XVII.

 

Ich wartete natürlich nicht, bis er von alleine kommen würde.
Die Zeilen, die er mir hinterlassen hatte, sprachen für sich.
Manchmal hat es Vorteile nicht mehr so jung zu sein. Erfahrungen.
Viel zu viele ‚ichs’ am Satzbeginn. Es ging vor allem um ihn.
Dennoch rührten sie mich ungemein.
Es musste ihn viel Überwindung gekostet haben.
Wenn er damit umgehen hätte können, wäre er am Morgen da gewesen oder noch am selben Abend. Er hätte offene Türen eingerannt.
Das war nicht das Verhalten, das man von einem Mann seines Alters erwartet, aber man konnte ihn auch nicht so beurteilen. Er hatte gigantische Defizite.
Dafür hatte er sich anderweitig blendend geschlagen.
Und damit meine ich nicht die Horizontale.
Er hatte sich entwickelt, sich an die Umstände angepasst.
Er hatte erkannt, dass die Dinge anders lagen, als er erwartet hatte und hatte sich hinein gefunden. Er hatte recht viel  Einfühlungsvermögen bewiesen.
Mehr als ich von anderen bekommen hatte.
Er musste sich schon sehr schämen, soweit zu gehen.
Die Flucht anzutreten. Mir anzubieten, asap zu verschwinden.
Es war KEIN Thema. Sonntag war der Tag X.
Wenn es da nicht klappen würde, blieb ihm nur ein kühles Grab.
Nicht im Ozean. Nur in meinem Garten.

Er hatte es verdient.
 Nicht das Grab--
Dass ich eine Stunde später auf Jacksuche ging.
Ich fand ihn ungefähr drei Kilometer von meinem Haus.
Komatös auf einer Bank. In meine ozeanfarbene Decke gewickelt.
Es nieselte. Ich hatte einen Schirm dabei.
Schlag Mittag erwachte er. Eine gute Stunde später.
Ich merkte es erst, als er sich aufrappelte.
„Are you well?” fragte ich ihn. Er zuckte die Achseln, konnte mich nicht ansehen.
„Let’s go. I am hungry.” erklärte ich, klopfte ihm bedeutungsvoll auf die Schulter. Er lächelte schuldbewusst. Dankbar.
Wir sprachen nicht, während wir zurückgingen.
„Look!!“ rief Jack plötzlich. Die Sonne war durch die Wolken gebrochen und ein Regenbogen wölbte sich am Horizont.
Wir standen oberhalb des Tals, hatten einen herrlichen Blick auf dieses Naturphänomen.
„How beautiful... the full spectrum of colors..” murmelte ich hingerissen.
“Indeed” stimmte er zu, sah mich nachdenklich an.

„I want to go home.” erklärte er, als wir zurück waren.
 Ich spürte einen schmerzhaften Stich. Irgendwas in ihm gab nach.
Es hatte sicher mit seinem Energiepensum zu tun.
Er näherte sich der Endphase.
„You will. But not before Sunday. It isn’t possible. And I am glad it isn’t.” fügte ich hinzu.
Jack stutzte. Er sagte nichts, aber seine jämmerliche Grimasse sprach Bände.
„Jack, please. I still adore you. You apologized. So what. We both have our issues. You did wrong. I did. So what. Is it worth spoiling the rest of the time we have?”
Seit wann bin ich so weise?
Manchmal. In Worten. Weniger in Taten. Manchmal auch in Taten.
Ich ging zu ihm und küsste ihn wie eine Frau einen Mann küsst, dem sie vertraut, den sie begehrt und den sie versteht. Soweit frau Männer verstehen kann.
Ich verstand Jack. Ein Stück weit. Und ich wollte nicht auch noch die drei Tage und ein paar Stunden verlieren, die uns noch blieben.
Ich wollte keine Schuld, kein Bedauern in seinen wunderbaren Augen sehen.
Ich wollte es unbedingt verhindern.

“I found a great movie for tonight. Lost in translation. A film about people in strange  surroundings.. People dealing with different cultures and habits. Interested?”schlug ich vor während wir Pasta Bolognese vertilgten.
„Oh. Sounds .. fitting.”
mümmelte er. Kluger Goldilocks.
„When?“ „ Tonight. We head off 7.30. Ever had Chinese food before?”
Er schüttelte den Kopf.
„Guess you will have a bit to tell when you are back.” Ich zwinkerte.
“About Chinese and Italian food, Captain.
It’s everything about the food.  Are you with me?”
Er schmunzelte. “With you. I am with you.”
“I trust you. Jack, help me. I don’t want to look back and ask myself why I didn’t do what I could. We both had our lessons. You don’t owe me anything.
I adored your little letter. I will keep it. Like the dress I wore last Monday.
All my memories of that ball. It was very special to me. It was awesome”
versicherte ich ihm.
“I’d really like to stay. But there is something like a magnet drawing me back.
It gets stronger.”
Er sah mich hilflos an.
„That’s good.  Natural. It will draw you back. I couldn’t live with you being burried under my roses…” witzelte ich lahm. Er rollte warnend mit den Augen.

Er half mir die Küche aufzuräumen. Es war später Nachmittag.
Ich war müde.
Body and soul.
“Can you do me a favour?”
*fragte ich ihn. Jack sah mich aufmerksam an.
Ich sah es am Wandern des einen Auges, ich vergesse immer welches, wenn er müde, bewegt oder genervt war.
„I am so tired. Would you please hold me and stay a while? When you are gone there’ll be nobody, so I have to abuse the opportunity a bit” erklärte ich, versuchte einen ironischen Unterton hineinzubringen. Es gelang mir nicht ganz.
Er sagte nichts. Er war einfach da.
Ich stellte den Wecker auf sechs Uhr, für alle Fälle.
Nach wenigen Minuten kam er, legte sich zu mir.
„Thank you“ murmelte ich, zog seine Arme um meine Mitte.
Wir dösten einfach, wärmten uns. Nicht mehr. Nicht weniger.
„Do you regret?“ fragte ich ihn irgendwann.
„What I did?” wollte er wissen.
„Well.. ask me Sunday.. that place under the roses. They must be beautiful in summer.” ergänzte er leise.
„I will send you a picture.”
witzelte ich. ”Or I better bring it to a screening of M&C so you can see it.” Ein kurzes Lachen. Dann Stille.

“Isn’t it amazing?” wollte er wissen.
„Yes. It is. You are. I am glad I went for you. Glad we met.” antwortete ich.
“No matter how it will turn out.”
“So am I. Indeed.“ fügte er hinzu, zog mich enger an sich.

Der Film war special. Er war für viele Preise nominiert, gewann einige davon.
Das Chinarestaurant bei mir lieferte bis 23.00. Das schafften wir grade noch, holten unser Dinner ab und fuhren heim.
Es wurde der wundervollste Abend, den ich mit Jack verbracht habe.
Entspannt und friedlich. Vorher war immer eine gewisser Druck auf mir gewesen.
Trotz des kleinen Unfalls.
Und wir hatten nicht mal Sex.
Na sowas.

„This is very different from anything I tasted before. Great flavor.”
stellte er fest. Ich hatte jeweils eine kleine Portion verschiedener Gerichte bestellt und mehrere Vorspeisen. Jack probierte alles.
Ich bat ihn das Dessert zu flambieren. Gemischte gebackene Früchte in Honig.
Er goss das kleine Fläschchen Pflaumenschnaps drüber und wollte gerade das Streichholz anmachen. “Be careful, don’t step that close.“ warnte ich ihn.
Er sah mich genervt an. “Yes, Mommy.“ frotzelte er, hielt das Flämmchen an die Flüssigkeit.  Ein leises ‚Puff’ und etwas begann zu knistern und  penetrant nach schmorendem Keratin zu riechen.
Eine Sekunde später ‚löschte’ ich eine Strähne, die ihm aus dem Zopf gerutscht war und prompt Feuer gefangen hatte mit meiner Weißweinschorle, bevor der Brand größere Schaden anrichten konnte.
Jack machte einen  Satz, fluchte: “ What the hell are you doing!!” Er triefte etwas. Es war ein großes Glas gewesen und ein volles dazu.
Dann bemerkte er den eindeutigen Gestank, fasste sich ins Haar.
„Oh, shit..“ Ich war aufgesprungen, sah  mir den Schaden an.
„It’s not bad. Did it burn the skin? Are you hurt?” fragte ich besorgt.
„No, I’m fine. Oh, dear, thank you. I should have listened to Mommy.” meinte er kleinlaut. Ich schnitt den verschmorten Rest ab. Man sah nichts. Das kurze, übrige Stück verschwand zwischen den anderen Haaren.
„No further damage to your male beauty, Captain.“zwinkerte ich.
Er rollte mit den Augen, ging nach oben, um den nassen Sweater auszuziehen.
Ich flambierte solange das Obst fertig, lüftete, damit der Gestank von verschmortem Eiweiß wich.
Jack krönte seine Früchte mit einem halben Liter Vanilleis. Es war ein Genuss ihm dabei zuzusehen, wie er Löffel für Löffel auf der Zunge zergehen ließ, zwischendurch von den knusprig umhüllten Stücken Ananas, Banane und Apfel naschte.
„I will miss this..” seufzte er bedauernd.
„I hope you will forget soon. You told me, you had almost forgotten my existence when I came back that last time, when you left the screen.”Ich hatte diesen Gedanken schon länger ansprechen wollen.
Jack sah mich befremdet an. “You want me to forget…all?” fragte er beunruhigt.
Ich nickte.
”Would be the best for you. The memories could give you a bad time. Could make you unhappy and unsatisfied.” erklärte ich.
Er sah mich nachdenklich an. “
You are right but I don’t want to forget. What happens, happens. I don’t have a choice. I will miss all that comfort. Sleeping in a soft, clean, big bed. Having such great food and wine. All these amazing things I saw and you made possible for me. And the most I will miss your company …and all what came along with it. From this angle it might be better not to remember that well...” seufzte er.
“But you will not forget..” sinnierte er, sah mich mit einer Mischung aus Bedauern und Mitgefühl an.
“Helga?”
“Hmm?”
“If I give you reason for another fight like yesterday, please whack me with that hard wooden brush.”meinte er ernsthaft.
“Aye,
aye. At your service, Captain. And I will enjoy it, be sure. Kichern.
“Is there anything you’d  want to see or do the next days?” fragte ich ihn.
Er schüttelte den Kopf.

“I leave it to you. Actually I feel quite worn since yesterday.
Tired. Sleepy.”
“Maybe you caught a cold while staying outside in the rain.”
“Maybe. My head aches.” klagte er.
„Go for a hot shower. I will give you a shoulder and back massage afterwards.
Might help. You are quite tense in that area.”schlug ich vor.
“Good idea.” stimmte er etwas lahm zu. Er schien echt angeschlagen.
Ich räumte solange auf, stellte das Geschirr in den Spüler.
Eine Viertelstunde später kam er topless aus dem Bad, legte sich bäuchlings aufs Sofa. Ich kniete in Hüfthöhe über ihm, verteilte etwas Lotion auf seinem mächtigen Kreuz und begann ihn zu massieren. Er genoss es sichtlich, gab die ganze Zeit begeisterte Töne von sich.
„Stop moaning, it turns me on..” jokte ich.
Er hob verschlafen den Kopf, brummelte: “What..?“
„Nothing. Shall I go on a bit?“
“Ah,yes please.
Wonderful.” Wenig später pennte er.
Ich krabbelte vorsichtig runter, um ihn nicht zu wecken, deckte ihn zu.
Schade. Sein Gestöhne hatte mich echt angespitzt.
Was war ich in den paar Tagen nur für ein lüsternes Weib geworden...

Es dämmerte, als ich aufwachte, weil  er  unter meine Decke kroch.
„Are you better?” murmelte ich. “Yes. Thanks.” erwidert er und schmiegte sich an meinen Rücken, fing an mein linkes Bein zu streicheln, schob dabei das Nachthemd hoch. Sechs Uhr früh. Testosteron- Alarm...
„If I’d moan a bit, do you think it would turn you on?”
witzelte er vorsichtig.
Also hatte er doch verstanden, hatte nur nicht zugeben wollen, dass er nicht in Stimmung gewesen war.
„Using your other hand as well might be more successful..” schlug ich vor.
“Well, I was considering it, now that you bring it up..”

Das Nachthemd wanderte weiter nach oben. Ich war nicht in Stimmung für neckische Spiele, mir war nach Action.
Er stieß einen überraschten, erfreuten Laut aus, als ich mich zu ihm drehte und beide Beine besitzergreifend  um ihn schlang.
Unmissverständlich.
„I never ever believe I might  forget how good this feels…”
ächzte er wenig später.
“Stop babbling, Jack. Better kiss me..” wies ich ihn an.
„Aye Aye, Mylady. Your wish is my command.“

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