenstadt Petra und die Details, die er über die Geschichte der Stadt zu berichten weiß, berichtet.

„Und wie stehen die Geschäfte?“ Frédéric lehnt sich zurück und erwidert gelassen den Blick, den Karl-Robert ihm aus den ungewöhnlichen Augen zuwirft. Unbeirrt fixieren seine grünen, klaren Augen den Blick des jungen Mannes. Unangenehm berührt von der direkten Frage ihres Vaters, sieht Anja auf ihren Geliebten. Ohne eine Miene zu verziehen, nickt dieser und gibt bereitwillig Antwort: „Ich kann mich nicht beklagen, dank meines Vermögensberaters, der umsichtig ist und immer auf dem Laufenden über Börsenkurse und Preisveränderungen auf dem Immobilienmarkt, geht es sogar bergauf mit unseren Geschäften! Aber sprechen wir doch heute nicht über diese Dinge. Anja, und die beiden anderen Damen langweilen sich höchstens!“ Er blickt Carla verschwörerisch an und sie pflichtet ihm bei: „Der junge Mann hat völlig recht. Frédéric, sei mir nicht böse, aber lassen wir doch die Geschäfte, wir haben Anja schon so lange nicht für uns gehabt!“

Ein bedeutsamer Seitenblick auf den Baron gibt zum Ausdruck, dass sie sehr wohl die Gründe für Anjas Abwesenheit kannte.

Charly erzählt der faszinierten kleinen Leyla von seinem Schloss, auf welches er sie nächste Woche mitnehmen wollte, und entspannt genießt Anja die familiäre Atmosphäre und schiebt alle Zweifel weit von sich.

„Ich fahre mit Mama im September nach Ägypten“, wirft Leyla plötzlich dazwischen.

„Ich besuche meinen Papa“ plappert sie frohgemut drauf los, während die Umsitzenden ein wenig die Luft anhielten. Karl-Robert sieht erstaunt auf Anja. „Ach ja?“ entgegnet er gedehnt. „Davon wusste ich nichts! Da hast du aber Glück. Sicher freust du dich schon auf die Reise!“

„Und wie“, antwortet das Kind ohne Umschweife. Er mustert Anja aus den Augenwinkeln und lächelt dabei wieder dem Mädchen zu.

Was würde Smaïn von Karl-Robert halten? Würde er ihn als gut genug für sie erachten? Sicher nicht! Aber hatte nicht er gesagt, sie solle sich einen jungen Mann suchen und ein Leben mit ihm aufbauen. Er beteuerte bei jeder Gelegenheit, dass er nur ihr Glück wolle. Es lag ihr viel an seiner Meinung, sie musste die beiden Männer miteinander bekannt machen, doch sie hatte keineswegs vor, Charly schon jetzt die Wahrheit zu sagen. Nicht, das sie ängstlich gewesen wäre, doch sie wollte nicht, dass er sich von Smaïn ein falsches Bild machte. Ihr lag zuviel an ihm und sie fühlte sich immer noch in gewisser Weise verantwortlich für seine Schuldgefühle.

 

Später, als Leyla schon lange in ihrem Bettchen liegt, und die beiden Liebenden in der Dunkelheit des Raumes, in der nur die Glut der Zigarette des rauchenden Mannes leuchtet, eng beieinander sitzen, stellt er ihr beiläufig die Frage: „Wieso kennt Leyla eigentlich ihren Vater? Ist sie nicht ein adoptiertes Waisenkind? So habe ich es jedenfalls gelesen!“

Anja hat diese Frage voraus gesehen und antwortet schnell: „Es handelt sich um den Vertrauten meines Vaters, seinen besten Freund und Mitarbeiter. Ich kenne ihn seit meiner Geburt und er hat sich um mich gekümmert, als ich klein war. Als wir Anja bekamen, sagte sie Papa zu ihm und er war glücklich, da er seine Familie vor vielen Jahren bei einem Terroristenanschlag verloren hatte! Wir haben es dabei bewenden lassen!“ Sie atmet tief ein und wartet auf seine Reaktion. Gleichzeitig hasst sie sich für die Lüge, doch sie folgt dem Rat ihres Vaters. Sollte wirklich etwas Ernsthaftes aus ihnen beiden werden, konnte er die ganze Wahrheit später auch noch erfahren, aber Smaïn durfte in keiner Weise verletzt werden und ihr Kind ebenfalls nicht!

Es war zu früh, ihn jetzt schon damit zu konfrontieren. Sie versucht sein Gesicht zu erkennen, sieht aber nur schemenhaft seine dunklen Züge und stellt ihrerseits die Frage: „Kanntest du Christine Weihmut eigentlich schon lange?“

„Eine ganze Weile schon“, antwortet er gelassen und starrt weiterhin in die Dunkelheit. „Warum fragt du mich das? Sie ist eine farblose, uninteressante Person, fast ein wenig dumm und es war nie etwas wirklich Ernsthaftes zwischen uns!“ Als sie nicht darauf antwortet, fährt er erklärend fort: „Sie hat mir leid getan. Sie war ziemlich verschreckt, als sie in Wien eintraf, nachdem ihr Vater von Bonn in die Deutsche Botschaft hierher versetzt wurde. Sie erzählte mir, dass sie gerade erst aus einem Internat kam, wo sie ihren Abschluss gemacht hatte. Weltfremd und ohne Freunde. Ich habe mich ein bisschen um sie gekümmert, mit Leuten zusammengebracht, weiter nichts!“

„Sie ist in dich verliebt!“ entgegnet Anja langsam und lässt ihren Kopf auf seine Brust sinken um seinem Herzschlag zu lauschen.

„Hat sie dir das gesagt?“ will er wissen. „Nicht direkt, aber ich spürte es. Sie meint, du bist nur hinter meinem Geld her und hättest sie geschlagen, damit sie dich in Ruhe lässt!“

„Sie geschlagen?“ Fragt er ungläubig und sieht sie dabei direkt an. Sogar in der Dunkelheit spürt Anja das Glitzern seiner Augen und erwidert fest seinen Blick. „Sie hat mir die Striemen auf ihrem Rücken gezeigt, die waren echt!“

„Möglich,“ entgegnet er ruhig, „aber sie sind sicher nicht von mir! Vielleicht steht sie sogar solche Methoden! Oder hältst du mich zu einer solchen Tat fähig?“

„Nein,“ beeilt sie sich, ihn zu beschwichtigen, „das habe ich ihr auch zu verstehen gegeben. Sie scheint sehr unglücklich zu sein!“

„Vergiss sie“, fordert Karl-Robert von Falkenberg sie mit ruhiger Stimme auf, „sie muss verrückt geworden sein. Möglich, dass sie sich Hoffnungen machte, ich habe ihr aber nie einen Anlass dazu gegeben, auch kein Versprechen, und es wird mir eine Lehre sein, mich nochmals um schüchterne, einsame Mädchen zu kümmern! Das ist der Dank dafür, dass ich sie in die Wiener Gesellschaft eingeführt habe! Ich weiß nicht, was sie in diesem Internat erlebt hat, aber anscheinend hat es ihren Verstand verwirrt.“ Er seufzt und setzt hinzu: „Sie kann einem leid tun!“ Anja atmet jedes seiner Worte ein und antwortet nicht. Doch er sagt nichts weiter, das Thema scheint erledigt zu sein für den Baron. Spät nachts verlässt er sie, er muss frühmorgens, bereits um acht Uhr einen Termin beim Notar in der Kreisstadt nahe des Schlosses wahr nehmen und will noch heute zurückfahren. Anja will so richtig ausschlafen, die Woche war nicht gerade erholsam für sie gewesen. Das ungewohnte Liebesleben und die letzten Prüfungen auf der Uni vor diesen, nun beginnenden, herrlich langen Ferien, haben ihre Nerven ein wenig aufgerieben.

 

Vom Selbstmord der Christine Weihmut, wird in den Abendzeitungen des nächsten Tages berichtet. In den Mittagsnachrichten in Funk und Fernsehen, konnte man ebenfalls die Meldung hören, doch Anja, die dem Weltgeschehen nicht regelmäßig folgt, erfährt es erst durch die Schlagzeile des Abendblattes : „Diplomatentochter stürzt sich aus 11.Stock ihres Wohnhauses“!

Der Name wird erst weiter unten angeführt, doch sie erkennt Christine auf dem Bild, dass unter den Schlagzeilen abgedruckt ist. Sie kommt gerade aus der Universität, wo sie sich noch rasch Informationsmaterial über den Beginn der Kurse des nächsten Semesters besorgt hatte. Es ist achtzehn Uhr und sie hat nur zufällig am Zeitungsstand, direkt neben dem Eingang, beim U-Bahn-Abgang das Abendblatt aushängen sehen. Als sie es in Händen hält und den Artikel überfliegt, rast ihr Herz und ihre Handflächen sind feucht vom kalten Schweiß, der sich ihrer bemächtigt. Sie erfährt, dass die Zweiundzwanzigjährige , erst kürzlich nach Wien übersiedelte Tochter eines Deutschen Diplomaten, in der Nacht von gestern auf heute vom Balkon ihres Wohnhauses im elften Stock gesprungen war. Die fassungslosen Eltern konnten es sich nicht erklären, sie hatten an dem Verhalten ihrer Tochter keinerlei Veränderungen in letzter Zeit bemerkt. Der Bruder, drogenabhängig und bei der internationalen Drogenfahndung kein Unbekannter, wurde verhört. Man schließe einen Racheakt aus dem Drogenmilieu nicht aus, tippe aber eher auf Selbstmord, da es sich bei dem Mädchen um eine übersensible Person gehandelt habe, die vor Jahren während ihres Internatsaufenthalts bereits einen misslungenen Selbstmordversuch unternommen hatte. Möglicherweise stand sie ebenfalls unter Drogeneinfluss, was die polizeilichen und gerichtsmedizinischen Untersuchungen noch ergeben würden. Das unglückliche Mädchen sei Schülerin einer bekannten Wiener Modeschule gewesen und hätte in dieser Wohnung allein gelebt. Nachforschungen in ihrem Freundeskreis seien im Gange.

 

Das Hupen des wartenden Porsche lässt sie hochschrecken und sie sieht Charly, der ihr von der gegenüber liegenden Straßenseite aus zuwinkt. Die Ampel, die eben auf rot sprang, ermöglicht ihr das rasche Überqueren der Strasse. Er erblickt die Zeitung in ihren Händen und nickt grimmig: „Ich hab’s gewusst, sie war verrückt! Ich habe es eben vorhin in den Nachrichten gehört, im Autoradio, ich komme gerade erst aus Falkenberg zurück nach Wien. Das war vielleicht ein Tag!“ seufzt er. Anja sitzt stumm neben ihm und schließlich fragt sie ihn mit tonloser Stimme: „Glaubst du, sie hat es deinetwegen getan?“

„Natürlich nicht“, entfährt es ihm verärgert und er setzt hinzu mit finsterer Miene: „Ich bin sicher, ihr Bruder, dieses miese, kleine Schwein, hat sie da in eine seiner Drogensachen mit hineingezogen. Aber sie werden es schon aus ihm heraus quetschen, da mache ich mir keine Sorgen!“

„Man wird dich wahrscheinlich auch verhören“, kommentiert sie ruhig und er nickt, während er die Spur wechselt: „Das ist mir klar, ich werde nicht der einzige sein. Man hatte uns ja schließlich oft genug zusammen gesehen, aber viel weiterhelfen kann ich den Ermittlern nicht, - leider! Das werden sie bald erkennen.“

Anja weiß nichts mehr darauf zu sagen und sie spürt die Müdigkeit, die von ihr Besitz ergreift.

Sie will allein sein und bittet ihn, sie nur nach hause zu bringen und nichts weiter. Er bedrängt sie nicht weiter und gibt ihrem Wunsch nach. Ohne sich noch einmal umzudrehen, fährt er davon, während sie ihm nach blickt und nach dem Hausschlüssel kramt.

Mitte der Woche ruft er sie an und fragt nach ihrem Befinden. Es ginge ihr gut, sagt sie. Er erzählt ihr in knappen Sätzen, dass man ihn bereits vorgeladen habe und er den Ermittlern von seiner oberflächlichen, kurzen Beziehung zu der Toten berichtet hat. Auch, dass er sie zum letzten Mal bei der Feier nach dem Pferderennen gesehen habe, wo sie mit ihrem Bruder da gewesen sei. Vorher hätte er schon seit mehreren Wochen keinen Kontakt mehr mit ihr gehabt und die Polizei gab sich mit den Angaben vorläufig zufrieden.

 „Es hilft der armen Seele jetzt auch nicht mehr, dass man die Sache noch weiter aufbauscht“, beendet er seine Erzählung, „sollte dich irgend jemand nach ihr fragen, ist es besser, du erwähnst ihre paranoiden Beschuldigungen gegen mich erst gar nicht, sonst können unsere beiden Namen sich schon morgen die Schlagzeilen in sämtlichen Lokalblättern der Stadt teilen!“

„Ich hatte nicht vor, irgend etwas gegen dich zu sagen“, entgegnet sie müde. „Ich bin der Meinung, dass, auch wenn sie es deinetwegen getan hat, du nicht verantwortlich bist für ihre Tat. Es war ihre Entscheidung, aus welchem Grund auch immer!“

„Das denke ich auch, Anja. Man muss ihren Entschluss akzeptieren, so schwer es auch fällt. Sicher hätte sie schon seit langem psychologische Hilfe gebraucht. Ich melde mich morgen, denn ich halte es nicht mehr lange ohne dich aus!“ Er beendet das Gespräch, und Anja hätte ihn am Liebsten noch im letzten Moment, bevor er den Anruf beendete, zu sich gerufen.

Sie bekommt keine Vorladung, sie hatte das Mädchen ja kaum gekannt und auch nicht wirklich mit einer Befragung gerechnet. Dafür will ihr Vater telefonisch wissen, ob sie mehr über die Beziehung des jungen Falkenbergs zu der Toten, die er ja anlässlich der Vernissage kennen gelernt hatte, wisse. Sie versichert ihm, dass sie nichts wüsste und der Baron keinesfalls etwas mit ihrem Tod zu tun haben konnte, zumal ohnehin alle Fakten auf die Drogenszene hinausliefen. „Pass auf dich auf, Anja!“ Sie spürt die Sorge aus seinen Worten. „Hör eher auf deinen Verstand als auf dein Herz!“ Sie beruhigt ihn und sagt ihm, er solle sich keine unnötigen Sorgen machen, denn sie seien wirklich überflüssig. Wie konnte sie ihm denn erklären, dass ihr Verstand aussetzte, wenn er sie nur ansah, dass seine Berührung einen willenlosen Menschen aus ihr machte, der nur mehr das eine herbei sehnte, völlig von ihm in Besitz genommen zu werden?

Nachts findet sie keinen Schlaf, obwohl sie einige dieser homöopathischen Nervenpillen geschluckt hatte. Sie sieht immer wieder den nackten, zerbrochenen Körper des toten Mädchens auf der Bahre des Gerichtsmediziners vor sich. Sie sieht, wie dieser die Striemen auf ihrem Rücken untersucht und sie sich zu erklären sucht. Wahrscheinlich nahmen sie an, man hätte das Opfer gepeinigt, oder wollte etwas aus ihm heraus quetschen, bevor man es zwang, vom Balkon zu springen. Fast täglich hatte man in Wien mit grausamen Verbrechen der Russenmafia zu tun und offensichtlich war dies hier wieder ein solcher Fall. Anja gleitet in einen unruhigen Schlaf, Phantasievorstellungen vermischen sich mit Traumfetzen und ihren reellen Überlegungen. Das hellblonde, lange Haar liegt um den Kopf der Toten ausgebreitet und ist verklebt von getrocknetem Blut. Arme und Beine sind seltsam verrenkt, die Folgen des Sturzes. Eine klaffende Wunde entstellt die linke Gesichtshälfte. Plötzlich öffnet die bleiche Gestalt auf der Obduktionsbahre die toten Augen. Sie setzt sich ruckartig auf und blickt Anja an. Sie streckt ihr den rechten, verrenkten Arm entgegen und sagt mit tonloser Stimme: „Ich habe dich gewarnt!“ Mit einem Schrei schreckt Anja hoch und bringt ihr wild klopfendes Herz nur mühsam wieder unter Kontrolle. Sie schleppt sich zum Bad und hält das Schweißnasse Gesicht unter den Wasserstrahl. Allmählich wird sie ruhiger.

„Ich muss die Sache vergessen, sie betrifft uns nicht!“ sagt sie zu sich selbst. „Es darf nicht sein, dass eine verwirrte Tote mein Glück oder das der Menschen, die mir nahe stehen trübt!“ Als der Morgen dämmert und die ersten Singvögel zu trällern beginnen, fällt sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf, aus dem sie von der kleinen, munteren Leyla nur kurze Zeit später geweckt wird.

Als Charly abends endlich zu ihr kommt und sie abwartend ansieht, fällt sie ihm um den Hals und wünscht, er würde sie nie, nie wieder loslassen.

 

Charly hält sein Versprechen. Am Wochenende darauf bringt Anja ihre Tochter mit ins Familienschloss nach Falkenberg. Das kleine Mädchen ist begeistert, ein richtiges Schloss mit Treppen und Steinfiguren, mit vergoldeten Tapeten und Türklinken. Sie darf den ganzen Nachmittag auf einem Pony reiten und Charly verspricht ihr, dass es ihr gehöre, jedes Mal, wenn sie wiederkäme. Da es noch keinen richtigen Namen hätte, man rief es einfach „Pony“, dürfe sie es nennen, wie sie wolle und um das Tier nicht zu verwirren, wie sie betont, nennt sie es „Polly“. Liebevoll betrachtet Anja das Kind, als es sich vom Stallknecht zeigen lässt, wie man es bürstet, füttert und er ihr erzählt, was es benötigte, um gesund und glücklich zu bleiben. Es war ohnehin Zeit, dass Leyla Bekanntschaft mit Pferden machte und bald schon regelmäßigen Reitunterricht bekam. Sie selbst war damals nur wenig älter gewesen als Leyla es heute war. Bald wurde sie drei Jahre alt! Dass nicht Smaïn ihr den Weg dazu wies, sondern Charly, sieht sie als einen Wink des Schicksals an.

Spätabends sitzen das Paar bei einem Glas Champagner auf der Terrasse des Hauses, wo auch noch vereinzelte Gäste sitzen und den klaren Sternenhimmel betrachten, wie sie selbst.

Die alten Bäume rund ums Schloss, werfen unheimliche Schatten auf den gepflegten Rasen und aus dem Wald dringt der Ruf eines Käuzchens. „Früher verstanden die Leute diesen Ruf als Vorzeichen für den nahenden Tod!“ sagt Anja und erschauert unwillkürlich.

„Ja, und dann haben sie jede Eule, die sie erwischen konnten, an die Türen genagelt, um ihn angeblich abzuwenden. Nettes Volk, diese Landmenschen!“ entgegnet er mit einem verächtlichen Unterton in der Stimme.

Die Zeitungen hatten sich beruhigt, weitere Ermittlungen wurden nicht bekannt gegeben und Anja war froh, nichts mehr darüber gehört oder gelesen zu haben. Im Grunde ihres Herzens wollte sie die Gründe des Suizides oder Verbrechens gar nicht so genau wissen. Sollte man das Mädchen doch ruhen lassen.

 

„Hast du eigentlich keine Verwandten mehr, Charly?“ Lange schon brannte diese Frage Anja auf der Zunge. Er gibt ihr bereitwillig Auskunft: „Ich bin sozusagen der Letzte des Stammes und manche Leute finden das beängstigend! Ich sollte mich wohl bald um einen Stammhalter umsehen!“ Er greift nach ihrer Hand und drückt sie leicht, was bei ihr ein wohliges Erschauern hervorruft.

„Meine Eltern hatten nur einen Sohn, mich. Die Brüder meines Vaters sind längst, in jungen Jahren schon, verstorben. Ein bisschen verflucht, diese Familie,“ konstatiert er, und fährt fort: „ Die beiden älteren Brüder meines Vaters sind nicht aus dem Krieg heimgekehrt, einer wurde als vermisst in der Ukraine gemeldet, der andere starb in russischer Gefangenschaft in Sibirien. Ich habe sie natürlich nicht gekannt. Mein Vater war noch zu jung, um ebenfalls in den Krieg zu ziehen, das hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Meine Mutter war Spanierin, aus Toledo, altes Geschlecht, verarmt, aber sehr nobel, wie man sagt. Mein Vater hat sie in dieses, gegen Spanien raue Land mitgenommen und sie ist hier seelisch verrottet. Ich wurde geboren und sie ist zurück gegangen in ihre Heimat. Mein Vater war so verbittert, dass er sie gehen ließ, mich jedoch bei sich behielt. Es wurde ihm das Sorgerecht zugesprochen und ich habe meine Mutter nie mehr wieder gesehen. Das war vor dreißig Jahren, ich war damals an die fünf Jahre alt, glaube ich!“ Er macht eine Pause und zündet sich eine Zigarette an. Anja kennt nun den Grund für sein südländisches Aussehen, seine getönte Haut, die also doch nicht aus dem Solarium stammte, sondern echt war und das dichte, schwarze Haar. Eigentlich hätte sie von allein darauf kommen können, dass es mit seinem Erbgut zusammenhängen musste.

Er erzählt weiter: „Mein Vater hat mich sehr verwöhnt. Ich hatte die besten Gouvernanten, doch sie wurden ständig ausgewechselt, denn ich brachte sie fast um den Verstand, die guten Damen!“ Er lacht und sie stimmt mit ein.

„Hast du nie versucht, deine Mutter wieder zu sehen?“ will sie wissen. „Nein“, erwidert er knapp, „ich war ihr entfremdet worden und mein Vater unterließ keine Gelegenheit mir zu verstehen zu geben, welch schlechte Mutter sie gewesen war, weil sie uns verlassen hatte! Wahrscheinlich hatte er recht damit! Das hat sich in meinem kindlichen Gemüt festgesetzt und manchmal habe ich sie sogar gehasst dafür! Aber ich war nicht unglücklich,“ beeilt er ihr zu versichern, „man las mir jeden Wunsch von den Augen ab, wirklich jeden!“ Anja empfindet Mitleid mit der Frau, die sich fremd und einsam gefühlt haben musste in diesem Schloss, trotz ihres sie liebenden Mannes und des Sohnes, der ihr so ähnlich sein musste...

 

Sie erzählt ihm von ihrer Mutter und den wenigen Erinnerungen, die sie noch an sie hat und von ihrem Vater, der auch nie wirklich über ihren Tod hinweg kam. Auch sie hatte den Mann verlassen, den sie liebte, und ihr Kind, doch ihr blieb keine Wahl....

„Dann sind wir also zwei arme Halbwaisen, was?“ Die Stimme des Mannes, der seinen Arm um ihre Schulter legt, ist leise und doch fest. „Wir sollten uns gegenseitig trösten, meinst du nicht?“ Er legt seine Stirn an die ihre um sie erneut in seinem Blick versinken zu lassen, während er mit seinen Lippen ihren Mund verschließt und damit jede weitere Frage im Keim erstickt.

 

 

Elftes Kapitel – Tage wie diese

 

Die kommenden, heißen Sommerwochen vergehen wie im Fluge. Anja lässt sich von Karl-Roberts Lebenslust anstecken und sie pendeln zwischen Wien, Falkenberg, Salzburg und Monte Carlo, wo er ein kleines Appartement besitzt und der dort ansässigen Gesellschaft zugehört. Eine neue Welt tut sich vor Anja auf, die das ständige Pendeln zwischen Ländern und Städten zwar aus eigener Erfahrung kennt, die aber manchen diese Plätze nie zuvor besucht hatte. Ihre angenehme, auffallende Erscheinung an der Seite des Barons bleibt nicht unbemerkt und ohne Aufsehen. Die europäische Presse beginnt sich neuerlich für sie zu interessieren. Sie nimmt das Interesse der Öffentlichkeit gelassen lächelnd hin, ihre Selbstsicherheit und die überlegene, gewandte Ausstrahlung des Mannes an ihrer Seite lassen sie reifer und schöner aussehen. Die Medien sparen nicht mit Komplimenten.

Es gibt Presseartikel über das Werk ihres Vaters, man erinnert sich des alten Hollowitz, dem Gründer der Stahlwerke, und an den tragischen Tod der jungen Mutter Anjas. Die Berichte lassen wieder alte, vergessene Erinnerungen aufleben. Die Geschichte ihrer beiden Familien erscheint sogar in Fortsetzungsfolgen namhafter Zeitschriften! Die Auflagen der Illustrierten schnellen in die Höhe, sobald eine zweideutige Schlagzeile, eine Vermutung über die Beziehung der beiden jungen Leute oder der möglichen gemeinsamen Zukunft für den Baron und die Unternehmerstochter in Grossbuchstaben die erste Seite eines Blattes ziert.

Anja und Karl-Robert auf der Yacht eines Freundes in Monte Carlo, eng umschlungen, leicht unscharf zwar - des Teleobjektivs wegen -, aber unverkennbar. Karl-Robert trägt Leyla am Arm durch die Strassen von Salzburg, darunter die fett gedruckte Frage: „Wird er der ersehnte Papa für das ägyptische Waisenkind?“

Auch von Karl-Robert wird berichtet, und von der alten Familie, der er angehört. Es ist den Medien nicht verborgen geblieben, dass er der Letzte in der Ahnenfolge der Falkenberg-Heroldstein ist.

„Steuert der heiß begehrte Playboy endlich den Hafen der Ehe an?“ heißt es weiters.

Ein anderes Photo zeigt eine alte Aufnahme aus Ägypten, eine halbwüchsige Anja in Begleitung Smaïns, auf der Terrasse des Old Cataract Hotels in Assuan. Ein Begleitartikel unterstreicht die geleistete Arbeit ihres Vaters in Ägypten. Aber man interessiert sich hauptsächlich an den jetzigen Geschehnissen, an der Aktualität, berichtet über Anjas Ausbildung und ihre Kunst, mit der sie sich trotz ihrer Jugend bereits einen Namen im Wiener Kulturgeschehen gemacht hat. Anja selbst macht sich nichts vor. Wäre sie nicht die Tochter von Frédéric Hardtberg, würde man auch ihre Bilder nicht so loben. Man wollte es sich nicht verderben, mit diesen einflussreichen Leuten... das alte Spiel.

 

Leyla macht der Rummel sichtlich Spaß. Die aufflammenden Kameras, die Leute, die ihren Namen rufen, sind ein lustiges Spiel für sie und gerne winkt sie den Presseleuten zurück...

Sie ist fast überall dabei, wenn sie mehrere Tage lang unterwegs sind, oder an die französische Riviera fliegen. Charly hat ein Gefühl für das Kind, das Anja ihm gar nicht zugetraut hätte, und Leyla scheint einen Narren an dem Schlossbesitzer gefressen zu haben.

Anja erlebt jeden Tag an der Seite dieses Mannes wie ein Wunder, ein Wunder an Gefühlen und Erlebnissen, die mit einer Intensität, die ihr fast Angst macht, auf sie einstürmen. Angst, dass es plötzlich aus sein könnte, wie ein Traum, aus dem man plötzlich hochschreckt und erkennen muss, dass es eben nur eine Seifenblase gewesen war. Sie, die bis jetzt ein eher ruhiges und zurückgezogenes Leben geführt hatte, sah man von dem Zigeunerdasein ab, das sie auf Grund der väterlichen Betätigung zeitweise führte, fühlt sich wie wiedergeboren und fragt sich manchmal, welchen Preis man für soviel Glück wohl zahlen musste?

 

Der Baron steht in andauerndem telephonischen Kontakt mit seinem Juristen, der anscheinend auch sein Anlageberater ist. Wie es aussieht, besitzt dieser Dr. Weigert alle Vollmachten und Karl-Robert kann sich genüsslich dem süßen Leben hingeben, von dem auch Anja und das Kind profitieren.

Die heißen Sommertemperaturen verwandeln Europa in einen flimmernden Kessel. Nur an der Küste ist es einigermaßen erträglich und in Ägypten hat es an die fünfundvierzig Grad im Schatten.

Erst als die schweren Augustgewitter an das Ende des Sommers denken lassen, und die Reise nach Ägypten näher rückt, bittet Anja den Baron, sie zu begleiten. Er scheint nicht überrascht zu sein über den Vorschlag und beantwortet ihre Frage mit ruhiger Stimme: „Ich hätte dich ohnehin nicht alleine fahren lassen!“

Vorher will Anja mit ihm eine Woche lang nach Südfrankreich fahren und ihm das Haus ihrer Kindheit zeigen. Bevor sie nach Afrika fliegen wollen, haben sie Frédéric versprochen, auch nach Stuttgart zu kommen um ein Wochenende im alten Stadthaus zu verbringen. Carla und Frédéric halten sich derzeit dort auf und haben zuvor auch einen kleinen Abstecher nach Italien gemacht.

Frédéric machte sich so seine Gedanken. Er zog Erkundigungen über Falkenberg ein und sie beruhigten ihn keineswegs. Ob sie das Glück an der Seite dieses Mannes, mit dem sie nun unzertrennlich war, wirklich finden würde, bezweifelte er immer mehr, doch wie konnte er ihr antun, sie das wissen zu lassen. Aber er würde ein Auge darauf haben, was der Baron auch immer im Schilde führen mochte.

Für ihn war er undurchschaubar, zu glatt, zu erfahren für Anja, die an echte Gefühle und das wirkliche Glück glaubte. Er machte sich nichts vor. Außer dieser einmaligen Episode mit Smaïn hatte das Mädchen keinerlei Erfahrung mir Männern. Er selbst war zwar ein Mann, doch konnte er sich in seine Tochter hineinversetzen und sich ihre frustrierten, einsamen Nächte vorstellen nach der Geburt der kleinen Leyla. So jung und schon die Verantwortung einer Mutter, allein mit dem Kind, ohne den Vater an ihrer Seite, den sie zweifellos geliebt hatte. Was ihr wohl so durch den Kopf gegangen war, während dieser langen Zeit bis sie Karl-Robert begegnet war? Es war keinesfalls verwunderlich, dass sie spontan auf dessen Avancen reagiert und ihm bereitwillig ihre geheimsten, lange unterdrückten Gefühle zur Gänze geschenkt hatte.

Er hoffte nur, dass dieser Baron ihrer würdig war, egal wie tief er in geschäftlichen Schwierigkeiten steckte. Er zog seine Stirn in tiefe Furchen und sie verhießen nichts Gutes.

 

Als Anja von weitem die steinfarbenen Mauern des provinzialischen Landhauses erblickt, wird ihr Herz weit und schwer zugleich. Wie viel doch geschah in diesen drei Jahren, seit Evelines Tod.... Ihr kommt es vor, als seien mindestens zehn Jahre seither vergangen ....

Als das Mietauto die Stelle passiert, wo sie einst im Wagen des jungen Philipps die Liebe kennen lernen wollte, muss sie schmunzeln und sie fragt sich, was wohl aus dem Punker geworden sein mochte.

Nichts hat sich hier scheinbar verändert, die Zikaden zirpten immer noch das gleiche, eintönige Lied, ihre Hymne an diese Landschaft aus Farben und Gerüchen.

Die dunklen Trauben hängen schwer an den Reben der Weinberge und in den Olivenhainen sind Kinder damit beschäftigt, die ölhaltigen Früchte einzusammeln. Sie winken ihr zu und sie winkt angenehm berührt zurück. Leyla hat die kleine, dunkle Nase an die Scheibe des Wagens gepresst und plappert mit dem weißen, abgegriffenen Plüschbären, den sie in der einen Hand hält.

Man hat sich während ihrer Anwesenheit sorgfältig um den Besitz gekümmert, das kann man sehen. Die Lavendelbüsche an der Terrassenseite sind gestutzt worden und verbreiten einen intensiven Duft. Ein Schwarm von Bienen summt zwischen den Rosenbüschen umher und die Fenster des Hauses sind spiegelrein. Als sie eintreten, droht die Erinnerung die junge Frau zu übermannen. Sie schluckt schwer und versucht die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Sie erwartet, jeden Moment könne die gute Eveline aus dem Atelier treten, in ihrem Tonverschmierten Arbeitskittel, das graue Haar unordentlich hochgesteckt. Doch es bleibt ruhig und nur die Strahlen der tief stehenden Sonne sind in diese Oase des Friedens eingedrungen und werfen helle Lichtstreifen auf die geblümte Sitzgarnitur und die handgeknüpften Wollteppiche an den roh belassenen Steinwänden.

Der Verwalter hatte den Eisschrank mit Lebensmitteln und Getränken aufgefüllt, wie sie es telephonisch erbeten hatte. Der Strom war frei geschalten worden und frische Bettwäsche verbreitet in den Schlafräumen einen angenehmen Duft von Heu und Wiesen.

„Da wären wir also!“ meint Anja und ihre Stimme zittert ein wenig. Leyla inspiziert inzwischen jede Ecke des stabilen, rustikalen Hauses und Charly sieht Anja in die glänzenden Augen.

„Komm her“, sagt er fest und packt sie an den Schultern, „lass die Sentimentalität beiseite, das Leben geht weiter und das ist gut so!“ Er umfasst ihre Taille und bringt sein Gesicht ganz nahe an das ihre. Mit einer sachten Handbewegung streicht er ihr Haar hinter das eine Ohr und flüstert: „Wir sollten endlich an uns denken, an Leyla und wie es weitergehen soll mit uns!“

Die Worte, auf die Anja insgeheim schon seit langer Zeit gewartet hatte,  ohne wirklich darüber nachzudenken, heilen die alten, aufgerissenen Wunden auf wundersame Weise und sie gibt sich seinem verlangenden Kuss hin, der wie immer nach Tabak und Verheißung schmeckt, während Leyla vor der offenen Haustür begonnen hat, einen kleinen Lavendelstrauß für ihre Mutter zu pflücken....

 

Sie haben die gekühlte Entenpastete gegessen, frische Tomaten und Oliven und dazu den eingekühlten Roséwein getrunken, für den die Gegend hier berühmt war. Als Leyla in dem gleichen Bett fest eingeschlafen ist, in dem Anja über zehn Jahre lang schlief, hat Charly eine Flasche Champagner aufgemacht und gießt die perlende Flüssigkeit in die bereitgestellten Gläser. Diese Mischung nach dem bereits delektierten Wein, macht Anja ein wenig schwindlig und angenehm schläfrig.

Sie sitzen beide mit angezogenen, nackten Beinen am Boden auf dem weichen Schafwollteppich des Wohnraumes und stellen den Sektkübel und die Gläser auf den kleinen, hölzernen Abstelltisch aus Olivenholz . Die warme Nachtluft ergießt sich durch die weit offen stehenden Fenster des Hauses und kleine Mücken und Nachtfalter werden durch den Schein der brennenden Kerzen, die Anja im Raum verteilt hat, angezogen, um dann in einem letzten, extatischen Todestanz in den züngelnden Flammen ihr Leben zu lassen.

„Wir haben noch nie über Liebe gesprochen,“ beginnt der Baron zu sprechen und seine goldfarbenen Augen fixieren Anja, als wüsste er um deren Macht über sie. „Aber dieses heikle Wort, das oft leichthin ausgesprochen wird, habe ich bis jetzt in meinem Leben zu vermeiden gewusst. Auch als ich dich kennen lernte und wir miteinander schliefen, kam es mir nicht in den Sinn. Ich begehrte dich mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele, vielleicht war das Liebe, ich kann es nicht wirklich beurteilen. Ich bin kein Romantiker, aber ich bin ein Gefühlsmensch und ich verlange dem Leben alles ab und auch jenen, die es mit mir teilen. Ich weiß heute, dass es mein Wunsch ist, dass du diejenige bist, die es mit mir teilen soll, mein Leben, unser Leben!“

Anja fühlt, wie jeder Zweifel, auch noch so hartnäckig, bei jedem seiner ausgesprochenen Worte dahin schmilzt und sie klammert sich an diese Augen und ihre Magie und findet nicht die passenden Worte, um ihm ihre Antwort zu geben.

„Ich weiß nicht wie du dazu stehst“, fährt er fort, nachdem er ihr Schweigen hingenommen hatte. „Ich spüre dich in meinem Blut, wenn ich mit dir zusammen bin, deine Hingabe sagt mir mehr als Worte es je könnten. Ich selbst habe das alles nie so intensiv empfunden, denn das du nicht die erste in meinem Leben bist, ist für niemanden ein Geheimnis. Aber du sollst die letzte sein. Nach dir kommt nichts mehr. Wenn ich meinem Gefühl Glauben schenken kann, dann hast auch du es längst erkannt, dass wir füreinander geschaffen sind! Ich will dich, Anja, für immer und ganz. Immer sollst du um mich sein und dich an mich lehnen können. Ich will dich von allen negativen Seiten des Lebens fern halten und dich abschirmen gegen das Böse und Falsche in dieser Welt und die kleine Leyla ebenfalls. Ich liebe dieses Kind, als wär’s das deine und das meine und ich denke, das spürt sie!“

Als die Rede auf Leyla kommt, gibt es für Anja nur mehr dieses eine, alles verschlingende  Gefühl, das ihr Sein erfüllt, ihre Seele öffnet sich gleich einer Knospe und die Liebe, die langsam in ihr für diesen Mann gereift ist, droht sie zu verzerren.

Sie lässt sich fallen in diesem Blick der Verheißung, die ihr daraus entgegenschimmert, eine Verheißung von immerwährendem Glück an seiner Seite. Glück für sie und ihr Kind. Es wäre der richtige Moment, ihm zu eröffnen, dass Leyla ihr leibliches Kind war, doch sie schweigt, ängstlich darauf bedacht, den Zauber, der sie beide verbindet, nicht zu zerstören, und sie hasst sich deswegen. Sie würde es ihm sagen, später! Es würde nichts ändern zwischen ihnen.

Sie kniet vor seiner sitzenden Gestalt und umfasst seinen Kopf, den sie an ihre Brust drückt während sie sein dunkles Haar zärtlich küsst und seinen Berührungen nachgibt, mit welchen er ihr Einverständnis zu besiegeln sucht.

In dieser sich steigernden, leidenschaftlichen Umarmung überhört sie den fernen Ruf des Käuzchens, das wahrscheinlich in einem der alten Olivenbäume sitzt, und darauf hofft, sich auf leichte, nichts ahnende Beute herab stürzen zu können, um sie zu verschlingen.

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