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XV.
Faschingsdienstag fand sozusagen nicht
statt.
Ich glaube, Jack schlief zehn Stunden und gegen Abend lag er noch
gute vier Stunden im Koma. Ich schlief nicht weniger. An diese kompakte
Wärmequelle geschmiegt, döste ich den halben Tag weg. Hin und wieder regte
er sich, wälzte sich in eine andre Position. Wenn er mich dabei erwischte,
fand ich mich in einer unwiderstehlichen
Umschlingung wieder, die einem achtarmigen Oktopus alle Ehre gemacht hätte,
bis mir irgendein Körperteil einschlief und ich mich möglichst sanft daraus
befreite. Ich erntete jedes Mal ein missbilligendes Brummen, als habe ich
einen Bären im Winterschlaf geweckt.
Eigentlich ging es mir gar nicht gut.
Irgendwann stand ich auf und entledigte mich dessen, was mich belastete.
Ich will nicht näher darauf eingehen.
Nachdem ich auf dem großen, weißen Telefon nach Ullrich gerufen hatte, ging
es mir viel besser. Ich stellte Jack ein sehr spätes, noch üppigeres
Frühstück ans Bett, ging eine Stunde Walken. Kalte, frische Luft. Der
Frühling nahm Anlauf.
Fast hergestellt kam ich gegen sechs zurück. Mein Kopf fast wieder klar.
Mein Blutdruck auf der Höhe. Eine irre Nacht lag hinter mir.
Mist. Keine Fotos. VERGESSEN.
War vielleicht besser so. Memories. Better than stamps.
Better than Pix?
Zu spät. Ich würde es herausfinden.
Jack hatte wie erwartet alles gegessen und lag in seinem schnarchfreien,
pulsreduzierten Koma. Ok. Vielleicht sollte ich schlafen, wenn er so schön
still war..
„Auch gut. Dann koche ich solange.“ Mein
Magen regte sich wieder.
Er würde ausgehungert sein. Ich hoffte nicht nur nach Nahrung.
Oh, Mann. Ich war echt verrückt nach ihm, verknallt über beide Ohren.
Ich kicherte, als ich an die gestrige Episode in der Toilette dachte.
Das sind Sachen, die sonst nur im Film passieren oder in Besenkammern und
mit Vaterschaftsprozessen enden.
Wir waren uns einig geworden.. vielmehr hatte ich ein Machtwort gesprochen.
WIR. Jetzt dachte ich schon in WIR.
Helga. Get real.
Er wird bald fort sein. Schmeiß dich nicht
zu sehr hinein.
MOMENT.
Hatte ich erwähnt, dass ich Film related
Fiction schreibe?
Was für Filme?
Na-na-na-nanaaaaa-na. Crowe.
Er ist halt meine Muse, meine Inspiration. Bis jetzt. Ich arbeite dran,
hoffe vor der Rente über diese zugegeben unreife Phase hinauszuwachsen.
Ich entdeckte Parallelen.
Er wird bald fort sein. Heeeeeeee
Das war Beranes Text.
Nicht meiner. Was läuft hier?
Der Klassiker, Babe. Du zitierst dich selbst. Du wiederholst dich.
She loves, he leaves. He
cares..
but he leaves. He MUST leave.
Come on. Ich hatte nicht darum
gebeten. Er war zu mir gekommen.
ER zu MIR. Er würde trotzdem gehen MÜSSEN.
Kann ich nicht mal Glück haben? Kann er nicht bleiben?
Ein Weilchen?
Meine einundvierzig Jahre Lebenserfahrung antworteten prompt.
‚Was macht dich so sicher, dass es anders sein würde?
So hatte es doch immer angefangen. Na, ja. Fast. Jack hatte einen Vorsprung
von gut drei Kilometern. Den sogenannten Croweschen Vorteil.
Blaugrüne Augen, unglaubliche Wimpern, kantiges Kinn und ebensolchen
Charakter, sonorer Bariton.
Mix aus Gefühl und Zielstrebigkeit.
Dickkopf. Humor. Physisch der Typ Mann, den ich mag. Nicht so hübsch, nicht
so dünn, kein Sixpack. Drei Wochen Vorsprung.
Dann wird alles so sein wie immer. Er wird dich nerven. Er wird dich nicht
so nehmen wie du bist, weil er erwartet, dass du ihn nimmst wie er ist.
Mach ich doch. Oder?
Komm runter. Nimm mit was geht. Genieß es. Mehr ist nicht.
Drei Tage. Carpe diem.
Denk mal an dich selbst. Ihm schadet es nicht. Ganz bestimmt.
Außer Kaffee und VIEL Wasser hatte mich
nichts animiert.
Kater. Ein schwarzes, mieses Riesenvieh mit gelben Augen.
Inzwischen war es ein kuscheliges Kätzchen, dank Sauerstoff und H2O.
Ich fing an zu kochen. Und kochen zu lassen. War gar nicht so einfach am
Faschingsdienstag etwas zu finden.
Acht Uhr.
Prosecco, eiskalt. Fifty- fifty.
Pasta aglio e olio. Jack 2
Teller. Helga ½ Teller.
Insalata verde.
Kirschtomaten. Fifty –Fifty.
Pizza frutti di mare.
Jack 1,5. Helga 0,5.
Lasagne. Nur Jack. Nix Helga.
Gelati. Was ‚the fridge’
hergab. Jack solo.
Maple walnuts. Chocolate
chips. Vanilla. Caramelita. Birne Helene.
Black forest cherry.
Cheesecake.
Jack war wieder fit, ausgeschlafen, pappsatt.. und ich war ..
MÜDE.
Mit letzter Kraft legte ich „The Quick
and the Dead“ ein, verschlief den halben Film auf ‚Jacks’ Sofa. Ich döste
vor ihm. Sein rechter Arm verhinderte mehrmals, dass ich von der
Chaiselongue fiel.
„Oh. HE looks good in
that one, so slim, dirty and beaten.
Must be an old one.” kicherte
er giftig. Ich boxte ihn ermattet in die Rippen.
Er kicherte weiter, tätschelte meinen Hintern.
„Mylady is soooooo
tired.” War er besoffen?? Von drei
Prosecco?
Nun, es hatte noch eine Flasche Chianti gegeben. Die hatte er fast alleine
vernichtet. Es war mir sooooo egal, ich wollte schlafen. Einfach schlafen.
Irgendwann wachte ich auf. Auf einer leise
schnarchenden Matratze.
Sandwich lagen wir da. Er unten, ich oben.
Der Mann war hart im Nehmen. Ich wiege nicht bloß einen Zentner.
Aber ich bin auch bloß einen halben Kopf kleiner.
Nun, er wog nicht viel weniger als zwei, er war schon ein großer Junge.
Alles Muskeln und Sa... lassen wir das..
Ich krabbelte runter, küsste ihn wach.
„Hmm?“ kam es schlaftrunken.
„Dirty and beaten? Now,
who is soooooo tired?
Wanna stay here?”
Undefinierbares Gebrabbel. Ich kroch
in mein „Chamber.“
Schnarchfreie Zone. Seufz.
Bis Sonnenaufgang. Dann war’s rum.
Jack hatte zweifellos ausgeschlafen, er rumorte im Bad.
Frisch geschrubbt an allen Fronten, nach den Geräuschen zu urteilen, wagte
er sich herein.
„Are you awake?” fragte er leise
“No.” meinte ich mürrisch. Er kicherte, räusperte sich, schien nicht
gewillt zu gehen. „Go
for a walk. Or put the PC on. Or make breakfast. I will get up in
… maybe five hours.” grummelte ich.
Es war einerseits echter Unwille von mir, so früh geweckt zu werden, zu wer
weiß welchen.. ähemm.. anstrengenden Leibesübungen.. andrerseits ein Test.
Wie egozentrisch, selbstsüchtig und rücksichtslos war der Mann?
Er war sich meiner sicher, die Höflichkeitsbarrieren hatten wir hinter uns.
Wie würde er reagieren? Ich hatte solche Spiele mehrfach gemacht.
Und die Probanden waren IMMER durchgefallen.
„Can I just stay a bit
with you? I like this room, all blue. My ship on the wall here…”
Ich hatte alles marineblau gestrichen und
gegenüber dem Bett hing das M&C Plakat. Auf der anderen Seite Raphaels zwei
zerzauste, skeptische Engel die vielsagend gen Himmel äugen. Die Szenen,
die sich jüngst hier abgespielt hatten, waren ihnen wohl ein bisschen zuviel
gewesen...
Ich brummte nur.
„Is that a yes? As you
still sleep, you could take it as another dream.”
Er schaffte es völlig ernst zu bleiben bei
diesem dreisten Angebot.
Das Testosteron hatte wohl die Oberhand um diese Uhrzeit.
Dann fühlte ich, wie die zweite Decke angehoben wurde und die Matratze sich
senkte. Er gab ein wohliges Seufzen von sich.
„Much better than a hammock..”
Ich stellte mich tot.
Nach ein paar Minuten pirschte er sich ran, schmiegte sich an meinen ihm
zugewandten Rücken. Er versuchte es eine Weile mit Küssen auf Hals und
Schultern, streichelnden Händen, die sich ,diplomatisch, nicht in
Kriegsgebiete wagten, bevor keine unmissverständliche Freigabe übermittelt
worden war.
Nichts von mir. Irgendwann ein bedauerndes Schnaufen. Ein Kuss auf die
Schläfe.
„Sleep well. Sweet dreams, Mylady.” murmelte er, drehte sich auf die andre
Seite.
Er hatte bestanden…!!
Ein Kerl aus dem frühen 19.Jh hatte alle Vorgänger im Vorbeigehen
geschlagen!!
Kein Gemaule, keine Diskussionen. Keine beleidigten Szenen...
Jack. Was tust du mir an.
Too good to be true.
Ich wartete eine Weile. Dann drehte
ich mich zu ihm, der mir jetzt den Rücken zuwandte und umschlang ihn fest.
Ein überraschtes Glucksen.
„Jack..“ murmelte ich schlaftrunken.
„Tell me about these
stories you mentioned before we left for the ball.”
“What??? Errr.. well.. quite bold and vulgar..
these..” druckste
er überrascht herum. Ich kraulte sein Brusttoupet ein wenig. Kein Shirt.
Hmmmm.
„About you, as well?”
gurrte ich. Bejahendes
‘Hmm’.
“Did you like it?” Ich tätschelte den
knuffigen Rettungsring um seine Taille über dem Bund der Shorts.
Er schien etwas irritiert.
„Ahemm... well... see..
it was ..äh..
stimulating..
on a lower level.”
erklärte er.
Ich rieb meine Wange an seinem
Nacken. Lower level.. sehr treffend.
Meine Rechte machte sich selbstständig und steuerte just diese Bereiche an.
„Tell me. I want to know
what turns you on...” meinte ich beiläufig und in völlig harmlosem Ton.
“What?? Err.. yes… one was about the Captain having a guest in his cabin.
A female guest.” “Aha.
And then?” Ich musste mich
beherrschen, nicht zu lachen.
Mal sehen, wie lange er durchhielt.
„Ah, you know…
Well…They make love.” kam es schließlich
verlegen.
Ich tätschelte seine Hüfte unter den Shorts.
“Actually?? How bold..
And what stimulated you
especially?”
“I can’t tell. It was the situation.”
“A situation you have dreamed of before… is it so?”
“… yes.” kam es fast unhörbar.
“Tell me. The dark
maiden?” Er spannte sich
unwillkürlich.
Das lag weniger an meiner Frage, als daran, dass meine Finger etwas gefunden
hatten, woran sie sich festhalten konnten.
„How do you know..?”
murmelte er etwas mühsam.
„You mentioned it. She
is very seductive. What did she do to you?
Stroke you? Like this?
Suck at your earlobe, like this..”
Muss ich erwähnen, dass ich die Story
kannte?
Es war nicht ganz fair, aber ich hatte ja nur sein bestes im Sinn.
Bitte keine falschen Schlüsse, was sein bestes sein könnte... es war rein
metaphorisch gemeint, keineswegs physisch.
„Captain Aubrey, how
nice to invite me into your cabin.” eröffnete ich die Szene.
“It’s a pleasure, Mylady. How was the
journey from home?” ging er spontan darauf ein, drehte sich zu mir, ein
verschämt-entzücktes Lächeln um die Lippen
“I couldn’t wait to see
you, Jack. Couldn’t wait to be here..
with you..”
Kitschig, nicht? Egal, war ja nicht von mir...
Weiter kam ich nicht------ an mehr Dialog schien er sich nicht zu erinnern.
Aber an die Ereignisse. An die erinnerte er sich besser als ich.
Und an Dinge, die er sicher nicht von mir gelernt hatte...
Very educational. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich Martha mal,
Ähemm, dankbar sein könnte.
Na, ja. War auch eine Weile her, dass ich den Schmonz gelesen hatte.
Schade. Schauspielern liegt mir.
Es war dann tatsächlich gegen elf, als wir
endgültig aufstanden.
„Helga?“
„What?“
„You led me by the nose, you knew it, you are such a wicked...“ begann
er inbrünstig.
“Save it for later… Captain.”
beruhigte ich ihn.
„My little revenge for
your wicked little games in the cinema.
To make me believe I did
fantasize and then sit behind me and startle me to faint. Now we’re even.
Let’s have breakfast.
And then I have a surprise for you.
Remember?”
Er rollte nur malerisch mit den Augen.
„Woman of various
talents, indeed.”
seufzte er. |