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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Zwölftes Kapitel – Wenn Ängste zum Fluch werden |
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Es reut Anja, als diese geruhsame Woche vorbei ist und sie das friedliche Haus inmitten dieser harmonischen Landschaft gemeinsam wieder verlassen, um von Marseille aus über Paris nach Stuttgart zu fliegen, wie sie es mit ihrem Vater und Carla vereinbart hatte. Diese Tage wohliger Trägheit und Entspannung hat die junge Frau um so mehr genossen, da der Baron in der Einsamkeit der unendlichen Felder und Hügel, fernab vom Trubel der letzten Wochen, ihr allein zugetan war, abgesehen von der kleinen Leyla, die zeitweise wie eine Klette an ihm klebte. Während der Sommerwochen waren sie von Freunden und Bekannten Charlys umgeben gewesen, feierten mit den Leuten aus dem internationalen Jetset Partys bis in die frühen Morgenstunden, stellten sich während ihrer Einkäufe in den mondänen Metropolen der Gesellschaft, in modischen Designer-Geschäften und während ihrer Spaziergänge durch die besuchten Städte den Fotografen und Menschenmengen.
Für kurze Zeit war sie also gezwungen, in die Zivilisation zurückzukehren, bevor Ägypten wieder seine Tore für sie öffnete und Smaïn seine kleine Tochter erneut in die Arme schließen konnte. Er und Charly werden sich bald gegenüber stehen, die beiden Männer würden sich in die Augen sehen. Die beiden Männer, die die wichtigste Rolle in ihrem bisherigen Leben spielten, ihren Vater ausgenommen. Sie liebte beide und wurde von beiden geliebt! Ein gewisses Bangen konnte Anja nicht ganz verdrängen, man würde ja sehen....
Der beginnende Herbst mit seinen kühlen Tagen färbt die ersten Blätter in den weitläufigen Park- und Waldgebieten der Stadt Stuttgart gelb. Ein Ahnen steht in der Luft , die Erinnerung daran, dass der Sommer endgültig vorbei ist. Diese Septembertage sind noch von milder Luft erfüllt, Altweibersommer, wie man so sagt. Doch bald schon würden die kalten Windböen von der Nordsee her südwärts ziehen und den Menschen erneut das Frösteln lehren. Die Sonne verabschiedet sich täglich ein wenig früher, die Schatten werden rasch länger und am Morgen lässt der Feuerball auf sich warten, bevor er gnädig sein Licht vom Osten her sanft ausbreitet, um sich danach träge über den blauen Himmel zu wälzen, der nunmehr von durchziehenden, grauweißen Wolkenfeldern beherrscht wird. Anja spaziert langsam, mit auf dem Rücken verschränkten Händen neben Frédéric einher. Er hatte sie um diesen frühmorgendlichen Spaziergang gebeten und sie hat sofort zugestimmt, wissend, dass er ein wenig mit ihr allein sein wollte, was sie mit gemischten Gefühlen hin nahm. Natürlich hatte er seinen Grund dafür. Die Art, wie er Karl-Robert manchmal ansah, direkt oder auch, wie er glaubte, unbemerkt, machte sie unruhig und sie verfolgte besorgt jeden Blick ihres Vaters und sehnte eine klärendes Gespräch mit ihm herbei. Sie wollte ihm mitteilen, dass sie sich zu einem gemeinsamen Leben entschlossen hatten, sie gehörten zusammen, sie beide und Leyla, dessen war sie nun sicher. Gewiss, sie kannten sich erst seit knappen drei Monaten, doch in dieser Zeit hatten sie beinahe jeden Tag gemeinsam verbracht und glaubten sich gut genug zu kennen. Sie war sich ihrer Sache sicher! Vater müsste dies um so besser verstehen, denn als er ihre Mutter vor vielen Jahren kennen gelernt hatte, war es ebenfalls Liebe auf den ersten Blick gewesen, wie man so sagt. Ihr Vater, ein draufgängerischer Abenteurer, wurde angesichts ihrer schönen, aber kränklichen Mutter schwach wie ein junger Student, und er hätte alles für sie aufgegeben, hätte sie es nur von ihm verlangt. Die Situation war bei ihr und Charly völlig anders, sie waren beide finanziell unabhängig, gesund und lebensfroh, ohne große berufliche Verantwortung. Anja wollte ihre Kunst weiter ausüben, so hatte sie beschlossen. Sie hatten Zeit für ihre Liebe und auch die dazu nötige positive Lebenseinstellung um den fatalen Sprung zu wagen. Die Zeitungen sollten ihre „Hochzeit des Jahres“ bekommen! Sonst relativ kamerascheu, immer darauf bedacht, ihr Kind vor dubiosen Anspielungen oder Vermutungen zu schützen, wünschte sie nun, dass alle Welt an ihrem Glück teilhaben sollte! Sie hoffte, dass die Bilder ihres gemeinsamen Glücks die Leserinnen und einsamen Frauen dieser Welt, die eifrig das Privatleben der Leute des öffentlichen Lebens, zu welchen ihre beiden Familien zweifellos gehörten, verfolgten, ein wenig neidisch aufseufzen ließen. Sie vergönnte es ihnen gerne, ein Stück ihres Lebenstraumes mitzuträumen. Es würde sie dafür entschädigen, dass sie Leylas wahre Herkunft verschweigen hatte müssen, aber auch für ihre einsamen letzten beiden Jahre würde sie nun endlich diese wunderbare Wiedergutmachung des Schicksals erhalten!
Hier und da begegnen Frédéric und seiner Tochter vereinzelte Jogger oder Hundebesitzer, die diese frühen Morgenstunden zu einem geruhsamen, weiten Spaziergang nützen, in denen noch der Tau die Gräser zwischen den Bäumen des Silberwaldes, dieses Erholungsgebietes, benetzt und die erwachenden Singvögel in der fahlen Morgensonne ihre ersten Lieder trällern. Nachdem die beiden Spaziergänger den Wagen am Waldrand abgestellt haben, gehen sie schweigend einige Minuten nebeneinander her, jeder seinen eigenen Gedanken nachsinnend, bis Frédéric die Stille unterbricht und ohne dabei seinen Blick vom Waldweg, den sie beschreiten, zu nehmen zu sprechen beginnt: „Wir haben lange schon nicht mehr unter vier Augen gesprochen, Anja. Es hat sich viel geändert während dieser letzten Wochen.“ Er holt tief Luft und Anja spürt, dass es ihm nicht leicht fällt, damit anzufangen. „Ich wollte heute mit dir reden, weil ich befürchte, du machst dir etwas vor mit deinem Baron Falkenberg.“ Er macht eine Pause und Anja hatte befürchtet, dass so ähnliche Worte seinerseits fallen würden und ist auch nicht allzu sehr überrascht, auch wenn es ein wenig weh tat, den Vater dies sagen zu hören. Frédéric bleibt stehen, legt seine Hände auf ihre Schultern und blickt in ihre Augen, die ihn immer wieder schmerzlich an die verblassende Person seiner ersten Frau erinnern. „Ich gebe zu, er sieht gut aus und hat eine Art, die Frauen gefällt und sie schwach werden lässt“, fährt er fort, „aber sein Vorleben hat bewiesen, dass er außer den Lebemann zu spielen, keine Ambitionen hat, leider! Du selbst hast das am ersten Abend, anlässlich deiner Vernissage gleich erkannt, besser als ich. Heute bin ich klüger....“ Anja versucht ein Lächeln: „Ich glaube du bist ein wenig eifersüchtig, Papa, das ist alles! Aber niemand kann je deinen Platz einnehmen, das weißt du doch! Ich habe mich damals getäuscht in Charly. Er hatte den Draufgänger vor mir gemimt. Du selbst hast mich immerzu ermuntert auszugehen, Freunde zu haben, einfach jung zu sein. Jetzt ist es soweit, ich tue all das, was du dir für mich gewünscht hast und ich bin so glücklich dabei!“ Frédéric misst sein Kind von der Seite her, und ihr strahlendes Gesicht zu sehen, das in der milden Morgensonne unschuldig und naiv wirkt, ja, viel zu vertrauensvoll, schmerzt ihn. Seine Gesichtsmuskeln zucken unbeherrscht. „Ich will nicht lange herumreden, Anja, aber als ich merkte, wie sehr du dem jungen Mann zugetan bist, habe ich Erkundigungen über ihn eingezogen und mich weitgehend über ihn informiert!“ Anja bleibt abrupt stehen und sieht Frédéric in die Augen. Ungläubig fragt sie: „Du hast ihn bespitzelt? Du?“ „Nein, so würde ich es nicht nennen und ich schäme mich auch nicht dafür, schließlich geht es ja um meine Tochter, um dich. Was hast du denn erwartet? Liebe macht blind, das weiß jeder und du bist jung und unerfahren. Ja, du bist das beste Beispiel dafür. Auch wenn du bereits eine junge Mutter bist, hast du keinerlei Erfahrungen mit Männern, unnötig das zu bestreiten!“ fügt er fest hinzu. „Es ist normal, dass ich Bescheid wissen will über den Mann, den du zu lieben glaubst, wie ich befürchte!“ „Papa“, klagt Anja und jede Spur eines Lächelns ist aus ihren Zügen gewichen, „das sieht dir nicht ähnlich, dieses Misstrauen und die Vorgehensweise, die du angewendet hast, um im Vorleben eines Menschen zu wühlen. Ich will doch gar nicht wissen, was er vorher getan hat, er weiß von mir auch recht wenig, immer noch! Doch ich muss ihm endlich die Wahrheit sagen, wenn wir heiraten wollen!“ Fréderics gebräuntes Gesicht wird schlagartig grau und gegen jede Gewohnheit herrscht er seine Tochter an, während er sie bei den Schultern rüttelt: „Heiraten? Ja ist denn das die Möglichkeit? Du kennst ihn kaum und sprichst vom Heiraten? War das seine Idee?“ Der traurige Blick aus ihren Augen bestätigt seine Befürchtung. „Natürlich war es seine Idee! Weil ihm nämlich das Wasser bis zum Hals steht, diesem Bastard!“ Trotzig erwidert Anja seinen Blick: “ Wir haben uns gemeinsam dazu entschlossen“, lügt sie, „ er liebt mich und er liebt Leyla, das kannst du doch sehen, oder?“ „Was weißt du schon von Liebe, Anja, du bist zweiundzwanzig und hast noch nicht einmal deine Jugend genießen können. Ich kann es einfach nicht glauben, dass du dich an diesen Mann so klammerst, der außerdem viel zu alt für dich ist!“ Verzweifelt sucht Frédéric nach Gründen für seine Bedenken. Sie lacht leise aber unglücklich. „Ich tu es nicht gern, Papa, aber darf ich dich daran erinnern, dass du ebenfalls etliche Jahre älter warst als meine Mutter? Und meine Jugend genieße ich sehr wohl! Ich genieße jeden Augenblick davon mit Charly! Ich war noch nie so glücklich zuvor!“ „Darum geht es ja hier nicht“, wehrt Frédéric ab, „aber lass dir erst sagen, was ich über den ehrenwerten Baron in Erfahrung gebracht habe!“ Anja bedeckt impulsiv beide Ohren mit den Händen und wehrt ab: „Nein, ich will es nicht hören, Papa, es gibt nichts was uns auseinander bringen könnte, keine Frauengeschichten und auch sonst nichts, es ist mir egal!“ „Ich kann es nicht glauben, dass gerade du solchen Unsinn redest, Anja! Du hast für deine Jugend schon einiges hinter dir, wie kannst du nur so lebensfremd daher reden! Wenn es dir egal ist, was und wie er ist, dann denke wenigstens an Leyla! Du willst ihr einen Vater aufzwingen, ohne wirklich zu wissen, um welche Art von Mann es sich dabei handelt! Du glaubst ihn zu lieben, weil er dich vielleicht im Bett ausreichend befriedigt, aber das will ich gar nicht so genau wissen. Bitte, ich beschwöre dich, hör mir zu: es ist in wenigen Worten gesagt! Der Baron ist vollkommen bankrott und hat die Gläubiger seit Jahren am Hals! Das Schloss gehört zwar noch ihm, aber sicher nicht mehr lange! Die Wohnung in Monte Carlo ist zu horrenden Preisen die meiste Zeit im Jahr vermietet, was ihm einigermaßen hilft, für seinen Unterhalt aufzukommen, ebenso wie sein Pferd, das mit seinen Siegen wahrscheinlich den Porsche mitfinanziert. Die Ländereien sind so gut wie alle bereits verkauft, bis auf das Terrain, auf welchem sich der Golfplatz befindet. Doch auch dieser ist nicht mehr ausschließlich in seiner Hand, denn er war gezwungen eine Aktiengesellschaft aus dem Club zu machen. Einer meiner Betriebsleiter ist sogar einer der Aktionäre!“ Frédéric holt Atem und beobachtet Anjas Miene um die Wirkung seiner Worte abzuschätzen. „Der Baron ist nur mehr so etwas wie eine Aushängeschild für Hotelgäste!“ Wieder Erwarten ist seine Tochter völlig ruhig und gelassen, als sie ihm leise antwortet: „Ist das alles? Du hättest dir nicht soviel Mühe zu machen brauchen um mir das beizubringen, denn es ändert überhaupt nichts an meinen Gefühlen für Karl-Robert! Im Gegenteil! Er tut mir leid! Wenn er Fehler gemacht hat, dann nur, weil er ebenfalls ohne Mutter aufwachsen musste, wie ich auch.“ Sie hasst sich dafür, dass ihre Augen sich ungewollt mit Tränen füllen. „Ich werde ihm helfen seine Schulden loszuwerden und du wirst mich nicht daran hindern!“ Der entschlossene Blick dieser blauen Augen gibt Frédéric schlagartig zu verstehen, dass er gegen den Baron verloren hat. Seine Tochter würde sich nichts mehr überlegen, was ihre Heirat mit Karl-Robert anging. Der Baron hatte gewonnen und zwar auf der ganzen Linie! „Ich verstehe dich nicht, Papa!‘ fährt die junge Frau bitter fort: „Gerade du, der nie materialistisch eingestellt war und immer bereit ist, anderen zu helfen, gerade du siehst jetzt ein Hindernis in den finanziellen Schwierigkeiten, die der Mann, den ich liebe, hat, und versuchst damit einen Keil zwischen ihn und mich zu treiben? Ich kann das einfach nicht glauben!“ Ihre Stimme hat sich wieder gefestigt und sie versucht mit ihrem Blick, bis ins Herz des sie betrachtenden Mannes vor zu dringen, vielleicht um mehr darin zu lesen, als er ihr offenbart hat. „Hat er jemals jemand geschadet außer sich selbst vielleicht? Und wenn er mit Geld nie umgehen konnte, dann ist es auch nicht seine Schuld! Sein Vater hat sich seine Zuneigung erkauft, seit er klein war. Wie soll er den Wert des Geldes kennen, ich frage dich! Sei doch ein bisschen objektiv, Papa! Sieh, Leyla liebt ihn und Kinder haben bekanntlich ein Gespür für echte Gefühle!“ Frédéric macht eine resignierte, wegwerfende Handbewegung. „Er ist ein Blender, dein Karl-Robert, wie soll ein so kleines Kind dies erkennen! Ich will erst gar nicht von seinen Skandalgeschichten sprechen oder dieser eigenartigen Beziehung, die er zu dem armen, deutschen Mädchen hatte, das sich zu Tode gestürzt hat, denn ich sehe, dass ich keine Chance gegen ihn habe, aber bitte sage später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Du solltest mich soweit kennen, dass ich nicht die Absicht verfolge, dir Kummer zu bereiten, aber du musst verstehen, dass ich mir Sorgen mache um dich. Um dich und die Kleine,“ fügt er noch hinzu. Spontan umarmt Anja den um einiges größeren Vater und legt ihren Kopf an die glatte Fläche seiner sportlichen Lederjacke: „Papa, ich will nicht, dass du dich sorgst! Ich versichere dir, du irrst, wenn du glaubst, er hätte es auf unser Vermögen abgesehen. Er weiß so gut wie nichts darüber. Du hast keine Ahnung wie er zu uns ist, zu Leyla und mir. Ich kenne keinen aufmerksameren Menschen als ihn, außer dir natürlich, und er ist mein Leben!“ Frédéric wünscht in diesem Moment, dass alle Erkundigungen die er eingezogen hatte, falsch wären. Er könnte ja noch Details angeben, doch er unterlässt es, aus Angst, Anja könnte sich zu sehr von ihm distanzieren. Aber er würde ihn im Auge behalten, den Baron und seine Machenschaften! Wenn nicht er es konnte, dann würde er jemanden damit beauftragen! Auch mit Carla konnte er kaum über diese seine Sorgen sprechen, sie war dem Charme des Frauenhelden ebenso aufgesessen wie der Rest der Weiblichkeit in seiner Familie! Er hatte ihr seine Bedenken mitgeteilt und um dem Gespräch nun einen guten Ausklang zu geben, erwidert er mit einem schiefen Lächeln: „Muss dich dein alter Vater dann mit Frau Baronin ansprechen?“ Anja lacht herzlich: „Nein, das kannst du unterlassen, aber nur, wenn du mir versprichst, dass du Karl-Robert gut behandelst und ihm eine Chance gibst, eine echte!“ Was bleibt Frédéric schon anderes übrig, als schweigend zu nicken und ihre Stirn zu küssen, während beide wieder zu dem geparkten Auto zurückwandern, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend.
*****
Kairo dämmert in einer Smogglocke vor sich hin. Die Luft über den Dächern und Lehmhütten der Stadt flimmert unruhig in der Hitze. Während das Taxi seine Insassen zum Hilton Hotel bringt, ist die Stadt erfüllt vom tausendfachen Hupen der Fahrzeuge, den Rufen und Schreien der Fußgänger und Autofahrer. Wer glaubt, das Fürchten nicht zu kennen, der sollte in Kairo Autofahren! Das Taxi fährt die Niluferstrasse entlang in Richtung Andalusischer Garten, vorbei an den auf Eseln reitenden Männern und verschleierten Frauen, die Einkäufe und Krüge auf dem Kopf balancieren und hält schließlich vor dem Hilton an, um die Fahrgäste aussteigen zu lassen und natürlich, sittengemäß, um einen kleinen Zuschlag des ausgemachten Fahrpreises zu feilschen. Zwei Hotelangestellte eilen herbei und nehmen die Koffer der Gäste in Empfang, während Anja auf Arabisch dem Fahrer zu verstehen gibt, dass der ausgemachte Preis ohnehin schon überhöht war. Als der ägyptische Fahrer die Frau in seiner Landessprache verhandeln hört, grinst er bis zu beiden Ohren, grüsst und fährt von dannen. Sie beziehen die reservierte Suite und lassen einen leichten Imbiss kommen. Der Getränkeschrank ist gefüllt mit kalten, alkoholfreien Erfrischungen und Leyla trinkt gierig das Glas Orangensaft, dass ihre Mutter ihr reicht. Die Klimaanlage im Zimmer ist ziemlich hoch eingestellt und Anja dreht sie einige Grade zurück, ängstlich darauf bedacht, dass ihre Tochter sich keine Erkältung durch den krassen Temperaturunterschied zuzieht.
Charly entledigt sich seines verschwitzten T-Shirts und verschwindet im Badezimmer, während Anja ihre wenigen, heiklen Kleidungsstücke aus dem Koffer nimmt um sie in den eingebauten Schrank zu hängen. Dann lässt sie sich auf das große Doppelbett fallen und schließt die Augen, während Leyla sich über die Fernbedienung des eingebauten Fernsehgerätes her macht. Heute abends würde Smaïn zu ihnen stoßen, sie würden gemeinsam zu Abend essen und er würde Charly genau ins Auge fassen. Sie war sich fast sicher, dass ihr Vater mit Smaïn telephonisch über den Anwärter seiner Tochter gesprochen hatte, und obwohl ihr viel an der Meinung des Ägypters lag, wollte sie sich keinesfalls beeinflussen lassen von seinen Bedenken, sollte er solche hegen. Am Wochenende wollten sie nach Assuan weiterfliegen und Smaïn würde Mitte der Woche nachkommen und von dort aus die Unterlagen zu verschiedenen Ausgrabungsprojekten prüfen, bei welchen ihn man um seine Mitarbeit in naher Zukunft gebeten hatte. Sie selbst würde Charly diesen Landstrich an der Grenze Nubiens zeigen, sie würden durch die Wüste reiten und das Ufer des Sees entlang und sie würden überlegen, für welchen Zeitpunkt sie ihre Eheschließung planen sollten. Sie waren sich darüber einig, keine Zeit verlieren zu wollen und ihre Liebe vor aller Welt zu besiegeln.
Der geschulte Oberkellner des Hotelrestaurants weist den Dreien einen angenehm gelegenen Tisch zu, unweit der großen Glaswände, die einen Blick auf das im Dämmerlicht liegende Kairo gestatten und umrahmt sind, von exotischen Grünpflanzen. Während sie bei einem Drink auf die Ankunft des Ägypters warten, und schweigend das Restaurantpersonal ihre Arbeit verrichtet, dringt angenehm leise orientalische Musik aus verdeckten Lautsprechern und Anja widmet sich den Essenswünschen ihrer Tochter. Hier in Ägypten spricht auch sie arabisch mit dem Kind. Sie liebt diese Sprache sehr und freut sich über jede Gelegenheit sie anwenden zu können. Leyla ist recht sprachbegabt und spricht bereits problemlos Deutsch und Französisch, aber auch die Sprache ihres Vaters beginnt sie immer rascher und flüssiger zu sprechen, worüber Anja sich freut. Sie wird immer darauf bedacht sein, das Leyla ihre Wurzeln nicht leugnete und stolz auf ihre Herkunft war, so stolz wie auch sie auf dieses kleine Mädchen ist! An die Vorstellung, sie hätte Leylas Geburt verhindern können, daran mochte sie niemals denken und sie war für jedes Lächeln ihrer Tochter dankbar, das sie als Bestätigung für ihre Entscheidung wertete. Lächelnd wandert ihr Blick zum Entree des Salons, als sie Smaïns gewahr wird, der sich mit einem hellen Leinenanzug bekleidet nach ihnen Ausschau hält. Als er vor ihnen steht und sich mit einem höflichen, aber ausdruckslosen Lächeln dem Baron vorstellt, hält Anja unmerklich die Luft an. Charly erwidert den festen Händedruck und ein charmantes Lächeln umspielt seinen Mund. „Papa!“ der Ausruf seiner kleinen Tochter lässt das Gesicht des Ägypter aufleuchten und er streckt dem kleinen Fräulein beide Arme entgegen, in welche sich das Kind wirft um ihren schmalen, lockigen Kopf an seine Brust zu drücken. „ Ich sitz auf deinem Schoss,“ verkündet sie entschlossen in der Sprache ihres Vaters und Smaïn küsst Anja auf die Stirn. Diese hat Angst, man könnte das laute Pochen ihre Herzens bis zum Nachbartisch hören. Sie setzen sich alle wieder an den Tisch und Anja betrachtet Smaïn diskret und nachdenklich von der Seite. Er erscheint ihr älter, müder, doch das war sicher eine Täuschung. Sie war die entspannten, glatten Gesichtszüge des Barons gewohnt und verglich im Unterbewusstsein Gott und die Welt mit seiner Erscheinung. Ohne sein genaues Alter zu kennen, musste der gute Freund schon einige Jahre über die Fünfzig sein, wie auch ihr Vater. Er sah immer noch sehr attraktiv aus, was teilweise seine Größe und Haltung ausmachten, stellt Anja fest, und andererseits diese dunklen, ebenmäßigen Züge, die er an sein Kind weitergegeben hatte. Sein dichtes Haar begann stellenweise zu ergrauen, was jedoch seinen mysteriösen Charme noch akzentuierte. Nicht verwunderlich, dass mancher Frauenblick ihm während seines Ganges durch den Speisesaal gefolgt war. Anja wird kurz aus ihren Gedanken gerissen, als der Kellner die Bestellung aufnimmt und ihre Unruhe legt sich allmählich. Die beiden Männer sprechen Französisch, das Charly gut beherrscht und tauschen Höflichkeitsfragen aus, die der wortgewandte Baron ohne Schwierigkeiten beantwortet, um sich seinerseits über Smaïns Arbeit zu informieren, die politische Lage und auch die wirtschaftliche dieses Landes. Im Laufe des Abends kann Anja trotz aller Bemühungen keinerlei Reaktion im Gesicht des Orientalen feststellen und brennt darauf, mit ihm kurz allein zu sein, was schließlich auch geschieht, als Charly sich entschuldigt, eines wichtigen Anrufes wegen, den er noch tätigen müsse. Anja hatte ihm nichts von dem Gespräch, das sie mit ihrem Vater geführt hatte, erzählt, aus Angst, er könne es schlecht auffassen und ihrem Vater dessen Zweifel nachtragen. Alles was sie wollte, war Harmonie und gegenseitiges Verstehen aller sie umgebenden Menschen.
Als Charly den Saal verlassen hat und Leyla bereits müde auf dem Sessel hin- und herrutscht, blickt die junge Frau dem Freund direkt in die unergründlichen Augen: „Und?“ „Was willst du hören?“ fragt der Mann vorsichtig. „Er sieht gut aus, kein Zweifel und er kann gut reden. Mehr kann ich nicht dazu sagen! Und du bist verrückt nach ihm, das kann man sehen! Aber bist du deiner Sache auch sicher?“ Sie nickt: „Ganz sicher! Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, glaub mir!“ Er sieht sie schweigend an und Anja stellt die quälende Frage: „Hast du mit meinem Vater gesprochen?“ Er nickt: „Er macht sich Sorgen, dein Vater! Nicht unbegründet! Hast du mit deinem Bräutigam schon über seine Finanzen gesprochen oder lässt er dich immer noch in dem Glauben, vermögend zu sein?“ Sofort ergreift sie seine Verteidigung: „Er hat nie behauptet vermögend zu sein! Ich finde es einfach widerwärtig über Geld zu sprechen. Aber ich werde ihm auf jeden Fall helfen, aus den Schwierigkeiten zu kommen!“ „Da wird dir auch nichts anderes übrig bleiben“, kommt die etwas sarkastische Entgegnung, „denn erst einmal mit ihm verheiratet, bist du auch vom gesetzlichen Standpunkt aus mitverschuldet!“ Trotzig entgegnet Anja: „Wenn dies der einzige Preis ist, den ich für mein Glück zahlen muss, dann ist er nicht hoch! Oder ist der Wert eines Menschen auch für dich mit Geld messbar?“ „Sei nicht kindisch Anja und tu nicht so, als ob du mich nicht verstehen würdest. Geld und finanzielle Not waren für dich nie ein Thema! Den Göttern sei dank, dass du nicht weißt, was Not bedeutet! Aber ich kenne deinen Gedankengang und du verdrängst ganz einfach die Angst, es könnte doch etwas Wahres daran sein und der Baron suche nur seinen materiellen Vorteil in Eurer Beziehung, daher das Drängen auf rasche Heirat!“ „Nein“, erwidert sie leise, „Du irrst, ich habe keine Angst! Was soll passieren? Dass er mich wieder verlässt? Das wird nicht geschehen, wir passen in jedem Fall zusammen, jede Minute mit ihm ist eine Bereicherung meines Lebens!“ Smaïn seufzt und meint gelassen: „Das ist schön für euch und ich hoffe, du wirst glücklich mit ihm und dein Vater täuscht sich. Die Zukunft wird es zeigen. Ich werde es in deinem Gesicht lesen, ob er dich glücklich gemacht hat und du wirst mir nichts vormachen können, und ob es anhält, dieses so herbei gesehnte Glück, denn wehe ihm, wenn es anders kommt, als du es dir erträumst!“ Die dunkle Falte auf seiner Stirn glättet sich, als er hinzufügt: „ Aber ein bisschen warten hättest du schon können, bevor du dich zu diesem wichtigen Schritt entscheidest!“ „Ich bin mir so sicher, warum warten?“ Fast flehentlich spricht sie diese Worte, um Zustimmung heischend und Verständnis aus. „Lass dich nicht von meinem Vater beeinflussen, er ist nur eifersüchtig, jedoch grundlos, denn er wird doch immer mein geliebter Papa bleiben, doch da dürfte er nicht ganz durchblicken!“ „Da kennst du ihn schlecht, denn er blickt besser durch, als dir lieb ist! Weiß dein Geliebter von uns beiden und Leyla?“ Das Wort „Geliebter“ aus Smaïns Mund zu hören, verursacht ihr ein eigenartiges Gefühl von Verlegenheit und Wehmut. Erschrocken blickt sie zum Eingang und sagt schnell, als sie sich davon überzeugt hat, dass Charly noch nicht in Sicht ist: „Nein, einstweilen nicht! Ich werde es ihm sagen, aber ich habe Angst vor der Öffentlichkeit und den bösen Zungen und auch davor, dass er dir gegenüber voreingenommen hätte sein können. Er glaubt, Leyla hält dich nur für ihren Vater, was ist denn schon dabei?“ Schweigend und ernst blickt der Mann bis auf den Boden ihrer Seele: „Meinst du, er würde dich weniger lieben, wenn er es wüsste?“ Anja schüttelt entschlossen den Kopf: „Charly ist modern und großzügig und er liebt die Kleine wirklich, das kannst du mir glauben! Aber du selbst wolltest dieses Geheimnis für immer zwischen uns bewahren, weißt du es nicht mehr?“ „Doch“, erwidert er ruhig, „aber die Situation hat sich geändert und Leyla wird älter. Willst du, dass auch sie eines Tages von Fremden zu hören bekommt, du seiest nur ihre Adoptivmutter und ich ein mitleidiger Freund, der sie in dem Glauben ließ, ihr Vater zu sein?“ „Natürlich nicht! Das wird nicht geschehen! Sie soll stolz auf ihre Eltern sein, auf ihren Vater!“ „Dann bekenne dich endlich zur Wahrheit, Anja, auch wenn die Presse dich erst einmal in der Luft zerreißt, du bist stark genug und kein ängstlich schwaches Wesen, das sollte auch dein Vater endlich erkennen! Leyla versteht ohnehin noch nicht, was man da schreibt und redet über sie oder ihre Familie! Wovor hast du also Angst?“ Sie nickt zustimmend: „Du hast recht, ich muss endlich reinen Tisch machen, das bin ich euch beiden schuldig! Sollen sie ihren Fraß haben, diese Geier von der Presse. Mich kann nichts mehr belasten, ich bin nicht mehr allein!“ Es sollte nicht anklagend klingen, doch Smaïn horcht auf und entgegnet eindringlich: „Das warst du nie, Anja, das weißt du! Und ist es dir so erschienen, dann weil du es gewollt hattest. Ich hätte dir beigestanden, jede Minute, die du dich allein gefühlt hast, während du unser Kind in dir getragen hast und auch danach. Dein Glück stand für mich immer an erster Stelle, auch wenn es dir nicht so erschien!“ Anja blickt unter gesenkten Wimpern zu ihm hoch und beschwichtigt seine leidenschaftliche Rede: „Das war nie ein Problem für mich, das solltest du wissen! Ich habe immer gewusst, was ich wollte und weiß es auch jetzt!“ „Dann sollten wir es dabei belassen, Anja. Aber warte nicht wieder neun Monate lang, wenn du Sorgen hast und dich jemandem anvertrauen willst, versprochen?“ Sie nickt erleichtert und blickt zu Charly, der sich vom Chefserveur Feuer geben lässt, um dann gemächlich zum Tisch zurück zu schlendern. „Na, wie ist das Urteil ausgefallen?“ fragt er spaßeshalber und blickt Anja in die Augen, die verlegen errötend den Blick senkt. Doch Smaïn kommt ihr zur Hilfe: „Es gibt kein Urteil, lieber Baron, machen sie sie glücklich, mehr will niemand von Ihnen!“ Charly legt seinen Arm Besitz ergreifend um Anjas Schultern und grinst versöhnlich: „Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, mein Lieber! Sie ist bei mir in guten Händen!“ Mit verschlossener Miene erhebt sich der Ägypter und wünscht allen eine gute Nacht. Der nächste Tag würde wieder aufreibend werden auf der unterirdischen Baustelle. Er trägt selbst das schlafende Kind in das Einzelzimmer der Suite um sich selbst dann ebenfalls zurückzuziehen. Diese Nacht liebt Charly Anja mit einer fast animalischen Leidenschaft, so als würde er damit sein Terrain festlegen und besiegeln und auch ihr auf diese Art klarmachen wollen, dass sie sein Besitz sei und er keinen anderen Mann mehr in ihrer Nähe dulden würde. Ihre Ergebenheit gegenüber seinen leidenschaftlichen Handlungen grenzt an Hörigkeit. Doch wie sollte sie dies erkennen, wo die beiden Männer ihres Lebens, Frédéric und Smaïn, bei allem was sie taten, nur an sie dachten und sich selbst an zweite Stelle setzten?
Anja besucht mit Charly und dem Kind die gewaltigen Pyramiden von Gizeh und Leyla reitet auf einem Kamel. Sie hat das Kind in eine kleine, weiße Galabija gehüllt, ihren Kopf ebenfalls damit bedeckt und das dunkelhäutige Mädchen unterscheidet sich in nichts von den Kindern des Landes, die sie umringen und versuchen, kleine Statuetten und Andenken an den Mann zu bringen. Sie treffen Smaïn spätabends während des Essens, und besprechen ihren Aufenthalt in Assuan wohin sie am nächsten Morgen fliegen wollen. Das kleine Firmenflugzeug wird sie die knappen 800 Kilometer nach Assuan bringen. Smaïn wünscht den Dreien einen schönen Aufenthalt und einen guten Flug, als er sich verabschiedet, und sein Blick noch lange an ihr hängen bleibt. Auch, als sie sich umwendet, um den Lift zu besteigen, der sie in das Stockwerk ihrer Suite bringen soll, blickt er ihr immer noch schweigend nach. Anja findet Smaïns Betragen eigenartig, sollte er doch in einigen Tagen nachkommen. Er benahm sich, als sei dies ein Abschied für immer. Dabei würden sie doch noch mehrere unterhaltsame Abende miteinander in dem weißen Haus von Assuan verbringen. Er würde Charly besser kennen lernen und auch schätzen, davon war sie überzeugt. Sie hatte auch den Abschiedskuss, den er Leyla gab, als besonders herzlich, fast verzweifelt gefunden, sie sahen ihm nicht ähnlich, diese übertrieben emotionellen Gesten. Glaubte er, sie an Charly verloren zu haben? Seine Tochter vor allem? Wie konnte man einen Vater ersetzen, absurd! Vielleicht wurde der Freund doch allmählich alt....
Der Flug nach Assuan ist wie immer ein Erlebnis. Sie überfliegen das grüne Delta des Flusses mit seinen fruchtbaren Feldern und den kleinen, einfachen Dörfern, und der Pilot hält sich an den Lebensspendenden Fluss, der sich unter ihnen durch die Wüste bis zum Stausee dahin zieht, stromaufwärts, bis weit in das Herz des schwarzen Kontinents mit seinen Mysterien und Legenden.
Leyla erobert, wie jedes Mal, das Herz der Bediensteten, vor allem jenes des alten Ibrahim, der sie lächelnd, mit einer Verbeugung, begrüßt. Während man Charly neugierig, wenn auch verstohlen an ihrer Seite misst, nimmt das Kind wie ein Wirbelwind Besitz von dem Haus. Anja führt Charly durch die Räume des palastartigen Anwesens und durch den gepflegten Garten von welchem aus man auf den See hinaus blickt. Ihm gefällt es anscheinend besonders gut, denn ein zufriedenes Lächeln umspielt seine Lippen und in seinen goldfarbenen Augen spiegelt sich die Sonne wieder und Anja spürt, wie warm ihr ums Herz wird. „Es gefällt dir?“ fragt sie und schmiegt sich zärtlich an seinen braunen Körper, der nur in weiten, weißen Leinenhosen und einem ärmellosen, gleichfarbigen T-Shirt steckt. Er blickt auf den weiten, spiegelglatten See und schiebt die dunkle Sonnenbrille von der Stirn auf die Nase, um seine Augen vor der grellen Sonne zu schützen. Eine Hand lässig in der Hosentasche, umfasst er mit dem rechten Arm ihren schlanken Körper und hält sie fest. „Es ist traumhaft“, erwidert er, ohne den Blick vom See abzuwenden, „es ist dein Schloss und du bist die verführerischste Schlossherrin, die ich je kennen gelernt habe.“ Sein Kuss überzeugt sie von der Aufrichtigkeit seiner Worte.
Während Ibrahim sich um die kleine Leyla kümmert, ihre Schwimmversuche im Pool überwacht und ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, reitet Anja mit Charly durch die Wüste, durch die Granitsteinbrüche oberhalb der Stadt. Sie zeigt ihm auch die Oase inmitten der Berge, ohne ihm allerdings zu erzählen, dass Leyla hier, gerade an diesem Ort gezeugt wurde, in einer sternklaren Vollmondnacht. Die Erinnerung an ihre Liebesnacht mit Smaïn verliert an der Seite des Geliebten an Kraft und Intensität, er erfüllt nun ihr Sein und Denken und ihr ist, als wäre ihr bisheriges Leben nur eine Art Vorbereitung gewesen. Die Vorbereitung auf diesen Mann, diese Begegnung und ein Leben an seiner Seite.
Niemand kann in dieser harmonischen Welt, dort wo Gott Re persönlich Zuhause ist, um morgens aufzuerstehen und mit seinen Strahlen und Flammen das Land am Nil erneut in gleißendes Licht zu tauchen, wissen, welche Götter der Unterwelt die Tragödie des 12. Oktober 1992 heraufbeschworen haben. Es mochte der Herr der Finsternis, Seth, der Brudermörder, selbst sein, der Kairo und das Land bis zu den Pyramiden erbeben lässt, sodass die Erde Mensch und Tier verschlingt. Die Erdbewegungen werden auf der Richterskala mit einer Stärke von 5,9 gemessen und das Zittern von Wänden und Häusern schwillt zu einem furchtbaren Beben, das immer mehr an Heftigkeit zunimmt und den Boden unter den Füssen zum Schwanken bringt, an. Lehmhäuser wie auch moderne Gebäude mit stabilen Mauern krachen gleich Kartenhäusern zusammen, während von den herabstürzenden Fassaden zerbrochene Glasscheiben, hagelgleich und todbringend auf die flüchtenden Menschen stürzen.
Es ist ein Dienstag und die Ortszeit zeigt 15.20 Uhr, als die Erde zu beben beginnt. Kinder verlassen zu dieser Zeit zu Tausenden die Schulgebäude, Hunderte davon werden unter den Trümmern der herabstürzenden Mauern begraben! Das Schreien der angsterfüllten Menschen mischt sich mit dem Gebrüll der Tiere, Esel und Pferde, die das Gleichgewicht auf der schwankenden Erde verlieren und zusammenbrechen, verzweifelt darum bemüht, wieder hochzukommen, niedergedrückt von ihren Lasten und Karren und überrannt von panisch fliehenden Menschen. Als die Erde sich beruhigt hat, herrscht sekundenlange Stille. Die Luft ist von Staub geschwollen, an manchen Stellen der Strassen im Zentrum sind Feuer ausgebrochen und Kinder stehen weinend an den Straßenecken oder sitzen inmitten der herabgestürzten Steinbrocken und Ziegeln und rufen nach ihren Eltern, die entweder fluchtartig das Weite gesucht haben, oder aber bereits unter den Trümmern verschüttet liegen. Erst glauben sie alle an ein Attentat, das von extremistischen Terroristen durchgeführt worden ist, doch als die Überlebenden sich umblicken und das Ausmaß der Verwüstung erkennen, wissen sie, dass dieser Schrecken nicht von Menschenhand ausgelöst wurde, sondern eine höhere Macht seine Hand im Spiel gehabt hatte. Das starke Erdbeben fordert insgesamt mindestens 540 Tote, genau kann man später die Zahl der Opfer in dieser hoffnungslos überfüllten Metropole mit der größten Bevölkerungsexplosion Afrikas nicht wirklich bestimmen. Abertausende von Menschen sind verletzt, manche werden für ihr Leben lang körperbehindert sein, aber wer kann diese riesige Dunkelziffer schon jetzt erahnen?
Als Frédéric, der sich immer noch in Deutschland aufhält, etwa eine halbe Stunde nach Ausklingen des Bebens die Schreckensmeldung bekommt, ist sein erster schrecklicher Gedanke: ‚Wo ist Anja?’ Als er sich entsinnt, dass sich diese mit ihrem Begleiter und dem Kind seit zwei Tagen in Assuan aufhält, wird er schwach vor Erleichterung, jedoch nur für einige Sekunden lang. Seine Leute, die in wenigen Tagen die Arbeit in dem sich derzeitig noch im Bau befindlichen U-Bahn-Schacht beenden sollten, waren immer noch in Kairo, mit Smaïn an ihrer Spitze. Mit zittrigen Fingern wählt er die Nummer des Firmenbüros in Kairo. Die Leitungen sind tot, ein eigenartiges Surren erfüllt die Leitungen, dann Stille... Er unterbricht den Kontakt und ruft in Assuan an. Nachdem er sich zweimal verwählt hat, hört er endlich die Stimme Ibrahims und mit wenigen Worten erfragt Frédéric, ob alles in Ordnung sei. Ibrahim bejaht die Frage, das Paar sei ausgeritten und Leyla helfe dem Gärtner bei der Arbeit. Frédéric sieht praktisch das gutmütige Grinsen des alten Ägypters vor sich als er davon erzählt. „Und Smaïn?“ fragt er, während Wellen der Erleichterung über ihn hinweg gleiten. Den würde man erst am nächsten Tag, abends erwarten, lautet die Auskunft. Frédéric erkennt, dass man in Assuan anscheinend noch nichts von dem schrecklichen Unglück in Kairo erfahren hat. Abermals presst Angst ihm die Luft ab. Mit einigen Worten erklärt er, was passiert ist, und er kann das Entsetzen des alten Mann am Ende der Leitung ganz deutlich nachempfinden. „Ich werde mich melden, sobald ich Neuigkeiten habe!“ verspricht ihm sein Boss, „und ich nehme den nächsten Flug, denn ich bekommen kann, wir bleiben in Verbindung!“ Als die beiden Heimkehrenden den alten Mann vor dem Hause laut betend und auf den Knien liegend vorfinden, das Gesicht gegen Mekka gewandt, wissen sie sofort, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein muss, da die Stunde des Gebetes noch nicht angebrochen war. Mit klagender Stimme erzählt der Ägypter von der schrecklichen Strafe Allahs, die über Kairo hereingebrochen ist und Anjas Puls beschleunigt sich unweigerlich, während eine dunkle Vorahnung ihr das Herz in der Brust zusammenpresst. Sie versucht, mit ihrem drahtlosen Telefon den Vater in Stuttgart zu erreichen, doch vergeblich, dieser hat bereits eine Privatmaschine gechartert um so rasch wie möglich nach Ägypten zu fliegen, und sich vom Ausmaß der Katastrophe persönlich überzeugen zu können. Auch Anja kann nichts anderes tun, als verzweifelt vor dem Fernseher zu sitzen und die Meldungen mitzuverfolgen, geschockt angesichts der schlimmen, grausamen Bilder, die ihr die Verwüstung und das Elend dieser Naturkatastrophe zu Bewusstsein bringen. Gegen Mitternacht kommt der ersehnte Anruf Frédérics und schon an dessen gebrochener Stimme erkennt sie, dass er ihr die schlimmste Mitteilung zu machen hat, die sie erwarten konnte: Smaïn befand sich unter den zahllosen Opfern. Bei dem Versuch, die letzten seiner Leute aus dem Tunnel zu lotsen, wurde er von plötzlich einbrechenden Betonwänden des Schachtes erschlagen und war auf der Stelle tot. Sonst waren keine Opfer, die für die Firma arbeiteten, zu beklagen. Doch diese letzte Phrase hört Anja bereits nicht mehr, denn der Telefonhörer ist ihrer Hand entglitten und sie hört wie aus weiter Ferne Charlys Stimme, der den Hörer aufnimmt und dem erschütterten Mann in Kairo antwortet: „Anja fühlt sich nicht gut. Sie hören von uns, Frédéric, keine Sorge, ich pass’ auf sie auf!“ Zusammengesunken sitzt Anja auf dem Sofa, den Oberkörper nach vorne gebeugt, umschlingt sie ihn mit ihren eigenen Armen und wiegt sich langsam vor und zurück. Tränen benetzen ihre Wangen und ein lautloses Schluchzen lässt ihren Körper erzittern. Charly umfasst sie und schüttelt sie leicht: „Anja, fass dich wieder, Anja, komm zu dir!“ Erst als er sie an Leyla erinnert, sieht sie ihn an. Erst wie einen Fremden, dann als sie in die Realität zurückgefunden hat, weint sie laut auf und befreit sich gewaltsam aus seiner Umarmung, um in das Kinderzimmer des Mädchens zu stürzen, das sie verschlafen und ängstlich mit großen Augen ansieht. Wohl ahnt es instinktiv, dass etwas Ungewöhnliches passiert sein musste, und dass nichts mehr so sein würde, wie je zuvor in seinem jungen Leben. „Sag es ihr nicht!“ fordert der Baron eindringlich, der ihr gefolgt war. „Sie versteht es nicht und jetzt nimm dich zusammen, tu es für sie!“ Anja beruhigt sich ein wenig und presst Hilfe suchend das erschreckte Kind, das seine Mutter noch nie zuvor hat weinen sehen, an sich. „Mama?“ will es wissen. „Psst, schon gut, mein Liebling, es ist alles gut,“ flüstert sie und bedeckt sein Gesicht mit den nassen Küssen ihrer Tränen. „Mama hat schlecht geträumt, mein Schatz, schlaf weiter.!“ Charly führt die Gebrochene aus dem Raum, während Ibrahim still im Korridor steht und seine Augen erfüllt sind von Tränen, Gram und Trauer.
Apathisch und totenbleich sitzt Anja später vor sich hinstarrend am Rand des breiten Bettes ihres Zimmers, das von weich fallenden Moskitonetzen umhüllt ist. „Es ist doch ein böser Traum, nicht wahr?“ Ihre Augen flehen um Zustimmung, doch Charly schüttelt stumm den Kopf. Kurze Zeit später nimmt er etwas weißes, feines Pulver, mischt es mit ein wenig Alkohol und reicht es ihr zum Trinken. „Komm, es wird dir gut tun“ redet er ihr ein. Sie möchte den Kopf abwenden, doch er drängt sie: „Sei nicht albern, es ist harmlos, es gibt dir Trost! Du musst es nur rasch hinunterschlucken, dann fühlst du dich gleich besser!“ Anja war dieses Zeug nicht unbekannt, doch sie selbst hatte nie das Bedürfnis gehabt, es selbst auszuprobieren. Sie hasste den vagen Zustand, in dem man keinen Willen über sich selbst hatte und nicht völlig klar im Kopf war. Aber vielleicht war das ein Fehler .... Willig überlässt sie sich dem Rat des Mannes und lässt zu, dass er ihr das Glas an die Lippen setzt und sie die milchige Flüssigkeit durch ihre Kehle rinnen lässt. Alles was sie jetzt noch will, ist, den heftigen Schmerz in ihrer Brust zu lindern, egal auch wie. Charly nimmt sie in den Arm, während sie den Kopf an seine Brust legt und auf Erlösung ihrer Pein wartet. Er umschlingt sie und murmelt: „Es wird dir gleich besser gehen, sei ganz ruhig!“ Nach und nach empfindet sie Leichtigkeit und eine gewisse Gleichgültigkeit. Die Ereignisse der letzten Stunden, die furchtbare Nachricht verliert an Schrecken und das Gift in ihrem Kopf schenkt süßes Vergessen während ihr Verlangen nach Zärtlichkeit sie übermannt. Sie wendet sich zu dem Geliebten, der an ihrer Seite liegt und beugt sich über den Mann in der Dunkelheit. Sein Körper ist hart und stark, warm und lebendig. Es ist alles nur ein Traum gewesen, denkt sie beruhigt und leicht. Er ist hier, er lebt und er ist neben mir und ich will, dass er mich liebt. Er soll mich lieben wie damals in der Wüste, mit all seiner Leidenschaft und wir werden nie mehr von uns lassen, ich will in seiner Umarmung vergehen, auf immer ..... |
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Dreizehntes Kapitel – Geh’ heim zu den Göttern |
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Bevor die erste Morgenröte noch den Himmel überzieht, verlässt sie zerschlagen und verwirrt das Schlafzimmer, und tritt, nur mit einem dünnen, ärmellosen Hemd bekleidet, auf die Terrasse hinaus. Anja hatte sich ein paar Stunden unruhig im Bett hin- und her gewälzt, von absurden Illusionen und schemenhaften Alpträumen gequält, die sie nach dem leidenschaftlichen Liebesakt langsam wieder heimsuchten, und sie nach und nach erkennen musste, dass es sich keinesfalls um den Mann an ihrer Seite handelte, den sie in ihrer Umnachtung herbei gewünscht hat. Sie dringt weiter in den Garten vor, um zwischen duftenden, blühenden Sträuchern und alten schattigen Bäumen zu wandeln, ziellos, im Kreis, den Blick unaufhörlich auf den glatten See gerichtet, der von den im Morgenlicht rosafarbenen Wüstenbergen gleich einem Spiegel umrahmt vor ihr liegt. Sie hat kein Ohr für die Vogelstimmen aus tausend Kehlen. Um sie herum fühlt sie Smaïns Anwesenheit, sein Schatten begleitet ihre Schritte. Sie fühlt sich fiebrig und schrecklich müde, ausgelaugt und die letzten Stunden erscheinen ihr wie ein irrealer, schrecklicher Albtraum, aus dem es scheinbar kein Erwachen gibt. Es war absurd, jemand wie Smaïn konnte nicht einfach einen so fatalen Tod sterben. Wieso er? Irgendwie hat sie immer geglaubt, er sei unsterblich und er habe einen Pakt mit den Göttern geschlossen, die ihm seine Kraft und Stärke schenkten. Und jetzt sollte er tot sein? Vielleicht war alles nur ein Irrtum und man hatte ihn mit jemand anderen verwechselt! Doch noch während sie sich an diesen Gedanken klammert, sagt die Vernunft ihr, dass es keinen Sinn hatte, sich etwas vorzumachen. Leyla war Halbwaise und die Welt hatte nicht einmal erfahren, dass es sein Kind war.... Sie fühlt das Leid eines Kindes, dass den Vater verloren hat und den eines Weibes, dass den Geliebten verlor und vermeint, dieser Schmerz könne niemals gelindert werden, das Herz würde ihr aus der Brust gerissen. Noch nie in ihrem Leben fühlte sie sich so allein und verlassen wie jetzt. Wer würde sie jetzt beschützen? Der heldenhafte Reiter ihrer Kindheitsträume durchritt zum letzten Mal die Wüste, dem Horizont entgegen. Er hatte sie verlassen, um nie mehr zurück zu kehren... Während sie sich ihrem Schmerz hingibt und mit dem Schicksal hadert, flammt der Gedanke an ihren Vater plötzlich auf. In ihrem Selbstmitleid und der Trauer um den geliebten Menschen hatte sie die Gefühle Fréderics komplett vergessen. Sein Schmerz war sicher kaum geringer als der ihre, er liebte diesen Freund wie den eigenen Sohn und befand sich nun angesichts dieser Katastrophe konfrontiert mit den Bergungs- und Räumungsarbeiten, die ihm sicher jede nur mögliche Stärke und Kraft abverlangten, sowie der Trauer um den Toten.
Eiligen Schrittes betritt sie das schlafende Haus und greift zum Telefon. Als sie erkennt, dass die Leitungen noch tot sind, probiert sie mit ihrem Funktelefon Fréderics Handy-Nummer und als er sich endlich meldet, mit müder, kraftloser Stimme, atmet sie auf. „Papa!“ sie versucht ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Sag mir, wie ich auf dem schnellsten Weg nach Kairo kommen kann!“ „Beib wo du bist Anja“, lautet seine bestimmte Antwort, „es ist viel zu gefährlich jetzt hier. Die Erde ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Du kannst nichts mehr tun und ich habe alle Hände voll zu tun!“ „Ich muss ihn sehen, Papa, das verstehst du doch“, ihre Stimme beginnt zu zittern und sie unterdrückt die aufsteigenden Tränen. „Nein, das tu’ ich nicht“, ist die schneidende Antwort. „Behalte ihn so in Erinnerung, wie du ihn zuletzt gesehen hast, erspare dir und mir dieses Leid. Ich kann dir unmöglich das Flugzeug schicken, wir haben alles eingesetzt was fliegen und fahren kann und ich habe Anordnungen getroffen, dass jeder verfügbare Mann bei den Rettungsarbeiten hilft, um die armen Menschen, die eventuell noch verschüttet sind, auszugraben. Ich hole dich ab, sobald ich kann. Sei stark, Anja, für Leyla! Ich liebe dich!“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, hat er die Verbindung unterbrochen und Anja starrt auf das stumme Gerät, das nur mehr den nervtötenden Bip-Ton von sich gibt. Sie würde nicht wie ein hilfloses Kind warten, bis man sie abholte! Sie war stark genug und kannte dieses Land! Als sie die schlurfenden Schritte des alten Ibrahim hinter sich hört, der sie fragend ansieht, dreht sie sich zu ihm herum und gibt ihm ruhige, aber bestimmte Anweisungen: „Ich werde den Jeep nehmen und nach Kairo fahren. Ich brauche ausreichend Wasser, ein wenig Proviant und außer dem vollen Tank noch zusätzlich einige Kanister Benzin, die ich mitführen kann.“ Als sie sieht, wie der Alte erschrocken die Hände ringen will, wehrt sie unwillig ab: „Ich will keine Diskussion! Ich fahre in einer Stunde, kümmere dich bitte um alles und auch um Leyla, bis ich zurückkomme! Du hast mein uneingeschränktes Vertrauen und du kannst gut mit ihr umgehen, das weiß ich!“ Ohne seine Antwort abzuwarten, lässt sie ihn stehen und geht zurück ins Schlafzimmer, wo Charly sich unruhig im Bett rührt. Als er halbwach Anja erblickt, die in Kommoden und Kästen wühlt, um einige Dinge in eine Reisetasche zu werfen, wird er hellwach. „Was ist los? Kannst du nicht mehr schlafen?“ „Ich fahre nach Kairo!“ gibt sie knapp Auskunft, ohne ihn dabei anzusehen. „Was sagt Dein Vater dazu?“ „Das ist allein meine Sache! Ich weiß selbst was ich zu tun habe und ich fahre, und zwar jetzt!“ der schroffe Ton überrascht sie selbst. Charly konnte schließlich nichts für die Katastrophe oder Smaïns Tod. „Ich muss das alles regeln und sehen, dass er beigesetzt wird, wie er es gewünscht hätte!“ erklärt sie etwas milder und eilt ins Bad. Der Baron springt aus dem Bett und ruft ihr hinterher: „Aber das ist doch nicht deine Aufgabe!“ Als sie ihm mit eisigem Schweigen antwortet, renkt er ein: „Ich komme natürlich mit. Du glaubst doch etwa nicht, ich lasse dich allein fahren!“ Keine volle Stunde später verlassen sie das Haus und eilen zum Jeep, nachdem Anja ihrer kleinen, schlafenden Tochter einen Kuss gegeben hatte. Neben dem Auto wartet der gute Alte bereits auf sie. In seiner Hand hält er ein automatisches Repetiergewehr und streckt es Charly entgegen. Dieser nimmt es und verstaut es im rückwärtigen Teil des Wagens, nachdem er sich versichert hat, dass dieses gesichert war und auch einige Schachteln Munition im Wagen bereit lagen. Arabisch spricht er Anja an: „Ihr fahrt durch gefährliche Gegenden. Du weißt, die Extremisten verstecken sich in der Gegend von Assijut! Passt besonders gut dort auf und bleibt am rechten Nilufer, es ist sicherer!“ Anja nickt und schlingt ein leichtes Baumwolltuch nach ägyptischem Brauch um Kopf und Haar, es soll sie vor Hitze und Staub schützen. Als der Motor aufheult und sie langsam aus dem gepflegten Park fahren, das elektronische Tor sich öffnet, um sie durchzulassen und vor ihnen die staubige Landstrasse nach Assuan führt, begreift Anja mit einem Schlag, dass nichts in ihrem Leben mehr so sein würde wie zuvor....
Unterwegs begegnen sie wenigen Fahrzeugen, nur in der Nähe der großen Städte wie Luxor, Kena und später Beni Souef, verdichtet sich der Verkehr auf den schmalen Asphaltstrassen. Kleine, mit Zuckerrohr überladene Lastautos preschen mit Schwindel erregendem Tempo an den vielen Eseln und Ochsenkarren vorbei, die sich ebenfalls unter den Lasten der Bauern mühen. Staub und Schweißgeruch mischt sich mit den Ausdünstungen des Viehs, das zu den Märkten getrieben wird und den Rufen der Händler und Passanten. Wahrscheinlich wussten die einfachen Menschen hier nichts von den Dingen, die ihre Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt hatte. Bei Assijut überqueren sie den Nil und fahren auf der Nationalstrasse am linken Ufer weiter, doch keine Zwischenfälle behindern ihre Fahrt. Auch hier herrscht das gleiche Treiben des ägyptischen Alltags und freundliche Menschen winken ihnen rufend zu, ein breites Lächeln auf den dunklen Lippen. Es ist kaum vorzustellen, dass die gefürchteten Terroristen und ihre Mordkommandos sich nicht weit von hier in den Bergen versteckt halten. Nichts lässt darauf schließen.
Charly und Anja haben einige Kontrollstellen passieren müssen, die seit den vermehrten Attentaten auf Touristen und Fremde eingerichtet wurden, vor allem an den Stadtgrenzen und vor bekannten, altertümlichen Monumenten. Misstrauisch blickende Beamte kontrollieren die Pässe und Visa, stellen unsinnige Fragen und messen Anja neugierig und wohlwollend, um die beiden dann endlich mit einer ungeduldigen Handbewegung zum Weiterfahren aufzufordern. Sie legen die etwa 800 Kilometer bis zur Hauptstadt in nur fast neun Stunden zurück, was angesichts der schlechten Straßenverhältnisse beachtlich ist. Bei Memphis sind die großen Pyramiden im Hitzedunst zu erkennen und kurz danach, bereits in den Vororten von Kairo, überqueren sie abermals den Strom, um auf das rechte Ufer zurückzufahren. Je näher sie ins Zentrum von Kairo vorrücken, umso dichter wird der Verkehr, Militärfahrzeuge rasen in langen Kolonnen nach Norden und wirbeln beim Vorbeifahren dichte Staubwolken auf. Hubschrauber überfliegen das Gebiet um die Stadt und einige große Transalpin-Maschinen der Vereinten Nationen, wahrscheinlich beladen mit Hilfsgütern und Einsatzmaschinen, steuern den nahen Flughafen der Hauptstadt an. Ein wahres Chaos tut sich vor den Eintreffenden auf. Fliehende Menschen, Esel und Karren mit den Habseligkeiten der Ärmsten beladen, verlassen die Stadt wo Seuche und Krankheit drohen und die Händler und besser situierten Leute fliehen mit Fahrzeugen und Lastautos, an die sich jene klammern, denen nichts geblieben ist als das nackte Leben. Anscheinend befürchteten sie ein weiteres, schweres Beben... Es wird immer schwieriger ins Zentrum vorzudringen, und die Trümmer der zusammengestürzten Lehmhäuser versperren die Durchfahrtsstrassen, sodass sie längere Umwege machen müssen, um zum Stadtkern durchzukommen. Anscheinend hatte es wieder die Ärmsten getroffen, denn die einfachen Behausungen aus getrocknetem Lehm stürzten waren wie Kartenhäuser eingestürzt, während die modernen Betonbauten größtenteils der Druckwelle standgehalten haben, bis auf geringe Sachschäden und zerborstene Glasscheiben. Jedoch, der Geruch von Tod liegt in der Luft und mischt sich mit dem Staub und der Hitze und macht das Atmen schwer. Als sie endlich in der Nähe der Regierungsgebäude angekommen sind, wo sich auch das Verwaltungsgebäude der Metro und die Büroräume der Firma befanden, müssen sie den Wagen schließlich zurücklassen und zu Fuß die letzten paar hundert Meter bis zum Bürohaus vordringen, in dem sich die Niederlassung und Zentrale der Firma befindet. Zerbrochene Glasscheiben und am Boden liegende Stromleitungen machen aus dem Gang bis zum Tor des Hauses einen Spießrutenlauf und Männer in Schutzanzügen eilen an ihnen vorbei, Schaufeln und Brechstangen in den Händen, während die Bulldozer und Panzerfahrzeuge des Militärs vorbeirollen und von den kommandierenden Männern eingewiesen werden. Anja erkennt die Firmenaufschrift ihres Vaters auf vielen der Fahrzeuge und das beweist, dass er alles in seiner Macht Stehende einsetzt, um der Bevölkerung zur Hilfe zu kommen. Suchhunde französischer Sonderkommandos laufen kreuz und quer über die Schutthaufen, um die Witterung aufzunehmen, geführt von ihren Ausbildnern. Die Schnauze suchend am Boden, die Läufe grabend an verschiedenen Stellen, geben sie bellend Signal und sofort wird an den verdächtigen Stellen von den bereitstehenden Männern zu graben begonnen.
Das große Verwaltungsgebäude dürfte mit seinen Betonwänden dem Beben weitgehend standgehalten haben. Als sie sich durch die Menge der umherlaufenden Männer gekämpft haben, genügt ein Blick in die offen stehenden Räume, in welchen ein wahres Durcheinander herrscht: umgestürzte Regale und Schränke, Stühle, Telefone, am Boden zerschmettert und dazwischen verstreute Akten, Kopiermaschinen und zerborstene Computeranlagen. Der Lift ist außer Betrieb und sie erreichen mühevoll die fünfte Etage, in der die Hollowitz-Werke ihre Räume haben. Auch hier, Männer jedes Einsatzkommandos, Leute aus der Firma, Schmutz verkrustete und Schweiß glänzende Gesichter, doch keines ist Anja vertraut. Das Stimmengewirr bereitet ihr Kopfschmerzen, die sie jedoch kaum wahrnimmt, und sie wendet sich an mehrere vorbei eilende Männer, um nach ihrem Vater zu fragen, doch sie erntet nur negative Antworten, die Leute schütteln den Kopf, sehen sie verwundert an und zucken die Schultern, um sich eiligst davonzumachen. „Versuche ihn telefonisch zu erreichen!“ meint Charly und wischt sich den Schweiß aus der Stirn mit dem Ärmel des aufgekrempelten Hemdes. Anja folgt dem Rat und hofft, der Vater hätte nicht die Nachrichtenbox eingeschaltet. Zum Glück ist dies nicht der Fall und erleichtert hört sie, dass er sich meldet. „Papa, wo bist du!“ ruft sie laut ins Telefon um den Lärm um sie herum zu übertönen. „Warum fragst du, ich habe zu tun, Anja, ich melde mich später!“ versucht er sie abzuwimmeln. „Nein, nein, warte!“ ruft sie hastig, bevor er die Verbindung unterbrechen kann. „Ich bin in Kairo, ich bin im Büro, keiner weiß wo Du Dich aufhältst!“ Sie atmet tief durch, bevor sie ihn danach fragt. „Wo ist er?“ Sie bringt nicht den Mut auf, den Namen des toten Freundes auszusprechen. „Anja, was zum Teufel...“ Frédéric verschluckt die letzten Worte und fasst sich wieder. Hastig fährt er fort: „Ich bin beim letzten Abschnitt des Tunnels bei der Station El Matariya. Du kannst das nicht finden. Geh zurück zum Ausgang, bleib nicht im Gebäude, keiner weiß, ob es den Erschütterungen wirklich Stand gehalten hat. Raus mit dir, sofort! Ich schicke dir jemanden, der bringt dich zu mir! Ist Charly bei dir?“ Als Anja bejaht, beruhigt sich der aufgebrachte Mann etwas. „Wo ist er?“ will Anja nochmals eindringlich wissen. „Er ist mit anderen Opfern in einer nahe liegenden Schule aufgebahrt. Wir müssen ihn heute noch begraben, bald schon, bei Sonnenuntergang. Ich wünschte, du wärst in Assuan geblieben!“ Anja überhört den stummen Vorwurf und noch während des Sprechens eilt sie die Treppen wieder hinunter Richtung Eingang, um auf die Begleitung zu warten, die ihr Vater schicken würde. Ein Grollen, aus der Tiefe der Erde kommend, lässt die Umhereilenden aufschreien. Ein Zittern erschüttert das stabile Gebäude und Charly ergreift Anjas Hand und zieht sie hinter sich her: „Nichts wie raus hier“, schreit er panisch, und als sie endlich den Eingang erreichen, ist es wieder ruhig geworden, die Erde hat sich beruhigt. Es scheint, als mokierten sich die Naturgewalten über die Ängste der Menschen. Kaum haben sie das Gebäude verlassen, um sich blinzelnd und atemlos hustend im grellen Sonnenlicht wieder zu finden, als sie von einem Ägypter angesprochen werden, der mit einem Schutzhelm und im Staubbedeckten Arbeitsanzug winkt, und sich dann als der gesendete Mann des Bosses ausgibt. „Haben sie ein Fahrzeug?“ will er wissen. Sie eilen im Laufschritt zum Jeep zurück, der glücklicherweise unversehrt geblieben ist und Anja händigt dem Mann die Schlüssel aus. Als sie alle das Fahrzeug bestiegen haben, fährt der ortskundige Mann mit halsbrecherischem Tempo um Trümmer und Rettungsmannschaften herum, fort aus dem Viertel in Richtung Uferstrasse nach Norden. Als sie das anscheinend unbeschädigte Hilton Hotel passieren, erinnert sich Anja an den Abschied von Smaïn vor drei Tagen, an seine unergründlich blickenden Augen, seine Schwermut, als hätte er geahnt, dass es ein Abschied für immer war. Sie hatte angenommen, es wäre ein bisschen Sorge um ihre Zukunft und vielleicht sogar eine Art melancholischer Eifersucht gewesen, die ihn so hat reagieren lassen. Wie wenig sie ihn eigentlich gekannt hatte ! Vielleicht war es ja ein bisschen von allem... Vielleicht aber gehörte Smaïn auch zu den Menschen, die den so genannten sechsten Sinn hatten... Nun war er heimgekehrt. Heim zu seiner Aysha und seinem kleinen Sohn. Ach, verdammt,... Unwillig wendet sie den Blick vom Hotel ab, als sie auch schon daran vorbeigerast sind. Schmerzlich wird ihr bewusst, dass seine Sachen sich noch in seinem Hotelzimmer befinden müssten, mein Gott, sie würde, sich auch darum kümmern müssen...
Kurze Zeit später, nach etlichen waghalsigen Manövrierkünsten des Fahrers, erreichen sie den letzten Tunnelabschnitt, die Unfallstelle, an der ein Grossaufgebot von Maschinen und Männern arbeitet, die die eingestürzten Trümmer entfernen, um vom U-Bahnschacht zu retten, was noch zu retten ist. Als sie aus dem Wagen klettert und nach ihrem Vater Ausschau hält, erspäht sie ihn am Eingang des bereits freigelegten Teilstückes des Schachtes. Er hat einen Schutzhelm, wie all die anderen auf dem Kopf und brüllt Befehle nach allen Richtungen. Sein braunes Gesicht ist kaum unter der Staubschicht zu erkennen. Als er Anja und ihren Begleiter erblickt ruft, er einem Mann zu, er solle Helme organisieren und bedeutet ihnen zu bleiben, wo sie sind. Er klettert über die Schutthaufen und Anja fällt in seine Staubbedeckten Arme. Das Schluchzen, das sich ihrer Brust entringt, schneidet dem Mann tief ins Herz. Die Muskeln in seinem markanten Gesicht arbeiten sichtlich und seine hellen Augen sind in die Ferne gerichtet. Ungewohnter Weise blinzelt er die aufsteigenden Tränen weg und fasst sich rasch wieder mit einem kurzen Räuspern. Er hält Anja fest und streichelt ihren Rücken. Welche Worte sollte er finden? Gab es denn Worte des Trostes? Aber das Leben ging weiter, unabänderlich vorwärts und die Verantwortungen die jeder einzelne von ihnen hatte, ließen nicht zu, für eine Vergangenheit zu leben, die verloren war... Nachdem sie sich gewaltsam beruhigt hat und Charly den Unternehmer zum Gruß die Hand reicht, bringt der Arbeiter die geforderten Schutzhelme für die Ankömmlinge. „Ich will sehen, wo es passiert ist!“ verlangt Anja und Frédéric geht ihr voran in den Schachteingang. Es hatte ohnehin keinen Sinn, ihr davon abzuraten. Der ohrenbetäubende Lärm der Räumungsmaschinen und Presslufthammer schmerzt in ihren Ohren und der aufgewirbelte Staub reizt zu krampfartigen Hustenanfällen. Etwa zwanzig Meter weiter bleibt Frédéric stehen und deutet stumm auf den Boden zu ihren Füssen. „Es ist hier geschehen! Er war der letzte der sich retten wollenden Männer. Er war darauf bedacht, das alle vor ihm den Schacht verlassen hatten, bevor er sich in Sicherheit bringen wollte.“ Verloren sieht Anja auf den Staub- und Schutt bedeckten Betonboden und versucht sich vorzustellen, dass der Freund hier sein Leben ausgehaucht hatte. Was war sein letzter Gedanke gewesen? Aysha? Sie selbst, oder sein Kind? Es spielte keine Rolle, und als könne er Anjas Gedanken erraten, versichert Frédéric mit fester Stimme: „Er hat nicht gelitten und war sofort tot!“ Doch das konnte sie nicht trösten. „Wir werden ihn in etwa zwei Stunden begraben! Wir lassen ihn neben seiner Frau und seinem Sohn beisetzen. Ich werde dich jetzt zum Hotel bringen lassen, dort könnt ihr euch erfrischen, man bringt euch dann direkt zum Begräbnis, wenn du das wünscht!“ Diese harten Worte einer Realität, die man mit rein gar nichts umgehen konnte, sind für Anja wie Peitschenhiebe und ihr Kopf hämmert von dem Lärm und den entfernten Detonationen der Sprengkommandos. Wortlos verlassen sie den Tunnel, und der Arbeiter, der sie hergebracht hatte, bekommt neue Anweisungen und soll sie zurück zum Hotel fahren. Bevor der Wagen dem Hotel zusteuert, beauftragt Anja den Mann, bis zur nahen St. bis zur nahen St. Georgs-Kirche weiterzufahren. Kaum hat sie den Jeep verlassen, spürt sie erneut das Zittern im Inneren der Erde und sie flüchtet sich, wie viele andere, laut schreiende Menschen, in die Kirche. Auch auf den Stufen der Koptenkirche, haben sich die Menschen versammelt und warten auf Hilfe. Sie bahnt sich einen Weg in das dunkle, kühle Gotteshaus und wendet sich an den vor dem Altar knienden Mönch, der in seiner langen, schwarzen Kutte und der eigenartigen, kantigen Kopfbedeckung in sein Gebet vertieft ist. Sie wartet, bis er den Kopf wendet. Ein langer, grauer Bart fällt auf seine Brust und das Kreuz, dass er an einer langen Kette trägt. „Verzeiht mit!“ murmelt sie. „Ich bitte um die Gebetssprechung für einen Verstorbenen in der Totenstadt“ .Die Totenstadt, wie der Kairoer Friedhof sich nennt, befindet sich nicht weit von der Koptenkirche entfernt, etwas östlich davon. „War der Verstorbene Christ?“ die wissenden Augen des alten Mannes versenken sich in die ihren und sie erwidert offen den Blick. „Nein!“ antwortet sie fest, „ich glaube nicht, aber sein Leben war vorbildlich und er hat es geopfert für seine Nächsten!“ „ Wann wünscht du die Einsegnung?“ fragt der Gottesmann. „Vor Sonnenuntergang, mein Vater!“ „Gut, wir werden kommen!“ verspricht er mit gütiger Stimme und Anja atmet erleichtert auf. Sie beugt ihr Knie und dankt dem Priester. Eilig verlässt sie die Kirche und besteigt das wartende Auto. Charly stellt keine Fragen und lässt sie in Ruhe, wofür sie dankbar ist. Die Kopten in Ägypten waren jene Priester, die zwar christlich, aber dennoch die Gebräuche der alten Priesterschaft des antiken Ägyptens am ehesten weiterpflegten. Ihre eigenartigen, monotonen Gesänge erinnerten an die vergessene Sprache der Pharaonen . Sie wollte, dass Ägypten seinem Sohn eine letzte Ehre erwies. Ägypten, dass er nie verlassen wollte, obwohl es ihm alles nahm, sogar sein Leben....
Endlich im Hotel angekommen, finden sie nur kurze Zeit Ruhe im Zimmer ihres Vaters und Anja kann sich den Staub und Schweiß vom Körper waschen. Auch das Hotel ist voll von Obdachlosen und die elegante Halle, wo Anja alles daran setzt, dass man ihr einen Strauss weißer Hibiskusblüten besorgt, ist überfüllt von Menschen und übereinander gestapelten Habseligkeiten. Sie ist froh, Charly an ihrer Seite zu haben und doch ist es ohne tiefgehende Wichtigkeit für sie. Sie verrichtet die Tätigkeiten mechanisch und versucht nicht weiter nachzudenken. Es war alleine ihre Sache mit der Trauer fertig zu werden und das Kind darauf vorzubereiten, dass es seinen Vater nicht mehr sehen würde. Während sie ihr gewaschenes, langes Haar bürstet und sich mit der mitgebrachten weißen Galabija bekleidet, sagt sie plötzlich, ohne es wirklich recht überlegt zu haben: „Smaïn war der leibliche Vater Leylas!“ Nicht sichtlich überrascht wendet sich der rauchende Mann um, der bislang aus dem Fenster auf die Stadt geblickt hatte. Ruhig blickt Anja ihm in die Augen, ohne dabei aufzuhören, ihr Haar zu bürsten. „ Leyla ist nicht adoptiert. Wir haben die Geschichte für die Öffentlichkeit erfunden, um in Ruhe gelassen zu werden. Leyla ist meine und Smaïns Tochter!“ Charly dämpft energisch die Zigarette aus und seine Miene verrät seine wahren Gedanken nicht, als er gedehnt antwortet: „Dachte ich mir beinahe! Soviel Trauer für den väterlichen Freund ist etwas ungewöhnlich, nicht wahr? Und wieso erfahre ich das erst jetzt?“ „Weil es nicht wichtig war für unsere Beziehung, oder hat sich dadurch etwas geändert zwischen uns?“ „Für mich sicher nicht“, erwidert er prompt, „aber wie sieht es für dich aus?“ „Dass ich dich liebe, das weißt du, und die Affäre einer Nacht mit Smaïn hat nichts mit uns beiden zu tun. Ich weine um den Freund und Bruder, nicht um den Geliebten! Ich weine um den Vater meines Kindes! Kannst du das verstehen?“ In ihrem Innersten weiß sie, dass sie gelogen hat, denn seit Smaïn sie geliebt hatte, konnte sie nie mehr an ihn wie an einen Bruder denken. „Ich bemühe mich darum! Aber warum du so lange gewartet hast, es mir zu sagen, ist schwer zu verstehen!“ erwidert er und blickt wieder aus dem Fenster, zum Fluss hinunter. „Ich will nicht darüber sprechen, nicht jetzt und nicht heute! Lass uns gehen!“ Ohne seine Antwort abzuwarten, verlässt sie vor ihm den Raum, um sich wieder in die Halle zu begeben, wo man sie in Kürze abholen würde. Der Fahrer bringt sie in den Ortsteil, wo sich der große Friedhof Kairos, Totenstadt genannt, befindet. Sie wechseln kein Wort miteinander, während dieser Fahrt. Nachdem sie die dahin führende, breite Strasse Salah Salem erreicht haben und die Steinstelen dieses riesigen Gebietes sichtbar werden, spürt Anja eine große Ruhe, die ihr Sein erfüllt. Sie würde Smaïn die letzte Ehre erweisen im Namen ihres Tochter und ihrer selbst. Sie war im gleichen Alter wie Leyla, als sie ihre Mutter verloren hatte. Fatalität? Ironie des Schicksals? Welch spöttelnder Gott hatte hier seine Hände im Spiel? Sollte es ein Leben nach dem Tode geben, diese vielumstrittene Hoffnung, an die so viele sich klammern, dann würde Smaïn ihr Handeln gut heißen.
In der Totenstadt, mit seinen vielen Abteilungen und verschiedenartigen Grabmonumenten herrscht ein jahrmarktähnlicher Trubel, der Anja ein wenig schockiert. Obwohl sie Ägypten gut kennt und ihr auch die Gebräuche des Landes geläufig sind, ist sie über die vielen Armen, die hier ein Zuhause zwischen den kleinen Hütten und Gräbern gefunden haben, verwundert, und sie fragt sich, ob dies der richtige Platz für den ewigen Schlaf war, inmitten dieses armseligen Lebens und Treibens von Abertausenden Menschen. Ein Trauerzug nähert sich ihnen, laut weinende und lamentierende Frauen raufen sich das Haar, während man die moslemischen Toten, nur in weiße Tücher gehüllt, auf einem Holzkarren vorbei führt. Die Opfer des Erdbebens machen aus dem sonst eher friedlichen Gebiet im Südosten der Stadt, einen Marktbetrieb, und Anja atmet auf, als der Wagen weiterfährt und sich einem ruhigerem Viertel nähert, nahe der alten Marmeluckengräber und unweit der El-Gijuschi-Mochee, deren Minarette im Licht der untergehenden Sonne golden blitzen. Der Gebirgszug der Mokkatam-Höhen, auf welcher sich die Moschee befindet, ragt gleich einer Festungswand in den Himmel. Hier waren Aysha und ihr kleiner Sohn begraben, an der Seite ihrer ebenfalls ermordeten Eltern. Die kleinen, bemalten Steinstelen gaben in arabischer Schrift Auskunft über die Beerdigten. Von weitem schon erkennt Anja die Menschenmenge die sich um das vorgesehene Grab Smaïns versammelt hatte. Das Grab seiner verstorbenen Frau war mit einem welken Strauss Blumen versehen, einer letzte Gabe des Mannes, der zeit seines Lebens um sie getrauert hatte. Frédéric kommt seiner Tochter und dem zukünftigen Schwiegersohn, der sich im Hintergrund hält, entgegen. Carla ist nicht hier, Frédéric weigerte sich, sie nach Ägypten mitzunehmen, aus Sorge um ihre Gesundheit und der Gefahren wegen, Seuchen und Nachbeben. Doch Anja ist keinesfalls erstaunt über die vielen Männer, auch verhüllte Frauen, die sich eingefunden haben, um dem Ägypter die letzte Ehre zu erweisen. Die meisten Männer hatten unter Smaïn jahrelang gearbeitet und waren auch mit ihm befreundet gewesen. Manche Träne rollt über die rauen Wangen, seien sie heller oder dunkler Hautfarbe. Anja zieht das Tuch ihres Kleides über den Kopf und blickt den drei Koptenpriestern dankbar entgegen, die sich der Trauergruppe nähern. Wieder beugt sie ehrfürchtig das Knie vor dem alten Priester, der ein Weihrauchgefäß vor sich herträgt. Seine staubigen Füße stecken in einfachen Sandalen und eine Kordel hält die dunkle Kutte um seine Taille fest. Er nickt Anja ernst zu und ihr verwunderter Vater begrüßt seinerseits die Gottesmänner. Lautlos ist der schwarze Bestattungswagen herangerollt. Als er bei der Gruppe hält, nähert sie die junge Frau zittrigen Schrittes und wartet, dass die Hecktür geöffnet wird. Sie blickt auf den Sarg, auf den Frédéric bestanden hatte, wohlwissend, das Smaïn Atheist war und dem islamischen Glauben nicht angehörte und somit auch nicht nur in ein Tuch gehüllt der Erde übergeben werden sollte. Sie verlangt mit fester Stimme, dass man ihn öffne. Fragend blicken die Männer auf den Unternehmer, der neben ihr steht und zustimmend nickt. Sie lösen die großen Schrauben des Deckels und schieben diesen ein wenig zur Seite. Anscheinend hat man ihn unschlüssig über seinen Glauben, letztendlich doch in ein Tuch gehüllt. Mit ruhiger Hand befreit sie sein verhülltes Gesicht und blickt in die reglosen Züge. Das Haar ist verdeckt von einer dicken Bandage, dort wo er die tödliche Verwundung davongetragen hatte. Doch sein Gesicht ist friedvoll, blasser zwar als zu Lebzeiten, doch immer noch schön anzusehen, gleich einem der antiken Könige dieses Landes, die oft ebenso jung wie er gestorben waren, denkt sie. Sie streicht mit ihrer warmen, zittrigen Hand über seine kalten Wangen und flüstert für die Umstehenden unhörbar auf Arabisch: „Schlaf gut, mein Lieber!“ Den weißen Hibiskusstrauß legt sie in den Sarg auf seinen verhüllten, zerschundenen Körper, und als sie endlich, schweren Herzens, einen Schritt zurück tritt, gibt Frédéric den Männern ein Zeichen, die den Sarg daraufhin wieder rasch verschrauben. Sie hieven ihn aus dem Wagen und stellen ihn vor der ausgehobenen Grube auf. Die drei Mönche treten lautlos vor und beginnen ihre Litanei mit melodischer, dunkler Stimme, während der eine das Gefäß mit dem duftenden Weihrauch gleichmäßig hin und her schwenkt. Anschließend stimmen sie einen Gesang an, in einer für die Anwesenden unverständlichen, alten Sprache, während der Priester seine segnenden Zeichen über den Toten ausführt. Danach senkt der Sarg sich unter den Blicken der Trauergäste ins vorgesehene Grab, und einige der Männer murmeln arabische Gebete, während das leise Weinen der wenigen Frauen sie begleitet. Anjas verhülltes Gesicht schützt sie vor den Blicken der anderen. Frédéric weiß, Smaïn hätte keine aufwendige Trauerfeier zugelassen, obgleich er selbst dem Freund die größte, ehrenvollste Bestattungsfeier zugesprochen hätte. Doch so ist die Zeremonie bald beendet. Die Kopten ziehen sich zurück und als man das Grab mit dem Stein verschließt, den Frédéric mit Goldschrift in Arabisch versehen hat lassen, murmelt er an Anjas Seite: „Ich habe angeordnet, dass man ein kleines Mausoleum um die Gräbergruppe herum errichtet. Er soll seinen Frieden mit den Seinen haben.“ Vom nahen Minarett erschallt die Stimme des Muezzin und ruft die Gläubigen zum Gebet. Ein Grossteil der anwesenden Männer kniet nieder im Staub und berührt den Boden mit ihrer Stirn in stummer Andacht. Gruppiert um das frische Grab hat es so den Anschein, als bete man den Verstorbenen an und Anja muss den Blick wenden, um nicht laut aufzuweinen. Er hätte es verdient, und jede Ehrerbietung war noch zu gering für ihn, denkt sie. Ihr Sein ist von einer großen Leere erfüllt und gewaltsam zwingt sie sich nach vor zu blicken. Erschöpft lässt sie zu, dass Charly ihre Schulter umfasst und sie zurück zum Wagen geleitet. „Ich werde bei Einbruch der Dunkelheit ins Hotel kommen“, verabschiedet sich Frédéric. „Also in etwa einer Stunde! Ihr könnt mein Zimmer haben, ich werde in dem Smaïns schlafen! Wir treffen uns später, ich will das letzte Tageslicht noch nützen, um an die Unfallstelle zurückzukehren!“ Während er sich zum Schacht zurückchauffieren lässt, sieht niemand seine bitteren Tränen, denen er nun endlich, außer Anjas Sicht, freien Lauf lassen kann. Etwas war in ihm war mit Smaïn gestorben. Er weinte um den Bruder, dem er vertrauen konnte und der ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte. Er war für die Firma gestorben und damit auch ein wenig für ihn selbst. Anja begegnet ihrem Vater nicht mehr an diesem Abend. Frédéric schließt sich in Smaïns Zimmer ein, grübelt die Nacht hindurch vor sich hin, und leert eine volle Flasche Bourbon in nur kurzer Zeit. Unwillkürlich erinnert er sich an eines der vielen Gespräche, die er mit dem Freund geführt hatte. „Ich lebe nicht, ich überlebe“, hatte der sinnend erklärt. „Ich besitze nichts. Keinen Glauben, kein Ziel.“ Er hatte es nicht bedauernd ausgesprochen, es war eher eine Feststellung gewesen. Vielleicht hatte Anja ihm ja durch Leyla ein wenig von dem Glück geschenkt, das ihm bislang verwehrt wurde. Einen Sinn gegeben, das Leben von einer neuen Sicht aus zu betrachten. Auch das war ihm nicht auf Dauer vergönnt gewesen. Er durfte keines seiner Kinder aufwachsen sehen. War das Strafe? Aber wofür? Dass er Allah verleugnete, oder wie auch immer sich der Mächtige, dem die Menschheit frönte, sich nennen mochte? Frédéric stellt die leere Flasche in seiner Hand auf den Kopf. Kein Tropfen fällt auf seine mit Schweißperlen bedeckte nackte Brust. Er lässt den Kopf in das Kissen seines Bettes fallen und schließt die brennenden Augen. Er sollte aufhören zu denken. Ein Anflug von Angst befällt ihn, und er schiebt die Gedanken, dass auch ihm jederzeit alles genommen werden könnte, zur Seite. Das Leben ging weiter. Smaïn hatte seinen Frieden gefunden, er selbst noch lange nicht. Als sich ihm der Gedanke an Anjas Heiratspläne aufdrängt, ist er entschlossen, um die Seinen zu kämpfen. Der Baron war ein Gegner, den man nicht unterschätzen durfte. Und er hatte Anja an seiner Seite. Er musste also vorsichtig sein und sich nicht offensichtlich gegen ihn stellen. Sonst verlor er schon im Voraus.
Anja spürt nachts auch nichts von dem Tumult weiterer Nachbeben. Sie bittet Charly um das weiße Pulver, das ihr Vergessen und Schlaf bringen soll und schwebt danach durch eine helle Welt der gemischten Gefühle und Träume. Sie sieht den geliebten Verstorbenen auf seinem schwarzen Rappen durch einen gleißenden Tunnel, an dessen Ende eine wunderschöne, junge Ägypterin wartet, in weiß gekleidet und mit einem kleinen, dunkelhaarigen Jungen auf dem Arm, der lachend dem Reiter die Arme entgegenstreckt, dahin galoppieren..... |