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Schatten über der Provence |
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Kapitel 15
Bevor sie zu Ende sprechen kann verschließt er rasch ihre Lippen mit den seinen, ganz rasch und zart, als hätte sie der Flügel eines Schmetterlings gestreift, während sich in ihrem Bauch ganze Schwärme davon, in heller Aufruhr zu befinden scheinen. „Wir werden jetzt artig fertig essen“, flüstert er atemlos, „und dann werde ich verschwinden! Bitte folge mir ein paar Minuten später aus dem Haus. Ich werde auf Dich warten. Sag nichts, denk’ nichts, tu’ es einfach!“ Schon ist sie allein unter dem Tischtuch, ohne antworten zu können, und starrt auf die Ansammlung von zierlichen wie klobigeren Schnallenschuhe, aus Brokat oder Lack, Gold, schwarz oder Silber. Vor Aufregung hätte sie beinahe vergessen, ihre Maske wieder über die verräterisch leuchtenden Augen zu schieben. Ihre Wangen glühen, ihr Herz klopft bis zum Hals, und sie taucht erst nach ein paar Sekunden auf, gesenkten Blicks, damit ihre Augen sie nicht verraten. Doch es scheint, als hätte keiner der Gäste etwas von dem kleinen Zwischenfall unter der Festtafel bemerkt. Oder doch? Die Comtessa scheint tatsächlich in sich hinein zu kichern und hätte sich fast an einer Olive verschluckt, wäre nicht ein Diener rasch herbeigeeilt, um ihr dezent auf den Rücken zu klopfen. „Aber Sie sind ja ganz rot im Gesicht, ist Ihnen das Blut etwa in den Kopf gestiegen?“ Sie kichert abermals. „Ich sagte doch, dass dies eine unvergessliche Nacht wird“, raunt sie Amelie zu. „Ich bin es gewöhnt, meine Versprechen zu halten, meine Liebe!“ Amelie ist zu irritiert um eine passende Antwort zu geben, und die Donna scheint gar nicht darauf zu warten, denn sie widmet sich mit Genuss ihren gebratenen Austern und lässt sich erneut weißen Landwein dazu einschenken, um jedem einzelnen der Geladenen mit ihrem Glas zuzuprosten. Aus den Augenwinkeln blickt sie verstohlen zu Daniel, der die Bläschen in seinem Champagnerglas zu zählen scheint. Als sie seine Linke unter dem Tisch auf ihrem Schoss spürt, trotz weitem Unterrock und massenhaft dickem Brokat, hält sie erschaudernd die Luft an und wünscht, sie wäre nicht vermummt durch kilometerlange Stoffbahnen. Ihre Sehnsucht nach ihm wird so groß, dass sie keinen Bissen mehr hinunter bringt. Sie lässt zu, dass er, wie auch immer er es schafft, seine Hand unter die Massen von Seide und Taft schiebt und langsam ihre nackten Schenkel zu streicheln beginnt, dort, wo die weißen Strümpfe enden, bis er ihr Bäuchlein erreicht, dass er unter dem seidenen Hemdchen zärtlich betastet. Sie zwingt sich, nicht laut aufzuseufzen und atmet erleichtert auf, als er nicht versucht sich weiter zu ihrem Busen hochzuarbeiten, dann das wäre nun doch auffällig geworden. Innerlich und äußerlich zitternd weiß sie nicht, wie sie das in die Länge gezogene Festmahl zu Ende bringen sollte. Ihre Augen flehen um Erbarmen, seine scheinen genüsslich zu glänzen, als sie die leise Stimme der rosa umrauschten Comtessa an ihrem Ohr vernimmt. „Machen Sie keinen Fehler mehr, Kind. Denken Sie nicht immerzu soviel über alles nach! Nehmen Sie, was Sie kriegen können und genießen Sie es. Packen Sie zu und halten Sie fest, was Ihnen geboten wird! Das ist eine der Carnavalsregeln dieser Stadt! Ich versichere Ihnen, dass das keine Lüge ist!“ Sie fühlt, wie sich Daniel zurückzieht, und als sie aufblickt, ist sein Stuhl leer. Klopfenden Herzens wartet sie endlose Minuten lang und macht sich nach einem wohlwollenden Augenzwinkern der Gräfin, so gut es geht, diskret aus dem Staub. Als sie den Saal verlässt, klappern ihre goldenen Absätze in raschem Tempo über die Steinfliesen der schier endlosen Gänge des Palazzos. Die schwere Eichentür des Hauses steht weit offen. Sie blickt atemlos in den Sternen übersäten Himmel, der auf sie gewartet zu haben scheint. Die schmale Anlegestelle vor dem Haus ist mit einer Anzahl von dunklen Gondeln besetzt. Ein dunkel vermummter Gondoliere scheint auf sie zu warten. Sie lässt sich ins Boot helfen und platziert sich in einen der Sitze. „Wohin fahren wir“, fragt sie den Mann. „Ins Paradies, mein Liebes!“ kommt die Antwort des Mannes, der das Cape über seine Schultern zu Boden gleiten lässt und geschickt mit der Ruderstange, in nachtschwarzer Kleidung, aufrecht am Bug der Gondel stehend, dieselbe auf den pechschwarzen Kanal hinaus lenkt. ******
Philippe hatte an alles gedacht. An die Spesen, die seine geplante Aktion ihn kosten würden, an die Folgen, wenn die Sache aufflog, was unwahrscheinlich genug war, und an die Strategie seines Vorhabens, das gewagt war, aber nicht undurchführbar. Natürlich hatte er zuerst daran gedacht, den Schänder seiner Tochter aus der Welt zu schaffen. In der ersten Aufwallung des Zorns, und der Wut, die ihm die Luft abdrückte. Einfach irgendwohin locken und dann ein, zwei Kugeln in den Kopf jagen. Der Rapper hatte genug Feinde, jeder wusste das. Die Konkurrenz, Mitglieder aus anderen Gangs. Doch alss er wieder durchatmen konnte, halbwegs normal, begannen seine geschulten Gehirnzellen sich zu regen. Er saß zuhause, allein, in seinem riesigen Salon und rauchte eine Zigarre. Es war Jahre her, dass er sich diesen Luxus und vor allem diese Auszeit geleistet hatte. Zeit war Luxus, aber wurde dennoch von dem Glück und der Sicherheit seiner einzigen Tochter überwogen. Sogar für ihn. Indem man seine Tochter misshandelt und verletzt hatte, fühlte er sich persönlich angegriffen, verspottet und missachtet. Gesetze waren ihm wichtig, aber nicht in dem Maße, sie nicht zu verletzen, wenn es ums eigene Fleisch und Blut ging. Er könnte vor Gericht gehen, vielleicht sogar gegen den Scheißkerl gewinnen. Andererseits, welche Strafe erwartete dieses verhinderte Popidol, das sich die teuerste Anwaltskanzlei aussuchen würde und auch leisten konnte – getrieben von seinem Manager und dessen Garde? Er konnte direkt die Schlagzeilen vor sich sehen, groß und fett gedruckt: „Senatorstochter als gezüchtigtes Liebchen von Rapper „Black Jay“ - daneben gleich sein Bild neben dem des Halbaffen und seiner Tochter. Und die politischen Gegner würden sich die Hände reiben, bis ihnen die Haut in Fetzen runter hing! Karriere Futsch, Revanche weg und er konnte sich in seine Stallungen zurückziehen und die Strohhalme zählen, während Virginie Tag und Nacht hinter den Mauern der Entziehungsklinik belauert wurde von einer Horde sensationsgeiler Journalisten. Der primitive Emporkömmling, der auf die Gesellschaft spuckte, die ihn aufgenommen hatte und ihm eine Zukunft bot, vergriff sich an seiner Virginie, demütigte ihn selbst und war auch noch stolz darauf! Nun gut, er wollte Krieg, den bekam er und zwar in einer Weise, die er sich nicht in den kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Er hatte sich verzählt, getäuscht in ihm. Hielt ihn für einen Landbaron und Bourgeois, der sich nicht zu wehren wusste und den geraden Weg über die französischen Gerichte wählen würde. Dort brächte er einen Gerichtssaal voll von senilen Böcken mit seinen Ausführungen zum Grinsen - „Sie war scharf, die Kleine, hatte es gern ein wenig wild….“ Eine Geldstrafe vielleicht, Liebesbriefe von seinen Verehrerinnen, Gratispromo für die neue CD, die auf den Markt kommen sollte… was noch? Wie ein Schlag ins Gesicht jedoch empfand er die ersten geflüsterten Worte, die seine Tochter ausgesprochen hatte, als sie aus ihrem Tiefschlaf erwachte:“…..Jay?“ „Black Jay, oder wie immer dein richtiger Name lautet, Du wirst Dich noch wundern, wozu ein Landbaron wie ich fähig ist! Du wirst jede Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr an mich denken. Dein einfältiges Grinsen wird dir schneller vergehen als du es dir vorstellen kannst, Alter!“ Philippe prostete sich selbst zu und ein zufriedener Ausdruck breitete sich über sein Gesicht, bevor er nach dem Telefon griff und mehrere lange Gespräche mit alten Bekannten führte. Davon gab es einige, die ihm einen Gefallen schuldig waren. Nun war der Moment gekommen, um ihre Loyalität ihm gegenüber beweisen zu können.
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Keine Sekunde lang hat Amelie überlegt, ob sie Dans Einladung folgen oder es lieber bleiben lassen sollte. Keinen einzigen Augenblick lang hatte sie gezögert. Ihr Herz rast unruhig in ihrer Brust und sie kann ihren Blick nicht von dem dunklen Umriss des Geliebten lassen, der die Gondel sicher, und als hätte er sein Leben lang nicht anderes getan, durch die winkeligen Kanäle des alten Teils der Stadt lenkt. Als der Wasserarm breiter wird und sich erneut die Lichter Venedigs zu Tausenden im dunklen Meereswasser widerspiegeln, steuert er auf ein scheinbar wartendes, vertäutes Motorboot zu. Ein einheimischer Junge schien gewartet zu haben und hilft Dan, die Gondel nahe an den Steg heranzuziehen, wo er sie mit einem Seil an einen runden Pfosten, rot, weiß gestrichen, befestigt. Amelie greift nach dem ausgestreckten Arm Daniels, der sie rasch aus der Gondel hebt und ihr in das schnittige Boot hilft. Die Armaturen aus Chrom blitzen in der Dunkelheit und die weißen Lederpolster leuchten matt, aber deutlich und einladend. Daniel drückt dem Jungen einige Scheine in die Hand, der sich eiligst davon macht, scheinbar mehr als zufrieden. Amelie fühlt sich wie in einer Operette, einem Märchen. Sie wäre nicht einmal erstaunt gewesen, wenn Daniel plötzlich mit theatralischen Gebärden eine Arie von sich gäbe. Doch der hat ganz anderes mit ihr vor. Seine Arme umschließen ihre Gestalt und sein zärtlicher Kuss löst einen Sturm von Gefühlen in ihr aus, dass sie wünscht, sie könne die Zeit anhalten und diesen Augenblick bis in alle Ewigkeit genießen. Seine zärtlichen Lippen liebkosen ihren Hals, ihre Ohrläppchen und kehren schließlich leidenschaftlicher als zuvor zu ihrem Mund zurück, um ihre unterdrückten Seufzer zu verschlingen. Als sie sich endlich voneinander lösen, bugsiert er sie zärtlich in einen der beiden ausladenden Fauteuils und lässt den Motor an, nachdem er sich vergewissert hat, dass sie es auch bequem genug hat. „Unsere Fahrt dauert nicht lange, Liebes! Aber ich will ganz allein mit dir sein, ohne lästige Paparazzis oder neugierige Touristen. Die See ist unser Verbündeter, und der Mond unser Zeuge.“ Der Schauspieler in ihm gewinnt die Oberhand’, denkt sie lächelnd und dennoch vollkommen entzückt von seiner Darbietung und diesem romantischen Einfall. Wohin sind alle guten Vorsätze so plötzlich verschwunden? Sosehr sie dies alles hier auch in Frage stellt, es gibt keine schmerzhaften Stiche der Enttäuschung und der Verbitterung mehr in ihr!
Die schmale Mondsichel gibt nicht viel Licht, aber Daniel scheint keine Hemmungen im Umgang mit dieser Art von Schiffen zu haben. Der Wind zerrt an Amelies Perücke, die sie nur zu gerne abnimmt und zur Seite stellt, um ihr festgestecktes Haar darunter zu lösen und zu spüren, wie lebendig sie sich endlich fühlt. Die starke Brise spielt in ihrem Haar, der Geruch des Meeres nimmt ihr die Luft und erfüllt sie gleichzeitig mit dem unvergleichlichen Gefühl der Freiheit und Erwartung. So sicher wie jetzt hat sie sich schon ewig lang nicht mehr gefühlt und ihre Freude, ihm so nah zu sein, würde sie am Liebsten hinaus in die Nacht schreien, und sie teilen mit den Wellen des dunklen adriatischen Meeres und den Sternen, die sie begleiten. Sie betrachtet unverhohlen seine dunkle Gestalt neben sich, er sah aus wie ein Freibeuter der Moderne und auch sein Haar überlässt sich dem Spiel des Fahrtwinds. Sein historisches Kostüm und die ausgeklügelte Technik dieser Yacht, auf der sie sich befinden, stehen in einem unglaublichen, futuristischem Gegensatz zueinander. Diese skurrile Situation war mehr als Filmreif! Er spürt ihre Blicke und gibt sie zurück. „Ich denke, ich habe Dir genug Zeit gegeben, um zu erkennen, wohin Du gehörst!“ Seine raue Stimme dringt trotz de Motorenlärm wie Musik an ihr Ohr. Sie verlässt den gepolsterten Stuhl und lehnt sich an ihn, schlingt ihre Arme um seine Brust, währen sie versucht, nicht das Gleichgewicht auf dem schlingernden Schiff zu verlieren. Mit der einen freien Hand umfasst er ihre Taille und Paparazzis rund um den Globus hätten weiß Gott was gegeben um sich den Schnappschuss des Jahres in diesem Moment zu holen! Die weitreichenden Scheinwerfer zeigen den Weg hinaus auf die offene See, und erst als die Lichter der Lagunenstadt nur mehr schwach zu sehen sind, drosselt er den Motor, bevor er ihn ganz zum Ersterben bringt. Sie lauscht dem Rasseln der Ankerkette und versucht, ihr aufgewühltes Inneres einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Es scheint, als würde die Nacht die Luft anhalten und die Einsamkeit nur für sie beide geschaffen worden sein. Das schwere Schiff schaukelt sacht auf den leichten Wellen und die Stille lässt sie sogar das Atmen des Anderen vernehmen. Sein zerzaustes Haar gibt Daniels Figur eine wilde Seeräubernote. Doch unter dieser nicht unaparten Verkleidung steckte der Mann den sie liebte. Ja, sie liebte ihn, ob ihr das nun passte oder nicht, und es hatte keinen Zweck sich in irgendwelche Ausreden zu flüchten oder ihm die Gefasste, Starke vorzuspielen. Wie recht die Gräfin doch hatte! Waren ihre Augen doch ein offenes Buch für ihn, und ihre sich heftig auf und ab senkende, in diesem freizügigen Kleid hoch geschnürte Brust nur zu sehr der Beweis, wie sehr sie sich nach ihm verzehrte! Ganz atemlos fühlt sie sich, während er vor ihr steht und sie mit seinen hellen, glasklaren Augen lange betrachtet, als versuche er noch mehr von ihren Gedanken zu erfahren, als für ihn ganz offensichtlich war! Seine Stimme klingt melodisch und verführerisch. „Ich denke, das Leben ist zu kurz, um es nicht so anzunehmen, wie es uns bestimmt ist, Amelie!“ Konnte er schon ihre Gedanken lesen? „Die Gräfin…“ beginnt sie, allmählich verstehend wodurch es zu dieser Nacht gekommen war. Er nickt und hält ihre Hand an seine Lippen. „Ja, es war die alte Dame, der wir unser Wiedersehen zu verdanken haben. Sie hat mich kontaktieren lassen, egal, wie sie das auch geschafft hat“. Für Amelie ist das WIE kein Geheimnis. „Sie muss Lily angestiftet haben, damit diese in meinen Sachen nachsieht…die Karten Deiner Agenten…, natürlich!“ „Braves Mädchen“, grinst Daniel und zieht sie ganz nah an sich, um auch jede ihrer verlockenden Rundungen spüren zu können. „Sie verdient eine extra Belohnung! Der Vorschlag der Lady erschien mir erst lächerlich. Ein Maskenball! Doch als sie mir erläuterte warum und wieso, wie sehr es sie schmerzt, dass wir uns missverstanden haben…“ „Haben wir das?“ unterbricht sie ihn geläufig. „Oh ja, das haben wir“, versichert er mit fester Stimme und küsst ihre Stirn. „Und zwar nicht nur bei unserer letzten Begegnung, sondern vom Beginn unserer Beziehung an!“ „Wir hatten keine Beziehung“, wendet sie kokett ein, weil es sie reizte, ihn zu verwirren. Doch es scheint nicht zu gelingen. „Es war eine Beziehung, Kleines“, erläutert er amüsiert. „Erst eine freundschaftliche, doch von meiner Seite aus wurde sehr schnell mehr daraus, auch wenn ich nicht darüber nachgedacht habe. Ich bin gezwungen mein Leben oft mit hundert Sachen zu leben, und die Dinge überschlagen sich und so manche ganz wichtige Details geraten da manchmal unter die Räder! Was keineswegs als Entschuldigung gedacht ist! Eher als Eingeständnis und Selbstanklage! Ich hätte es gar nicht zulassen dürfen, dass ich mich von den Ereignissen so überrennen ließ! Du hast mir so viel bedeutet, und nach dieser unglaublichen Nacht….“ Erneut unterbricht sie ihn neckend: “Willst Du mir weis machen, dass ich Dir nach nur einer Nacht soviel bedeutet habe?“ „Du weißt wie ich das meine, Amelie! Nicht nach dieser Nacht, lange davor schon! Als Du Dich in diesem brennenden Haus befunden hast, ich wurde schier verrückt vor Entsetzen. Doch all dies ist mir erst später bewusst geworden. Vor allem, als ich mich am anderen Ende der Welt befand und in diesen heißen, tropischen Nächten kaum ein Auge zumachen konnte – da gab es genug Zeit, um nachzudenken. Das Ergebnis war erschreckend für mich und ich bin zu dem Resultat gekommen, dass ich wohl der größte Blindgänger aller Zeiten sein musste!“ „Und Deine Mutter….“, meint sie leise. „Ja“, seufzt er. „Als ich endlich den festen Entschluss gefasst hatte, dich zu finden, egal wie, kam diese Hiobsbotschaft. Als meine Mutter Dein Geschenk erhielt und fälschlicherweise dachte, es käme von mir, wurde mir ein weites Mal bewusst wie unzulänglich ich gehandelt habe und dass selbst meine Mutter mich für besser hielt als ich in Wirklichkeit war! Ich war ein oberflächliches Arschloch, das sich nicht allzu sehr um seine Mitmenschen kümmerte. Sosehr war ich mit mir selbst beschäftigt, dass es mich heute zum Kotzen reizt, nur daran zu denken! Die fürchterlichste Vorstellung jedoch war für mich, dass Philippe, Dein Exverlobter, Dich dennoch überzeugt haben konnte, dass er der Richtige für Dich war und sich eventuell beeilt hat, Dich zu schwängern und so an sich zu fesseln! Schlau genug ist er ja!“ Sie boxt ihn wütend in die Seite. Ihre Augen glühen zornig, als sie ihm leidenschaftlich entgegnet: „Für wie dumm und beeinflussbar hältst Du mich denn? Wie kannst Du so etwas glauben, Du unverbesserlicher Idiot! Hältst Du mich für so schwächlich? Ich war in Dich verliebt, seit Du als Verdurstender meinen Garten betreten hast! Wie kannst Du nur glauben, dass ich mich erneut mit Philippe einlassen würde! Du kennst mich so schlecht!“ Er nickt ernst. „Ja, das stimmt wohl, aber ich habe alle Zeit der Welt, Dich besser kennen zu lernen und Du musst mir ein für alle Mal verzeihen, was ich Dir angetan habe!“ Sie legt ihre freie Hand auf ihren Bauch. „Du meinst doch nicht das hier!“ flüstert sie flach und erregt. „Oh, mein Gott“, entsetzt er sich in dramatischem Ton, „ich hoffe, Du hast das nicht im Ernst gemeint! Ihr seid meine Familie und ich weiss eigentlich nicht einmal genau, wie ich dazu gekommen bin!“ „Soll ich es Dir zeigen und Deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, Daniel MacArthur?“ wispert sie mit vor Leidenschaft schwacher Stimme, während alle Scham von ihr abfällt wie Schuppen. Als Antwort hebt er sie hoch, wobei er sich in dem bauschigen Kleid samt Unterrock beinahe verheddert hätte und schleppt sie stolpernd, leise fluchend, und wahrhaftig in Piratenmanier, wie seine Beute ins Innere des Schiffes, nachdem er mit einem festen Ruck seiner altmodischen Schnallenschuhe die Glasschiebetüren energisch auseinander geschoben hat.
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Rachid, alias „Black Jay“, blickt immer noch verständnislos auf die Männer in Uniform, die ihn ansehen, als käme er von einem anderen Stern. Die Handschellen, die sie ihm verpasst hatten, schnitten schmerzhaft ins Fleisch seiner am Rücken gefesselten Handgelenke. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen reizenden Schmuck an sich spürte, doch sie fühlten sich heute keineswegs vertraut oder gleichgültig an, wie sonst. Es ging um mehr als nur eine einfache Festnahme, Kontrolle, Untersuchung, Anschuldigung wegen Dealerei oder öffentlicher Gewalttätigkeit, soviel hatte sogar er verstanden. Sie behandelten ihn wie einen Staatsfeind Nr. eins! Anfangs hatte er noch gehofft, dass es einfach eine simple Verwechslung sei, als die bewaffneten, maskierten Männer in seine Wohnung eindrangen, ihn unsanft aus seinem Bett zerrten und ihn wortlos, trotz seiner unflätigen Proteste in den dunklen Van gezerrt hatten, bevor er noch unter sein Kopfkissen langen konnte, um die 38er, die er vorsichtshalber immer in seiner Nähe hatte, hervor ziehen zu können. Er hatte erst an Lösegeldforderung geglaubt, was lag näher? Also verhielt er sich ruhig, denn wozu riskieren, dass sie ihm ein Ohr abschnitten oder den kleinen Finger mit seinem hochkarätigen Diamantring. Doch inzwischen, angesichts der zwei hochrangigen Militaristen, die in voller Uniform und mit unbeweglicher Miene herablassend und eisig auf ihn herabsehen, beginnt er daran zu zweifeln, dass er mit seiner Überlegung richtig lag. Das sieht hier nicht mehr nach Kidnapping aus, zumindest nicht im üblichen Sinne des Wortes. Die Situation ist makaber und unglaublich und er konnte nur hoffen, dass sich diese ganze Scheisse als Irrtum erweisen würde. Doch er ist nicht dumm und verliert den Glauben daran, je länger er auf sein Gegenüber starrt. Seine sonst so gewandte Zunge liegt wie ein fetter, träger Wurm in seinem Mund und er findet nicht die richtigen Worte, sich heraus zu reden, oder einfach nur simple Fragen zu stellen. Einer der beiden studiert einen Haufen Papiere, die vor ihm auf dem wuchtigen Schreibtisch liegen, bevor er ihn endlich ansieht und anspricht: „Sie scheinen verwundert zu sein, sich hier zu befinden, Soldat!“ beginnt er den Jüngeren anzuschnauzen. „Soldat?“ platzt Rachid heraus, dem sie nicht einmal Zeit gelassen hatten, sich fertig anzuziehen. Wie ein Häftling, der er ja auch zu sein scheint, sitzt er da in seinen Shorts, bedruckt mit lächerlichen Simpson-Motiven, und versucht vergeblich aufzuspringen. Die eiserne Hand des baumlangen, schwarzen Soldaten, der wachend neben seinem Stuhl steht, stößt ihn sofort wieder unsanft zurück auf die Sitzfläche. Die beiden Uniformierten flüstern kurz miteinander, dann beginnt der Erste fort zu fahren: „Wir haben keine Zeit, um uns mit Ihnen zu unterhalten, Rachid Ben Hassan. Ihr Schiff wartet! Aber ich will gerne Ihrem Gedächtnis nachhelfen!“ Er reicht das vor ihm liegende Dokument dem Wächter an Rachids Seite, der es dem Musiker unter die Nase reibt. Alles was er zu sehen kriegt, ist seine eigene Unterschrift. „Das ist eine Fälschung!“ begehrt der Mann auf, wird aber sofort wieder zum Schweigen gebracht, als der Uniformierte ihn unterbricht: „Das ist keineswegs eine Fälschung! Aber Sie sollten nicht immer stoned sein, wenn man Ihnen etwas vor die Nase hält, und um Ihre Unterschrift bittet, Mann!“ Und als er sich einem bunten Artikel irgendeiner populären Musikzeitschrift gegenüber sieht, die ihm vor die Augen gehalten wird, weiß er im Voraus, dass er verloren hat. Alles was er lesen kann, sind die fetten Schlagzeilen, die sich über ihn lustig zu machen scheinen und vor seinen Augen tanzen: „Der populärste Rap-Musiker unsere Landes will sein Leben ändern: Er engagiert sich freiwillig für 5 Jahre in der Fremdenlegion!“ Und etwas kleiner darunter: “Ich habe viel Mist gebaut“, gesteht er während unseres Exklusivinterviews in unserer Redaktion, „ich seh’ das ein und will ein Vorbild sein für die Jugend, mehr will ich dazu nicht sagen!“
Der Gefangene bekommt einen hysterischen Lachanfall:“ Seid ihr alle bekloppt in diesem Scheissladen? Wo ist die versteckte Kamera, verdammt noch mal! Es reicht mir! Ich will zurück in mein Bett!“ Er blickt sich um, in der vagen Hoffnung, dass nun gleich die Tür aufging und das Fernsehteam mit lachender Miene hereinstürmte und ihn hier raus holte. Er würde den Übertölpelten spielen, seinen Diamanten, den er im vorderen linken Schneidezahn trug, in die Scheinwerfer blitzen lassen und mit den Kumpels noch lange über die Sache lachen. Doch eine schleichende, nie zuvor gekannte Angst macht sich in seinem Inneren breit, als er dem unerbittlichen Blick des hochrangigen Mannes vor sich begegnet. Wenn das wirklich ein Schauspieler war, dann machte er seine Sache gut! Zu gut! „Wir haben weder Zeit noch Lust, uns mit einem Deserteur ihrer Sorte zu unterhalten! Wenn Ihr Engagement bei unserer Legion als Werbegag gedacht war, dann haben Sie den Kürzeren gezogen, Mann! Die Überlegung geht nicht auf und auf derartige Spielchen sind wir hier nicht eingestellt!“ Während er seinen Stuhl nach rückwärts schiebt, um aufzustehen, wendet er sich knapp an den Soldaten in der Uniform eines hochrangigen Kommandanten der französischen Fremdenlegion an seiner Seite, der sich nun ebenfalls erhebt. „Colonel, der Mann gehört Ihnen! Und passen Sie auf, dass so etwas nicht noch einmal passiert!“ Zackig salutiert der Angesprochene und hebt die Hand an seine rote Baskenmütze, die mit der Anstecknadel der Fallschirmspringer geziert ist. „Sehr wohl, mon Commandant! Wir laufen noch heute Abend in Richtung Cayenne aus. Nach einer intensiven Ausbildung in unserem Trainingscamp auf Guyana wird dem Mann jede Lust an weiteren Ausbruchsversuchen vergehen! Sie können auf mich zählen!“ Mit einem Nicken und verschlossener Miene verlässt der Kommandant den Raum. Der Legionär schlendert langsam auf seinen „Entflohenen“ zu. Angriff ist die beste Verteidigung, hatte dieser bisher geglaubt, also nimmt er den Mund voll, in einem letzten Versuch, diese Scheisse, in der er bis zum Hals steckte, aufzuklären: „Verdammt, Mann, Sie wissen doch, dass das nicht stimmt! Ich glaub’ ich bin im falschen Film! Ich bin nicht Vin Diesel und Sie sind nicht Harrison Ford! Schluss mit diesem Kino!“ Der rot bekappte Mann lacht laut und aufrichtig belustigt auf, doch der junge Musiker harkt schnell nach: „Das ist eine rassistische Verschwörung gegen mich und meine maghrebinischen Brüder! Alles was ihr wollt, ist, die Jugend weiterhin zu verblenden mit Versprechungen auf eine bessere Zukunft! Scheisse Mann! Scheisse! Ich hab’ sie wachgerüttelt! Das stört Euch Idioten! Das geht nicht durch! Ich bin ein Star! Ich habe Freunde! Ich kenne einflussreiche Männer! Das wird Folgen haben!“ Der angesprochene Militarist grinst, amüsiert vom Aufbruch des ihm Anvertrauten, während er sich langsam und gezielt eine dunkle Fliegerbrille auf die Nase setzt: „Du bist eine kleine miese Ratte, Rachid! Deine Freunde scheinen weniger einflussreich zu sein, als die unseren! Hat Dein Schrumpelhirn das noch nicht kapiert? Du hast viele Fehler gemacht in deinem kurzen, beschissenen Leben. Hast Dich mit Leuten angelegt, die Du unterschätzt hast. Hast Dir die falschen Leute zum Feind gemacht! Dieses Land hat Dir alles geboten: Soziale Ordnung, Schuldbildung, ein Weiterkommen im Leben! Aber was machst Du? Du trittst lieber unsere Ideologie in den Schmutz, vergehst Dich an unseren Frauen und hetzt unsere Jugend auf! Vielleicht ist „La France“ nicht mehr die Grande Nation, die wir einmal waren! Daran sind deinesgleichen nicht unschuldig, Du Penner! Aber mit Abschaum wie Dir, werden wir immer noch fertig! Auf die eine oder andere Art! Du hast uns unterschätzt, mon garçon!“ Das süffisante Grinsen auf dem Gesicht des Colonels wird Rachid fast unerträglich. „Aber es ist gut, dass Du Dich bessern willst und zur Einsicht kommst!“ fährt dieser hochmütig fort. „Wir werden Dir gerne dabei helfen! Du hast unterschrieben, das zählt für mich! Du vertraust mir dein Leben an, Soldat! Ich werde mich dafür erkenntlich zeigen, und vergiss nicht: Dort, wo wir unser Ausbildungslager haben, gibt es nur Dschungel, Dreck und Ungeziefer! Sei also vorsichtig, ich habe dort schon so manchen guten Mann verloren! Cayenne hat seinen morbiden Ruf auch seit der Schließung der Strafkolonien nicht verloren!“ Wie betäubt lässt sich Rachid hinaus bringen. Was konnte er noch einwenden? Sie hätten ihn unsanft niedergeschlagen, jeder Fluchtversuch würde mit einer Kugel in seinen Beinen enden! Die Warnung hatte er verstanden. Alles, an was sich der Abgeführte in dieser Nacht später noch erinnert, ist die höhnisch grinsende Fratze des Colonel, der einem Film der Serie B entsprungen zu sein scheint, und doch so bittere Realität war, und dessen ernst gemeinte Drohung. Dann brütet er nur mehr verzweifelt vor sich hin, während er in dem Militärlastwagen in Richtung Marseiller Hafen transportiert wird, bereit zur Einschiffung nach Südamerika.
Hinter der dunklen Glasscheibe des Verhörraums schüttelt Philippe Derrieu dem Kommandanten die Hand. „Das vergess’ ich Dir nie, Pierre! Nicht Dir und nicht den anderen!“ „Da gibt es nichts zu danken“, entgegnet der Kommandant schlicht. „Ich denke wir haben unserem Land, ja, der europäischen Jugend einen großen Dienst erwiesen, sie von dieser permanenten Gefahr zu befreien.“ Derrieu nickt zustimmend. „Die Band hat sich aufgelöst, ohne es bereits zu wissen“, erklärt er weiter. „Der Manager der Jungs wird wegen Steuerhinterziehung gesucht und hat sich abgesetzt, keiner weiß wohin. Künstlerische Freiheit hin oder her: wir müssen in Zukunft danach trachten, dass sich in diesem Land derartig gefährliche Phänomene nicht mehr so schnell formieren können! Strengere Kontrollen, eine gewisse Art von Zensur sind angebracht!“ Der Kommandant hegt keine großen Hoffnungen, dass sich diese Angelegenheit so leicht regeln lassen wird: „Das ist Sache der Politiker! Davon versteh’ ich nichts. Keiner will es sich mit dem anderen verscherzen! Du kennst ja die Spielregeln!“ „Ja, leider!“ seufzt Derrieu. „Ich kenne sie nur allzu gut. Wir tun zu wenig für unsere Jugend. Immer nur schöne Worte, und uns fehlen die Mittel. Dieses Land ist zu klein für mich und meine Ideen geworden, Pierre! Ich werde mit meiner Tochter nach Brüssel gehen! Sie braucht für lange Zeit psychische Behandlung und andere Menschen um sich. Sie braucht Abstand! Im Europaparlament wird meine Stimme vielleicht mehr zählen als hier! Ich werde jedenfalls alles daran setzen, mir Gehör in all den wichtigen Fragen zu verschaffen! Mehr Zukunftsaussichten für die europäische Jugend! Das geht uns alle etwas an!“ „Ich wünsch’ Dir viel Erfolg dabei, Philipp“, entgegnet der Militarist. „Du weißt sicher was Du tust! Und – vergiss nicht: diese Unterredung hat nie stattgefunden!“ „Selbstverständlich nicht! Au revoir, mon ami!“ Die Männer scheiden nach einem letzten festen Händedruck und jeder für sich verschwindet in der Nacht, die heute so dunkel zu sein scheint, wie schon lange nicht mehr zuvor!
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Als sich die Liebenden gegenseitig von ihren üppigen, mit hunderten von Haken und Knöpfen bestückten Kostümen befreit haben, ist ihre Leidenschaft bereits in einem Masse angestiegen, die sie zittrig und so ungestüm macht, dass kein Platz mehr für Überlegungen oder etwaige Gedanken Platz hat. Eng umschlungen liegen sie aneinander geschmiegt auf dem ausladenden Bett der Yacht, blicken einander in die Augen und sind trunken von der Lust, sich dem anderen hinzugeben, ihm ganz zu gehören, zu verglühen in seinen Armen. „Du bist meine Geliebte! Wir werden uns nie wieder trennen“, flüstert er belegt zwischen den Küssen, mit denen er ihr Gesicht und ihren Hals bedeckt. Er vergräbt sein Gesicht in ihrem seidigen Haar, nimmt den Duft von Lavendel und Jasmin wahr und weiß, dass er zuhause angekommen ist. „Nie wieder“ wispert sie atemlos, und ihre zitternden Hände ertasten seine festen Schenkel, streichen über die seidigen Härchen, die sie bedecken, die harten Muskeln seines Rückens, den starken Nacken, der über sie gebeugt ist. Sie stöhnt unbeherrscht auf, als seine Finger ihren Schoss liebkosen, sich langsam vortasten in ihre geheimsten und empfindlichsten Zonen. Er trinkt zufrieden ihre erregten Seufzer von ihren Lippen, bringt sie an den Rand der Ekstase, bis er selbst sich nicht mehr beherrschen kann und sich übermannt von dem Verlangen, eins mit ihr zu werden, vorsichtig über sie schiebt, seinen schweren Oberkörper dabei mit den Armen abstützend, um nicht schwer auf ihrem gesegneten Leib liegen zu kommen. Sie nimmt ihn auf mit einem Seufzer der Überraschung, die dieses überwältigende Lustgefühl in ihr auslöst, als sie ihn ganz in sich spürt und krallt ihre Finger in seine Hüften, die sich langsam, erst kreisend und vorsichtig, dann in stetigem Rhythmus auf ihr zu bewegen beginnen. Seine Zungenspitze liebkost ihre Halsbeuge, ihre Brüste, die sich ihm entgegenrecken und ihre halb geöffneten Lippen. Jede auch noch so süße Erinnerung an ihre gemeinsame erste Nacht scheint nur mehr ein vages Intermezzo zu sein, angesichts der tosenden Leidenschaft, die sie jetzt für ihn empfindet, angesichts der unsäglich süßen Lust, die er zu steigern versteht mit seinem festen Fleisch in dem ihren, seiner heißen Haut auf ihrem brennenden Leib, der Verzückung, die auf seinem geliebten Gesicht steht. Er scheint ihr so vertraut zu sein, und doch bereitet ihr das Zusammensein mit ihm eine so aufregende Verheißung der Einzigartigkeit, dass es sie erschauern lässt. Fast bereut sie, es nicht mehr länger ertragen zu können, trotz der Gewissheit, dass es noch tausende von Momenten dieser Glückseligkeit für sie beide geben würde. Sie lässt sich in die Woge eines befreiendes Höhepunkts gleiten, empor tragen, wieder sinken, in ein sprudelndes Meer von Wollust, begleitet von den lustvollen, erregenden Stößen ihres Geliebtes, der sich ebenfalls in ihren Armen der unerträglichen glühenden Spannung ergibt und atemlos von seinen Gefühlen zu vergehen scheint, während sich raue Seufzer der Befriedigung seiner Kehle entrinnen. In ihrer Seele, ihrem Kopf sind durch das Zusammensein mit ihm Gefühle freigesetzt worden, die sie ihr Leben und ihre Welt in neuen, ungeahnt verlockenden Farben und Bildern sehen lässt. Hatten sie das erste Mal, vor Monaten, vielleicht miteinander nur geschlafen, so hatten sie sich heute geliebt und mit ihrem Liebesakt die Erkenntnis erlangt, dass sie für einander bestimmt waren. Es hatte vielleicht lange, zu lange gedauert, um sich dessen bewusst zu werden, doch schuld daran waren nicht wirklich sie beide. Schuld daran waren die Umstände ihres komplizierten Lebens, des ihren und des seinen, sich diese Frage erst gar nicht zu stellen. Man sagt, die Zeit vollbringe Wunder, und so scheint es auch hier zu sein. Die körperliche Distanz, das Gefühl, dass dem eigenen Leben etwas abhanden gekommen war, etwas, das durch nichts anderes zu ersetzen ist, als eben die neuerliche Begegnung mit dem Geliebten. Und diese erneute Begegnung hatte zu einer ungeahnten Sehnsucht geführt, sich gegenseitig in die Arme zu schließen und die süßes Zärtlichkeit, die sie empfinden zur erregenden Leidenschaft anwachsen zu lassen, die man nicht mehr missen will. Nie mehr! „Ich liebe Dich so sehr“, flüstert sie mit geschlossenen Augen an sein Ohr, ohne Rückbehalt, ohne Zweifel, während ihre Finger durch sein volles, gewelltes Haar streichen. „Du wirst es nie bereuen, mich zu lieben, Amelie“, murmelt er zurück und küsst dabei ihre Augenlider, ihre Ohrläppchen und ihren Mund. „Nie mehr lasse ich Dich gehen, egal was das Leben für uns auch noch bereit hält, das verspreche ich Dir“. Seinen Eid bekräftigt er mit einem sanften, innigen Kuss, der schon bald neue Flammen des Verlangens in ihnen beiden entfacht, sich erneut ihrer jungen, kaum erträglichen Lust hinzugeben, der Sinnlichkeit zu frönen, die jede Faser ihres Körpers und Geistes durchdringt, bis auch die letzten Sterne am Himmel über dem adriatischen Meer verblassen und langsam, aber stetig die Sonne über dem Horizont erwachen lässt. Vorläufiges Ende
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