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Terry schließt die Haustür auf und tritt in den dunklen Flur. Der Junge folgt ihm. Jemand hatte dafür gesorgt, dass die Heizung nicht völlig erkaltet war. Terry macht sich an dem Konvektor zu schaffen. Es würde nicht lange dauern und das Haus fand eine angenehme Zimmertemperatur wieder. Seit er es vor der Geburt Henrys gekauft hatte, war er immer bestrebt gewesen, eine gewisse Behaglichkeit damit in Verbindung zu bringen. Einen Ort, an dem man Zuflucht fand, Trost, und manchmal ganz einfach nur Ruhe. Es war ein altes Haus. Holzgetäfelt, eigentlich bar jeden modernen Komforts. Vom Bad abgesehen, nahm man den riesigen Wasserbehälter, in dem das Badewasser durch Gas vorgeheizt wurde, in Kauf. Er kam nicht oft hierher. Nicht mehr. Er hat es nur behalten, um dem Jungen ein Zuhause bieten zu können, während der sporadischen Momente, die er für ihn erübrigen konnte. Er belog den Jungen mit dieser Vortäuschung einer „heilen Welt“ und sich natürlich selbst auch. Es war ihm klar, aber er hatte keine Wahl. Oder er redete sich ein, dass er keine hatte... Außerdem war er sich nicht einmal sicher, dass sein Sohn gern hierher kam. Doch Henry folgte seinem Vater überall hin. Dankbar für jeden Augenblick, den er mit seinem Vater verbringen durfte. Sie waren rar, diese Momente, und wurden rarer... „Ist Dir kalt“, richtet er die Frage an seinen Sohn. Der schüttelt den Kopf: „Nein, Sir!“ Er hätte es natürlich nie zugegeben, wenn es auch so wäre. „Ich werde den Pizzadienst anrufen“, schlägt Terry vor. „Bis wir etwas zu essen bekommen, ist es auch hier gemütlicher geworden“. Er wirft den Schlüssel achtlos auf die Kommode im Flur und knöpft seinen hellgrauen Staubmantel auf, entledigt sich seiner und hängt ihn achtlos an einen der Holzhaken an der getäfelten Wand. Die Frau aus dem Dorf, die einmal pro Woche vorbei kam, um nach dem Rechten zu sehen, hatte ihm eine Nachricht hinterlassen. Der Gasmann hätte die Leitungen kontrolliert, sie müssten demnächst ausgetauscht werden, wenn er nicht samt dem alten Kasten in die Luft fliegen wollte. Er würde dieses Unikum einfach verkaufen und Henry in Zukunft in seine moderne Stadtwohnung mitnehmen. Er brauchte dem Jungen keine Saga vom „Elternhaus“ vorzuspielen. Henry war bald fünfzehn, es war einfach lächerlich.
„Ich werde das Gas anstellen“, beschließt Terry grimmig, als er den Zettel der Frau zerknüllt und in den Papierkorb wirft. „In spätestens einer Stunde kannst Du ein heißes Bad nehmen“. Henry nickt und schleppt seine Reisetasche ins erste Stockwerk hoch. Terry blickt ihm nachdenklich hinterher. Alles war wieder wie zuvor. Nach langer Zeit hatte er es einrichten können, dass er den Jungen eine Woche nach Athen mitnehmen konnte. Sie hatten zusammen gelacht, die Akropolis bestiegen und abends die kleinen Gasthäuser besucht, wo man unverfälschten Landwein trank und nicht darauf aus war, etwaige Touristen auszunehmen. Sich unters Volk gemischt, miteinander gesprochen, Vorsätze gefasst. Er hatte das Angenehme mit dem Geschäftlichen verbunden, einen Vertrag ausgehandelt. Und nun waren sie zurück. Morgen würde Henry von seiner Mutter abgeholt werden und von Michael, ihrem langjährigen Lebensgefährten. Jenem Michael, der in den Staaten eine Persönlichkeit war. Zumindest in der Army. Zumindest für Carols Vater, dem britischen General, der ihn nie akzeptiert hatte, ihn, den Aussie ohne Aussicht auf Titel oder Reichtum.
Er nimmt eine Zigarettenpackung aus der Tasche seines Sakkos, um eine Zigarette anzuzünden, die er bedächtig und nachdenklich raucht. Henrys Schritte waren aus dem oberen Stockwerk deutlich zu hören. Alter Holzboden, Latten, die bei jedem Schritt knirschten. Er dreht den Gashahn für den Boiler auf und geht in die Küche. Im Eiskasten findet er Bier. Er öffnet eine Dose, trinkt begierig und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Er sollte mit Carol über den Jungen reden. Sie verkehrten nur telefonisch miteinander. Seit sie in den Staaten lebte, hat er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er weinte ihr nicht nach, es tat ihm nicht leid. Aber Henry... Der Junge war zu ernst. Er hatte zu wenig Zeit für ihn. Er konnte die Verabredungen und Versprechungen, die er aus beruflichen Gründen brechen und absagen musste, nicht mehr zählen. Der Junge schien es hinzunehmen. Gelassen. Zu gelassen. ‚Ich hätte ihn gerne einmal wütend gesehen’, denkt Terry. Henry war gut erzogen. Er besuchte eine der strengsten Knabeninternate des Landes. Es war vielleicht besser, wenn er eine Zeitlang mit seiner Mutter nach Arizona ging und dort die Schule fertig machte. Er sollte mit anderen Jugendlichen zusammen kommen, andere Gesellschaftskreise kennen lernen und den Rest seiner Kindheit in gelockerten Verhältnissen aufwachsen.
Bis jetzt hatte er sich vehement dagegen gesträubt, dass der Junge die englische Ausbildung abbrach und in diesem einen, einzigen Punkt war der Großvater Henrys ganz auf seiner Seite gewesen. Carol kämpfte nicht gegen den Willen ihres Vaters an. Sie hatte es einmal getan, als sie ihn, Terry, unbedingt heiraten wollte. Es war ihr schlecht bekommen. Ihr, Henry und ihm selbst auch. Der General hatte nach der Scheidung verlangt, die Erziehung des Jungen zu übernehmen. Doch das hatte er nicht zugelassen. Sie hatten sich auf dieses Internat geeinigt und Carol war verschwunden. Aus England, aus seinem Leben.
Morgen würden sie ihn abholen, den Jungen. Und er selbst flog dann am nächsten Morgen nach Zypern. Dino war bereits vor Ort, erwartete ihn. Ein neuer Auftrag, ein neues Abenteuer, eine neue Gefahr. Angesichts seiner Tätigkeit, hatte er seit langem vorgesorgt. Das Leben des Jungen war finanziell abgesichert. Wenn er eines Tages von einer seiner Reisen nicht zurückkam, dann würde es keine Probleme geben. Das war ihm wichtig und es war anzunehmen, dass dieser Tag irgendwann eintreffen würde. Terry Thorne, Spezialverhandlungsagent bei Lösegeldforderungen, Sicherheitsmann für delikate Aufträge, inoffiziell versteht sich, und seit der Bowman-Sache Firmeninhaber, gemeinsam mit Dino, der wegen der Eigeninitiative damals, ebenso selbständig wie er werden wollte. Sie waren ein gutes Team. Langjährige Freunde, die einer dem anderen ihr Leben anvertrauten, ohne dabei mit der Wimper zu zucken.
Terry dämpft den Zigarettenstummel aus und telefoniert mit dem Pizzadienst. Er wollte früh schlafen gehen, um morgen fit zu sein. Und er würde sich diesen Michael ansehen. Versuchen, sich ein Bild von dem Kerl zu machen, bei dem sein Sohn vielleicht später wohnte. Ihn testen und aushorchen. An Carol denkt er nicht. Alles was ihm an Erinnerungen geblieben war, ist ihr schlanker Körper, der sich nur zu gerne mit dem seinen vereinigte. Doch das hatte auf die Dauer nicht gereicht, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Er schiebt das Schuldbewusstsein weit von sich, dass auch sein Job, seine andauernde Abwesenheit ein wichtiger Bestandteil der Trennung gewesen war.
Der Junge ist schweigsam. Fast unzugänglich. Höflich, aber unzugänglich. Er weiß, dass es wieder Monate dauern würde, bis sein Vater Zeit für ihn hatte. Den Rest der Ferien würde er in den Staaten bei seiner Mutter verbringen. Es war egal. Das Camp wäre genauso gut gewesen. Er fügte sich den Wünschen seines Vaters. Als er das Knirschen der Reifen auf dem Kiesweg vernimmt, stellt er sich ans Fenster seines Zimmers. Diese attraktive Frau, denn das ist sie zweifellos, ist seine Mutter. Die Frau, die ihn geboren hatte. Bei der er manchmal seine Ferien verbrachte, wenn sie Zeit für ihn aufbrachte. Sonst pendelte er zwischen dem Haus seines Großvaters und dem Camp. Von Zeit zu Zeit schienen seine Erzeuger sich daran zu erinnern, dass es außer Ihnen beiden auch noch ihn gab. Er fragt sich manchmal, wie es möglich war, dass die zwei ihn gezeugt hatten und er vermeidet es, sich das näher vorstellen zu wollen. Die Frau ist anscheinend allein gekommen. Sie verlässt ihre gemietete Limousine und blickt zu ihm herauf. Er tritt zurück in den Schatten des Zimmers. Sein Vater war ins Freie getreten. Begrüßt sie und küsst ihre Wange. Wie man das halt so tut. Henry wartet darauf, dass man ihn ruft. Doch er muss noch eine Weile warten.
„Du siehst verdammt gut aus, Carol“, und er meint es ernst. Sie scheint etwas zugenommen zu haben, was ihr ein fraulicheres Aussehen verleiht. Sie hatte in ihrer frühen Jugend unter einem Schlankheitswahn gelitten, und er mit ihr. Ein Grund mehr, der Anlass zu Wortfehden zwischen ihnen gegeben hatte. „Wo ist Michael?“ Sie war allein gekommen. Terry weiß nicht, ob er erleichtert oder erbost sein soll. Warum hatte der Kerl gekniffen? „Er wurde in der City aufgehalten und wird mich erst morgen hier abholen. Uns abholen“, verbessert sie sich. „Ich gebe Dir das Kompliment zurück, Terry“. Ihre Augen hinter der dunklen Brille verbergen den Ausdruck ihres Blickes. „Gut siehst Du aus! Dein gefahrenreiches Leben scheint Dir zu bekommen!“ War das wieder der spöttische Unterton, der ihn ärgerte, oder immer noch die Tatsache, dass Michael es nicht wichtig genug befand, sich mit ihm über Henry zu unterhalten? Er schnappt sich ihr leichtes Gepäck und trägt es hinter ihr her ins Haus. Er betrachtet ihre Gestalt in dem schicken, maßgeschneiderten Hosenanzug. Schwarz, mit weißem Besatz und Ärmelaufschlägen. Fifth Avenue oder gar Paris. Egal. Es war nicht von seinem Geld. Michael hatte genug, dass sie es mit beiden Händen ausgeben konnte. Bedeutende Familie, bedeutendes Vermögen. Umso besser für sie. Sie sieht sich im Flur um und geht schnurstracks ins Wohnzimmer. „Bedrückend“, konstatiert sie. „Immer noch! Du solltest den alten Kasten verkaufen, Terry. Im Ernst! Da wird man ja trübsinnig!“ „Ich hab’ daran gedacht“, bemerkt er. Er hing nicht an dieser Bude. Sie erinnerte ihn an Carols Unzufriedenheit, ihren Frust, die peinlichen Szenen, die sie miteinander ausfochten. Als sie ging, war Henry für eine Weile bei seinem Großvater untergebracht worden. Tolles Familienleben, tolle Erinnerungen. Sein Gesicht bleibt verschlossen, seine Miene undurchdringlich. „Ich hoffe Du hattest eine gute Reise“, sagt er höflichkeitshalber. Sie hat die Brille abgenommen, er sieht in ihre graublauen Augen. Carol ordnet ihr hellblondes Haar. Heller, als er es in Erinnerung hat. Sie entfernt zwei, drei Haarnadeln und es fällt in einer weichen Flut bis auf ihre Schultern herab. „Wir sind bereits vor einer Woche in Europa eingetroffen“, erklärt sie angetan. „Rom und Paris. Ein paar Kleinigkeiten besorgen.“ Er weiß, was sie unter Kleinigkeiten versteht. Cartier, Armani, Versace. Anscheinend hat sie ihren idealen Lebenspartner gefunden. Er vergönnt es ihr, ohne Bitterkeit. Sie ist außergewöhnlich schön. Ein Juwel, das verdiente, dass man es in Satin und Gold bettete. Sie entledigt sich ihrer Jacke, wirft sie achtlos auf die Lehne des Ledersofas im englischen Landhausstil. Die Blütenweiße Seidenblues spannt über ihren Brüsten, und Terry entgeht dieser schmackhafte Anblick keinesfalls. Sie hatte ihn immer schon angetörnt. Aber auch das hatte nicht gereicht... Ungewollt erinnert es ihn an Alice Bowman, ihre Mädchenhaften Brüste unter den losen T-Shirts, die sie mit Vorliebe trug, und die ihre knabenhafte Gestalt noch mehr betont hatten. Kein bisschen sexy, und doch hatte er sie begehrt... Alice... Heute schmerzte es kaum noch. Er war stark genug gewesen, sie so rasch wie möglich aus seiner Erinnerung, seinem Bewusstsein zu verbannen, bevor der Gedanke an sie zu einer gefährlichen Phobie werden konnte. „Wo ist er?“ holt Carols Stimme ihn aus den ungewollten Gedankengängen zurück. „Henry? Er ist oben! Vielleicht solltest Du zu ihm hinauf gehen. Er hat Dich lange nicht gesehen und Euer Wiedersehen ist wahrscheinlich sehr wichtig für ihn, Carol! Es bedeutet ihm eine ganze Menge!“ Sie erwidert seinen eindringlichen Blick aus den hellen Augen und nickt dann langsam und zustimmend. „Du hast Recht! Ich werde ihn allein in seinem Zimmer begrüßen.“ Er blickt hinter ihr her, wie sie über die Treppen hinauf geht. Ihre schmalen, geraden Schultern, das wohlgeformte Hinterteil in der gut sitzenden Hose, und er kramt nachdenklich nach seinen Zigaretten. Sie dreht sich langsam auf halber Höhe um. „Und Dir?“ fragt sie mit ungeleugnetem Interesse in ihrer Stimme. „Was bedeutet es Dir, mich nach all den Jahren wieder zu sehen?“ „Ebenfalls viel“, lügt er und ist nicht mehr ganz sicher, ob diese Antwort wirklich noch zutraf, wie vor gut zehn Minuten noch!
Das ausgezeichnete Restaurant, in dem er einen Tisch bestellen hat lassen, wird auch den Ansprüchen einer verwöhnten Frau wie Carol gerecht. Der pulsierende Abendverkehr in der City von London stört die angenehme und gediegene Atmosphäre im Inneren des Lokals in keinster Weise. Ihr Tisch befindet sich im rückwärtigen Teil des Hauses. Sie kam aus Paris, also hatte er sich für dieses französische Lokal entschieden. Er wollte sie zufrieden stellen. Henry blickte von einem Elternteil zum anderen. Man sah ihm an, dass er über dieses wahrhaft seltene Ereignis, beide vereint an einem Tisch zu sehen, mehr als erfreut war. Er strahlte regelrecht. Eine Art Hoffnung sprang aus seinen Augen, die denen seiner Mutter so sehr glichen. Carol blickte auf den Jungen. Es tat ihr leid, ihn so glücklich zu sehen, denn es war ein privilegierter, aber nur kurzer Moment der allgemeinen Zufriedenheit. Und er würde sich in spätestens zwei Stunden auflösen, wie der Rauch der flambierten „Omelette Norvegienne“, die man am Nebentisch präparierte. Sie wusste das und Henry auch. „Vielleicht solltest Du versuchen, Michael telefonisch zu erreichen“, beginnt Terry und sein auffordernder Blick trifft Carol ganz unvermutet. „Wenn er ohnehin in der Stadt ist, kann er es vielleicht einrichten, hier vorbei zu schauen! Ich hätte ihn gerne kennen gelernt.“ Der zweite bedeutsame Blick gilt Henry, und Carol scheint über seinen Vorschlag nachzudenken. Als sie jedoch den kleinen Schrecken im Gesicht ihres Sohnes bemerkt, den der Vorschlag Terrys verursacht haben musste, schüttelt sie leicht den Kopf. „Das wäre sinnlos! Er hat mehrere Verabredungen diesen Abend, wichtig genug, uns absagen zu müssen!“ Terry zuckt die Schultern und seine Zunge streicht leicht über seine Unterlippe. Eine Geste, die Carol gut kannte. Er tat es immer, wenn er am Überlegen war und nicht sicher, ob man ihm die Wahrheit vorsetzte oder ihn belog. „Er wünscht nichts sehnlicher, als mit Dir zu sprechen, Terry“, versichert sie und zaubert einen Vertrauenserweckenden Ausdruck in ihre Augen. „Ihr könnt das ja noch morgen früh nachholen.“ Terry nimmt sein Glas Pernod, den er als Aperitif bestellt hat, und leert es in einem Zug. „Dann müssen wir uns wohl damit abfinden“, meint er gelassen lächelnd, mit einer brüsken Kopfdrehung an Henry gewandt. Er ist kein Idiot und er weiß nur zu gut, dass Henry nicht wirklich darauf brannte, Michael als vierte Person an diesem Tisch sitzen zu haben. Doch gerade deswegen hätte es Terry interessiert, wie der Junge auf den Mann und seine Gegenwart ganz allgemein reagierte und verso. Ihre Unterhaltung wird vom Servieren der Vorspeise, einem „Gratin St. Jacques au Cognac“ unterbrochen, und Carol ist darüber keinesfalls betrübt.
„Erzähl’ mir etwas über diesen Michael!“ verlangt er mehr, als er darum bittet. Er hatte ein Bein über das Knie des anderen gelegt und einen Arm über die Lehne des Chintz-Sofas. Er raucht und sieht sie durch die gekräuselt blauen Rauchschwaden hindurch abwartend an. Carol sitzt ihm gegenüber und wippt mit ihrem Fuß. Beide Hände halten das Glas alten Portos umschlungen, als wolle sie sich daran festhalten. Ein kurzer Blick huscht zu den Stufen, in die Richtung von Henrys Zimmer, in das er sich gleich nach ihrer Rückkehr aus dem Restaurant zurückgezogen hatte. Terry bemerkt sofort, dass sie diese Richtung der Unterhaltung, die er einzuschlagen gedachte, nicht mochte. „Mein Gott, Terry!“ beginnt sie ihrem Unwillen Luft zu machen. „Was soll das werden? Ein Verhör?“ Er zaubert einen verwunderten Gesichtsausdruck auf seine Züge und legt den Kopf leicht schief. „Wie kommst Du auf so etwas? Erstens versuche ich, ein wenig Smalltalk mit Dir führen, zweitens ist es wohl klar, dass mich interessiert, bei wem mein Sohn“, sie unterbricht ihn rasch „Unser Sohn!“ „Ja, unser Sohn“, berichtigt er und zieht gierig an seiner Zigarette, bis seine Lungen zu brennen beginnen, „also, unser Sohn die nächsten fünf Wochen verbringen wird.“ Er persönlich hätte vorgezogen, Henry wäre lieber bei seinem Großvater geblieben. Nicht, dass er den Kerl besonders leiden konnte, aber bei ihm wusste er wenigstens woran er war. Despotisch, steif, ja, das war der Alte sicher, aber er liebte Henry über alles und würde auf ihn achten, mit den Augen eines Falken. Andererseits konnte er nicht Carols Wunsch, der selten genug kam, ihren Sohn zu sehen, einfach übergehen. Der Junge hatte schließlich eine Mutter, und sein Verhältnis zu ihr sollte so ‚normal’ wie nur möglich aufrecht erhalten bleiben. Er verzieht die Mundwinkel zu einem fast ironischen Lächeln. Carol lässt sich dadurch nicht beirren. Er sollte sich ja nicht vor ihr aufspielen, wie er es gerne tat, um andere zu verunsichern! Dazu kannte sie ihn schon zu lange, es funktionierte bei ihr nicht mehr! „Michael ist ein wunderbarer Mensch“, beginnt sie. „Immer für mich da wenn ich ihn brauche und er bietet mir ein Leben, wie ich es gerne mit Dir geführt hätte, Terry. Ein Leben zu zweit!“ „Und seine Militärkarriere?“ „Er ist Generalsanwärter, wie Du sicher inzwischen weißt, denn höchstwahrscheinlich hast Du rein gar nichts unterlassen, um ihm und mir hinterher zu spionieren. Michael kommt abends heim und schläft in seinem eigenen Bett, neben mir!“ Sie hat jedes einzelne Wort betont und Terry amüsiert ihr Versuch, ihn damit wissen zu lassen, dass alles dies während ihrer Beziehung gefehlt hat. Als ob er das nicht selber wüsste! „Ich wünsche nicht, dass Dein perfekter Lover...“, sie unterbricht ihn abermals ungehalten: „Wir werden in wenigen Monaten heiraten!“ Er nickt verstehend. „Ja, sicher wenn er endlich seinen General in der Tasche hat! Da wird Dein Vater sich ja besonders freuen! Wahrscheinlich hat er Dir das sogar in dieser Art und Weise befohlen!“ Das unsichere Flackern in ihren hellgrauen Augen verrät ihm, dass er nicht daneben getroffen hatte. Der Einfluss des Generals auf seine Tochter war immer noch so groß wie vor Jahren. „Ist ja auch egal, und vielleicht eine gute Sache“, schwächt Terry seine Äußerungen ab. Er will sie weder reizen noch verärgern. Er hat ja nichts davon, aber seine lose Zunge spielte ihm eben manchmal einen ungewollten Streich. Er war ein Analytiker, durchschaute Worte und Situation mit einem Scharfsinn, der nur ihm eigen war. Verhandlungen zu führen war schließlich sein Brot. Mit Taten, welcher Stärke, welcher Art auch immer, manchmal nachzuhelfen, unerlässlich. Erlaubt war alles, das Erfolg versprach. „So bleibt alles in der Familie. Nur schade, dass Michael kein Brite ist. Ich hoffe, das betrübt Deinen alten Herrn nicht allzu sehr!“ Und ob es das tat! Aber Carol hatte sich zumindest, was die Wahl ihrer Männer anbelangte, bei ihrem Vater durchgesetzt. Und Terry brauchte gar nicht so unwissend zu tun, er war über alles besser informiert als sie selbst. „Hat er sich dazu geäußert, dass Henry eine Weile bei Euch wohnen wird?“ „Michael freut sich auf ihn“, schießt Carol zurück. „Mehr, als Du Dir vorstellen kannst.“ Terry dämpft seine Zigarette aus und erhebt sich vom Sofa. „Dann ist ja alles geklärt“, konstatiert er und beginnt im Raum auf und ab zu gehen. Er erinnert sie an ein schleichendes, unruhiges Raubtier, eingesperrt in seinem Käfig. Er hat die Hände in den Seitentaschen seiner tadellos sitzenden Hose vergraben und scheint nachzudenken. ‚Was wird er als nächstes Geschütz auffahren’ überlegt Carol und nippt an ihrem Glas. Sie will diesem Raum entfliehen. Terry machte sie unsicher, immer noch. Nicht nur durch die Art und Weise wie er mit ihr sprach, als könne er jeden verborgenen Gedanken in ihr finden und ihn deuten, sondern auch, weil diese erotische Spannung, die sie längst überwunden geglaubt hatte, plötzlich und spürbar wieder vorherrschend zwischen ihnen beiden stand. Sie liebte Michael, sie hatte nicht vor, etwas zu tun, das sie später bereuen müsste.
„Wir müssen uns ernsthaft über Henrys Zukunft unterhalten“, lenkt Terry unvermutet das Gespräch in neue Bahnen. „Er hat sich verändert, das gefällt mir nicht“. Carol antwortet mit einem kleinen „Oh“. Es war ihr nicht weiters aufgefallen und er hatte nichts anderes von ihrer Seite aus erwartet. Er bleibt vor ihr stehen und sieht auf ihr betroffenes Gesicht herab. „Ich befürchte, wenn er sich weiter in dieser Richtung entwickelt, dann wird er ein Duckmäuser!“ Sie lacht leise, aber unsicher auf. „Das sind doch Hirngespinste. Er besucht die renommierteste Schule überhaupt. Prinzen wurden dort erzogen, zukünftige Herrscher!“ Er zuckt die Schultern. „Das hat rein gar nichts zu sagen, Carol! Das ist Veranlagungssache, Charakterstärke, und vielleicht auch...“ er sucht nach einer plausiblen, überzeugenden These, „vielleicht auch Dein Vater, dem er sich anscheinend voll und ganz unterwirft. Gar nicht unfreiwillig, das behaupte ich nicht. Einfach weil er so erzogen wurde und er dem alten Herrn gefallen will.“ „Bleibt noch zu klären, was Du unter einem Duckmäuser verstehst, Terry, Liebster!“ Sie hat beschlossen, diesen Verdacht, den Terry hatte, einfach zu ignorieren und als lächerlich abzutun. „Gehorsam ist kein Fehler! Wir können uns über den Jungen in keiner Weise beklagen, mein’ ich!“ Er nickt grimmig. „Eben! Ich würde es vorziehen und als ganz normal empfinden, wenn er einmal bei einem Jungenstreich wenigstens nur dabei gewesen wäre. Dass er kein Rädelsführer ist, kann man ja unbestreitbar behaupten. Einen Jungen seines Alters muss es doch jucken, einmal so richtig auf die Pauke zu hauen und etwas Verrücktes anzustellen! Sich besaufen, einen Joint zu rauchen, was weiß ich!“ Sie schüttelt den Kopf. Solchen Unsinn hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Niemand konnte es diesem Mann recht machen. Doch andererseits kannte sie ihren eigenen Sohn nicht gut genug, um all den Ausführungen Terrys noch etwas anderes entgegen zu halten. Sie trinkt ihr Glas aus und reicht es Terry. „Ich würde noch gerne einen nehmen...“ umschreibt sie die Bitte um einen weiteren Drink. „Du würdest es also begrüßen, wenn Henry zum Säufer oder Junkie würde, ja?“ Er schüttelt den Kopf, füllt ihr Glas und reicht es ihr. „Du weißt was ich meine“, erwidert er ungehalten. „Du hast es getan und ich auch. Henry käme das nie in den Sinn!“ Ihre feingliedrigen Hände, die gepflegt und weiß wie Porzellan waren, greifen nach dem Glas, berühren kurz seine Fingerspitzen. Ein eigenartiges Gefühl beschleicht sie. Unsinn! Sie hatte jahrelang mit Terry mehr getan, als ihn nur an den Fingern zu berühren, was sollte diese Einbildung?
„Was schlägst Du vor?“ fragt sie ihn, denn eines stand zweifellos fest: Terry gehörte zu der Sorte Männer, die ein Problem nicht lang in der Luft hängen liessen, und darauf hofften, dass es sich irgendwann einmal von selbst auflöste, sondern sich sofort daran machten die passende Solution dafür zu finden. Er war in die Hocke vor ihr gegangen, blickt aufmerksam in ihre grossen Unschuldsaugen und lässt eine seiner Hände auf ihren Knien ruhen. „Könntest Du ihn nicht dieses letzte Jahr zu Dir nehmen? Danach soll er sich selbst entscheiden, welche Universität er besuchen will. In den Staaten oder hier, es steht ihm frei. Ich glaube ganz einfach fest daran, dass es ihm gut tun würde, ihn aus seiner gewohnten Umgebung heraus zu nehmen. Es würde seinen Horizont in menschlicher und auch psychischer Hinsicht erweitern und ihm neue Einblicke ins Leben und die Gesellschaft schenken.“ Er wartet ihre Reaktion ab. Carol sieht ihn mit ungläubigen Augen an. „Vater würde ihn nie gehen lassen“, wendet sie ein und ihr Argument ist keine dumme Ausrede. Natürlich würde es Zoff geben mit dem General, aber Henry war immerhin noch sein Sohn. Um das Sorgerecht hatten sich er oder Carol noch nie streiten müssen. Beide liebten sie ihren Jungen, doch der General betrachtete ihn als sein Eigentum. „Es wird ihm das Herz brechen, Terry!“ Fast bittend kommen Carol ihre Worte leise über die Lippen. Wie voll sie waren, wie schön geschwungen... Er versteht ihre Befürchtungen, doch gleichzeitig machen ihn ihre Einwände wütend. „Es ist unser Sohn“, bemerkt er eindringlich. „Wir dürfen nicht nur immer auf den alten Herrn Rücksicht nehmen, schon gar nicht, wenn es um die Zukunft von Henry geht! Du würdest alles für ihn tun und Du weißt, dass für mich das Gleiche gilt! Also, bitte Carol, denk ausnahmsweise einmal nur an Henry, so sehr uns das bisherige Arrangement auch beiden dienlich war!“ Er sieht, wie sie mit sich kämpft und das macht ihn noch wütender, sodass er Dinge sagt, von denen er weiss, dass sie ungerecht sind. „Suchst Du nach Ausflüchten, Carol? Hast Du Angst Michael könnte Henry als Last empfinden? Oder ist er Dir einfach im Wege? Schadet er Deinem bequemen Leben, Deinem Image, vor Michaels Familie, als junge, ungebundene Frau ohne jede Verpflichtung da zu stehen?“ Er kann ihre Hand, die ihn ohne Vorwarnung ohrfeigt, nicht mehr abfangen. Doch als sie ein zweites Mal ausholen will, um ihn zu schlagen, ist er darauf vorbereitet und packt sie am Handgelenk. „Ich habe also ins Schwarze getroffen“, grinst er sie an. „Ganz und gar nicht“, zischt sie wütend. „Wie kannst Du solche Dinge auch nur im Geringsten annehmen! Henry ist mein Sohn! Ich würde mein Leben für ihn opfern!“ „Möglich“, entgegnet er ruhig und lässt ihren zornigen Blick dabei nicht los. „Aber nicht das Deines Vaters!“ „Du redest wie ein Schwachkopf“. In ihrer Stimme liegt Verachtung und ihre Stimme zittert ein wenig. „Du hast Dich nicht verändert, verdammter Kerl! Wenn Schwierigkeiten auftauchen, suchst Du den Grund dafür automatisch bei anderen, nie bei Dir selbst!“ „Du kennst mich wenig, Carol“, entgegnet er sonderbar berührt, „und das ist eigentlich traurig, dass Dir keine anderen, besseren Erinnerungen an mich erhalten geblieben sind! Hast Du alles vergessen?“ „Ach“, entgegnet sie unsicher, „bitte fang doch nicht mit einer solchen Tour an!“ „Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“ fährt er unbeirrt fort. Sie scheint zu überlegen und es vergessen zu haben. „Drei Jahre?“ rät sie. Ein kleines, wehmütiges Lächeln stiehlt sich auf seine Züge. „Fünf Jahre, Carol! Fünf lange Jahre! Und ich bin sicher, Du hast mich keine Minute lang vermisst, in dieser Zeit!“ „Wie auch Du mich nicht“, entgegnet sie ein wenig hochmütig. „Für Gefühle und Beziehungen konntest Du nie ein wenig Zeit erübrigen!“ Der Vorwurf, der ihm gilt, ist nicht zu überhören. „Ein wenig schon“, kontert er. „Aber sicher nicht genug! Carol, wir wollen uns doch jetzt nicht gegenseitig die Schuld zuschieben wie ein verdecktes Pokerblatt! Lass uns wie zwei vernünftige und verantwortungsbewusste Menschen reden!“ Sie versucht, sich ihm zu entziehen und er gibt nach und lässt sie frei. „Ich nehme die Sache in die Hand, rede auch mit Deinem Vater. Wenn Du es wünscht, dann tu ich so, als seiest Du noch gar nicht von diesem Vorhaben informiert worden!“ „Das ist nicht nötig“, entgegnet sie rasch. „Ich bin einverstanden und ziehe es vor, meinen Vater selbst darauf vorzubereiten. Vielleicht hat er dann Aussicht, nicht gleich einem Schlaganfall zu erliegen. Deine direkte und schonungslose Art der Mitteilung ist ja nicht unbekannt, und vor allem nicht mit!“ Da hatte sie Recht, muss er zugeben. Für ein langes Hin und Her war er nicht zu haben. Fakten, Taten, Ergebnisse. „Dann wirst Du also Henry gleich morgen mit in die Staaten nehmen?“ Sie nickt. „Ja, das werde ich. Vielleicht ist es an der Zeit, dass er und ich einander näher kommen, bevor es zu spät ist.“ Ihre Offenheit rührt ihn und er nimmt ihre beiden Hände und führt sie an seine Lippen. „Du machst es mir einfacher, als ich befürchtet habe, Carol! Eine weitere, sehr positive Veränderung, die ich an Dir bemerkt habe.“ „Was soll das nun wieder heißen, Terry“, will sie verunsichert wissen. Sein Blick dringt in den ihren, hält ihn fest und spielt mit ihm. „Du bist weitaus hübscher, als ich Dich in Erinnerung habe“, säuselt er und sie lächelt geschmeichelt aber auch spöttisch: „So ein Unsinn! Die Erinnerung ist nur etwas verblasst neben all den Frauen, die Du besessen hast im Laufe der Jahre!“ „Ganz bestimmt nicht“. Wie aufrichtig seine Worte doch klingen. Was wollte er denn? Dass sie mit ihm ins Bett stieg? Sich selbst beweisen, dass er Michael immer noch ausstechen konnte, wenn er es wünschte? Sie atmet tief ein und sein Blick verweilt auf ihrer bebenden Brust. „Du bist weitaus kurvenreicher geworden“, stellt er fest, und sein männliches Gesicht wird plötzlich weicher als zuvor. Sie will ihm ihre Hände entziehen, er hält sie fest, zieht sie näher zu sich, bis ihr Gesicht nur mehr wenige Millimeter von dem seinen entfernt ist. Ein gebündelter Strahl von sehnsüchtigen Erinnerungen wird plötzlich in ihr wach, sie verliert sich in dem spiegelnden Türkis seiner Augen und versucht ihre Ruhe und Vernunft zu bewahren. „Manchmal frage ich mich“, sinniert er und sie spürt den warmen Atem seines Mundes auf ihrem Gesicht, „ob es richtig war, dass wir einen so tiefen Schnitt zwischen uns gebracht haben. Nicht nur des Jungen wegen.“ „Das ist Blödsinn“, murmelt sie benommen, „und das weißt Du. Also unterlass dieses Getue, Terry, um Henrys Willen!“ „Aber nicht Deinetwillen“, stellt er fest und küsst ihre bebenden Lippen zart, drängt seine Zungenspitze in ihren Mund, spielt mit der ihren und entreißt ihr schließlich einen leidenschaftlichen, langen Kuss, der sie vergessen lässt, dass es Michael auch noch gab. Er hatte nicht vorgehabt, das hier zu tun. Es geschah ganz einfach und sein Spiel mit dem Feuer droht sich weiter auszubreiten. „Wir sind Henrys Eltern“, flüstert er danach, und zwischen seinen Worten, bedeckt er ihr Gesicht, ihren Hals mit kleinen Küssen. Er spürt ihren eigenen Kampf. Sie war ganz sicher keine untreue Frau, aber sie war immer schon so voller Leidenschaft gewesen, deren Opfer sie auch dieses Mal werden würde. „Er würde das hier begrüßen!“ Terrys Hände befinden sich überall auf ihrem Körper, der immer noch verzweifelt versucht, standhaft zu sein, sich versteift, um im selben Augenblick seine Berührungen herbeizusehnen. Sie lässt zu, dass er die winzigen Knöpfe ihrer Bluse öffnet und ihre vollen Brüste springen regelrecht in seine kosenden Hände, wölben sich ihm entgegen, bis sie heftig atmet, und beginnt, auch seine Hemd aufzuknöpfen, ihre Hände unter sein Trikot zu schieben und ihn zu fühlen, wie damals, als sie noch glaubte, ohne ihn nicht leben zu können. ‚Nicht denken’ schießt es ihr durch den Kopf. ‚Nicht aufhören. Nur dieses eine Mal, danach werde ich es vergessen’. Terry hat seinen Verstand ausgeschalten, was selten genug geschah. Unter ihm befand sich das willige, warme Fleisch seiner Frau. Sie war die Mutter seines Sohnes und sie wollte ihn ebenso wie er sie. Alles andere war nicht wichtig, in diesem Augenblick. „Willst Du es auch so sehr wie ich’, flüstert er zwischen den erstickten Küssen, die sie austauschen. Sie antwortet nicht, empfängt seine Liebkosungen atemlos, was Antwort genug für ihn ist. Plötzlich hält sie still. „Nicht hier, Terry“. Ihre Stimme ist dunkel vor Verlangen. „Henry könnte aufwachen, oder plötzlich Hunger kriegen, oder was weiß ich...“ So weit funktioniert sein Verstand noch, dass er das nicht leugnen kann. Er zieht sie einfach hoch und hinter sich her zu seinem Zimmer. Als er sie hinein geschoben hat, dreht er den Schlüssel im Schloss herum und nimmt sie in die Arme. Wie klein sie doch ist, auch das hatte er vergessen. Ohne ihre hochhackigen Schuhe reichte sie ihm gerade bis zur Schulter. Und er war nicht unbedingt ein Riese, besaß normale Mannesgröße. Sein gefahrenreicher Beruf hatte seinen Körper gestählt und sie findet seine ausgeprägten Arm- und Brustmuskeln wieder, die sie früher schon faszinierten. Er war breiter geworden, härter, und sie sagt es ihm leise, während er sich und sie rasch entkleidet, atemlos und erregt. Ihr Kopf wird etwas klarer, während weißes Mondlicht den Raum ein wenig erhellt und ihren nackten Körpern schmeichelt. „Wir sollten das hier nicht tun“, zögert sie ein letztes Mal, auch wenn ihr Unterbewusstsein danach schreit, dass er ihren Einwand nicht gelten ließ. „Wir tun es“, murmelt er. „Weil Du es willst und ich auch. Warum sollten wir das nicht, Carol! Wir sind uns nicht fremd. Durch Henry sind wir auf immer miteinander verbunden.“ Es ist kein Triumphgefühl über diesen Michael, das ihn dazu veranlasst, dass er sie aufs Bett drängt und er mit Genuss feststellt, wie sehr sie darauf wartete, dass er sie ganz nahm, wie früher, als sie noch glücklich miteinander gewesen waren. Damals, als sie noch gehofft hatten, ihre Liebe wäre stärker als alles andere. Welche Verschwendung an Gefühlen, welch großer Irrtum! Was bleibt, ist pure Begierde, ungestillte Leidenschaft. Sie stöhnt verhalten, aus Angst, der Junge könnte oben etwas von dem merken, was sich in seines Vaters Zimmer abspielte. Terry lässt seine Hände und Lippen über ihren biegsamen Körper wandern. Er kennt ihre sensitiven Zonen, er hat nichts vergessen was sie mochte und sie schier in Verzückung versetzte. Und er gibt ihr alles das, was sie einst miteinander verbunden hatte. Wollust, Ekstase und pulsierende Wonne. In seinen Armen wird sie wieder die kleine, verwöhnte Generalstochter, die unter seinen Händen, seinem Körper zu Wachs wird und dann wie ein gezündetes Feuerwerk explodiert. Ganz kurz nur, steigt die Erinnerung an Alice in ihm hoch. Der kleine stechende Schmerz in seiner Seele lässt ihn heftiger in ihr kommen, als er es für möglich gehalten hatte. Doch schon war der blonde Lockenkopf verschwunden und er sieht auf Carols schönes, ebenmäßiges Gesicht, mit dem langen, blonden Haar, das gleich einem feinen Gespinst über das Polster seines Bettes ausgebreitet ist. Er versenkt sein Gesicht zwischen ihren Brüsten und sie bebt immer noch leicht von den Momenten der wonnenreichen Hingabe ihres Seins. Sie schlingt ein Bein über seine Hüfte und versucht, nicht an Michael zu denken. ‚Ich bereue es nicht“, murmelt sie. „Aber es wird nicht wieder passieren.“
Als der Morgen graut, haben sie es doch noch zweimal getan. Die Gewissheit, dass sie keinerlei Gewissensbisse empfindet, erschreckt Carol ein wenig. Michael liebte sie und sie ihn. Warum bereute sie das ungeplante Intermezzo dieser Nacht kein bisschen? Terry war aufgestanden und schaut aus dem geschlossenen Fenster in den Garten hinunter. Seine Arme sind auf das tiefe Fensterbord gestützt und die Muskeln seines Rückens scheinen ein Eigenleben zu führen.Die kräftigen Nackenmuskeln verleihen seinem Körper eine trapezförmiges Aussehen. Schmale Hüften, ein wohlgefälliges Gesäß. Alles an ihm ist Kraft. Unbändige, erbarmungslose Kraft, wenn es darauf ankam. Carol liebt diesen Körper, immer noch. Aber das reicht nicht, um ein glückliches Leben in der Einsamkeit zu führen. In pausenloser Angst, dass irgendwann das Telefon schrillte und ein Fremder ihr am Ende der Leitung mitteilten würde, dass es Terry nicht mehr gab. Sie würde neben ihm verkümmern, altern, grau und unscheinbar werden vor Sorge und unerfülltem Dasein, während er versuchte, die Welt zu retten. Als er sich zu ihr umdreht, schließt sie die Augen. Sie fürchtet das, was er jetzt sagen wird. Er durchschaut sie, lässt sich neben sie gleiten und legt einen Arm auf ihren Bauch. „Wir müssen reden“, beginnt er langsam. Er raucht. Sie hatte immer gehasst, wenn er im Bett rauchte. Doch er teilte ihr Leben seit langem nicht mehr. Und es war sein Bett, also soll er tun, was er für gut hielt. „Es gibt nichts hinzuzufügen“, antwortet sie mit geschlossenen Augen. „Ich werde Henry sagen, dass er noch heute England verlässt und bei Michael und mir leben wird. Ich denke, dass es ihn freut. Wenn nicht, dann wird er sich trotzdem daran gewöhnen müssen.“ Ja, natürlich! Henry! Darüber wollte er eigentlich nicht mit ihr reden. War das alles, woran sie in diesem Augenblick zu denken vermochte? Michael? Henry? „Ich habe mir einiges überlegt“, beginnt er entschlossen und starrt zur Decke empor. „Warum versuchen wir es nicht noch einmal, Carol? Wir mögen uns. Es könnte wieder mehr daraus werden. Und Henry würde nichts glücklicher machen!“ Sie glaubt, sich verhört zu haben! Wenn es ein Scherz sein sollte, dann war er schlecht, ja, makaber! „Ich lebe mit Michael seit fast drei Jahren zusammen! Ich werde ihn heiraten!“ „Und wir haben einen Sohn der bald erwachsen sein wird!“ „Was hat das damit zu tun“, wendet sie ein. „Wir sind seit ewigen Zeiten geschieden. Davor haben wir es immer wieder versucht! Wir ergänzen uns im Bett, Terry, aber das ist auch schon alles! Es ist nur Leidenschaft, nicht mehr!“ „Es ist mehr“, beharrt er. „Ich könnte mich ändern!“ Sie lacht trocken und lustlos auf. „Das kannst Du nicht und Du weißt es. Das sind Wunschträume. Es würde Dich unglücklich machen und auch mich. Wir hatten beide den Willen, es zu versuchen. Reiß keine alten Wunden auf! Und weiß Gott, wir haben viel versucht, nicht leicht aufgegeben. Es hat nicht geklappt. Bitte, Terry, lass es dabei bewenden. Es ist besser für uns alle.“
Er raucht und antwortet nicht. Sie hatte Recht. Natürlich hatte sie Recht, in allen Punkten. Warum war er nur so ein verdammter Idiot, das nicht einsehen zu wollen? Er wusste nicht einmal, ob er sie noch liebte. War die Erinnerung an Alice schuld daran, dass er daran glaubte, er könne es schaffen, sich zu ändern. Wie Alices’ Mann es geschafft hat? Aber hatte er es wirklich getan? War er wirklich hinter einen Schreibtisch zurückgekehrt, um seine Frau nicht unglücklich zu machen? Er ist sich nicht sicher! Er hat keinerlei Kontakt mehr zu den Bowmans. Möglicherweise hockte Alice erneut in irgendeinem, von Gott verlassenem Land, und wartete ängstlich auf Johns Rückkehr. Ob sie noch an ihn dachte? An die Nacht, in der er sie aus dem stecken geblieben Aufzug seines Hotels befreien musste, in das sie gekommen war, weil sie es zuhause vor Einsamkeit und Angst nicht mehr ausgehalten hatte? An die Nacht, in der sie sich in seine Arme flüchtete und er sie die ganze Nacht hindurch geliebt hatte, wie heute Carol? An die Nacht, in der er ihr schwor, er würde ihren Mann aus den Händen der Entführer befreien? Es sollte ihm egal sein, doch das tut es nicht. „Du hast Recht“, gibt er schließlich tonlos zu und steht auf. „Ich könnte mich nicht ändern. Auch nicht für Dich, Carol!“ Während er ins Bad geht und das Rauschen der Dusche in den dämmrigen Raum dringt, liegt sie da und starrt zur Decke. Ein Kloß in ihrer Kehle macht ihr das Atmen schwer. Zwei silbrig glänzende Tränen huschen verstohlen aus ihren Augenwinkeln und suchen ihren Weg in ihre blondes Haar, wo sie für alle Ewigkeit versickern.
Henry winkt, bis die dunkle Limousine seinem Blick entschwindet. Carol blickt in den Rückspiegel, um sich sein Bild ein letztes Mal einzuprägen. Der Junge war begeistert gewesen, England zu verlassen. Vielleicht für immer. Er würde sich jetzt von seinem Großvater verabschieden und die beiden trafen Michael direkt am Flughafen. Der hatte angerufen, sich entschuldigt, doch nicht vorbei kommen zu können. Terry rang mit sich selbst. Entweder war der Kerl ein Feigling oder von Hochmut gezeichnet. Beides war verachtenswert für ihn. Andererseits hatte er gar keine Lust, in die Augen des Mannes zu blicken, der seine Frau zu der seinen machen würde. Ein Lächeln huscht über Terrys Züge. Aber er hatte sich gebührend und ausgiebig von ihr verabschiedet. Daran konnte auch Michael nichts ändern. Das Telefon in seiner Jackentasche summt und er nimmt den Anruf entgegen. Seine Gedanken sind bereits in einem anderen Land, Zypern, während er telefoniert und mit der anderen Hand seine Sachen zusammenkramt. Dino ist in Schwierigkeiten, es eilt! Ihm wird klar, wo sein Platz ist. Jedenfalls nicht an Carols Seite.
Ende einer weiteren Illusion
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