DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 3

Erstes Kapitel – Auf Messers Schneide

 

„Was geschieht nur mit uns?“ Die junge Frau streicht müde ihr volles, dunkles Haar hinter das linke Ohr und ihr Blick ruht auf den undurchdringlichen Zügen ihres Mannes, der erstaunt die Augenbrauen hoch zieht. Er zuckt unbeteiligt die Schultern: „Was schon? Du bist hysterisch und siehst Gespenster!“

Seine schleppenden Worte klingen in keiner Weise verärgert oder anklagend, es ist eine reine Feststellung und Anja zweifelt einmal mehr an sich selbst. Sie verliert immer mehr die Inspiration für ihre Bilder und die Freude, daran zu arbeiten. Es ist ihr, als wäre sie innen hohl, leer und als wäre dies erst der Beginn eines Abstiegs in die Hölle. Sie ist müde, sie ist es leid, die Verstehende zu mimen und für jede Handlung ihres Partners eine Entschuldigung zu finden.

Der gut aussehende Mann an ihrer Seite, der angelegentlich und bedächtig das glänzende Fell des Hengstes bürstet, mit langen, sanften und gleichmäßigen Strichen, fährt ruhig fort zu sprechen, so als habe er es mit einem begriffsstutzigen Kind zu tun: „Ich kann dir nur wiederholen, der Graf hat sich entschuldigt für sein Benehmen. Er war betrunken! Ich glaube außerdem, du hast dich ein wenig dumm angestellt. Was deine Vermutung der Ungarin wegen betrifft, so habe ich dir auch das klar und deutlich zu erklären versucht: Ich war stockbesoffen und sie hat mich begleitet, aus Angst, ich würde mir den Kopf irgendwo anrennen. Eine verrückte Henne, aber überhaupt nicht mein Typ!“

„ Dein Typ sind wohl kleine Mädchen im Lehrlingsalter!“ entfährt es Anja und sie runzelt die Stirn in Erinnerung an den Zwischenfall in Salzburg.

Charly sieht auf und lässt die Bürste auf dem Hals des Pferdes ruhen, als er seufzend erwidert: „Schon wieder diese Eifersucht! Du treibst mich noch zum Wahnsinn damit! Ich glaube ernstlich, du solltest dich psychologisch behandeln lassen, meine liebe Frau! Ich habe dich geheiratet, was willst du mehr? Du bist durch mich Baronin geworden und wohnst in einem Schloss, wann immer du es wünscht! Aber begreife endlich, dass du mich nicht an dich ketten kannst, vierundzwanzig Stunden lang am Tag. Wenn du das von mir erwartest, dann wirst du eine Enttäuschung nach der anderen erleben! Besser du passt dich meinem Lebens- Rhythmus  schon jetzt an. Du hast deinen freien Spielraum, ich enge dich nicht ein oder mache ein Heimchen am Herd aus dir! Mache du Studium fertig, kümmere dich um das Kind und ich lasse mir die Organisation der Verwaltung über. Mehr verlangt niemand von dir! Lasse mich mein Leben führen wie ich es gewohnt bin, denn daran wirst du mit deiner ewigen Nörgelei und mit deinen konventionellen Lebensanschauungen auch nichts ändern können. Dass ich oft unterwegs sein werde und auswärts zu tun habe, daran musst du dich schön langsam gewöhnen. Sieh deinen Vater an! Wann ist der schon zu erreichen? Doch keiner sieht darin einen Fehler, im Gegenteil, du vergötterst ihn in stummer Anbetung, was ohnehin schon pervers ist! Aber hast du Carla schon einmal deswegen flennen hören »?

Anja schluckt die Entgegnung, die ihr auf der Zunge liegt, er solle sich nur nicht mit ihrem Vater vergleichen, hinunter, denn sie will die Sache nicht noch verschlimmern.

Gleich nachdem sie am Flughafen angekommen war, hatte sie sich in den Wagen gesetzt und wollte das klärende Gespräch mit ihrem Mann hinter sich bringen. Hören, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Warum schaffte er es einmal mehr, dass sie sich schuldig fühlte?

Als hätte er ihre Gedanken erraten, fügt er mit einem breiten Grinsen hinzu: „Du hast mich böswillig verlassen, das ist dir doch klar, oder? Vor jedem Ehegericht hätte man dich deswegen verurteilt!“

„Lächerlich! Ich habe meinen Vater besucht!“ verteidigt sie sich.

„Und dich verleugnen lassen!“ setzt er genüsslich hinzu. „Dass auch ich mir Fragen stellen könnte, wo du dich herumtreibst, darauf bist du wohl nicht gekommen! Ich habe dir bezüglich meines Lebensstils nie etwas vorgemacht oder jemals versprochen mein Leben zu ändern, das weißt du genau! Da nützt dir auch die Verschwörung gegen mich mit deinem Vater nichts!““

„Aber warum hast du dann auf Heirat gedrängt? Wir kannten uns noch nicht einmal genügend!“

„Warum hast du dann eingewilligt? Ich wusste, dass du nur darauf warten würdest, dass ich dich darum bitte. Oder täusche ich mich da? Vielleicht hättest du dir alles besser überlegen sollen?““

„Nein, ich liebe dich, aber ich habe mir alles anders vorgestellt. Ich will nur deine Ehrlichkeit, Charly. Genügt dir meine Liebe nicht mehr, nach so kurzer Zeit? Engt dich meine Gegenwart ein? Früher hattest du mich gerne um dich!“

Seine dunklen Wimpern beschatten die honigfarbenen Augen und sein Lächeln ist fast verächtlich und leicht spöttisch, als er erwidert: „Du bist verrückt nach mir, Anja! Du verbrennst innerlich, wenn ich dich angreife, du vergehst wenn ich dich liebe, oder bestreitest du das etwa?“ Sein Kopf ist dem ihren ganz nahe und er ist sich seiner Wirkung auf sie völlig bewusst. „Du kannst nur an das eine denken, wenn ich in der Nähe bin“, flüstert er und lässt sie Pferdebürste ins Stroh fallen um ihren Kopf zu umfassen und zu sich heran zu ziehen: „Warum willst du unbedingt Probleme zwischen uns erfinden. Es ist alles wunderbar. Wir passen zueinander und geben uns gegenseitig viel. Aber versuche nicht, mich in dein engstirniges Schema zu pressen, du machst dich selbst unglücklich dabei!“ Er küsst sie hart und fordernd und sie spürt, wie schwach sie bei seiner Berührung wird, doch sie stemmt sich gegen ihn und stößt ihn weg. „Es genügt mir nicht, Charly. Ich will mehr als deine sporadischen Zärtlichkeiten!“

Er sieht sie überrascht an, als könne er nicht an diese Reaktion glauben.

„Spiel nicht mit mir, Anja!“ Er spricht leise und drohend. „Ich lasse mich von dir nicht zum Clown machen. Du kannst gegen mich nur verlieren und das weißt du! Also entweder spielen wir das Spiel nach meinen Regeln oder du läufst weiterhin gegen eine Wand!“

Schwer atmend antwortet sie ihm wütend: „Soll das heißen, dass du dein  Hurenleben weiterführen wirst und ich dabei zusehen soll?“

Mit einem raschen Griff hat er sie beim Haar gepackt und hält ihren Kopf fest. Aufgebracht zischt er sie an: „Pass auf, was du sagst und schlage dir deine hysterischen, paranoiden Anschuldigungen aus dem Kopf. Du solltest mich nicht unterschätzen!“

„Du mich auch nicht! Und drohe mir nie wieder!“ Mit einem Ruck befreit sie sich trotz des dumpfen Schmerzes, den ihr sein brutaler Griff verursacht hat, und sie dreht sich auf dem Absatz um, bereit den Stall zu verlassen.

„Gehst du wieder zu Papa, dich ausweinen?“ höhnt er ihr hinterher. „Lass ihn schön grüssen von mir!“

Sie schlägt die Stalltür mit einem lauten Krach ins Schloss und atmet tief durch. Der Schnee war geschmolzen und hat den Hof in ein schlammiges  Meer von Furchen und Rinnen verwandelt, teilweise noch mit Wasserpfützen bedeckt. Tränen der Ohnmacht und Wut steigen in ihre tiefblauen Augen. Ich hasse ihn, denkt sie, und weiß, dass es nicht stimmt.

Sie beschließt allein auszureiten, um wieder einen  klaren Gedanken fassen zu können und geht ins Schloss zurück, um sich rasch umzukleiden. Mit einer dicken Daunenjacke und den Reitstiefeln ausgerüstet, will sie, wieder im Reitstall, eines der Pferde satteln, und sucht nach dem Zaumzeug ihrer Lieblingsstute. Sie hört Charly am anderen Ende des Stalls mit jemanden sprechen. Als sie die Stute gesattelt aus der Box führt, versteht sie ein paar Wortfetzen, ohne wirklich die Absicht zu haben, mitzuhören. Es ist der Jurist, Dr. Weigert, der mit Charly spricht, der eben eindringlich sagt: „Du musst mit ihr reden, wenn möglich in einer schwachen Stunde!“

‚Pah’’! Denkt sie. Die schwachen Stunden werden immer seltener!’

Charly murmelt irgendetwas, und der Freund und Anlageberater des Barons lacht und fügt hinzu: „Dann mach ihr ein Kind, so ist sie beschäftigt. Frauen sind gern schwanger, manche sogar süchtig danach! Vielleicht gehört sie auch dazu! Es liegt bei dir, dies herauszufinden!“ Sie hört wie beide Männer verhalten lachen und wütend stößt sie die Stalltür auf, um das Pferd ins Freie zu führen.

Als sie aufgesessen hat und aus dem Hof reitet, denkt sie bitter: ‚Er spricht also über mich mit seinen Freunden. Nette Erfahrung! Und die guten Ratschläge, die er auch noch bekommt! Männer!’

Weit spritzt der Schlamm unter den Hufen des Pferdes hoch, als sie es angaloppiert, um in beängstigendem Tempo dem Wald und seiner schützenden Stille zuzustreben, während ihr Herz ein wildes Stakkato schlägt, aus Verletztheit, Zorn und Enttäuschung!

Sie hat keine Gelegenheit mehr, sich mit Charly zu streiten, weil dieser noch am gleichen Abend nach Salzburg fährt ohne sich von ihr zu verabschieden oder sie zu fragen, ob sie nicht mitkommen möchte. Alles was sie hört, ist das Knirschen des Kies, als er den Wagen aus der Schlossanlage auf die Landstrasse lenkt. Er lässt  ihr durch Dr. Weigert mitteilen, sie solle sich nicht sorgen, was sicher ironisch gemeint war.

„Er hält es nicht lang irgendwo aus, in seinen Adern fließt unruhiges Blut!“ entschuldigt der Anwalt seinen Freund und Schützling. „Er ist manchmal impulsiv und danach tut es ihm leid. Na ja, spanisches Blut, zum Teil!“ Er blickt Anja dabei an, die eben dabei ist, ihre Tasche im Wagen zu verstauen, sie hat nicht vor, die Einsamkeit hier zu genießen. Er wartet auf ihre Reaktion zu seinen Worten. Doch sie schweigt. Weigerts Äußerungen interessieren sie nicht ein bisschen. Ungeduldig will er wissen: „Anja, hören sie mir überhaupt zu?“

„Ich will nicht über meine Ehe mit Ihnen sprechen, Dr. Weigert. Entschuldigen Sie mich, aber jetzt muss ich wirklich fahren, es wird spät!“

Er hält ihr die Wagentür auf: „Er hat Sorgen, deshalb reagiert er so überempfindlich!“ Zum ersten Mal sieht sie den ältlichen, schlanken Mann mit dem fast weißen Haar an und entgegnet: „Welche Sorgen kann Charly haben? Das ist lächerlich. Sie brauchen ihn nicht andauernd in Schutz zu nehmen, er ist kein Kind mehr!“

„Er hat Schulden! Spielschulden! Ich dürfte ihnen das nicht sagen, aber Sie sollten Bescheid wissen, denn irgendwann erfahren Sie es ja doch! Sie erlauben?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten setzt er sich auf den Beifahrersitz des Wagens und schlägt die Tür zu. „Anja“, sagt er beschwörend. „Es ist schlimm, so schlimm, dass er um sein Leben fürchten muss!“

Ein kläglicher Ausruf, der wie ein Auflachen klingen sollte, entfährt der unangenehm überraschten Frau: „Soll das ein Scherz sein? Charly verfügt über alle meine Konten!“ Der Anwalt nickt und hebt bedauernd die Schultern: „Er hatte viel Ausgaben in letzter Zeit. Sie sollten sich die Konten einmal durchsehen, ich fürchte, Sie werden eine unangenehme Überraschung erleben, Baronin. Aber sie dürfen ihm nicht erzählen, dass sie es von mir wissen, versprechen Sie es!“

„Wie viel? “ fragt sie rau, und starrt dabei aus dem Wagenfenster, das sich langsam mit Dunst beschlägt.

„Mehrere Millionen!“ antwortet er, „Dollar!“ setzt er hinzu und Anja schluckt. Sie spürt, wie das Wageninnere sich um sie zu drehen beginnt.

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Die momentane Blässe ihres Gesichtes macht ihm Angst.

„Ich wusste nicht, dass Charly auch spielt!“ sagt sie brüchig, nachdem sie sich gefasst hatte.

„Warum glauben Sie denn, war er bankrott? Es ist verbotenes Glücksspiel und er hält es natürlich geheim. Ich weiß davon, weil er mich braucht! War es doch an mir, seine Dummheiten jedes Mal, solange es noch ging, auszubügeln. Die Leute, mit denen er spielt, sind keine Engel, wie sie sich vorstellen können. Mafia-Milieu, würde ich sagen, obwohl ich die Summen jeweils nur auf ausländische Nummernkonten überweisen musste. Aber soviel weiß ja jeder Laie! Aber man darf ihn deshalb nicht verurteilen! Ich kenne Charly seit vielen Jahren und bin der Meinung, dass es zum Grossteil die Schuld seines Vaters ist, dass er in dieses Milieu geschlittert ist. Der alte Herr hat ihm einfach nie einen Riegel vorgeschoben und ihn in dem Glauben heranwachsen lassen, dass die Welt ihm gehöre ».

„Er hat mir erzählt, sein Vater hätte sich an der Börse verspekuliert.“

Dr. Weigert macht eine wegwerfende Handbewegung: „Das erzählt er jedem. Was sollte er sonst tun, um sein Gesicht zu wahren?“

„Es vielleicht mit Ehrlichkeit versuchen, zumindest mir gegenüber!“ erwidert sie trocken. „Und was erwarten Sie jetzt von mir?“ Um sie herum bricht die Welt im Zeitlupentempo in kleine Trümmer und sie spürt, wie ihr der Boden langsam unter den Füssen weggezogen wird.

„Sie können ihn retten, Anja! Verkaufen Sie doch ihre Ländereien im Elsass. Ist doch nur Land, sie haben nie dort gelebt und es bedeutet Ihnen nichts!“

„Woher wollen Sie denn wissen, was mir etwas bedeutet?“ Sie glaubt ihren Ohren nicht zu trauen. „Es ist die Heimat meines Vaters!“ Sie ist völlig entgeistert über seinen Vorschlag.

Weigert schüttelt den Kopf: „ Frédéric Hardtbergs Heimat ist die ganze Welt! Ich kenne seine Geschichte! Auch er hat dort nie mehr leben wollen, ich habe mich informiert. Ich bin sicher, er bringt Verständnis dafür auf. Es geht um das Leben ihres Mannes! Die russische Mafia regelt solche Angelegenheiten ohne Umschweife, eine Kugel aus dem Hinterhalt und kein Täter weit und breit. Fast täglich liest man solche Geschichten in den Wiener Tageblättern!“

Anja weiß sehr gut, dass der Anwalt Recht hat. Wien, im Herzen Europas, an der Grenze zu Ost und West, war der beliebteste Spielplatz der Ostmafia und blieb unantastbar, viel zu mächtig und einflussreich für Interpol oder die örtliche Polizei. Anja lässt ihre Stirn aufs Lenkrad sinken und umklammert es mit beiden Händen. „Ich kann nicht!“ flüstert sie und schließt die Augen.

„Versuchen Sie es, Anja! Charly würde es Ihnen nie vergessen, wenn Sie ihn noch einmal retteten. Es wäre ein weiterer Beweis Ihrer Liebe. Ich habe Sie eingeweiht. Sehen Sie selbst die Konten durch und kontaktieren Sie mich, wenn sie es sich anders überlegt haben. Sie können mich Tag und Nacht erreichen“. Er entnimmt seiner Brusttasche eine Visitenkarte, die er auf das Armaturenbrett legt und steigt aus dem Wagen.

„Kommen Sie gut in die Stadt!“ sagt er zum Abschied und dreht sich um, um mit hochgestelltem Jackenkragen zu seinem eigenen Wagen zu eilen.

Sie bleibt noch minutenlang so sitzen, mit vornüber gebeugtem Kopf und geschlossenen Augen. Sie hört, wie Weigert den Motor anlässt und sich das Fahrzeug entfernt. Erst dann öffnet sie langsam die Augen. Charly hatte also ihr väterliches  Erbe verspielt! Sie war nicht bereit das einfach zu akzeptieren! Sie musste auch an Leyla denken. Die Geschehnisse überschlugen sich seit ihrer Hochzeit und es kommt ihr vor, als wäre sie im Wagen einer unendlichen Berg- und Talbahn gefangen, und hätte keine Möglichkeit auszusteigen, weil die Bahn nie anhielt und sie selbst nicht mehr wusste, wo sie sich festklammern konnte. Der Gedanke, dass sie mit ihrem Vater darüber sprechen wird müssen, verursacht ihr Übelkeit, und nur zögernd macht sie sich auf den kurzen Weg nach Wien.

 

*******

Frédéric hat den Kopf schwer auf beide Hände gestützt und sieht sie entgeistert an: „Zweieinhalb Millionen Dollar?“ Er betont jedes einzelne Wort und schüttelt schließlich den Kopf. „Nein, das kann ich unmöglich aufbringen.“ Er sieht durch sie hindurch und fixiert einen Punkt irgendwo an der Wand seines Wiener Büros. „Ich wüsste nicht wie, ohne dass dadurch andere Menschen zu Schaden kämen!“

„Ich habe überlegt, ob ich die Ländereien in Kaysersberg verkaufen soll ». Anjas Stimme klingt fast kleinlaut, als hätte sie Schuld am Dilemma dieser Situation. Aber hatte sie das nicht ohnehin? Immerhin war Frédéric gegen diese Heirat gewesen und hatte sie vor Charly gewarnt.

„Hast du dir eigentlich ausgerechnet, was er in den paar Monaten ausgegeben hat?“ fragt er sie fassungslos und sieht sie nun direkt an.

„Ja, es ist unfassbar. Ich bin erschüttert und verzweifelt. Ich weiß auch nicht, wie das hat passieren können. Aber er war so hoch verschuldet! Es wird eine Weile dauern, bis wir diese Summen wieder wettmachen werden können. Aber nun ist die Situation total aussichtslos. Papa, sie werden ihn umbringen, das weißt du! Oder sie werden sich an mir oder Leyla rächen wollen!“

„Was soll ich tun“? Frédéric fährt sich einige Male mit gespreizten Fingern durchs Haar, wie es seine Angewohnheit ist, wenn er außer Fassung geriet. „Er ist ein erwachsener Mann! Ich würde ihn für unzurechnungsfähig erklären lassen! Ja, das würde ich! Der Mann ist verrückt! Wie kannst du jemanden lieben, der so unverantwortlich handelt! Er hat nie an dich gedacht oder an die Kleine, nur an sein Vergnügen! Mistkerl!“ Er schlägt mit der Faust auf die Schreibtischplatte, sodass Anja erschrickt, und lehnt sich erschöpft zurück. „Warum er! Warum musste er es sein, in den du dich verliebt hast?“ Er hatte mehr zu sich als zu seiner Tochter gesprochen und Anja bemerkt wie er in Gedanken die eine Hand auf seine Brust legt. „Und ich Trottel habe den Bastard auch noch zu deiner Vernissage eingeladen, damals!“

Ängstlich will Anja wissen: „„Geht es dir gut, Papa? Rege dich bitte nicht auf!“

Frédéric lacht bitter und trocken auf. Seine Augen sind zu schmalen Schlitzen geworden und die senkrechte Furche in der Mitte seiner Stirn verleiht ihm den Anblick eines wütenden Rachegottes. „Wie soll es mir gut gehen? Ich frage dich allen Ernstes, Anja, willst du wirklich dein Erbe verkaufen für den Leichtsinn deines Mannes? Die Erde, für die deine Vorfahren geschuftet haben und dafür gestorben sind? Bedeutet dir alles das denn gar nichts?“

„Doch“, entgegnet sie leise, „aber es geht um sein Leben! Ich habe keine Wahl!“

„Er hat vorher auch gewusst, auf was er sich da einlässt, als er sich an den Spieltisch gesetzt hat, oder etwa nicht? Wenn er ein Mann wäre, dann bekäme er die Situation selbst in den Griff und müsste sich nicht hinter dem Geld seiner Frau verstecken!“

Frédéric hadert mit sich, mit ihr und dem Mann, vor dem er sich immer schon in Acht genommen hatte, umsonst, denn nun war das eingetroffen, was er befürchtet hatte: Falkenberg machte Anja unglücklich und wenn es so weiterging, auch noch bettelarm! Und er, er würde nicht ewig da sein, um sie zu beschützen.

Er fasst sich und spricht nach einem kurzen Räuspern nun ruhig und entschlossen: „Du wirst dein Erbe nicht verkaufen! Er wird sein Schloss verkaufen, seine Pferde, seine Rennautos. Es geschieht ihm Recht! Damit musste er rechnen! Ich werde mit diesem Dr. Weigert reden. Du bist ganze drei Monate verheiratet. Dieser Verrückte bringt nur Unglück über uns!“ Sein Gesicht verfällt vor Anjas Augen: „Ich habe Angst um dich, Anja, er macht dich nicht glücklich, das kann ich sehen! Mach dich von ihm los, solange noch Zeit dafür ist!“

„Aber ich liebe ihn, Papa!“ ruft sie verzweifelt. „Ich bin glücklich mit ihm, er wird sich sicher ändern, er wird es mir versprechen, ich werde darauf bestehen!“

„Wie du meinst!“ Der Unternehmer resigniert angesichts ihrer leidenschaftlichen Stimme. „ Gib mit die Karte von seinem Anwalt, ich setze mich gleich mit ihm in Verbindung und leite die Sache dann an unsere Rechtsabteilung weiter. Es ist nicht deine Aufgabe, seine Fehler andauernd auszubügeln und für ihn geradezustehen. Das hast du nicht verdient! Niemals!“

Ein Blick in Frédérics Gesicht sagt ihr, dass es keinen Sinn mehr hatte, weiter über die Sache  zu diskutieren. Charly würde seinen gesamten, persönlichen Besitz, den sie ihm zurückgekauft hatte, aufs Neue verlieren. Aber vielleicht würde er dadurch endlich zur Einsicht kommen und eine gewisse Läuterung erfahren. An diese Hoffnung klammert sie sich mit jeder Faser ihres Herzens. Zweifel, aber auch Angst lassen Anja die nächsten Tage nicht zur Ruhe kommen. Sie fürchtet Charlys Reaktion, sie fürchtet aber auch immer noch um sein Leben und hofft, dass ihr Vater die nötigen Schritte bereits hat einleiten lassen. Nach mehreren Tagen steht Charly vor der Tür. Er sieht sie viel sagend an, als er das Appartement betritt: „Da bin ich wieder!“ Er schlägt die Tür hinter sich ins Schloss und geht mit raschen Schritten direkt zur Bar, um sich einen ausgiebigen Drink einzuschenken.

„Du siehst nicht gut aus!“ bemerkt er, nachdem er das Glas mit einem Zug ausgetrunken hat. Während er sich nachschenkt, fügt er, nicht ohne den ihm eigenen, spöttischen Unterton hinzu: „Es betrübt dich sicher, bald nicht mehr Schlossherrin zu sein, was?“

Sie bringt keinen Ton hervor und sieht ihn nur an.

„Hast du deine Zunge verschluckt?“ Sie schüttelt den Kopf und bemüht sich ruhig zu erwidern: „Was soll ich sagen, was du nicht schon weißt?“

„Na wie üblich, Anschuldigungen, Wehklagen,  dein gesamtes Repertoire eben!“

„Bin ich jetzt auch an deinen eigenen Fehlern schuld?“

„Ich bin ruiniert und du wirst mich jetzt endlich immer am Hals haben, wie du es dir gewünscht hast, freust du dich?“

„Ruiniert warst du vor unserer Hochzeit auch“, entgegnet sie trocken und weicht einen Schritt zurück, als er langsam auf sie zukommt.

„Es hieß doch so schön: In guten wie auch in schlechten Zeiten! Erinnert du dich nicht mehr, Anja?“

„Ich habe mich daran gehalten! Es ist an dir, dem Schwur nun nachzukommen!“ hält sie ihm entgegen und atmet auf, als er sich schwer atmend aufs Sofa fallen lässt. Er leert auch dieses zweite Glas und setzt es mit lautem Knall auf der Tischplatte ab.

„Verdammt, wie hat mir das passieren können“? Er seufzt laut und Anja sieht seine schönen, in Tränen schwimmenden Augen, was sogleich ihr gequältes Herz erweicht.

„Ich hielt das Glück der Welt in meinen Händen und jetzt ist wieder alles verloren! Ich fasse es nicht! Was bin ich für ein Idiot!“ Er wischt sich mit dem Handrücken über die Nase und bedeckt seine Augen damit.

„Hauptsache, dir geschieht nichts!“ lenkt Anja ein, überrascht über dieses unerwartete Eingeständnis und sie setzt sich zu ihm. „Es ist zu spät, um sich jetzt noch darüber aufzuregen!“ Er nimmt ihre Hand in die seine und führt sie an die Lippen: „Kannst du mit einem solchen Idioten wie mir noch leben, Anja?“ Sie ist immer wieder über seine Reaktionen erstaunt und Zärtlichkeit durchflutet sie für den Mann, der sein Leben nicht selbst in den Griff bekommt. „Natürlich“, beruhigt sie ihn. „Ich liebe dich doch!“ Er birgt seinen Kopf an ihrer Brust und sie schöpft neue Hoffnung für ihr junges, gefährdetes Glück.

*******

Überrascht blickt Anja ihrem Vater in die Augen, als er ihr die Papiere übergibt.

„Ist alles erledigt?“ will sie wissen und ihre Augen überfliegen rasch die Zeilen des mehrblättrigen Schriftstücks, eines Kaufvertrages, anscheinend über Schloss Falkenberg. Als sie Leylas und dann ihren Namen sieht, begreift sie momentan nicht wirklich: „Was...? Soll das heißen, dass.....“

„Das soll heißen, dass Leyla die rechtmäßige Besitzerin des Schlosses ist, und du, als ihre Mutter, vertrittst ihre Interessen bis zu ihrer Volljährigkeit!“

Anja schüttelt ungläubig den Kopf: „Aber, ich dachte, du könntest das Geld nicht auftreiben...“

„Ich habe investiert, und zwar in meine kleine Enkeltochter. Es wird euch eines Tages die hohen Erbschaftssteuern zum Teil ersparen. Das ist der Vorteil von Schenkungen zu Lebzeiten!“ Frédéric ist um den Schreibtisch herumgegangen und setzt sich auf dessen Kante, vor Anja, die ein zweites Mal die wichtigsten Punkte des notariell beglaubigten Aktes durchgeht.

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“? Seufzt sie, einerseits erfreut über die Großzügigkeit ihres Vaters, andererseits besorgt über die Reaktion Charlys, der sich dadurch gedemütigt fühlen könnte.

„Ich erwarte keinen Kommentar von dir, Anja! Ich habe nach reiflicher Überlegung diesen Schritt getan, weil er euch, erstens, nicht das Heim nimmt und, zweitens, es vor weiteren leichtsinnigen Handlungen deines Mannes schützt. Ob ich es gekauft habe oder ein anderer hätte es getan, was für eine Rolle spielt das für Charly! Er kann mit dem Erlös seine Schulden bezahlen und bekommt somit eine weitere Chance ein normales Leben zu führen. Wie viele Chancen du ihm noch einräumen willst, weiß ich nicht! Hätte ich das Geld einfach flüssig gemacht, egal ob durch Verkauf verschiedener Besitztümer oder anderweitig, so hätte der Baron es bald wieder verspielt oder verspekuliert! Er ist unfähig in Gelddingen. Ich hoffe, er hat eine glücklichere Hand in der Liebe! Du wirst es nie leicht haben und solltest ihm nicht mehr freie Hand über dein Eigentum gewähren! Jetzt ist der beste Augenblick, um diese Entscheidung rückgängig zu machen, nach dieser schändlichen Hintergehung!“

Er wendet sich um und sieht aus dem großen Fenster des hoch gelegenen Büros mit Blick auf den träge dahin fließenden Strom, der sich seinen Weg durch das Land bahnt bis hin zum Schwarzen Meer.

„Meine kleine Leyla hat also ein Schloss!“ sagt Anja lächelnd. „Sie darf es aber nicht erfahren, sie ist zu klein für solche Transaktionen!“

„Das kann ihr niemand mehr wegnehmen, verstehst du Anja? Und dir auch nicht! Es gehört euch und nicht Charly! Und wenn er sich nicht bessert oder du seiner Eskapaden müde wirst, dann muss er gehen und nicht du und das Kind, so einfach ist das!“

Sie nickt, hin und her gerissen von den gemischten Gefühlen, die sie bestürmen.

„Die Verwaltung des Clubhotels und überhaupt des gesamten Besitzes, Pachtgründe, etc. wird unsere eigene Kanzlei in Stuttgart übernehmen und ich denke, das ist auch in deinem Sinne. Du hast natürlich jederzeit freie Einsicht in die Bücher. Mit Hilfe von Steve wird die Sache einfach werden, er wird auch im Schloss, in der Gutsverwaltung ein EDV-System installieren lassen und es sollte dann ein Knopfdruck genügen, damit du über alle Bewegungen finanzieller und wirtschaftlicher Art im Bilde bist!“

Das Bild des blonden Briten entsteht vor Anjas Auge und sie lächelt über den Eifer ihre Vaters. „Also arbeitet er bereits für dich?“

„Steve? Ja, natürlich! Er ist ein Genie und ich bin froh, dass er sich für uns entschieden hat! Wenn er in Stuttgart soweit fertig ist, dann kommt er hierher nach Österreich und in kürzester Zeit wird unser Betrieb mit allen Außenbüros auf dem letzten Stand der elektronischen Datenverarbeitung stehen!“

„Dann kommst du mit Carla aufs Schloss und ruhst dich aus!“

Er lacht: „Na ja, von ausruhen kann nicht wirklich die Rede sein, aber ich werde entbehrlich sein und muss mich nicht mehr von einem Ort zum anderen hetzen lassen! Carla und ich, wir wollen wieder reisen, aber diesmal zum Vergnügen, nur für uns!“

Der unternehmungslustige Funken in Frédérics braunen Augen freut Anja und sie schmunzelt ihrem Vater zu: „Ja, so werdet ihr den zweiten Frühling erleben, ihr beiden!“

Gespielt droht Frédéric ihr mit dem Zeigefinger: „Na, nur keine Zweideutigkeiten deinem alten Vater gegenüber! Bei uns ist alles so frisch wie eh und je“!

Sie küsst ihren Vater und atmet sein herbes, dezentes After Shave ein. Er war wie immer der Fels in der Brandung, der Retter in der Not und Tröster dunkler Stunden. Ein Leben ohne ihn war unvorstellbar! Es war an ihr, seine Gesundheit mit Hartnäckigkeit und ewigen Ermahnungen, wenn nötig auch mit Erpressung zu schützen!

Als Charly von der Regelung und dem Verkauf des Schlosses an Frédéric, seinen Schwiegervater, sowie dem gleichzeitig aufgesetzten Schenkungsvertrag für Leyla,  seine Stieftochter erfährt, meint er zuerst es handle sich um einen schlechten Scherz. Fassungslos sieht er seinen Anwalt Dr. Weigert an, der sich zum Schloss bemüht hat, um ihn zu informieren.

„Das kann nicht sein“, stößt er hervor! „Warum hat der Alte das getan?“

Dr. Weigert versucht den Aufgebrachten zu beruhigen: „Das ist doch die Lösung! Du behältst  dein Schloss! Was hier drin steht ist ja letztendlich unwichtig! Ein dreijähriges Kind als Schlossbesitzer! Du bist das Familienoberhaupt, du bleibst der Schlossherr! Wenn du klug bist, dann freust du dich über den Ausgang der Sache und bringst deine gute Position nicht mehr in Gefahr!“

Spöttisch entgegnet der Baron: „Das heißt also, ich muss mich den beiden Weibern unterordnen, wenn ich nicht gefeuert werden will!“

„Warum verwendest du nur immer so drastische Ausdrücke?“ Der Jurist ist leicht erbost über die Sturheit seines Klienten. „Sieh es doch so: Du hast eine reiche, junge und sehr hübsche Frau und ein Kind, das dich anbetet! Zieh deinen Nutzen aus der Sache, mit Klugheit und Verstand, und, warum nicht, mit Herz!“

„Es ändert nichts an der Tatsache, dass ich ein Gefangener im eigenen Haus, das nicht mehr das meine ist, bleibe!“ Charly redet sich immer mehr in Zorn und Wut und auf seiner Stirn schwillt eine Ader an.

„Charly“, beschwört der Anwalt den Freund, „es war doch dein Wunsch, Anja so bald wie möglich zu heiraten! Kannst du nicht glücklich sein mit ihr und allem, was sie dir bietet? Sie ist doch Wachs in deinen Händen!“

„Ich hatte keine Wahl, erinnere dich! Es blieb mir nur die Heirat oder Armut! Und jetzt bin ich wieder am Anfang der Geschichte! Ich habe nichts mehr und wenn der gute Charly nicht spurt, dann sitzt er auf der Strasse!“

„Ich erinnere dich, mein Freund, dass Hardtberg dir immerhin den Reitstall gelassen hat! An dir jetzt, eine wertvolle Zucht aufzubauen, so wie du es vorgehabt hast. Mach Schluss mit der Spielerei, der Hurerei! Du bist doch ein intelligenter Mann! Was haben die anderen, was Anja nicht hat? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen!“

„Was weißt du denn?“ meckert der Jüngere, „Du bist ein alter Spiesser, der außer seinem konservativen Leben nichts anderes kennt, nimm es mir nicht übel! Ich will mich keiner vorgeschriebenen Lebensrichtung unterwerfen, ich nehme das Leben wie es kommt und geniesse, was es mir bietet! Ist das so schwer zu verstehen »?

Der Jurist schüttelt resigniert den Kopf: „Du bist unverbesserlich und ich frage mich, warum ich mich überhaupt noch um deinen Fall kümmere!“

„Verdammt!“ herrscht der Baron den ihn beschwörenden Juristen an: „Ich unterwerfe mich keiner Frau, auch wenn sie noch so gut aussieht und ein toller Betthase wie Anja ist. Es hat schon eine versucht, mir ihren Willen aufzuzwingen, und...“

Er bricht abrupt seine Worte ab und dreht sich wortlos um, das Verwaltungsbüro des Schlosses verlassend.

„Mach ihr ein Kind, Charly!“ ruft Dr. Weigert ihm hinterher: „Ich hab es dir schon einmal gesagt! Als Erziehungsberechtigter hast du dann die auch Verwaltung über sein Erbe und seinen Besitz über!“

Die Tür fällt laut ins Schloss und während er über den Hof zum Stall geht, beruhigt sich der fieberhaft überlegende Mann. Es gab immer eine Lösung und eigentlich war Weigerts Vorschlag nicht einmal so dumm! Ein neuer Spross der Falkenbergs könnte ihn und die Situation in der er sich befand, retten!

Charly zwingt sich in nächster Zeit besonders liebevoll zu Anja und ihrer Tochter zu sein und sieht mit Genugtuung, wie dankbar beide auf die Zärtlichkeit und Zuwendung, die er ihnen angedeihen lässt, reagieren. ‘Eine richtig harmonische Familie’ denkt er manchmal nicht ohne Spott und verfolgt mit Interesse, wie Anja wieder Vertrauen zu ihm fasst und nachgiebig und unbeschwert an seiner Seite lebt. Er vermeidet sogar, vor ihr zu trinken. Dass sie nicht einfach seine Art Leben akzeptieren würde, hat er nun begriffen. Zu Beginn glaubte er, leichtes Spiel mit ihr zu haben. Mit seiner sexuellen Erfahrung und Hilfe der Drogen dachte er, sie wäre zu allem bereit für ihn und würde alles hinnehmen. Soviel Charakter hätte er ihr gar nicht zugetraut. Er hatte gehofft, dass sie ihren Besitz im Elsass für ihn verkaufen würde, aber da hat Hardtberg ihr sicher einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er würde also eine andere Taktik anwenden. Eine, die ihm das Gesetz und das Recht an die Seite stellte. Er würde die kleine Hardtberg-Tochter schwängern, ob es dem Alten passte oder nicht! Sie würde sein Kind austragen und dieses würde ihm ein Leben garantieren, wie er es sich vorstellte, nämlich ohne Vorschriften und Einschränkungen, dafür würde er schon sorgen! Hardtberg hatte ihn unterschätzt! Seine Schlauheit, seinen Ehrgeiz und vor allem seine Wirkung auf dessen Tochter!

Was Charly nicht weiß, ist, dass Anja heimlich die Pille nimmt, seit sie das Gespräch im Stall mit angehört hatte. Sie fühlte sich damals zornig und erniedrigt, dass man über sie wie über eine der Zuchtstuten des Gestüts sprach und wenn sie heute noch daran dachte, dann schmerzte es immer noch, und Zorn auf den Anwalt ihres Mannes durchzog ihre Seele.

Sie hatte einmal mehr ihre Arme ausgebreitet, um Charly aufzunehmen, doch ein kleiner Zweifel an seiner Aufrichtigkeit und die Angst, er könne von einem Tag auf den anderen wieder umkippen, bleibt bestehen und hat sie vorsichtig werden lassen. Allein die Tatsache, dass Charly Alkoholiker war oder vielleicht immer noch ist, lässt sie vor der Vorstellung, ein Kind mit ihm zu zeugen, zurück schrecken. Die Zeit würde vielleicht die Wunden heilen und möglicherweise hatte ihr Mann nun wirklich seine Lehre aus den Tiefschlägen gezogen und war zur Vernunft gekommen.

Sie besuchen wieder gemeinsam Partys, sind Hand in Hand unterwegs und Anja hat auch keine Bedenken, wenn er sich wieder tageweise um seine Zucht oder den Rennboliden in Salzburg kümmert. Sie arbeitet an ihren Bildern und verkauft auch einige davon, nunmehr davon überzeugt, dass es besser war, sich aufs neue finanzielle Sicherheiten zu schaffen. Wenn sie nach Tagen wieder zusammentreffen, dann ist Charly ganz der liebevolle Ehemann und Vater für Leyla, den sie sich immer erträumt hatte.

Als Anja dieses Jahr alle Prüfungen mit Auszeichnungen abschließt und somit ihr Kunstgeschichtsstudium beendet, organisiert Frédéric einen kleinen Empfang in einem der alten Palais’ der Stadt, die für solche Zwecke wie geschaffen sind. Zahlreiche seiner Geschäftspartner sind geladen und auch Anja ladet alte Freundinnen ein und die ihr am nächsten stehenden, gemeinsamen Bekannten.

Der stolze Vater hält eine kleine Ansprache, lobt die Vorzüge und das Talent seiner Tochter in den höchsten Tönen und die junge Frau nimmt die vielen Gratulationen entgegen. Sie war nicht sosehr auf diese Feier erpicht gewesen, aber der Enthusiasmus ihres Vaters ließ sie nachgeben und sie willigte schließlich ein, ihn dieses Fest für sie veranstalten zu lassen. Sie war es ihm schuldig, nach allem, was er für sie und ihr Kind getan hatte. Es gab ihr außerdem die Möglichkeit den Kreis ihrer Klienten zu erweitern und eine gewisse Ader von Geschäftssinn mischte sich mit jener der musischen Künstlerin.

Frédéric hatte darauf bestanden, das Steve Newman ebenfalls zum Empfang kam und er stellt ihn jedem, der ihn noch nicht kannte und sich Fragen über den Mann stellte, als seinen zuverlässigen Spezialisten für das neu installierte Datennetz der Firma vor. Der junge Brite pendelte derzeit zwischen dem Hauptwerk in Stuttgart und dem Niederlassungsbüro in Wien, um die Technik zu vervollständigen und Programmierer, sowie auch Fachkräfte auszubilden. Internetworking war in aller Munde und dieses neue System der weltweiten Kommunikation öffnete Unternehmern und Individuellen das Tor zur Welt. Steve wollte demnächst die Verwaltung des Schlosses Falkenberg in Angriff nehmen.

Anja freut sich ehrlich, den Mann mit den hellen Augen und dem wachsamen Blick wieder zu sehen und begrüßt ihn herzlich. Sie stellt ihn auch Charly vor, der ihn mit Misstrauen, das er jedoch hinter einem nichts sagenden Lächeln verbirgt, betrachtet. Die Gedanken, die er sich so über den Schwiegersohn seines Bosses machte, sind dem Engländer nicht anzusehen, doch Anja ist sicher, dass er genauestes informiert war über die Sachlage und Geschehnisse ihrer Ehe, vor allem Charlys Schulden in Millionenhöhe. Es war ja nicht anders möglich, seit die Firma und auch deren Buchhaltung über Steves Computernetz lief, konnte ihm diesbezüglich nichts verborgen bleiben.

Anja beeilt sich, ihre Aufmerksamkeit nicht zu lange dem Mann zu schenken, mit dem sie noch gerne über seine Arbeit und die Vorteile, die er dadurch der Firma gebracht hatte, diskutieren wollte, da sie Charlys Eifersucht befürchtet, wie damals auf Antigua. Dass er allerdings auf den Gewaltakt des Grafen Ferenzsy eher gelassen reagiert hatte, daran denkt sie heute nicht, oder sie hat es einfach verdrängt.

Charly gibt sich höflich und ein wenig zurückhaltend. ‘Nicht mehr der Stern einer Gesellschaft zu sein, das war eine Rolle, die musste er erst erlernen’, denkt Frédéric, der ihn heimlich beobachtet. Sein Schwiegersohn hatte kein Wort mit ihm über die Regelung seiner Schulden verloren und er hatte es nicht anders erwartet. Er misst den Lebemann verstohlen von der Seite. Das ausschweifende Leben, mit allem, was es mit sich führte, Alkohol, Frauen, vielleicht auch Drogen, hatte seine Spuren auf diesem Gesicht hinterlassen, findet er. Zwei tiefe Kerben haben sich um seinen Mund eingeprägt und ein leichtes Anzeichen für beginnende Tränensäcke unter den Augen, ist auch nicht zu übersehen. Zugegeben, er wirkte immer noch sehr attraktiv und Frauen gefiel nun einmal diese Art von verruchtem Gesicht. Aber ein Gesicht spricht auch über den Menschen, der es trägt. Spätestens dann, wenn dieser in die Jahre kommt...

 

2. Kapitel – Von Gier und Hass

 

Der Sommer war ins Land gezogen, die Auen um den Donaustrom waren dicht von beerenschweren Holunderbüschen und blühenden, wilden Heckenrosen verwachsen. Im Schilf, an den Ufern der Gewässer, ein paradiesisches Versteck für die vielfältigen Vogelarten des Landes, hatten Enten und andere Wasservögel gebrütet. Unzählige Molche und Frösche lebten in den sumpfigen Ufergebieten und die Luft flimmerte über dem Wasser, während Tausende von Insekten knapp über den Teichen und Seitenarmen des Flusses schwirrten. Die schwere Hitze, die über dem Land und der Stadt lastete, erinnerte an Ägypten und die alten Träume....

Wenige Wochen nach der erfolgreichen Soiree Anjas, betritt sie lachend und braungebrannt ihre Wiener Wohnung. Leyla, Carla und sie  hatten den Tag gemeinsam im nahen Donaustrandbad verbracht. Charly hielt sich für einige Tage in Salzburg auf und deshalb ist sie ziemlich überrascht, als sie ihn breitbeinig auf dem Sofa sitzen sieht, in der Hand eine halbvolle Flasche Gin. Anja ist sicher, die Flasche nicht im Hause gehabt hatte!

Erfreut ihn zu sehen, läuft Leyla auf ihn zu und er setzt sie auf seine Knie: „Na, Prinzessin? Erfreut mich zu sehen? Das ist fein! Gib dem lieben Papa einen Kuss!“

„Onkel Charly, du bist nicht mein Papa!“ sagt die Kleine lachend und drückt ihre feuchten Lippen schmatzend auf seine unrasierte Wange.

„Doch, mein Liebling!“ sagt er gedehnt und sieht dabei Anja an, die unangenehm berührt daneben steht und der Dinge harrt, die nun kommen würden. „Doch, ich bin dein lieber Papa und ich will, dass du mich auch so nennst! Seit dein Papa in Ägypten gestorben ist, bin ich dein Papa! Hast du das auch gut verstanden, mein kleiner, dunkler Engel?“

„Geh rasch in dein Zimmer, Leyla!“ wendet Anja bestimmt ein und Leyla sieht mit großen Augen von einem zum anderen, während sie verwundert sagt: „Mein Papa ist nicht tot, er ist in Ägypten!“

„Er ist in Ägypten, ja, ja“, der Mann unterbricht seine Worte nur, um mehrere kräftige Schlucke aus der Flasche zu trinken, bevor er fortfahrt: „Aber er ist tot und begraben! Irgendwann musst du es ja erfahren, du bist ja schon ein großes Mädchen, nicht wahr?“

„In dein Zimmer, Leyla, sofort!“ Anja spricht schärfer als beabsichtigt, aber sie will die Kleine vor weiteren Geständnissen des Betrunkenen schützen. „Los doch“, sie ergreift Leyla an der Hand und zieht sie vom Schoss ihres Mannes.

„Lass sie doch hier!“ wettert Charly, und auf seinem Gesicht liegt ein selbstzufriedenes Lächeln. „Sie hat ein Recht darauf, zu wissen, was in ihrer Familie vorgeht!“ Er wendet sich Leyla zu, die ihn halb ängstlich, halb verwirrt ansieht und redet weiter: „Möchtest du ein Brüderchen haben, oder ein kleines Schwesterchen, mein Herz?“ Ernst nickt die Kleine und blickt dann zu ihrer Mutter.

„Dann musst du mit deiner Mama reden, Schatz, denn die will uns keines schenken! Sie nimmt giftige Tabletten und tötet die kleinen, süßen Babys in ihrem Bauch, weißt du das?“

Erschrocken rutscht das Kind nun von seinen Knien und versteckt sich hinter seiner Mutter. „Charly halt den Mund!“ herrscht sie ihn an. „Du erschreckst das Kind mit deinen blödsinnigen Beschuldigungen!“

„Na ja, wenn man entdeckt, dass die Mama eine Mörderin von kleinen Babys ist, dann hat man wohl Grund zum Erschrecken ». Er lächelt nicht mehr, sondern ein eisiger Ausdruck liegt in seinen leicht glasigen Augen.

„Leyla, geh auf dein Zimmer, ich muss mit Mama sprechen, verstanden!“ Erschrocken über den ungewohnten herrischen Ton ihr gegenüber, läuft Leyla aus dem Raum. Charly nimmt die Packung mit den Pillen, die Anja seit Monaten einnimmt aus der Hosentasche und wirft sie ihr ins Gesicht.

„Davon war nie die Rede! Wieso willst du keine Kinder von mir, verdammt?“

„Konntest du mit mir nicht nüchtern darüber sprechen, Charly? Du hast Leyla verletzt und du bist schon wieder betrunken! Glaubst du etwa ich will ein Kind von einem Säufer, ein behindertes Kind vielleicht sogar?“ Ihr Zorn übermannt die aufsteigende Angst vor seiner wilden Reaktion.

„Ich habe gedacht, es sei wieder alles in Ordnung mit uns beiden, ich Idiot! Was willst du mir jetzt vorhalten? Dass ich mir einen Drink auf diese Erkenntnis gegönnt habe, das kannst du mir nicht zum Vorwurf machen!“ bellt er zurück.

„Charly, wir haben doch soviel Zeit, es muss ja nicht jetzt sein, wir hatten Probleme...“

„ Ich hatte keine Probleme! Mein einziges Problem bist du! Es war alles bereinigt und du kannst dich nicht beklagen, in keiner Weise! Du bist eine falsche Schlange, die mich hintergeht, belügt, einen Clown aus mir macht!“

„Ich bin noch nicht so weit, das musst du akzeptieren!“ lenkt sie ein.

Er springt Zorn erfüllt auf und stößt dabei die Flasche um, deren Inhalt sich über den kleinen Marmortisch ergießt. „Du hast mir mein Schloss genommen, intrigierst andauernd hinter meinem Rücken mit deinem Vater und nimmst mir jeden freien Willen und jetzt auch noch meine Mannesehre, wenn mich die Medien erst einmal zum unfruchtbaren Schwächling erklärt haben!“

„So ein Unsinn! Du kannst nicht mehr klar denken! Ich diskutiere nicht mit dir, solange du betrunken bist!“ entgegnet sie müde und streicht mit zitternder Hand ihr Haar zurück.

„Ich bin noch nicht fertig mit dir und du hörst mir zu!“ Seine Stimme ist leise geworden, gefährlich leise, als er sie auf das Sofa stößt. „Als dich dieser Kameltreiber gefickt hat, da hast du nicht lange überlegt, welche Konsequenzen das haben könnte für dich, aber bei mir hast du Zweifel? Hat er es dir etwa besser besorgt als ich? Sag schon!“

Sie will sich angewidert aus seinem Griff befreien, doch er hält sie eisern fest und packt sie beim Haar, während er mit der anderen Hand weit ausholt und ihr mit dem Handrücken ins Gesicht schlägt. Benommen durch den brutalen Schlag sinkt ihr Kopf auf die Schulter.

„Versuche mich nie wieder zu hintergehen, Anja, nie mehr, hörst du! Das nächste Mal wirst du mich erst wirklich kennen lernen! Schon einmal hat ein Weib versucht, mir Vorschriften zu machen! Es ist ihr schlecht bekommen!“ zischt er nahe an ihrem Gesicht. „Und versuche nicht dich von mir zu trennen! Diese Pillen sind vor jedem Scheidungsrichter der Beweis dafür, dass du mir das mir zustehende Kind vorenthalten willst und du weißt so gut wie ich, dass dies in diesem Land als Scheidungsgrund gilt, also wirst Du schuldig gesprochen und ich kassiere deine Millionen! Was wohl der liebe Herr Papa dazu sagen wird?“

Vor Anjas geschlossenen Augen drängt sich das Bild des wunden Rückens des deutschen, toten Mädchens auf und sie zittert vor Ohnmacht und Enttäuschung. Aber hatte sie es nicht immer im Grunde ihres Herzens geahnt? Sie wollte es einfach nicht wahrhaben, dass Charly ohne Bedenken die Hand gegen eine Frau erheben konnte. Er hatte sie also doch geschlagen, diese unglückliche, junge Frau,  bis ihre zarte, weiße Haut aufgeplatzt ist. So hat er  ihren Willen gebrochen und seinen Hassgefühlen freien Lauf gelassen! Das Mädchen wollte sie ja warnen, sie war keine rachsüchtige Verflossene, sondern sie sorgte sich ernsthaft um Anja und das, was Charly ihr antun könnte!

Plötzlich drückt kalte Angst ihr die Kehle zu, sie hat Angst um ihre Tochter, die jetzt wahrscheinlich zusammengekauert in einem Winkel ihres Zimmers sitzt und sich beide Ohren zuhält, um die Erwachsenen nicht streiten zu hören.

 „Ich liebe dich doch, Charly“, flüstert sie und vermeint an jedem einzelnen Wort ersticken zu müssen. Sie wischt sich den dünnen Faden Blut, der von der aufgeplatzten Unterlippe rinnt, mit dem Handrücken weg. Doch sie empfindet nur mehr Abscheu und Ekel vor diesem Mann. Er hatte sein wahres Gesicht gezeigt, es hat zwar gedauert, aber sie war am Ende mit Verzeihen und Verständnis. Sie musste sich retten, sich und ihr Kind!

„Ach ja, du liebst mich?“ spöttelt er, „Das wirst du mir jetzt beweisen müssen. Ab sofort nimmst du dieses Zeug nicht mehr, ich will einen Erben, verstehst du? Einen, der meinen Namen trägt, einen rechtmäßigen. Wenn Du mir das verweigerst, Anja, dann wirst du die Hölle kennen lernen und dein kleiner, dunkler Balg ebenfalls, hast du das kapiert?“ Er schlägt ihr mit der flachen Hand nachdrücklich auf die Stirn und sie nickt mit Tränen in den Augen.

„Dann komm jetzt ins Schlafzimmer, Weib! Wir werden sofort daran gehen, auf meinen Erben hinzuarbeiten, verstanden! Komm, komm, zier dich nicht. Du kommst auf deine Rechnung, wie jedes Mal noch, das verspreche ich dir!“ Er zieht sie empor und sie folgt ihm unwillig, mit einem verstohlenen Blick auf die geschlossene Kinderzimmertür. Sie hofft inständigst, dass Leyla sich in ihr Bettchen verkrochen hat und nichts von all dem hörte, was aus dem Mund dieses verdorbenen, herzlosen, ja unzurechnungsfähigen Mannes gekommen war.

Charly wirft sie brutal aufs Bett und macht sich über sie her. Sein saurer, nach dem Fusel des Gins stinkender Atem  widert sie an und sie dreht das Gesicht zur Seite. Sie liegt wie leblos da und starrt an die Decke. Es ist nicht schlimm, redet sie sich ein. Wenn er erst hat, was er will, dann ist Leyla nicht mehr in Gefahr! Doch bis er soweit ist, um sie mit Gewalt zu nehmen, vergehen lange Minuten, der Alkohol tut seine Wirkung. Seine Bemühungen, in sie einzudringen, scheitern und sie spürt, wie er sich  immer kraftloser auf ihr bewegt, bis er sich schließlich von ihr rollt und unverständlich murmelt: „Ich schlaf wohl erst ein paar Minuten, dann geht es wieder!“ Schon nach einigen Minuten, während diesen sie starr und steif neben ihm liegt und an die Decke starrt und hofft, er könne ihr pochendes Herz nicht hören, schnarcht er tief und fest. Erst dann lässt sie sich vorsichtig vom Bett gleiten und flieht auf den Knien aus dem Zimmer. Leise zieht sie die Tür hinter sich zu und klemmt einen Stuhl unter die Klinke. Es würde ihn fürs erste aufhalten, sollte er plötzlich erwachen. Sie eilt zum Kinderzimmer. Leyla ist, wie sie angenommen hat, unter die Decke gekrochen und weint leise vor sich hin.

„Psst!“ beruhigt sie ihre Mutter.

„Ist ja alles gut! Charly ist krank, er hat es nicht so gemeint!“ ‘Verdammtes Schwein’, denkt sie. Das würde sie ihm nie verzeihen, was er Leyla angetan hat! Und wenn er auf allen Vieren angekrochen käme!

Hastig nimmt sie ein paar von Leylas Sachen und stopft sie in den kleinen Rucksack, den sie zum Schwimmen mitgehabt hatten.

„Wir müssen rasch weg, und du musst ganz leise sein, Charly schläft, er will nicht, dass man ihn weckt, hörst du?“

Verständnisvoll nickt das kleine Mädchen und folgt ihrer Mutter auf Zehenspitzen durchs Wohnzimmer in die Diele. Der weiche Teppich schluckt ihre Schritte. Bevor sie die Wohnung verlassen, schnappt sie sich ihre Tasche und den Autoschlüssel. Aus der achtlos hingeworfenen Jacke ihres Mannes entnimmt sie die Wohnungsschlüssel und vermeidet jeden Lärm dabei, obwohl ihre Finger noch immer unkontrollierbar zittern.  Erst einmal eingesperrt, würde es ein Weilchen dauern, bis man ihn befreite. Ihr war egal, welche Ausreden er gebrauchen würde, seine Probleme waren nicht mehr die ihren! Der Traum von der großen Liebe und dem Mann ihres Lebens war ausgeträumt! Und zwar endgültig!

Sie wagt nicht, zum Schloss zu fahren und sich dort in Sicherheit zu bringen. Die Angestellten waren Charly alle sehr ergeben, sie fürchteten ihn, auch wenn er nicht mehr der rechtmäßige Besitzer des Anwesens war, für sie war und blieb er der Schlossherr. Sie war ziemlich sicher, dass keiner von ihnen sich seinem Willen zu widersetzen wagte. Ihre Familie wollte sie nicht in diese persönliche Tragödie mit einbeziehen und so fährt sie kreuz und quer durch die belebte Stadt, an diesem frühen Sommerabend, an dem die langen Schatten der altehrwürdigen Häuser durch die engen Gassen der Altstadt kriechen und die schattigen Schanigärten vor den Caféhäusern von Menschen dicht besetzt sind. Sie musste erst zur Ruhe kommen, ihre Gedanken ordnen, ein für allemal. Und Leyla beruhigen, die stumm in ihrem Kindersicherheitssitz festgeschnallt ist und an ihrem Daumen lutscht, während sie im anderen Arm ihre Lieblingsplüschmaus festhält. Anja ist froh, dass ihr das Kind noch keine Fragen stellt. Ihre  Furcht in dieser Stress-Situation hat sich sicher zum Teil auch auf sie übertragen, obwohl sie versucht, so ruhig wie möglich zu erscheinen.

„Alles in Ordnung, mein Liebling?“ Im Rückspiegel sieht sie, wie Leyla mit großen Augen nickt, ohne dabei den Daumen aus dem Mund zu nehmen.

„Gut! Jetzt fahren wir ein bisschen spazieren. Sieh nur aus dem Fenster, die vielen Kinder, die noch draußen spazieren gehen. Huh, hast du den großen Hund gesehen, den schwarzen? Sah der nicht aus wie ein richtiger Wolf »? Abgelenkt sieht Leyla aus dem Fenster und nickt abermals.

Anja beschließt zum Büro ihres Vaters zu fahren. Der Portier kannte sie und es würde sicher niemand mehr in den Geschäftsräumen sein. So konnte sie zu einem Entschluss kommen und zu einer Überlegung, was sie als nächstes tun konnte, ohne etwas dabei zu überstürzen.

Als sie die gewaltigen, hochmodernen Bauten der UNO -Verwaltung vor sich sieht, wird sie ruhiger. Zwar war ihre Wohnung nicht weit davon entfernt und auch die ihres Vaters nicht, aber niemand würde sie gerade hier vermuten.

Sie grüsst den Portier freundlich und er sieht sie ein wenig befremdet an, ihre Lippe ist geschwollen und auch ihre Wange und ein Teil des Kinns beginnen sich langsam bläulich zu verfärben. „Ich bin gestürzt und will mich nur ein wenig frisch machen, weil ich hier in der Nähe war!“ beruhigt sie ihn, als sie seine argwöhnischen Blicke bemerkt. « Die Rolltreppen“, lügt sie.

„Aber Herr Hardtberg ist nicht mehr im Hause! Ich glaube, alle sind längst gegangen!“

„Das macht nichts!“ beeilt sie sich schnell zu sagen. „Ich ruf meinen Vater von Büro aus an, machen sie sich nur keine Sorgen, in spätestens einer Stunde bin ich weg!“

Einigermassen beruhigt lässt der Portier sie in die große Halle. Vor dem Lift dreht sie sich nochmals um. Sie trägt Leyla auf dem Arm und versucht so ungezwungen wie nur möglich zu bemerken: „Sollte sich jemand nach mir erkundigen, egal wer, sie haben mich heute nicht gesehen, in Ordnung?“

Der ältere Mann nickt und denkt sich seinen Teil, aber Anja ist bereits mit dem Lift in die oberen Etagen unterwegs. Sie atmet auf und als sie das große, moderne Büro betritt, fällt die Angst von ihr ab und die Erleichterung lässt ihre Knie zittern.

Sie lässt sich samt dem Kind in einen der großen Besuchersessel sinken, der sie weich und nach Leder duftend aufnimmt, und sie presst Leylas Köpfchen an ihr Gesicht und küsst ihr Haar. Mit geschlossenen Augen redet sie auf das immer noch stumme Kind ein: „Mein kleiner Liebling, mein Goldkind, Mama hat dich so lieb, so lieb!“ Die Erleichterung ob des Ausgestandenen lässt einige Tränen ihre Wangen herunter laufen, die sie rasch wegwischt, weil Leyla sie nicht so sehen soll. Sie muss Sicherheit ausstrahlen, Geborgenheit und Ruhe.

„Ist Papa tot?“ wispert das Kind plötzlich leise. Die Bedeutung dieses Wortes ist auch dem Kind längst nicht mehr fremd, wie auch? In einer Welt, in der man täglich im Fernsehen nichts anderes zu sehen bekam, selbst in den Pausen zwischen den Kindersendungen!

„Ja“, flüstert Anja ebenso leise, „ Papa ist tot, Leyla! Das heißt aber nicht, dass er nicht mehr hier ist, Schatz! Es ist, als wäre er auf eine lange Reise gegangen, er kann dich sehen, nur du ihn nicht. Wenn du abends einschläfst und denkst ganz stark an ihn, dann kommt er dich im Traum besuchen!“

Ernsthaft nickt das Kind: „Ich weiß! Papa besucht mich oft und dann redet er mit mir, aber ich kann nicht mit ihm sprechen in meinem Traum!“

„Das macht nichts!“ antwortet Anja gerührt, „er versteht dich trotzdem! Er wird immer dein Papa bleiben, egal was kommt, hörst du?“

„Werden wir nie wieder nach Ägypten fahren?“

„Doch, ganz bestimmt fahren wir! Vielleicht schon bald!“

„Wir nehmen Charly aber nicht mit!“

„Nein“, erwidert ihre Mutter mit fester Stimme. „Wir nehmen ihn ganz bestimmt nicht mit! Charly ist krank, denke nicht mehr daran! Am Besten, du schläfst jetzt ein bisschen, während Mama sich ebenfalls ein wenig ausruht!“

Sie nimmt einen der Zierpolster und legt ihn Anja unter den Kopf. Sie hat sie auf die an der Wand stehenden Lederbank gebettet und streicht ihr übers Haar. „Schlaf schön, mein Engelchen, träum was schönes, Mama bleibt hier!“

Das Kind dreht sich mit dem Gesicht zur breiten Rückenlehne und schließt die Augen. Nach ein paar Minuten ist Anja sicher, dass es gleichmäßig und ruhig schläft und sie begibt sich in das elegante, durch eine dezent verborgene Tür getarnte  Bad, in dem sich außer dem Waschtisch und einem Spiegelschrank, gefüllt mit Frédérics Rasierapparat, Toilettenartikel und einer kleinen Pharmazie, auch eine Dusche befindet. Anja weiß, dass Frédéric manchmal ein paar Stunden in Büro schlief, zwischen zwei Besprechungen oder dann, wenn der Tag sehr lange wurde und es sich nachts nicht mehr lohnte, nach hause zu fahren.

Aber sie hofft, dass diese Angewohnheiten nun der Vergangenheit angehörten, seit Steve Newman für ihn tätig war und ihm seine Arbeit erleichterte. Mit einem Ohr lauscht sie nach draußen und erfrischt sich rasch unter der Dusche. Das warme Wasser prickelt wohltuend auf ihrer Haut und abschließend hält sie ihr leicht geschwollenes Gesicht unter den eiskalten Strahl der Brause. Sie zuckt unter dem plötzlichen Schmerz zusammen, doch dann spürt sie, dass es eine Wohltat ist, das kalte Wasser auf der geschundenen Haut zu spüren, es kühlt und lindert. Eben als sie den Wasserhahn zudreht, vermeint sie, ein Geräusch gehört zu haben. Sollte Leyla aufgewacht sein? Rasch schlingt sie das Badetuch um ihren Körper und eilt barfuss zurück in die Büroräume.

Als sie den Mann über ihr Kind gebeugt stehen sieht, greift der eisige Schrecken an ihr Herz! Er hatte sie gefunden!

Sie stößt einen kleinen spitzen Schrei aus:“ Geh weg von dem Kind!“ ruft sie hasserfüllt. Verwundert dreht der Mann sich um und blickt sie eben so verdutzt an, wie sie ihn. Es handelt sich nicht um Charly, der dort steht, sondern Steve Newman.

„Es tut mir leid!“ versucht sie stotternd einzulenken. „Ich habe mich geirrt!“ Er misst sie wortlos von oben bis unten, wie sie da triefend in das Frottiertuch gehüllt vor ihm steht, den verschreckten Ausdruck in den Augen, die vor Angst violett geworden sind und sein Blick verweilt auf den  roten Malen in ihrem Gesicht. Schnell dreht sie sich zur Seite.

„Entschuldigen Sie, aber ich zieh mir nur rasch etwas über!“

Sie schlüpft zurück ins Bad und bekleidet sich schnell mit dem leichten, langen Sommerkleid, das sie vorhin getragen hatte. Sie betastet ihr Gesicht und sieht in den Spiegel. Sie sieht wirklich aus, als sei sie gegen eine Mauer gerannt. Sie kann noch von Glück reden, dass er ihr kein blaues Auge verpasst oder gar die Zähne ausgeschlagen hatte!

Da fällt ihr ein, was Charly bezüglich der jungen, deutschen Selbstmörderin gesagt hatte. Er hatte sie wahrhaftig blutig geschlagen! Deutlich sieht sie noch die beiden tiefen Striemen vor sich, die das Mädchen am Rücken hatte. Er musste einen Riemen benutzt haben, um ihre solche Wunden zuzufügen, seinen Ledergürtel vielleicht, oder seine Reitergerte! Das hieß, er hatte sie damals schon belogen, als er behauptete, es sei nur eine Bekannte gewesen, nicht mehr! Wie konnte ich nur so vernagelt gewesen sein, fragt sie sich ungläubig. Wenn sie an den Charly dachte, der er am Anfang ihrer Beziehung gewesen war und den, den sie heute Abend verlassen hatte, dann konnte sie nicht glauben, dass es sich um ein und dieselbe Person dabei handelte! Ihr Vater hatte weiter voraus geblickt als sie! Er hatte den Mann betrachtet, ohne sich in seinen faszinierenden Augen zu verlieren, ohne unter seinen Berührungen schwach zu werden, so wie sie! Er hatte ihn gesehen, ohne durch die rosarote Brille zu blicken, die sie so lange aufgesetzt hatte. Das war nun eine nackte Tatsache, und sie fühlte sich wie ein Kind, das sich dummerweise nicht an die Ratschläge seiner Eltern gehalten hatte!

Sie betritt erneut das Büro, wo der Brite sich gegen den großen Schreibtisch seines Arbeitgebers gelehnt hatte, mit verschränkten Armen auf sie wartend.

„Ich habe Sie erschreckt, es tut mir leid!“ sagt er. Seine Augen erscheinen ihr heute noch heller als sonst, aber es musste wohl an dem Dämmerlicht liegen, das nun langsam durch die hohen Fenster gekrochen kam und den Raum nach und nach verdunkelte.

„Ich wollte mich rasch frisch machen, weil ich hier in der Nähe war!“ versucht sie beiläufig zu erklären und dreht nervös die Hände.

„Sie sind mir keine Erklärung schuldig!“ Seine Stimme klingt angenehm und sachlich. „Ich war noch in meinem Büro und wollte sehen, ob ihr Vater ebenfalls länger arbeitete. Ich wollte ihn dann nach hause bringen, aber er ist mir zuvorgekommen!“

Sie nickt, ohne wirklich zugehört zu haben. „Kann ich etwas für Sie tun?“ fährt er fort. „Sie sind verletzt!“ Anja macht eine abwehrende Handbewegung. „Soll ich Sie nach hause bringen? Es macht mir nichts aus!“

Der entsetzte Ausdruck in ihren Augen und die verneinende  Kopfbewegung, lässt ihn verstummen. Es war nicht schwer zu erraten, dass ihre Verletzung von keinem Sturz her stammte. Er konnte sich ausrechnen, warum sie sich mit dem kleinen Kind hierher geflüchtet hatte. Wenn er ihr geschwollenes Gesicht betrachtete, ihre Angst in den Augen las und den Schrecken, der sie erfasst hatte, als sie jemanden bei ihrem Kind stehen sah, dann war das Bild rasch komplett. Er hatte eine misshandelte Frau vor sich, auf der Flucht vor ihrem Ehemann.

„Sie sollten das nicht einfach hinnehmen“, erlaubte er sich rau dazwischen zu werfen. „Ich weiß, es geht mich nichts an, aber Sie sollten ihn anzeigen und einen Amtsarzt aufsuchen, der ihre Verletzung bestätigt!“

„Zur Polizei gehen?“ fragte sie zweifelnd. „Das kann ich nicht!“

„Doch, natürlich! Ich werde Sie begleiten! Glauben Sie mir, es ist besser so, sie haben dann eine amtliche Beglaubigung von dem Vorfall, egal ob Sie später Gebrauch davon machen oder nicht! Aber er könnte den Vorfall zu seinen Gunsten auslegen, man weiß nie...“

‘Als würde er Charly und seine drastische Vorgangsweise kennen’, wundert sie sich. „Mein Vater...“ beginnt sie.

„Von mir wird er es nicht erfahren“, sagt er knapp.

Sie möchte sich so gerne jemandem überlassen, der für sie die Entscheidungen traf und ihr den richtigen Weg zeigte, denn sie ist müde und geistig erschöpft. Sie hat keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll und nun steht dieser Mann vor ihr, den sie kaum kennt und der sich um sie sorgt und der es anscheinend auch ernst meinte mit seiner gebotenen Hilfe.

„Gut!“ willigt sie leise ein.

„Dann kommen Sie“, er hatte bereits die schlafende Leyla hochgehoben und trägt sie wie ein leichtes Bündel zur Tür, als habe er Angst, sie wolle doch noch einen Rückzieher machen. Sie greift nach ihren und Leylas Sachen und gemeinsam verlassen sie das Büro.

Als sie auf den Lift warten, erkennt sie mit Schrecken, dass der Aufzug im Begriff war hoch zu fahren. Heiß spürt sie, wie die aufkeimende Angst ihr einen Adrenalinstoss  ins Gehirn jagt und alle Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen.

„Bleiben Sie ruhig!“ erklärt ihr der Mann in den ausgebeulten Jeans und dem dunkelblauen T-Shirt. „Er kann nicht wissen, dass Sie hier sind!“

Schon bleibt der Aufzug mit einem Klingeln in ihrer Etage stehen und als die Tür sich öffnet, steht sie ihrem Vater gegenüber.

Abgespannt und besorgt sieht er sie an und schließt sie in die Arme, als sie gemeinsam mit Steve in den Lift tritt.

„Er hat es also gewagt!“ Nur mühsam beherrscht der Mann seine Wut, nur ihr zuliebe. „Dem Portier kam es merkwürdig vor, als er dich mit deinem zerschundenen Gesicht daher kommen sah. Er hat gut getan, mich davon in Kenntnis zu setzen!“

„Ich habe ihr geraten, Anzeige zu erstatten, nachdem man nicht weiß, was er vor hat und sie sich wahrscheinlich ebenfalls noch nicht im Klaren darüber ist! Man sollte diese Dinge erledigen, wie es sich gehört!“

Die bestimmte Art und Weise, wie Steve Newman der Realität entgegen trat, mit Sachlichkeit und ohne persönliche Gefühle ins Spiel zu bringen, hatte etwas beruhigendes für Anja, aber auch für Frédéric, der nur stumm nickt und Anja nicht weiter mit Fragen quälte. Er verspürt unbändigen Hass und große Lust mit der Faust in die Wand des Lifts zu schlagen, einfach um sich Luft zu machen, bevor er diesen Baron zwischen die Finger bekam!

Anja  war nicht mehr allein, sie war nie allein gewesen. Es war blanker Unsinn, das Bestreben zu haben, alles selbst und ohne Hilfe  meistern zu können und ihr war klar, dass die beiden Männer dafür sorgen würden, dass ihr keine Gewalt mehr von Charlys Seite drohte.

 

                                                       *******

Die Nacht war lang gewesen, jetzt, wo sie, ruhiger geworden, darüber nachdenken konnte, erscheinen ihr die vergangenen Stunden wie ein Alptraum, aus dem sie nur mühsam erwachte.

Gemeinsam mit ihrem Vater und Steve, der Leyla trug, waren sie im zuständigen Polizeikommissariat gewesen und man hatte sie trotz fortgeschrittener Stunde mitfühlend und aufmerksam behandelt. Vielleicht war daran auch Frédérics Reputation schuld, die allgemein bekannt ist, besonders im Zusammenhang mit der UNO City in Wien. Die Wiener liebten einflussreiche Leute, Titel vor allem, und ein „Herr Ingenieur“ oder „Herr Doktor“ stieg in der Achtung des Beamtentums gleich ums doppelte.

Der Amtsarzt wurde nach Protokollaufnahme hinzugezogen, ebenso wie eine Kriminalpsychologin. Erst stockend, dann immer befreiter erzählte Anja ihr erschreckendes Erlebnis und der tief sitzende Schock über die Gewaltbereitschaft ihres Mannes war noch lange nicht überwunden. Sie wurde danach befragt, ob sie eine Scheidung einreichen würde und sie zögerte. Sie war sich im Klaren, dass sie mit Charly nichts mehr zu tun haben wollte, aber das Wort „Scheidung“ war etwas gleichbedeutendes mit „Tod“. Sie verschwieg allerdings seine Zugeständnisse bezüglich der Brutalitäten, die er der toten Christine Weihmut zugefügt hatte, da sie ohnehin der Meinung war, der Fall sei abgeschlossen und die junge Frau begraben und vergessen.

Frédéric bestand darauf, dass sie zu ihm und Carla nach hause kam, wo sie im Gästezimmer untergebracht wurde. Steve verabschiedete sich nur ungern und der Vater konnte ihm ansehen, dass er gerne vor der Tür Wache geschoben hätte, auch wenn er das nicht aussprach. In Gedanken an sein besorgtes Gesicht, stiehlt sich sogar ein kleines Lächeln um die Lippen der jungen Frau, die vergebens versucht, Schlaf zu finden und im Finstern den Atemzügen ihrer kleinen Tochter lauscht. Er war richtig süß, dieser Engländer, mit seiner sachlichen Ernsthaftigkeit und seinen graublauen Augen, ein Kumpel, verlässlich und aufrichtig, aber doch ein Mann. Diesen Gedanken jedoch schiebt sie erst einmal weit von sich. Ihr Glauben an die Ehrlichkeit von Männern hatte ziemlichen Schaden erlitten.

Irgendwann schläft sie dann ein, doch durch das Läuten des Telefons schreckt sie sofort wieder hoch und ist gleich hellwach. Nach mehrmaligen Läuten hört sie ihren Vater, der den Hörer abnimmt und herrische, eisige Worte in den Apparat spricht. Sie kann sie durch die geschlossene Tür nicht verstehen und will es auch gar nicht, denn sie weiß, wer am anderen Ende der Leitung ist. Nach mehrmaligem, erneuten Läuten des Apparates steckt Frédéric diesen ab, und die verbleibenden Stunden bis zum Morgen bleiben störungsfrei.

 

„Ich habe bereits unsere Anwaltskanzlei kontaktiert und sie finden für dich den besten Scheidungsanwalt Wiens! In der nächsten Stunde wissen wir mehr!“ Frédéric schenkt sich Tee nach, seit Kaffee ihm vom Arzt verboten wurde und Carla reicht ihm eine Toastscheibe, zart bestrichen mit Diätbutter. Auch sie hat dunkle Ringe unter den Augen, ein Zeichen der schlaflosen Nacht und in ihren dunklen Augen spiegeln sich Mitgefühl für ihre Stieftochter, sowie Verachtung für Charly wider.

„Du unternimmst keinen Schritt in nächster Zeit ohne den Personenschutz, den ich für dich angefordert habe!“ Wortlos nippt Anja an ihrer Tasse, schal schmeckt alles, was sie kostet und ihr Kiefer schmerzt heute mehr denn gestern. Eine knappe Stunde später trifft der breit gebaute Leibwächter der kontaktierten Agentur für Personenschutz ein und weist sich aus. Es handelt sich um einen Mann mittleren Alters, der sich Forster nennt. Er ist  unauffällig gekleidet, durchtrainiert und besitzt wachsame Augen, die er gewohnheitsmäßig über die anwesenden Personen wandern lässt. Er begutachtet das Sicherheitsschloss der Wohnung und Anja fühlt sich wie eine der Mitwirkenden in einem billigen Kriminalfilm des Fernsehens.

Ihr Vater hat getan was er konnte und für richtig befunden hatte. Nun war es an ihr, die richtigen Schachzüge zu tätigen. Aber wer sollte ihr die Spielregeln erklären?

Noch am selben Tag wird die Telefonnummer des Paares geändert und Frédéric verspricht, ihr ein neues Handy zu besorgen. Bald wissen sie auch den Namen des Anwaltsbüros, das man Anja empfiehlt und bereits am frühen Nachmittag wird sie dort erwartet. Ihr Bodyguard begleitet sie, in einer der gesicherten Limousinen der Agentur.

Bevor sie den Wagen besteigen, blickt sie ängstlich um sich, doch der Leibwächter an ihrer Seite nickt ihr beruhigend zu. Vom Baron  ist hier, in der gepflegten Anlage der Siedlung, nichts zu sehen.

Die Juristenkanzlei befindet sich inmitten der alten City, alteingesessen und mit wertvollen antiquarischen Möbeln im Jugendstil bestückt, erinnert sie an ihre Gründung zu Beginn des Jahrhunderts.

Ein Dr. Passauer, jung und gewandt,  begrüßt sie sachlich und freundlich. Frédéric Hardtberg hatte ihn bereits angewiesen, diesen Fall besonders vorsichtig und umschauend zu behandeln und seiner Tochter zur Scheidung zu raten, auch wenn diese noch nicht besonders überzeugt von dieser Lösung erschien.

„Ich will ihm keinen Schaden zufügen!“ erklärt Anja schließlich, nachdem der Anwalt ihre Geschichte auf Tonband aufgenommen hat.

„Liebe Frau Baronin...“

„Bitte nennen sie mich mit meinem Mädchennamen, Hardtberg“, bittet sie ihn leise und er beginnt von neuem:

„Liebe Frau Hardtberg! Sie sollten sich rasch entscheiden! Je schneller diese leidliche Angelegenheit bereinigt ist, um so besser für alle Beteiligten, letztendlich auch für ihren Mann! Eisen muss geschmiedet werden, solange es heiß ist, sagt ein altes, aber wahres Sprichwort. Ich wurde von der Kanzlei ihres Vaters in Deutschland darauf hingewiesen, dass die Änderung des Ehevertrages einigermaßen kompliziert sein dürfte! Doch in Anbetracht des ärztlichen Gutachtens und der polizeilichen Verfügung haben wir das Recht auf unserer Seite! Sie haben sehr überlegt und klug in dieser für sie besonders peniblen Situation gehandelt!“

Dank Steve Newmans, denkt Anja bei sich und schenkt dem Anwalt weiterhin ihr Gehör.

„Ich werde außerdem rechtlich verfügen lassen, dass ihr Mann sich weder Ihnen noch ihrer Tochter auf weniger als hundert Meter nähern darf. Andernfalls könnte er sofort verhaftet werden oder muss mit der augenblicklichen Einschreitung ihres Personenschutzes rechnen.

Ich, als Ihr Jurist, kann ihnen nur dazu raten, auch im Interesse des Kindes, dass Sie umgehend die Scheidung beantragen! Nach Vorladung ihres Mannes werde ich ihm auch zu einer Entziehungskur raten, die er sicher dringend nötig hat. Dies sollte Sie aber keinesfalls zum Abwarten eines Ergebnisses anregen, denn die Chancen eines positiven Erfolges sind prozentual gesehen sehr gering. Gewaltbereitschaft muss nicht unbedingt etwas mit Alkohol zu tun haben, wie Sie wissen.“

Schweigend hat Anja zugehört und überlegt ihre Antwort: „Ich kann mich für eine Scheidung heute noch nicht entschließen, bin aber mit einer richterlichen Verfügung, dass Baron von Falkenberg weder mich noch das Kind belästigen darf, einverstanden, denn ich bin nicht gewillt, mit ihm zu sprechen, noch nicht. Wenn er diese Regelung akzeptiert, dann will ich die Anzeige zurückziehen, um ihm weiteren Ärger zu ersparen. Ich will nur meine Ruhe!“

Vergebens versucht der Jurist sie zu einer sofortigen Entscheidung zu überreden. Sie will ihm gerne alle Vollmachten geben bezüglich der gemeinsamen Konten, über die der Baron nun nicht mehr verfügen können soll. Er musste eben sein Auskommen mit der Pferdezucht finden, soweit dies möglich war. Schließlich hatte auch er einen Rechtsberater, Dr. Weigert. Diesen Namen gibt sie noch bekannt, damit sich die Kanzlei mit jenem Mann in Verbindung setzen kann. Sie selbst war nicht bereit, weder mit dem einen, noch dem anderen der beiden eine Unterredung zu führen.

Dr. Passauer wollte sie über das Ergebnis seiner Schritte auf dem Laufenden halten und bittet sie zum Abschied ein letztes Mal, sich bald, definitiv zu entscheiden. Er erinnert sie an das Schloss, auf das ihr Mann im Falle einer Trennung kein Recht mehr hatte und so die Interessen ihrer Tochter auch gewahrt blieben.

„Ich denke, Sie sollten ihren Mann nicht unterschätzen, Frau Hardtberg. Ein Materialist wie er scheut keine Mittel und Wege um sein Ziel zu erreichen!“

Die kleine Warnung hatte sie leider selbst am eigenen Körper erfahren, aber was wollte Charly schon tun? Sie rechnete fest damit, dass er mit seiner zerknirschten Liebenswürdigkeitsmasche von neuem versuchen würde, sie zurück zu erobern. Doch sie war vorgewarnt und nicht gewillt, ihm wieder blind in die Arme, die sie geschlagen hatten, zu laufen.

 

Sie ist hocherfreut, als Carla ihr später mitteilt, sie hätte den Briten zum Abendessen eingeladen und gerne hilft sie in der hochmodernen Küche bei der Zubereitung der einzelnen Gänge, die Carla sich ausgedacht hatte.

Sie fühlt sich umsorgt, beschützt und in Sicherheit. Der Bodyguard verabschiedet sich vor dem Abendessen, da die Familie nicht mehr mit Zwischenfällen rechnet. Er würde morgens pünktlich zur Stelle sein und Anja begleiten, die einige Sachen, vor allem Kleidung für sich und Leyla, besorgen wollte.

 

Während des Dinners ist die Atmosphäre entspannt und Frédéric versucht sich sogar im Scherzen, vor allem, um das immer noch schweigsame Kind aufzuheitern. Er hat ihm einige Pakete mit Spielsachen gebracht, die seine Sekretärin für ihn besorgt hatte, um es zu erfreuen und abzulenken. Nun saß sie inmitten der Kartons und Schachteln und wusste nicht, womit sie als erstes spielen sollte.

Nach dem Essen kniet Steve sich zu ihr auf den Teppich und baut behutsam das zierliche Puppenhaus auf, geduldig und mit raschen, gezielten Handgriffen, so als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan, als Puppenhäuser aufzubauen. Anja sieht gern auf diese geschickten Hände, die schlanken Finger, die sie an einen Pianisten oder Arzt erinnern. Wie sie sich wohl anfühlten auf ihrer Haut? Ein Rieseln läuft ihr über den Rücken. Rasch verwirft sie den Gedanken und fragt sich, ob er wohl eine Freundin hatte. Gelegentlich wollte sie ihn danach fragen.

 

Kaum ist Newman gegangen und die Familie bereit, sich zu Bett zu begeben, nachdem Leyla schon lange, selig, umgeben von den neuen Plüschgefährten schläft, klingelt es an der Tür, dann wird geklopft, erst leiser, dann lauter, gebettelt - „ich will nur mit dir reden, nur fünf Minuten, es tut mir leid“. Als keine Antwort aus der Wohnung kommt, wird schließlich geflucht und geschrieen und Anja hält sich beide Ohren zu, während Frédéric die Polizei ruft und ihr den Sachverhalt erklärt. Er würde den Baron am Liebsten eigenhändig erwürgen, aber er beherrscht sich. Man versichert ihm, sofort eine Patrouille zu schicken und der Sache ein Ende zu bereiten. Kurze Zeit später ist der Tumult vorbei und Ruhe kehrt wieder ein, doch von Schlaf kann keine Rede mehr sein!

 

„Ich kann nicht hier bei Euch bleiben!“ Anja kaut lustlos an ihrem Brötchen. Die Umsitzenden sind von der unruhigen Nacht gezeichnet, müde blicken sie einander an. „Er wird nie Ruhe geben, bis ich endlich mit ihm gesprochen habe!“ sagt sie nachdenklich. „Vielleicht sollte ich das tun“, fügt sie hinzu, doch ihr Vater schüttelt energisch den Kopf: „Nicht allein jedenfalls! Nur im Beisein deines Anwalts!“

„Ich werde mir irgendwo ein Hotelzimmer nehmen!“ entscheidet sie.

„Das hast du nicht nötig“, entgegnet Frédéric finster. „Du hast eine eigene Wohnung, ja ein Schloss und sollst dich in einem Hotel verstecken?“

„Es wird ja alles bald vorbei sein!“ beruhigt sie ihn.

„Wenn du vernünftig handelst und auf die Ratschläge es Anwaltes hörst, dann ja. Ich fürchte nur, du weinst diesem Scheusal von Mann immer noch nach!“

Sie schüttelt bestimmt den Kopf: „Das tue ich nicht, Papa! Ich weine nicht ihm nach, sondern dem Glück, das ich mir nur eingebildet habe und an das ich dummerweise glaubte!“

Das neue, schnurlose Telefon, das Steve ihr abends gebracht hatte, steckte in ihrer Hosentasche und würde ihre Anonymität bewahren. Gleich nach dem Frühstück erkundigt sie sich telefonisch bei Dr. Passauer nach dessen eingeleiteten Schritten.

„Soweit ich weiß, wird ihr Mann immer noch auf der Polizei festgehalten, nachdem er sich nicht an die richterliche Verfügung gehalten hatte, die ihm abends noch polizeilich zugestellt wurde. Sollten Sie demnach Dinge aus ihrer gemeinsamen Wohnung abholen wollen, dann können Sie es vor Mittag unbesorgt tun, vor 13.00 Uhr wird man den Baron nicht auf freien Fuß setzen. Eine Konfrontation mit ihrem Mann ist für den 15. des Monats vorgesehen. Dann müssen Sie sich auch entscheiden, ob Sie der Scheidung zustimmen, oder nicht!“

Anja atmet auf. Gemeinsam mit Forster, der sie wie ausgemacht abholt, fährt sie zu ihrer Wohnung, um die wichtigsten, persönlichen Dinge und Kleidung abzuholen. Die Wohnung sieht verwüstet aus, Kleidungsstücke liegen verstreut umher und sie erschrickt, als sie ihre eigenen Wäschestücke teilweise zerrissen neben umgestürzten Schubladen aufsammelt. Ihre Bilder sind zum Teil zerstört! Wie ein Irrsinniger muss er mit einem Messer darauf losgegangen sein! Sie unterdrückt ein Schluchzen, das in ihre Kehle steigt.

Diese Handlungsweise lässt auf einen kranken Geist schließen, oder war es Verzweiflung, die Charly dazu trieb, ihr Hab‘ und Gut zu zerstören? Sie bahnt sich durch umgestürzte Gläser und Flaschen einen Weg ins Kinderzimmer.

Leylas Sachen waren unangetastet geblieben, was sie ein wenig aufatmen lässt. Zumindest war Leyla nicht das Ziel seiner Hasstiraden!

Mit mehreren Reisetaschen und Gepäckstücken beladen, verlassen sie die Wohnung. Der Leibwächter hatte angesichts der Vernichtung keine Miene verzogen. Es stand ihm nicht zu Gefühl oder Interesse am Privatleben seiner Kunden zu zeigen. Ihr Leben zu schützen, und ihre Sicherheit zu bewahren das allein war seine Aufgabe, und die nahm er ernst.

Als ihr Handy während der Rückfahrt läutet, zuckt sie unbeabsichtigt zusammen. Doch es ist ihr Vater: „Ich habe eine Lösung! Steve bietet dir an, bis zum Termin bei Gericht bei ihm zu bleiben! Was hältst du davon? Dort vermutet dich niemand, nicht einmal dein hartnäckiger Mann!“

„Das kann ich doch nicht annehmen!“ erwidert sie überrascht.

„Ich glaube, ihm liegt viel daran, dass du sein Angebot annimmst! Er hat eine kleine Zweizimmerwohnung in einem Außenbezirk. Nichts besonderes, aber es könnte reichen für die zwei Wochen. Außerdem würde es mich beruhigen, dich in guten Händen zu wissen, auch nachts, denn tagsüber bleibt der Personenschutz an deiner Seite! Du kannst Leyla bei uns lassen, wenn du willst, oder du lässt sie bei dir, egal wie du dich entscheidest, Steves Angebot gilt. Denke darüber nach und ruf mich zurück, ich bin im Büro.“

Sie weiß, Charly würde alles versuchen sie ausfindig zu machen oder ihr aufzulauern, um sich mit fadenscheinigen Ausreden herauszureden. Oder er würde einfach einen anderen Weg finden, sie an ihn zu ketten, einen, der seinen unmissverständlichen Methoden entsprach und der keine Rücksicht auf sie oder Leyla nahm.

Sie sollte diese kurze Zeit bei Steve unterkommen, so blieben auch Carla und ihrem Vater die aufreibenden Belästigungen des Barons erspart, wenn er einmal begriffen hatte, dass sie sich nicht mehr in ihrer Nähe befand. Vielleicht würde er sogar annehmen, sie habe das Land verlassen. Nach Rücksprache mit Frédéric erklärt sie sich dazu bereit, Steves Angebot anzunehmen.

Sie trifft auf ihn in ihres Vaters Büro und er begleitet sie und Leyla, die sie bei sich behalten will, um das Kind nicht noch mehr zu verstören, in den Vorort der Metropole, in eine schon eher ländliche Gegend, wo der Brite in einer alten Herrschaftsvilla eine kleine Wohnung gemietet hatte. Es trifft sich gut, dass die Hausbesitzer auf den Kanarischen Inseln Urlaub machen, und sie weitgehend ungestört bleiben können. Ihr  Einzug geht so unauffällig wie möglich vor sich. Der große, verwachsene Garten rund ums Haus schirmt sie vor neugierigen Nachbarn ab.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar!“ Anja sieht zu dem Mann auf, von dem eine wohltuende Ruhe, auch in den ärgsten Stress-Situationen, ausgeht. „Aber ich will sie in ihrem Wohnkomfort keineswegs einengen!“

„Das tun Sie wirklich nicht!“ entgegnet Newman. „Ich komme täglich spätabends heim. Solange sollte der Bodyguard bleiben. So klein ist die Wohnung gar nicht! Sie hat zwar nur 2 Zimmer, aber die sind sehr groß, wie Sie sehen und so richtig gemütlich, wenn auch ein wenig altmodisch.“

Anja lässt ihren Blick durch den Wohnraum schweifen. Es stimmte. Der Raum allein war fast so groß, wie ihre gesamte moderne Wohnung am anderen Ufer der Donau. Bestickte Wandteppiche zierten die Holzgetäfelten Wände und dicke Teppiche dämpften die Schritte seiner Bewohner. Eine große Bibliothek nahm die eine Wand fast ganz ein, gut bestückt, mit interessanten, alten Bänden, teilweise sicher bereits sehr wertvoll. Ein großer Eichentisch mit Lederbezogenen, genieteten Stühlen war in einer der Ecken untergebracht und auch mehrere Plüschsofas, auf denen liebevoll gehäkelte Decken lagen, verliehen dem Raum Gemütlichkeit und ruhige Ausstrahlung. Die Küche war klein und rustikal eingerichtet, das Schlafzimmer mit dem großen, alten Himmelbett und seinen gerafften Vorhängen, den geblümten Seitenteilen der Vorhänge, die schwer und dicht die hohen Fenster bedeckten, erinnerten an alte englische Gesellschaftsfilme, mit viel Gefühl, Wehmut und Nostalgie. Alles in allem war es eine richtige Großmutter- Wohnung einer längst vergangenen Epoche.

„Das wäre eine nette Filmkulisse“, entschlüpft es Anja.

„Ja“, grinst Steve, „es soll sogar hier spuken!“

„Ich habe keine Angst vor Gespenstern“, gibt Anja lächelnd zurück. „Nur vor den Lebenden sollte man sich hüten!“

Er war wieder ernst geworden und nickt. Forster, der Mann vom Personenschutz, inspiziert die Türen und Fenster, blickt aus jedem einzelnen von ihnen und ist scheinbar zufrieden mit seiner Inspektion.

„Sieht recht sicher auf!“ gibt er zu. Für den wortkargen Mann war das eine lange Rede.

„Nun, ich habe noch ein paar Stunden zu tun!“ beeilt sich der Computermann zu sagen. „Ich muss zurück! Aber ich werde so bald wie möglich abends zurückkommen. Wir könnten dann vielleicht Pizzas bestellen, wenn sie italienische Kost mögen. Jedenfalls liegt neben dem Telefon eine Liste mit den  Nummern der flinksten Lieferservice Wiens und Sie können so telephonisch  einfach alles bestellen, worauf sie Lust haben, nicht nur Lebensmittel. Machen Sie es sich gemütlich, versuchen sie ein bisschen Schlaf nachzuholen! Hier sind Sie wirklich in Sicherheit!“

Schon war er gegangen und Anja spürt das Bedauern, das sein Verschwinden in ihr ausgelöst hat. Nachdem sie ihre und Leylas Sachen in den fast leeren Schränken untergebracht hat, widmet sie sich dem Kind, das dabei ist, die große, geheimnisvolle Wohnung gründlich und mit großem Interesse zu inspizieren.

Leyla im Arm, schläft sie schließlich am späten Nachmittag inmitten des großen, weichen Bettes, das nach Lavendel duftet ein, bewacht von Forster, der inzwischen diskret die Bibliothek in Augenschein nimmt und in den alten Büchern blättert, ohne, dass dadurch jedoch eine Sekunde lang seine Aufmerksamkeit gegenüber etwaigen fremden Geräuschen nachlässt.

 

Als sie erwacht, fühlt sie sich frischer den je. Es ist fast finster geworden im Raum, und die dichten Laubbäume des Gartens lassen das Licht in der Villa eher dämmeriger erscheinen als es draußen ist. Sie findet Forster in der Küche, wo er Kaffee braut und ihr eine Tasse anbietet, die sie jedoch ablehnt. Sie will keine schlaflose Nacht riskieren. Leyla schläft tief und fest, und wie es aussieht wird sie sicher durchschlafen.

Als kurze Zeit darauf Steve zurückkommt, den Arm beladen mit drei riesigen Pizzakartons, ist es Nacht geworden und der Bodyguard wird entlassen, nachdem er mit ihnen gegessen hat.

Beim Licht einer schwachen, Perlenverzierten Stehlampe sitzen sie noch eine ganze Weile in zwei hohen Lehnsesseln im Erker vor dem Fenster und blicken auf den dunklen Garten, während sie leise miteinander reden. Steve ist kein neugieriger Mann, er stellt hier und da eine diskrete Frage, wenn er spürt, dass die junge Frau über etwas Bestimmtes reden möchte. Sein Einfühlungsgefühl ihr gegenüber ist weder gespielt noch übertrieben. Er hört ihr einfach zu und sie redet und redet, als säße sie ihrem Therapeuten gegenüber. Sie vermeidet es, ihn dabei anzusehen und blickt weiter in die dunkle Nacht hinaus, in der kleine Insekten ans Fliegengitter prallen und taumelnd wieder abdrehen.

Anja redet sich alles von der Seele, sie erzählt von ihrer Kindheit, der Leere ihres Vaters, die er nach dem Tode ihrer Mutter durchlebte, von Eveline und der Provence, von Smaïn und ihrer Entscheidung, Leyla zu behalten und schließlich von Charly. Als sie bei ihm angekommen ist, werden ihre Erzählungen immer stockender und schließlich spricht sie nicht mehr weiter. Sie schämt sich ihrer Naivität, der sie zum Opfer gefallen ist und sogar für Charly selbst. Steve akzeptiert ihr Schweigen, und um es zu überbrücken, berichtet er von den Veränderungen in der Firma, die dank seiner Bemühungen eingetreten sind und den Betrieb modernisiert haben.

So verschwindet schließlich auch der Schatten Charlys aus ihrem Kopf und als sie sich wieder im großen Bett an Leyla kuschelt, während Steve auf dem ausziehbaren Sofa des Wohnzimmers sein Lager aufschlägt, ist es weit nach Mitternacht.

 

Die nächsten Tage sind voller Ruhe und Frieden. Frédéric vermeidet, sie zu besuchen, aus Angst Charly könnte ihm heimlich nachfahren. Er selbst und Carla haben keine Belästigungen mehr durch ihn erfahren. Entweder er hatte die Situation akzeptiert wie sie war, oder er bewahrte Ruhe, um sie alle in Sicherheit zu wiegen. Solange Anja rechtmäßig mit ihm verheiratet war, bewegte sie sich vis à vis dem Ehegesetz auf dünnem Eis. Dank des Beweises einer physischen Misshandlung, durfte er nicht in ihre Nähe, doch er blieb ihr Mann. Frédéric freute sich hämisch, wenn er sich das Gesicht des verhassten Schwiegersohnes vorstellte, wie dieser vor gesperrten Konten stand. Nun musste man Anja noch davon überzeugen können, dass eine Scheidung unbedingt erforderlich war. Erst dann konnte sie diese vergeudete Zeit die sie an der Seite des Barons verbracht hatte, aus ihrem Leben streichen.

 

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