DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 2

Vierzehntes  Kapitel – Die Leichtigkeit des Glücks

 

Als am nächsten Tag die Telefonleitungen wieder funktionieren, wird Ibrahim verständigt, dass man das kleine Mädchen abholen käme um es nach Kairo zu bringen, von wo aus es mit seiner Mutter weiter nach Europa zurück fliegen sollte. Frédéric organisiert für Anja die Firmenmaschine und einen Flug nach Wien, noch für die späten Abendstunden. Er will sie und das Kind so rasch wie möglich in Sicherheit wissen. Mit vereinter Hilfe konnten die Gefahren von Seuchen und Trinkwasservergiftung in Kairo weitgehend gebannt werden, sollte es keine schweren Nachbeben mehr geben. Das Klagen der Bewohner macht dem Getöse der Baumaschinen Platz, die daran gehen, die Stadt vom Schutt zu befreien und notdürftige Behausungen für die Tausenden von Obdachlosen zu schaffen. Frédéric will in der Stadt bleiben, so lange dies noch nötig war, doch Anja will dem Land ihrer Träume, der süßen Erfüllung und letztendlich dem grausamen Tod den Rücken kehren. Sie fühlt sich wie ein verwundetes Tier, und nur das Lächeln ihrer endlich eintreffenden, kleinen Tochter kann sie vor dem Sturz in ein großes, schwarzes Loch retten. Sie hat darauf bestanden, Smaïns Sachen selbst zusammen zu packen und während ihre zitternde Hand über das eine oder andere Stück streicht, lässt sie dem Tränenstrom freien Lauf. In einer kleinen Ledertasche, die er anscheinend immer bei sich getragen hatte, findet sie alte, teils abgegriffene Fotos. Ein uraltes Hochzeitsbild mit seiner Tiefverschleierten Frau Aysha. Die Augen lassen eine blutjunge Schönheit erahnen, einige Fotos von seinem Sohn, dessen Ähnlichkeit mit Leyla sie momentan erschreckt, aber er war ja schließlich ihr Halbbruder. Da sind auch Kinderfotos von ihr, von Leyla, ihrem Vater und Freunden. Aufnahmen von den Ausgrabungsstätten, den Baustellen, den Arbeitern. Ein ganzes Leben festgehalten in ein paar Bildern. Ihr Vater würde sich um den Nachlass kümmern, der rechtsmäßig Leyla zustand, da sie ja als seine Tochter vor dem Gesetz galt. Es war ihr egal wie und wo Smaïn sein Geld angelegt hatte, aber so waren nun mal die bürokratischen Vorschriften, alles musste seine Richtigkeit haben, in dieser Scheinwelt des Rechtes und der Vernunft.

 

Als sie endlich nachts in der österreichischen Hauptstadt landen, atmet sie erleichtert auf und der frische Septemberwind kühlt ihre erhitzte Stirn und lindert ihre innere Unruhe. Charly will sie nicht allein lassen, aber sie bittet ihn darum und er fährt noch vor dem Morgengrauen zum Schloss zurück, ohne dass es je eine wirkliche Aussprache zwischen ihnen gegeben hatte. „Ich werde warten, bist du mich rufst!“ sagt er nüchtern zum Abschied und küsst sie auf die Wange.

Anja, allein in ihrer großen Wohnung, bringt ihr Kind zu Bett und schluckt einige von den Schlaftabletten, die sie aus dem Medikamentenschrank hervor kramt. Als sie schließlich in ihrem Bett liegt,  und auf die Decke des heller werdenden Raumes starrt, während draußen die ersten Vögel vor ihrem Fenster zu zwitschern beginnen, fällt sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Erst als es gegen Mittag geht, Leyla ungeduldig an ihrer Bettdecke zupft und es gleichzeitig an der Wohnungstür klingelt, schlägt sie unwillig die Augen auf, und im ersten Moment findet sie sich nicht zurecht. Als sie klarer denken kann und ihre Wohnung erkennt, rappelt sie sich mühsam hoch und schlurft zur Wohnungstür. Es ist Carla, die wieder nach Wien gereist war und sie besorgt ansieht. „Ich habe mir Sorgen gemacht“, sagt die Italienerin mit gerunzelter Stirn, „Du hast das Telefon nicht gehört und es ist fast zwölf! Dein Vater hat ebenfalls versucht dich zu erreichen!“ Anja dreht sich wortlos um und schlurft zurück ins Schlafzimmer, wo sie sich wieder auf ihr Bett fallen lässt. „Ich will nur schlafen“, murmelt sie und schließt die Augen. „Ich will mein Bett gar nie mehr verlassen!“ sagt sie leise zu sich selbst und Carla, die ihr gefolgt war, schüttelt energisch den Kopf. „Es ist furchtbar, ich weiß! Aber was wird aus der Kleinen? Sie hat jetzt nur noch dich, daran solltest du denken! Ich nehme sie jetzt mit und du schläfst dich aus. Abends bringe ich dir das Kind und ich hoffe, du bist dann wieder fit genug, und die alte, starke Anja. Wir könnten dann eine Kleinigkeit essen gehen, alle drei!“

Anja hat die letzten Worte kaum mehr gehört und lässt sich unter dem Einfluss der Schlaftabletten in einen erlösenden Schlaf gleiten. Vergessen, nicht denken, vergessen...

 

An diesem Abend kann Carla die junge Frau doch noch dazu überreden aus dem Haus zu gehen. Sie fährt mit ihr und dem Kind in den Prater, dem Vergnügungspark dem Wiener, der unter riesigen, alten Kastanienbäumen liegt und in dessen schattigen Gastgärten man das lustige Lachen der Kinder, die sich auf dem Ringelspielen tummeln und die Musik der Schaubuden hören kann. Leyla reitet auf den kleinen Pferden und freut sich über die Ringelspielfahrten, zu welchen Carla sie ermuntert. Anja steht ein wenig unbeteiligt daneben. Dass das Leben einfach so weitergehen kann, ohne ihn, ist für sie unfassbar. Hier, angesichts dieser vollkommenen Harmonie eines Herbstabends, unter dem Blätterdach der alten, majestätischen Bäume, dem Müßiggang und bedächtigen Leben der Mitteleuropäer, erschien der Gedanke an Kairo, der Stadt, in der es jetzt nach Tod, Blut und Staub roch, absurd und einer anderen Welt zugehörig.

Als sie später in einer Laube bei einem Glas Wein sitzen, während Leyla an einem knusprigen Brezel knabbert, versucht Carla zu Anja durch zu dringen: „Ich weiß, was du durchmachst, meine Liebe. Aber lasse dich nicht so fallen! Deine Zukunft ist so viel versprechend und wieso ist eigentlich der Mann, den du liebst nicht an deiner Seite?“

„Ich wollte allein sein“, antwortet sie müde.

„Das war falsch! Du willst doch dein Leben an seiner Seite verbringen, oder irre ich mich da? Wie kannst du ihn wegschicken und ausschließen? Weiß er alles über dich?“

Sie nickt: „Ja, ich habe ihm alles gesagt. Er war zwar nicht überrascht, aber betroffen, weil ich es ihm nicht früher erzählt habe!“

„Normale, männliche Reaktion“, erwidert die Ältere nüchtern. „Ich habe ihn auch beweint, diesen unsinnigen Tod unseres Freundes“, fährt sie fort. „Du hattest ein Kind von ihm, na schön! Aber es ändert nun mal nichts an der Realität. Er ist begraben und in deinem Herzen wird er weiter leben, vor allem aber in Leyla. Sie sieht ihrem Vater so ähnlich...“ fügt sie versonnen hinzu und beide Frauen blicken auf das kleine, dunkle Mädchen, das zufrieden zwischen ihnen beiden sitzt und an dem Strohhalm in ihrem Fruchtsaft saugt.

Anja schluckt und erwidert zustimmend: „Du hast ja recht! Das Leben geht weiter! Ich werde Charly anrufen und ich will ihn so schnell wie möglich heiraten. Ich war ihm gegenüber nicht gerade fair, diese letzten Tage!“

„Tu es gleich! Ruf ihn an!“ drängt Carla und Anja greift unschlüssig zu ihrem Telefon. Schließlich wählt sie die Nummer seines Handys und als er sich meldet, so als hätte er auf den Anruf gewartet, sehnt sie sich plötzlich nach seiner Wärme und seinen Augen, die sie verzaubern, und in deren Tiefen sie versinken mochte. Er verspricht, spätabends nach Wien zu kommen und Anja fühlt sich um einiges besser als zuvor.

 

Als sie sich wieder finden und Anja in seinen Armen Trost und Geborgenheit findet, weiß sie, dass Carla recht gehabt hatte.

Anjas Lebensgeister kehren nach und nach zurück. Die Ernsthaftigkeit ihres Gesichtsausdruckes macht einem Lächeln Platz, dass erst zögernd und noch selten, dann immer häufiger zu sehen ist. Als das neue, das letzte Studienjahr für sie beginnt, hat sie eingewilligt, dem Baron noch vor Jahresende ihr Jawort zu geben. Sie würden gemeinsam in Anjas Wohnung leben, die Wochenende größtenteils im Schloss verbringen und er selbst würde seine Verwaltungsgeschäfte wahrnehmen, wie und wo es die Situation erforderte. Nach Beendigung des Studiums wollten sie dann gemeinsam weitersehen. Wichtig war nur, dass sie endlich und für immer vereint sein würden.

Leyla feiert ihren dritten Geburtstag und Charly besteht darauf, dass sie ein richtiges kleines Fest im Schloss feierten. Er schenkt ihr offiziell das Pony und viele kleine Päckchen mit Spielsachen. Er organisiert eine Kinderschar und sie kommen alle verkleidet in Kostümen. Anja findet das ganze reichlich übertrieben und sorgt sich , weil Leyla viel zu sehr verwöhnt wird, doch die Freude und der Glanz in den schwarzen, begeisterten Augen ihrer kleinen Tochter, die natürlich als Prinzessin verkleidet ist, zerstreuen ihre Zweifel und sie lacht insgeheim, als sie das Gehaben des Kindes beobachtet, dass sich ganz als Schlossherrin aufspielt.

 

Eines Abends, wenige Wochen vor dem geplanten Hochzeitstermin, kommt Charly abgespannt, ja missmutig nach Hause. Seine sonst so sprühenden Augen sind müde und glanzlos. Anscheinend hatte er auch schon einiges getrunken. Nachdem er sich ein weiteres Glas genehmigt hat, wendet er sich an Anja, die darauf wartet, dass er seinen Gemütszustand zu erklären sucht. „Ich muss mit Dir reden“, beginnt er etwas schwerfällig und fährt sich mit der Hand übers Gesicht, als könne er damit den sorgenvollen Ausdruck auslöschen.

Abwartend setzt sich Anja ihm gegenüber ins Wohnzimmer und bemerkt zu ihrer Überraschung, dass die Hand, die das Glas hält, leicht zittert.

„Ich nehme an, dass du über meine finanziellen Schwierigkeiten weitgehend informiert bist, dein Vater war sicher nicht untätig und hat sich das Kuckucksei genau angesehen, dass sich ihm ins Nest setzen will, nicht wahr?“

Anja möchte die sarkastischen Sprüche nicht hören und erwidert nichts darauf. Er fährt fort: „Ich bin ruiniert, einen milderen Ausdruck gibt es dafür nicht! Mein Vater hatte falsche Spekulationen getätigt und seine Finanzberater waren unfähige, kurzsichtige Idioten und es war an mir, dafür gerade zu stehen. Mir bleibt das Schloss, diese baufällige Hütte, eigentlich nur ein Teil davon, mehr nicht. Ein paar kleine Nebeneinkommen durchs Pferderennen, das aber letztendlich mehr Geld verschluckt, als es einbringt und der Champion ist nicht mehr der Jüngste! Ich bin mehr oder weniger ein mittelloser Mann, keine gute Partie jedenfalls für Frédéric Hardtbergs Tochter! Was sagst du dazu?“ Er leert sein Glas in einem Zug und wartet auf ihre Reaktion. Sie erwidert ruhig:

„Ich habe darauf gehofft, dass du endlich offen mit mir sprichst. Es stimmt, ich wusste von alledem, aber es war nie von Wichtigkeit für mich. Ich habe mich in dich verliebt und nicht in dein Schloss und auch nicht in deinen Reichtum. Wir wollen die ganze Angelegenheit in die Hände der Anwaltskanzlei meines Vaters legen, wenn es dir recht ist. Sie sind ohnehin bereits avisiert und werden dir die Gläubiger vom Halse schaffen. Ich bin nicht mittellos und auch ohne den Zuschuss meines Vaters hast du eine wohlhabende Frau vor dir! Die Erträge, die aus den Ländereien im Elsass fließen, werden uns ein angenehmes, sorgenfreies Leben bescheren und wer weiß, vielleicht werde ich noch eine berühmte, hoch bezahlte Künstlerin!“

Die letzten Worte sagte sie mit einem gekünstelten Augenaufschlag, der den Ernst der Angelegenheit herunter spielen sollte. „Ich will nicht, dass gewöhnliche Geldsorgen unser Glück überschatten!“ sagt sie nahe an seinem Gesicht, wieder ernst geworden. „Das ist es nicht wert! Nicht für mich!“

„Ich lege mein Schicksal in deine Hände, meine kleine Millionärin!“ flüstert er mit unergründlichem Blick und senkt seine Lippen auf die ihren. Ihr leidenschaftlicher Kuss ist mehr als ein Versprechen, es ist eine     Besiegelung. Sie würde sein rettender Engel sein.

    

Die Hochzeit findet wenige Tage vor Weihnachten in der kleinen Kreisstadt, zu der das Schloss Falkenberg gehört, statt. Es ist ein klarer Tag und der frisch gefallene Schnee hat kleine, weiße Häubchen auf die Erker und Mauern des Schlosses gehäuft. Die Stille im weißen Winterwald wird nur durch die Musik und das Lachen der Gäste, das aus dem Schloss erschallt, gestört.

Frédéric und Carla haben keine Mühen gescheut und auch keine Kosten. Das Service ist perfekt, Speisen und Weine erlesen und das beleuchtete Schloss erstrahlt inmitten dieser feenhaften, weißen Landschaft wie ein Märchenschloss aus einem der Kinderbücher Leylas.

Anja hat Wort gehalten. Mit dem nötigen Vollmachten versehen und den Mitteln aus Anjas persönlichem Vermögensfond, hatten die Anwälte das Schloss und seine Ländereien in den alleinigen Besitz des Barons zurückgebracht. Sie hatte anordnen lassen, dass das gemeinsame Konto ohne Limit beiden Partnern zu gleichen Rechten zur Verfügung stand. So umspielt an diesem Tag auch ein zufriedenes Lächeln die Lippen des Rechtsberaters Dr. Weigert. Es gibt etwa dreihundert geladene Gäste, der große Freundeskreis des Barons ist geladen worden, aber auch der Bekanntenkreis des Unternehmers aus Deutschland und Österreich hat sich nicht lange bitten lassen. Die Damen wetteifern in Eleganz mit ihrer Garderobe und die Herren mit den schönsten Damen an ihrer Seite. Presse wurde geduldet und es gab kein Verstecken mehr und keine Heimlichtuerei. Anja hatte sich offen zur Mutterschaft Leylas bekannt, sie war es Smaïn schuldig gewesen und betonte gleichzeitig, dass Leyla nun die Tochter des Barons von Falkenberg sei, auch wenn sie ihren rechtmäßigen, väterlichen Namen behalte.

 

Sie selbst hat sich für schlichte, figurbetonte Eleganz entschieden, in einem weißen Modellkleid von Gucci aus Seidencrepe, das die matte Tönung ihrer Haut und die kraftvolle Farbe des rotbraunen Haares besonders hervorhebt und zur Geltung bringt. Im Haar trägt sie verstreut eingeflochten pastellfarbige, kleine Blüten und Perlen. Auf Spitze und Schleier hat sie verzichtet.

Charly brilliert im schwarzen Smoking von Armani, seinem Lieblingsdesigner. Frédéric hat darauf bestanden, dass Ausstattung, Garderoben und die gesamten Spesen der Hochzeit auf seine Kosten gingen. Er vermählte sein einziges Kind und ihre glückstrahlenden Augen waren ihm Entgelt genug für den Aufwand.

„Ich hoffe, sie tut das Richtige!“ raunt er Carla während der Zeremonie zu und sie sieht ihn strafend an: „Misstrauischer Geschäftsmann! Sieh nur, wie sie strahlt. Natürlich tut sie das Richtige!“

Besonders beruhigen ihn die Worte seiner Frau nicht, aber er verscheucht die Bedenken angesichts des momentanen Glücks. Vielleicht hat er sich ja geirrt in dem Mann, er hofft es inbrünstig. Sein Blick bleibt auf seiner kleinen Enkeltochter haften, die in einem gebauschten Kleid aus aprikosenfarbiger Seide, in den Händen ein Körbchen voll gleichfarbiger Rosen, einem Engelchen gleichsieht. Wehe dem, der ihre glückliche Kindheit zu bedrohen suchte!

 

Das Fest dauert bis in die frühen Morgenstunden an, und die Zeitungen haben genug Stoff für die Story des Jahres gesammelt. Sogar ein Fernsehteam war gekommen. Die Gäste von auswärts werden im Schloss untergebracht, während die übrigen am frühen Morgen die kurze Heimfahrt nach Wien tätigen.

Auch Frédéric und Carla bestehen darauf, das Brautpaar zur Ruhe kommen zu lassen, zumal sie am nächsten Abend die Flitterwochen in die Karibik antreten wollen. Ebenfalls ein Geschenk des Brautvaters. Leyla nimmt das Paar mit nach Wien und der kleine, schlafende Engel spürt die zärtlichen Küsse seiner Mutter nicht, als man ihn in den geräumigen Mercedes verfrachtet. Im Rückspiegel sieht Frédéric das kleiner werdende Schloss und mit gemischten Gefühlen unterdrückt er seine aufkommenden Bedenken vis à vis seiner neben ihm sitzenden Frau, die müde den Kopf auf seine Schulter hat sinken lassen.

 

*****

Antigua, die Perle des Karibischen Meeres, mit seinen unendlichen weißen Sandstränden, den Schattenspendenden, hohen Kokospalmen und seinem bewaldeten, hügeligen Hinterland, den kleinen, verschwiegenen Buchten und verträumten Fischerdörfern, hat es verstanden, sich immer noch den ursprünglichen Reiz und paradiesischen Zauber der Tropen zu bewahren . Umgeben von den Antillen, der Inselgruppe, die alle Träume der Besucher  erfüllt, sei es nun Martinique mit seinem französischem Charme einer längst vergangenen Kolonialherrschaft oder Saint Lucia mit seinen dicht bewaldeten, steilen Vulkankratern und den klaren, Lebensspendenden Wasserfällen inmitten eines tropischen Pflanzenreichtums, jede einzelne Insel besitzt ihr besonderes Flair. Antigua ist britisch. Ebenso die Verkehrsvorschriften und Vorschreibungen. Britischer Lebensstil also, inmitten einer lieblichen, tropisch warmen Inselkette, gepaart mit der angeborenen Herzlichkeit und sprühenden Lebenslust der dunklen Kreolen, Nachfahren von ehemaligen Sklaven, Piraten und europäischen Seefahrern. Dunkle Hautfarbe, doch alle Nuance sind möglich, zarte Gesichtszüge, weiche Rundungen und verlockende, sinnliche Lippen zeichnen die Mädchen und Frauen auf den Karibischen Inseln aus. Die Männer sind meist groß gewachsen, ziemlich muskulös und tragen einen stolzen Gesichtsausdruck zur Schau. Durch den Tourismus gibt es auf den Antillen keine wirkliche Not. In den Fischerdörfern lebt man wie eh und je, genügsam und doch im Reichtum, beschert durch Mutter Natur, denn Fisch und Früchte gibt es in Übermaß. Die Einheimischen, denen dies nicht genügt, arbeiten in den großzügigen Club- und Hotelanlagen, die sich an Luxus und Originalität gegenseitig übertreffen, oder sie verkaufen Souvenirs, frisches Obst und Fruchtsäfte am Wegesrand, führen die Urlauber auf unwegsamen Pfaden durch den vertrauten Dschungel, oder per Jeep und Taxi über die Inseln und arbeiten auf den Zuckerrohrfeldern und Bananenplantagen.

Das Kolonialhaus des Seefahrers und britischen Nationalhelden Lord Nelson ist heute noch zu besuchen und wird als Denkmal gepflegt. Die tiefen Einbuchtungen der Insel, verborgene Buchten, machten Antigua schon vor Jahrhunderten, während dieser bewegten Zeiten zu einem gut zu verteidigendem Stützpunkt und geschütztem Versteck für Schiff und Mann.

 

Der Ventilator dreht sich leise an der Decke des geräumigen Zimmers, das komplett im Kolonialstil mit Ratahnmöbeln eingerichtet ist und dessen großes Doppelbett aus armstarken, geschickt miteinander verbundenen Bambusrohren gezimmert wurde. Anja genießt diese Ruhe. Nur das ganz leise Plätschern vom nahen Strand ist zu vernehmen und akzentuiert die Ahnung von Paradies und Ewigkeit. Sie liegt auf dem Rücken, die Augen geschlossen, jedoch hellwach und lauscht den tiefen Atemzügen ihres Mannes an ihrer Seite. Er hatte getrunken gestern, ein wenig über den Durst, doch das war bei ihm keine Seltenheit. Sein nicht eben Eremitenhaftes Leben in Luxus und Vergnügen hat seine Spuren hinterlassen. Charly brauchte den Trubel, die festlichen Nächte und stürzte sich auch mit ihr oft tagelang hintereinander in die Feierlichkeiten der Gesellschaft. Wo etwas los war, musste er dabei sein und manchmal war es Anja schon ein wenig zuviel. Mehrere Nächte hintereinander nicht durchzuschlafen, das war sie einfach nicht gewöhnt. Unhörbar seufzt sie. Sie würde sich an seinen Lebensrythmus gewöhnen, es gefiel ihr ja, dieses pulsierende Leben, aus dem Vollen schöpfen, lachende, scheinbar sorglose Leute um sich zu haben, für die Partys anscheinend der einzige Lebensinhalt war, doch sie brauchte auch Pausen. Sie wollte Charly nicht Nacht für Nacht mit allen anderen teilen müssen. Sie wollte ihn für sich, für sich und Leyla. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, ihm kleinweis beizubringen, dass er nun eine Familie hatte und ihr ebenso viel Zeit widmen sollte wie seinen Freunden und Vergnügungen. Sie war gern überall dabei, doch er übertrieb manchmal doch sehr.

Seit sie hier in der Karibik angekommen waren, gehörte Charly ihr allein, aber nur die beiden ersten Nächte. Er hatte sich bereits am dritten Tag mit einer Gruppe junger Taucher angefreundet und es schien undenkbar, dass er einen einzigen Tag oder einen Abend lang ohne der johlenden, übermütigen Schar amerikanischer Abenteurer verbringen wollte. Es waren durchwegs sympathische, sportliche Leute. Ehemalige Studienkollegen aus Florida, die eine Leidenschaft miteinander verband, die Tiefseetaucherei. Natürlich besuchte sie jetzt einen Tauchkurs, da Charly bereits zu den erfahrenen Tauchern gehörte und die Unterwasserwelt faszinierte Anja wider jedes Erwarten. Den Tag über verbrachten sie auf dem Taucherschiff, das schon frühmorgens auslief und mittags wurden an Bord ein paar Fische gegrillt. Wenn sie am späten Nachmittag wieder Kurs aufs Festland nahmen, dann war Anja hundemüde und erschöpft von den ungewohnten Anstrengungen. Meistens schlief sie wie eine Tote bis zum Abendbuffet. Danach ging es erst so richtig los. Die Jungs machten ihre Späße und die Feier endete meist im Morgengrauen irgendwo am Strand, wo sie dann halb benommen einschliefen. Anja machte sich nichts aus Alkohol, hier und da ein gutes Gläschen Wein oder ein frischer, spritziger Cocktail, das war in Ordnung und sie konnte es auch wirklich genießen. Aber Saufgelage waren ihr ein Gräuel und es fehlte nicht viel, als dass man diese tropischen Strandnächte als solche bezeichnen konnte. Wenn sie genug hatte von den feuchtfröhlichen Erzählungen und dem Taucherlatein der Burschen, schlenderte sie allein den breiten Stand entlang. Sie grub dann ihre nackten Zehen in den weichen Sand, dachte an Leyla und hoffte, Charly würde sie bald rufen und gemeinsam würden sie ihren kühlen Bungalow aufsuchen, sich lieben oder einfach nur Seite an Seite schlafen, um für den nächsten Tag wieder fit zu sein.

 

Charly gehörte zu den Typen, denen man den erhöhten Konsumgenuss von Alkohol nicht gleich ansah, doch Anja kannte ihn nun lange genug, um in seinen Augen und an seinen Bewegungen den anderen Charly herauszuspüren, den, der ihr ein wenig Angst machte, da in seinem verschleierten Blick eine gewisse Brutalität und Kampfbereitschaft glitzerte, vor allem, eine gefährliche Unberechenbarkeit.

Trotzdem verpassten sie die Abfahrt des Tauchschiffes keinesfalls. Charly bestand darauf, mitzufahren und verlangte auch von ihr, sie möge ihre Tauchlehrgänge der Reihe nach absolvieren. Sie war eine gelehrige Schülerin und entdeckte jeden Tag neue Wunder in dieser stillen Welt, die ihr den Atem raubten. Die Neugier der bunten, originell geformten Fische überraschte sie, ganz nahe kamen sie an ihr Tauchglas um ihr in die Augen zu blicken und dann ganz plötzlich abzudrehen und davonzuschwimmen. Sie hatte sie richtig lieb gewonnen, diese zutraulichen Gesellen. Oft begnügte sie sich damit, einfach nur an der Oberfläche zu Schnorcheln, wenn die anderen lange unter Wasser blieben mit den schweren Pressluftflaschen. Oder sie nützte die Abwesenheit der Männer, denn es gab keine weibliche Taucherin in der Gruppe, was sie bedauerte, und döste ein halbes Stündchen im Schatten der Kajüte vor sich hin.

Den Tauchern gefiel es, dass sie immer mit dabei war und sie rissen sich darum, wer ihr den einen oder anderen nützlichen Tipp geben konnte. Ihr Körper war tiefbraun und ihre schlanken Glieder wurden nur durch den sportlich knappen, eng anliegenden Zweiteiler aus schwarzem Lycra verdeckt. Besonders nett fand sie einen jungen Sportstudenten aus Fort Myers, der sich auf seine letzten Prüfungen vorbereitete. Er wollte auf der Universität von Miami Gymnastik unterrichten und auch privat in verschiedenen Sportarten, wie beispielsweise Tennis, Unterricht geben. Er träumte vom großen Geld, das er machen wollte. Er erzählte ihr auch von seinem Plan, irgendwann ein eigenes Fitness-Studio zu eröffnen und irgendwie hatte Anja das Gefühl, dass der blonde Amerikaner deutscher Abstammung, sie als gleichwertigen Kumpel betrachtete. Am liebsten plauderte sie mit ihm, während die anderen mit ihren verteufelt gefährlichen Tauchgängen prahlten und sich gegenseitig zuprosteten.

 

Heute jedoch war Sonntag und das Tauchschiff sollte am Bootssteg liegen bleiben, wo der Bootsmann den Motor überprüfen wollte und auch eine Großreinigung war angesagt. Sie konnten also ausschlafen und faulenzen. Anja aber ist wach und der Schlaf will sich nicht mehr einstellen. Sie öffnet die Augen und sieht auf ihre Sportuhr. Sieben! Das hieß, dass sie erst vier Stunden geschlafen hatte. Trotz aller Bemühungen findet sie keinen Schlaf mehr, im Gegenteil, ihre Sinne werden immer wacher. Charly jedoch schläft wie ein Stein.

Endlich kriecht sie aus dem Bett und begibt sich unter die Dusche. Die Aussicht, einen vollen Tag an Land verbringen zu können, ist zu verlockend. Sie würde Charly schlafen lassen und sich nach einem Mietauto umsehen, vielleicht konnte sie eine kleine Rundfahrt machen.

Allein geht sie zum Frühstücksbüffet, das eben erst angerichtet wurde. Verwundert blicken ihr die Restaurantbediensteten entgegen und sie grüsst freundlich. Ihre langen Beine stecken in leichten Leinenschuhen und mit Shorts und Top bekleidet setzt sie sich an einen kleinen Bambustisch im Schatten einer Palmengruppe. Das Frühstücksbüffet, wird ebenso wie auch jenes zu Mittag im Freien, im Schutze einer weitläufigen Palmenbestandenen Grünanlage, die um einen großen Pool gruppiert ist, angeboten. Ein angenehmes Lüftchen vom Meer her bringt Kühlung und Frische. Sie trinkt nur Orangensaft und einen munter machenden Kaffee.

Zu ihrer Überraschung erblickt sie den jungen, blonden Sportler, der von seinem Bungalow herübergeschlendert kommt. Als er sie erblickt, winkt er lächelnd und kommt auf sie zu.

„Kann ich mich zu dir setzen?“ meint er, nachdem er sich einen großen Teller Speck mit Ei besorgt hat.

„Na klar!“ erwidert sie. „Wieso bist du schon auf?“

„Das gleiche wollte ich dich gerade fragen“, kontert Fred, wie der junge Mann heißt.

„Ich will mich umsehen. Eigentlich habe ich noch fast nichts von der Insel gesehen. Charly schläft, ich will ihn nicht stören. Gibt es eigentlich Autos auszuleihen?“

„Ich denke schon“, Fred schaufelt heißhungrig sein Frühstück in sich hinein. „Ist spät geworden gestern, was?“ stellt er fest.

„Eher früh geworden, müsste es richtig heißen!“ Ihr resignierter Tonfall lässt ihn aufhorchen.

„Du bist wohl nicht ganz einverstanden mit unseren durchzechten Nächten oder?“ Sie zögert, schließlich will sie nicht als Spielverderberin oder Langweilerin verschrien werden: „Doch, es ist immer recht amüsant mit Euch allen!“ gibt sie zu.

„Aber?“ bohrt der junge Mann weiter.

„Aber wir sind schließlich in den Flitterwochen und von Zweisamkeit kann ja wohl nicht viel die Rede sein!“ gesteht sie, doch fügt rasch hinzu: „Das heißt nicht, dass es mir mit euch nicht gefällt, ich finde die Taucherei echt Spitze, ganz toll!“

„Hmm“ ist die gleichmütige Antwort ihres essenden Gegenübers.

Nach einem großen Glas Fruchtsaft setzt Fred erneut fort: „Wenn du willst, können wir gemeinsam die Insel ergründen, mit dem Tauchen wird es heute ohnehin nichts mehr, wie es aussieht.“

So organisieren sie an der Rezeption der Clubanlage einen kleinen, offenen Strandbuggy, um damit quer über die kleine Insel zu kreuzen.

Sie besuchen den Obst- und Gemüsemarkt, den Fischerhafen und auch das Nelson-Museum mit seinem romantischen Ausblick auf die kleine Bucht, in der Nelsons Schiff, die „HMS Victory“, gelegen hatte. In einem der zahlreichen Souvenirläden kauft Anja eine kleine, kreolische Stoffpuppe mit bunten Kleidern für ihre Tochter, sowie eine hübsche Muschelkette. Leyla wird begeistert sein!

Sie merken kaum, wie rasch die Zeit vergeht und als es bereits ziemlich heiß wird und der Hunger sich meldet, stellen sie zu ihrer Überraschung fest, dass es bereits auf 15.00 Uhr geht.

„Jetzt haben wir doch glatt das Mittagsbuffet verpasst!“ scherzt Fred. Sie kaufen am Hafen Sandwichs und dann fahren sie gemütlich durch die lange Kokospalmenallee wieder zurück zur Clubanlage.

Scherzend sucht jeder von ihnen seine Unterkunft auf. Der Bungalow ist leer, Charly nicht zu sehen; wahrscheinlich noch beim Buffet, denkt sie und eilt zum Zentrum der Anlage. Wirklich lümmeln noch ein paar verspätete Mittagsgäste auf den Bambusstühlen herum, Charly kann sie auf einem der Barhocker erblicken. Er ist anscheinend allein. Er sitzt mit dem Rücken zu ihr und sie eilt zu ihm und schwingt sich auf den Hocker daneben. Sie bestellt eine Cola und Charly, der sie jetzt erst erkennt, wirft ihr einen eisigen Blick über die Sonnenbrille, die auf seine Nase gerutscht ist, zu.

„Frau Baronin bequemt sich endlich zu erscheinen!“ sagt er gedehnt und Anja erkennt an seiner Stimme sofort den hohen Alkoholspiegel, den er wieder in sich hat.

„Ich habe mir die Insel angesehen. Du hast so gut geschlafen, ich wollte dich nicht stören!“

„Ach“, erwidert er gekünstelt erstaunt und lässt sie nicht aus den Augen. „Allein?“

„Wieso? Nein! Fred hat mich begleitet!“

Er nickt und sagt wie zu sich selbst: „Der gute Fred also! Ist mir schon aufgefallen, dass ihr euch beide besonders gut versteht!“

„Das ist dir aufgefallen?“ fragt sie verwundert. „Da frage ich mich aber wann? Mir ist aufgefallen, dass ich dir nicht mehr auffalle, seit du mit deinen Freunden zusammen bist!“

„Sind Frau Baronin vielleicht eifersüchtig?“ spöttelt Charly und kippt den Inhalt seines Glases in einem Zug hinunter während er sofort dem Barmann bedeutet, ihm das gleiche einzuschenken, während Anja ihm bedeutet, dem Wunsch ihres Mannes keine Folge mehr zu leisten.

„Ich bin nicht eifersüchtig, aber du reagierst eigenartig Charly! Ich wollte einfach etwas unternehmen, ist das so schlimm?“

„Ach lass mich doch in Ruhe!“ Abermals macht der dem Barkeeper ein ungeduldiges Zeichen. Der arme Mann weiß nicht, was er tun soll.

Anja spürt wie sie wütend wird, das erste Mal wütend auf ihn.

„Das habe ich ja getan! Oder hättest du mich etwa begleiten wollen, hätte ich dich wirklich wecken sollen?“

„Was interessiert mich diese primitive Insel!“ gibt er unwillig zur Antwort. „Aber davonschleichen hättest du dich nicht brauchen, oder war es schon so ausgemacht mit dem guten Fred, der jeden Abend lang nur auf deinen Busen starrt?“

Seine Anschuldigungen tun ihr weh und machen sie gleichzeitig zornig. Das war so lächerlich! „Du bist doch hoffentlich nicht eifersüchtig? Charly, diese Kleinlichkeit, das passt nicht zu dir!“

„Eifersüchtig? Ich?“, lacht er laut heraus und Anja sieht sich peinlich berührt um. Doch außer dem Barmann und ihnen beiden ist niemand mehr zu sehen.

„Eifersucht ist mir ein Fremdwort, meine Gute, merke dir das gleich für allemal. Das heißt aber nicht, dass du dich von jedem X-beliebigen vögeln lassen kannst und ich dabei zusehen werden! Die wilden Studentenjahre sind vorbei für dich, gutes Kind! Du hast einen Namen zu wahren und wirst dich danach benehmen, oder ich werde es dich lehren!“

Jedes einzelne Wort prasselt wie ein Peitschenhieb auf die fassungslose junge Frau und sie rutscht zitternd vom  Barhocker und entfernt sich ruhigen Schrittes, obwohl sie am Liebsten laufen würde, laufen bis ans Ende der Welt.

„Anja!“ ruft er ihr herrisch hinterher, „Bleib hier verdammt noch mal, ich bin noch nicht fertig!“

Sie hält sich beide Ohren zu und als sie außer Blickweite ist, läuft sie doch los, so rasch sie kann, um sich in das kühle Zimmer zu flüchten, in dem sie nur verliebte Stunden in Zweisamkeit verbringen wollten.

Unter der kalten Dusche beruhigt sie sich allmählich. ‚Es ist der Alkohol!’ denkt sie. ‚Der verdammte Alkohol! Er trinkt zuviel, weiß er das nicht?’

Sie hört ihn ins Zimmer poltern und nach ihr rufen. Rasch versperrt sie die Badezimmertür und lässt ihn an die Tür hämmern. Er flucht und tritt dagegen, doch sie findet nicht den Mut, ihm aufzumachen.

„Charly“ flüstert sie zu sich selbst, „tu das nicht, mach nicht alles kaputt!“

Sie waren gerade erst zehn Tage lang verheiratet. Sie würde mit ihm reden wenn er nüchtern war. Aber wann war er das?

Er entfernt sich schließlich und sie wartet noch eine Weile, bis sie seine Schritte auf der Holztreppe des Bungalows hört, den er polternd verlässt. Dann erst öffnet sie die Tür und kleidet sich rasch an.

Sie wird Fred aufsuchen und ihm sagen, er solle sich in Acht nehmen und Nachsicht mit Charly haben, falls dieser Streit suchen sollte.

Als sie sich dem Bungalow des Tauchers nähert, den er mit einem zweiten Burschen aus der Gruppe teilt, hört sie bereits von draußen die aufgebrachten Anschuldigungen ihres Mannes und rasch betritt sie das kleine Haus. Fred, der anscheinend vor dem Fernseher ausgestreckt gesessen hatte, blickt amüsiert in das Gesicht des betrunkenen Mannes, der sich vor ihm aufgepflanzt hat und ihn anbrüllt: „Verdammter Wichser! Lass meine Frau zufrieden, hörst du? Lass dich nicht mehr in ihrer Nähe erwischen, ich mach dich sonst fertig!“

Dass der kräftig gebaute Sportler ihn ignoriert, macht ihn nur noch wütender und er schreit noch lauter, während der Mitbewohner des Hauses versucht Charly weg zu ziehen: „Lass mich los! Ich will, dass dem Scheißkerl kapiert was ich sage! Hast du das begriffen, mit deinem Spatzenhirn?“

Langsam steht der Blonde auf, er ist um einen halben Kopf größer als Charly und viel breiter gebaut: „Verschwinde Charly! Schlaf deinen Rausch aus. Ich will keinen Streit, okay?“

Die Antwort ist ein Fausthieb, den der Angesprochene dem Größeren in den Magen verpasst und dieser sackt kurz in sich zusammen.

Anja ist wie gelähmt, doch sie findet ihre Stimme wieder und ruft bittend: „Charly, bitte komm, gehen wir!“ flehend blickt sie auf Fred, der sich das Haar zurückstreift und sich wieder aufgerichtet hat: „Versoffener Idiot! Wenn du weniger trinken würdest, könntest du dich auch mehr um deine Frau kümmern, bevor es andere tun! Du bist sie gar nicht wert!“ Noch während der letzten Worte hatte er ausgeholt zu einem gewaltigen Fausthieb, der Charly genau über dem Auge an der Stirn trifft und zurücktaumeln lässt. Blut sickert aus einer kleinen Platzwunde über den rechten Auge und benommen will Charly sich dennoch erneut auf den Taucher stürzen.

„Nein“, ruft Anja mit wütender, energischer Stimme: „Schluss damit!“ sie hat sich vor Charly gestellt, sodass die beiden Männer nicht mehr aufeinander losgehen können. „Es reicht! Morgen tut es euch beiden dann leid! Schluss, aus!“ Wider Erwarten gibt Charly auf, er stößt sie auch nicht zur Seite, sondern lässt sich von ihr am Arm packen und zur Tür schleppen. Der zweite Junge springt hinzu: „Warte, ich helfe dir, ihn in eure Hütte zu schaffen!“ Gemeinsam bringen sie den schwankenden Mann in den Bungalow, wo er auch sogleich wie ein gefällter Baumstamm der Länge nach aufs Bett fällt.

„Sag Fred, es tut mir so leid, aber Charly ist sonst nie so!“ entschuldigt sich Anja bei dem jungen Mann, der grinsend nickt und das Zimmer verlässt.

Charly murmelt Unzusammenhängende Worte vor sich hin und Anja eilt ins Bad um ein feuchtes Handtuch zu holen, mit dem sie ihm die Platzwunde kühlt, während er wehleidig zusammenzuckt. „Pass auf, das tut weh, verdammt noch mal!“ beklagt er sich und sie tupft das Blut an seiner Stirn weg. Er hält ihre Arme fest und zwingt sie, ihn anzusehen. Seine schönen Augen sind glasig und der sonst goldene Schimmer darin wirkt schmutziggelb. „Anja! Lass mich nicht mehr allein, verstanden!“

„Ja, ja“, sagt sie ruhig und setzt geduldig hinzu: „Ich habe dich nicht allein gelassen, du bist betrunken, schlaf jetzt!“

Er hält sie fest und zieht sie an sich: „Ich kann es nicht ertragen, wenn ein anderer in deiner Nähe ist. Du gehörst mir! Nur mir!“ Seine Worte werden schwerer und sie spürt, wie der Schlaf ihn übermannt. Sie bleibt neben ihm liegen, da er sie noch immer fest umschlungen hält und lauscht seinen regelmäßigen Atemzügen, bis sie schließlich in ein tiefes Schnarchen übergehen. Eingelullt von seiner Alkoholausdünstung und dem Surren des Ventilators schläft sie schließlich auch ein, das feuchte Tuch mit den Blutspuren immer noch in den Händen.

Nachts erwacht sie durch seine Küsse, mit denen er ihren Körper bedeckt, ihr Gesicht und ihren Hals. Als er sich auf sie legen will, protestiert sie schwach: „Nein, Charly, nicht!“ Doch er entfacht einmal mehr das Feuer in ihr und es ist ihr gleich, dass er nach Schweiß und Alkohol riecht, sie lässt sich in seine Umarmung fallen und sucht Vergessen in den heftigen Stößen, mit denen er sie nimmt und sie in seinem leidenschaftlichen Feuer vergehen lässt.

 

Morgens sprechen sie nicht über den Vorfall. Charly leidet unter Kopfschmerzen, was er aber nicht zugibt. Als er sich für den Tauchgang fertig machen will, macht Anja ihn auf seine Platzwunde aufmerksam, die sie geschickt mit einem Heftpflaster verarztet hat.

„Das ist nichts!“ erwidert er gelassen, „Meerwasser wirkt heilend!“

So verbringen sie auch diesen Tag auf dem leicht schaukelnden Schiff mit den anderen, die sie beide verstohlen mustern, da der Auftritt von gestern Abend niemandem verborgen geblieben ist. Fred hält sich abseits und Anja sucht nicht seinen Blick, aus Angst vor einer weiteren, heftigen Reaktion seitens ihres Mannes. Charly tut, als wäre nichts passiert. Anja denkt, dass er sich vielleicht gar nicht mehr an Einzelheiten erinnerte.

Heute begegnen sie einer riesigen Gruppe junger Barakudas, die silber blitzend, elegant durchs Wasser ziehen und auch ein paar kleinere Rochen ziehen unter ihnen durch die Einsamkeit der Wasserwelt. Die Schwärme von Papageienfischen, Clownfischen und anderen bunten Artgenossen sind wie immer pünktlich zur Stelle und bringen Leben in die stumme, blaue Welt.

An diesem Abend nimmt Charly einen einzigen Drink nach dem Buffet und hat nicht das Bedürfnis noch weiterzufeiern und schließlich mit der Gruppe ausgelassener Trinkkumpanen zum Strand hinunter zu wandern. Anja sieht in dieser Handlungsweise die Einsicht, zu der Charly gekommen sein musste und als er ihre Hand nimmt, den Leuten zuwinkt und mit ihr das freie Restaurant verlässt, ist ihr leicht ums Herz.

„Worauf hast du Lust?“ fragt er sie auffordernd.

„Worauf du willst!“ antwortet sie spontan und so schlendern sie schweigend, Hand in Hand den Strand entlang, bis das Clubdorf fast außer Sicht ist.

„Was hältst du davon, wenn wir uns morgen ein Wasserflugzeug organisieren und ein bisschen die einsamen, unbewohnten Inseln ansehen! Vielleicht finden wir sogar einen Piratenschatz!“ Der Schalk steht in seinen Augen geschrieben und sie stimmt begeistert zu. Das war wieder der Charly, in den sie sich verliebt hatte. Unternehmungslustig, das Leben herausfordernd, strahlend. Er bemühte sich, sie glücklich zu sehen, obwohl er nicht wörtlich seine Fehler zugibt, nimmt sie es als Eingeständnis seines Ausrutschers hin und streicht somit diese unangenehme Erinnerung endgültig aus ihrem Gedächtnis.

 

Das kleine Wasserflugzeug überfliegt in geringer Höhe die Küsten und Strände der vielen Nachbarinseln, zum Grossteil unbewohnt. Korallenriffe und einige versunkene Wracks sind deutlich im türkisfarbenen Wasser zu erkennen. Delphine und sogar plumpe, aber geschickt schwimmende Wasserschildkröten entlocken Anja immer wieder kleine Ausrufe des Entzückens.

Sie lassen sich auf einer der kleinsten und einsamsten Inseln aussetzen und waten bis zum Ufer, die Provianttasche vor sich her balancierend. Niedrige Büsche bilden das Ostufer der Insel, während auf der gegenüberliegenden Seite schief gewachsene, fast horizontale Kokospalmen ihre breiten Fächer bis fast ins transparente Wasser des Ozeans tauchen. Sie Schnorcheln und albern herum, balancieren auf den gebogenen Stämmen der Palmen und laben sich am mitgebrachten Proviant und schließlich dem Champagner, den Charly ihr als Überraschung offeriert. Dann liegen sie am späten Nachmittag Seite an Seite im Schatten und warten auf das Flugzeug, das sie wieder auflesen soll.

Das prickelnde Getränk stimuliert ihre Sinne, der weiche, weiße Sand und der leichte, warme Wind, der die Hitze erträglich macht, kann das Feuer ihrer Lust nicht löschen und sie finden sich wieder in einer endlosen Umarmung, der Welt entrückt, dem Paradies ein Stück näher. Der Sand, ja der Sand allein lässt sie danach ein wenig wehmütig zurückdenken, an eine längst entschwundene Liebe am anderen Ende der Welt, in einem anderen Leben, einer anderen Zeit.....

Als sie wenige Tage später nach zehnstündigem Flug wieder in Wien landen, wo sie von Carla und Leyla abgeholt werden, - Frédéric ist wieder einmal in Ägypten, immer noch auf der hoffnungslosen Suche nach einem geeigneten Nachfolger für Smaïn - , empfängt sie ein eisiger Januarsturm und dichtes Schneegestöber. Leyla strahlt, als sie ihre Mutter wieder sieht und ist begeistert über die Muschelkette und die Puppe. Charly hat ihr selbst getauchte, bunte Muscheln mitgebracht und die Kleine plappert während der gesamten Fahrt in die Stadt wie aufgezogen. Weihnachten hatten sie in Wien verbracht, die Grosseltern und Leyla und sie schildert begeistert von dem bunten, leuchtenden Christkindlmarkt, dem traditionellen Weihnachtsmarkt der Wiener, der jedes Jahr direkt vor dem Rathaus aufgebaut wird und dem festlichen Weihnachtsfest, den vielen Geschenken und, und, und...

 

Die Wirklichkeit des Lebens holt Anja wieder auf den Boden der Realität zurück. Sie beginnt hart die letzten Anforderungen des Studiums zu bewältigen und Charly ist vollauf beschäftigt mit dem Formel 3 Rennstall in Salzburg. Die durch seine Heirat mit Anja errungene, finanzielle Unabhängigkeit lässt ihn begeistert neue Entwicklungsprojekte in Angriff nehmen. Er bleibt nicht selten mehrere Tage weg, wenn er nach dem Training nicht mehr die dreihundert Kilometer bis nach Wien zurückfahren möchte.

Obwohl er ihr fehlt, hat sie kaum Zeit unter seiner Abwesenheit zu leiden. Sie büffelt und gönnt sich kaum eine Verschnaufpause. Leyla geht bereits halbtags in einem internationalen Kindergarten, wo sie mit den Kindern der UNO-Angestellten aller Länder zusammentrifft und englisch gesprochen wird. Besonders nach diesem Kriterium hat Anja den Kindergarten ausgewählt. So bleibt ihr mehr Zeit und auch Carla kann sich etwas erholen, denn es ist nicht zu übersehen, dass sie abgespannt wirkt, fast nervös und manchmal sogar abwesend. Ihren Vater hat Anja noch nicht gesehen, er scheint aus Ägypten nicht wegzubringen zu sein.

Als Anja einmal Carla daraufhin anspricht, wehrt diese müde ab: „Ich habe keine Ahnung wann er zurückkommt. Du kennst ihn, er ist ein sturer Kopf und lässt sich nichts sagen. Er meint, einfach unentbehrlich zu sein! Er will auf niemanden hören, weder auf mich noch auf die Ärzte!“

Hellhörig fragt Anja nach: „Die Ärzte? Braucht Papa denn ärztliche Betreuung?“

„Nicht direkt!“ schwächt ihre Stiefmutter ab. „Aber schon seit fast zwei Jahren wird ihm immer wieder gesagt, er sollte kürzer treten, doch für ihn sind das alles nur Scharlatane, die keine Ahnung haben. ‘ Was soll ich tun?’ fragt er mich! Soll ich die Firma etwa zusperren? Irgendwer muss sie ja leiten!“

„Aber ich dachte, er habe inzwischen genügend vertrauenswürdige Leute, die ihm den Grossteil abnehmen können!“

„Einen Bruchteil, Anja, einen Bruchteil! Der Grossteil bleibt an ihm hängen. Wahrscheinlich hat er auch insgeheim gehofft, dass du einmal einen Ehemann bringen würdest, der ihm zur Seite stehen könnte...“

Fast schuldbewusst, verteidigte sie ihren Mann: „Aber ich konnte doch keinen Ehemann für die Firma wählen, sondern für mich. Charly ist nicht wie Papa, aber ich liebe ihn, er hat andere Qualitäten und Kenntnisse! Papa versteht das!“ ‘Tut er nicht’, denkt Carla, aber ihr undurchschaubares Lächeln verrät ihre Gedanken nicht.

Eigentlich war das übertrieben, denn Anja wusste genau, dass Charly außer dem Abitur keinerlei Berufsbildung hatte. Er widmete sich den Pferden, den Rennautos, dem Süßen Leben, aber war er dadurch ein schlechterer Mensch? Er hatte es nie besser gelernt und, genauso genommen, verhielt es sich bei ihr nicht viel anders, sie waren zwei Müßiggänger, während ihr Vater sich zu Tode schuftete!

Diese Erkenntnis und gleichzeitig die Absurdität ihres Gedankenganges treibt ihr die Tränen in die Augen. Carla beschwichtigt sie: „Ist ja schon gut, er hat ja nie etwas darüber gesagt, das würde er nie tun! Sein Schwiegervater hatte das große Glück, dass sich dein Vater in dessen Tochter verliebt hatte, denn es war ja die Situation ähnlich und dazu kam noch die schlechte Gesundheit deiner Mutter, sonst wären die Werke heute längst in fremden Händen. Was vielleicht der bessere Weg gewesen wäre!“ setzt sie murmelnd hinzu.

„Was werden wir tun?“ fragt Anja mit mutloser Stimme. „Wir müssen mit ihm reden! Hat er denn ernstliche Gesundheitsprobleme?“

„Er hat Herzrhythmusstörungen, er weiß es, doch er lässt nicht mit sich reden. Auch sein Blutdruck ist schon seit einigen Jahren erhöht. Er nimmt Pillen dafür, aber sicher nicht regelmäßig. Ägypten, Deutschland, Wien, er möchte überall gleichzeitig sein und denkt, nichts ginge ohne seine Anwesenheit! Ich bin es leid, diese Warterei auf seine Anrufe, auf sein Kommen!“ Die Italienerin bedeckt ihre Augen mit zitternder Hand und Anja schließt sie spontan in die Arme.

„Ich werde mit ihm reden. Er muss sich zurückziehen. Wir pfeifen auf die Firma, ich will sie nicht! Sie hat mir Zeit meines Lebens den Vater vorenthalten, sie hat meinen Großvater auf dem Gewissen und vielleicht auch meine Mutter, die wahrscheinlich nicht gestorben wäre, wenn der Mann an ihrer Seite in ihrem Bett geschlafen hätte.“ Der plötzliche Hass auf die Firma, die nun auch noch das Leben ihres Vaters bedrohte, füllt schmerzhaft ihre Brust und ihren Geist aus.

„Wofür tut er das? Soll er doch verkaufen! Wir legen das Geld gut an und ihr habt das beste und schönste Leben, das man sich vorstellen kann! Es gibt keine Hardtberg- Söhne, die das Werk weiterführen werden. Am Ende wird es doch verkauft! Was macht das schon, früher oder später?“

„Es ist sein Lebenswerk, Anja“, Carla wischt sich die Tränen von den Wangen.

„Und kann er sich das etwa mit in sein Grab nehmen?“ entgegnet sie unwillig. Ihre blauen Augen sprühen vor Nervosität und Entschlossenheit.

„Entweder er fungiert nur mehr als Geschäftsleiter im Hintergrund oder er verkauft, wir lassen ihm keine andere Wahl!“ Die zwei verbündeten Frauen schöpfen neuen Mut und Anja beschließt, heute noch den Vater telefonisch zu erreichen. Während des langen Telefongespräches, das sie abends mit ihm führt, nachdem sie ihn endlich nach mehrmaligen, ergebnislosen Versuchen an den Apparat bekommt, erzählt er, dass die ägyptische Regierung bereit wäre, einen neuen Vertrag zum Ausbau des U-Bahn-Netzes zu unterzeichnen. Zwei neue Linien waren geplant, das hieße Arbeit auf Jahre.

„Oh nein, “ entfährt es Anja. Das Grauen der Geschehnisse im U-Bahn Schacht steht klar vor ihren Augen. „Nein, Papa“ wiederholt sie hartnäckig. „Es reicht! Auch wenn du es nicht gerne hörst, du musst endlich etwas leiser treten! Ich weiß, du bist auch nicht mehr ganz gesund und das können wir nur in den Griff bekommen, wenn du vernünftig wirst. Ich muss ganz dringend mit dir über alles sprechen, bitte Papa, sag nicht nein! Bitte höre uns an, Carla und mich. Sie macht sich große Sorgen um dich und du weißt, sie ist bestimmt nicht zimperlich und ich ebenso wenig. Aber du musst deinem Leben endlich Prioritäten setzen!“

Nach kurzem Schweigen, wendet der Unternehmer ein: „Wie stellst du dir das vor? Ich habe Verantwortungen. Ich kann nicht einfach den Laden dicht machen wie ein kleiner Gemischtwarenhändler!“

„Das ist mir klar“, antwortet sie mit klarer, fester Stimme. „Aber was ist dir dein Leben wert? Was bin ich dir wert? Wenn dir etwas passiert, Papa, dann schwöre ich bei allen Göttern dieser Welt, verkaufe ich sofort und egal um welchen Preis, das ist mir dann egal, ja notfalls verschenke ich die Bude auch, das kannst du mir glauben!“

Frédéric kennt seine Tochter und spürt wie ernst es ihr damit ist. Sie fügt noch hinzu: „Ich war in Leylas Alter, als ich Mama verlor, so wie sie ihren Vater. Ich war kaum jünger als ich den Großvater verloren habe und willst du jetzt, dass auch sie in dem gleichen Alter den ihren verliert? Welches Spiel spielst du, Papa? Ich spiele es jedenfalls nicht mehr mit!“

„Schon gut, wir reden über alles! Ich glaub ich habe einen Spitzenmann gefunden, einen Engländer! Erinnert mich ein bisschen an mich selbst in meiner Jugend. Ich werde mit dir über alles reden, versprochen. Aber was die Metro in Kairo angeht...“

Rasch unterbricht sie ihn mitten im Satz: „Das soll ein anderes Werk übernehmen, Papa. An Anbietern wird es ja wohl kaum fehlen!“

„Wir sprechen nochmals darüber, Kind! Du machst es dir zu einfach! Was macht das junge Eheglück?“ Absichtlich versucht er vom Thema abzulenken.

„Es blüht und gedeiht!“ erwidert sie ungezwungen.

„Glücklich?“ will er wissen.

„Sehr“, antwortet sie und verschweigt Charlys Abwesenheit, die bereits seit einer Woche andauert. Täglich verspricht er nach Wien zu kommen, dann kommt jedes Mal etwas dazwischen. Zärtlich verabschiedet sich Anja von ihrem Vater und als sie aufgelegt hat, fühlt sie sich wieder so verloren wie in ihrer Kindheit, jedes Mal nach den Ferien und Feiertagen, wenn er sie dann verlassen hatte, um sich seiner Arbeit zu widmen....

 

15. Kapitel – Von Vertrauen und Zweifel

 

Als Charly auch am Wochenende nicht nach Wien kommen kann, schnappt sie Leyla, setzt sich mit ihr ins Auto und fährt die dreihundert Kilometer bis nach Salzburg. Die Strassen sind glatt und rutschig, doch sie ist eine gute Fahrerin und riskiert nichts mit wilden Überholmanövern oder bei schlechter Sicht. Nachdem sie Charly nicht in der Pension, in der sie bei ihren Besuchen in der Geburtsstadt Mozarts für gewöhnlich absteigen, findet, fährt sie die paar Kilometer aufs Land, wo die Rennstrecke liegt und auch die weitläufigen Hangars aufgebaut wurden, die die Rennautos und Werkstätten beherbergen. Mit „Hallo“ wird sie von den wenigen Bekannten begrüßt, die sie bereits kennen gelernt hat, doch Charly ist nicht zu finden.

Einer der Mechaniker kann ihr eine vage Auskunft geben: „Ich glaube, er musste dringend nach Italien, nach Bozen fahren, wegen eines Fehlers im Motor. Er sagte, er würde sich den Motor nochmals im dort ansässigen Werk überprüfen lassen!“

„Und wann ist er hier weg gefahren?“ Die Enttäuschung in ihrer Stimme ist nicht zu überhören.

„Das war schon gestern Abend, gegen zehn! So könnte er gleich heute früh ins Werk fahren, meinte er noch!“

„War er allein?“ Die winterlichen Straßenverhältnisse machen Anja Sorge, obwohl sie Charly als ausgezeichneten Piloten kennt.

„Nun, ich denke schon!“ zögert der junge Mechaniker. Sicher ist er sich aber nicht.

„Na gut, vielleicht kann ich ihn ja erreichen. Ich fahre in die Stadt zurück und nächtige in der Pension. Er müsste ja heute zurückkommen, es ist Samstag, morgen wird in Italien ganz sicher nicht gearbeitet!“

Zustimmend nicken die Männer und Anja tut wie gesagt.

 

In der kleinen Pension ist es warm und gemütlich. Sie borgt sich nachmittags eine Rodel und tobt mit dem kleinen Mädchen lachend im Schnee. Nach dem Abendessen bringt sie das Kind zu Bett und hofft, dass Charly doch noch diese Nacht zurückkommt. Er fehlt ihr! Warum er nichts am Telefon gesagt hatte! Jedenfalls musste er sehr beschäftigt sein, da er das Handy den ganzen Tag über ausgeschaltet ließ.

Als er am nächsten Morgen noch immer nicht zurück ist und auch in der Werkstatt keine Nachricht hinterlassen hat, überlegt sie, ob sie zurückfahren soll, oder nicht. Sie lässt es bleiben und beschließt, bis zum Nachmittag zu warten. Sie spaziert mit Leyla durch die hübsche, alte Innenstadt und sie kehren in eines der gemütlichen Caféhäuser ein, um heiße Schokolade zu trinken und Nusstorte zu essen. Als sie zurück ins Hotel kommen, merkt sie erst, dass sie das Handy im Zimmer vergessen hatte. Eine Nachricht ist gespeichert und als sie sie abhört, traut sie ihren Ohren kaum:

„Hallo Anja, es ging sich leider nicht aus dieses Wochenende. Aber ich komme gleich Montag früh nach hause! Sollen sie doch sehen, wie sie ohne mich weiterkommen. Du fehlst mir! Mein Bett ist kalt und leer! Mach’s gut!“

Kein Wort von Italien, kein Wort über seine Fahrt nach Bozen! Was sollte das? Ihr weiblicher Instinkt sagte ihr, dass irgendetwas faul war an der Geschichte, aber was? Er konnte sie doch nicht nach einem Monat Ehe bereits betrügen! Nein, das war Unsinn! Er hat einfach vergessen ihr zu sagen, dass er nach Bozen fahren musste und würde ihr die Geschichte nach seiner Rückkehr erzählen. Wieder hatte er nur seine Mailbox eingeschaltet, er wollte anscheinend nicht gestört werden oder aber er war bereits unterwegs. Schön, denkt sie, dann spielen wir also zu zweit dieses Spielchen!

Sie wartet auf den Bip -Ton und gibt ihrerseits eine Nachricht durch: „Charly, du fehlst mir, komm rasch nach hause, ich warte auf dich!“ Die Überraschung würde total sein, ob im Guten oder im Schlechten! Bleibt nur zu hoffen, dass er sich nicht mit der Werkstatt in Verbindung gesetzt hat, und er bereits von ihrem Eintreffen informiert wurde.

Voll von Zweifeln und Ängsten verbringt sie den Nachmittag an Leylas Seite vor dem Fernsehapparat und sieht Märchenfilme, ohne sie wirklich zu sehen. Als die Kleine einschläft, ist von Charly noch kein Lebenszeichen zu spüren; und so fällt sie ebenfalls unruhig in einen leichten Schlaf. Gegen Mitternacht wird sie durch Lärm auf der Treppe geweckt. Verhaltener Lärm, kichern, tuscheln. Angestrengt lauscht sie in die Dunkelheit und hält den Atem an. Sie hört, wie man sich am Schloss zu schaffen macht, doch die Tür ist unversperrt und überrascht wird sie aufgestoßen. Im Licht des Flurs erkennt sie ihren Mann, an seiner Seite ein Mädchen, das die Arme um seine Taille geschlungen hat und sich an ihn lehnt. Offenbar war sie betrunken, wie er auch. Als er den Lichtschalter betätigt und sie zusammengekauert am Bettrand sitzen sieht, überzieht ein perplexer, fast stupider Ausdruck der Überraschung sein gut geschnittenes Gesicht.

„Wo kommst du denn her?“ fragt er zur Begrüßung und hat sich gleich wieder unter Kontrolle.

„Ich bin bereits seit gestern hier und warte!“ kontert sie angriffslustig.

„Na, so ein Pech!“ fährt er fort. „Ich musste dringend nach Bozen wegen dem Motor. Ach, darf ich dir vorstellen“, er schiebt das zierliche, noch sehr junge Mädchen mit dem modischen, kurzen Haarschnitt ein Stück von sich, „das ist Bärbel. Sie ist Mechanikerlehrling bei uns, im letzten Jahr!“

„Und sie war natürlich mit in Italien!“ stellt Anja ruhig fest, obwohl sie innerlich kocht.

„Ja, das war sie! Sie hat Zukunft die Kleine, sehr begabt auf ihrem Gebiet!“

Das junge Mädchen beginnt zu kichern und schlägt sich gespielt erschrocken die Hand vor den Mund.

„Spar dir deinen Sarkasmus, Charly! Vielleicht kannst du minderjährige Kinder damit noch beeindrucken, mich jedenfalls nicht!“

„Was hab ich getan? Ich bin gefahren wie ein Selbstmörder, über dreihundert Kilometer bei den Straßenverhältnissen und das nachts, nur damit ich morgen früh nach Wien kommen kann, nachdem du mich schon deswegen nervst!“

„Ich nerve dich nicht, keine Sorge, Charly. Ich mache euch das Bett frei und fahre sofort zurück. Schade um die Zeit, die ich mit der Warterei auf dich vergeudet habe!“ Während des Sprechens hat sie bereits ihre Sachen in die Reisetasche geworfen und kramt nach der dicken Daunenjacke Leylas, die sie dem schlafenden Kind überziehen möchte.

„Aha, jetzt kommt wieder die große dramatische Szene! Gefällst du dir eigentlich in der Rolle der betrogenen Ehefrau?“ spöttelt er und nun ist ihr klar, dass auch er getrunken hatte. Entweder war er so verrückt gewesen, in dem Zustand auf der Autobahn zu fahren oder die beiden waren kurz zuvor wo eingekehrt, um sich in die rechte Stimmung zu bringen. Wofür, darüber wollte sie erst gar nicht nachdenken!

„Ich diskutiere nicht mit Betrunkenen“, entgegnet sie eisig. Sie hat die Jacke der Kleinen übergezogen und greift nach der eigenen. Ihre Hände zittern, sind eiskalt, trotz des warm beheizten Raumes und das Herz schlägt flatternd in ihrer Brust.

„Geh nach Hause!“ fordert Charly das junge Ding auf und sie sieht ihn schmollend und enttäuscht an. „Na los, doch, schlaf dich aus und erschein pünktlich Montag zur Arbeit, verstanden?“ Langsam geht sie die Treppe hinunter und dreht sich nochmals um. Doch Charly hat sie anscheinend schon vergessen. „Soll ich mich für etwas entschuldigen, das ich nicht getan habe?“ fragt er unwillig und versperrt Anja die Tür.

„Du sollst mich nur vorbei lassen, das ist alles!“

„Verdammt Anja, bring mich nicht schon wieder auf die Palme! Das ist wirklich nur eine angehende Mechanikerin, verrückt nach Rennautos. Ich brauche mich vor dir nicht zu rechtfertigen! Sie wollte unbedingt mit, na schön, aber glaubst du wirklich, ich vergreife mich an Kindern?“

Zweifelnd sieht sie ihm in die Augen: „Ich weiß nicht, was ich glauben soll, Charly, aber sicher ist, du bist betrunken!“

„Ach ja ? Na, Betrunkene sagen ja angeblich immer die Wahrheit, also kannst du mir glauben! Ach, was versuche ich mich eigentlich andauernd vor dir zu entschuldigen! Glaub doch was du willst!“

„Ich bin müde, Charly“, erwidert sie resigniert, „lass mich gehen, bitte!“

„Ich komme mit!“ erwidert er spontan.

„Nein, schlaf dich aus, du kannst jetzt nicht mit dem Wagen fahren!“

„Okay, okay“, lenkt er ein, „ich lasse dich fahren und den Porsche sollen sie mir nachbringen. Na, bin ich nicht vernünftig?“

Anja will weder Streit noch Diskussion und schon gar nicht nachdenken, wo die Wahrheit wirklich lag. Fest stand, dass er wieder getrunken hatte, zu viel, eindeutig, und es war vielleicht besser, wenn er mitfuhr, sie hatte ihn unter Kontrolle und so konnte er im Auto schlafen und sie würde die Strecke vorsichtig zurück in die Hauptstadt fahren. Morgen, bei Tageslicht, würde alles anders aussehen.

 

Da Charly am nächsten Morgen kein bisschen zerknirscht war und keinerlei Gewissensbisse zu haben scheint, schenkt sie seinen Erklärungen Glauben. Er hatte es auch wirklich nicht nötig, sich mit jungen Gören abzugeben, das war in ihren Augen unter seinem Niveau. Es folgen einige angenehme Tage, an denen Charly zwar mehrmals zum Schloss fahren muss, jedoch seine Art ihr gegenüber ist wieder die gewohnte und er trinkt auch kaum mehr in ihrer Gegenwart. Sie lässt sich von ihm dazu verführen, manchmal abends ein wenig von dem Pulver zu konsumieren, das er anscheinend immer bei sich hat, zusammen mit einem kleinen Röhrchen in einer winzigen Elfenbeindose. Die Illegalität seines Tun dürfte ihm keinesfalls Kummer bereiten und er erklärt ihr mit klarer Überzeugung, dass es in seinen Kreisen üblich sei, sich dieses Genussmittels zu bedienen. „Es ist der Fusel der Reichen!“ lacht er und zerstreut ihre Bedenken. Er nennt ihr Namen von Prominenten, auch Politikern, die sich mehr oder weniger offiziell als Konsumenten dieses Pulvers bekennen. Anja lässt sich nur zu gerne davon überzeugen, ihre Liebesakte sind danach von einer scheinbar unstillbaren Gier und Intensität, und die Leidenschaft, zu der sie fähig ist, macht ihr fast Angst, da sie jedes zärtliche Gefühl der Liebe für ihn zur Seite drängt und sie einfach nur guten Sex von ihm will, um ihre Lust zu befriedigen.

 

Etwa zwei Wochen nach dem Vorfall in Salzburg, kommt endlich Frédéric zurück, widerwillig zwar, aber Anja und Carla haben ihm dermaßen zugesetzt, dass er nun endgültig die Verlängerung des Vertrages abgelehnt hatte, schweren Herzens zwar, doch entschlossen, nicht länger auf die Familie zu verzichten. Es stimmte ja, er war oft mehr als abgespannt, auch wenn er es nie zugeben würde. Er hatte den jungen Engländer, den er für einen fähigen, zukunftsreichen Mann hielt, während der Bergungsarbeiten in Kairo kennen gelernt. Er war einer der freiwilligen, internationalen Helfer, die mit den Hilfsgütern für die Stadt eingetroffen waren. Er konnte mit neuesten technisch komplizierten Maschinen ebenso umgehen, wie mit irgendwelchen Computern jeder Art. Kein Programm war ihm anscheinend unbekannt oder fremd, keine Information, die er suchte, blieb ihm verborgen, er hatte Zugang zu allen Ressorts und Stellen, weltweit. Er konnte mit den Männern umgehen, und legte ein unwahrscheinlich ausgeprägtes Organisationstalent an den Tag.

Frédéric suchte den Mann in dessen Hotel auf, das weniger luxuriös als das Hilton war, was ihm anscheinend nichts ausmachte. Ein echter Menschenfreund also, überlegte Frédéric. Den musste er näher kennen lernen und vielleicht konnte er ihn sogar anheuern. Mal sehen.

 

Doch Frédéric musste sich gedulden. Der Mann war schwer zu erreichen, und er erwartete ihn im Hotel, nachdem er sich schon den zweiten Whisky erlaubt hatte. Mit einigen seiner Kollegen betrat er endlich die kleine Empfangshalle der bescheidenen Unterkunft und begab sich geradewegs zur Rezeption, wo er den schlafenden Mann hinter dem Tresen rüttelte und den Schlüssel verlangte. Der junge Mann mochte an die dreißig sein, nicht viel mehr, schätzte der Unternehmer. Er war ziemlich groß, besaß einen energischen Schritt, war schlank und drahtig. Seine graublauen Augen blickten intelligent und abschätzend auf den Mann, der aufgestanden war und auf ihn zukam.

Sein Haar war kurz, ein wenig zipfelig geschnitten, so als hätte er für einen längeren Friseurbesuch keine Zeit gefunden, und von mittelblonder Farbe, mit einem Schimmer ins Rötliche, ebenso wie seine Bartstoppeln,  keine Seltenheit bei englischen Landsleuten!

„Ich bin Frédéric Hardtberg!“ sprach der Werksbesitzer den Mann an und streckte ihm seine Rechte entgegen. Ein wenig überrumpelt ergriff der Jüngere die ihm dargebotene Hand und erwiderte den Händedruck.

„Steve Newman!“ lautete die knappe Antwort und er biss unmerklich in seine schmale Unterlippe, abwartend, was nun kam.

„Ich weiß!“ entgegnete Frédéric, „ich habe sie in den letzten Tagen häufig gesehen und getroffen!“

Der Brite nickte: „Kann leicht sein! In dem Chaos ist das trotzdem ein Wunder!“

Nachdem Frédéric dem Mann in knappen Worten seine Anwesenheit in Kairo erklärt hatte, erklärte Newman sich bereit, nach einer raschen Dusche wieder in die Halle zu kommen und sich Fréderics Vorschlag anzuhören.

Mit raschen Schritten nahm er mehrere Stufen auf einmal und verschwand im Obergeschoss des Hauses.

 

Später, während dieses ersten Gesprächs, erfuhr Frédéric in kurzen Worten einiges über die Herkunft, Ausbildung und den Arbeitsbereich des Mannes. Er stammte aus einer desolaten Arbeiterfamilie und  arbeitete in einer bekannten Autofirma in der Stadt  als Lehrling, legte dann seine Prüfung als Präzisionstechniker ab, besuchte Abendkurse, bildete sich weiter und holte auch sein Abitur nach. Bald wurde er leitender Angestellter, erlernte nebenbei wirtschaftliche Fächer wie Marketing, immer auf der Suche nach neuen Anforderungen und Aufgaben. Als die Firma nicht mehr mitziehen wollte, verließ er Bristol und wurde in London ansässig. Seine Leidenschaft gehörte der Nachrichtentechnik, den Computern und deren oft komplizierten Handhabung. Nächtelang saß er davor, sei es in der bedeutenden Elektronenfirma, für die er noch immer tätig war, sei es Zuhause, in seiner kleinen Zweizimmerwohnung und erforschte das Geheimnis dieser elektronischen Technik wie ein Chirurg, der die geheimnisvolle Krankheit eines Patienten zu ergründen suchte. Nicht selten wurde er in die verschiedensten Städte Großbritanniens gerufen, wenn dort alles stillstand und irgendwelche schleichenden Viren das Computernetz von Organisationen und Firmen, ja staatlichen Einrichtungen, lahm legten. Seine praktische Ausbildung und geschickte Veranlagung, seine Logik und die genaue Kenntnis der Elektronik machten aus ihm eine Spitzenkraft, die in einschlägigen Kreisen durchaus bekannt war. Als er von dem Beben in Kairo hörte, wusste er, dass er seine Fähigkeiten dort zweckmäßig einsetzen konnte. Er trug dazu bei, die Stadt so rasch wie möglich von ihrem Albtraum zu befreien. Er konnte die Computer mit Plänen, Schwachstellen und allen geologischen Einzelheiten der Stadt programmieren und eine rasche, zweckmäßige Vorgehensweise der Hilfeleistung wurde so gesichert. Er nahm sich unbezahlten Urlaub auf unbestimmte Zeit, unter der Bedingung, für den Notfall jederzeit erreichbar zu sein, und stellte sich der ägyptischen Regierung zur Verfügung. Er scheute nicht, selbst Hand anzulegen, wenn die Kenntnisse der einheimischen Kräfte nicht dazu ausreichten, seine Anweisungen zu verstehen und in die Tat umzusetzen, oder es für die Arbeiter zu unverständlich und technisch wurde, um noch nützliche Arbeit zur leisten.

Frédéric redete nicht lange um den heißen Brei herum, er wünschte den Mann für seine Firma zu engagieren, was diesen nicht sonderlich überraschte, aber auch nicht interessierte.

„Wissen Sie“, sagte er gedehnt und blickte den Unternehmer offen an, „ich will kein kompliziertes Leben! Ich lebe gern in London, komme trotzdem berufsbedingt viel herum, aber ganz weggehen will ich doch nicht! Es ist nicht selten, dass ich Angebote bekomme, man bietet mir höhere Bezahlung, Erfolgsprämien und dergleichen an. Aber ehrlich gesagt, ich habe so ziemlich alles, was ich brauche, nur Geld zu scheffeln und dann kaum Zeit dafür zu finden, davon zu profitieren, ist nicht wirklich mein Ding!“

Seine klugen, hellen Augen spiegelten die Aufrichtigkeit seiner Gedanken wieder und Frédéric seufzte: „Ich will ebenfalls offen zu Ihnen sein, Mr. Newman. Ich bin es leid, immer auf Achse zu sein und ich habe mich die längste Zeit schon um fähige Leute umgesehen, die mich weitgehend ersetzen können. Menschen, denen ich die Leitung meiner verschiedenen laufenden Projekte voll und ganz in die Hände legen kann. Mein Instinkt sagt mir, dass sie ein sehr geeigneter Mann sind, der dafür in Frage käme. Es würde mir bei weitem genügen, mich im Hintergrund des Ganzen zu halten und endlich von meiner Familie profitieren zu können. Sie setzt mir zu, diese kleine Sippschaft!“ Bei dem Gedanken an Carla, Anja und Leyla, umspielte ein Lächeln seine Lippen und er erzählte weiter: „Meine Tochter Anja, ich habe nur diese eine, hat sich zwar kürzlich verheiratet, doch mit der Hilfe meines Schwiegersohnes werde ich wohl kaum rechnen können. Er ist ungeeignet für verantwortungsvolle Aufgaben und hat außer von Pferden und Rennautos keine Ahnung vom Geschäft, im Gegenteil...“ Frédéric verstummte kurz, er wollte vor diesem Fremden nicht seine Bedenken und die Tatsachen der schlechten, finanziellen Gegebenheiten ausbreiten. Er holte kurz Luft und lehnte sich zurück, bevor er weiter fort fuhr: „Ich bin seit dem Erdbeben hier in Kairo, habe die Meinen also seit fast drei Monaten nicht mehr gesehen. Sie können sich vorstellen, was sich da abspielt! Ich habe ein Projekt in Wien laufen, UNO-City, wenn Ihnen das etwas sagt. Im Hauptbüro in Deutschland bin ich überhaupt schon weiß Gott wie lang nicht mehr gewesen. Ich versuche durch telefonischen Kontakt die Firma im Griff zu behalten, aber manchmal muss eben der Boss persönlich nach dem Rechten sehen, obwohl ich zuverlässige Leute, zwei tüchtige Prokuristen habe und meine Auftragsleiter haben sich durch ihre Gewandtheit und Umsicht immer noch ausgezeichnet. Aber ich liebe dieses Land hier und habe den Grossteil meines Lebens hier verbracht, Abu Simbel, Philae, die U-Bahn, usw. Es war ein Teil meines Lebens!“

Der Brite war hellhörig geworden und erwiderte rasch: „Sie waren bei Abu Simbel dabei?“

Frédéric nickte kurz: „Ja, wir waren dabei und Philae haben wir in Zusammenarbeit mit italienischen Kollegen retten können. Damals war ich auch noch einige Jahre jünger als jetzt!“ Seine Augen starrten auf ein vergilbtes Reklameplakat des großen Ramses-Tempels an der rückwärtigen Wand des Raumes.

„Ich war damals noch ziemlich jung, als die offizielle Eröffnung des Tempels stattgefunden hat!“ bemerkt der Techniker lächelnd. „Ich glaube, es war 1967!“

„1968“, berichtigte Frédéric. „Am 22. September haben wir damals den Tempel der Welt übergeben. War ein richtiger Tumult und ging durch die Weltpresse. Noch nie zuvor hatte man ein solches gigantisches Bauprojekt gewagt.“

„Die Mitteln waren ja auch nicht die modernsten, dazumal. Heute sähe die Sache ganz anders aus mit den technischen Möglichkeiten, die sich uns bieten!“ wendet der Brite ein und Frédéric lächelt nachsichtig:  „Na so primitiv war es auch wieder nicht. Wir waren bestes ausgerüstet. Die Amerikaner standen uns mit ihren letzten technischen und mechanischen Errungenschaft wacker zur Seite, die Kosten waren gewaltig, aber schließlich war der Aufwand nicht umsonst!“ Er wusste, dem jungen Briten musste diese Epoche, die nun schon fünfundzwanzig Jahre zurücklag, wie die Steinzeit auf dem industriellen Gebiet erscheinen. Ihm selbst war, als wäre es gestern gewesen, dass er Jahre an den Ufern des Nasser Sees, im tiefsten Nubien verbracht hatte, im Barackenlager der Arbeiterstadt mit seinen Leuten wohnte. Anja war noch nicht einmal geboren worden, denn er kannte auch seine erste Frau zu dieser Zeit noch nicht!

Um zu einem Abschluss zu kommen, wechselte er das Thema und sah den Briten nochmals eindringlich an: „Wie gesagt! Ihr Preis ist der meine, ihre Bedingungen ebenfalls! Ich wäre bereit, sie ganz noch oben zu bringen, ohne Vorbehalt. Sie hätten, nachdem sie mit unserem Tätigkeitsbereich und der Firma vertraut geworden sind, freie Hand, freies Einsatzgebiet und ich könnte meiner Familie keine größere Freude machen, als mich endlich auf einen fähigen Mann wie sie zu stützen! ‘Es gibt keine Hardtberg-Söhne’, sagte mir kürzlich meine Tochter am Telefon und hat mir gedroht, später alles zu verschleudern, wenn ich nicht bald zur Vernunft käme. Ich habe nachgedacht und sie hat ja Recht, wofür reibe ich mich jetzt noch auf? Für meine kleine Enkeltochter? Sie hätte dann die gleichen Probleme wie die zwei Generationen vor ihr! Vielleicht wird meine Tochter mir noch Enkelsöhne schenken, aber das ist auch nicht der Zweck, sich zu Tode zu rackern, denn wenn sie nach ihrem Vater kämen, dann wäre auch hier jede Mühe umsonst.“ Ein wenig resigniert hatten diese Worte geklungen. Doch er fasst sich und spricht weiter: „Die Arbeit war mein Leben, jedes nachfolgende Projekt eine persönliche Herausforderung für mich, den kleinen Maschinenbauingenieur, der nur durch Heirat zum Unternehmer geworden ist, ganz unvorhergesehen! Ich hatte mir etwas zu beweisen, der ganzen Welt wollte ich mein Können und meinen Ehrgeiz beweisen und es ist mir sicher auch gelungen. Nun muss Schluss sein, Platz für die Jugend und ein wenig Privatleben!“

Newman schien nun ein wenig zugänglicher geworden zu sein, angesichts der Offenheit dieses Mannes, der ihn beeindruckte und den er trotz des Wettergegerbten Gesichts als attraktiven, starken Mann bezeichnen würde. Seine Erscheinung war beeindruckend. Massiv, stark und breit. Er fühlte sich fast als Schwächling angesichts soviel geballter und versteckter Kraft.

„Ich werde über ihr Angebot nachdenken!“ meint er schließlich bedächtig und faltete die schlanken Hände vor der Brust, während er sich wieder auf die Unterlippe biss, wie es seine Gewohnheit zu sein schien, wenn er nachdachte oder überlegte. „ Mehr kann ich ihnen einstweilen nicht versprechen! Lassen Sie mir ihre Koordinaten hier und ich kontaktiere sie, sobald ich mir alles durch den Kopf habe gehen lassen!“

Frédéric verstand die Bedenken des Mannes und gab sich damit zufrieden. Er hatte schon mehr erreicht, als er zu hoffen gewagt hatte.

Er konnte getrost nach Wien zurückfliegen und würde auf den Anruf des Engländers warten.

An dieses erste Zusammentreffen denkt er, als er die Maschine in Wien verlässt und durch den langen Korridor in die Ankunftshalle des Flughafens schreitet, in der er von seiner, ihn sehnsüchtig erwartenden, Familie erwartet wird.

 

Die wiederholte Abwesenheit Charlys schmerzt Anja weniger, seit ihr Vater zurück ist und sie verbringt viele Abende an seiner Seite, in der gemütlichen Wohnung des wiedervereinten  Paares und lauscht seinen Ausführungen über das Voranschreiten des Wiederaufbaues in Kairo und den jetzigen, dort herrschenden Zuständen. Die Bevölkerung hatte sich aufgelehnt, Korruption war an der Tagesordnung bei der Verteilung der Hilfsgüter, was jedoch bald in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Er spricht von dem Briten Steve Newman und dessen Beitrag zu einer gerechten und geordneten Organisation der Hilfsaktionen und Aufteilung der Hilfsgüter, und wie schwer der Mann es hatte, den korrupten Regierungsmitgliedern die Stirn zu bieten.

„Ein heller Kopf, dieser junge Kerl!“ Er schüttelt bewundernd den Kopf, „Ich hoffe, ich kann ihn für uns gewinnen!“

Etwas später erzählt er auch leiser, um Leyla nicht zu irritieren, von dem Grabmonument, dass er um die Familiengräber der Familie Ben Hamsa errichten hat lassen und Anja senkt schmerzlich berührt die Augen. Wie selten hat sie doch an den armen Freund gedacht in dieser letzten turbulenten Zeit, die ihr Leben so verändert hat. Und doch, jedes Mal, wenn sie in das kleine braune Gesicht ihrer Tochter blickt, sieht sie ihn vor sich. Und so, hat er sie nie wirklich verlassen....

Leyla, hatte schon des Öfteren nach ihren Vater gefragt und wollte wissen, wann sie ihn wieder besuchen würden. Anja wusste sich bis heute keinen Rat, wie sie dem Kind mitteilen sollte, dass sie diesen nie mehr besuchen konnten, aber die Wahrheit konnte man doch dem kleinen Mädchen nicht einfach so sagen. Sie selbst erinnert sich kaum mehr an ihr Gefühl, als sie vom Tod ihrer Mutter erfuhr. Sicher war es eine bittere Erfahrung gewesen, plötzlich auf den Vater angewiesen zu sein, diesen Mann, der nur manchmal zu Besuch kam und dann kurz blieb. Umso inniger klammerte sie sich an ihn, wohl wissend, dass er fortan ihre einzige Familie sein würde.

„Wo ist eigentlich dein Mann?“ Frédéric rüttelt Anja aus ihren Gedanken hoch.

„In Ungarn, auf einem Gestüt nahe von Ajka“ antwortet sie hastig. „Er will sich dort einen Zuchthengst ansehen und ihn vielleicht erwerben!“

„Hmm“, brummt Frédéric. „Warum bist du nicht mitgefahren, Pferde sind doch eigentlich immer deine Leidenschaft gewesen!“

„Natürlich, das sind sie immer noch und ich reite auch regelmäßig, wenn wir zum Schloss hinausfahren und es meine Zeit zulässt. Wir reiten gemeinsam aus und auch Leyla macht recht gute Fortschritte auf ihrem Pony! Aber ich will jetzt die wichtigen Vorlesungen nicht versäumen, es ist mein letztes Jahr!"

Der Vater sieht sie zweifelnd an: „Charly ist kein Mann, den man zu lange allein lassen sollte, wenn du mich fragst!“

„Papa, schon wieder das alte Misstrauen! Ich kann ihn doch nicht in Ketten legen! Er ist erst seit drei Tagen weg, er kommt morgen zurück, bestimmt!“ Warum versuchte sie immer wieder den Baron vor ihrem Vaters zu rehabilitieren? Sie verschweigt, dass sie gerne mitgefahren wäre und Charly es ihr ausgeredet hatte, weil sie sich angeblich langweilen würde und er ohnehin den ganzen Tag in miefigen Ställen verhandelte. Es hat sie verletzt, dass er nicht trotzdem auf ihre Begleitung bestanden hat, und sie hat sich in sich selbst zurückgezogen und legte ihm hundert verschiedene Entschuldigungen zurecht, an die sie glauben wollte und es doch nicht konnte.

Der Baron trifft tatsächlich am nächsten Tag in Wien ein und freudestrahlend erzählt er von dem abgeschlossenen Handel in Ajka. Schon am kommenden Wochenende würde man den Hengst zum Schloss transportieren lassen, er habe bereits alles nötige in die Wege geleitet und er wollte mit ihm eine neue Generation von Rennpferden züchten, die bald europaweit bekannt sein würden. Der Preis, den er dafür bezahlt hatte, macht sie schwindlig, doch sie hofft, das Charly seiner Sache sicher war. Immerhin versteht er etwas von Pferden. Das Wochenende verspricht aufregend zu werden, da Graf Ferenzsy, der ehemalige Besitzer des Tieres, es persönlich begleiten würde und Charly wollte einen kleinen Empfang geben, im engsten Freundeskreis, unter Pferdeliebhabern, sozusagen.

Ihre Ahnung, dass es ein recht feuchtfröhliches Fest werden würde, war nicht ganz unbegründet, da die Ungarn als trinkfeste Gesellen bekannt sind.

Mit Eifer stürzt sich Anja in die Vorbereitungen, organisiert das Partyservice, hält die besten Zimmer im Clubhotel des Schlosses frei und obwohl sie selbst sich nie wirklich als Baronin betrachtet hatte, wird sie als diese von allen gewürdigt und auch von den Angestellten danach behandelt. Sie schreibt rasch Einladungen und telefoniert mit den engsten Bekannten und Freunden.

Wohl wissend, dass sie kaum Zeit haben würde, sich um Leyla zu kümmern, wie diese es verdiente, bittet sie Carla um ihre Hilfe und ihre Stiefmutter ist gerne bereit die Kleine nach Deutschland mitzunehmen, wohin sie mit Frédéric für mindestens eine Woche hinzufliegen gedachten. Der Brite Newman hatte um ein Gespräch gebeten, ganz unverbindlich und ihr Vater fand es geschickter, ihn gleich in Stuttgart zu erwarten, um ihm den Hauptsitz zu zeigen und die Bedeutung der Werke zu veranschaulichen. Der rasche Gesinnungswandel des Mannes lässt ihn auf dessen positive Entscheidung hoffen.

 

Der Sondertransport mit dem Pferd, über die schmalen, verschneiten Landstrassen bis zum Schloss hin, ist nur langsam vorangekommen. Man war darauf bedacht, das wertvolle, nervöse Tier weder zu verschrecken noch irgendwelchen Erkältungskrankheiten auszusetzen. In den Stallungen des Schlosses war alles vorbereitet worden, um dem Hengst die Strapazen der Reise sowie die Umgewöhnung vergessen zu machen. Seine Box war wohltemperiert und ein eigener Stallbursche sollte sich nur um ihn kümmern.

Der ungarische Graf erweist sich als charmanter, rassiger Mann in den besten Jahren, der ein wenig zur Korpulenz neigt, und er wird von einer gewissen Marika, deren Herkunft, rein Aussehens mäßig, dem Showgeschäft zugeordnet werden könnte, begleitet.

„Er hat unser Geld bitter nötig!“ hatte Charly ihr erzählt. „Sein Schloss ist baufällig, eine wahre Ruine und seine ehemaligen Ländereien wurden von den Kommunisten veräußert. Seit er nach Ungarn zurückgekommen ist, versucht er sich in der Pferdezucht, mit einigem Erfolg, muss ich zugeben. Aber es reicht sicher nicht aus, seinen Lebensstil und den seiner Partnerin ausreichend zu finanzieren!“

Der spöttische Klang seiner Stimme ärgerte Anja, die insgeheim dachte, dass sie eine ähnliche Geschichte erst vor kurzem gehört hatte, als ihr Vater sie auf Charlys wirtschaftliche Unfähigkeit hingewiesen hatte. Sie hatte eine Erwiderung parat, doch sie schwieg letzten Endes. Geld durfte keinen Schatten auf ihre Ehe werfen, so hatte sie es sich selbst geschworen und sie wollte dabei bleiben, um jeden, auch noch so hohen Preis.

 

Etwa dreißig Leute lassen sich ein Fest auf Schloss Falkenberg nicht entgehen und sind der Einladung gern gefolgt, zumal man in diesen langen, düsteren Wintermonaten ohnehin nicht genug auf seine Kosten kam, was Vergnügungen und wirklich tolle Partys betraf, sah man erst einmal von den traditionellen, meist tödlich langweiligen Bällen ab.

Nachdem sich die Gesellschaft untereinander bekannt gemacht hat, kommt bald Stimmung auf und wird ausgelassen und fröhlich. Einige besonders unterhaltsame Partylöwen sorgen für Schwung und übermütige Stimmung. Die erst zurückhaltenden Damen gehen nach einigen Gläsern Champagner aus sich heraus, lachen und werfen die Häupter mit den modischen Frisuren weit in den Nacken und bald tanzen sogar zwei der übermütigen, jungen Frauen mit der üppigen Ungarin auf einem der beiden Tische, sehr zur Freude der Männer, die johlen und klatschen.

Anja, die mit den verschiedensten Leuten kurz geplaudert und gescherzt hatte, verfolgt den Verlauf der Party mit gemischten Gefühlen. Dass Charly den harten Getränken mehr zusprach als dem reich fließenden Champagner, war nicht zu übersehen. Der ungarische Graf gesellt sich zu ihr und beglückwünscht sie zu der gelungenen Feier, aber auch zu dem Kauf des Zuchthengsten, der ihm selbst eine Stange Geld eingebracht hatte.

Er nimmt neben ihr Platz auf einer der stilechten, mit Satin bespannten Bänke des Saals und hält ihr ein volles Glas Champagner hin, das sie gerne annimmt. Während er schwungvoll aus seinem eigenen trinkt, sieht er sie über das Glas hinweg direkt an: „Sie sind eine wunderschöne Frau, Baronin! Faszinierende Augen, ein göttliches Lächeln!“

Anja erwidert nachsichtig: „Und Sie sind ein Charmeur, guter Graf. Ihr Freundin dürfte sich ja phantastisch amüsieren, wie es scheint!“

Die Ungarin, immer noch auf dem Tisch tanzend, hat sich entschlossen einen Striptease zu wagen, eine Kunst, die sie anscheinend sehr gut beherrschte.

„Geht sie nicht ein bisschen zu weit?“ bemerkt Anja, peinlich berührt von so viel nackter Haut und den glasigen Blicken der Männer.

„Sie kann es sich leisten, finden Sie nicht auch?“ Der wohlwollende Blick des Grafen ruht auf den nackten Brüsten seiner Gefährtin. Anja hofft, dass diese sich nicht auch noch ihres schmalen Tangas entledigen würde, den sie nun kokett über die vollen Schenkel schiebt.

„Aber manchmal ist das, was man nur erahnen kann viel reizvoller als nacktes Fleisch!“ murmelt Ferenzsy und rückt weiter zu Anja, während seine dunklen Augen begehrlich auf den Ausschnitt ihres seidigen, pflaumenfarbenen Cocktailkleides starren. Unangenehm berührt, vergrößert die junge Frau den Abstand zwischen ihnen beiden, indem sie etwas von dem Mann abrückt.

„Stimmt es, dass die Ungarn die besten Reiter der Welt sind?“ lenkt sie vom Thema ab und hält ihr Glas ein wenig über ihr Décoltée.

„Zweifeln Sie etwa daran, meine Liebe? Oder brauchen sie einen Beweis? Ich stehe dafür jederzeit persönlich zur Verfügung!“ Sein anzügliches Lächeln lässt Anja schließlich aufstehen und sie entschuldigt sich liebenswürdig, aber kurz angebunden, um auf andere Leute zuzugehen.

‘Alter, geiler Bock’, denkt sie aufgebracht. So trinkfest wie allgemein angenommen wurde, dürften sie anscheinend auch nicht sein, diese Ungarn. Zur alten Schule der Galanterie gehörte er offenbar nicht!

 

Sie beobachtet, dass an verschiedenen Tischen bereits dem weißen Pulver zugesprochen wird, dass die Partygäste hingebungsvoll mittels eines Röhrchens in die Nase ziehen. Kokain, die allgemein verharmloste Droge der Reichen, denkt sie. Sie wollte sich heute nicht dazu hinreißen lassen, ebenfalls davon Gebrauch zu machen. Überhaupt hatte sie beschlossen, sich von diesem Rauschmittel zu distanzieren, da sie nicht mehr an die Aufrichtigkeit ihrer Leidenschaft für Charly glauben konnte, hatte sie erst einmal davon gekostet. Sie wollte ihn mit ihrer selbst lieben und nicht mit Hilfe eines Aufputschmittels, um nicht getäuscht zu werden von irgendwelchen illusionären, künstlich hervorgerufenen Gefühlen.

 

Die Party, die sie sorgsam vorbereitet hatte, war auf dem besten Wege zu einer Orgie zu eskalieren und es verstimmte sie, das stetig sinkende Niveau des Festes zu beobachten. Das Personal würde mit ausschmückenden, übertriebenen Schilderungen in der Umgebung des Schlosses ohnehin nicht sparen. Sie ist fast erleichtert, als die ersten Leute in irgendeiner Ecke einschlafen, nachdem sie den alkoholischen Getränken und Suchtmitteln allzu sehr gefrönt haben. Sie blickt sich suchend nach Charly um, der nirgends zu sehen ist. Sie hofft, dass nicht er auch irgendwo vor sich hindöst und sie mit den inzwischen glasig vor sich hinblickenden oder bereits lallenden Gästen allein lässt. Charlys Bekanntenkreis! Sie macht sich auf die Suche nach ihm, doch er ist unauffindbar. Möglicherweise bewunderte er ein letztes Mal für heute, seinen Tag, den wunderbaren Hengst und will sich davon überzeugen, dass es ihm an nichts fehlt und er den Transport unbeschadet überstanden hat.

Rasch greift sie zu ihrer Jacke und macht sich auf den Weg nach draußen. Im dunklen Korridor kann sie das verhaltene Kichern der weiblichen Gäste hören, die sich bereits allein oder mit einem Partner zurückgezogen haben. Nach den starken Schneefällen in den letzten Tagen, folgt nun der Frost, klirrende Kälte durchdringt ihre Jacke und ihren Körper und sie bemüht sich, nicht laut mit den Zähnen zu klappern. Vorsichtig geht sie über den rückwärtigen Hof, darauf bedacht nicht auszurutschen mit den zarten Schuhen, die sie für heute Abend gewählt hatte. Die Stille ist greifbar und ihr Atem bildet kleine, weiße Wolken, die sich in der dunklen Nacht auflösen. Jedoch wohltuend dringt diese klare, frische Winterluft in ihre Lungen und befreit sie von dem Rauch, der im Saal geherrscht hatte.

Auch im Stall ist es ruhig, hier und da ein leises Schnauben der Pferde, doch niemand ist zu sehen, still und verlassen liegen die Boxen im Dämmerlicht einer einzigen schwachen Glühbirne. Sie macht kehrt und will das lang gestreckte Gebäude wieder verlassen, als sie vermeint, ein Geräusch hinter sich gehört zu haben. Sie dreht sich langsam um, doch da ist nichts! Es muss eines der Tiere gewesen sein. Ihre Hand will den schweren Riegel hochschieben, um zurück ins Freie zu gelangen, als sich plötzlich eine Männerhand auf die ihre legt und sie daran hindert.

Dicht an ihrem Ohr erkennt sie die Stimme des ungarischen Grafen mit seinem unverkennbaren Akzent: „Bleiben Sie doch noch ein Weilchen, Baronin! Wie ich sehe, haben auch sie genug von den Festivitäten!“

Anja ist mehr ärgerlich als erschrocken und wendet sich entschlossen um: „Lassen sie mich gehen, es wird Zeit, dass die Party zu Ende geht und auch sie sollten sich in ihr reserviertes Gästezimmer zurückziehen!“

Sie kann im schwachen Licht die Umrisse seines Gesichtes erkennen und das Glimmern in den dunklen Augen, als er spöttisch antwortet: „Sie wissen also, was für mich das beste ist? In diesem Falle müssten Sie mich schon begleiten, meine Liebe, ich könnte mich leicht verlaufen in ihrem schönen, großen Schloss!“

Er hat sich gegen die Tür gelehnt und die Arme verschränkt und macht keine Anstalten sie gehen zu lassen. „Graf Ferenzsy“, beschwört sie ihn ungeduldig. „Sie haben getrunken, lassen sie uns gehen!“

Er packt sie mit beiden Händen an den Oberarmen und versucht sie, an sich zu ziehen. Sie wehrt sich mit aller Kraft: „Das reicht! Jetzt lassen sie mich schon los! Mein Mann sucht mich sicher bereits überall!“

„Ihr werter Herr Gemahl ist beschäftigt, Frau Baronin, oder darf ich Anja sagen?“ erwidert der Graf mit heiserer Stimme. „Er sucht sie ganz bestimmt nicht! Und wie ich meine gute Marika kenne, wird es noch dauern, also nichts eilt, wir haben die Zeit auf unserer Seite!“

„Was fällt Ihnen eigentlich ein!“ herrscht sie ihn aufgebracht an. „Sie sind Gast in unserem Hause, sind das die ungarischen Umgangsformen?“

Er presst seine Lippen auf ihren Mund, bevor sie noch aussprechen kann und versucht sie mit aller Macht zu küssen. Sie windet sich unter seinem festen Griff und ihre Oberarme schmerzen unter dem Druck seiner Finger. Sein alkoholisierter Atem ekelt sie an, doch ihre Gegenwehr dürfte den betrunkenen Mann noch mehr erregen, er drängt sie zurück in den Stall und sie, in ihren zarten Schuhen, findet nirgendwo Halt und stolpert rückwärts, bis er sie an die dunkle Wand einer Pferdebox presst.

„Tu nicht so, Kindchen! Du willst es sicher auch! Bin ich denn abstoßend? Die Partys, die ihr feiert, gleichen nicht eben einem Kindergeburtstag, davon habe ich mich ja ausreichend überzeugen können! Drogen, Sex! Nun gut, ich bin nicht abgeneigt! Na los, komm schon, du kleine kratzbürstige Katze. Wehr dich nur, das liebe ich besonders, dieses Spielchen von Katz und Maus!“

Sie hört den zarten Stoff ihres teuren Kleides reißen, als er versucht, es in die Höhe zu schieben und mit seinem Knie ihre Beine auseinander zu zwingen.

„Nein“, schreit sie nun außer sich vor Zorn, „lassen Sie mich sofort los, sonst werden Sie es bereuen!“

« Willst du mir drohen, du neureiche Baronin, die sich ihren Titel im Bett ihres Mannes erarbeitet hat! Mir, einem Ferenzsy? Niemals“, keucht er und seine Zugriffe werden brutaler und wilder. Sie spürt seine Zunge an ihrem Hals und seine Hände auf den nackten Schenkeln, als er gewaltsam versucht in sie einzudringen. Mit letzter, verzweifelter Kraft und zusammengebissenen Zähnen, lässt sie ein Knie hochschnellen, um ihn voll in seiner Männlichkeit zu treffen, was ihr auch irgendwie und wie durch ein Wunder gelingt. Sein sich lockernder Griff und der überraschte Schmerzensschrei sind ein Beweis dafür und sie verliert keine Zeit. Als er sie ungläubig anstarrt, bevor er sich zusammenkrümmt, verpasst sie ihm noch eine schallende Ohrfeige und flieht aus dem Stall. Draußen lehnt sie sich sekundenlang gegen die geschlossene Tür, um dann eilig den vereisten Pfad über den Hof zurückzulaufen. Klopfenden Herzens erreicht sie die Hintertür des Wohntraktes und vermeidet es, durch den Saal das Schloss zu betreten. Es ist ihr egal, ob Charly sie sucht. Für sie ist das Fest zu Ende. Sie ist aufgebracht und findet keine Entschuldigung für das Verhalten des Ungarn! Sie hat nicht mehr vor, sich mit diesen zudringlichen, alkoholisierten Leuten herumzuärgern.

Schnurstracks durchquert sie die Bibliothek und erreicht den modernen Teil des Gebäudes, den sie privat bewohnen. ‚Rasch unter die Dusche und damit auch die Spuren dieses unangenehmen Erlebnisses abwaschen’, ist ihr einziger Gedanke.

Sie läuft in ihr gemeinsames Schlafzimmer und streift im Gehen die vom Schnee durchnässten Schuhe ab. Mitten im Raum stockt sie. Im Mondlicht erkennt sie, dass sie nicht allein ist und sich jemand auf dem Bett, ihrem Bett, bewegt. Verhaltene Geräusche und das Knistern von Kleidern lässt sie herumfahren. „Charly?“ fragt sie verwirrt, doch als keine Antwort kommt, tritt sie näher und hat vor sich den Anblick des weißen Hinterteils der fülligen Ungarin, die sich ungestört weiter über Charly hermacht, der auf dem Rücken ungläubig und aus glasigen Augen  auf die fassungslose Anja starrt.

„Was machst du denn hier?“ fragt er ungehalten und schubst die Frau, die über ihm gekniet hatte, ungeduldig zur Seite. Ein ungarischer Fluch ist die Antwort auf seine lieblose Behandlung.

„Ich wohne zufällig hier, weißt du es nicht mehr?“ Sie spürt, dass ihre Stimme überzuschnappen droht vor Ärger. Zu der Frau, die versucht, gelassen das Bettlaken um sich zu drapieren, bemerkt sie mit verachtendem  Tonfall: „Raus aus meinem Bett, aber rasch!“

„Bleib ruhig Anja, es ist noch nichts geschehen! Sie hat mich betrunken gemacht! Es ist nicht meine Schuld!“ Charly versucht sich ungeschickt aus der Affäre zu ziehen und Anja ringt sich ein spöttisches Lächeln ab: „Du Ärmster! Ein ewiges Opfer der Frauen!“

Er grinst: „Du hast es richtig erfasst!“

Da bemerkt er ihr zerrissenes Kleid, das kaum ihren Körper bedeckt: „Wie siehst du denn aus, was ist los?“

„Frag doch deinen guten Freund, den heißblütigen Grafen! Er hat sich wohl gedacht, was du mit seiner Freundin treibst, das kann er sich auch mit deiner Frau erlauben!“

„So ein Hurensohn! Ich werde ihm...“

Anja unterbricht den aufgebrachten Mann: „Du solltest mit solchen Ausdrücken eher vorsichtig sein, Charly!“

Die Ungarin ist sichtlich amüsiert über den Vorgang, den sie ausgelöst hat und mit einem maliziösen Lächeln zieht sie sich am Bettrand sitzend ihre feinen Dessous über, aufreizend und extrem langsam.

Charly heftet bereits wieder seine verschleierten Augen auf die imposante, weibliche Gestalt und Anja vermeint, einen Funken des Bedauerns in seinem Blick aufleuchten zu sehen.

Sie ist so wütend, dass sie am liebsten laut gebrüllt hätte. Hilfe suchend sieht sie sich um, eilt zum Schreibtisch unter dem Fenster und ergreift den langen, türkischen Brieföffner, der wie ein Dolch geformt ist.

„Lass das, leg es weg, Anja!“ Charly hat sich auf dem breiten Bett aufgerichtet und hebt abwehrend die Hände hoch!

„Du bist verrückt, verdammtes Weib!“

Mit dem gezücktem, dolchartigen Instrument geht sie langsam auf das Bett zu. Auch die Frau verzichtet nun auf ihr spöttisches Lächeln und ängstlich verzerrt sie das Gesicht zu einer unschönen Fratze. Sie wimmert unverständliches, ungarisches Zeug. Anja hebt den Arm und stößt mit aller Kraft zu. Einmal, noch einmal, drei-, viermal, immer wieder.

Als das teure Wasserbett einsackt wie ein gekentertes Schlauchboot, und sich die Flüssigkeit mit einem Schwall über den schönen Parkettboden ergießt, während die verdutzten halbnackten Gestalten darauf mit einsinken und versuchen, sich aus den klatschnassen Decken und Tüchern zu befreien, lacht Anja nun ihrerseits über diese Bescherung, die das Zimmer in ein Chaos verwandelt. Grotesk ist der Anblick des überrumpelten Pärchens und die verhaltenen Flüche Charlys gehen in dem Geräusch des ausfließenden Wassers unter.

„Ich wünsche euch eine angenehme, feuchte Nacht! Wenn auch anders, als ihr diese geplant hattet!“ Grinsend und doch innerlich vor Wut kochend dreht sie sich um, schnappt ihre Schuhe und verlässt den Raum. Ihre nassen Füße hinterlassen die Abdrücke ihrer Fußsohlen auf dem Boden des Korridors. Im Vorbeigehen hat sie die Schlüssel des Porsches geschnappt und auch ihre Tasche. Dann ist sie weg. Bevor Charly sich seinen Kimono überziehen kann, hört er bereits das laute Aufheulen seines, von ihr gequälten Motors, und er knirscht hörbar mit den Zähnen. Diese Partie geht an Anja, das ist ihm klar!

 

Anja fährt nach Wien, um einige Sachen zu packen und bleibt nicht länger in der Wohnung als nötig. Charly würde nicht lange brauchen um ihr zu folgen. Sie bestellt ein Taxi, welches sie zum Flughafen bringt. Es ist fünf Uhr früh. Sie überfliegt rasch die Anzeigetafel und informiert sich über die nächsten Flüge nach Deutschland. Gegen 7.00 Uhr gibt es einen Flug nach München mit Anschluss nach Stuttgart. Noch vor Mittag könnte sie Leyla in ihre Arme schließen. Sie würde ihre Familie von München aus telefonisch informieren, sie wollte so früh um diese Zeit deren Ruhe nicht stören. Sie hat keine Ahnung, was sie ihnen erzählen könnte, aber erst musste sie sich beruhigen und einen klaren Kopf bekommen.

Was lief schief in ihrer jungen Ehe? War es ihre Schuld? Konnte sie Charlys Ansprüchen nicht gerecht werden? Sie hatte immer den Eindruck gehabt, er wolle sein Leben mit ihr teilen. Wenn sie sich liebten, dann war es für sie gar keine Frage, dass sie füreinander bestimmt waren. Aber reichten diese kurzen Momente der sexuellen Hingabe für ein Leben zu zweit aus? Und dachte er genauso wie sie? War es normal, dass er sich alles nahm, was sich ihm bot? Erwartete er das gleiche auch von ihr? Wohl kaum, sonst hätte er sich damals auf Antigua nicht so gebärdet. Das war doch blanke Eifersucht gewesen! Oder etwa nur eine Art Besitzanspruch, egoistischster Art ? Hatte er sie einfach nur seinem Besitz einverleibt wie den Zuchthengsten heute, oder seine Rennautos?

Sie rührt verloren in dem Kaffeebecher und starrt auf die im Dunklen liegende Landebahn. Sie hatte sich das Leben an Charlys Seite so viel versprechend vorgestellt. Am Anfang, als sie sich kennen gelernt hatten, war er immer um sie, kam unangemeldet und blieb bei ihr, erdrückte sie schier mit seiner Gegenwart, so lange, bis sie es ohne ihn nicht mehr aushielt. Und nun? Einige Monate später war er meistens ohne sie unterwegs. Natürlich, er hatte immer eine Ausflucht parat, eine nicht zu widerlegende. Sie mussten ja nicht täglich aneinander kleben. Aber warum wurde sie das Gefühl nicht los, dass er versuchte, sie aus seinem Leben, seinen Interessen auszusperren? Sie wusste bestimmt, ein Leben dieser Art wollte sie nicht führen, das würde sie ihm begreiflich machen. Vielleicht war dieser verwöhnte Junge nur schwer zu zähmen und sie mussten sich erst aufeinander einstellen.

Sie tröstet sich mit dieser letzten Überlegung nachdem sie ihr Ticket ausgehändigt bekommen hat und langsam zum bezeichneten Flugsteig schlendert. Während des kurzen Fluges schließt sie ein wenig die Augen nach dieser durchwachten Nacht, wird jedoch wenig später wieder von der Stewardess zum Anschnallen aufgefordert, der Anflug nach München hatte begonnen.

Falls Carla überrascht über Anjas Kommen war, so klang dies aus ihrer Stimme nicht heraus. Sie freute sich und wollte einen Wagen schicken. Ihr Vater würde dann bereits mit dem Gast, dem Briten Newman, im Werk sein. Es war zwar Wochenende, aber gerade deshalb hatten die Männer die riesige Anlage und den Gebäudekomplex für sich und wurden so durch die Betriebstätigkeit weder gestört, noch abgelenkt.

Anja schließt ihre kleine Tochter in die Arme und bedauert, in der Eile kein Geschenk mitgebracht zu haben. Doch sie hatten sich ja erst vor zwei Tagen getrennt. Als sie ihre Sachen aufs Zimmer bringt und sich in dem altehrwürdigen Haus der Familie, in dem sie sich allerdings nie wirklich heimelig gefühlt hatte, umsieht, beschwört dies Streiflichter von Erinnerungen herauf. An ihre Mutter und später die Geburt Leylas, nach der sie mit Frédéric und Carla  hierher kam und sich die ersten Monate alles um sie und ihr Neugeborenes drehte.

„Dein Vater ist ganz vernarrt in diesen jungen Mann“, beginnt Carla später ein Gespräch, als sie bei einer Tasse Tee zusammensitzen. „Er ist erst gestern angekommen und ich muss sagen, er gefällt mir auch. Dass er ein so begabtes Genie sein soll, sieht man ihm nicht an. Er sieht eher aus wie ein Globetrotter! Na, du wirst ihn ja heute Abend kennen lernen. Wir haben einen Tisch reservieren lassen im Rathauskeller, du kommst doch mit?“

Anja hat kaum zugehört und kaut verloren an ihrer Oberlippe: « Entschuldige! Ja, warum nicht ?“

Das Klingeln des Telefons reißt sie aus weiteren Überlegungen. Carla greift zum Hörer: „Oh, Charly! Ja, es geht uns gut, wie bitte?“ Anja beginnt wild zu gestikulieren und gibt ihr zu verstehen, dass sie nicht hier sei.

„Nein, “ antwortet Carla gedehnt in die Sprechmuschel, „nein, ich weiß nichts von Anja? Ist etwas passiert? Gut! Sollte sie sich rühren, gebe‘ ich gleich Bescheid!“

Als die Ältere aufgelegt hat und Anja erwartungsvoll ansieht, atmet diese auf. „Ihr habt also den ersten Ehestreit hinter euch gebracht!“ konstatiert Carla.

„Leider war es nicht der Erste!“ entgegnet Anja niedergeschlagen.

„Das wird schon wieder! Ihr müsst euch erst aneinander gewöhnen. Zwei verschiedene Menschen treffen aufeinander, das geht nicht so rasch, wie man gerne möchte!“ Die gut gemeinten Worte ihrer Stiefmutter fruchten kaum.

„Ich möchte mich ja gewöhnen, aber er anscheinend nicht! Jetzt erwische ich ihn schon zum zweiten Mal mit einer anderen in dieser kurzen Zeit unserer Ehe und er versucht mich noch dazu als Verrückte hinzustellen und für dumm zu verkaufen!“

„Na, so schlimm wird es nicht sein! Du bist einfach zu eifersüchtig, weil du verrückt bist nach ihm, das habe ich von Anfang an erkannt. Er sieht gut aus und die Frauen, na ja, die sind heutzutage nicht zimperlich!“

„Nimmst du ihn etwa in Schutz?“ will Anja ungläubig wissen. „Ich kann das nicht glauben! Du gibst mir die Schuld!“

„Quatsch!“ empört sich die Angesprochene, „aber vielleicht brauchst du ein wenig mehr Geduld als du aufbringen kannst. Er liebt dich und ist kein schlechter Kerl. Er muss sich auch erst an die Rolle des Familienvaters gewöhnen! Du siehst doch, wie sehr Leyla ihm zugetan ist!“

„Ich weiß nicht was ich glauben soll. Er ist nicht mehr der Gleiche seit wir geheiratet haben. Er trinkt im Übermaß und kennt sich dann nicht mehr!“

„Er hat dich doch nicht geschlagen, oder?“ Carla ist nun doch beunruhigt und erschrocken über die Geständnisse ihrer Stieftochter.

„Noch nicht, aber ich denke, lange wird es nicht mehr dauern, bevor er ausrastet! Ich weiß nicht, wie ich ihn behandeln soll. Er ist einfach unberechenbar!“

Carla will die junge Frau aufmuntern: „Ich bin sicher, er braucht einfach nur Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass er nicht mehr nur an sich zu denken hat. Du musst ihm seine Chance geben!“

„Das tu ich ja! Aber momentan brauche ich ein paar Tage Abstand und Ruhe!“ Sie erzählt Carla vom vergangenen Abend und als sie das Dilemma mit dem sabotierten Wasserbett schildert, lacht Carla hell auf: „Da wäre ich gerne dabei gewesen! Welch ein Einfall! Das nenne ich Rache!“ Anja lächelt ebenfalls in Erinnerung an den Anblick der verhinderten Liebenden und wieder ernst geworden, bemerkt sie: „Er soll nicht wissen, dass ich hier bin. Ich bleibe die ganze Woche da und fliege mit euch zurück, wenn es dir recht ist!“

„Es ist uns nicht nur recht, wir freuen uns darüber, das weißt du!“

Carla streicht Anja leicht über die Wange und sie wechseln das Thema, um über die kleine Leyla und ihre bunten Zeichnungen zu sprechen, mit welchen sie jeden überreichlich beglückt.

 

Der Rathauskeller ist eines der exklusivsten Speiselokale der Stadt und hat trotz seines ausgezeichneten Rufes auch den Charme und die Gemütlichkeit eines echten, alten Kellerlokals. Tische müssen seiner Beliebtheit wegen meist im Voraus reserviert werden und leise Musik sorgt für entspannte Atmosphäre.

Die beiden Männer hatten telefonisch mitgeteilt, dass sie direkt ins Lokal kommen würden und die beiden Frauen nehmen ein Taxi, um sich dort einzufinden. Leyla ist bei Anna, wie immer, in guten Händen und schläft bereits, als sie das Haus verlassen. Anja hatte nachmittags ein wenig geruht, und die dunklen Ringe unter ihren Augen sind beinahe verschwunden. Den verbleibenden Rest hat sie mit hellem Puder überpinselt. Sie kleidete sich sorgsam in einen modischen Hosenanzug aus indischer, glänzender, dunkelblauer Seide und trägt ihr Haar zusammengebunden. Für das sorgfältige make up hat sie sich ebenfalls Zeit gelassen. So versucht sie, den Stress der letzten Zeit weit von sich zu schieben, was nicht ganz so einfach ist. Ihr Vater soll nicht annehmen, dass sie unglücklich sei.

 

Als Steve Newman sich von seinem Stuhl erhebt, um sie beide zu begrüßen, denkt Anja, dass er eher wie ein ewiger Student aussieht, als ein Computergenie. Sein stachelig abstehendes Haar und die schmalen Lippen unter der markanten Nase lassen an einen Mann denken, der sich nicht sonderlich um sein Aussehen oder den Eindruck den er auf andere macht, sorgt. Er trägt Jeans und eine beige Anzugsjacke, darunter einfach nur ein schwarzes T-Shirt. Seine hellen Augen ruhen auf ihr, ohne irgendeine Regung zu zeigen.

Frédéric stellt dem Jüngeren seine Tochter vor und Anja schenkt ihm ein charmantes Lächeln und einen tiefen Blick aus ihren tiefblauen Augen. Steve erwidert es und kleine Grübchen zeugen von einem humorvollen Charakter. Er zieht ein wenig die Augenbrauen hoch und sein Blick deutet an, dass ihm gefällt, was er vor sich sieht.

„Nun, hat mein Vater sie überzeugen können?“ fragt Anja gerade heraus und sieht ihr Gegenüber an.

„Wovon?“ Der Brite blickt fragend zurück.

„Na, dass sie für die Firma unentbehrlich sind!“

Ein breites Grinsen überzieht das Gesicht des Angesprochenen und er nimmt einen Schluck aus seinem Weinglas. In seinen Augen blitzt ein amüsierter Funken: „Ich glaube, wir haben uns verstanden, ihr Herr Papa und ich!“

Das zustimmende Nicken ihres Vaters bestätigt den guten Verlauf der Verhandlungen und Anja atmet auf: „Dann bin ich Ihnen selbst auch zu großen Dank verpflichtet, Mr. Newman!“

„Steve“, unterbricht er sie rasch, „nennen Sie mich bitte Steve!“

„Gut, Steve! Wie gesagt, wir sind alle sehr froh, dass Sie meinen Vater entlasten wollen. Sicher hat er sich schon über uns beklagt, oder?“ Sie wirft Carla einen verschwörerischen Blick zu.

„Na ja, eigentlich habe ich mir seine Tochter als zankende Besserwisserin vorgestellt. Aber ich bin froh, dass ich da falsch getippt habe.“

Frédéric grinst sein Jungenlächeln. „Danke Papa,“ grinst Anja zurück. „Du hast anscheinend verstanden, mir herrlich zu schmeicheln!“ Die anderen lachen, und entspannt genießt man die ausgezeichnete Speisenfolge und den klaren Wein. Anja fühlt während des Abends, wie die Spannung nach und nach von ihr weicht.

Newman erklärt, dass er das gesamte Datennetz der Firma, mit allem was dazugehört, Buchhaltung, Betriebsleitung, Telefonzentrale und Personalleitung umstellen und auf den letzten Stand der Dinge bringen wolle. Eine raschere Erledigung der Aufträge, Anfragen, Angebote und überhaupt des gesamten verwaltenden Komplexes der Hollowitz-Werke brächte Zeitgewinn und Sicherheit für jeden Arbeitsbereich und sicherte die optimale Kundenbetreuung. Wie schon angeboten, war Frédéric bereit, dem jungen, viel versprechenden Mann freie Hand zu lassen. Die Erkundigungen, die er über ihn zwischenzeitlich eingeholt hatte, haben ihn in dem Glauben bestärkt, den Mann gefunden zu haben, an dessen Existenz er eigentlich nie geglaubt hatte. Er war bereit, dem Drängen seiner Familie endlich nachzugeben und sich immer mehr vom Geschäft zurückzuziehen.

„Was macht ihr Ehemann eigentlich so beruflich?“ will der Brite wissen, während er gespannt auf die Antwort wartet.

„Er kümmert sich um die Verwaltung seiner Ländereien und allem was dazugehört, Golfclub, Pferde, etc.“ Anja hält dem intensiven Blick stand. Was ging ihn das an? Sie konnte ja nicht gut sagen, ‘mein Mann privatisiert und um die Geschäfte kümmert sich sein Rechtsberater, weil er selbst dazu unfähig ist!’ Gleichzeitig macht es sie traurig, dass die Wahrheit sie bedrückte. Es war doch egal, ob Charly sich nun abrackerte oder eben nicht. Das ging doch niemanden etwas an! Warum nahm man nur immer an, dass Arbeitstiere die besonderen, wertvolleren Menschen wären, die etwas taugten, während diejenigen, die einfach nur das Leben genießen wollten, nichtsnutzige Parasiten waren?  Trotzig fügt sie hinzu: „Eigentlich tut er nicht wirklich viel, wenn sie das meinen! Er gibt seinem Leben Sinn, wie er es eben für gut befindet und das gleiche tu ich auch! Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig, außer uns selbst!“

Beschwichtigend hebt der Brite die Hand: „Ich wollte ihnen sicher nicht zu nahe treten. War nur so eine Frage. Reines Interesse! Dass sie Künstlerin sind, habe ich schon gehört. Interessant!“

War es das? Anja zweifelte in letzter Zeit so ziemlich alles an, was sie betraf: ihr Talent, ihre Begeisterung zur Kunst, ihre Liebesfähigkeit, alles...

Nur am Rande hört sie, wie Frédéric ihre Bilder in den höchsten Tönen lobt. Der nette Abend hat für Anja in dem Moment eine Wendung erfahren, als man Charly erwähnte...

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