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„Sie steigen in Canbee aus, Lady?“ will der Kerl wissen. Sie nickt und erspart sich die Antwort darauf. Ihre Augen starren in die Dämmerung dieses eisigen Winterabends, in der das Weiß der Schneedecke, die über den Feldern und ausgedehnten Wäldern liegt, mit den Grautönen der Wolken fast nahtlos zusammenfließt. „Man erwartet Sie?“ Er lässt nicht locker. „Ja, natürlich“, lächelt sie mit einem übertriebenen Augenklimpern. „Mein Mann und meine fünf Söhne werden mich vom Bahnhof abholen! Sonst noch Fragen?“ Der Mann erspart sich jeden Kommentar, scheint aber sein Interesse an ihrer attraktiven Erscheinung ganz plötzlich zu verlieren. Er starrt mit verschränkten Armen aus dem Fenster und kaut an seinem Zahnstocher. Am Liebsten hätte sie ihm den bis in den Hals gestoßen. Wenn das alles war, was an Männern ihres Alters noch zu haben war, dann zog sie ihr Single Dasein wie bisher vor. Allein die Vorstellung, wie sich so ein Pflock grunzend auf sie wälzen könnte, lässt sie erschauern. ‚Ich habe perverse Vorstellungen’, meint sie in ihre Gedanken verstrickt. ‚Gut, dass ich ein bisschen Abwechslung in den nächsten Wochen bekomme!“ Seit ihrer gescheiterten Ehe vor drei Jahren, hatte sie es vermieden, Einladungen von anderen Männern Folge zu leisten. Die Kerle waren es nicht einmal wert, dass man sich aus der bequemen Hauskleidung schälte und sich Zeit für ein gediegenes Make-up nahm. Abende, an denen man als Psychologin, Beichtstuhl oder Spiegel der männlichen Eitelkeit dienen musste, waren ihr ein Gräuel. Und die meisten dachten im Ernst, dass ein Glas Wein, ein italienischer Spaghetti-Teller oder gar ein Hamburger genug seien, um eine Frau für eine Nacht ins Bett zu bekommen. Zum Glück war sie noch nicht an dem Punkt angelangt, wo sie das bitter nötig hatte und als Bedürfnisanstalt fungieren musste. Sie widmete sich nun fast ausschließlich dem Schreiben von Kinderbüchern und lenkte ihre Gedanken in die Richtung einer heilen und fantastischen Wunderwelt, um nicht mit den Konflikten, in die diese Welt sich mit masochistischer Freude zu stürzen schien, allzu sehr konfrontiert zu werden. Nicht Weltverbesserin, nicht Besserwisserin, aber einfach Mensch, der sich an einfachen Dingen wie einem rotgoldenfarbenen Sonnenuntergang, oder den ersten Eiskristallen auf den Ästen der Bäume freuen konnte. ‚Bin ich eine Träumerin’? Fragte sie sich oft genug. Sie musste diese Frage mit einem klaren ‚Ja’ beantworten, sonst hätte sie damals längst bemerkt, dass ihr Mann es mit jedem Rock, an dem er vorbei kam, trieb. Als diese Tatsachen sie in die unschöne Wirklichkeit stießen, hatte sie die Scheidung verlangt. Worauf sollte sie Rücksicht nehmen? Auf seinen guten Ruf etwa? Ihre Ehe war kinderlos geblieben, seinetwegen. Sie hatte ihn versucht davon zu überzeugen, dass sie ein Kind adoptieren sollten, nachdem er nicht zeugungsfähig war. Einen Samenspender hätte er ohnehin nie akzeptiert. „Ich zieh’ doch keinen verdammten Bastard mit meinem schwerverdienten Geld groß“, hatte er empört reagiert, als sie ihm den Vorschlag ein einziges Mal unterbreitete. „Du hast doch alles, was willst Du mehr? Mach Dir ein schönes Leben“, was immer er darunter verstand, vor allem für sie. Ihr Mann, der ein eigenes Architektenbüro besaß, verdiente genug, um ihr eine ausreichende Apanage, zu der er verurteilt wurde, zuzusichern. Sie hatte ihm nichts geschenkt. Es war nur die Entschädigung für zehn lange verlogene Jahre in einer heilen Scheinwelt. Sie bereute fast, sich nie einen Liebhaber genommen zu haben. Selbst als sie sein Doppelleben erkannt hatte, dachte sie nicht daran, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Es gab keinen, niemanden, den sie kannte, für den sich diese Mühe gelohnt hätte. Das ganze Theater und Trallala! Die angemessenen Summen, der Erlös aus ihren Büchern, sicherten ihr so ein geruhsames, ja komfortables und sorgenfreies Leben, in einem angenehmen Vorort von Washington zu. Als wäre es dort nicht kalt genug gewesen! Jetzt war sie auch noch hier, an der Grenze Kanadas unterwegs und fror sich ihr Hinterteil ab. Da halfen weder Pelzstiefel noch wollene Strumpfhosen! Doch ihre Schwester hatte ihr schon solange zugesetzt, dass sie schließlich nachgegeben hatte. Ihr Mann, dieser schmucke Ranger, hatte ihr die entzückendste Tochter geschenkt, die man sich nur vorstellen konnte und sie war vernarrt in die Kleine, die sie nun seit letztem Sommer nicht mehr gesehen hatte. Betsy wurde bald drei! Ein lang gezogener Pfiff der schweren Elektrolok schreckt sie aus ihren Gedanken und sie schwingt ihre Umhängetasche über die Schulter. „Gute Reise, Mister“, gebietet die ihr angeborene Höflichkeit zu sagen, bevor sie das Abteil verlässt. Der Mann murmelt irgendetwas, was wohl ebenfalls als Gruß zu deuten war und sie ist froh, sich endlich durch den langen Gang quälen zu können, weil das das Ende ihrer mehrstündigen Reise bedeutete. Der Zug wird langsamer, kommt ganz zum Stillstand. Der Kontrolleur springt auf den gefrorenen Boden draußen und ruft mit dröhnender Stimme den Namen des Ortes aus: „Canbee! Nächste Station Woodentree, um etwa 20.15 Uhr!“ Danach nimmt er Anne das Gepäckstück ab, sodass sie es schafft, aus dem Zug zu klettern, ohne dabei mit der Nase auf dem spiegelglatten Boden zu landen. Sie sieht ihre Schwester winken, was nicht schwer ist, weil außer ihr, und drei oder vier Leuten niemand auf dem kleinen Bahnhof auf irgendjemanden wartet. War eigentlich noch jemand außer ihr hier ausgestiegen? Es war der Ort, an dem sich die Füchse Gute Nacht sagten, aber sie kam gerne hierher, obwohl sie den Sommer vorzog. Wald, soweit das Auge reichte und ein kleiner, schmucker Ort, der sich an einen kristallklaren See schmiegte. Wahrscheinlich war auch der jetzt unter der dicksten Eisschicht dieser Welt verborgen. Weite Spaziergänge waren also nicht ratsam, wenn man nicht irgendwo jämmerlich erfrieren wollte. Sie würde ihre Zeit hier am warmen Kamin mit ihrer Familie genießen und einfach ausspannen. Sicher kamen ihr dann auch die besten Ideen zu neuen Kindermärchen. Die Kulisse hierfür war ja auch wirklich unvergleichlich! Debby schließt ihre große Schwester in die Arme. „Na endlich!“ lacht sie nach dem Begrüßungskuss! „Ich dachte schon, dieser verdammte Zug käme nie durch bei dem Wetter!“ „Tut mir leid wegen der Verspätung“, meint Anne, doch Debby winkt ab. „Schlimmer wäre wohl gewesen, wenn ihr die Nacht irgendwo aufgehalten worden wärt. Diese Züge sind nicht ausreichend beheizt!“ „Wem sagst Du das“, seufzt Anne und folgt Debby zu dem schweren Jeep, der auf der Landstrasse auf sie wartet. „Ich habe sicher etliche Erfrierungen an Zehen und anderen Extremitäten!“ Debby bedauert sie lachend. „James hat heute Dienst und ist draußen an der Grenze!“ erklärt sie. „Und Betsy schläft wie ein Murmeltier!“ Das wuchtige Holzhaus liegt etwas außerhalb Canbees, direkt am Waldrand. Der dicke Rauch der aus dem Kaminschacht in den nachtdunklen Himmel steigt, verspricht Wärme und Behaglichkeit. Anne wird nicht enttäuscht. Als sie einen Blick auf ihre schlafende Nichte geworfen hat und endlich aufatmend neben dem knisternden Feuer sitzt, wo sie mit kleinen Schlucken eine Tasse heißen, säuerlich-süßen Hagebuttentee zu sich nimmt, ist die Welt wieder in Ordnung für sie. Sie hat ihrer Schwester von dem Widerling im Abteil erzählt und Debby lacht über die heiteren, wie auch empörten Ausführungen der Älteren. „Du hast Dein Leben vor Dir, Anne! Beginne nochmals von vorn, vergiss meinen Ex-Schwager, dieses Arschloch und mach’ Dir eine schöne Zeit!“ Wohlweislich verschweigt Debby ihr die zahllosen Annäherungsversuche, die besagter Schwager sinnlos an sie verschwendet hatte. Er hielt sich einfach für unwiderstehlich! Schon damals tat ihr die Schwester leid, doch den Mut, sie darüber aufzuklären, hatte sie nie gefunden. Und hätte später James davon erfahren, er hätte ihm wahrscheinlich ohne Vorwarnung seine teuren Zahnkronen ausgeschlagen! Trotz ihrer Müdigkeit haben sich Anne und Debby viel zu erzählen. Die kleine Schwester scheint immer noch so glücklich wie am ersten Tag mit ihrem Ranger zu sein und Anne ist froh darüber. James war vielleicht ein einfacher Bursche, aber grundehrlich und verlässlich. Noch dazu sah er verdammt gut aus! Ein Naturbursche durch und durch! Warum war ihr nie jemand begegnet wie er? Sie hatte nie um eine Intelligenzbestie gebeten. Einen Mann mit klarem Verstand und einer Portion Herz, war das etwa ein Ding der Unmöglichkeit? Sicher nicht, denn Debby hatte sich einen solchen ja geangelt, und war auf so banale Art, wie der Tätigkeit in einem Jugendferienlager! Schließlich legt Debby noch ein paar große Holzscheite nach, sie würden bis zum frühen Morgen reichen, das Haus warm zu halten. Gemeinsam schleppen sie Annes Gepäck in die schräge Dachkammer, die sie bei jedem ihrer Besuche bezieht. Sie liebt diesen Ort, er passt irgendwie in ihre Geschichten...
Das Gebell von James Jagdhund weckt Anne am nächsten Morgen unsanft aus den süßen Träumen ihrer heilen Welt. Als sie versucht, nochmals einzuschlafen und sicher geht, dass ihre Bemühungen schier aussichtslos sind, kriecht sie aus den warmen Federn und wickelt sich in den flauschigen Morgenmantel, den ihre Schwester für sie heraus gesucht hat. Debby hat ihr auch wohlweislich die riesigen Hausschuhe in Form von Bärentatzen vor das Bett gestellt und so tapst sie die Holztreppen in den großen Wohnraum hinunter, darauf bedacht, nicht mit diesen Riesendingern unsanft herunter zu kullern. Betsy hat sie jauchzend entdeckt und fliegt in ihre ausgebreiteten Arme. Der Duft von frischem Kaffee weckt sie vollends und sie umarmt ihren Schwager, der sie aufrichtig entzückt begrüßt. Vor dem Ansturm Jacks, des Hundes, kann sie durch einen scharfen Pfiff seines Herren, im letzten Moment noch bewahrt werden. Sie krault seinen Kopf. „Schon gut, Sam, alter Junge! Ich freu’ mich ja auch über das Wiedersehen!“ Das Tier dankt es ihr mit einem energischen Schwanzwedeln.
Später wandern sie gemeinsam zu den Ufern des Sees, der einem riesigen, weiten Feld gleicht. Eine dicke Schneedecke verbirgt das Eis darunter und die sonst so üppig grünenden Sträucher, die ihn umgeben, sind nur dürres Holzgerippe. Trotzdem geht ein gewisser Zauber von diesem Bild der weißen Harmonie des Winters aus. Ein paar fette Raben sitzen im Geäst der Föhren und krächzen sich die Seele aus dem Leib. Betsy sitzt dick in Felldecken verpackt auf ihrem Schlitten, den James hinter sich herzieht. Weiße Atemwölkchen steigen zum verhangenen Himmel empor und der junge Mann erklärt und zeigt seiner Tochter die verschiedenen Tierspuren im Schnee. Rehe, Hasen, Vögel und .... James stutzt: „Ich bin sicher, das ist eine Wolfsspur. Dass sie schon so weit aus den Wäldern herunter kommen, ist äußerst selten“, erklärt er. „Ich will ihn sehen, den Wolf!“ jauchzt Betsy und ihre blaugrauen Augen glänzen vor Aufregung. „Wölfe sind scheue Tiere, Schatz“, grinst James über den Enthusiasmus seiner Tochter, doch gleich darauf verdunkelt sich seine Miene, als er an die Frauen gewandt fortfahrt: „Ich hoffe nicht, dass einer von den Bauern nach seinem Schiesseisen greift und sich ein Wolfsfell vor den Kamin legen will. Wölfe sind zwar hier in der Gegend geschützt, aber die Versuchung ist meist zu groß, sich auf diese Art einen unrühmlichen Namen als Helden zu machen!“ „Kunststück“, pflichtet Anne ihm bei, „als sei es besonders heldenhaft, durchs Zielfernrohr zu gucken und den Abzug zu betätigen!“ James nickt zustimmend und sie wandern weiter. „Wölfe sind keine Bedrohung für Menschen“, lässt er vernehmen, „waren es nie! Geschichtsschreiber Deiner Art haben dazu beigetragen ihnen den Ruf von Menschenfressenden Bestien zu schaffen!“ Es hat witzig klingen soll, doch Anne ist ein wenig erbost. Sie verteidigt sich vehement: „Ich würde sicher nie etwas Schlechtes über Tiere schreiben oder gar erfinden“, sagt sie empört lächelnd. „Das weißt Du verdammt gut, lieber Schwager! Deine Freunde, die Jäger sind es, die an jedem Tier, das es sie gelüstet einfach abzuknallen etwas Verwerfliches finden, das Grund genug liefert, es zu töten. Füchse haben die Tollwut, Eichkätzchen rauben die Vogelnester aus, Marder und Greifvögel gehören ohnehin weg, etc, etc...“ James nickt. „Du hast recht, aber das sind keine Freunde von mir, im Gegenteil, ich versuche sie beim Wildern erwischen, so oft es nur geht! Und ich schenke den Kerlen nichts, auch nicht, wenn ich sie gut aus der Nachbarschaft kenne!“ Anne freut sich, das zu hören. „Es reicht ja wohl“, gibt sie ihm Recht, „wenn sie alles das abknallen, das nicht geschützt ist! Leider!“ „Nun“, erklärt James, „aber eine Auslese muss es auch geben!“ „Puh“, unterbricht ihn Anne ungeduldig und zieht die Schultern unter dem dicken Mantel hoch. „Bitte erspare mir das, lieber James! Hegen und Pflegen und das ganze Zeug! Das sind doch nur Ausreden! Würde man die natürlichen Räuber, Luchse, Pumas, oder eben auch Wölfe in Ruhe lassen, dann wäre die ganz natürliche Auslese unserer Mutter Natur von allein gegeben!“ Darauf weiß auch James nichts zu erwidern. Er weiß aus Erfahrung, dass diese Diskussionen mit Anne kein Ende fanden, weil sie Recht behielt, also grinst er nur und läuft los, sodass die Kleine auf dem Schlitten glucksend lacht vor Vergnügen. Sie bemerkt, wie verliebt Debby ihm nachblickt. „Immer noch so verliebt?“ scherzt die ältere und Debby nickt zufrieden lächelnd. „Und wie! Er ist einfach ein toller Vater und ein toller Mann! Ich habe richtiges Glück gehabt, ihm zu begegnen.“ Anne umfasst die Schultern ihrer jüngeren Schwester und freut sich mit ihr. „Möge Dein Glück für immer anhalten, Debby!“ Debby nickt und sie laufen hinter dem Schlitten her, um ihre kalten Füße zu wärmen.
Die Nacht kommt früh in dieser Gegend des tiefen Nordens. Bereits nachmittags, als sie noch bei Kaffee und Debbys hausgemachten Apfelkuchen sitzen, kommt man ohne Lampen nicht mehr aus. Ihr warmer Schein taucht den Wohnraum mit seinen Holzwänden in sanftes, gelbes Licht. Weihnachten steht vor der Tür, aber Anne hat beschlossen, noch vor dem Fest zurück zu fahren. Sie will diese kleine, glückliche Familie ihrem alleinigen Glück überlassen und käme sich nur wie ein Eindringling vor. Außerdem führte ihr das Fest der Liebe und der Familie jedes Jahr ihr eigenes gescheitertes Familienglück nur allzu deutlich vor Augen! Was war Weihnachten ohne eigene Kinder? Obwohl sie die Adventzeit mit ihren Traditionen sehr liebte, versuchte sie den eigentlichen Weihnachtstag nur als einen normalen Wintertag anzusehen. Es stand ihr nicht zu, daran teilzuhaben. Sie hatte nichts, was es zu feiern gab. Die Feierlichkeit dieser Tage verbannte sie am besten in ihre Geschichten und die dazugehörigen Illustrationen, die sie auch selbst gestaltete. Es war nicht ihre Welt, sie war nur ein Außenstehender, ein Zuschauer, der weder Bitterkeit noch Traurigkeit empfand, wenn es für andere Leute Grund gab zu feiern. Sicher rechnete Debby damit, dass sie die Zeit über Weihnachten noch bleiben würde, aber sie wollte jetzt noch nicht darüber sprechen, dass sie andere Pläne hatte, denn sie und James würden alles daran setzen, um sie umzustimmen. Sie fühlten sich dazu verpflichtet und Anne empfindet das als unbehaglich. „Ich habe morgen früh einen zeitigen Arzttermin“, klärt Debby sie auf. „Machst Du Betsy ihr Frühstück, wenn sie aufwacht? James kommt dann auch erst gegen zehn nach Hause!“ Anne nickt und sieht ihrem Schwager dabei zu, wie er seine Thermosflasche in den Rucksack packt und Sam bereits ungeduldig hin und her trippelt. „Er hat diese ganze Woche Nachtdienst“, erklärt Debby und seufzt. „Du hättest ihn wohl lieber in deinem Bett?“ flüstert Anne und Debby kichert. „Und ob!“ James wirft den Frauen einen Blick zu. „Welche Geheimnisse habt ihr beiden denn zu besprechen?“ scherzt er. „Wir sprechen nur über die Dinge des Lebens“, erklärt Anne gelassen. „Hab schon verstanden“, grinst James und streift seine Frau mit einem liebevollen Blick. Er küsst sie zum Abschied und weist Sam auf seinen Platz zurück. „Nein mein Junge! Der Tierarzt wird Dir morgen früh Deine fälligen Impfungen verpassen. Außerdem gefällt mir das Rasseln in Deinen Lungenflügeln nicht! Vielleicht kommst du morgen wieder mit!“ Er geht und der Hund jault leise vor Enttäuschung und bettet den Kopf mit den traurigen Augen auf seine Pfoten. „Den habe ich ja komplett vergessen“, erinnert sich Debby und schneidet ein weiteres Stück Kuchen für sich und Anne ab. „Aber sicher kommt er ohnehin erst gegen Mittag, wenn er mit seinen Patienten in Stadtnähe fertig ist! Da bin ich längst zurück!“ Betsy bettelt um eine Geschichte und Anne hebt sie auf ihren Schoss. Eine Wolfsgeschichte! Natürlich! Anne konzentriert sich und beginnt mit einer neuen Erzählung. Ein kleines Wolfsjunge, das sich verlaufen hat.... Betsy ist fasziniert, doch schläft irgendwann während dieser langen Geschichte ein. Anne erzählt und erzählt, bemerkt es kaum. Sie würde diese Geschichte zu Papier bringen. Vielleicht noch heute Abend.
Schlafprobleme hatte sie noch nie gehabt, auch wenn sie keine Langschläferin war. Das wütende Gebell Sams weckt sie anderntags. Es ist noch dunkel. Sie tastet zum Knopf der Nachttischlampe, blinzelt und schlüpft in die Bärentatzen. Der Hund würde das Kind wecken! Sicher schlief Betsy noch. Sie beeilt sich, so rasch es ihre Superbatschen zulassen, hinunter zu eilen und kann erst jetzt das energische Klopfen an der Tür hören. Kein Wunder, dass der Hund sich so aufregt. „Moment“ ruft sie verhalten und hält den Schlafrock vor ihrer Brust fest. Wo war nur der verflixte Bindegürtel hin verschwunden? Nachdem sich nichts anderes im Hause muckt als dieser verflixte Hund, dürfte auch Debby schon weg sein. Sie blinzelt zur Wanduhr – schon fast 7.30 Uhr? Besser gesagt, erst 7.30 h! War dieser Besucher nicht ganz bei Trost? Kam die Post hier etwa nachts? Sie öffnet die innere Tür und fragt ungehalten: „Wer ist denn da?“ „Machen Sie schon auf, Debby! Ich friere mir weiß Gott was hier draußen ab!“ Die dunkle Männerstimme ist ihr unbekannt. Anne ist nicht ängstlich nur vorsichtig. „Debby ist nicht zu hause, Sir“, erwidert sie fest. „Kommen Sie bitte später vorbei!“ „Wer immer Sie auch sind, Mam! Lassen sie mich bitte rein! Ich bin Dr. McDonney! Ryan McDonney, der Tierarzt! Anscheinend hat man meinen Besuch für heute vergessen!“ Der Tierarzt, ach Gott, ja! Sollte der nicht erst gegen Mittag kommen? „Praktizieren Sie auch nachts?“ will Anne wissen, doch sie drückt die schwere Eichentür nach draußen auf. Ein eisiger Lufthauch lässt sie unwillkürlich frösteln, und der Mann, der ich vor ihr aufgepflanzt hat, gibt ihr Recht: „Ja, manchmal, Lady! Heute Nacht musste ich beim Kalben dabei sein, etwa 20 km weit von hier. War ‚ne schwere Geburt. Komme eben zurück, da dachte ich, ‚schaust gleich einmal bei den Rangers vorbei’, danach kann ich mich ein paar Stunden aufs Ohr hauen, bevor es in der Ordination losgeht!“ Ein Pflock von einem Mann hat sich an ihr vorbei in den Raum geschoben und schließt die Tür behutsam hinter sich. Anne muss sich erst an die rustikale Ausdrucksweise der Landbewohner gewöhnen, und bleibt vorerst stumm. Als er ins Licht tritt, kann sie ihn näher betrachten, ebenso, wie er sie. Was er vor sich sieht, scheint ihn zu belustigen, denn er grinst sie unverschämt an. Sie versucht, den halb gelösten Zopf zu ordnen und findet es lächerlich kindisch, die Genierte zu mimen. Betsy kommt verschlafen aus ihrem Zimmer, im Arm einen Teddy, den Daumen im Mund. Der Besucher wendet sich an sie: „Habt ihr etwa den rosaroten Panther zu Besuch, Betsy-Kind?“ Sein viel sagender Blick wandert über Annes flauschigen, vorne halb offen stehenden Morgenmantel zu ihren Tatzenfüßen und sein Grinsen deutet auf einen knapp bevorstehenden Lachanfall hin. Anne hätte am Liebsten kehrt gemacht und wäre geflohen. Aber das konnte sie Betsy nicht antun! „Hallo, Onkel Ryan!“ wispert die Kleine mit verschlafener Stimme und flüchtet sich an Annes Seite, um sich in den Falten des rosa Flausches zu verstecken. „Kommst Du wegen Sam?“ erklingt ihre Stimme aus dem Faltenwurf des Morgenmantels. „Natürlich, mein Schatz! Aber es scheint, Deine Mommy hat das ganz vergessen! Tut mir leid, Madame, wenn ich Sie geweckt habe!“ wendet er sich Anne zu, die an ihrem Morgenrock nestelt. „Aber Sie lagen einfach auf meinem Rückweg und ich bin so was von kaputt! Wollte nicht später noch einmal raus fahren, verstehen Sie?“ Anne versucht ihre Stimme wieder zu erlangen, sie hatte noch nie zuvor, in ihrem zweiunddreißig Jahre alten Leben in so lebendige blitzende Augen mit dieser undefinierbaren Mischung aus Grün-Blau-Grau gesehen. Nichts Geistreiches will ihr einfallen, sie winkt ab und gibt sich geschlagen. Der Mann reibt seine Hände aneinander und haucht auf die geballten Fäuste, um sie zu erwärmen. Anscheinend wartet er darauf, dass Anne sich ihm vorstellt, aber die ist gefangen zwischen ihrer Ungehaltenheit, dass sie dem Doktor Anlass zu einem Heiterkeitsausbruch gab und andererseits, weil ihr Outfit nicht wirklich das war, das sie sich angesichts dieses attraktiven, wenn auch ungehobelten Kerls gewünscht hatte. Betsy übernimmt die Präsentation: „Das ist meine Tante Anne! Sie besucht uns gerade!“ Er nickt wohlwollend lächelnd: „Sehr erfreut, Mam! Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns hier draußen! Hätten Sie vielleicht eine Tasse mit irgendeiner heißen Flüssigkeit, was auch immer, für mich? Mit diesen steif gefrorenen Fingern, kann ich Sam nicht einmal das Stethoskop ansetzen, befürchte ich!“ „Ich sehe nach“, murmelt Anne und verschwindet in Richtung Küche. Da sie genau fühlen kann, wie der Mann ihr nachsieht, verhaspelt sie sich beim Versuch, so graziös wie möglich mit den Riesendingern an ihren Füssen zu gehen und wäre so beinahe auf Betsy gefallen. Sie kann richtig spüren, wie der Mann versucht, nicht glucksend hinter ihr los zu prusten. Debby hatte die Wärmeplatte mit der Kaffeekanne darauf extra für sie eingeschaltet lassen, und Anne füllt zwei Tassen mit frischem, dampfendem Kaffee. „Zucker?“, ruft sie laut und fragend. Doch der Doktor war ihr in die Küche nachgefolgt und steht nun direkt hinter ihr. Als sie sich umdreht, wäre sie beinahe mit ihm zusammengeprallt. Er hält sie gerade noch fest, bevor sie ihm seine Tasse auf die pelzgefütterte Lammlederjacke gießen kann. „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie erschreckt haben sollte! Aber ich dachte, am besten ich trinke den Kaffee gleich in der Küche. Dann halte ich Sie auch nicht länger auf, sehe mir den alten Jungen an und verschwinde wieder. Sie können dann in ihr warmes Bettchen zurück kriechen und ich werde das ebenfalls tun!“ Warum kribbelte es in ihrem Bauch, während er das sagte? Wie meinte er das? Er sah alles andere als harmlos aus, aber auch nicht frech oder anmaßend. Er war eine gefährliche, eine brisante Erscheinung, und sie versucht, ihre Nervosität, die sie ihrem Aufzug als rosaroter Panther zuschiebt, zu beherrschen. Sie hasste Überraschungen dieser Art. Sie stellt Tassen und Zuckerdose auf den Tisch und gießt warme Milch in die vorbereitete Müslischale der kleinen Betsy, die auf ihren Stuhl geklettert war. „Tut mir leid, wenn es so lange gedauert hat“, murmelt Anne und spürt, wie ihre gewohnte Sicherheit zögernd wieder zurückkehrt, vor allem nach den ersten belebenden Schlucken aus ihrer Kaffeetasse. „Wir hatten nicht mit ihrem ‚nächtlichen’ Besuch gerechnet!“ Sie betont das Wort ‚nächtlich’ besonders und erntet ein kleines Lächeln dafür. Nun kann sie auch sehen, dass der kräftige Mann, der sich ebenfalls auf einen Stuhl gewuchtet hatte, kleine, müde Fältchen um die Augen und seinen bemerkenswert schön geschwungenen Mund, der in eines Mannes Gesucht, wie dem seinen, fast klein wirkt, Spuren seiner durchwachten Nacht, zur Schau trägt. „Sie sind sicher hundemüde“, bemerkt Anne und denkt, dass diese sinnlichen Lippen diesem männlichen Gesicht mit der geraden, starken Nase und den vollen Brauen einen fast verletzlichen, wenn nicht unschuldigen Ausdruck verleihen. Er beobachtet sie dabei, wie sie ihn so genau betrachtet. Als ihr das klar wird, widmet sie sich hastig Betsy, die nach mehr Milch verlangt. „Sie haben es erfasst, Lady Anne!“ Es klingt, als wolle er sie aufziehen. „Lassen Sie das Lady ruhig weg“, mahnt sie ihn. „Ich bin keine Stadtzicke, wenn Sie das vielleicht befürchten“. „Das habe ich nicht angenommen. Sie wirken eher...“ er suchte nach dem richtigen Ausdruck „...eben wie eine gute Fee aus dem Märchenbuch!“ Wieder dieses verschmitzte Grinsen und dazu legt er noch den Kopf schief, während er aufsteht. „Sie schreibt ja auch Märchen“, ruft Betsy mit vollem Mund dazwischen. Sie hatte das letzte Wort des Doktors nur zu gut mitbekommen. Er zieht erstaunt die Brauen hoch und bemerkt anerkennend: „Dann ist mir alles klar, Betsy! Du hast vielleicht ein Glück! Eine so niedliche Tante und den Kopf voller Märchen!“ Sie fühlt sich wie ein Teenager. Sprachlos, überrumpelt und dennoch genießt sie jedes Wort, jeden Blick dieses Unbekannten. „Und jetzt sehe ich mir Sam einmal genauer an. James meinte, er würde schwer atmen.“ Er steht auf. „Also dann komm mal her, mein Alter!“ Zurück im Wohnzimmer, öffnet er seine Tasche, entnimmt ihm ein Stethoskop und beginnt damit, den Hund aufmerksam abzuhorchen. Hmm“, brummt er, „da ist tatsächlich etwas. Schwach nur, aber das muss man behandeln, bevor es schlimmer wird. In seinem Alter kann die kleinste Erkältung lebensgefährlich werden.“ Er verabreicht dem Tier noch die Schutzimpfungen, trägt sie auf einer Karte ein, die er Anne überreicht und untersucht anschließend Augen, Ohren und das Maul Sams. Er scheint ganz zufrieden mit den Ergebnissen seiner Untersuchungen zu sein. „Ist nicht weiter schlimm“, konstatiert er. „Aber sagen Sie James, er soll ihn ein paar Tage nicht zu lange draußen lassen, und täglich in den Futternapf zwei dieser Tabletten mischen.“ Sie nimmt das Röhrchen entgegen, betrachtet eine Sekunde zu lange die großen Hände, die denen eines Arztes kaum gleichen und nickt brav zu seinen Worten. „Dann werde ich mich in meine Falle hauen“, meint er aufatmend, als er sich aus der Hockestellung, die er während seiner Tätigkeit bezogen hatte, erhebt. Die ohnehin schon von Natur aus breiten Schultern wirken doppelt so wuchtig in der dicken Pelzjacke. Ein Schrank von einem Mann. „Ich hab’s dringend nötig!“ „Tun Sie das, Doktor!“ pflichtet Anne ihm bei und er steigt unabsichtlich auf ihre riesigen Bärentatzen, sodass sie fast umfällt, als sie einen Schritt nach rückwärts machen will. Er fängt sie gerade noch rechtzeitig auf und sie sehen einander an, bevor sie beide los kichern und er sie leider wieder los lässt, mit dem Rat, sie solle sich mit ihren großen Füssen vorsehen, sie brächte sich selbst und andere in Lebensgefahr mit den Hatschen! Sie kann ihr nervöses Kichern kaum stoppen und schlägt die Hand vor den Mund. Verdammt! Wann hatte sie das letzte Mal so gelacht? Er dreht sich an der Tür noch einmal um und fragt mit einiger Hoffnung in dieser sonoren Stimme, die leicht vibriert, zumindest in ihren Ohren: „Sie kommen doch auch zum Weihnachtsfest ins Pfarramt, nehme ich an?“ Sie schüttelt unsicher den Kopf. „Keine Ahnung, was meine Familie vor hat!“ „Der ganze Ort und die Leute aus der Umgebung kommen jedes Jahr! Es ist sozusagen ungeschriebene Bürgerpflicht dabei zu sein! Also, wir sehen uns!“ Er zwinkert ihr zu und streicht erst Betsy und dann Sam jeweils übers Haupt, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fällt.
Als Debby heimkommt, findet sie ihre Schwester mit angezogenen Knien in einem der bequemen Lehnstühle sitzen. Sie skizziert junge Wölfe. Betsy sitzt daneben und macht es ihr nach. „Dein Viehdoktor war bereits hier“, erklärt Anne und blickt von ihrer Zeichnung nur kurz auf. „Oh“! „Ja, oh! Hat mich praktisch mitten in der Nacht aus den Federn geklopft! Praktisch überrumpelt. Aber es ist nicht so schlimm wegen Sam. Er hat Pillen bekommen und soll ein paar Tage im Warmen bleiben, meint er!“ „Und er hat Tante Anne einen rosa Panther genannt!“ erzählt Betsy und kichert belustigt vor sich hin. „Na toll! Stimmt das?“ Debby grinst eigentümlich schelmisch. „Dank Deines neckischen Morgenmantels und der überaus zierlichen Hausschuhe, muss es ja wohl stimmen!“ Doch sie grinst zurück und sieht das ansprechende Gesicht McDonneys deutlich vor sich. „Toller Hecht, was?“ Debby lässt nicht locker. „Nicht übel“, gibt Anne zu. „Ob er ein toller Hecht ist, kann ich nicht beurteilen! Aber er brachte mich zum Lachen, das ist eine selten gewordene Gabe bei einem Mann!“ „Na, den Rest kannst Du ja noch herausfinden, Liebes! Er ist der begehrteste Junggeselle weit und breit!“ Sie lässt sich aufs Sofa fallen und schließt Betsy in die Arme, die zu ihr hin geeilt war. „Betsy bekommt ein Geschwisterchen! Es ist sicher! Habe es heute morgen erfahren“. Die Stimme der jungen Frau überschlägt sich ein bisschen vor Aufregung und Fröhlichkeit und Anne fällt fast aus ihrem Stuhl. „Ihr habt es aber eilig“, entfährt es ihr und dann steckt sie die Freude ihrer Schwester über die Aussicht, Familienzuwachs zu bekommen, an. „Also eins ist sicher“, meint sie gezwungen ernst und zu Debbys allergrößtem Vergnügen: „Dein James scheint zweifellos wirklich ein toller Hecht zu sein!“ Debby kann es nur bejahen und nach einem Blick auf eine der Skizzen ihrer Schwester meint sie kritisch: „Der hier hat aber außer diesen spitzen Ohren und dem dichten Fell um den Kopf kein wirkliches Wolfsgesicht! Ich würde eher sagen, dieses Vieh sieht Ryan McDonney verdammt ähnlich. Unser Doktor, der Wolfsmann! Er hat Dir wohl mächtig imponiert, was?“ Debby kichert amüsiert und Anne kritzelt ertappt darüber. „Hältst Du ihn denn für ein Schaf im Wolfspelz?“ fragt sie dennoch interessiert. Debby versucht wieder ernst zu werden, bevor sie erwidert: „Keine Ahnung. Die Frauen sind hinter ihm her, das kann man nicht leugnen. Aber eine feste Beziehung hat er, soviel ich weiß, nicht. Geredet wird ja viel. Man sagt, dass er nie verheiratet war und sich eine Zeitlang mit einem Forscherteam irgendwo in Afrika herumgetrieben hat. Das allein macht ihn doch schon interessant! Irgendwann hatte er wohl die Nase voll von der vielen Sonne und hat sich hier niedergelassen, als sein Vorgänger in Pension ging. Wie lange und ob er bleibt, kann man bei einem Typen seiner Art nicht wirklich voraus sagen! Das wird sich zeigen. Aber wir sind froh, ihn hier zu haben.“
Die Tage vergehen und Weihnachten rückt näher. Eine gute Woche davor, sollte dieses Fest in der Pfarre des kleinen Ortes stattfinden. Tatsächlich hatte Debby geplant, sie dorthin zu schleppen. „Du weißt, wie wenig mir diese Art von Feierlichkeit liegt, Schwesterherz“, schmollt sie ein wenig. Einerseits hätte sie McDonney gerne noch einmal vor ihrer Abreise gesehen, vielleicht diesmal sogar vernünftig mit ihm geplaudert, andererseits mochte sie wirklich keine Festivitäten inmitten eines Haufens unbekannter Menschen. Allein die Vorstellung, wie Debby sie als ihre ältere Schwester herumreichen würde, jagte ihr jetzt schon eine Gänsehaut über den Rücken. „Die Leute von Canbee kennen Dich kaum“, bestätigt dieses kleine Biest ihre Befürchtungen. „Unser Herr Pfarrer vor allem! Ich habe ihm viel von Dir erzählt, von Dir und Deiner Karriere!“ Sie fährt auf. „Was gibt es schon über mich zu erzählen, und welche Karriere? Ich habe doch keine! Ich hoffe, Du verbreitest da nicht irgendwelche Märchen!“ „Dafür bist allein Du zuständig!“ neckt Debby sie. „Du bist die Märchentante in der Familie! Warum willst Du das denn leugnen? Sei doch stolz darauf! Immerhin gibt es eine Menge Bücher von Dir.“ „Ich will nicht in die Öffentlichkeit! Du weißt doch genau, Debby, dass ich meine Ruhe suche! Tue mir das nicht an!“ „Du bist viel zu bescheiden, Anne. Dafür haben Dich auch alle bisher ausgenutzt! Wird Zeit, dass Du aufwachst, Dornröschen!“ Sie zupft spielerisch an Annes braunen Locken, die sie jedoch meist zu einem Zopf geflochten oder einem Pferdeschwanz gebunden trägt. „Und“, fügt sie noch dazu. „Du putzt Dich ein bisschen heraus, klar? Das Haar offen und Rock statt Hose! Ist das bei Dir angekommen?“ Anne seufzt und lässt Debby die Freude, Pläne für den bevorstehenden Samstag zu schmieden. Am Tag darauf würde sie ihr sagen, dass sie noch vor Weihnachten nach Hause fahren wollte, in ihr trautes Heim. Kalte Räume, eisiges Bett, stumme Pracht, denkt sie ein bisschen belustigt, aber doch mit der ganz natürlichen Bitterkeit eines solchen Gedankenganges. Wurde sie mit der Zeit zur Masochistin, sich zu derartigen Entscheidungen zu zwingen, oder gar zur Einsiedlerin und verschrobenen Einzelgängerin? Alleine alt zu werden war sicher keine schöne Aussicht, aber besser noch, als die Launen und meist inakzeptablen männlichen Angewohnheiten eines Kerls ertragen zu müssen. Sich selbst allein zu ertragen war bereits eine Kunst, die gelernt sein wollte.
Als sich Debby bemüht, ihre Kleine besonders hübsch aussehen zu lassen, was keine Kunst bei einem so entzückenden Kind wie Betsy ist, steht Anne unentschlossen vor den wenigen Kleidungsstücken, die sie mitgebracht hatte, und die nun auf ihrem Bett ausgebreitet vor ihr lagen. In Frage kommen nur dieses dunkelblaue Naturseidekleid aus Indien oder der schwarze Hosenanzug, einfach aber wirkungsvoll. Vielleicht ein bisschen zu städtisch für hier. Sie entscheidet sich für das fraulichere, das Kleid. Sie liebt diese verspielte Krishna-Mode und wäre viel öfter in langen, geschnürten Röcken und Kleidern, bestickten Kaftans und Wickelblusen aus reiner bunten Seide umher gelaufen, hätte sie nicht den Spott ihrer konservativen Nachbarschaft gefürchtet. Verdammt, so war sie eben und konnte aus ihrer Haut nicht heraus! Es allen Recht machen zu wollen ist wohl der anstrengendste Job, den es gab! Und man vergisst sich dabei selbst, lebt an sich vorbei und kommt nie auf seine Rechnung, selbst wenn es sich um solche Banalitäten wie Mode handelte. Wie kam sie nur auf diese Gedanken, während sie die Verschnürungen des Oberteils ihres Kleides löst, um besser hineinschlüpfen zu können. Sie hofft, dass dieses Kleid nicht zu auffällig für diese Gegend war. Aber schließlich war es ein Folklore-Kleid, wenn auch aus einem anderen Land, einer anderen Kultur. Sie probiert es an und betrachtet sich im Spiegel des Kleiderschranks. Passte doch! War gar nicht einmal so schlecht, und ihre schwarzen Lederstiefel passten auch dazu. Sie hatte das Kleid eines Tages in London erstanden, als sie darauf bestanden hatte, ihren Mann dorthin zu begleiten, anlässlich einer „Geschäftsreise“. Er war nicht besonders von dieser Idee angetan gewesen und sie streunte dann allein in der britischen Hauptstadt umher und kaufte eine Menge unnötiges Zeug zusammen, einfach, weil es ihr ins Auge fiel oder irgendwelche märchenhaften Phantasien in ihr wach werden ließ. Warum sie es eingepackt hatte, als sie hierher fuhr, ist ihr nicht einmal klar. Vielleicht einzig und allein deshalb, weil sie es zuvor noch nie getragen hatte und auf eine Gelegenheit dafür hoffte, wenn auch unbewusst. Nun, da war sie, diese Gelegenheit! Wie bestellt! Also nichts wie hin zu diesem Pfarrfest. Sie würde in indischer Tracht katholische Weihnachtslieder trällern und die kritischen Augen der Dorfbewohnerinnen mit Standhaftigkeit ertragen! Wenn Debby sie schon als Künstlerin ausgegeben hatte, dann sollte sie den Klischeevorstellungen, die man von diesen Spezis hatte, auch gerecht werden! Fast empfindet sie so etwas wie Vorfreude oder Abenteuerlust! Apropos Abenteuer! Würde der Viehdoktor vielleicht fünf Minuten erübrigen können, um ihr von seinem Afrikaaufenthalt zu berichten? Sie löst ihr Gummiband aus dem Haar und schüttelt den Kopf. Konnte sie denn so unter zivilisierte Leute gehen? Sie sah aus wie eine kampflustige Kurtisane aus irgendeinem Harem von Rajasthan... Na wenn schon! Sie würde sich noch ein Gläschen von dem alten Bourbon James’ genehmigen und dann: auf in den Kampf! Sie trällert die Ouvertüre von Georges Bizets Carmen vor sich hin, als sie die Treppe leichtfüßig hinunter springt und Betsy sieht ihr, herausgeputzt wie ein kleiner goldener Weihnachtsengel, mit offenem Mund entgegen. „Mama“, ruft das Kind entgeistert und Debbie, die eben dabei war, Sam sein Futter zu verabreichen, sieht ebenso verdutzt wie ihre Tochter drein. „Was ist los?“ grinst Anne. „Habt ihr vergessen, wie ich aussehe?“ „Du siehst phan-ta-stisch aus! Warum versteckst Du Dich nur immer in Deinen konservativen Klamotten, Liebes! Da muss ich ja direkt um James Treue fürchten!“ James, der eben zur Tür herein spaziert, zollt ihr ein paar bewundernde Blicke. „Bist Du es wirklich, Schwägerin meines Herzens?“ scherzt er, aber man sieht ihm an, wie beeindruckt er durch ihr Erscheinen ist. „Schwachkopf“, ist die liebenswerte Antwort, aber sie fühlt sich durch die Komplimente ihrer Familie in ihrem Auftreten bestätigt und überlegt bereits, ob sie nicht in nächster Zeit ihre gesamte Garderobe umkrempeln sollte... „Beeilt Euch, Mädels“, drängt James! „Sieht aus, als würde es zu schneien beginnen! Wir wollen doch nicht festsitzen und jämmerlich im Wagen erfrieren, oder?“ Obwohl die Strasse nach Canbee nicht recht gut befahrbar ist, scheint James sich doch zu sorgen. Es war erst später Nachmittag, schließlich war dies ein Fest für groß und klein. Es würde auch nicht allzu spät enden, selbst, wenn es morgen Sonntag war. Dichte Flocken fallen vom Himmel und ohne Scheibenwischer wäre die Fahrt nicht möglich gewesen. Langsam tastet sich der schwere Patrouille-Wagen vorwärts, bis endlich die ersten Lichter der Stadt in Sicht kommen. Der Ort ist festlich geschmückt, und bunte Lämpchen sind über die Hauptstrasse gespannt, leuchtende, blinkende Weihnachtsmänner strecken ihre dicken Bäuche von den Reklamen der kleinen Läden. Am hübschesten anzusehen ist die schmucke Pfarrkirche mit der dicken Schneedecke auf Dach und Turm. Anne wird ganz sonderbar zumute, irgendwie feierlich. Diese Atmosphäre war nicht jene, die sie kannte. Nicht die der Grosstädte, die zum Kauf lockte, zum Konsum verführte und wo es hauptsächlich nur um Geld ging, teure Geschenke und guten Gewinn für die Geschäftsleute allesamt. Der Anblick dieser feierlichen Gemeinde mit dem tief verschneiten Wald im Hintergrund scheint direkt einem ihrer Kinderbücher entsprungen zu sein! Sie spürt wie eine Art Glücksgefühl ihr Sein durchzieht, eine tiefe Zufriedenheit, die anscheinend keinen genauen Ursprung kannte. Rund um die Kirche stehen dicht gedrängt die geparkten Autos der Leute aus der Nachbarschaft. Diejenigen, die direkt im Ort selbst wohnen, sind zu Fuß unterwegs. Hinter der Kirche ist das Pfarrheim angebaut. Ebenso aus Stein wie die Kirche selbst, wenn auch klar erkennbar ist, dass der Anbau erst viel später durchgeführt wurde. Als auch ihr Wagen einen freien Platz gefunden hatte, beeilen sie sich, ins Innere des Gebäudes zu gelangen, dessen schwere Flügeltüren ebenfalls mit kleinen blinkenden Elektrosternen und gebundenen Tannenkränzen geschmückt sind. Der Schneefall scheint wirklich nicht so bald sein Ende finden zu wollen, und Anne schüttelt ihr Haar, sobald sie sich im Foyer der Pfarre befinden, um die kleinen Kristalle abzuschütteln. Weihnachtsmusik dringt aus dem großen Saal. Als sie eintreten, blicken die Gesichter der hier Ansässigen ihnen wohlwollend entgegen. Dann beginnt Annes Spießrutenlauf. Sie schüttelt unzählige Hände, lässt es über sich ergehen, dass Debby ihre Vorzüge und Talente rühmt und findet sich damit ab, dass man ihr neugieriges, wenn auch nicht unangenehmes Interesse entgegen bringt. „Das also ist die große Schwester aus Washington“, bemerkt der kleine, dickliche Gemeindepfarrer und schüttelt ausgiebig Annes Hand. „Es freut mich, sie unter unseren ‚Schäflein’ begrüßen zu dürfen, junge Frau! Ich hoffe, Sie amüsieren sich in unserer kleinen, aber liebenswerten Gemeinde und genießen diese Weihnachtsfest im Kreis der Ihren!“ Er blickt auf Betsy nieder und tut erstaunt: “Da ist ja das Christkind selbst vom Himmel gefallen, oder sehe ich nicht recht?“ Anne ist somit entlassen und flüchtet zur Punschbar. Trotz aufmerksamen, wenn auch verstohlenem Rundblick, hat sie McDonney nirgends entdecken können. Sie kann eine gewisse Enttäuschung nicht leugnen und versucht, sich diese nicht anmerken zu lassen! ‚He, Du bist bald dreiunddreißig, also halte dich ein bisschen mit deinen hungrigen Gefühlen, welcher Art auch immer, zurück und benimm’ Dich Deinem Alter entsprechend’, denkt sie und leert den dritten Eierpunsch. Nun fühlt sie sich besser. Wahrscheinlich hatte der Doktor Besseres zu tun, als sich mit den Landweibern aus dieser Gegend über die Niederkunft von Kühen oder die Flohbekämpfung von Hühnern zu unterhalten. Sie grinst ein bisschen und diese so gar unüblichen ätzenden Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, befreien sie auf gewisse Weise, wie zuvor schon die Wahl ihrer Kleidung. ‚Was tu ich hier’? Denkt sie weiter. ‚Wo bin ich?’ Ihre Augen schweifen über die lachenden, sich miteinander unterhaltenden Leute. Kinder tollen um, und unter den mit Leckerbissen beladenen Tischen herum. Anscheinend hat jeder hier mitgewirkt, um das Fest zu einem bleibenden Erlebnis zu gestalten. Im Geist sieht sie backende, kochende, verschwitzte Hausfrauen. Das war nicht ihre Welt! Einmal mehr! Sie kommt sich plötzlich wie ein Eindringling vor. Die harmonische Musik im Hintergrund wird zu einem blechernen, dummen Geleier. Sie spürt, wie ihr schlecht wird. ‚Ich muss hier raus’, denkt sie in Panik und ihre Augen suchen nach ihrer Familie. James hat seinen Arm um seine junge Frau gelegt und streicht über ihren noch flachen Bauch. Sie sind in ein angeregtes Gespräch mit einem älteren Ehepaar verstrickt. ‚Aha’, denkt Anne und versucht, ihre Übelkeit zu unterdrücken. ‚Jetzt wird die frohe Botschaft in der ganzen Gegend bekannt gegeben!’ Sie kann nicht warten, dass ihre Familie auf sie aufmerksam wird und stürmt aus dem Saal. Irgendwo muss es doch hier eine Toilette geben! Sie drückt ungeduldig mehrere Türen auf, findet sich in einer Bibliothek, einem Gebetsraum und einem Besprechungszimmer wieder. Schließlich läuft sie ins Freie, lehnt ihren Rücken an die Hauswand aus Stein, und die eisige Kälte kühlt ihre innere Hitze ab, schafft etwas Klarheit in ihrem Kopf und sie stellt dankbar fest, dass die Übelkeit abflaut. Sie atmet tief durch, schließt die Augen und verwünscht den Eierpunsch, der sich so leicht trinken ließ, um sie danach in die größten Bedrängnisse zu stürzen. Welche von den Frauen das wohl zusammengepanscht hatte? „Ist Ihnen nicht gut?“ Ihr Herz tut einen Riesensatz beim Klang dieser Stimme und sie beeilt sich, ihre Augen aufzuschlagen. |
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Er scheint sie erst jetzt zu erkennen, zögert und grinst dann schief: „Sie sind es wirklich! Die Märchentante in Person! Ich hätte sie nicht erkannt, hätten Sie mich nicht erneut so strafend angesehen! Haben Sie ihr rosa Outfit zu Hause gelassen?“ Als er ihre fahle Gesichtsfarbe erkennen kann, wird er ernster. „Kann ich Ihnen helfen, fehlt Ihnen etwas?“ Seine Belustigung wandelt sich in Besorgnis. Sie schüttelt den Kopf und zittert. Kälte? Aufregung? Ärger? Wahrscheinlich von alledem ein wenig. „Bitte nennen Sie mich nicht so“, stammelt sie und kämpft erneut gegen eine kleine Welle von Übelkeit an, die zum Glück rasch vergeht. „Ich heiße Anne“, haucht sie erleichtert. Er nickt. „Ich weiß! Anne! Trotzdem scheinen Sie Probleme zu haben! Wollen Sie sich nicht hinsetzen? Sie werden sich den Tod holen, so ohne Mantel hier draußen! Kommen Sie!“ Er hat sich seiner warmen gefütterten Jacke entledigt und legt sie ihr um die Schultern. Seine wohltuende Körperwärme, die sich in dem Innenpelz gestaut hatte, hüllt sie wohltuend ein und sie kann ein erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken. Er scheint nicht viel von festlicher Garderobe zu halten und trägt ein dickes, blau kariertes Flanellhemd, das am Hals offen steht. Darunter ein weißes T-Shirt. Ein kräftiger Hals, kräftig wie er selbst, breit. Irgendetwas geht von McDonney aus, dass alles andere als beruhigend ist. Und doch wünscht sie, er würde sich weiter um sie kümmern. Doch es ist Jahre her, dass sie einem sympathischen Mann so nahe gekommen war und es verwirrt sie ebenso, wie es sie unbewusst verzaubert. Als er sie ins Innere zurückführen will, wehrt sie bittend ab. „Ich kann da nicht hinein gehen! Nicht jetzt! Bitte!“ Er sieht prüfend in ihre Augen. Sein Haar ist dunkelblond, fast brünett und ziemlich zerzaust, wenn auch kurz geschnitten. Er sieht aus wie ein Waldarbeiter, der noch keine Zeit gefunden hatte, sich dem Anlass gemäß zu stylen. „Hat man Sie etwa beleidigt?“ will er mit einem Anflug von Belustigung wissen. Sie verneint kopfschüttelnd. „Ich kriege keine Luft da drinnen, und dieser Eierpunsch...“ „Der hat’s in sich! Hat schon die härtesten Männer umgehauen, hab’ ich mir sagen lassen! Wollen Sie, dass wir uns ein wenig in meinen Wagen setzen?“ Sie nickt dankbar und er schiebt sie durch den gleichmäßigen, dichten Schneefall zu seinem Vehikel, das die gleiche Marke wie das ihres Schwagers zu sein scheint. Als sie sich aufatmend in die weichen Polster zurücklehnt, geht es ihr schon bedeutend besser. Sie schließt die Augen und atmet tief durch. „Ich hätte nicht hierher kommen sollen“, stellt sie mehr zu sich selbst, als zu ihm fest. Er hat den Motor gestartet und die Heizung angestellt. Das Gebläse und der warme Wind der daraus hervor strömt wärmt sie behaglich und sie hört zu zittern auf. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“ Natürlich, aber sie verneint. Es ist schließlich sein Auto. Ryan fischt eine zerdrückte Zigarette aus seiner Packung zündet sie mit dem automatischen Anzünder an. „Und warum sollen Sie nicht hier sein?“ nimmt er ihre Äußerung wieder auf. „Was stört sie an dem Ganzen hier? Ist doch ein nettes Fest, oder?“ „Sie waren ja noch gar nicht drinnen“, überrumpelt sie ihn. „Ja, das stimmt! Hatte noch einige Krankenbesuche zu erledigen und bei dem Wetter kam ich kaum vorwärts! Aber ich kenne die Festivitäten unserer Gemeinde. Weihnachten, Ostern, Erntedankfest. Jeder bemüht sich sein Bestes zu geben. Für die Leute hier in der Einsamkeit des Nordens ist das eine willkommene Abwechslung. Sie sind unter sich.“ „Ja sicher, gerade deswegen“, lenkt sie fast entschuldigend ein. „Sie sind unter sich. Wie gesagt, es ist nicht meine Welt.“ Sie hat Angst, dass er sie missverstehen könnte, dass sie sich für zu gut hielt, um an einfachen Zusammenkünften dieser Art teilzunehmen und beeilt sich hinzuzufügen: „Das sind Familien, die sich hier treffen, Leute, die einander ewig schon kennen, die miteinander aufgewachsen sind und sich etwas zu sagen haben, verstehen Sie?“ Sie blickt ihn flehend an und er erwidert ihren Blick. „Ich bin auch nicht von hier“, erläutert er. „Aber ich fühle mich dazugehörig!“ „Das mag sein, Ryan McDonney. Aber wie ich gehört habe, liegt ein abenteuerliches Leben hinter Ihnen. Sie sind vielleicht froh, ein wenig zu verschnaufen. Ich habe so gut wie nichts erlebt, keine Höhen und auch keine Tiefen. Und diese Zusammenkunft ist...“ sie sucht nach den richtigen Worten, die plötzliche nur so aus ihr heraus sprudeln, ohne dass sie sie stoppen kann,“... es ist deprimierend für mich und erinnert mich daran, dass es bis jetzt eigentlich nur Leere für mich gegeben hat!“ Sie zögert, bevor sie fort fährt: „Eine gescheiterte Ehe, kinderlos, langweilig und schließlich auch verlogen. Ich will nicht daran erinnert werden, denn ich frage mich dann: Wieso ich? Meine Schwester hat einen netten Mann, bekommt ihr zweites Baby und fühlt sich hier wohl, trotz der sicher schwierigen Lebensbedingungen!“ Er zuckt sie Schultern: „Ich bin kein Psychiater, Lady! Vielleicht sollten Sie einmal mit einem Spezialisten über diese Dinge sprechen. Ich würde sagen, Sie denken einfach viel zu viel nach. Statt zu genießen, was das Leben Ihnen bietet, sezieren sie die Momente und Begebenheiten. Vollkommener Schwachsinn! Aber wie gesagt, ich bin nur Tierarzt und kein Seelendoktor.“ Es ist ihr peinlich, ihm anvertraut zu haben, was sie meistens nicht einmal bei sich selbst zu denken wagte. Sie war eine frustrierte Frau mittleren Alters. Unfähig aus sich heraus zu gehen, unfähig das zu tun, was sie gerne getan hätte. „Ihre Scheidung wäre doch die beste Gelegenheit gewesen, sich ein komplett anderes Leben zu gestalten!“ fährt er fort, und sie sieht ihn dankbar an, weil er nicht wieder von einem Seelenklempner spricht. „Ich finde, Ihr Kleid sieht toll aus, ihr Haar ebenfalls. Außer rosa Morgenmäntel haben sie also auch noch andere Kleidung!“ Er will sie aufheitern und sie ringt sich ein Lächeln ab. „Ich besitze dieses verrückte Kleid seit gut 5 Jahren und trage es heute zum ersten Male. Normalerweise bin ich dezenter gekleidet...“ „Unauffällig, nicht wahr?“ setzt er hinzu und sie nickt. „Gediegene Garderobe, angemessene Gedankengänge. Nur nicht aus der Reihe tanzen. Ist es so? Aber Sie würden gerne ein bisschen ausgeflippter umher laufen, hab’ ich Recht? Oder verrückte Dinge tun, die Spaß machen, aber an die sie nicht einmal zu denken wagen, oder?“ „Ja“, gibt sie zu. „Manchmal. Aber in meiner Nachbarschaft...“ Er unterbricht sie: „Anne, sie haben ein großes Problem. Sie suchen Ihre Identität, die sie bis jetzt nach den Menschen ihrer Umwelt ausgerichtet haben. Und es scheint, Sie kommen eben gerade erst der Wahrheit auf die Schliche. Was der Auslöser dafür ist, kann ich nicht sagen. Das Glück ihrer Schwester, mit dem sie plötzlich so hautnah konfrontiert werden? Dieser kleine, verträumte Ort mit den einfachen, aber sichtlich zufriedenen Menschen? Dann würde ich sagen, Sie sind auf dem richtigen Weg!“ Er dämpft die zu Ende gerauchte Zigarette aus und wirft sie durch einen Spalt des Fensters ins Freie. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, ob Sie eine feste Beziehung führen. Ihre Unzufriedenheit liefert ja den Beweis, dass es nicht so ist.“ „Da haben Sie recht“, erwidert sie spontan. „Keine Bedürfnisse?“ „Jedenfalls nicht die, auf die Sie anspielen, Doktor!“ erwidert sie schlagfertig und er grinst. „Ich meinte damit nicht nur die rein biologischen“, spottet er freundlich. „Obwohl sie mir ebenso wichtig erscheinen. Einfach alles, was damit zusammenhängt. Zweisamkeit, Verständnis, Zärtlichkeit, all das, woran Frauen ihre Seele so gerne hängen.“ „Und was ist mit Ihnen?“, antwortet sie mit einer Gegenfrage. „Haben Männer keine Seele und Bedürfnisse, die über Bettgeschichten hinausgehen?“ Er grinst noch breiter, und das macht ihn jünger und anziehender als je zuvor. „Bekanntlich ticken wir ein bisschen anders als die holde Weiblichkeit. Aber wenn wir wirklich lieben, dann ist es heftig!“ „Woher wollen Sie das wissen, Doktor Ryan? Wenn meine Informationen stimmen, dann waren Sie noch nie verheiratet.“ „Was immer noch nicht heißt, dass ich nicht geliebt habe, nicht wahr? Und lassen Sie den Doktor in Zukunft weg, ja?“ Sie sieht in seine unergründlichen Augen, die sich den ihren nähern, bis sie seine Bartstoppeln an ihrem Kinn spürt und die weiche Berührung seiner Lippen auf ihrem Mund. „Ich frage mich“, wispert er und sie spürt diesen verlockend warmen Atem auf ihrer Haut. „Wie lange dieser kleine Schmollmund nicht geküsst worden ist.“ Sie schließt die Augen und nimmt seinen Kuss entgegen, erwidert ihn und kostet die süße Zärtlichkeit seiner Berührung mit klopfendem Herzen. Sie atmet heftiger, als seine Finger fordernd in ihr Haar fassen und ihren Kopf so ganz nahe an den seinen ziehen. Sein Kuss wird leidenschaftlicher, lässt Sehnsucht in ihr wach werden nach mehr. Als er sie endlich frei gibt, pocht ihr Herz so laut, dass sie sicher ist, dass er es hören musste. „Willst Du, dass wir jetzt gemeinsam zurück gehen, bevor sie Dich suchen?“ fragt er sie und streicht mit dem Daumen über ihre Wange. Sie nickt und spürt ihre Wangen glühen, wie die eines jungen Mädchens nach seinem ersten Kuss. Er hilft ihr beim Aussteigen und sie beeilen sich, ins Pfarrhaus einzutreten, um nicht vollkommen zugeschneit zu werden. Die Stimmung scheint feuchtfröhlicher geworden zu sein. Um die aufgestellten Tische sitzen die hier ansässigen Leute, Bekannte, Familien oder Nachbarn, um sich in fröhlicher Unterhaltung vertieft, an den vorbereiteten Happen zu laben, und auch den flüssigen Genussmitteln eifrig zuzusprechen. Ihre Schwester winkt, sie kommt mit Betsy auf sie zu. „Guten Abend Ryan!“ begrüßt sie den großen Mann an ihrer Seite, der sogleich mehrere Frauenblicke auf sich gezogen hatte, sobald er seinen Fuß in den Saal gesetzt hatte. „Wo haben Sie meine Schwester aufgegabelt? Ich suche sie schon eine ganze Weile!“ „Mir war nicht gut“, beeilt sich Anne zu antworten. Ryan hat seinen Arm immer noch um sie gelegt. „Stimmt“, fügt er hinzu und sein Lächeln hat nichts Zweideutiges, als er erklärt: „Ich habe ihr ein bisschen beigestanden. War wohl dieser Eierpunsch! Ich hoffe nur, dass die Kinder hier sich nicht daran gütlich tun. Werfen Sie ein Auge darauf, Debby!“ Sie nickt: „Mach ich, Doc!“ Sie gibt dem Drängen Betsys nach, die an der ausgerufenen Tombola teilnehmen will und zwinkert Anne zu, während sie zwischen zwei Tischen verschwindet. „Du bist bei Ryan ja in guten Händen, Liebes! Bis später!“ In guten Händen. Anne überkommt ein wohliger Schauer, als sie sich unwillkürlich vorstellt, wozu diese Hände fähig sein könnten. Sicher nicht nur dazu, Kälbern auf die Welt zu helfen oder den hiesigen Haustieren Impfungen zu verpassen. „Wollen wir tanzen?“ Die Frage holt sie in die Wirklichkeit zurück, sie nickt. Er nimmt sie in den Arm und sie folgen der anspruchslosen Tanzmusik, die es ermöglicht, dass sie seinen Körper nahe dem ihren spürt. Es ist ihr nicht einerlei. Ganz und gar nicht! Das hier ist kein Partner, dessen Tanzaufforderung man einfach der Musik wegen, der Bewegung willens Folge leistete. Das hier war ein unhörbares Knistern, ein Reiben von chemischen Substanzen, die sie durch rein nichts heraufbeschworen hat, sondern die sich von allein heraus kristallisierten, wahrscheinlich ab dem Moment, wo sich der halb erfrorene Mann durch die Tür ihrer Schwester Haus geschoben hatte. Sie vergisst, dass sie sich noch vor kurzem eigentlich hier nicht sehr wohl gefühlt hat. Ist es nicht der wunderbarste, bezauberndste Ort, den sie seit langem betrat? Sein Griff wird stärker, sie kann jeden Muskel durch sein Hemd spüren, seine Jeans. Seine harten Schenkel scheinen den Kontakt mit den ihren suchen, sein Herz gegen das ihre durch den dünnen Stoff dieses feinmaschigen Kleides zu schlagen. Sie schließt die Augen, genießt es, seinen Atem an ihrer Wange zu spüren und sieht nicht die Blicke der vorbei tanzenden Mädchen und Frauen, die ihr neugierige, aber auch oft feindselige Blicke zuwerfen. Sie glüht innerlich und äußerlich, lässt sich führen und drehen, wiegen und festhalten. Die Berührung seiner Hand auf ihrem Rücken scheint feurige Strahlen durch ihren Körper zu senden. Sie ist gebannt und betört zugleich. ‚Stoss ihn weg’, flüstert eine Stimme in ihr. ‚Stoss ihn weg, sofort, er wird dich erneut leiden machen und du weißt es.’ Die starke, die sinnliche Seite kontert zurück: ‚Ich will es. Auch wenn es brutal endet. Ich will ihn und ich denke, er will mich! Also soll er mich bekommen, bald, gleich!’ Sie zittert ein wenig und seine Stimme raunt an ihrem Ohr: „Ich denke, wir sollten das nette Fest nun verlassen. Und zwar vor der Damenwahl. Einverstanden?“ Sie blickt aus den Augenwinkeln in die Runde. Abwartende, erhitzte Frauenwangen, erwartungsvolle Blicke unter Mascara schweren Wimpern. Ein Hoffen hier, blitzende Ungeduld dort. Damenwahl! Die flinkste würde sich danach an seinen Hals werfen und sie konnte zusehen, wie schmachtende, gierende Blicke sich mehr von dieser Nacht versprachen. Es war ihre Nacht! Es war ihr Mann! Wenigstens für diesmal. Sie nickt und er tanzt mit ihr zum Rande des Saales, zieht sie mit sich zur Garderobe und sie hat gerade noch Zeit, einen bedeutsamen Wink in die Richtung ihrer Schwester zu machen, damit ihre Familie nicht eine Großfahndung nach ihr heraus geben würde. Er packt sie in ihren Mantel, wuchtet seinen starken Körper in seine gefütterte Raulederjacke, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben musste und schiebt sie durch das heftige Schneegestöber zu seinem Wagen. Als sie im kalten Inneren sitzt, zaubert er unter seinem Sitz einen kleinen Besen hervor und befreit mit ein paar gezielten Bewegungen die wichtigsten Scheiben seines Fahrzuges von der weißen, schweren Last des Schnees. Die Scheinwerfer gehen an, das dumpfe Brummen des Motors leitet ihre verrückte Entscheidung, sich diese Nacht auf Gedeih und Verderben diesem Fremden auszuliefern, endgültig ein. Die Scheibenwischer schaffen es nur mühsam, die Sicht zu ermöglichen. Sie blinzelt, geblendet durch die gleißende Kombination von Licht und Schnee. Die Flocken scheinen wie verrückt vor ihren Augen zu tanzen, bevor sie sich gnädig auf der Scheibe niederlassen, um sogleich von dem Mechanismus der Wischer hinweg gefegt zu werden. Er schaltet das Gebläse der Heizung ein. Eine Mühe, die er sich hätte sparen können, denn Anne empfindet die starre Kälte nicht, sie brennt lichterloh. Sie bringt es fertig, einen vollständigen Satz zu sprechen, doch die Stimme, die aus ihrer Kehle kommt, ist ihr fremd: „Wohin fährst Du mich?“ Blöde Frage, die er mit einem kleinen Lächeln in ihre Richtung beantwortet: „Dorthin, wo Du mit mir sein willst. Allein, ohne den Trubel des Festes!“ Sie blickt geradeaus in die Nacht. „Du scheinst sehr beliebt zu sein. Vor allem bei den Einwohnerinnen dieser Gegend!“ Er nickt und grinst. „Man tut was man kann, Anne! Sie haben alle irgendwelche Haustiere oder Vieh im Stall stehen! Da kann mein Fachwissen oft sehr nützlich sein!“ „Ich verstehe“, sagt sie ein bisschen zweideutig, und dann lachen sie beide gemeinsam, was ein bisschen die Spannung, die sich zwischen ihnen beiden aufgestaut hat, lockert. Das Haus des Doktors befindet sich außerhalb des Ortes, der von hier aus durch einen riesigen Waldhain verdeckt wird, auf der halben Steigung eines Hügels. Die Tannen und Fichten scheinen das mittelgroße Blockhaus förmlich zu erdrücken, so nahe stehen sie an den Wänden, die aus runden Stämmen gezimmert sind. Aus dem Kaminschlot pafft dicker, weißer Rauch kerzengerade in den Nachthimmel, begleitet vom irren Tanz der Flocken. Der Vierradantrieb des Autos ist unerlässlich, um sich der prachtvollen, aber nichts desto weniger bedrohlichen Naturgewalt zu widersetzen. Vor der Haustür häuft sich bereits genügend Schnee an, der ihr bis über den Stiefelschaft reicht und kalt an ihren Waden klebt, wo er zerrinnt und bis zu ihren Zehen und Fersen als nasser Rinnsal herunter läuft. Sie springt über die Schneehaufen, und er lacht, schließt die Tür auf und lässt sie eintreten. Wohlige Wärme schlägt ihnen wie eine einladende Wand entgegen. Die Tür fällt ins Schloss, das Prasseln des sich in den Flammen verzehrendes Holzes im Kamin ist das einzige Geräusch, das die Stille bricht, in der sie sich ansehen. Orangene Schatten huschen über ihre Gestalten, vergehen in der Dunkelheit des Raumes, in der sie sich ertasten, sich fühlen und umarmen, sich küssen, bis ihr keuchender Atem nach Luft ringt und ihre Hände sich unter die Kleidung des anderen stehlen, begierig, nacktes Fleisch zu spüren, die Hitze der Haut zu fühlen und zu erobern. Er hat sie in die Mitte des Raumes geschoben, sie aus ihrem Mantel geschält und drängt sie auf ein Plüschsofa einer anderen Epoche. Nachdem auch er sich von der Last seiner Winterjacke befreit hat, hebt er ihre Füße hoch, befreit sie von den Stiefeln, massiert ihre nassen Zehen und Waden, lässt seine Hände höher wandern, unter den Saum ihres Rockes. Knisternde Seide, das Reißen dieser vermaledeiten Seidenstumpfhose, seine geschickten Hände, ins Zentrum ihrer Begierde zu belangen, seine Finger in ihre pochende Wärme gleiten zu lassen, ihre Stöhnen, als er findet, was er suchte, und dann die erlösende Schwere seines Körpers auf dem ihren. Er hat sich nicht die Zeit genommen, sich zu entkleiden, ebenso wenig, wie er sie entblößt hat. Die Gier ihrer Lust, diese aufgestauten, geladenen Energien, die nach einem explosiven Weg der Freiheit suchen, sie lassen sie verschmelzen in einem Akt rasender Lust, der weder auf ihr teures Kleid noch auf die Tatsache Rücksicht nimmt, dass einer von beiden an Verhütung denkt oder fadenscheinige Einwände zulässt. Welche Einwände? Hat sie nicht täglich, seit der Blick aus diesen grünen Augen sie traf, nur an das eine gedacht, schemenhaft, geniert, aber doch immerhin so intensiv, dass sie ein Ziehen in ihren Lenden nicht vermeiden konnte? Hat er es gespürt? Hat er es herbei gesehnt wie sie selbst? Und nun geschah es. Sie lässt sich von ihm empor tragen in ein Meer von lustvollen Explosionen, und während er seine mühsam bewahrte Beherrschung in ihren Armen verliert, sich stöhnend von seiner sexuellen und emotionalen Anspannung befreit, sucht sie atemlos nach einem Grund, nicht hier zu sein.
Reglos umschlungen lauschen sie dem Knistern des Feuers und schließlich entfleucht sie ins Bad, entledigt sich ihrer Kleidung und findet einen alten gestreiften Bademantel, der an einem Haken der Tür auf sie gewartet zu haben scheint, und in den sie sich nach dem Duschen wickelt, um an seine Seite zurückzukehren. Er sitzt in Boxershorts und dem weißen Ripptrikot mit überschlagenen Beinen vor dem Kamin und hält ihr ein Glas Rotwein hin. Sie nippt dankend daran, lässt sich an seiner Seite nieder und betrachtet den Tanz der Flammen. Er betrachtet sie von der Seite. Ihr braunes Haar fängt das Glühen der Funken ein, lässt es leben und vor seinen Augen tanzen. Ihr langer, schlanker Hals wirkt anmutig jung und verlockt ihn dazu, ihn erneut zu liebkosen, seiner Wölbung bis zu ihrem Brustansatz zu folgen, wo seine sensitiven Hände sich an der Erregung ihrer Brustspitzen erfreuen. „Du solltest oben auf mich warten“, sagt er leise mit rauer Stimme, die seine Erregung erneut verrät. Sie nickt, heftig atmend, küsst die Worte von seinem sinnlichen Mund und steigt die Holztreppe ins obere Stockwerk empor. Sein Blick folgt ihr und sie spürt es. Ihre nackten Füße berühren lautlos den glatten Holzboden des Korridors, der sie an einer weiteren, geschlossenen Tür vorbei in sein Zimmer führt. Einladend steht die Tür offen, so, als hätte man auf sie gewartet. Als hätte die Behaglichkeit eines einfachen Zimmers, das dieser imposante Mann bewohnte, wo er schlief und träumte, wach lag oder seinen Erinnerungen nachhing, nur auf ihr Kommen geharrt. Und darauf, dass sie nackt unter die indianisch anmutende Webdecke schlüpft und seinen Anblick klopfenden Herzens herbei sehnt. Als er, Minuten später, im Türrahmen steht, nackt, sichtbar erregt und auf sie hernieder blickt, streckt sie ihm ihre Arme entgegen, zieht ihn an sich, um seinen muskulösen Körper nun völlig zu spüren, seine festen Muskelstränge zu ertasten, den Rundungen seiner männlich harten Präsenz zu folgen und sich daran zu erfreuen, wie er es mit ihren weiblichen, einladend weichen Rundungen unter seinen forschenden Händen tut. „Du solltest das alles hier, niemals unter Schlafmäntel, für die du anscheinend eine besondere Vorliebe hast, verstecken.“ Er lächelt, während er ihr Gesicht zwischen den Worten mit kleinen, zärtlichen Küssen bedeckt. „Zumindest nicht in meiner Gegenwart.“ Sie nickt einverständlich, wölbt sich ihm entgegen, doch er nimmt sich diesmal Zeit, auch die Verstecktesten Zentimeter ihres Körpers gründlich zu erforschen, zu spüren und zu liebkosen. Sie tastet mitfühlend über Narben auf seiner Haut, alte, verheilte Wunden, seine gekräuselten, mäßigen Brusthaare, verbirgt ihr Gesicht an seiner starken Schulter, küsst sein Grübchen am Kinn, seine unrasierten Wangen und die wohlgeformten Ohrläppchen, die nur zu dem Zweck da zu sein scheinen, sie zu versuchen, sich dem starken, sehnigen Hals, dem ausgeprägten Brustansatz mit Lippen und Händen zu widmen, bevor sie ihren Weg abwärts finden, um das Tier im Manne erneut zu reizen, aus seiner Reserve zu locken, und in einem Sturm unbeherrschten Sinnestaumel angefallen zu werden, verschlungen, beherrscht und schließlich besiegt von der Süße der Wonne, die er ihr zu schenken versteht. Als sie dann erneut Seite an Seite liegen, einander zugewandt und ihr Herzschlag sich mäßigt, verschlingt er ihre Finger mit den seinen. „Ich habe dies hier seit langer Zeit nicht mehr empfunden“, gesteht er rau. Er scheint mit einer Hand nach Zigaretten unter dem Bett zu suchen, doch nichts zu finden, sodass sie erneut seine ungeteilte Aufmerksamkeit für sich beanspruchen kann. Sie lächelt leicht und antwortet: „Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass es mir nicht anders ergeht. Wenn meine Zeit des Darbens auch bedeutend länger war als die Deine!“ Er küsst ihre Nasenspitze. „Woher willst Du das wissen?“ fragt er belustigt. „Ich kann in den Blicken der Frauen lesen“, erwidert sie ebenso belustigt. „Und was ich heute Abend sah, war sicher nicht das Ergebnis Deines ungestillten Hungers.“ Er grinst anzüglich. „Dann solltest Du Deine Lesekunst etwas mehr trainieren. Von Canbee hat mich keine noch dorthin bekommen, wo ich heute bei Dir war.“ Nachdrücklich lässt er seinen Fuß über ihre Wade streichen. „Ich habe schließlich meinen guten Ruf zu wahren“, betont er amüsiert. „Braucht ein Mann wie Du denn das?“ will sie erstaunt wissen. „Ist es nicht eher so, dass der gute Ruf auf der Anzahl von amourösen Abenteuern beruht, die man als Mann vorzuweisen hat?“ Er kichert leise. „Das mag ja vielleicht in Washington so sein, kleine, schlaue Anne. Aber es trifft ganz sicher nicht auf einen Tierarzt in der Provinz zu. Man muss sich auf mich verlassen können, verstehst Du? Nicht nur die Frauen, auch die Männer. Ein Viehdoktor, der seine Kunst nicht nur bei dem Vieh der Leute, sondern auch bei deren Frauen und Töchter anwendet, wäre bald brotlos, wenn man ihn nicht gar mit einer verirrten Kugel im Rücken irgendwo halb verwest oder von wilden Tieren angeknabbert im Wald fände.“ Sie schüttelt sich. „Armer Liebling! Du kannst einem ja richtig leid tun“, bemerkt sie mit übertriebenem Mitgefühl. „Das will ich meinen“, genießt er ihre wohltuenden Worte und streichelt ihr Haar, bis sie an seine warme Seite gekuschelt, einschläft.
Der nächste freie Tag verläuft dem vorhergehenden Abend nicht unähnlich. Sinnlich, entspannt, zwischen Melancholie und amüsierenden Unterhaltungen. Er erzählt ihr von Afrika, dem Forschungsprojekt zur Erhaltung der weißen Nashörner in dem Reservat von Tansania. Den Schwierigkeiten der Wildhüter im Kampf gegen die Wilderer. Den Gefahren in der afrikanischen Steppe, den Erfolgen, aber auch Rückschlägen während seiner zweijährigen Tätigkeit dort. Jede Narbe, die sie mit ihren Fingern ertastet, hat ihre eigene Geschichte, und sie will sie alle erfahren. Die Rundung einer Bissnarbe erregt ihr Interesse. „War das ein Pavian oder so etwas ähnliches?“ will sie wissen. Er schüttelt ernst den Kopf. „Viel schlimmer“, antwortet er mit dramatischem Unterton. „Es war der Pudel einer Bekannten!“ Sie kichert und er neckt sie mit den Details seiner Leidensgeschichte. Als der Tag sich dem Ende zuneigt, bringt er sie nach hause. „Sehe ich dich wieder?“ fragt sie teils mit Hoffnung, teils in Angst, als er den Wagen unweit der Haustür ihrer Familie ausrollen lässt. Er erwidert ihren fragenden, ängstlichen Blick mit dem seine, prüfenden: „Wenn Du es willst, wie ich selbst...?“ Sie nickt, vor Freude und Erleichterung errötend. „Natürlich will ich es. Spürst Du das nicht?“ Er verzieht sein Gesicht zu einem kleinen schiefen Lächeln. „Ich bin nicht sehr gut in der Kunst, Frauen zu durchschauen. Aber ich würde gerne lernen, in Deinen Gedanken zu lesen Anne.“ Sie seufzt: „Wenn Du wüsstest, wie einfach das ist! Und wie sehr meine Durchschaubarkeit mir schon geschadet hat!“ Er hält ihr Gesicht in beiden Händen, zwingt seinen klaren Blick in ihre Augen und murmelt ernst: „Ich will es nicht wissen. Und Du solltest es vergessen. Lass uns von vorn beginnen. Lass es uns versuchen. Es gibt keine Garantie für Erfolg, aber es ist jeden Versuch wert. Könntest Du es einrichten, länger hier zu bleiben?“ Und schon stiehlt sich dieses unwiderstehliche Grinsen auf seine Züge. „Wir sollten uns doch näher kennen lernen, meinst Du nicht?“ Sie spielt die Dumme und genießt es. „Noch näher, als wir es bereits getan haben?“ Seine Lippen streifen die ihren, während seine Hand sich in den offenen Mantel stiehlt und ihre Brust streichelt. „Absolut“, murmelt er. „Viel näher!“ Aus den Augenwinkeln kann Anne erkennen, dass Betsy hinter der Gardine der Küche zu ihr heraus guckt. „Ich kann nichts versprechen“, zögert sie. „Mein Leben ist woanders...“ „Und es ist leer, woanders“, fährt er leise fort. „Das hast Du selbst zugegeben. Hör auf, soviel zu denken und zu überlegen! Gib deinen Gefühlen und Wünschen einfach nach, befreie dich von selbst auferlegten Zwängen, deren Berechtigung Du, weiß Gott woher, nimmst! Wir kennen uns kaum, Anne, aber ich bin gerne mit Dir zusammen. Ich würde es auch weiterhin gerne sein.“ Sie nickt. Natürlich hatte er vollkommen Recht. Sie hatte nicht einmal eine Katze, derentwegen sie zurückkehren musste. Hier war ein faszinierender Mann, der ihr wunderbare Augenblicke geschenkt hat und der zugab, dass er ihre Gesellschaft schätzte. Konnte sie mehr verlangen? Ihre dichten Wimpern geben den Blick in ihre Augen frei, als sie aufblickt und sie ihm zustimmt. „Natürlich kann ich das einrichten. Ich bleibe erst einmal über die Feiertage hier. Wenn Deine Zeit es zulässt, können wir uns sehen. Wann immer Du willst. Ich werde wie meine kleine Nichte dort hinter dem Fenster sitzen, nach Dir Ausschau halten und warten, dass Du mich holen kommst.“ In ihrem Mundwinkel zuckt ein nervöser Muskel und er küsst diese Stelle, bevor seine Lippen zu ihrem Mund wandern, sie zärtlich liebkosen, sanft, ganz ohne Gier. „Ich hatte schon befürchtet, Du würdest wieder etwas in der Art sagen, wie ‚mein Platz ist nicht hier’, oder so.“ Sie lächelt entspannt. „Ich muss jetzt gehen. „Du solltest meiner Familie noch Guten Tag sagen, meinst Du nicht?“ „Sie werden mich lynchen, weil ich Dich den ganzen Tag in Beschlag genommen habe.“ Sie lacht hell auf. „Von Betsy kannst Du das annehmen, meine Schwester wird keine Fragen stellen, solange Du dabei bist. Und wenn sie daran erstickt!“ Lachend verlassen sie den Wagen und laufen zur Haustür, während im Inneren des Hauses, der Hund ein lautes Freudengebell anstimmt.
„Liebst Du ihn?“ will Derby wissen, während sie die große Tanne schmückt, die bis zum Plafond des Raumes reicht. Die letzte Woche war wie im Flug vergangen und sie war durchdrungen vor Zuneigung und Leidenschaft. Anne reicht ihr eine der Kristallkugeln. „Ja“, lautet die schlichte Antwort. „Und er?“ Anne zuckt die Schulter. „Ich denke er mag mich auch. Zumindest hat er mich gefragt, ob wir es nicht miteinander versuchen sollen. Er spricht von später, der Zukunft....“ ‚Sogar von Kindern’, setzt sie in Gedanken hinzu und spürt die atemlose Aufregung, daran zu denken. „Wow!“ Debby ist sichtlich überrascht. „Den muss es ja kräftig erwischt haben! Gute Entscheidung, eingewilligt zu haben! Ich profitiere dadurch ein bisschen mehr von meiner Schwester, zumindest tagsüber!“ Ein bedeutsamer Blick trifft die Ältere von der Leiter herab. “Ryan ist ein viel beschäftigter Mann. Das ist Dein Glück“, lautet die Antwort. „Ja, ich weiß“, kontert Derby. „Es ist der einzige Tierarzt, den wir hier im Umkreis von mindestens 100 Kilometern haben, oder mehr! Und er sieht verdammt gut aus. Ist mir ein Rätsel, dass er immer noch ledig ist.“ Anne weiß mehr: „Er war einmal verheiratet, es war in seiner Studentenzeit. Sturm- und Drangzeit, nennt er das. Ihre Wege haben sich getrennt, keine zwei Jahre nach der Heirat. Aber sie blieben lange Zeit Freunde, bis sie einander aus den Augen verloren haben.“ „Nun“, überlegt Debby, das muss aber schon eine Ewigkeit her sein. Und danach?“ Sie nimmt ein weiteres Schmuckstück aus Annes Hand, einen gläsernen Engel mit Posaune, der ganz nach oben wandert, wo er vor Betsys eifrigen Händen in Sicherheit war. „Er ist viel unterwegs gewesen. Eigentlich nie wirklich irgendwo lange ansässig. Ein richtiges Nomadendasein hat er geführt.“ „Wie alt ist er eigentlich? Hast Du ihn danach gefragt?“ Anne nickt. „Er wird im nächsten April vierzig.“ Derby ist erstaunt. „Schon? Ich hätte ihn auf allerhöchstens 35, 36 geschätzt. Der Mann hat sich gut gehalten! Alle Achtung. Ein Widder also! Immer mit gesenktem Kopf durch die Wand. Anscheinend ist er gut damit gefahren.“ Anne überlegt. „Scheint so“, und sie sieht den nackten, durchtrainierten Körper des geliebten Mannes vor sich. Ihr wird ganz warm bei diesen Gedanken. „Er ist sehr sportlich“, fügt sie hinzu. „Mindestens wie auch James!“ Derby verzieht das Gesicht zu einer amüsierten Grimasse. „Du musst es ja wissen. Was Ryan anbelangt, ganz bestimmt.“ „Debby, Du solltest von dieser Leiter herunterkommen. Es ist leichtsinnig in Deinem Zustand dort oben herum zu balancieren. Lass mich das machen.“ Die Angesprochene weigert sich energisch und will den Gipfel selbst aufputzen. „Du darfst den unteren Teil mit Bonbons und Lebkuchen bestücken. Hier oben ist mein Reich!“ „James trifft der Schlag, wenn er Dich dort oben sieht!“ „Tut er ja nicht“, grinst Derby zurück. „Und es wird ihm auch keiner verraten, klar?“ Doch sie irrt, denn gerade in diesem Moment kommt James zurück und sie wäre beinahe vor Schreck wirklich zu Boden gesegelt, hätte sie sich nicht noch an den ausladenden Ästen und der wackeligen Leiter festgeklammert. Eine der Glaskugeln zerspringt mit lautem Knall Parterre. Sie muss eine Tirade von Vorwürfen über sich ergehen lassen, und James besteht darauf, dass er persönlich die Leiter festhält, bis sie fertig ist, um sie notfalls auffangen zu können. Anne lässt das Paar allein und geht in die Küche, um Tee zu kochen. Sie hört das leise Gemurmel ihrer Familie und bedauert, dass dieser Abend ohne Ryans Besuch enden würde. Man hatte ihn am späten Nachmittag noch nach Woodentree gerufen und er würde dort bei den Leuten auf der Ranch übernachten. Der Himmel war immer noch schwer von Schneewolken. „Weiß sie es denn nicht?“ hört sie James leise fragen, als sie mit dem Tablett ins Zimmer treten will. Sie verhält ihren Schritt und die Vorahnung einer unangenehmen, sie betreffenden Neuigkeit beschleicht sie im Nu wie ein einskalter Hauch. „Nein“, antwortet ihre Schwester lakonisch. „Sie hätte mir davon erzählt. Sie ist so glücklich, das steht in ihren Augen, in ihrem Lächeln. Verdammter Mistkerl! Er will sich aus dem Staub machen, nachdem er Anne total verrückt nach ihm gemacht hat! Und weißt Du was? Er hat sie gebeten, es mit ihm zu versuchen! Und jetzt das! Ich fasse es nicht!“ „Beruhige Dich Debby! Er wird seine Gründe haben!“ „Na klar“, erwidert ihre Schwester erbost. „Ihr Männer habt für alles einen plausiblen Grund! Nimm ihn nur in Schutz! Ich werde dem Scheißkerl jedenfalls sagen, was ich von ihm und seiner Falschheit halte! Daran wirst auch Du mich nicht hindern! Wer hat Dir das überhaupt erzählt? Er selbst?“ „Nein“, flüstert James, doch Annes Ohren sind aufgestellt wie Sattelitenempfänger. „Der Sheriff hat es mir gesagt. Er kümmert sich um den Ersatz für McDonney solange der weg ist.“ „Und ausgerechnet Afrika! Wahrscheinlich wieder für die nächsten paar Jahre! Wahrscheinlich hat er dort unten mit irgendeiner schwarzen Dorfschönheit einen Haufen Kinder! Hätte er nur die Finger von Anne gelassen! Das verkraftet sie kein zweites Mal, James! Sie war ohnehin schon immer ein bisschen komisch seit der Scheidung!“ Anne stellt das Tablett auf den Küchentisch, lehnt sich kraftlos an die Spüle und versucht das Zittern, das sie erfasst, zu unterdrücken. Eine nette Abwechslung war sie für ihn gewesen. Eine Wärmeflasche für kalte Winternächte. Am Liebsten hätte sie hysterisch gelacht. Und er hatte nicht einmal genug Format, ihr zu sagen, dass er dabei war, sein Weggehen zu planen! Debby steckt den Kopf zur Tür herein. „Wo bleibt der Tee?“ Sie bemerkt erschrocken das blasse Gesicht ihrer Schwester. „Ist Dir nicht gut, Herzblatt? Du bist ein bisschen weiß um die Nase! Komm, ich nehme den Tee, geh und Du machst es Dir auf dem Sofa bequem.“ Anne schwebt wie auf Watte, bringt kein Wort hervor und verschüttet ein bisschen Tee auf der Glasplatte des Tisches. „Tut mir leid“, beginnt sie mit einer fremden Stimme. „Ich hab’ Eure Unterhaltung gezwungener Weise mit angehört. Ryan geht also weg?“ Debby wirft ihrem Mann einen giftigen Blick zu. „Na also! Da haben wir den Salat! Konntest Du mir das nicht später erzählen, James!“ Er macht ein betroffenes Gesicht. „Es ändert ja nichts an der Tatsache. Ich habe es tatsächlich aus einer zuverlässigen Quelle erfahren. Sicher wird er es Dir morgen selbst mitteilen.“ „Als Weihnachtsüberraschung sozusagen, ja? Mit Glockengeläute!“ Der hämische Ton passt gar nicht zu Debby. Ihre Augen sprühen Funken und selbst James kennt diese wilde Seite nicht an ihr. Debby ist zwar um drei Jahre jünger als Anne, doch war sie immer die energische der beiden. Schon als kleiner Dreikäsehoch hatte sie die Verteidigung der Älteren übernommen, die meist in irgendwelche Träume versponnen war und vergaß, sich selbst durchzusetzen, und zu verteidigen. Ob in der Schule oder den Eltern gegenüber. Sie ist kampflustig und wirklich empört, ja wütend auf Ryan. „Ich fahre morgen früh!“ ist Annes einziger Kommentar und ihr Tonfall lässt keinen Einwand zu. James Kiefer fällt erst enttäuscht nach unten, dann wagt er doch einzuwenden: „Du solltest zumindest mit ihm reden, Anne. Er verdient es, sich rechtfertigen zu dürfen, denkst du nicht?“ „Rechtfertigen, wofür?“ Ihre Augen wandern von Debby zu James und zurück. „Er ist ein freier Mann, er kann tun und lassen was er will. Er ist mir in keinster Weise zu irgendetwas verpflichtet, davon war nie die Rede. Ich bin ohnehin schon viel zu lange hier und muss zurück. Meine Verlegerin wird mir sonst den Kopf abreißen!“ „Kannst Du endlich einmal auch an Dich denken und nicht immer an die anderen?“ kontert Debby. „Das habe ich getan“, murmelt Anne. „Und wie es aussieht, war das keine gute Idee. Ich ziehe meine Konsequenzen und fahre. Und gnade Euch, ihr gebt Ryan meine Nummer! Ich habe es leid, andauernd irgendwelche Ausreden und Lügen hinzunehmen, nur damit Männer ihr Gewissen beruhigen, wenn sie so etwas in der Art überhaupt besitzen.“ Sie spürt, dass sie gleich ihre Beherrschung verlieren wird und flüchtet ins Dachgeschoss, sperrt sich ein, um ins Kissen vergraben losheulen zu können. Niemand stört sie. Sie ist ein großes Mädchen. Sie wird schon damit zurecht kommen, dass sich wieder einmal leere Versprechungen und Hoffnungen, die man in ihr geweckt hat, in Rauch auflösen. Aber diesmal sitzt der Schmerz tief! Tut verdammt weh, daran zu denken, dass Ryan nicht mehr für sie existierte.
James bringt sie am nächsten Morgen zum Zug. Sie hat Glück. Es ist ein Schnellzug, der nur an diesem einen Tag der Woche fährt. Er würde insgesamt nur dreimal Stationen machen und ein Drittel weniger Fahrzeit brauchen als der letzte. Debbys Bitten, wenigstens den Weihnachtstag gemeinsam mit ihrer Familie zu feiern, prallen einfach an ihr ab. Was gab es zu feiern? Für sie jedenfalls rein gar nichts. James ist bedrückt und hält Anne lange umarmt, bevor er ihr hilft, in den Waggon zu klettern. Er reicht ihr das Gepäckstück und winkt noch, als der Zug schon längst in den Wäldern von Manitoba verschwunden ist. Er ist ärgerlich und sauer. Er selbst würde Ryan, den er bis jetzt für einen Mann, der zu seinem Wort steht, gehalten hat, seine Meinung sagen. Und Debby am Weihnachtstag, auf den sie sich wochenlang vorher schon freute, in dieser Laune zu sehen, macht die Sache nicht leichter für ihn!
Das hektische Treiben der Grosstadt erscheint ihr unwirklich nach diesen Tagen der Abgeschiedenheit und friedlichen Harmonie in den Wäldern des Nordens. Sie ist froh, ihre Zentralheizung in ihrer Wohnung auf die Mindeststufe reguliert zu haben, denn es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, die wohlige Wärme in kurzer Zeit herbei zu zaubern, die sie so dringend benötigte. Sie friert bis in die Knochen, in die Seele, und macht es sich so bequem wie möglich vor dem Fernseher. Dieses Ersatzding, das ihr seit Jahren Freund, Familie und Lover zugleich ersetzte. Ein heißer Grog hilft auch nicht viel sie aufzuwärmen. Wahrscheinlich würde sie für immer erstarren, ihr Blut gefrieren, ihre Sinne, ihr Verstand. „Schlechte Entscheidung, dort rauf zu fahren“, murmelt sie und zappt die Sender durch, auf der Suche nach Erheiterung. Doch sie stößt nur auf weihnachtliches Festprogramm. Weihnachtsgesänge, Krippenspiele und Filme, die man, wie das Amen im Gebet, Jahr für Jahr verdauen musste: ‚Der kleine Lord’, Charles Dickens Weihnachtsgeschichte und ‚Doktor Schiwago’. Na toll! Sie entscheidet sich für einen Kindersender. ‚Das Mädchen mit den Zündhölzern’, es wird immer besser und passt ausgezeichnet zu ihrer Laune und seelischen Verfassung. Sie findet eine Schachtel Pralinen, das Datum ist längst abgelaufen, die Schokolade mit einer grauen Schicht überzogen. Irgendjemand hatte ihr die Dinger einmal geschenkt. Es musste ewig her sein. Fast trotzig beginnt sie, das Zeug in sich hineinzustopfen, bis ihr schlecht ist. Als wolle sie sich für irgendetwas bestrafen. Sie schafft es nicht mehr, nachts in ihr Zimmer zu kriechen und schläft auf dem Sofa ein, wo ihr die Flasche Rotwein aus der Hand gleitet und glücklicherweise bereits leer getrunken, auf ihrem hellen Spannteppich keinen weiteren Schaden mehr anrichten kann. Sie erwacht in den allerersten Morgenstunden, um sich zu übergeben und schafft es gerade noch, die Toilette zu erreichen, um das unappetitliche Massaker auf dem Teppich zu vermeiden. Ihr Kopf hämmert zum Zerspringen und die Heizung, die auf Volldampf eingestellt ist, trägt dazu bei, dass sie furchtbar schwitzt und ihr Hals sich trocken und wund anfühlt. Sie zwingt sich dazu, unter die Dusche zu kriechen, wo sie sich am Boden zusammenkauert und versucht, wieder klar denken zu können. Doch gerade das will sie ja vermeiden. Denken! Sie beschließt, sich für eine Weile abzusetzen. Florida vielleicht. Sie hatte dort eine Bekannte und es wäre eine Möglichkeit, dem Winter und den damit verbundenen schmerzhaft schönen Erinnerungen, die ihr den Verlust Ryans besonders unerträglich machen, zu entfliehen. Wenigstens für eine Weile!
Aufatmend findet sie endlich in ihr Bett, das ihr durch seine Bequemlichkeit etwas momentanen Trost spendet. Als sie nach unruhigem Schlaf erwacht, ist es fast Mittag. Und wenn schon. Keine Verabredung, kein Festessen bei Freunden, kein Besuch. Fernsehen. Ein paar Weihnachtskomödien. Anspruchslos, aber immerhin erheiternd. Bill Murray, Chevy Chase und seine verrückte Familie. Sie kaut lustlos an der Pizza, die sie gefroren ins Rohr geschoben hatte. Ihr Magen spielt immer noch verrückt. Besser, sie hielt etwas Diät. Mineralwasser, Kamillentee, Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen. Wo hatte sie das verdammte Valium nur aufbewahrt? Sie erinnert sich, dass sie sich in einem Wahn von Leichtsinn all dieser Beruhigungsmittel entledigt hatte, weil sie auf dem direktem Wege gewesen war, davon abhängig zu werden. Sie bereut ihre Voreiligkeit, nimmt drei Schmerztabletten mit einem großen Schluck Rotwein. Zwei Schluck, drei... Schon erprobt, kennt sie die Wirkung. In spätestens zehn Minuten würde sie schlafen wie ein Stein. Mit etwas Glück wachte sie dann zu Ostern auf... mit etwas Glück auch erst zu Pfingsten...
„Sie sind ein feiges Arschloch, Doktor!“ Debbys Augen funkeln wild und entschlossen und MacDonney traut seinen Ohren nicht. Sein überraschter Blick ist auf die blonde Frau vor ihm gerichtet. Sein Mund steht offen und er sucht nach Worten. Im Hintergrund hört er Betsy lachen. Debby macht keine Anstalten, den Weg ins Haus frei zu geben. Sie holt tief Luft und fährt mit ihrer Hasstirade fort: „Sie haben sie ausgenutzt, gefickt und die ganze Zeit über gewusst, dass Sie sich aus dem Staub machen werden! Und da hatten sie auch noch die Frechheit ihr etwas von gemeinsamer Zukunft vorzufaseln! War das unbedingt nötig? Sie war auch so schon verrückt genug nach Ihnen! Ich kenne einiges an Charakterschweinen, aber Sie, Ryan, Sie schlagen jeden Rekord! Hat es Ihnen Spaß gemacht, sich an Annes Unsicherheit, ihrer Enttäuschung, zu weiden? Sie war ein leichtes Opfer! Einsam, nach Zärtlichkeit lechzend. Wahrscheinlich brauchten Sie nur mit dem Finger zu schnippen und sie haben Sie herum gekriegt, oder?“ James war hinter Debby getreten, versucht ihren unfeinen Wortschwall zu bremsen. „Komm herein, Ryan. Lass uns in Ruhe reden!“ Debby steht wie ein Pflock da, und James muss sie sanft zur Seite schieben, damit der Mann ins Haus treten kann. Betsy spielt mit ihren neuen Puppen und hat nicht wirklich Augen für den Besucher. Hi“, ruft sie fröhlich und hält einen Wolf aus Plüsch in die Höhe. „Den habe ich von Tante Anne bekommen!“ Ryan ringt sich ein Lächeln ab. Er hat mit Anne gemeinsam dieses Geschenk für Betsy erstanden. James greift nach der Flasche Canadian Bourbon und schenkt zwei große Gläser voll, wovon er eines seinem Gegenüber reicht. Ryan vermeidet es, der Aufforderung sich zu setzen, Folge zu leisten. Er bleibt an den Kamin gelehnt stehen und James tut es ihm gleich. Nachdem sie ausgiebig getrunken haben, beginnt James: „Es ist meine Schuld! Der Sheriff hat mir davon erzählt. Als ich Debby davon in Kenntnis setzte, hat Anne es auch gehört. Sie war ganz ruhig. Meinte, Du seiest ihr zu nichts verpflichtet, aber sie bestand darauf, gleich am frühen Morgen abzureisen. Sie ist längst zuhause.“ „... und heult sich die Seele aus dem Leib“, fügt Debby bissig hinzu, während sie sich in den Lehnstuhl platziert hat und dem Gespräch der Männer zuhört. „Ich hoffe, Sie kriegen für jede ihrer Tränen eine Warze am Arsch!“ „Debby, bitte“, versucht James entsetzt ihren unflätigen Zorn zu bremsen. „Denk an Betsy!“ „Was ist ein Arsch, Mommy?“, wirft das vife Kind dazwischen und versucht, ihrem Wolf ein Puppenkleid überzustreifen. „Das erfährst Du früh genug, Betsy! Es ist spät. Ich denke, es wird Zeit, Schlafen zu gehen! Komm, wir haben hier ohnehin nichts mehr verloren!“ Ein letzter feindseliger Blick, ein empörtes Schulterzucken und die beiden Mädchen verschwinden aus dem Wohnzimmer. „Tut mir leid, Ryan! Aber Debby macht sich Sorgen um Anne und ich gebe zu, ich auch! Sie ist sensibler, als es den Anschein hat. Das allein ist nicht das Problem, sondern, sie hat zehn Jahre Lügen und Betrug hingenommen. Sie begann wieder zu lachen und sich des Lebens zu erfreuen, als sie hierher kam. Sie blühte auf, seit sie ... Deine Bekanntschaft gemacht hat. Debby befürchtet, dass sie vielleicht depressiv werden könnte.“ Ryan schüttelt den Kopf. „Das alles ist ein Missverständnis“. Seine blitzenden Augen halten dem prüfenden Blick James’ gelassen stand. Und er hört, was Ryan McDonney als Erklärung parat hat. Erst ist er misstrauisch und schließlich erleichtert, als der Doc aus der Jackentasche ein zusammen gefaltetes Dokument holt, das er Annes Schwager reicht. Debby steht am Treppenansatz und blickt stumm zu den Männern hin. Und wenn er wieder log?
Ryan nimmt den Nachtzug. Zwei Uhr morgens. Es wäre zu riskant, mit dem Wagen zu fahren, und es würde auch zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Das unbeständige Wetter konnte jederzeit umschlagen und ihn unterwegs in der Einöde blockieren. Der Zug blieb fast in jeder Station, jedem Ort stehen. Es würde eine lange Fahrt werden. Er blickt ungeduldig auf seine Uhr. Seine ausgestreckten Beine reichen bis unter die Bank auf der anderen Seite des Abteils. Er ist allein. Wer fuhr auch schon, wie er, in der Christnacht durch Schnee und Eis, statt daheim am heimeligen Feuer im Kreise der Seinen jede Minute zu genießen und sich den gebratenen Truthahn einzuverleiben. Wasser läuft ihm im Mund zusammen, er kann ihn fast riechen, den Braten. Er kramt nach den belegten Hackfleischbroten, die Debby ihm eingepackt hatte, samt einer Thermosflasche Tee, angereichert mit einem kräftigen Schluck Bourbon. Während er den Happen verschlingt, überschlagen sich seine Gedanken. Es war nicht leicht gewesen, Annes Schwester von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen. So ein misstrauisches Biest, die Kleine! Bei James war das viel einfacher. Frauen übertrieben eben unmäßig, Männer gingen die Sache ruhiger an, mit mehr Überlegung. Er ist nicht sicher, ob Debby ihm vollends seine Geschichte abnahm. Aber sie wurde dann doch zugänglicher und rückte schließlich mit Annes Adresse heraus. Ihr Telefon hatte sie ausgeschaltet, das nervte ihn und er gab es schließlich auf, sie telefonisch erreichen zu wollen. Der Sheriff, diese alte Klatschbase, konnte den Mund nicht halten! All die Aufregung, weil ein pensionsreifer Mann sich gerne reden hörte! Er spült den letzten Bissen mit dem Inhalt der Thermosflasche hinunter, stellt seinen Kragen auf und zieht die Stiefel aus. Er konnte sich getrost auf der einen Bank zusammenrollen und versuchen ein wenig zu schlafen. Es war die zweite Nacht ohne Schlaf und er würde wahrscheinlich eine dritte nicht mehr durchhalten. Er bettet seinen Kopf mit dem zerzausten Haar auf seinen Rucksack und bald schon zeugt das leise Schnarchen von seinem verdienten Schlaf, denn sein Körper und Geist, die zwar eine Menge Strapazen gewohnt waren, forderten letztendlich auch ihr Recht!
Das schmucke Reihenhaus, im Nachgebauten viktorianischen Stil bietet einen Anblick von Familienglück und vollkommener Zufriedenheit. So können äußere Eindrücke täuschend wirken. Schwach versucht die fahle Wintersonne dieses späten Nachmittags sich durch die Wolken zu stehlen und die parkähnliche Wohnstrasse ein wenig zu erhellen. Ryan blickt zu ein paar Kindern im Garten gegenüber Annes Haus hin. Sie bauen einen Schneemann und sind gerade dabei, sich zu streiten, wer das Gesicht gestalten darf. Der Junge wird wütend und tritt dem weißen Dickbauch ein Loch in den Unterteil. Der Geselle sackt ein wenig ein, steht schief da und das Mädchen daneben beginnt laut zu heulen und nach ihrem Vater zu brüllen. Ein Mann kommt aus dem Haus, wirft ihm einen kurzen, interessierten Blick zu, bevor er versucht, den Streit seiner Kinder zu schlichten. Ryan versucht es nochmals. Die melodische Klingel verhallt ungehört im Inneren des Hauses. „Anne“! ruft er und klopft laut an die weiß gestrichene Eingangstür. Ein wenig Schnee rutscht vom blauen Dach und trifft ihn im Nacken. Er flucht, schüttelt sich und der Nachbar von Vis à Vis, ruft ihm erklärend zu: „Ich glaube, sie ist verreist, Mister! Da werden Sie kein Glück haben!“ McDonney winkt: „Ja, ich weiß. Aber sie ist seit gestern zurück. Wahrscheinlich schläft sie nur so fest!“ Der Andere nickt und bugsiert seine immer noch streitenden Ableger ins Haus. Diesmal mit schärferen Worten. „Heh, Anne! Wenn Du mich hörst, dann mach bitte auf, ja! Es ist wichtig!“ Ryan lässt nicht locker. Unmöglich, dass sie nicht da war an diesem Feiertag. Es ging bald auf den Abend zu, wo sollte sie wohl stecken? Er umrundet das Haus, steigt vorsichtig über, mit Leinensäcken frostsicher abgedeckte Rhododendrons, und späht durch jedes Fenster, das er erreichen kann. Die Gardinen versperren ihm den Grossteil der Sicht. Eine Küche, ein Schreibzimmer. An der Rückfront kann er schließlich Einblick in den Salon nehmen. Ein geräumiger Raum, Laura Ashley Sitzmöbel, die er natürlich nicht als solche erkennen kann. Auf dem geblümten Sofa eine Frauengestalt. Schlaff daliegend. Ein nacktes Bein war über die Kante des Möbelstücks gerutscht und sein Knie berührte den Teppichboden. Ebenso ein Arm. Daneben eine umgekippte, halb verschüttete Flasche Wein. Auf dem niedrigen Couchtisch liegen weiße Schachteln herum. Medikamentschachteln oder ähnliches. Diese Erkenntnis erschreckt ihn, sodass sich sein Magen plötzlich in böser Vorahnung zusammenkrampft. Der Fernseher in der Ecke plärrt irgendwelche Weihnachtslieder, er kann sie bis ins Freie hören. Das Gesicht Annes ist ihm abgewandt, er sieht nur die Flut ihres dichten Haares, und dann bekommt er es plötzlich mit nackter Angst zu tun. Er klopft an die Scheibe. So energisch, dass diese Gefahr läuft, gleich zu zerspringen. Es ist ihm egal, er brüllt und ruft, doch die Frau im Inneren zeigt keine Reaktion. Seine Angst wird zur Panik. Er bemerkt ein kleines Fenster, weiter unten, und wild entschlossen hockt er sich davor und schlägt es mit einem gezielten Schlag seines Ellbogens ein. Ein kurzes Klirren, als die zerbrochene Scheibe ins Innere fällt, dann Stille. Ein paar Krähen krächzen anklagend von den Wipfeln der umstehenden Bäume. Er nimmt es nicht wahr und steigt vorsichtig ins Haus ein. Seine Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht. Ryan findet sich in einer Art Abstellraum wieder, wahrscheinlich im Untergeschoss des Hauses. Er atmet erleichtert auf, als er die unversperrte Tür aufdrücken kann und springt die wenigen Stufen zum Korridor empor. Küche, Büro, Wohnzimmer. Im Flur, das ungeöffnete Reisegepäck, achtlos abgestellt. „Ihr Kinderlein kommet“, trällert fröhlich ein Jungenchor aus dem Fernseher. Er zieht das Kabel aus der Steckdose. Er mochte diese Art von Unterhaltung nicht, kannte sich mit den Dingern auch nicht aus. Stille breitet sich im Raum aus, er stürzt sich zu der Frau am Sofa, rüttelt sie und ruft ihren Namen. „Bitte, Anne, antworte! Tu’ mir das nicht an, hörst Du?!“ Sie ist nackt. Ein Badetuch, das sie wahrscheinlich um sich geschlungen hatte, ist zu Boden geglitten. Er hebt es auf, breitet es über ihre Blöße. Als er ein schwaches widerwilliges Ächzen hört, atmet er erleichtert auf. Er sucht das Bad, findet es, steigt über eine Flasche verschüttetes Duschgel, einen Badeschwamm, gleitet fast in der Lache aus und flucht. Rasch befeuchtet er ein Handtuch und begibt sich in den Salon zurück. Ein Blick auf die Medikamente, die auf dem Tisch verstreut umher liegen, machen seine Befürchtungen endgültig zunichte. Einfache Schmerzmittel, keine Antidepressiva, keine Schlafmittel. Er setzt Anne auf, versucht es zumindest und bettet ihr Gesicht an seine Brust. Das eiskalte, nasse Tuch berührt ihr Gesicht, die erhitzten Wangen, die feuchte Stirn. Sie murmelt etwas, protestiert, er kann sie nicht verstehen. Ihr Kopf fällt zur Seite, ihre Augen bleiben geschlossen. „Sie ist stockbesoffen“, murmelt er ungläubig! Er schlägt sie leicht auf die Wangen, ruft ihren Namen, ungehalten, erleichtert und schuldbewusst. Er frottiert ihren Hals, ihren Oberkörper mit dem Tuch ab, und bettet sie bequem zurück auf die Couch, schlägt ihr das Badetuch erneut über ihre verlockende Blöße und zählt die Tabletten, die aus der Packung fehlen. Fünf! Sie konnte keinen Schaden genommen haben, selbst wenn sie die alle auf einmal geschluckt hatte. Und der Wein, nun, der hatte sich ohnehin fast zur Gänze unschön auf dem Teppichboden ergossen. Schöne Bescherung! Dann prüft er ihre Atmung, ihren Puls, zieht die Augenlider hoch und konstatiert, dass sie für die nächsten Stunden wohl unansprechbar war. Er beginnt, beruhigt, ein wenig Ordnung zu schaffen, hebt sie dann hoch, - sie wiegt weitaus weniger als eines der verletzten Schafe, die er dann und wann bergen musste – und schafft sie in ihr Zimmer, ihr Bett. Als sie sich einrollt wie ein Murmeltier und irgendetwas wispert, das sich anhört wie „elender Schuft“ (er konnte sich auch verhört haben), atmet er erleichtert auf. Er lässt sie schlafen, begibt sich zurück ins Untergeschoss und reißt sich die dicke Jacke vom Körper. Es hatte eine furchtbare Hitze hier drinnen. Er dreht die Heizung unter dem Fenster ab und öffnet es weit. Angenehme kühle Winterluft strömt herein. Er atmet tief durch, zieht sie durch seine Lungen und wirft einen dankbaren Blick gegen den sich verdunkelnden Himmel. Er sieht die Schatten der Bewohner im Haus gegenüber, die anscheinend neugierig zu ihm herüber starren. Er grinst. Sicher waren die Leute nicht daran gewöhnt, Männerbesuch bei Anne zu konstatieren. Einzelgängerin, unauffällig, angenehme Nachbarin, darauf bedacht, niemands Ruhe zu stören. Nun, das würde sich ändern! Er würde das ändern. Er beginnt in der Wohnung umher zu wandern. Musterhafte Einrichtung, musterhafte Ordnung. Fotos der kleinen Betsy an der Wand, auf dem Bücherbord. Kinderbücher, Annes Bild auf der Rückseite. Er beginnt zu lesen, schmunzelt und greift zum nächsten Buch. Er würde sie zur Mutter seiner Kinder machen. Er war fest dazu entschlossen. Es war gut für sie und erst recht für ihn. Sie brauchte die Menschen um sich herum nicht mehr um deren Glück beneiden. Sie gehörte ihm und er war sich dessen sicher. Es war an der Zeit ruhiger zu treten und sie aus ihrem Kokon zu befreien. Sie würden ein hübsches Paar abgeben und er würde sie glücklich machen, weil sie die Einzige war, die ihm dieses tiefe Gefühl der Verbundenheit zu einem anderen Menschen gab. Er steht auf und sucht in der Küche nach etwas Essbarem, findet nur den Rest der ekeligen Pralinen, riecht daran und lässt sie danach in den Abfallkorb wandern. Er muss sich mit einer angebrochenen Schachtel Cornflakes begnügen und macht Tee. Er könnte einen Bären verschlingen. Als er den mickrigen Essensresten den Garaus gemacht hat, duscht er und begibt sich ins Schlafzimmer. Anne liegt da, wie er sie ins Bett verfrachtet hat. Auf der Seite, eingerollt, ein wenig schnarchend. Er grinst. Na, zumindest konnte sie ihm deswegen keinen Vorwurf machen. Er gleitet unter das weiche Federbett und nimmt sie in den Arm. Sie reagiert nicht einmal und er schläft fast auf der Stelle neben ihr ein.
Ihre Zunge liegt schwer wie eine Schnecke in ihrem Mund und sie blinzelt. Ein paar Sonnenstrahlen stehlen sich durch den Spalt der vorgezogenen Vorhänge. Der warme Körper, der sich an ihren Rücken presst, ist der Ryans. Was machten dann ihre Vorhänge in seiner Blockhütte? Sie versucht ihren Geist zu schärfen. Und da ist sie wieder. Die Enttäuschung, der Schmerz, die Einsamkeit. Nein. Einsamkeit wohl nicht! Sie ist wach und es ist ganz sicher kein Traum, dass sie diese sehnigen Arme um ihre Mitte spürt, die harten Schenkel an den ihren. Was war diese Welt der Parallele? Eine neue Dimension? Verwirrung ihres Geistes? Oder doch noch Traum, der ihr Wachsein vorgaukelte? Sie hört ihren eigenen, beschleunigten Herzschlag, liegt still und betrachtet ihr Zimmer. Sie war zuhause. Nichts mit Blockhütte, nichts mit Traum! Aber, dass Ryan sie festhielt und leise in ihr Haar schnarchte, das war Realität. Sie blickt auf den weißen Papierbogen auf ihrem Nachttisch, befreit einen Arm vorsichtig aus seiner Umarmung und schnappt ihn sich. Bunte Flugbillets, die sie auch als solche erkennt, fallen aus dem Umschlag, der beigefügten Weihnachtskarte. Sie betrachtet die schwungvolle, fast unleserliche Schrift darauf.
„Anne, Darling! Das ist mein Weihnachtsgeschenk an Dich! Ich hoffe, Du bist damit einverstanden und nimmst es an. Wir wollen dem Winter für ein paar Wochen entfliehen und Afrikas Sonne gemeinsam genießen. Lass mich Dir den Zauber des schwarzen Kontinents näher bringen. Sei mein! Für immer! In Liebe Ryan!“
Ihre Hand zittert leicht und sie lässt sie kraftlos auf die Decke zurück sinken. Das war also Ryans geplante Abreise gewesen! Darum hatte er ihr alles verschwiegen! Er wollte sie mit dieser Reise überraschen, ganz spontan. Ebenso wie er da so neben ihr lag, als sei das das Selbstverständlichste der Welt. In ihrem Haus, ihrem Bett, hunderte Kilometer von seinem zuhause weg! Er hatte nie vorgehabt, sich klammheimlich und allein abzusetzen! Sie spürt, dass er sich regt, hält still und lässt ihn langsam wach werden, während sie von allen möglichen Gefühlen überwältigt wird. Zärtlichkeit, Bedauern, Erwartung. Schließlich dreht sie sich herum, sieht in seine halb geöffneten Augen, die unter den geschwungenen, dichten Wimpern verborgen ihren Blick suchen. Sie hält die Weihnachtskarte ein wenig hoch, damit er sehen kann, dass sie alles weiß. „Es tut mir so leid“, flüstert sie. „Ich muss wieder lernen vertrauen zu können“. Er küsst diese Worte von ihren Lippen und verstärkt den Druck seiner Hände um ihre Mitte. „Ich werde Dir dabei helfen“, murmelt er und sie spürt, wie seine Erregung wächst. „Tu mir das nicht wieder an, Anne!“ Seine Bitte hat fast etwas unterschwellig Drohendes an sich. Sie überlässt ihm ihren Körper und ihr Leben. Nichts anderes zählt mehr. Er war hier und sie hatte den Irrtum ihres Lebens begangen. Sie war nicht unfehlbar. „Liebe mich“, haucht sie unter seinen Küssen. „Lass mich nie wieder los!“ Während er ihrer Bitte ohne zu Zögern nachkommt, lichtet sich die von Wolken überschattete Parklandschaft draußen und die Stärke der durchbrechenden Sonnenstrahlen entreißen dem Wolkenhimmel sein dunkles Recht, um Hoffnung auf Licht und neues Leben in die Herzen der Menschen zu zaubern.
Ende eines Wintertraums
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