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14.a Einander neu
entdecken - Teil 1
Als Maximus aus dem zweiten Schlafzimmer wieder auftauchte, hatte ich mich
so weit unter Kontrolle, daß ich einen erfreulichen, gelassenen Anblick bot
- die perfekte Gastgeberin empfängt ihren geehrten Gast. Er hatte die
sandfarbene Tunika gewählt, welche seine Bräune und die dunkle Farbe seines
Haares und Bartes noch unterstrich. Sie spannte ein wenig über der Brust und
war auch einige Zentimeter zu kurz, aber Maximus war nicht der Typ Mann, der
sich um den perfekten Sitz seiner Kleidung sorgte; er trug, was er gerade am
Leibe hatte - sei es der Pelz eines Silberfuchses oder die grobe Tunika
eines Sklaven - mit so selbstverständlicher Eleganz, daß ihn manch ein
Herrscher darum beneiden würde. Zwischen dem ein wenig zu kurz geratenen
Saum und den Sandalen konnte ich seine nackten, gebräunten Beine bewundern:
sie boten einen herrlichen Anblick. Um die Taille hatte er einen weichen
Ledergürtel geschlungen, und um seinen Hals trug er an einem Lederband ein
Paar Tierzähne. Plötzlich erinnerte ich mich daran, dieses Lederband bereits
in Moesia gesehen zu haben, aber was daran hing, war immer unter seiner
Soldatentunika verborgen gewesen. Ehrlich gesagt, hatte ich das Lederband
nicht gesehen, sondern es zufällig entdeckt, während ich in einem kleinen,
hinter einem Vorhang verborgenen Alkoven seinen Hals küßte und mit meiner
Zunge liebkoste.
Das Haar noch ein wenig feucht, gründlich abgeschrubbt und zart nach Kiefer
duftend, strahlte Maximus geradezu.
Ich saß auf einem der Ruhebetten und fütterte Rubia mit kleinen Stückchen
Krabbenfleisch, das sie mir in ihrer vornehmen Art aus der Hand fraß. Sie
sah Maximus aus schmalen grünen Augen an, schien mit seiner Erscheinung
einverstanden zu sein und fraß weiter. Es ist bekannt, daß Katzen einen
hervorragenden Geschmack haben.
"Fühlst Du Dich besser?"
"O ja!"
Die deutliche Begeisterung, die in seiner Antwort mitschwang, entlockte mir
ein Lächeln, und ich bedeutete ihm, sich auf einen Stuhl am Tisch zu setzen,
während ich mir die Hände in einer silbernen Schüssel wusch.
"Ich hoffe, Du hast nichts dagegen ... ? Die Katzen, meine ich ... "
"Nein, warum sollte ich?"
"Manche Männer mögen keine Katzen ... "
"Ich mag sie. Sie sind schön und klug ... Wie Du ... "
"Wie Du", wollte ich sagen, der kurze Blick auf seine gebräunte,
nackte, glänzende Haut, den ich durch den Türspalt erhascht hatte, noch
immer fest in mein Gedächtnis eingebrannt, bewunderte ich schweigend seine
Schönheit, die der einer Katze glich, die natürliche Anmut seiner
Bewegungen. Und diesmal gelang mir dies, ohne daß ich errötete. Statt dessen
schenkte ich ihm ein dankbares Lächeln als Antwort auf sein Kompliment und
setzte die Unterhaltung fort.
"Das ist Rubia", sagte ich in einem Ton, als würde ich ihm statt einer
mächtigen dreifarbigen Katze eine Tochter im heiratsfähigen Alter
vorstellen. "Sie war meine erste Freundin, als ich nach Rom zurückkam. Eine
sehr gute Freundin. Ich fand sie als kleines Kätzchen im Lager der
Prätorianer ... "
"Was hast Du im Lager der Prätorianer gemacht?"
"Ich verbrachte bei meiner Ankunft in Rom einige Zeit dort ... "
Maximus hob fragend die Augenbrauen.
"Vielleicht erinnerst Du Dich daran, daß man mich zusammen mit den anderen
Frauen unter dem Schutz einer Legion nach Rom sandte, die auf Befehl des
Kaisers nach Italien zurückkehrte ... "
Er nickte und versuchte dabei, seinen großen Körper vorsichtig in eine
geeignetere Position zu bringen. Es schien, als habe er so viel Zeit ohne
jede Art zivilisierter Möbel verbracht, daß er nun fürchtete, er könnte
selbige irgendwie beschädigen. Als er sicher war, daß der Stuhl hielt,
entspannte sich Maximus sichtlich, und ich mußte mir alle Mühe geben, ihn
meine Erheiterung nicht sehen zu lassen.
"Meine Freilassung wurde getrennt von denen der anderen Frauen durchgeführt
... Der für uns verantwortliche Offizier ließ mich im Lager der Prätorianer
zurück, während er sich um meine Papiere kümmerte, holte mich dann ab und
brachte mich nach Rom. In der Zwischenzeit fand ich Rubia unter einem Wagen.
Sie war allein und hungrig. Cornelius Crassus wollte mich in das Haus seiner
Familie mitnehmen ... "
"Cornelius Crassus?"
"Der Offizier, der für uns verantwortlich war. Ein guter Mann. Er tat mehr,
als der Befehl des Kaisers und seine Pflicht gefordert hätten, und half mir
... "
Es war das erstemal, daß ich offen über meine Dankbarkeit dem jungen Quästor
gegenüber sprach, ein Thema, das ich nur widerwillig berührte, selbst dann,
wenn ich mich mit Apollinarius unterhielt. Aber in Maximus' Gegenwart und
nach all den Jahren, schien es nur natürlich, etwas auszusprechen, das ich
nicht leugnen konnte: Cornelius Crassus war ein guter Mann gewesen, und er
hatte es übernommen, mir zu helfen, als sowohl Maximus als auch Marcus
Aurelius aus meinem Leben verschwunden waren. Während ich sprach, schaute
ich Maximus direkt in die Augen, und ich sah in dieser grün-blauen Tiefe,
die sich in nur einem Augenblick von einer brennenden Flamme in einen
eisigen Teich wandeln konnte, etwas aufblitzen ... Etwas Beängstigendes -
wie ein heraufziehendes Gewitter. Die Härte in seinem Blick verwirrte mich.
Vielleicht war es auch nur das Licht der Öllampen ...
"Der Imperator vertraute mich seinem Schutz an. Er sagte mir, daß er einer
jener Männer sei, denen er in Rom am meisten vertraute. Als ich ihn das
letztemal sah, trug er die Toga eines Senators ... "
Maximus' Augenbrauen hoben sich noch weiter.
"Du kanntest Marcus Aurelius?"
"Nun ... ja. Er hatte mich in der Nacht, als er in Moesia ankam, in sein
Zelt bringen lassen ... "
"Du gingst in sein Zelt?"
Während all der Jahre, die seit jener Nacht vergangen waren - einer der
schmerzlichsten Nächte meines Lebens - hatte ich begonnen, jenes geheime
Treffen zwischen einer jungen Sklavin und Hure und dem alternden römischen
Imperator als etwas ganz Natürliches zu betrachten. Maximus' verblüffte
Reaktion erinnerte mich daran, daß es keineswegs so war.
"Ja ... er wollte mir danken, daß ich das Leben seines geschätztesten
Generals gerettet hatte ... Dein Leben ... "
Nun schien Maximus völlig bestürzt zu sein, und er wußte nicht, was er sagen
sollte.
"Als ich mit ihm sprach, verstand ich, warum Du Marcus Aurelius so sehr
mochtest. Er war ein großer Mann ... ich habe ihn tief betrauert ... "
"Du hast mit dem Imperator gesprochen?" beharrte Maximus, offenbar immer
noch unfähig zu begreifen, daß Marcus Aurelius daran interessiert gewesen
sein könnte, mich kennenzulernen. Ich war entschlossen, weder beleidigt zu
sein, noch ihn daran zu erinnern, daß meine Rolle bei der Rettung des
Imperiums nicht eben eine zu vernachlässigende gewesen war.
"Ja, wir haben uns unterhalten. Größtenteils über Dich ... Er liebte Dich,
Maximus ... Er sagte mir, Du seiest der Sohn, den er sich gewünscht hätte
... " sagte ich sanft.
Maximus schwieg weiter, aber ich sah, daß seine Lippen leicht zitterten und
daß er sie fest zusammenpreßte, um es zu verhindern. Ich gab ihm einen
Moment, um sich wieder zu fassen, dann zeigte ich auf das Essen. Da ich die
Diener entlassen hatte, mußten wir uns selbst bedienen.
"Wein?" fragte ich ihn mit einem Augenzwinkern. Er lächelte verlegen.
"Nur ein bißchen. Du verdünnst den Wein nicht?"
Ich lachte. "Nein. Ich ziehe es vor, sehr wenig zu trinken, aber dafür ohne
Wasser. Außerdem ... Caecubischen Wein zu verdünnen ist eine Sünde. Aber
wenn Du lieber Wasser in Deinen Wein möchtest ... "
Ich fügte nicht hinzu, daß ich es zwar vorzog, seine Trinkfestigkeit nicht
auf die Probe zu stellen, jedoch überzeugt war, ihm diesbezüglich weitaus
überlegen zu sein. Jede Frau meines ehemaligen Gewerbes lernt schnell,
sowohl mit ihren Enttäuschungen als auch mit dem Wein umzugehen. Tut sie das
nicht, dann hat sie nichts weiter zu erwarten als einen Tod, der noch
elender ist als ihr elendes Leben.
Vorsichtig, die Augenbrauen zusammengezogen, nahm Maximus einen Schluck.
Dann lächelte er.
"Dieser Wein ist so ganz anders als der, den wir in der Armee trinken ... "
"Ja, solchen Wein trinken Senatoren und Aristokraten. Sie zahlen einen hohen
Preis dafür ... und meine Schiffe transportieren ihn in alle vier
Himmelsrichtungen in das gesamte Imperium ..."
Ich nahm von den Krabben und dem Gemüse und begann zu essen. Maximus schien
einen Moment lang zu zögern und füllte dann seinen Teller. Ich war am
Verhungern und ihm dürfte es nicht viel anders ergangen sein. Aber er wirkte
scheu, offensichtlich nicht an den Luxus einer Tafel wie der meinen gewöhnt.
Er nahm eine eingelegte Artischocke und biß vorsichtig hinein - seine Züge
hellten sich auf. Ich fragte mich, wann er das letztemal Delikatessen wie
die vor ihm ausgebreiteten gegessen hatte. Es mußte lange her gewesen sein.
Vielleicht vor sechs Jahren, als ich neben ihm auf einem Stuhl gesessen und
er auf einer Couch gelegen hatte, während ich ihn mit kleinen Häppchen
gefüttert und er mit meinem Haar gespielt und meine Arme gestreichelt hatte
...
Nach dem ersten Bissen begann er mit gutem Appetit zu essen. Für einen
Soldaten und Bauern hatte er ziemlich gute Tischmanieren.
Eine Weile aßen wir in einträchtigem Schweigen, dann sagte Maximus:
"Das hast Du getan, nicht wahr?"
"Wie bitte?"
"Mein Leben gerettet. Das hast Du in Moesia getan. Und ich habe Dir niemals
gedankt ... "
"Es ist schon gut, Maximus ... "
"Nein, das ist es nicht. Du hast mein Leben gerettet, und ich habe Dir nicht
gedankt ...und Du hast wieder versucht, mich zu retten, und ich habe Dir
auch diesmal nicht gedankt ... "
"Du brauchst mir nicht zu danken. Du hast meines gerettet, als Du mir die
Freiheit geschenkt hast. Wir sind quitt ... "
"Du mußt denken, daß ich schon lange, bevor ich ein Sklave wurde, undankbar
war... "
Nun war es an mir zu schweigen. Maximus' Augen nahmen einen weichen Ausdruck
an.
"Danke, Julia ... "
Ich nickte, führte meinen Becher an die Lippen und nahm einen keinen
Schluck, um nicht antworten zu müssen.
Wieder schwiegen wir und wieder war es Maximus, der das Schweigen brach.
"Wie lange warst Du verheiratet?"
"Drei Jahre. Mein Gemahl starb vor zwei Jahren."
"Er war ein Reeder ... "
"Ja, ein hervorragender Reeder und Geschäftsmann. Er lebte in demselben Haus
am Quirinal in Rom, in welchem auch ich meine Wohnung hatte ... "
Maximus sah verwirrt aus.
"Am Quirinal?" fragte er
"Die Gegend um den Hügel Quirinalis, einen der sieben Hügel, auf denen Rom
erbaut wurde, in der Nähe der Via Nomentana ... "
"Julia, ich bin niemals zuvor in Rom gewesen ... und außer der
Gladiatorenschule und dem Kolosseum kenne ich nichts von dieser Stadt ... "
Nun schaute ich ihn entgeistert an.
"Du bist niemals in Rom gewesen?"
Er lächelte ein wenig und schüttelte den Kopf. "Nein, ich wurde in Hispanien
geboren und verbrachte mein ganzes Leben damit, in den Provinzen Krieg zu
führen, die meiste Zeit in Germanien. Ich sah Rom zum erstenmal, als der
Sklavenwagen, in dem man uns transportierte, die Mauern der Stadt passierte
... "
Mir stockte der Atem als habe man mir einen Schlag versetzt. Vergeblich rang
ich um Worte, griff nach meiner Serviette und zerdrückte sie nervös, tat,
als reinigte ich mir die Finger.
Er war niemals zuvor in Rom gewesen.
Niemals.
Wie konnte das sein? Wie konnte der Lieblingsgeneral des ehemaligen Kaisers
niemals in der Hauptstadt des Imperiums gewesen sein? Hatte nicht einmal
sein Dienst ihn nach Rom geführt? Wie konnte es sein, daß ein Mann, der sein
Leben einzig dem Zweck geweiht hatte, für Rom und alles, für das es stand,
zu kämpfen, es zu schützen, daß so ein Mann niemals einen Fuß in diese Stadt
gesetzt hatte?
Aber vor allem fragte ich mich, welcher neidische Gott ihn der Stadt
ferngehalten und dann zum Sklaven erniedrigt dorthin gebracht hatte, um zur
Unterhaltung des Pöbels zu kämpfen? Welche grausame, eitle Gottheit hatte
verhindert, daß er auf der Via Triumphalis seinen Einzug in die Stadt hielt
- gekleidet in purpurne Seide und eine goldene Rüstung, den Lorbeerkranz auf
dem Haupt und von der begeisterten Menge mit Blumen überschüttet?
"E-es tut mir leid ... I-ich wußte, daß Du in Hispanien geboren bist und daß
Du nicht aus einer römischen Familie stammst, aber ... "
"Ist schon gut, Julia. Du sprachst über Deinen Gemahl ... ?"
Ich atmete tief durch.
"Sein Name war Marius Servilius Tibullus und er war über dreißig Jahre älter
als ich ... Ein feiner Mann ... Klug, ehrlich, ein harter Arbeiter ... Er
war krank ... eine Schwäche im Rückenmark. Er war viele Jahre Witwer gewesen
und sein einziger Sohn war bei der Geburt zusammen mit seiner Frau
gestorben. Als er erfuhr, daß er sterben würde, beschloß er, noch einmal
eine Frau zu nehmen, die ihm die letzten Tage erleichtern sollte. Ich wies
ihn ab, sagte ihm, daß ich nicht heiraten wolle. Es war zwecklos. Also sagte
ich ihm, daß ich eine Sklavin und Hure gewesen sei, aber er bestand weiter
auf dieser Ehe, und so trafen wir ein Abkommen ... Er war sehr gut zu mir,
auch wenn er mich nicht liebte ... "
"Wie konnte er Dich nicht lieben?" platzte es aus Maximus heraus. "Jeder
Mann, der bei klarem Verstand ist ... " Er sprach nicht weiter, es schien
ihm peinlich zu sein. Ich tat, als habe ich es nicht gehört, aber die
Freude, die ich empfand, als ich seine Worte vernahm, war so stark, daß ich
glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Irgendwie gelang es mir, gelassen
weiterzusprechen.
"Er war sehr gut zu mir, und ich lernte, ihn zu schätzen und zu respektieren
obwohl auch ich ihn nicht lieben konnte ... "
"Warst Du glücklich? Ich meine ... "
"Ich weiß, was Du meinst ... " Ich zuckte mit den Schultern. "Maximus, wir
stammen aus verschiedenen Welten. Du bist frei geboren, ich dagegen als
Sklavin. Du bist ein Mann und ich eine Frau. Unsere Leben sind sehr
unterschiedlich verlaufen ... Ich bezweifle, daß wir unter Glück
dasselbe verstehen ... "
Und wieder schwiegen wir, aber diesmal hatte dieses Schweigen etwas
Melancholisches an sich. Wir waren uns so nahe und wußten dennoch so wenig
von einander. Eine Zeitlang aßen wir weiter, dann brach Maximus zum
drittenmal das Schweigen.
"Du bist nicht nur eine Geschäftsfrau geworden, sondern auch eine
Philosophin!"
Ich mußte einfach lachen und er lächelte sein rührendes, jungenhaftes
Lächeln. Wie immer erhellte es sein schönes Gesicht, schien die Linien zu
tilgen, mit denen Jahre voll schwerer Verantwortung und Sorgen es gezeichnet
hatten - und gleichzeitig ließ es mein Herz höher schlagen.
"Nun, das hast Du Apollinarius zu verdanken!"
Maximus wurde wieder ernst.
Was hat Dein Freund mit dieser ganzen Geschichte zu tun?"
"Ich lernte Apollinarius durch Cornelius Crassus kennen, den Militär-Qästor,
der mich nach Rom brachte. Wir interessierten uns beide für Poesie ... "
Maximus runzelte die Stirn und schien über das eben Gehörte nachzudenken. Er
war ein Mann der Tat, nicht des Wortes. Erst in jenem Augenblick kam mir in
den Sinn, daß er vielleicht nie im Leben ein Buch gelesen hatte. Lesen und
schreiben zu können war Vorschrift in der römischen Armee, die ihre Männer
nicht nur lehrte, das Schwert zu gebrauchen, sondern auch ihren Kopf. Aber
Militärstrategie war keine Poesie, und offizielle Korrespondenz hatte nichts
mit Philosophie zu tun. Es gibt auch im Militär Gelehrte, aber diese wurden
in den Patrizierhäusern auf dem Palatin geboren und nicht auf einem
bescheidenen Bauernhof in Hispanien.
"Damals konnte ich kaum lesen und schreiben, aber ich wollte unbedingt
lernen ... Cornelius Crassus brachte mich in das Haus seiner Schwester, half
mir, mich in Rom niederzulassen und schickte mir dann Apollinarius als
Abschiedsgeschenk ... "
Maximus' Stirnrunzeln vertiefte sich.
"Abschiedsgeschenk?"
"Der Kaiser schickte ihn mit einem Auftrag nach Britannien ... "
Da war es wieder, dieses drohende, unheimliche Leuchten, ein kaltes Feuer in
der Tiefe seiner umwerfenden Augen. Nein, es war nicht das Licht, daß mir
etwas vorgaukelte. Es war etwas anderes. Innerlich ermahnte ich mich selbst,
nicht einmal zu wagen, so etwas zu hoffen. Natürlich war das vergeblich. Das
Herz hämmerte mir wild in der Brust, als ich mit meiner Erzählung fortfuhr.
"Apollinarius war sein und seines Bruders Lehrer gewesen. Er begann mich zu
unterrichten, und wir wurden gute Freunde. Er ... er war selbst ein Sklave
gewesen ... wir haben vieles gemeinsam ... " erklärte ich ihm, und mein Ton
ließ erkennen, daß ich nicht bereit war, das Privatleben meines Freundes vor
ihm auszubreiten. Maximus hörte schweigend zu. "Als ich heiratete, beschloß
er, mich zu begleiten, und er half mir zu lernen, Besitz und Haushalt zu
verwalten, dann wurde er mein Sekretär ... und als ich Witwe wurde und das
Geschäft erbte, meine rechte Hand ... "
Nigra kam von der Terrasse herein und wanderte hinüber zu Maximus, sie
schien glücklich zu sein, ihren Schlafgefährten wiederzusehen. Sie rieb ihr
pechschwarzes Fell an seinem Knöchel und gab ein zartes "Mrrrrrrt!" von
sich. Maximus hob fragend die Brauen, und sein Blick bat um eine
Übersetzung.
"Sie möchte etwas zu Fressen", erklärte ich ihm, und wieder entspannte sich
sein Gesicht sichtlich. Er betrachtete die Vielfalt der Speisen vor sich,
und zögerte, ob er gebratenes Geflügel oder gegrillten Fisch wählen sollte.
Ich schob einen kleinen Teller mit geräuchertem Käse vor ihn hin.
"Hier. Wenn Du ihr bester Freund werden willst, dann füttere sie damit."
Maximus nahm den Teller, brach ein Stückchen Käse ab und bot es der kleinen,
schwarzen, rundlichen Katze an.
Nigra zu füttern, nahm einige Zeit in Anspruch, aber als Maximus fertig war
und nach der Wasserschüssel griff, um sich die Finger zu reinigen, bevor er
zu seinem eigenen Mahl zurückkehrte, grinste er. Während er noch dabei war,
seine Hände abzutrocknen, hob er plötzlich den Kopf und fragte: "Was geschah
mit den anderen Frauen? Mit Eugenia?"
Ich blickte ihn erstaunt an. "Du erinnerst Dich an Eugenia?"
"Natürlich tue ich das. Sie und die anderen waren sehr mutig, als sie uns
halfen."
Ich errötete leicht, als er von "uns" sprach.
"Nun, ich muß zugeben, daß ich nicht weiß, was aus ihnen geworden ist. Du
mußt verstehen, Maximus, - auf dem Weg zurück nach Rom wurde mir eine
Extrabehandlung zuteil, denn der Kaiser hatte mich persönlich dem Schutz von
Cornelius Crassus anvertraut ..."
Da war es wieder. Das wütende Aufflammen in seinen Augen unmittelbar,
nachdem ich den Namen des Quästors erwähnt hatte. Glaubte Maximus, daß
zwischen Cornelius Crassus und mir etwas gewesen wäre? Das der junge,
patrizische Offizier es gewagt hätte, mir Avancen zu machen? Daß ich ihm
entgegengekommen wäre oder ihn sogar ermutigt hätte? Was immer er denken
mochte - es gefiel ihm nicht. Was immer er dachte - er wollte es nicht. Er
wollte weder, daß ein anderer Mann mich berührte, noch mochte er die
Vorstellung, daß es mir angenehm sein könnte, sollte ein anderer Mann dies
tun. Was immer er dachte und ungeachtet der Zeit, die vergangen war, und
dessen, was zwischen uns hätte gewesen sein sollen aber nicht gewesen war -
er betrachtete mich als die Seine. Ich nahm einen Schluck Wein, um meinen
wilden Freudentaumel zu verbergen.
"Der Imperator unterschrieb meine Freilassung persönlich und machte mich
dadurch zu einer kaiserlichen Freigelassenen. Auch meine Belohnung war eine
besondere. Er wies seinen Bankier an, mir beim Einleben in Rom behilflich zu
sein, und Cornelius Crassus war dafür verantwortlich, das ganze Verfahren zu
überwachen und dem Kaiser Bericht zu erstatten. Außerdem ... " Ich biß mir
auf die Lippe und zögerte, ob ich weitersprechen sollte. "Außerdem wollte
ich noch einmal ganz von vorn beginnen. Wirklich ganz von vorn, also ...
also beschloß ich, daß es das Beste sei, mich von ihnen fern zu halten.
Ehrlich gesagt wollte ich nicht, daß mein neues Leben damit endete, daß ich
ein "Etablissement" eröffnete und so zu meinem alten Leben zurückkehrte ...
Ich vermute, daß wenigstens einige von ihnen genau das getan haben..."
Ich sah Maximus ernst an.
"Es gibt nicht viel, was eine alleinstehende Frau in Rom tun kann, und ich
fürchte, daß einige von ihnen als käufliche Kurtisanen geendet sind. Die
Götter wissen, daß ich ihnen daraus keinen Vorwurf mache, aber für mich
selbst wollte ich etwas anderes ... " Ich senkte den Blick auf meine züchtig
im Schoß gefalteten Hände. Es war seltsam schwierig, über all das zu
sprechen, nachdem ich es viele Jahre sorgsam vermieden hatte, an Eugenia,
Honora und die anderen allein nur zu denken. Ich hatte mich geweigert, mir
falsche Papiere zu kaufen, um meine befleckte Vergangenheit auszulöschen,
aber ich hatte mich auch geweigert, in der Gesellschaft jener zu verweilen,
die mich an diese Vergangenheit erinnerten. Ich war freiwillig einfach
verschwunden, aber ich fühlte mich irgendwie schuldig an dem Schicksal
jener, die wie ich Sklavinnen und Huren gewesen waren. Immer war ich es
gewesen, an die sie sich gewandt hatten, wenn sie Rat, Hilfe und Trost
brauchten. Wenn sie Führung brauchten. Und als sie dieser am meisten
bedurften, da hatte ich sie verlassen.
"Es fiel mir schwer, sie zu verlassen, aber ich mußte es einfach tun", sagte
ich, hoffte, daß ich meine Entscheidung innerlich akzeptiert hätte und wußte
doch, daß ich es niemals könnte. Wenigstens nicht vollständig. "Selbst
Eugenia, die am ehesten so etwas wie eine Freundin für mich gewesen war.
Aber ich mußte es tun, und ich tat es. Ich denke, Eugenia wußte es, aber sie
stellte meine Entscheidungen nie in Frage, selbst wenn sie darunter litt,
daß ich sie verließ ... also verschwand ich einfach ... "
"Das tatest Du wirklich."
"Wie bitte?"
"Du bist verschwunden, Julia. Du bist so vollständig verschwunden, daß ich
Dich nicht finden konnte."
Mein Erstaunen muß gleich einer Explosion aus mir herausgebrochen sein, denn
Nigra und Rubia hoben beide ihre Köpfe und schauten mich aus
entgegengesetzten Ecken des Zimmers mit mißtrauischen Schlitzaugen an.
"Du hast nach mir gesucht?" fragte ich, war mir sicher, daß ich mich verhört
haben mußte und mich zum Narren machte.
"Das tat ich."
"A-aber D-du hast eben g-gesagt, d-daß D-du niemals in Rom g-gewesen bist
... "
Maximus hob eine Hand und machte meinem Gestammel ein Ende. Dann stellte er
seinen Weinbecher auf den Tisch, stützte sich mit den Ellbogen auf die
Oberschenkel und blickte mich aufmerksam an, während er mit seiner tiefen
Stimme leise zu sprechen begann:
"Ich bin nie zuvor in Rom gewesen. Ich habe nicht persönlich nach Dir
gesucht. Aber einige Monate, nachdem man Dich nach Rom geschickt hatte und
ich nach einem Urlaub im Lager meiner Legion in Vindobona zurück war,
beschloß ich nachzuforschen, wie es Dir ergangen sein mochte ... Ich konnte
nicht persönlich kommen und wußte nicht, wo ich nach Dir suchen sollte, also
fragte ich den Prätor meiner Legion um Rat. Er nannte mir einen Agenten in
Rom, einen fähigen Mann, der für ihn selbst und andere Offiziere bereits
Aufträge ausgeführt hatte. Ich bezahlte ihn, damit er Nachforschungen über
Dich anstellte und mir berichtete, wie es Dir erginge ..."
Maximus lehnte sich zu mir hinüber, und das Feuer in seinen grün-blauen
Augen wurde zu einer sanften, stillen Flamme.
"Der Mann hielt Monate nach Dir Ausschau, konnte Dich aber nicht finden. Nur
den Namen, welchen Du als Freigelassene angenommen hattest, im Register der
zuständigen Behörde. Nichts mehr. Nebenbei bemerkt ... dieser Name ist sehr
schön ... und sehr passend."
Ich fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Er hatte nach mir gesucht ...
Nachdem er aus Hispanien von seiner Frau zurückgekommen war, hatte er einen
Agenten bezahlt, um nach mir in Rom zu suchen ... und ich hatte ihn
beschuldigt, sich nicht um mich gekümmert, mich ohne einen weiteren Gedanken
aus seinem Leben verbannt zu haben. Ich schluckte krampfhaft und senkte den
Blick auf meinen Schoß. Instinktiv suchte mein linker Daumen nach meinem
Ehering, um ihn um den Mittelfinger zu drehen, wie ich es immer zu tun
pflegte, wenn ich besorgt oder beunruhigt war ... aber die Kuppe des Daumens
fand nur die kleine Vertiefung, die der goldene Ring hinterlassen hatte. Als
ich sprach, war es ein so leises Flüstern, daß ich mich selbst kaum hören
konnte.
"Warum hast Du nach mir gesucht?"
Er brauchte so lange um zu antworten, daß ich schon glaubte, er habe meine
Frage nicht gehört. Als ich sie eben wiederholen wollte, begann Maximus
wieder zu sprechen.
"Ich war in Sorge. Du warst ganz allein in der Welt, und die Welt ist kein
Ort für eine schutzlose Frau. Ich wollte wissen, ob es Dir gut ging. Ob Du
Hilfe brauchtest ... "
"Hilfe?"
Maximus seufzte tief.
"Ich habe mir Sorgen gemacht, daß Du vielleicht gezwungen gewesen sein
könntest, zu ... zu Deinem frühren Leben zurückzukehren. Ich wußte, daß Du
das niemals freiwillig getan hättest, aber die Umstände könnten Dich dazu
gezwungen haben ... Ich hoffte, daß es nicht so wäre."
"Und wenn es so gewesen wäre?"
"Dann hätte ich Dir geholfen."
Das Schweigen, das darauf folgte, war so vollkommen, daß selbst die Katzen,
beunruhigt über die Stille, ihre Köpfe hoben.
Maximus hatte nach mir gesucht. Er hatte sich Sorgen um mich gemacht. Er
hatte gefürchtet, ich könnte gezwungen gewesen sein, meinen Körper zu
verkaufen, um zu überleben ... oder vielleicht einfach aus Einsamkeit.
Er war bereit gewesen, mir zu helfen, wäre es so gewesen ... aber was
bedeutete "helfen" in diesen Fall? Als habe er meine Gedanken gelesen,
beantwortete Maximus die unausgesprochene Frage.
"Der Agent war angewiesen, Dich mit allem zu versorgen, was Du eventuell
hättest brauchen können. Ich war bereit, Dir finanziell zu helfen und Dir
... meine moralische Unterstützung zukommen zu lassen."
Ich hob die Augen und blickte in die Seinen. Es genügte mir nicht, seine
Antwort zu hören - ich mußte sie sehen. Mußte hinter diese umwerfend
grün-blauen Spiegel schauen - bis in sein Herz und seine Seele.
"Wärest Du zu mir gekommen, wenn er mich gefunden hätte?"
Maximus blickte zur Decke hinauf, genau wie er es in der Nacht zuvor getan
hatte, als er an die Marmorsäule gar nicht weit entfernt von dem Platz, an
welchem wir jetzt saßen, gekettet war. Er schloß die Augen und schluckte
hart. Der Anblick der arbeitenden Muskeln an seinem gebräunten Hals ließ
mich unwillkürlich erzittern, und mein Unterbewußtsein registrierte, daß ein
paar sonnengebleichte Härchen aus dem Halsausschnitt seiner Tunika
geschlüpft waren und sich nun gut sichtbar vor dem braunen Lederband
abzeichneten. Nach einem langen Augenblick senkte er den Kopf, und als er
wieder sprach, tat er es mit sanfter Stimme - und trotzdem konnte ich die
Schwingungen in der Tiefe seines Brustkorbes fühlen, konnte fühlen, wie sie
in der Tiefe meiner Seele widerhallten. |