14.a Einander neu entdecken - Teil 1

Als Maximus aus dem zweiten Schlafzimmer wieder auftauchte, hatte ich mich so weit unter Kontrolle, daß ich einen erfreulichen, gelassenen Anblick bot - die perfekte Gastgeberin empfängt ihren geehrten Gast. Er hatte die sandfarbene Tunika gewählt, welche seine Bräune und die dunkle Farbe seines Haares und Bartes noch unterstrich. Sie spannte ein wenig über der Brust und war auch einige Zentimeter zu kurz, aber Maximus war nicht der Typ Mann, der sich um den perfekten Sitz seiner Kleidung sorgte; er trug, was er gerade am Leibe hatte - sei es der Pelz eines Silberfuchses oder die grobe Tunika eines Sklaven - mit so selbstverständlicher Eleganz, daß ihn manch ein Herrscher darum beneiden würde. Zwischen dem ein wenig zu kurz geratenen Saum und den Sandalen konnte ich seine nackten, gebräunten Beine bewundern: sie boten einen herrlichen Anblick. Um die Taille hatte er einen weichen Ledergürtel geschlungen, und um seinen Hals trug er an einem Lederband ein Paar Tierzähne. Plötzlich erinnerte ich mich daran, dieses Lederband bereits in Moesia gesehen zu haben, aber was daran hing, war immer unter seiner Soldatentunika verborgen gewesen. Ehrlich gesagt, hatte ich das Lederband nicht gesehen, sondern es zufällig entdeckt, während ich in einem kleinen, hinter einem Vorhang verborgenen Alkoven seinen Hals küßte und mit meiner Zunge liebkoste.

Das Haar noch ein wenig feucht, gründlich abgeschrubbt und zart nach Kiefer duftend, strahlte Maximus geradezu.

Ich saß auf einem der Ruhebetten und fütterte Rubia mit kleinen Stückchen Krabbenfleisch, das sie mir in ihrer vornehmen Art aus der Hand fraß. Sie sah Maximus aus schmalen grünen Augen an, schien mit seiner Erscheinung einverstanden zu sein und fraß weiter. Es ist bekannt, daß Katzen einen hervorragenden Geschmack haben.

"Fühlst Du Dich besser?"

"O ja!"

Die deutliche Begeisterung, die in seiner Antwort mitschwang, entlockte mir ein Lächeln, und ich bedeutete ihm, sich auf einen Stuhl am Tisch zu setzen, während ich mir die Hände in einer silbernen Schüssel wusch.

"Ich hoffe, Du hast nichts dagegen ... ? Die Katzen, meine ich ... "

"Nein, warum sollte ich?"

"Manche Männer mögen keine Katzen ... "

"Ich mag sie. Sie sind schön und klug ... Wie Du ... "

"Wie Du", wollte ich sagen, der kurze Blick auf seine gebräunte, nackte, glänzende Haut, den ich durch den Türspalt erhascht hatte, noch immer fest in mein Gedächtnis eingebrannt, bewunderte ich schweigend seine Schönheit, die der einer Katze glich, die natürliche Anmut seiner Bewegungen. Und diesmal gelang mir dies, ohne daß ich errötete. Statt dessen schenkte ich ihm ein dankbares Lächeln als Antwort auf sein Kompliment und setzte die Unterhaltung fort.

"Das ist Rubia", sagte ich in einem Ton, als würde ich ihm statt einer mächtigen dreifarbigen Katze eine Tochter im heiratsfähigen Alter vorstellen. "Sie war meine erste Freundin, als ich nach Rom zurückkam. Eine sehr gute Freundin. Ich fand sie als kleines Kätzchen im Lager der Prätorianer ... "

"Was hast Du im Lager der Prätorianer gemacht?"

"Ich verbrachte bei meiner Ankunft in Rom einige Zeit dort ... "

Maximus hob fragend die Augenbrauen.

"Vielleicht erinnerst Du Dich daran, daß man mich zusammen mit den anderen Frauen unter dem Schutz einer Legion nach Rom sandte, die auf Befehl des Kaisers nach Italien zurückkehrte ... "

Er nickte und versuchte dabei, seinen großen Körper vorsichtig in eine geeignetere Position zu bringen. Es schien, als habe er so viel Zeit ohne jede Art zivilisierter Möbel verbracht, daß er nun fürchtete, er könnte selbige irgendwie beschädigen. Als er sicher war, daß der Stuhl hielt, entspannte sich Maximus sichtlich, und ich mußte mir alle Mühe geben, ihn meine Erheiterung nicht sehen zu lassen.

"Meine Freilassung wurde getrennt von denen der anderen Frauen durchgeführt ... Der für uns verantwortliche Offizier ließ mich im Lager der Prätorianer zurück, während er sich um meine Papiere kümmerte, holte mich dann ab und brachte mich nach Rom. In der Zwischenzeit fand ich Rubia unter einem Wagen. Sie war allein und hungrig. Cornelius Crassus wollte mich in das Haus seiner Familie mitnehmen ... "

"Cornelius Crassus?"

"Der Offizier, der für uns verantwortlich war. Ein guter Mann. Er tat mehr, als der Befehl des Kaisers und seine Pflicht gefordert hätten, und half mir ... "

Es war das erstemal, daß ich offen über meine Dankbarkeit dem jungen Quästor gegenüber sprach, ein Thema, das ich nur widerwillig berührte, selbst dann, wenn ich mich mit Apollinarius unterhielt. Aber in Maximus' Gegenwart und nach all den Jahren, schien es nur natürlich, etwas auszusprechen, das ich nicht leugnen konnte: Cornelius Crassus war ein guter Mann gewesen, und er hatte es übernommen, mir zu helfen, als sowohl Maximus als auch Marcus Aurelius aus meinem Leben verschwunden waren. Während ich sprach, schaute ich Maximus direkt in die Augen, und ich sah in dieser grün-blauen Tiefe, die sich in nur einem Augenblick von einer brennenden Flamme in einen eisigen Teich wandeln konnte, etwas aufblitzen ... Etwas Beängstigendes - wie ein heraufziehendes Gewitter. Die Härte in seinem Blick verwirrte mich. Vielleicht war es auch nur das Licht der Öllampen ...

"Der Imperator vertraute mich seinem Schutz an. Er sagte mir, daß er einer jener Männer sei, denen er in Rom am meisten vertraute. Als ich ihn das letztemal sah, trug er die Toga eines Senators ... "

Maximus' Augenbrauen hoben sich noch weiter.

"Du kanntest Marcus Aurelius?"

"Nun ... ja. Er hatte mich in der Nacht, als er in Moesia ankam, in sein Zelt bringen lassen ... "

"Du gingst in sein Zelt?"

Während all der Jahre, die seit jener Nacht vergangen waren - einer der schmerzlichsten Nächte meines Lebens - hatte ich begonnen, jenes geheime Treffen zwischen einer jungen Sklavin und Hure und dem alternden römischen Imperator als etwas ganz Natürliches zu betrachten. Maximus' verblüffte Reaktion erinnerte mich daran, daß es keineswegs so war.

"Ja ... er wollte mir danken, daß ich das Leben seines geschätztesten Generals gerettet hatte ... Dein Leben ... "

Nun schien Maximus völlig bestürzt zu sein, und er wußte nicht, was er sagen sollte.

"Als ich mit ihm sprach, verstand ich, warum Du Marcus Aurelius so sehr mochtest. Er war ein großer Mann ... ich habe ihn tief betrauert ... "

"Du hast mit dem Imperator gesprochen?" beharrte Maximus, offenbar immer noch unfähig zu begreifen, daß Marcus Aurelius daran interessiert gewesen sein könnte, mich kennenzulernen. Ich war entschlossen, weder beleidigt zu sein, noch ihn daran zu erinnern, daß meine Rolle bei der Rettung des Imperiums nicht eben eine zu vernachlässigende gewesen war.

"Ja, wir haben uns unterhalten. Größtenteils über Dich ... Er liebte Dich, Maximus ... Er sagte mir, Du seiest der Sohn, den er sich gewünscht hätte ... " sagte ich sanft.

Maximus schwieg weiter, aber ich sah, daß seine Lippen leicht zitterten und daß er sie fest zusammenpreßte, um es zu verhindern. Ich gab ihm einen Moment, um sich wieder zu fassen, dann zeigte ich auf das Essen. Da ich die Diener entlassen hatte, mußten wir uns selbst bedienen.

"Wein?" fragte ich ihn mit einem Augenzwinkern. Er lächelte verlegen.

"Nur ein bißchen. Du verdünnst den Wein nicht?"

Ich lachte. "Nein. Ich ziehe es vor, sehr wenig zu trinken, aber dafür ohne Wasser. Außerdem ... Caecubischen Wein zu verdünnen ist eine Sünde. Aber wenn Du lieber Wasser in Deinen Wein möchtest ... "

Ich fügte nicht hinzu, daß ich es zwar vorzog, seine Trinkfestigkeit nicht auf die Probe zu stellen, jedoch überzeugt war, ihm diesbezüglich weitaus überlegen zu sein. Jede Frau meines ehemaligen Gewerbes lernt schnell, sowohl mit ihren Enttäuschungen als auch mit dem Wein umzugehen. Tut sie das nicht, dann hat sie nichts weiter zu erwarten als einen Tod, der noch elender ist als ihr elendes Leben.

Vorsichtig, die Augenbrauen zusammengezogen, nahm Maximus einen Schluck. Dann lächelte er.

"Dieser Wein ist so ganz anders als der, den wir in der Armee trinken ... "

"Ja, solchen Wein trinken Senatoren und Aristokraten. Sie zahlen einen hohen Preis dafür ... und meine Schiffe transportieren ihn in alle vier Himmelsrichtungen in das gesamte Imperium ..."

Ich nahm von den Krabben und dem Gemüse und begann zu essen. Maximus schien einen Moment lang zu zögern und füllte dann seinen Teller. Ich war am Verhungern und ihm dürfte es nicht viel anders ergangen sein. Aber er wirkte scheu, offensichtlich nicht an den Luxus einer Tafel wie der meinen gewöhnt. Er nahm eine eingelegte Artischocke und biß vorsichtig hinein - seine Züge hellten sich auf. Ich fragte mich, wann er das letztemal Delikatessen wie die vor ihm ausgebreiteten gegessen hatte. Es mußte lange her gewesen sein. Vielleicht vor sechs Jahren, als ich neben ihm auf einem Stuhl gesessen und er auf einer Couch gelegen hatte, während ich ihn mit kleinen Häppchen gefüttert und er mit meinem Haar gespielt und meine Arme gestreichelt hatte ...

Nach dem ersten Bissen begann er mit gutem Appetit zu essen. Für einen Soldaten und Bauern hatte er ziemlich gute Tischmanieren.

Eine Weile aßen wir in einträchtigem Schweigen, dann sagte Maximus:

"Das hast Du getan, nicht wahr?"

"Wie bitte?"

"Mein Leben gerettet. Das hast Du in Moesia getan. Und ich habe Dir niemals gedankt ... "

"Es ist schon gut, Maximus ... "

"Nein, das ist es nicht. Du hast mein Leben gerettet, und ich habe Dir nicht gedankt ...und Du hast wieder versucht, mich zu retten, und ich habe Dir auch diesmal nicht gedankt ... "

"Du brauchst mir nicht zu danken. Du hast meines gerettet, als Du mir die Freiheit geschenkt hast. Wir sind quitt ... "

"Du mußt denken, daß ich schon lange, bevor ich ein Sklave wurde, undankbar war... "

Nun war es an mir zu schweigen. Maximus' Augen nahmen einen weichen Ausdruck an.

"Danke, Julia ... "

Ich nickte, führte meinen Becher an die Lippen und nahm einen keinen Schluck, um nicht antworten zu müssen.

Wieder schwiegen wir und wieder war es Maximus, der das Schweigen brach.

"Wie lange warst Du verheiratet?"

"Drei Jahre. Mein Gemahl starb vor zwei Jahren."

"Er war ein Reeder ... "

"Ja, ein hervorragender Reeder und Geschäftsmann. Er lebte in demselben Haus am Quirinal in Rom, in welchem auch ich meine Wohnung hatte ... "

Maximus sah verwirrt aus.

"Am Quirinal?" fragte er

"Die Gegend um den Hügel Quirinalis, einen der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde, in der Nähe der Via Nomentana ... "

"Julia, ich bin niemals zuvor in Rom gewesen ... und außer der Gladiatorenschule und dem Kolosseum kenne ich nichts von dieser Stadt ... "

Nun schaute ich ihn entgeistert an.

"Du bist niemals in Rom gewesen?"

Er lächelte ein wenig und schüttelte den Kopf. "Nein, ich wurde in Hispanien geboren und verbrachte mein ganzes Leben damit, in den Provinzen Krieg zu führen, die meiste Zeit in Germanien. Ich sah Rom zum erstenmal, als der Sklavenwagen, in dem man uns transportierte, die Mauern der Stadt passierte ... "

Mir stockte der Atem als habe man mir einen Schlag versetzt. Vergeblich rang ich um Worte, griff nach meiner Serviette und zerdrückte sie nervös, tat, als reinigte ich mir die Finger.

Er war niemals zuvor in Rom gewesen.

Niemals.

Wie konnte das sein? Wie konnte der Lieblingsgeneral des ehemaligen Kaisers niemals in der Hauptstadt des Imperiums gewesen sein? Hatte nicht einmal sein Dienst ihn nach Rom geführt? Wie konnte es sein, daß ein Mann, der sein Leben einzig dem Zweck geweiht hatte, für Rom und alles, für das es stand, zu kämpfen, es zu schützen, daß so ein Mann niemals einen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte?
Aber vor allem fragte ich mich, welcher neidische Gott ihn der Stadt ferngehalten und dann  zum Sklaven erniedrigt dorthin gebracht hatte, um zur Unterhaltung des Pöbels zu kämpfen? Welche grausame, eitle Gottheit hatte verhindert, daß er auf der Via Triumphalis seinen Einzug in die Stadt hielt - gekleidet in purpurne Seide und eine goldene Rüstung, den Lorbeerkranz auf dem Haupt und von der begeisterten Menge mit Blumen überschüttet?

"E-es tut mir leid ... I-ich wußte, daß Du in Hispanien geboren bist und daß Du nicht aus einer römischen Familie stammst, aber ... "

"Ist schon gut, Julia. Du sprachst über Deinen Gemahl ... ?"

Ich atmete tief durch.

"Sein Name war Marius Servilius Tibullus und er war über dreißig Jahre älter als ich ... Ein feiner Mann ... Klug, ehrlich, ein harter Arbeiter ... Er war krank ... eine Schwäche im Rückenmark. Er war viele Jahre Witwer gewesen und sein einziger Sohn war bei der Geburt zusammen mit seiner Frau gestorben. Als er erfuhr, daß er sterben würde, beschloß er, noch einmal eine Frau zu nehmen, die ihm die letzten Tage erleichtern sollte. Ich wies ihn ab, sagte ihm, daß ich nicht heiraten wolle. Es war zwecklos. Also sagte ich ihm, daß ich eine Sklavin und Hure gewesen sei, aber er bestand weiter auf dieser Ehe, und so trafen wir ein Abkommen ... Er war sehr gut zu mir, auch wenn er mich nicht liebte ... "

"Wie konnte er Dich nicht lieben?" platzte es aus Maximus heraus. "Jeder Mann, der bei klarem Verstand ist ... " Er sprach nicht weiter, es schien ihm peinlich zu sein. Ich tat, als habe ich es nicht gehört, aber die Freude, die ich empfand, als ich seine Worte vernahm, war so stark, daß ich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Irgendwie gelang es mir, gelassen weiterzusprechen.

"Er war sehr gut zu mir, und ich lernte, ihn zu schätzen und zu respektieren obwohl auch ich ihn nicht lieben konnte ... "

"Warst Du glücklich? Ich meine ... "

"Ich weiß, was Du meinst ... " Ich zuckte mit den Schultern. "Maximus, wir stammen aus verschiedenen Welten. Du bist frei geboren, ich dagegen als Sklavin. Du bist ein Mann und ich eine Frau. Unsere Leben sind sehr unterschiedlich verlaufen ... Ich bezweifle, daß wir unter Glück dasselbe verstehen ... "

Und wieder schwiegen wir, aber diesmal hatte dieses Schweigen etwas Melancholisches an sich. Wir waren uns so nahe und wußten dennoch so wenig von einander. Eine Zeitlang aßen wir weiter, dann brach Maximus zum drittenmal das Schweigen.

"Du bist nicht nur eine Geschäftsfrau geworden, sondern auch eine Philosophin!"

Ich mußte einfach lachen und er lächelte sein rührendes, jungenhaftes Lächeln. Wie immer erhellte es sein schönes Gesicht, schien die Linien zu tilgen, mit denen Jahre voll schwerer Verantwortung und Sorgen es gezeichnet hatten - und gleichzeitig ließ es mein Herz höher schlagen.

"Nun, das hast Du Apollinarius zu verdanken!"

Maximus wurde wieder ernst.

Was hat Dein Freund mit dieser ganzen Geschichte zu tun?"

"Ich lernte Apollinarius durch Cornelius Crassus kennen, den Militär-Qästor, der mich nach Rom brachte. Wir interessierten uns beide für Poesie ... "

Maximus runzelte die Stirn und schien über das eben Gehörte nachzudenken. Er war ein Mann der Tat, nicht des Wortes. Erst in jenem Augenblick kam mir in den Sinn, daß er vielleicht nie im Leben ein Buch gelesen hatte. Lesen und schreiben zu können war Vorschrift in der römischen Armee, die ihre Männer nicht nur lehrte, das Schwert zu gebrauchen, sondern auch ihren Kopf. Aber Militärstrategie war keine Poesie, und offizielle Korrespondenz hatte nichts mit Philosophie zu tun. Es gibt auch im Militär Gelehrte, aber diese wurden in den Patrizierhäusern auf dem Palatin geboren und nicht auf einem bescheidenen Bauernhof in Hispanien.

"Damals konnte ich kaum lesen und schreiben, aber ich wollte unbedingt lernen ... Cornelius Crassus brachte mich in das Haus seiner Schwester, half mir, mich in Rom niederzulassen und schickte mir dann Apollinarius als Abschiedsgeschenk ... "

Maximus' Stirnrunzeln vertiefte sich.

"Abschiedsgeschenk?"

"Der Kaiser schickte ihn mit einem Auftrag nach Britannien ... "

Da war es wieder, dieses drohende, unheimliche Leuchten, ein kaltes Feuer in der Tiefe seiner umwerfenden Augen. Nein, es war nicht das Licht, daß mir etwas vorgaukelte. Es war etwas anderes. Innerlich ermahnte ich mich selbst, nicht einmal zu wagen, so etwas zu hoffen. Natürlich war das vergeblich. Das Herz hämmerte mir wild in der Brust, als ich mit meiner Erzählung fortfuhr.

"Apollinarius war sein und seines Bruders Lehrer gewesen. Er begann mich zu unterrichten, und wir wurden gute Freunde. Er ... er war selbst ein Sklave gewesen ... wir haben vieles gemeinsam ... " erklärte ich ihm, und mein Ton ließ erkennen, daß ich nicht bereit war, das Privatleben meines Freundes vor ihm auszubreiten. Maximus hörte schweigend zu. "Als ich heiratete, beschloß er, mich zu begleiten, und er half mir zu lernen, Besitz und Haushalt zu verwalten, dann wurde er mein Sekretär ... und als ich Witwe wurde und das Geschäft erbte,   meine rechte Hand ... "

Nigra kam von der Terrasse herein und wanderte hinüber zu Maximus, sie schien glücklich zu sein, ihren Schlafgefährten wiederzusehen. Sie rieb ihr pechschwarzes Fell an seinem Knöchel und gab ein zartes "Mrrrrrrt!" von sich. Maximus hob fragend die Brauen, und sein Blick bat um eine Übersetzung.

"Sie möchte etwas zu Fressen", erklärte ich ihm, und wieder entspannte sich sein Gesicht sichtlich. Er betrachtete die Vielfalt der Speisen vor sich, und zögerte, ob er gebratenes Geflügel oder gegrillten Fisch wählen sollte. Ich schob einen kleinen Teller mit geräuchertem Käse vor ihn hin.

"Hier. Wenn Du ihr bester Freund werden willst, dann füttere sie damit."

Maximus nahm den Teller, brach ein Stückchen Käse ab und bot es der kleinen, schwarzen, rundlichen Katze an.

Nigra zu füttern, nahm einige Zeit in Anspruch, aber als Maximus fertig war und nach der Wasserschüssel griff, um sich die Finger zu reinigen, bevor er zu seinem eigenen Mahl zurückkehrte, grinste er. Während er noch dabei war, seine Hände abzutrocknen, hob er plötzlich den Kopf und fragte: "Was geschah mit den anderen Frauen? Mit Eugenia?"

Ich blickte ihn erstaunt an. "Du erinnerst Dich an Eugenia?"

"Natürlich tue ich das. Sie und die anderen waren sehr mutig, als sie uns halfen."

Ich errötete leicht, als er von "uns" sprach.

"Nun, ich muß zugeben, daß ich nicht weiß, was aus ihnen geworden ist. Du mußt verstehen, Maximus, - auf dem Weg zurück nach Rom wurde mir eine Extrabehandlung zuteil, denn der Kaiser hatte mich persönlich dem Schutz von Cornelius Crassus anvertraut ..."

Da war es wieder. Das wütende Aufflammen in seinen Augen unmittelbar, nachdem ich den Namen des Quästors erwähnt hatte. Glaubte Maximus, daß zwischen Cornelius Crassus und mir etwas gewesen wäre? Das der junge, patrizische Offizier es gewagt hätte, mir Avancen zu machen? Daß ich ihm entgegengekommen wäre oder ihn sogar ermutigt hätte? Was immer er denken mochte - es gefiel ihm nicht. Was immer er dachte - er wollte es nicht. Er wollte weder, daß ein anderer Mann mich berührte, noch mochte er die Vorstellung, daß es mir angenehm sein könnte, sollte ein anderer Mann dies tun. Was immer er dachte und ungeachtet der Zeit, die vergangen war, und dessen, was zwischen uns hätte gewesen sein sollen aber nicht gewesen war - er betrachtete mich als die Seine. Ich nahm einen Schluck Wein, um meinen wilden Freudentaumel zu verbergen.

"Der Imperator unterschrieb meine Freilassung persönlich und machte mich dadurch zu einer kaiserlichen Freigelassenen. Auch meine Belohnung war eine besondere. Er wies seinen Bankier an, mir beim Einleben in Rom behilflich zu sein, und Cornelius Crassus war dafür verantwortlich, das ganze Verfahren zu überwachen und dem Kaiser Bericht zu erstatten. Außerdem ... " Ich biß mir auf die Lippe und zögerte, ob ich weitersprechen sollte. "Außerdem wollte ich noch einmal ganz von vorn beginnen. Wirklich ganz von vorn, also ... also beschloß ich, daß es das Beste sei, mich von ihnen fern zu halten. Ehrlich gesagt wollte ich nicht, daß mein neues Leben damit endete, daß ich ein "Etablissement" eröffnete und so zu meinem alten Leben zurückkehrte ... Ich vermute, daß wenigstens einige von ihnen genau das getan haben..."

Ich sah Maximus ernst an.

"Es gibt nicht viel, was eine alleinstehende Frau in Rom tun kann, und ich fürchte, daß einige von ihnen als käufliche Kurtisanen geendet sind. Die Götter wissen, daß ich ihnen daraus keinen Vorwurf mache, aber für mich selbst wollte ich etwas anderes ... " Ich senkte den Blick auf meine züchtig im Schoß gefalteten Hände. Es war seltsam schwierig, über all das zu sprechen, nachdem ich es viele Jahre sorgsam vermieden hatte, an Eugenia, Honora und die anderen allein nur zu denken. Ich hatte mich geweigert, mir falsche Papiere zu kaufen, um meine befleckte Vergangenheit auszulöschen, aber ich hatte mich auch geweigert, in der Gesellschaft jener zu verweilen, die mich an diese Vergangenheit erinnerten. Ich war freiwillig einfach verschwunden, aber ich fühlte mich irgendwie schuldig an dem Schicksal jener, die wie ich Sklavinnen und Huren gewesen waren. Immer war ich es gewesen, an die sie sich gewandt hatten, wenn sie Rat, Hilfe und Trost brauchten. Wenn sie Führung brauchten. Und als sie dieser am meisten bedurften, da hatte ich sie verlassen.

"Es fiel mir schwer, sie zu verlassen, aber ich mußte es einfach tun", sagte ich, hoffte, daß ich meine Entscheidung innerlich akzeptiert hätte und wußte doch, daß ich es niemals könnte. Wenigstens nicht vollständig. "Selbst Eugenia, die am ehesten so etwas wie eine Freundin für mich gewesen war. Aber ich mußte es tun, und ich tat es. Ich denke, Eugenia wußte es, aber sie stellte meine Entscheidungen nie in Frage, selbst wenn sie darunter litt, daß ich sie verließ ... also verschwand ich einfach ... "

"Das tatest Du wirklich."

"Wie bitte?"

"Du bist verschwunden, Julia. Du bist so vollständig verschwunden, daß ich Dich nicht finden konnte."

Mein Erstaunen muß gleich einer Explosion aus mir herausgebrochen sein, denn Nigra und Rubia hoben beide ihre Köpfe und schauten mich aus entgegengesetzten Ecken des Zimmers mit mißtrauischen Schlitzaugen an.

"Du hast nach mir gesucht?" fragte ich, war mir sicher, daß ich mich verhört haben mußte und mich zum Narren machte.

"Das tat ich."

"A-aber D-du hast eben g-gesagt, d-daß D-du niemals in Rom g-gewesen bist ... "

Maximus hob eine Hand und machte meinem Gestammel ein Ende. Dann stellte er seinen Weinbecher auf den Tisch, stützte sich mit den Ellbogen auf die Oberschenkel und blickte mich aufmerksam an, während er mit seiner tiefen Stimme leise zu sprechen begann:

"Ich bin nie zuvor in Rom gewesen. Ich habe nicht persönlich nach Dir gesucht. Aber einige Monate, nachdem man Dich nach Rom geschickt hatte und ich nach einem Urlaub im Lager meiner Legion in Vindobona zurück war, beschloß ich nachzuforschen, wie es Dir ergangen sein mochte ... Ich konnte nicht persönlich kommen und wußte nicht, wo ich nach Dir suchen sollte, also fragte ich den Prätor meiner Legion um Rat. Er nannte mir einen Agenten in Rom, einen fähigen Mann, der für ihn selbst und andere Offiziere bereits Aufträge ausgeführt hatte. Ich bezahlte ihn, damit er Nachforschungen über Dich anstellte und mir berichtete, wie es Dir erginge ..."

Maximus lehnte sich zu mir hinüber, und das Feuer in seinen grün-blauen Augen wurde zu einer sanften, stillen Flamme.

"Der Mann hielt Monate nach Dir Ausschau, konnte Dich aber nicht finden. Nur den Namen, welchen Du als Freigelassene angenommen hattest, im Register der zuständigen Behörde. Nichts mehr. Nebenbei bemerkt ... dieser Name ist sehr schön ... und sehr passend."

Ich fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Er hatte nach mir gesucht ... Nachdem er aus Hispanien von seiner Frau zurückgekommen war, hatte er einen Agenten bezahlt, um nach mir in Rom zu suchen ... und ich hatte ihn beschuldigt, sich nicht um mich gekümmert, mich ohne einen weiteren Gedanken aus seinem Leben verbannt zu haben. Ich schluckte krampfhaft und senkte den Blick auf meinen Schoß. Instinktiv suchte mein linker Daumen nach meinem Ehering, um ihn um den Mittelfinger zu drehen, wie ich es immer zu tun pflegte, wenn ich besorgt oder beunruhigt war ... aber die Kuppe des Daumens fand nur die kleine Vertiefung, die der goldene Ring hinterlassen hatte. Als ich sprach, war es ein so leises Flüstern, daß ich mich selbst kaum hören konnte.

"Warum hast Du nach mir gesucht?"

Er brauchte so lange um zu antworten, daß ich schon glaubte, er habe meine Frage nicht gehört. Als ich sie eben wiederholen wollte, begann Maximus wieder zu sprechen.

"Ich war in Sorge. Du warst ganz allein in der Welt, und die Welt ist kein Ort für eine schutzlose Frau. Ich wollte wissen, ob es Dir gut ging. Ob Du Hilfe brauchtest ... "

"Hilfe?"

Maximus seufzte tief.

"Ich habe mir Sorgen gemacht, daß Du vielleicht gezwungen gewesen sein könntest, zu ... zu Deinem frühren Leben zurückzukehren. Ich wußte, daß Du das niemals freiwillig getan hättest, aber die Umstände könnten Dich dazu gezwungen haben ... Ich hoffte, daß es nicht so wäre."

"Und wenn es so gewesen wäre?"

"Dann hätte ich Dir geholfen."

Das Schweigen, das darauf folgte, war so vollkommen, daß selbst die Katzen, beunruhigt über die Stille, ihre Köpfe hoben.

Maximus hatte nach mir gesucht. Er hatte sich Sorgen um mich gemacht. Er hatte gefürchtet, ich könnte gezwungen gewesen sein, meinen Körper zu verkaufen, um zu überleben ... oder vielleicht einfach aus Einsamkeit.
Er war bereit gewesen, mir zu helfen, wäre es so gewesen ... aber was bedeutete "helfen" in diesen Fall? Als habe er meine Gedanken gelesen, beantwortete Maximus die unausgesprochene Frage.

"Der Agent war angewiesen, Dich mit allem zu versorgen, was Du eventuell hättest brauchen können. Ich war bereit, Dir  finanziell zu helfen und Dir ... meine moralische Unterstützung zukommen zu lassen."

Ich hob die Augen und blickte in die Seinen. Es genügte mir nicht, seine Antwort zu hören - ich mußte sie sehen. Mußte hinter diese umwerfend grün-blauen Spiegel schauen - bis in sein Herz und seine Seele.

"Wärest Du zu mir gekommen, wenn er mich gefunden hätte?"

Maximus blickte zur Decke hinauf, genau wie er es in der Nacht zuvor getan hatte, als er an die Marmorsäule gar nicht weit entfernt von dem Platz, an welchem wir jetzt saßen, gekettet war. Er schloß die Augen und schluckte hart. Der Anblick der arbeitenden Muskeln an seinem gebräunten Hals ließ mich unwillkürlich erzittern, und mein Unterbewußtsein registrierte, daß ein paar sonnengebleichte Härchen aus dem Halsausschnitt seiner Tunika geschlüpft waren und sich nun gut sichtbar vor dem braunen Lederband abzeichneten. Nach einem langen Augenblick senkte er den Kopf, und als er wieder sprach, tat er es mit sanfter Stimme - und trotzdem konnte ich die Schwingungen in der Tiefe seines Brustkorbes fühlen, konnte fühlen, wie sie in der Tiefe meiner Seele widerhallten.


14.a Einander neu entdecken - Teil 2

"Ich habe Dich niemals angelogen, Julia, und werde jetzt nicht damit anfangen. Ich weiß es nicht. Ehrlich, ich weiß es nicht. Es war nicht die Frage, ob ich es wollte oder nicht, sondern es war eine Frage von Pflicht und Verantwortung. Als Du nach Rom kamst, reiste ich nach Hispanien, und seit ich zurück nach Vindobona kam, konnte ich Germanien nur noch einmal verlassen. Das war vor drei Jahren ... und es war das letztemal, daß ich meine Familie gesehen habe ... Es war das letztemal, daß ich sie lebend gesehen habe."

Maximus schwieg einen Moment lang und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, bevor er weitersprach.

"Dann kam Dein Brief, und ich verstand, warum Du verschwunden warst ... Du hattest geheiratet ... "

Mein Brief.

Der Brief, den ich ein Jahr nach meiner Hochzeit geschrieben hatte, nachdem Maximus' Name in einer Unterhaltung während eines Gastmahles in genau dieser Villa gefallen war. Der Brief, den ich Aemilius Trebutius Flaccus anvertraut hatte, damit er ihn an den damaligen Kommandeur der Armeen des Nordens schickte. Der Brief, auf dessen Antwort ich noch lange gewartet hatte, als nüchterne Vernunft bereits jeden Hoffnungsschimmer hätte zunichte gemacht haben müssen.

"Es tut mir so leid, daß ich Deinen Brief nicht beantwortet habe, Julia. Es war eine schwere Zeit. Alles lief falsch ... Ich habe ihn verloren ... Als ich ihn wiederfand, war es bereits zu spät ... "

Mein Brief.

Ich erinnerte mich an jedes einzelne Wort. Ich hatte keine Kopie zu machen brauchen, denn ich prägte alle Worte meinem Gedächtnis ein, und dort waren sie noch immer, zusammen mit jedem einzelnen Detail, das Maximus betraf. Zusammen mit ein paar Küssen und Zärtlichkeiten und Worten, geflüstert hinter dem Vorhang eines Alkovens und in einem Badezuber, gefüllt mit warmem Wasser, duftendem Öl und Rosenblättern, aber vor allem zusammen mit den unausgesprochenen Gefühlen, die im Schweigen, zwischen diesen Worten, gebrannt hatten.

Es war ein förmlicher Brief gewesen, ein passendes Sendschreiben für eine verheiratete Frau an einen Mann, der nicht ihr Ehemann war, sehr höflich in der Wortwahl und in einer Handschrift so fließend und elegant wie das Oberschicht-Latein, das ich so gut beherrschte. Ich berichtete ihm von meiner Ankunft in Rom, meinen Studien, meiner Heirat mit einem wohlhabenden Mann, und ich dankte ihm angemessen und überschwenglich dafür, daß er mich zu einer Freigelassenen gemacht und so all dies ermöglicht hatte. Ich wollte ihm zeigen, daß ich mehr als nur schön sein konnte. Das ich mehr als nur eine Hure und Sklavin sein konnte. Das ich gebildet und kultiviert geworden war, eine Frau, die es wert war, die Gemahlin eines mächtigen und respektierten Mannes zu sein. Aber während ich dies schrieb, hatten mein Herz und meine Hand gebrannt vor Verlangen, ihm zu sagen, daß weder Freiheit noch Reichtum jemals ausreichen würden, um mich ihn vergessen zu lassen. Sie konnten nicht einmal die Leere in meinem Herzen mildern. Ich brannte vor Verlangen, ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebte, ihn brauchte und daß ich ohne ihn niemals ganz sein würde, denn er war die andere Hälfte meines Herzens und meiner Seele. Es verlangte mich danach, Maximus zu sagen, daß ich nur zusammen mit ihm dem ängstlichen kleinen Mädchen, das noch immer in mir lebte, Lebewohl sagen konnte, und auch der traurigen, einsamen Hure, die noch immer dicht unter der Oberfläche meines Seins existierte, denn nur zusammen mit ihm konnte ich heilen und mich reinigen und zu der Frau werden, die er hinter dem ängstlichen kleinen Mädchen und der traurigen, einsamen Hure gesehen hatte. ... daß nur mit ihm zusammen diese Frau in mir zum Vorschein kommen und erblühen würde.

Ich hatte all dies schreiben wollen, tat es jedoch nicht. Und trotzdem war zwischen den Zeilen alles dagewesen, und es hatte nur der Augen einer Frau - Olivias Augen - bedurft, um die Wahrheit hinter den förmlichen Floskeln zu sehen. Hatte er sie auch gesehen? Ich vermutete es. Das Feuer in seinen grün-blauen Augen war ein beredtes Zeugnis.

"Es tut mir leid, Julia", fuhr Maximus nach einer Pause fort. Der Brief kam zusammen mit meiner offiziellen Korrespondenz. Ich hätte ihn zurückverfolgen, nach Dir suchen sollen. Ich erinnerte mich nicht an Deinen Ehenamen, nur an den, welchen Du als Freigelassene angenommen hattest ... Wenn ich es versucht, mich wirklich bemüht hätte, dann hätte es möglich gewesen sein müssen, Dich ausfindig zu machen ... "

Ich streckte meine Hand über den Tisch und legte sie auf seine. Maximus' Hände waren groß und warm und kräftig. Die Hände eines Bauern. Die Hände eines Soldaten. Sie erinnerten mich immer an schwarze Erde und rotes Blut und Fruchtbarkeit. Nicht an die obszöne Fruchtbarkeit der Lupercalia *1, sondern an die der Erde und der Natur ... und an das Baby, das wir in einem bitter-süßen Traum zwischen uns gehalten hatten *2

"Ich konnte nicht ... ich habe keine Entschuldigung ... Das ist es, was ich Dir in der vergangenen Nacht erklären wollte... "

Ich lehnte mich zu ihm hinüber, hob die andere Hand und legte meinen Zeigefinger auf seine Lippen, machte seinen Entschuldigungen ein Ende. Seine Lippen waren weich und warm und ein wenig feucht.

"Schhhh, Maximus. Ist schon gut. Außerdem - ich schulde Dir eine Entschuldigung ... Du weißt schon ... für letzte Nacht ... "

Maximus schenkte mir ein flüchtiges Lächeln und nahm meine Hand in seine beiden Hände. Seine schwieligen Fingerkuppen fühlten sich rauh an auf meiner Haut, aber da war etwas so Beruhigendes an dieser Geste, und ich spürte, wie mich die angenehme Wärme seiner Hände umfing, während ich über seine bärtige Wange strich und sein festes Kinn mit dem Grübchen sanft mit meiner anderen Hand umschloß.

Einen langen, süß-melancholischen Augenblick verharrten wir so. Wir schwiegen, jeder versunken in seine eigenen Gedanken, und doch sprachen wir zu einander durch Hände und Augen, waren seltsam vertraut mit einander, ohne es als unangenehm zu empfinden. Es war friedvoll und befriedigend zugleich, und ich mußte mir unwillkürlich die Frage stellen, ob es dies ist, was jene, die damit gesegnet sind, zu lieben und geliebt zu werden, mit einander teilen.

Es war in der Tat so friedvoll, daß, als es an der Tür klopfte, keiner erschrak oder sich beeilte, die Hand des anderen loszulassen. Statt dessen wandten wir uns gleichzeitig der Tür zu, während ich dem, der klopfte, befahl einzutreten.

Athenodorus und Nicia kamen herein und verneigten sich respektvoll, dann baten sie um Erlaubnis, das Geschirr abtragen zu dürfen, falls wir unsere Mahlzeit beendet hätten. Ich drehte mich um, fragte Maximus, ob er fertig gegessen hätte, und stellte fest, daß er verlegen lächelte: unter Gesprächen, Erinnerungen und Bekenntnissen hatten wir eine beträchtliche Mahlzeit verdrückt. Ich kicherte wie ein junges Mädchen und wies Athenodorus an abzuräumen, dann bat ich Maximus, mir auf die Terrasse zu folgen. Als ich mich umdrehte, fiel mir mein offenes Haar in Wellen über den Rücken und hüllte mich ein wie ein Mantel. Ich hörte, wie mein  Verwalter überrascht den Atem anhielt. Auf dem Weg zur Terrasse mußte ich lächeln: seit ich seine Herrin geworden war, hatte er mich nie mit offenem Haar gesehen. Ich brauchte mich nicht umzuwenden, um mitzubekommen, wie seine Frau, die gleichzeitig meine persönliche Dienerin war, ihm für seine Indiskretion einen ordentlichen Fußtritt verpaßte.

Es war eine jener wundervollen Nächte, in denen die Sterne näher zu sein scheinen, ihr Glanz schier überwältigend  vor dem dunklen Samt des Himmels. Eine leichte, salzige Brise wehte vom Meer her und wiegte sanft die Blätter der Bäume und Büsche in den Töpfen, schuf ein flüsterndes, raschelndes Geräusch, das sich mit dem Rauschen der Brandung mischte.

Als folge er einem stummen, geheimen Ruf wandte sich Maximus von mir ab und ging zu der Marmorbrüstung, stützte sich mit den Ellbogen darauf und schaute angespannt in die Dunkelheit, lauschte dem Rauschen der rastlosen Wellen. Ich folgte ihm nicht, denn ich wußte aus eigener Erfahrung, wie faszinierend es sein kann, wenn man sich plötzlich in der Nähe des Meeres befindet. Er war Bauer und Soldat gewesen, Erde und Feuer waren seine Elemente - nicht das Wasser.

Statt dessen zog ich mir die Sandalen aus, lehnte mich bequem auf der Lesecouch, die ich unter einem Sonnensegel auf der Terrasse aufgestellt hatte, zurück und rekelte mich wie eine Katze.

"Wie weit ist es bis zum Meer?" fragte Maximus und drehte sich zu mir um.

"Überhaupt nicht weit", sagte ich und schlug die Füße übereinander. "Bei Tageslicht kannst Du es von hier aus sehen. Und in der Nacht wachst Du auf und hörst die Brandung. Es ist beruhigend."

Maximus kam zu mir hinüber, und nach kurzem Zögern setzte er sich auf die Couch und sah mich an. Ich mußte an ein anderes Mal denken, vor sechs Jahren, als er sich auf eine andere Couch gesetzt hatte. Ich hatte dort gelegen, berauscht vom Opium, daß man mir auf seinen Befehl verabreicht hatte, zutiefst erschüttert, nachdem ich meinen Herrn erstochen hatte.

"Manchmal gibt es Stürme, die einem Angst einjagen, und die dennoch von großer Schönheit sind. Ich lebe gern am Meer. Dies hier ist mein Lieblingsplatz in der Villa. Egal wie müde oder beunruhigt ich sein mag, bin ich erst einmal hier, dann dauert es nur wenige Minuten, bis ich mich entspanne und besser fühle."

"Kommt das häufig vor?"

"Daß ich her komme oder daß ich müde oder beunruhigt bin?"

"Beides."

Ich zuckte mit den Schultern.

"Mein Geschäft ist ziemlich groß und anspruchsvoll. Apollinarius ist mir eine große Hilfe, aber ich muß immer noch jeden Tag viele Stunden aufwenden, damit alles glatt läuft." Ich zuckte abermals mit den Schultern. "Bei meinem Gemahl lief alles wie von selbst, und er hat mich gut ausgebildet, aber ich habe das Geschäft noch erweitert, und heute ist es ein noch viel komplexeres Unternehmen. Es geht nicht nur um Schiffe und Werften, sondern auch um Fracht und Lagerhäuser, um das Einhalten von Verträgen und Zeitplänen. Außerdem fühle ich mich verantwortlich ... mein Gemahl hatte sein ganzes Leben dem Reedereigeschäft gewidmet und war sehr stolz auf das, was er erreicht hatte. Es war unerhört großzügig von ihm, alles mir und zwar mir allein zu hinterlassen. Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß alles auch weiterhin so läuft, wie er es gewünscht hätte. Und die Villa und der Haushalt bedürfen ebenfalls meiner Aufmerksamkeit ... "

"Er ist ziemlich groß, nicht wahr? Ich meine - Dein Besitz ... "

"Riesig ist wohl das passendere Wort. Er umfaßt nicht nur das Haus und den Garten und die Unterkünfte der Dienerschaft, sondern auch die Ställe und Wagenschuppen, die Werkstätten des Schmieds und des Zimmermanns, die Kornspeicher und Vorratshäuser, die Obstgärten ... Ich habe den Besitz noch weiter vergrößert durch einen kleinen Bauernhof, der uns mit Lebensmitteln versorgt, und sogar durch einen Fischteich. Würdest Du gern einen Rundgang machen?"

"Bist Du sicher, daß Du Deine Pflichten nicht vernachlässigst, wenn Du mich herumführst?"

"Ich habe bereits klar und deutlich gesagt, daß ich für niemand zu sprechen bin und man mich mit keinen geschäftlichen Dingen behelligen soll, solange Du hier bist. Morgen werde ich Dich herumführen."

Während ich sprach, hob ich die Hand und berührte die beeindruckende Zähne, die an seinem Lederband hingen, vermied es jedoch sorgsam, seine nackte Brust zu berühren, auch wenn ich es nicht verhindern konnte, daß seine Wärme auf mich überströmte.

"Welchem Tier haben die einmal gehört?"

Nachdem er den Bruchteil einer Sekunde gezögert hatte, sagte er: "Einem Wolf."

"Du trugst ein Lederband um Deinen Hals, als wir uns in Moesia zum erstenmal begegnet sind", sagte ich und befühlte weiter die furchteinflößenden, leicht gebogenen Zähne. "Ist es immer noch das gleiche? Du hast das, was daran hing, immer unter Deiner Tunika verborgen gehalten."

"Ja, das ist es ... Ich besitze diese Zähne schon seit vielen, vielen Jahren ... Sie haben meinem Bruder gehört ... "

Bei diesen Worten hob ich den Kopf und mein Blick begegnete dem seinen. Meine Augen waren vor Erstaunen weit geöffnet, sein Blick vorsichtig und zurückhaltend.

"Du hast einen Bruder?"

"Hatte. Er starb vor vielen Jahren."

"Das tut mir leid. War er älter als Du?"

Maximus seufzte und schien mit sich zu ringen, ob es klug sei, dieses Thema weiter zu verfolgen. Nach einem kurzen Moment traf er die Entscheidung.

"Jünger. Er starb, als er sechs war und ich acht. Sein Name war Julius."

"Julius?" Trotz des Anflugs von Traurigkeit in seiner Stimme mußte ich einfach lächeln. Maximus hatte einen Bruder gehabt, und sein Name war die männliche Variante meines eigenen gewesen.

"Julius Decimus Meridius. Er - nicht ich - hatte den Namen unseres Vaters geerbt, obwohl ich der Erstgeborene war."

Das war seltsam. Seltsam, weil gewöhnlich die ältesten Söhne den Namen ihrer Väter erhalten, aber auch Maximus hatte seinen einzigen Sohn nach dem Kaiser, den er liebte, benannt - Marcus. Maximus war ein ungewöhnlicher Name, und man konnte sich nur schwerlich vorstellen, daß ein bescheidener spanischer Bauer seinem Sohn nicht nur diesen Namen gab, sondern ihn auch bei demselben rief.

"Was geschah mit Julius?"

"Da war ein Feuer ... ich war nicht zu Hause ... Der Hof brannte nieder ... meine Eltern und Julius starben ... "

Es verschlug mir den Atem, als er mir die Tragödie seiner Jugend enthüllte, bei dem Gedanken an den Jungen, der er gewesen war ... vor wie vielen Jahren? Ich wußte nicht genau, wie alt Maximus war, aber er schien nicht mehr als zehn Jahre älter zu sein als ich ... ein wenig über Dreißig.

Ich schluckte hart bei dem Gedanken an den acht Jahre alten Jungen, der seines Heims, seiner Eltern und seines Bruders beraubt worden war, der sich ganz allein hatte durchs Leben schlagen müssen in einer Welt, in der weder für Frauen noch für Kinder, die allein sind, Platz ist.

"Du warst eine Waise?" flüsterte ich.

Maximus nickte. "Ein Großonkel nahm mich zu sich, und ich zog zu ihnen und lebte bei ihm und seiner Familie in einem anderen Teil Spaniens ... Ich blieb dort sechs Jahre lang ... Sein Hof brachte nicht so viel ein wie der meiner Familie, und er mußte neun Kinder ernähren ... Als ich vierzehn war, fuhren mein Großonkel und ich zum Markt, um etwas von den Erträgen zu verkaufen, und auf dem Weg dorthin kamen wir an dem Lager einer Legion vorüber ... Ich war nur ein Junge vom Lande, hatte niemals Soldaten gesehen ... ich hatte mir so etwas nicht mal in meinen kühnsten Träumen vorstellen können ... etwas so Herrliches .... Plötzlich bekam mein Leben einen Sinn. Ich wußte, daß dies mein Platz war. Ich kehrte zurück in dieses Lager und trat in die Armee ein ... Die Armee wurde meine Familie ... "

"Du warst einsam ..."

Maximus schaute durch mich hindurch, sein Blick glitt weit über die Terrasse und die marmorne Brüstung in die Ferne. Er schaute in die Nacht, als wolle er sie zwingen, ihre Geheimnisse preiszugeben. Als wolle er sie zwingen, ihm auf die Fragen zu antworten, die ihn seit seiner Kindheit gequält haben müssen.

"Es war nicht nur so, daß ich meine Eltern und meinen Bruder verloren hatte, sondern das Leben im Haushalt meines Großonkels war so ganz anders ... Ich war nicht ihr eigenes Kind ... Es war gut von ihnen, mich aufzunehmen. Er war der jüngere Onkel meiner Mutter, nur sieben oder acht Jahre älter als mein Vater ... Sie waren arm, und ich nur ein entfernter Verwandter. Meine Familie war klein. Sie waren die einzigen lebenden Verwandten, die ich hatte ... "

Er schwieg einen langen Augenblick, schien in seinen Gedanken und Erinnerungen versunken, und ich wagte es nicht, in diese Intimität einzudringen. Statt dessen gestattete ich ihm, seinen eigenen Rhythmus zu finden, beobachtete die Gefühle, die sich in seinen schönen Zügen deutlich widerspiegelten, seine gewöhnlich eiserne Selbstkontrolle war vergessen oder einfach hinweggefegt durch den lang zurückgehaltenen Schmerz.

"Diese Zähne waren der kostbarste Besitz meines Bruders. Mein Vater gab sie ihm, nachdem er einen Wolf, der unser Vieh riß, erlegt hatte. Normalerweise hätte er jedem von uns einen Zahn gegeben, aber Julius hatte sich das Bein gebrochen und langweilte sich, weil er nicht wie sonst spielen konnte, also beschlossen wir, ihm beide zu geben, um ihn ein wenig aufzumuntern ... " Maximus lächelte bei der Erinnerung an seinen lang verlorenen Bruder.

"Als ich auf unseren Hof kam, war das Feuer bereits erloschen ... und als die Asche genügend ausgekühlt war, durchsuchte ich sie nach etwas, irgend etwas, was von meiner Familie übrig geblieben war ... Ich suchte tagelang, konnte aber nur einen Zahn finden ... "

Er schaute weiter in die Nacht hinaus, aber ich sah das Glitzern in seinen Augen, und er blinzelte rasch die Tränen weg.

"Ich kehrte zu unserem Hof erst nach vielen, vielen Jahren wieder zurück. Ich war bereits Tribun und hatte lange Zeit in Germanien verbracht. Es war Zeit gewesen zurückzukehren. Als ältester Sohn meines Vaters war es mein Recht, den Hof für mich zu beanspruchen, und das tat ich auch. Damals fand ich auch den zweiten Zahn ... Er war die ganze Zeit dort gewesen, beinahe zehn Jahre verborgen unter der Asche. Der Regen mußte ihn freigewaschen haben ... "

Langsam wandte Maximus sich mir zu und schaute mir direkt in die Augen. Er hatte die Kontrolle über seine Gefühle wiedererlangt, aber seine Augen waren noch immer zwei Teiche voll grün-blauer Traurigkeit.

"Einst waren sie alles gewesen, was mir von meiner Familie und meinem Leben geblieben war ... und nun sind sie es wieder."

Ich setzte mich auf und berührte leicht seine Schulter, sehnte mich danach, ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten. Ich sehnte mich danach, den acht Jahre alten Waisenjungen zu trösten so gut ich es nur vermochte. Den traurigen Jungen, der noch immer in ihm lebte.

"Aber Du wurdest von einer Senatorenfamilie adoptiert ... "

Maximus tat die Bemerkung mit einer kurzen Handbewegung ab.

"Eine reine Formalität. Als ich zwanzig war, besuchte der Kaiser meine Legion in Germanien und ... etwas geschah, das meine Beförderung zum Zenturio bewirkte. Kurze Zeit später akzeptierte Marcus Aurelius die Bitte eines Senators, mich adoptieren zu dürfen. Sein Name war Marcus Licinius Marcellus, aber ich bestand darauf, meinen eigenen Namen behalten zu dürfen. Es gab ein wenig juristisches Hin und Her deswegen, aber ich verweigerte die Adoption unter anderen Bedingungen. Ich wäre lieber mein Leben lang ein Zenturio geblieben, als den Namen meiner Familie aufzugeben ... Ich hätte das Gefühl gehabt, daß meine Mutter und mein Vater und Julius ein zweitesmal getötet würden ... Wie ich bereits sagte, hatte ich keine weiteren lebenden Verwandten außer meinem Großonkel und meiner Großtante, und wir stammten aus verschiedenen gens (*). Nun, da mein Sohn tot ist, wird keiner meinen Namen weiterführen, wenn ich erst einmal bei ihnen sein werde ... "

Ich biß mir auf die Lippe, um ihn nicht nur nicht in meine Arme zu nehmen, sondern auch, um ihm nicht zu sagen, daß es nicht so sein müsse. Daß, wenn er es nur wolle, er eine zweite Chance haben könnte. Eine neue Familie. Daß ich bereit war, alles aufzugeben und ihm zu folgen, wohin immer er wollte. Daß ich ihm weitere Kinder schenken würde, Jungen und Mädchen, um seinen Namen weiterzuführen und unser Leben hell und glücklich zu machen ... Ich war niemals schwanger gewesen. Hatte nicht einmal den Verdacht gehegt, daß es so sein könne, wie das bei anderen Frauen, die ich gekannt hatte, der Fall gewesen war. Nun war ich weit über das Alter hinaus, in welchem man gewöhnlich das erste Kind bekommt. Aber ich war mir sicher - vollkommen sicher - daß ich ihm wenigstens ein Kind schenken könnte ... Das Kind, das er so notwendig brauchte und nach dem ich mich so sehr sehnte ...

"Man hatte mir das römische Bürgerrecht gegeben, damit ich in der Legion dienen konnte, anstatt zu den Hilfstruppen geschickt zu werden, wie man das mit einem Provinzler wie mir gewöhnlich tat. Aber ich konnte keinen höheren Rang als den eines Zenturio erlangen, und der Kaiser wollte, daß ich weiter aufstieg. Ich sah den Senator niemals wieder, und er starb vor einigen Jahren."

Maximus machte eine kleine Pause und rieb sich nachdenklich sein bärtiges Kinn.

"Als sein Adoptivsohn sorgte ich für seine Töchter und seine Witwe, gab ihnen zurück, was der Mann mir vermacht hatte und brach dann jede Verbindung zu der Familie ab. Es ist nicht so, daß ich nicht dankbar war, denn die Adoption hatte es mir erlaubt, General Maximus zu werden, aber ... seine Familie war nicht meine. Ich hatte einmal eine eigene Familie gehabt und sie verloren. Dann gründete ich eine andere ... und auch die wurde mir genommen ... "

Maximus' letzte Worte wurden von der sanften Brise fortgetragen, und er schloß die Augen.

"Der Kaiser liebte Dich, Maximus", sagte ich, versuchte ihn ein wenig zu trösten, ohne dabei heikle persönliche Dinge zu berühren. "Als wir über Dich sprachen, sagte Marcus Aurelius nicht nur, daß Du der Sohn seiest, den er sich immer gewünscht habe, sondern er sagte auch, daß er selbst Dich hätte adoptieren sollen ... "

Ich fügte nicht hinzu, daß Marcus Aurelius mir auch von seinem Angebot berichtet hatte, Maximus seine Lieblingstochter zur Ehe zu geben, daß dieser Lucilla jedoch zurückgewiesen hatte, weil es die Scheidung von Olivia bedeutet hätte. Auch nicht, daß es nicht eben schwer war zu erkennen, daß die Dame Lucilla ihn liebte, daß sie ihn seit ihrem achtzehnten Lebensjahr geliebt hatte. Maximus brauchte nicht zu wissen, daß ich es wußte, und ich wollte nicht, daß das Gespenst der königlichen, blassen Schönheit aus der kaiserlichen Loge sich wieder zwischen uns drängte. Es war schon genug, daß er bereit war zu sterben, um ihren Sohn zu schützen.

"Maximus, erinnerst Du Dich an Deine Eltern und Deinen Bruder?"

Er öffnete die Augen und schien einen Moment lang über meine Worte nachzudenken.

"Hauptsächlich erinnere ich mich an Einzelheiten ... " sagte er, runzelte die Stirn. "Die Stimme meines Vaters und sein Lachen ... Er lachte viel, und seine Stimme war tief, manchmal ein wenig polternd, aber er wurde niemals wirklich zornig ... Ich erinnere mich an seinen Geruch ... er roch immer nach Erde ... Die Erde in Tergillium (**) ist schwarz und fruchtbar, so ganz anders als alles, was ich je irgendwo gesehen habe ... gute schwarze Erde, dazu bestimmt, daß man sie pflügt und den Samen in ihre Furchen senkt ... "

Maximus preßte die Lippen zusammen und runzelte die Stirn stärker - als sei er ein Kind, daß versucht, sich an eine schwierige Lektion zu erinnern.

"Ich erinnere mich an meine Mutter, wie sie singt ... so unbeschwert ... und an meinen Bruder ... er war ein glückliches, lautes Kind ... "

Da war ein schwaches Geräusch bei den Pflanzenkübeln am anderen Ende der Terrasse, plötzlich schoß eine Fledermaus über den dunklen Himmel, schreckte vor dem Licht der Laternen und Fackeln zurück. Keiner von uns beachtete sie.

"Dicht neben der Haustür war eine Kletterrose. Sie hatte eine Unmenge rosafarbener, duftender Blüten ... das Fenster meines Schlafzimmers war ganz in der Nähe und im Sommer lag ich wach auf meinem Bett und konnte den Duft der Rosen riechen ... " Maximus schaute mich ernst an, in seinen Augen sah ich den sorglosen Jungen, der er einmal gewesen war, den traurigen Sohn, der Eltern und Bruder verloren hatte, den einsamen Jüngling und den starken und stolzen Mann. "... den Duft der Rosen und der Minze, die meine Mutter in ihrem Kräutergarten zog ... an mehr erinnere ich mich nicht ... "

Maximus seufzte. Ein langer, tiefer, zitternder Seufzer. Es mußte seit Jahren das erstemal gewesen sein, daß er über seine Familie gesprochen hatte. Vielleicht sogar das erstemal in seinem Leben. Trauer und Schuld schwankten in seinen Augen wie kahle Zweige im Herbstwind. Trauer über den Verlust. Schuld, weil er überlebt hatte. Trauer über die Leere, die der Verlust seiner Lieben hinterlassen hatte. Schuld, weil er sie nicht wieder lebendig machen konnte, nicht einmal in seiner Erinnerung. Aber immerhin besaß er etwas von ihnen, wenn es auch nicht mehr war als einige Laute und Gerüche und ein Paar Wolfszähne.

"Ich habe nie gewußt, wer meine Eltern waren ... ", sagte ich, erstaunt, es laut ausgesprochen zu haben. "Ich wuchs in Cassius' Villa zusammen mit vielen anderen Mädchen und Frauen auf ... Apollinarius hatte wenigstens einige Jahre zusammen mit seiner Mutter gelebt, bevor man ihn verkaufte ... "

Ich konnte fühlen, wie Maximus' Aufmerksamkeit sich verlagerte und auf mich konzentrierte. Wahrscheinlich war er dankbar für diese Ablenkung von seiner eigenen Geschichte.

"Ich bin eine reiche Frau, Maximus. Eine sehr reiche. Sogar eine mächtige Frau ... aber ich habe nichts. Keinen wirklichen Namen. Keine Vorfahren. Keine Erinnerungen. Keine Kinder."

Ich erhob mich ein wenig und legte die Hand auf seinen Unterarm, dann stellte ich Maximus die Frage, die zu stellen ich nie gewagt hatte. Nicht einmal Apollinarius.

"Maximus, glaubst Du, daß wir Römer sind, Du und ich? Echte Römer?"

 

(*) Gens: Lateinisch für "Familie".
(**) Tergillium: Lateinischer Name der spanischen Stadt Trujillo, in der heutigen Provinz Extremadura.
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*1 lupercalia     vgl. Kap.10. Die Verschwörung Anmerkung *1

*2                    vgl. Julias Tagebuch 1.Teil 8.Nachwehen und Maximus' zweite Verweigerung

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