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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Drittes Kapitel – Wenn Liebe blind macht |
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Anja ertappt sich dabei, dass sie den Abend herbeisehnt, wo der schlanke Engländer den schmalen Weg unter den Bäumen zum Haus entlang kommt und nicht selten steht sie halb verborgen am Fenster und hält nach ihm Ausschau. Meist bringt er das Abendessen mit, oder sie versucht sich zu beschäftigen und bemüht sich, etwas besonders Ausgefallenes auf den Tisch zu stellen, um ihn damit zu überraschen. Mit ihren Kochkünsten ist es nicht weit her. Für Leyla und sich bereitete sie meist einfache, gesunde Speisen zu, Gemüse und Pasta, viel Rohkost. Doch der Brite war nicht verwöhnt. Sein Junggesellendasein und sicher auch Zeitmangel hatten ihm außer Fast Food oder Mikrowellengerichten kaum etwas an Leckereien beschert. Und er lobte ihre liebevoll gegarten Gerichte mit einfachen Worten und freute sich über ihre Bemühungen, die sie für ihn bereithielt. Sie spürte seine Ehrlichkeit aus den einfachen Worten des Lobes heraus. Manchmal fordern sie den diskreten Leibwächter auf, der sich Tag für Tag in der Villa einfindet, mit ihnen gemeinsam zu essen, bevor dieser in die Stadt zurückfährt. Forster versichert dem Unternehmer, dass alles nach Plan laufe und Anja in Sicherheit wäre. Regelmäßig begleitet er sie, wenn sie selbst etwas zu besorgen hatte, wie beispielsweise Utensilien für ihre Bilder, die sie in den vielen einsamen Stunden schafft. Stundenlang halten sich die drei Menschen im geschützten Garten auf, im Schatten der Bäume und am Ufer des kleinen Kunstteiches, der von einer Vielzahl von Goldfischen bewohnt wird. Forster liest meist in unmittelbarer Nähe seiner Schützlinge in einem mitgebrachten Buch und verhält sich so unauffällig wie möglich. Manchmal denkt sie an Charly und ihr verlorenes Glück und je mehr sie darüber nachdenkt, an die kleinen Details der Vergangenheit, seine Worte, seine Gesten und das „nicht Gesagte“ zwischen ihnen, um so mehr ist sie davon überzeugt, dass ihre Eheschließung ein fataler Fehler war. Sie besaß einfach zu wenig Menschenkenntnis, war behütet und geliebt worden von den Ihren und hätte schlichtweg dem Misstrauen ihres Vaters vertrauen sollen und seiner langen Erfahrung mit Menschen. Nun war es an ihr, diese Fehler aus der Welt zu schaffen und ihrem Kind und ihr selbst wieder ein normales Leben zu bieten und irgendwann, vielleicht, ein neues Glück mit einem anderen Mann zu finden. Immer wieder entsteht das Bild des Briten vor ihren Augen, ungewollt, wenn derartige Gedanken sie beschäftigen. Er hatte seine Loyalität bewiesen, erst ihrem Vater gegenüber und dann ihr. Er war einfach da mit seiner Hilfe und das mit einer Natürlichkeit, die von innen kam, ohne Berechnung oder Hintergedanken. Sie entsprach seinem Wesen, seiner Natur. Sie führen lange Gespräche miteinander, er erzählt von seiner Kindheit in der grauen Industriestadt Bristol, am Westufer der Britischen Inseln. Sein Vater hatte ihm vor vielen Jahren die Lehrstelle in dem Automobilwerk verschafft, er selbst hatte Jahrzehnte dort geschuftet und war früh verstorben, letztendlich an einer kaputten Lunge, die er sich von der ewigen Raucherei geholt hatte, oder aber von den Chemikalien, mit welchen er in der Lackiererei des Werkes zu tun gehabt hatte. Keine fünfzig war er gewesen und Steve wollte nicht wie sein Vater enden. Sein Leben nicht in der Siedlung der Arbeiter, in einem kleinen, engen Backsteinhaus fristen, Jahr aus, Jahr ein zwischen den mahnenden Werksirenen und dem Pub des Bezirkes, wo sich die Arbeiter nach Feierabend dankbar einfanden, bevor sie heimgingen zu ihren Frauen, die mit Kohlsuppe und gleichgültiger Miene vor dem Fernseher, ihrer einzigen Abwechslung im Alltag, warteten. Seine Mutter ging nach dem Tode ihres Mannes nach Porthmouth und ließ die Westküste hinter sich. Sie lebte mit ihrer Schwester, die nie verheiratet gewesen war, in einem netten Häuschen des Ortes und trauerte bis heute um den kleinen Bruder Steves, der im Alter von drei Jahren an Scharlach gestorben war. Oder die zwei Frauen träumten gemeinsam von ihrer Kindheit, ihrer Jugend und den Chancen, die sie im Leben verpasst hatten und blickten wehmütig einer nie wiederkehrenden Zeit nach. Steve schuftete wie ein Berserker, nachdem er seine Prüfung abgelegt hatte. Sein reger Geist verlangte nach mehr und er schaffte mit viel Ausdauer und Fleiß den Sprung nach oben und auch er verließ die Wolken verhangene Küste, um sich in London anzusiedeln, wo er nach und nach in der Computerbranche, die sich explosionsartig und weltweit entwickelte, zu seinem Ruf kam, bis Frédéric mit seinem Angebot kam und ihn aus England weglockte. Sie waren längst zum vertrauten „Du“ übergegangen. Anjas Gesicht war so gut wie verheilt, die Wunden ihrer Seele noch lange nicht.
Abends, vor dem Termin der Konfrontation der beiden Eheleute, gehen sie abends durch den dunklen, warmen Garten. Sie ist bedrückt und wünscht, der kommende Tag wäre bereits vorbei. Er spürt ihre Ängste und sucht im Dunklen nach ihrer Hand, die er fest mit der seinen umschließt. „Du solltest dich nicht so belasten!“ sagt er, während sie weiter um den Teich schlendern. „Du wirst schon das Richtige tun und morgen Abend ist alles vorbei! Du wirst dir dann darüber im Klaren sein müssen, wie dein Leben weitergehen soll. Sich ewig zu verstecken ist sicher keine Lösung!“ „Ich weiß“, entgegnet sie leise. „Aber ich verstecke mich am meisten vor mir selbst!“ „Du bist unschlüssig und weißt nicht, wie du reagieren wirst, wenn du deinem Mann gegenüberstehen wirst. Das ist es, was dir Angst macht! Du traust dir selbst nicht.“ Sie seufzt und er bleibt stehen und versucht in der Dunkelheit in ihre Augen zu blicken. ‘Wie gut er mich kennt’, denkt sie. Die hellen Ringe um seine großen Pupillen verleihen ihm ein geheimnisvolles Aussehen und sein wirres Haar hebt sich glänzend gegen die Finsternis der Nacht ab. Mit dem Zeigefinger zeichnet er die Konturen ihres Gesichtes nach und sie bemerkt den wehmutsvollen Ausdruck, der sein Gesicht überzieht und einen leicht schmerzlichen Zug um seine schmalen Lippen. Die Berührung brennt auf ihrer Haut und am liebsten hätte sie seinen Finger geküsst. Doch dazu hatte sie kein Recht, solange sie selbst unschlüssig blieb. „Du wirst das Richtige tun“, wiederholt er flüsternd und senkt ganz sanft seine Lippen auf die ihren. Dieser flüchtige Kuss, der ihr das Blut ins Gesicht treibt, ist von einer unendlichen Zartheit und Süße, und sie schließt wie in Trance die Augen. Ach, würde er sie doch in die Arme schließen! Doch er ist bereits einen Schritt zurückgetreten und betrachtet aufmerksam ihre Reaktion. „Du darfst dich von nichts und niemanden beeinflussen lassen!“ Seine leise Stimme ist um eine Spur rauer geworden. „Auch von mir nicht!“ Er dreht sich abrupt um und geht mit langen Schritten zurück zum Haus, während sie ihm benommen und enttäuscht folgt und sich die gewohnte Leere in ihr breit macht.
Gemeinsam mit ihrem Anwalt und Frédéric betritt sie das große Gerichtsgebäude der Stadt. Anwälte in ihren langen, schwarzen Talaren eilen die breiten Treppen hinauf. Dr. Passauer geleitet sie sicheren Schrittes in den zuständigen Bereich des Gebäudes. Schon von weitem kann sie den Baron mit Dr. Weigert vor einer der hohen Flügeltüren warten sehen. Charly hat eine dunkle Sonnenbrille aufgesetzt und blickt ihr entgegen. Ihr Herz klopft zum Zerspringen und sie hätte am liebsten kehrt gemacht und wäre davongelaufen, ohne sich noch einmal umzublicken. Zu ihrem Glück wird eben die Tür geöffnet und die beiden Männer herein gebeten. Sie atmet auf. Frédéric, dessen Gesicht sich beim Anblick seines Schwiegersohnes drohend zusammengezogen hatte, küsst Anja auf die Wange. Er wird hier auf dem Gang warten. Als sie vor dem Richter sitzen, jeder von seinem Juristen flankiert, und dieser ihre Daten und die Gegebenheiten verliest, wagt sie einen Blick aus den Augenwinkeln in Charlys Richtung. Seine sonst dunkle Haut ist heute blass und die Brille verbirgt seine Augen, was ihr aber nur lieb und recht ist. Erstens kennt sie die Wirkung seines Blickes auf sie und zweitens ist anzunehmen, dass seine Augen die Kälte seines Gemüts widerspiegelten. Als der Richter die Gewalttätigkeiten verliest, die sie durch ihn erlitten hatte und sich dabei auf das Polizeiprotokoll und die amtsärztliche Bescheinigung stützt, vermeint sie, einen bedauernden Zug um seinen Mund zu entdecken, er senkt schuldbewusst die Augen. Täuscht er Zerknirschung vor oder war sie echt? Ist er nun, ohne unter dem Einfluss von Suchtmitteln zu stehen, einsichtig, reuig oder ist es wieder nur Theater? Rasch blickt sie auf ihren Anwalt, der die geordneten Papiere bereit hält und dessen Augen ebenfalls argwöhnisch Falkenberg beobachten. Der Richter verliest mit sachlicher Stimme die Angaben des Ehemannes, seine Frau verweigere ihm den Nachwuchs, auf den er Anspruch hätte und sie unterstünde dem totalen Einfluss ihres despotischen Vaters. Ungläubig starrt sie erneut auf ihren Mann, der seinen gequälten Gesichtsausdruck vertieft hat und es vermeidet, sie anzusehen. „Soweit die Fakten“, schließt der Richter und rückt seine Brille zurecht. „Wenn die Herren Anwälte jetzt vielleicht ihren Beitrag leisten würden!“ Er lehnt sich zurück und fordert Anjas Juristen auf, mit seiner Rede zu beginnen. Dr. Passauer versteht seine Sache gut. Er belegt die Anschuldigungen, die er gegen Charly ausspricht, mittels Schuldscheinen, Überweisungsbelegen, dem Polizeiprotokoll und auch dem Bericht der Patrouille, die ihn vor Frédérics Haustür festgenommen hatte. Er bezeichnet ihn als gewalttätig, leichtfertig, verschwenderisch und grausam. „Meine Mandantin hat alles in ihrer Macht Stehende unternommen, um die Ehe zu retten. Die wiederholten verbalen Gemeinheiten, ja Drohungen und schließlich Tätlichkeiten ließen ihre keine Wahl. Um ihr Leben und das ihres Kindes bangend, verließ sie die eheliche Wohnung und flüchtete sich zu ihrer Familie. Auf Grund der angeführten Geschehnisse wurde eine Annullierung der finanziellen Regelungen, die dem Baron freie Hand über die Konten der Mandantin verschafften, erzielt, und diese bleiben bis auf weiteres für ihn gesperrt. Meine Mandantin glaubt nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft mit Baron von Falkenberg und zieht die endgültige Trennung ernsthaft in Erwägung.“ Es folgt die Aufzählung zahlreicher Paragraphen und Details werden erwähnt, die sie selbst schon längst vergessen oder verdrängt hatte. Unter anderem das mitgehörte Gespräch, bei welchem der Gegenanwalt dem Baron zur Zeugung eines gemeinsamen Kindes riet, um seine materiellen Interessen gewahrt zu wissen. Auch betont Dr. Passauer die Großzügigkeit des angeblich „despotischen“ Vaters, sein Verständnis und dessen Bereitwilligkeit, die pompöse Hochzeit auszurichten.
Dr. Weigert war um eine Spur blasser geworden und er sucht sich zu sammeln, bevor er mit seiner Gegenargumentation beginnt. Er bedauert seinen Mandanten, der sich zu den genannten Handlungen hinreißen hat lassen, betitelt ihn als Opfer einer unangemessen lockeren, väterlichen Erziehung, die er genossen hatte, und der Gesellschaft im Allgemeinen, die den Baron zeitlebens umschmeichelt und zu Ausschweifungen verführt hatte. Er weist nicht zuletzt auf die Alkoholsucht hin, unter der er litt. Diese wiederum wäre das Ergebnis seiner großen, finanziellen Sorgen und Bürden. Die Enttäuschung, dass seine geliebte Frau sich weigerte, ihm ein Kind zu schenken, habe ihn derartig verwirrt, dass er einmal mehr rückfällig geworden sei, was er nun zutiefst bereue. Er wäre bereit, sich sofort einer Entziehungskur zu unterwerfen, wenn ihm seine Frau eine letzte Chance einräumte. Diese banalen Worte, die um Mitgefühl heischen und Vergebung, können Anjas Herz nicht regen. Sie erschrickt, als der Richter sich erhebt und die Konfrontation der beiden Ehepartner anordnet. Er selbst verlässt den Raum, gefolgt von den beiden Anwälten. „Sie haben zehn Minuten Zeit, sich miteinander auszusprechen“, ordnet er an. „Ich bitte um Anstand und keine verbalen Beleidigungen, die gegen jeden von Ihnen in der Folge verwendet werden können!“ Hilfe suchend blickt Anja zu Dr. Passauer und er lächelt ihr aufmunternd zu. Sein Nicken sollte bedeuten, dass er hinter der Tür warten würde und auf ihre richtige Entscheidung hoffte. Als sie allein sind, Charly und sie, nimmt er endlich seine Brille ab. Seine Augen sind geschwollen und haben nichts mehr von dem Glanz der Sonne, den sie immer bewundert hatte. „Ich trinke nicht mehr, Anja!“ sagt er rau. „Schon seit dem Tag nicht mehr, an dem du gegangen bist!“ „An dem du mich geschlagen hast, meinst du!“ fügt sie kalt hinzu. „Ich weiß, es ist unverzeihlich, aber ich war so enttäuscht, verzweifelt...“ „Und dafür musstest du mich mit Prügeln bestrafen! Und du hast deine Wut an meinen Bildern ausgelassen. Wie ein Wahnsinniger hast du sie zerstört, weil du meine Schwachstellen kennst!! Aber das alles könnte ich verzeihen, doch nicht deine Gemeinheiten Leylas gegenüber, das niemals!“ Ihre Worte tropfen wie Eis aus ihrem Mund. „Ich kann und will mit dir nicht mehr leben, Charly!“ „Du willst mich also vernichten! Ohne dich gehe ich vor die Hunde! Mein Leben hat keinen Sinn mehr, wenn du mir nicht diese letzte Chance gibst! Anja, wir waren doch so glücklich! Hast du alles vergessen?“ „Wie könnte ich?“ entgegnet sie bitter. „Mein Kiefer tut heute noch weh, wenn ich ihn berühre. Du hättest mir die Zähne ausschlagen können!“ „Was soll ich tun, um dich von meiner Aufrichtigkeit und Reue zu überzeugen? Gib uns eine Chance, uns beiden diese Chance! Sag irgendetwas, ich tue es! Mach was Du willst, verkaufe von mir aus das Schloss, die Pferde, egal, aber gib mir diese letzte Chance! Ich gehe auf Entzug in eine Klinik in der Schweiz und in drei Monaten sollten wir uns hier wieder treffen und wie vernünftige Menschen reden. Wir hätten dann beide Zeit genug gehabt, um sich unserer Sache sicher zu sein und ich verspreche dir, dass ich dich dann nicht mehr bedrängen werde, egal, wie immer du dich entscheidest. Aber, bitte, lasse mich clean werden. Ich allein bin nicht stark genug dazu! Ich brauche dich!“ Sie blickt in sein gequältes Gesicht und spürt wie sie in Wanken gerät. Sie denkt an Steve, an seinen Kuss und sein Vertrauen in ihre Entscheidung und sie denkt an Frédéric der sorgenvoll draußen auf sie wartet. Ein einziges, kleines Wort und sie müsste sich nicht mehr quälen mit Charlys Problemen. Sie denkt auch an Leyla, an ihre verschreckten Augen und ihre stumme Angst. Doch dann drängen sich ihr die Bilder des lachenden Kindergesichtes auf, wie sie glücklich auf dem Pony sitzt, wie er es liebevoll am Zügel führt, wie er sie auf seinen Schultern durch die Strassen von Monte Carlo trägt. Sie sieht ihn strahlend im Hochzeitsanzug vor sich, wie er sie liebevoll umfasst hat und sie denkt an seinen festen, warmen Körper, an seine Berührungen und seine geflüsterten, erregenden Worte. Ihm ist ihr Zögern nicht entgangen. „Gib unserer Liebe eine letzte Chance!“ wiederholt er hartnäckig. Sie stöhnt leise auf und schließt die Augen. „Ich kann nicht mehr glauben, dass es gut gehen kann mit uns!“ stößt sie gequält hervor. “Du liebst mich nicht, nicht mich und nicht mein Kind! Dich interessieren nur deine Vergnügungen und du benützt meine finanziellen Mitteln, um dir ein einfaches, gesichertes Leben zu ermöglichen!“ „Das ist falsch, Anja! Bitte sage nicht so etwas! Es stimmt zwar, dass ich gerne aus dem Vollen schöpfe, aber ich kann mich ändern, glaub mir. Wir könnten wieder glücklich werden. Eine richtige Familie, ohne Alkohol und ohne Einfluss Außenstehender, die uns unser Glück nicht gönnen!“ Ob er damit seinen Freundeskreis gemeint hatte oder ihren Vater, blieb unausgesprochen. « Mein Vater hat sich nie gegen mich gestellt“, erwidert sie fast trotzig und er geht nicht weiter auf ihren Protest ein. „Du verlierst nichts dabei, Anja, wenn du mir noch ein wenig Zeit gibst, um dir meine Ehrlichkeit zu beweisen. Wenn ich mich in diesen drei Monaten nicht in den Griff bekomme, dann kannst du immer noch endgültig die Scheidung verlangen und ich lege dir dann auch nichts mehr in den Weg!“ Verzweifelt schlägt er die Hand vor die Augen: „Was war ich für ein Idiot! Wie kann ich dich nur davon überzeugen, wie ernst es mir ist?“ Sie schluckt und erwidert: „Gut! Drei Monate, keinen Tag länger!“ Sie bemerkt wie die Spannung von ihm abfällt und er erleichtert die Schultern sinken lässt. “Ich hätte dich so gerne geküsst, Anja! Du hast keine Vorstellung davon, wie mich deine Abwesenheit quält!“ ‚Das war nicht immer so gewesen’, denkt sie bitter. Er kommt einen Schritt auf sie zu und sie weicht zurück. Er bleibt abrupt stehen und hebt abwehrend die Hände. „Bitte fürchte dich nicht vor mir! Ich komme dir nicht zu nahe, solange du es nicht willst!“ Der resignierte Ausdruck seiner Stimme kann ihr die Furcht nicht nehmen. „Ich will, dass du mich in dieser Zeit in Ruhe lässt, Charly! Ich verspreche dir gar nichts! Nichts heute und auch in drei Monaten nichts! Versuche nicht, mich zu kontaktieren oder mir nachzuspionieren, denn sonst gilt diese Abmachung nicht länger! Und eines möchte ich noch hier aus deinem Mund hören: „Hast du Christine Weihmut geschlagen?“ „Nein!“ entgegnet er rasch und fest. „Ich kann dir schwören, ich habe sie nicht angerührt. Sie war außer sich vor Eifersucht und drohte, alles zu tun, damit wir beide nicht zusammen kämen. Ich hatte ihr gesagt, das ich mich in dich verliebt hätte und sie wollte es nicht wahrhaben. Ich wollte sie beruhigen und bin auf sie zugegangen, sie wich zurück, stolperte und fiel auf den gusseisernen Ständer vor dem Kamin, in den die Holzscheiten geschlichtet werden! Ich wollte sie ins Unfallskrankenhaus bringen, doch sie hat abgewehrt und befand, dass es nicht so schlimm sei. Ich habe sie dann nach hause gefahren und sie war verbittert und wollte mich nicht mehr sehen! Das ist die Wahrheit! Ich bitte dich, glaube mir, Anja!“ Zweifelnd hat sie zugehört und als nach kurzem Klopfen die Tür geöffnet wird und die drei Männer eintreten, hat Charlys Gesicht wieder Farbe bekommen, während sie zusehends blasser ist. Warum wurde sie das Gefühl nicht los, die falsche Entscheidung getroffen zu haben?
Dass Frédéric ihren Entschluss missbilligte, war nicht zu übersehen. Tiefe Falten hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Warum hat sie nicht einfach einen Strich gemacht unter diese leidliche Affäre. Warum dieser Aufschub? Glaubte sie allen Ernstes, jemand wie Charly könnte ein anderer Mensch werden? Doch er verzichtet darauf, ihr Vorwürfe zu machen, es würde nichts mehr bringen! Der Mistkerl hatte sie verhext. Die Chance war vertan!
Zwei Tage später zieht sie zurück in ihre Wohnung und macht sich daran sie aufzuräumen, die Spuren der Verwüstung zu beseitigen. Charly war am Vortag in die Schweiz abgereist, wie die Anwaltskanzlei ihr mitteilte. Sie würde ungestört sein und konnte Steve seine Wohnung wieder allein überlassen. Als er sie am Abend des Gerichtstages ansah und sie eben dabei war, ihre Sachen zu ordnen und einzupacken, hatte sie sich abgewandt und er sah ihr wortlos beim Ausräumen der Laden und Kastenfächer zu. Irritiert von seinem undefinierbaren Blick, der sie bat, verstehen zu können, blickte sie schließlich hoch und sah ihn an: „Ich konnte nicht anders! Ich kann ihn nicht einfach verdammen! Er ist mein Mann! Ich denke, ich sollte ihm zumindest nicht die Hoffnung rauben, den Entzug zu schaffen. Hätte ich ihn von mir gestoßen, dann wäre er verloren gewesen, das weiß ich! Der Aufschub gibt ihm Halt und Kraft!“ Warum versuchte sie, sich Rechtzufertigen? Haben nicht alle gesagt, sie würde schon die richtige Entscheidung treffen? Es war die richtige Entscheidung! Vielleicht nicht die einfachste Lösung, aber die richtige ganz bestimmt. Doch keiner schien ihrer Meinung zu sein. Sie hatte sie alle enttäuscht, vor allem aber Frédéric. Sicher legte er ihr Mitleid als Schwäche aus. Aber sie konnte Charly immer noch verlassen, wenn er aus der Schweiz zurückkam. Bis dahin konnte sie ihre Gefühle für ihn prüfen und er seine Glaubhaftigkeit unter Beweis stellen. Hätte Steve sie am Vortag in die Arme geschlossen, vielleicht wäre die Entscheidung dann leichter oder anders ausgefallen und sie wäre weniger von Zweifeln geplagt gewesen. Sie befand ihn für nicht ganz unschuldig am Ausgang der Konfrontation. Doch der Brite blieb stumm und zuckte nur die Schultern, drehte sich immer noch schweigend um und verließ das Haus. Schließlich war all das nicht seine Sache. Während sie mehrere Plastiksäcke mit verdorbenen Essen, Zigarettenkippen und leeren Schnapsflaschen füllt, spürt sie tief im Inneren, dass sie Steve verloren hatte oder das, was wie eine Verheißung von ihm ausgegangen war. Sie beschließt, Abstand zu gewinnen zu dieser Stadt, den Geschehnissen und den Menschen hier, und teilt ihrem Vater noch am gleichen Abend mit, dass sie einige Wochen mit Leyla nach Ägypten fahren würde. Es war an der Zeit, dass Leyla das Grab ihres Vaters besuchte. Der Herbst stand vor der Tür und das Klima in Afrika würde erträglich werden und die Sonne würde alle dunklen Flecken auf ihrer Seele einfach weg brennen.... |
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Viertes Kapitel – Halt mich fest... |
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Schweigsam, an der Hand ihrer Mutter, verlässt das kleine Mädchen die Grabstätte. Der kleine Kopf ist gesenkt und die schwarzen Augen blicken traurig und verständnislos in den Staub des ausgetrockneten Weges. Ein letztes Mal blickt es zurück auf die weiße Mauer der Einfriedung, in der sich das Grabmonument seines Vaters befand. Leyla konnte nicht wirklich verstehen, dass unter dem Stein der Körper ihres lebensfrohen, starken Vaters liegen sollte. Sie träumte oft von ihm, sehr oft, obwohl sie ihn so selten gesehen hatte. Lebendig stand er vor ihrem geistigen Auge, manchmal lachend, manchmal ernst. „Papa war sehr böse auf Onkel Charly!“ sagt sie plötzlich unvermittelt. Aus ihren Gedanken gerissen, wendet sich Anja überrascht dem Kind zu: „Wann war Papa böse auf Onkel Charly?“ Sie konnte sich an keine Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern erinnern. „Als Charly krank war und mich angeschrieen hat und wir dann nachts aus der Wohnung geschlichen sind, weißt du noch?“ Anja sieht ihr aufgeregtes Kind entgeistert an. „Papa ist im Traum zu mir gekommen und er war sehr böse auf Charly, das habe ich gespürt, er hat ganz finster ausgesehen, und ich habe ihm nicht sagen können, dass Onkel Charly krank war!“ Das Kind hatte eine glühende Phantasie. ‘Der Schreck muss sie bis in den Traum verfolgt haben’, denkt Anja. Unvermittelt sagt sie: „Weißt du was? Jetzt laufen wir in eine alte, schöne Kirche und dort zünden wir eine Kerze für deinen Papa an. Das Licht wird so hell leuchten, dass er es sehen kann und er wird wissen, dass es uns gut geht und wir an ihn denken!“ Begeistert nickt das dunkle Kind und Anja umfasst noch fester die kleine, braune Hand, die sich in nichts von den vielen Kinderhänden unterscheidet, die sich ihr am Rande des Friedhofes entgegenstrecken und sie um ein Almosen bitten.
Die dumpfe Luft der Koptenkirche schlägt Anja und ihrer Tochter entgegen. Fasziniert betrachtet die Kleine die Bilder und Weihrauchgefäße aus Messing, die die kahlen Mauern des Gotteshauses schmücken. Sie versteht kaum etwas von diesen leidvollen Gesichtern, die ihr aus den Gemälden entgegenblicken, den gebrochenen Augen des Mannes, den man auf einem Holzkreuz befestigt hat, und es macht ihr sogar ein bisschen Angst. Erst als sie sich einer Nische nähern, in der viele Kerzen, kleine und große nebeneinander brennen, und die Wand geziert ist vom Bildnis einer Frau, die ein kleines Kind auf dem Arm hält, lässt ihre Furcht nach. Sie betrachtet die einfache, dunkle Malerei des Frauenantlitzes. Das Kind auf ihrem Arm streckt die Hände nach Gesicht der Mutter entgegen und diese sieht es mit einem traurigen Lächeln an. Anja nimmt eine der Opferkerzen und lässt Leyla einige ägyptische Pfunde in den Opferstock werfen. Sie darf auch die Kerze vorsichtig an einer bereits Brennenden entzünden und Anja hilft ihr, sie auf der metallenen Fläche des Altars zu befestigen. „Sieht mein Papa mich jetzt hier?“ flüstert Leyla, die die Stille des mächtigen, hohen Raumes nicht stören will. „Ja, Leyla, im Kerzenschein sieht er dich besonders gut! Und er weiß, dass du ihn immer lieb haben wirst, auch wenn er nicht bei dir sein kann!“ Ernsthaft nickt das Kind, nur zu gern glaubt sied en Worten ihrer Mutter. Nachdenklich verlassen sie wieder die Kirche, während der Mönch in der Zurückgezogenheit einer Nische der schlanken Frau sinnend nachblickt, die er sofort wieder erkannt hatte. Mit einem Blick auf das kleine Mädchen, das daneben einher trippelt, bekreuzigt er sich und murmelt ein paar segnende Worte, um sich dann wieder in sein Gebet zu vertiefen.
Sie nehmen ein Schiff, um nach Assuan zu gelangen. Sie haben Zeit. Leyla ist begeistert von der Reise und die Anspannungen, die sie während der letzten Wochen belastet haben, fallen von ihr ab, wie welke Blütenblätter. Sie ist der Liebling der Besatzung und ihre arabischen Ausdrücke und Sätze bringen die Männer zum Lachen. Es erinnert Anja an ihre erste Schiffsreise, die sie etwa im gleichen Alter wie Leyla gemeinsam mit ihrem Vater gemacht hatte. Damals wusste sie noch nicht, was Ägypten ihr alles bescheren sollte: Liebe, ein Kind, Tod und Trauer und jetzt endlich wieder Ruhe und Entspannung. Lange steht sie an der Reling und blickt auf das vorbeiziehende Ufer hin, wo das Alltagsleben seinen Lauf nimmt, Menschen ihre täglichen Arbeiten verrichten und blökend die Viehherden grasen. Wüstengebiete wechseln mit den bepflanzten, grünen Flächen der Bauern und einfache Städte, sowie Dörfern, mit ihren gigantischen Tempelruinen, die jede einer Festung gleichen. Leyla stellt viele Fragen und sie gibt an das Kind weiter, was Smaïn sie gelehrt hat und versucht ihr so anschaulich wie möglich die glorreiche Vergangenheit der Heimat ihres Vaters nahe zu bringen. Sie finden Abkühlung in dem kleinen Schwimmbecken des Oberdecks, ruhen in bequemen Liegestühlen im Schatten des Zwischendecks und lassen sich von den Angestellten mit kalten Getränken und frischem Obst verwöhnen. Die Mahlzeiten nehmen sie im harmonisch dekorierten Speisesaal ein und Leyla lacht über die gut gemeinten Späße der Kellner. Sie plaudern mit anderen Passagieren und liegen in ihrer gemütlichen Kabine, Seite an Seite, wo sie vor dem Einschlafen dem Stampfen der Motoren lauschen und dem Anschlagen der Wellen an den Bug des Schiffes. Wenn das Nilschiff tagsüber anlegt, fahren sie mit einer Pferdekutsche durch die jeweilige Stadt oder zu einem der antiken Tempel, klettern über die Blöcke der Ruinen und kaufen bei den schreienden Händlern kleine Figuren und Puppen, Tücher und Galabijas, die sie dann stolz am Schiff zum Abendessen anziehen.
Nach einer guten Woche erreichen sie Assuan und fahren mit einem Taxi in das schöne, weiße Haus an den Ufern des Stausees. Schmerzliche Erinnerungen an den letzten Besuch tun sich vor Anja auf, als sie die kühle, helle Halle betritt. Hier, angesichts dieser Schatten spendenden Mauern und Räume, hatte sie vom Tod Smaïns erfahren, und in den schwarzen Augen des alten Ibrahims spiegelte sich ihr Leid und ihre Trauer nieder. Doch sie verdrängt den Gedanken an diesen verhängnisvollen Tag. Leyla sollte diesen Aufenthalt genießen, die Annehmlichkeiten des Hauses und seiner Umgebung. Sie sollte fröhlich sein und glücklich, und vergessen, dass die Welt der Erwachsenen kompliziert und manchmal grausam war! Träge wie der Strom selbst fließen die Tage dahin, heiß und sonnig, stetig wie der tägliche Sonnenaufgang im Osten. Anja malt die Wüste, den See, den schattenreichen Garten, das Kind und die variierenden Lichteffekte des ägyptischen Spätsommers. Sie schläft viel, noch nie zuvor hatte sie derartig viel geschlafen und Leyla findet ihr Lachen, ihre Fröhlichkeit wieder, die in letzter Zeit von ihr gewichen waren. Ibrahim hatte ihr ein Hundejunges gebracht, es war einer dieser ägyptischen, mageren, gelblichen Zottelhunde, die man in den Strassen und zwischen den Tempelmauern in großer Anzahl vorfindet, ausgemergelt, schreckhaft und immer hungrig. Doch dieser kleine Kerl war rundlich und gesund, sein Fell glänzte in der Sonne und fröhlich sprang er den lieben Tag lang um die Füße des Mädchens, Schwanz wedelnd und erwartungsvoll. Sie nannte das Kerlchen liebevoll „Ali“. Anja bleibt verschont von Telefonanrufen, vor allem seitens ihres Mannes und sie denkt kaum an ihn. Dafür aber gleiten ihre Gedanken oft zurück zu den geruhsamen Abenden, an welchen sie lange Gespräche mit Steve gehalten hatte und sie sieht deutlich seine hellblauen Augen vor sich, die voll von Anteilnahme und Verständnis gewesen waren. Ihr Vater ruft sie gelegentlich an und erkundigt sich nach ihrem Befinden und das der kleinen Leyla. Von Steve erwähnt er kein Wort und sie beißt sich halb die Zunge ab um ihn nicht nach dem Briten zu fragen. Was erwartete sie eigentlich? Er hatte akzeptiert, dass sie sich für ihren Mann und die Ehe entschieden hatte. Es war nichts gewesen, das sie auf mehr hoffen ließ, ein Kuss in aller Freundschaft, brüderlich und tröstend, und sie sollte es unterlassen, zu oft an ihn zu denken.
Assuan weckt Kindheitserinnerungen in der jungen Frau. Die schmalen Gassen des Bazars, die sie mit ihrer Tochter durchstreift, die Teestunde auf der unverändert gebliebenen Terrasse des Old Cataract Hotels, die Felukenfahrten auf dem Nil und zur Insel Elephantine. Sie kauft ein kleines, goldenes Ankh-Kreuz für Leyla und das trägt sie nun an einem goldenen Kettchen um den Hals. Es ist seit antiken Zeiten das Symbol für Leben. Der September neigt sich zu Ende, doch Anja verspürt nicht den geringsten Wunsch nach Europa zurückzukehren. Ihre Wohnung in Wien war nicht mehr länger ihre Zufluchtsstätte. Nach Charlys Ausrasten konnte sie sie nie mehr als heimeligen Wohnort ansehen. In ihrem Bett, würde sie nie mehr sorglos einschlafen, geborgen und beruhigt. Doch hier war eine andere Welt, hier konnte sie vergessen, und vielleicht auch verzeihen. Hier war sie sie selbst und Leyla fand auch ihre Wurzeln wieder. Als sich der Todestag Smaïns nähert, wird sie verschlossen und nachdenklich und die Schatten der Vergangenheit wollen nicht weichen. Die wissenden Augen des alten Ibrahims suchen sie zu trösten und sie erwidert seinen Blick aus traurigen Augen. Sie zündet an diesem Tag eine Kerze an, die den ganzen Tag und die Nacht über in ihrem Schlafzimmer brennt und als sie sich schließlich im Dunklen zu Bett begibt, flüstert sie leise in die Finsternis: „Schlaf in Frieden, mein Lieber!“ Wie um ihr zu antworten, flackert die kleine Flamme unruhig im windstillen Raum, um dann wieder gerade und unbeweglich vor sich her zu brennen und ihr Gesicht sanft zu beleuchten, bis sie endlich mit ruhigen Atemzügen einschläft, sein Photo in der linken Hand und fest an ihr Herz gepresst.
Ende Oktober wird sie freudig überrascht, als sie Carlas Anruf erhält, die ihr mitteilt, dass sie und ihr Vater auf eine Woche nach Assuan kämen und es eine reine Erholungsreise werden würde, fernab jeden Firmenstresses. Die geliebten Menschen wieder zu sehen war eine verlockende Aussicht. Die Überraschung ist noch größer, als sie Steve Newman aus dem kleinen Flugzeug klettern sieht, das in Assuan landet und sie sein blondes Haar, vom Wind zerzaust, wahrnimmt. Er hilft Carla aus dem Silberglänzenden Flieger und Leyla winkt ihnen vom Jeep aus mit beiden Händen zu. Als sie dann dem Engländer gegenüber steht, empfindet sie nichts anderes als echte, aufrichtige Freude über seine Anwesenheit. Ein Lächeln erhellt ihr gebräuntes Gesicht. Er erwidert es nur schwach und das enttäuscht sie ein wenig. Er ist höflich und erkundigt sich mit knappen Worten nach ihrer Gesundheit. Breiter wird sein Grinsen, als Leyla ihm entgegen läuft. Den Spielkameraden aus der Zeit vor ihrer Ägyptenreise hat sie fest ins Herz geschlossen und sie ist begierig darauf, ihm ihren Hund „Ali“ vorzustellen, der sicher ungeduldig in der Villa auf sie wartete. „Ich habe Steve eingeladen“, sagt ihr Vater während der Fahrt über den Hochdamm. „Er ist unser Gast und ich bin ihm einiges schuldig! Ohne seine phantastisch geleistete Profi-Arbeit wären wir nicht alle hier versammelt, um die Sonne Ägyptens zu genießen!“ Ihr Vater hatte sich nicht verändert, im Gegenteil, er sah gesund aus, gesund und irgendwie erholter, stellt sie durch einen Seitenblick auf sein markantes Profil fest. Auch er betrachtet sie, jedoch offen und mit zufriedener Stimme kommentiert er: „Du siehst gut aus! Braungebrannt und erholt! So könntest du ja immer aussehen, wenn...“ er verstummt und will die gelöste Stimmung nicht trüben. Anja überhört geflissentlich den letzten Satz und konzentriert sich auf die Steigung der Strasse, die sich nun den Hügel zur Villenanlage empor windet.
Dass Steve ein ausgezeichneter Reiter ist, war zwar nicht so ungewöhnlich - welcher Engländer beherrscht diesen Sport eigentlich nicht? - und dennoch, Anja ist von der Aussicht angetan, auch mit diesem Mann die Umgebung der Stadt und die Ufer des Nils, wie auch des Sees auf dem Rücken eines Pferdes durchstreifen zu können. Meist reiten sie frühmorgens aus - der Brite benötigte anscheinend wenig Schlaf - oder abends, bevor die Dämmerung das Land in seinen samtig dunklen Mantel hüllte. Sie beobachtet mit Genugtuung, wie seine helle Haut allmählich einen zarten Braunton annimmt. Er sitzt am Rande des Beckens und lässt die Füße ins Wasser baumeln. Leyla planscht mit ihren aufgeblasenen Schwimmflügeln wie ein kleiner Delphin im Wasser umher und der kleine Ali läuft bellend und winselnd am Rand entlang, um sie heraus zu locken. Anja, bis jetzt auf einer der Liegen in ein Buch vertieft, lässt dieses sinken und blickt auf den wohlgeformten Körper des Mannes, als er eben seine Brust, die Arme und das Gesicht mit einem schützenden Sonnenmittel eincremt. Die feinen, blonden Haare an seinen Beinen und auf seinen Armen, schimmern im Sonnenlicht und es sieht aus, als sei er mit einem Goldhauch überzogen. Sie unterdrückt den Wunsch, zu ihm zu gehen und über die sehnigen Arme und Schenkeln zu streichen, um festzustellen, wie sie sich anfühlten. Sie schluckt und steht auf. Dann fragt sie ihn ganz nebenbei, ob sie ihm nicht den Rücken eincremen solle. Der Wunsch, ihn zu berühren, verlockt sie. Er wendet den Kopf und sieht sie erst überrascht durch die dunkle Sonnenbrille an, die seine hellen Augen vor der ungewohnten Helligkeit abschirmt. Dabei beißt er sich leicht auf die Unterlippe, seine ihr bereits vertraute Geste, in einem Moment der Verlegenheit oder Überlegung. Schließlich reicht er ihr wortlos das Schutzmittel, mit dem er seine Arme und die Brust eingerieben hatte. Sie kniet hinter ihm auf den gekachelten Fliesen der Beckenumrandung und berührt seinen Körper. Sie spürt die glatte Haut des Mannes unter ihren Creme bedeckten Fingern. Mit langsamen, kreisenden Bewegungen ihrer Hand massiert sie seinen muskulösen Rücken. Er lässt den Kopf entspannt nach vorne sinken, und ihre Finger bewegen sich bis zum Haaransatz seines wirren Haares. Das eher banale Blond wirkt nun unter der Sonnenbestrahlung golden und sie wäre gerne mit ihren Fingern durch die volle Masse gefahren, hätte es spüren wollen unter ihren Händen, fühlen, wie sie nun seine warme Haut fühlte. Sie folgt mit ihren Handflächen den Rundungen seiner geraden Schultern und als sie mit ihrer Rechten die Halsbeuge entlang streicht und sie kurz auf seinem Schlüsselbein ruhen lässt, fasst er danach und hält sie einen Augenblick fest. Ihr Herz macht einen Satz und sie hält unvermittelt die Luft an. Er hat sich nicht nach ihr umgewandt, und lässt sie auch schon los. Rasch dreht sie am Verschluss der Tube und legt sie neben ihn zurück, um dann mit einem Kopfsprung ins rettende, kühle Wasser des Beckens zu entkommen, sehr zur Freude Leylas, die entzückt aufschreit, als ihre Mutter neben ihr unter die Wasseroberfläche taucht. Carla, die den Schatten genießt, hat die knisternde Szene mitverfolgen können. Sie seufzt leicht lächelnd, doch keiner der Beteiligten nimmt dies wahr. Auch er hat sich ins Wasser gleiten lassen und schnappt nach Leylas zappelnden Beinen. Sie quietscht und lacht und der kleine, aufgeregte Hund bellt noch lauter als zuvor. Steve holt Luft und taucht unter die Oberfläche des Wassers. Mit geöffneten Augen bewundert er den schlanken Körper der jungen Frau, und wie sie mit langen, kräftigen Stößen durchs Wasser gleitet. Nur ein knapper, zweiteiliger Badeanzug bedeckt ihre Blöße, und er betrachtet die wohlgeformten Beine, den flachen, braunen Bauch und die runden Brüste. Sie ist längst wieder mit dem Kopf aufgetaucht und sieht sich nach ihm um. Als sie seine Hände spürt, die sich verspielt um ihre Taille legen, taucht sie prustend wieder unter und sie blicken einander bewusst in die Augen. Ihre unter Wasser angespannten Gesichter lassen keine Gefühlsregung erkennen und doch ist beiden der erregende Moment der Spannung bewusst. Als beiden die Luft auszugehen droht, tauchen sie nach und nach wieder empor und streben jeder dem entgegen gesetzten Beckenrand zu, um sich aus dem Wasser zu hieven. Anja vermeidet es, ihn anzublicken und lässt sich bäuchlings auf der Liege nieder, um sich von der Sonne trocknen zu lassen, während er mit dem kleinen, überdrehten Hund spielt. Auch Frédéric, der es vorgezogen hatte, seinen Mittagschlaf in der Kühle des Zimmers zu genießen, hatte vom Fenster aus, das er eben öffnen wollte, die beiden jungen Menschen beobachtet, und ein schmerzlicher Zug prägt sich um seine Lippen. Hätte er Newman nur ein Jahr früher kennen gelernt und mit Anja bekannt machen können, vielleicht wäre vieles anders geworden und ihr wäre manche Träne erspart geblieben.... Doch er war nicht frei von Hintergedanken, als er Steve überredete, mit nach Ägypten zu kommen. Er hatte bereits festgestellt, mit Wohlwollen und Interesse festgestellt, dass sie Gefallen an dem wortkargen, intelligenten Briten fand, und seiner Meinung nach, konnte nur eine neue Liebe sie endlich dem Einfluss des Barons entreißen! Im Krieg waren eben alle Waffen erlaubt! *****
Carla und ihr Mann waren nach Assuan gefahren, um den Abend dort in einem Hotelrestaurant mit alten Freunden zu verbringen, Leyla schläft und Ibrahim hat Malventee gebraut, den er Anja und Steve auf der Terrasse serviert, wo beide im Dunklen sitzen, ein wenig befangen und unfähig, sich der Spannung zwischen ihnen zu entziehen. „Du solltest nicht mit mir spielen!“ gibt Steve plötzlich unvermittelt von sich. Sie kann nur schemenhaft sein Gesicht erkennen, seine hellen Augen allerdings sind nicht zu übersehen. „Ich spiele nicht mit dir!“ entgegnet sie gekränkt. „Was wirfst du mir vor?“ „Nichts! Aber du weißt ebenso gut wie ich, wovon ich spreche!“ Sie schluckt und ist irgendwie verletzt, obwohl sie weiß, dass er das Knistern zwischen ihnen ebenso fühlte wie sie selbst. „Wir sollten wirklich Freunde bleiben, nicht mehr! Unsere Freundschaft bedeutet mir zuviel, um sie durch irgendwelche plötzliche Launen beendet zu sehen!“ Seine Stimme klingt rau und bestimmt. „Ich bin von Natur aus nicht launenhaft!“ erwidert sie dumpf. „Aber das kannst du ja nicht wissen, wir kennen uns ja kaum!“ Sie erhebt sich und verlässt die Terrasse, begibt sich auf ihr Zimmer und nun, als sie allein ist, lässt sie ihren Tränen freien Lauf. Steves Bemerkung hat den Krug zum Überlaufen gebracht. Sie schluchzt sich die Seele aus dem Leib. Hatte sie keine Träne während der durchlebten Krisenzeit mit Charly vergossen, so holte sie es jetzt nach. Die Enttäuschung, der Frust, die Wut, die Angst, alle diese Gefühle waren so stark und übermächtig, dass sie nicht darüber weinen konnte. Nun aber befreiten sie diese Tränen von der Anspannung der letzten Monate. Aber es sind auch Tränen über ihre eigene Unfähigkeit, sich endlich zu entscheiden, die da fließen und ihr Bettlaken durchnässen. Tränen der Ahnung, die sie beschleicht, wieder falsch zu handeln, einmal mehr. Und nun beschuldigte Steve sie einer oberflächlichen Liebelei! Sie hört nicht das leise Klopfen an ihrer Tür und wie diese sich leise öffnet. Als sie die sanfte Hand auf ihrem Haar spürt, die es streichelt, hält sie ein, und versucht sich zu beruhigen. „Es war nicht so gemeint!“ murmelt Steve, der sich auf einen Ellbogen gestützt, neben sie gelegt hat. Sie verbirgt ihr Gesicht in den Falten des Bett-Tuchs und wünscht, er wäre nicht gekommen. Sie wollte allein sein mit ihrem Kummer. Er sollte nicht glauben, dass es seinetwegen und seiner Worte wegen war, dass sie sich so hemmungslos gehen ließ. „Lass mich allein“, murmelt sie, ohne den Kopf zu heben. Er steht sofort auf, und sie hört, wie er die Tür hinter sich ins Schloss zieht. Jetzt, da er weg war, spürt sie erst, wie gerne sie seine Arme um sich gefühlt hätte und ihre schwankenden Gefühle für ihn verwirren sie. Sie musste Charly noch eine Chance geben, sie hatte es versprochen und er war dabei, für ein gemeinsames Leben die Höllenqualen eines Entzuges auf sich zu nehmen. Sie konnte ihn nicht verraten! Wie könnte sie sonst je glücklich werden an der Seite eines anderen. Aber sie fühlte sich so allein, so trostbedürftig. Er sollte sie nur halten, sie beruhigen, mehr wollte sie nicht von ihm. Und er nannte das ein Spiel! ‘Warum mache ich mir eigentlich selbst etwas vor?’ denkt sie ärgerlich. Natürlich will ich, dass er mich liebt! Warum soll ich mir das nicht selbst eingestehen? Natürlich will ich ihn, genauso wie er es befürchtet! Sie steht auf und wäscht ihr Gesicht. Als sie ihr Zimmer verlässt, um auf leisen Sohlen zur Tür des Zimmer zu eilen, in dem der Brite untergebracht ist, schlägt ihr Herz in wildem Tempo. Sie ist sich mit jeder Faser ihres Körpers, ihrer Seele bewusst, dass sie mit ihrem Handeln ihr Leben noch problematischer gestalten würde, als es ohnehin schon war. Sie würde ein Opfer ihrer Leidenschaft werden, wie schon zuvor, und mit fast selbst zerstörerischer Hingabe öffnet sie die Tür des Raumes. Er steht im Dunklen am Fenster und dreht ihr den Rücken zu. Als er sich langsam umdreht, die Hände in den Taschen seiner hellen Jeans vergraben, und ihr wortlos entgegenblickt, lehnt sie sich schwer atmend gegen die Tür. Dann geht sie mit langsamen Schritten auf ihn zu, bis sie vor ihm steht. Er blickt auf sie hinunter und sie hebt ihren Kopf, um mit den Lippen sein unrasiertes Kinn zu küssen. Diese Berührung empfindet sie wie elektrisierend und süßes Verlangen nach seiner Liebe durchflutet ihren Körper. Er macht keine Anstalten sie zu berühren, und es ist Anja, die ihre Arme um seinen Hals schlingt, um ihm ihr Gesicht und ihre Lippen darzubieten. „Wovor hast du Angst?“ murmelt sie mit halbgeschlossenen Augen. Zögernd senkt er seinen Mund auf den ihren und nach dieser sanften Berührung erst, nimmt er sie ebenfalls in die Arme. Sie spürt, wie seine Hände über ihren Rücken streichen, ihre Schenkel berühren. Und während er ihre Lippen teilt, sie zu einem leidenschaftlichen Kuss auffordert, presst er ihren Körper an den seinen und seine Finger gleiten unter den Saum ihres kurzen Kleides und hinterlassen brennende Abdrücke auf ihrer Haut, dort, wo er sie berührt. Sie stöhnt verhalten auf und sein Atem geht schnell und stoßweise, während er sie mit raschen Griffen entblößt und sie ihm währenddessen das leichte Hemd aus dem Bund seiner Jeans zieht. Sie schiebt ihre Hände darunter, um seine glatte, feste Haut zu spüren, das Spiel seiner Muskeln mit ihren Fingern zu ertasten. Als sie beide nackt auf das breite Bett sinken und er hungrig seine Lippen über ihren erregten Körper wandern lässt, hat sie alle Vorsätze, alle Bedenken über Bord geschmissen. Was zählte, das waren allein seine Berührungen und Liebkosungen, sein hartes Fleisch auf ihrem erhitzten Leib und seine suchenden Hände auf ihren Rundungen. Ihr Körper wölbt sich dem seinen entgegen, um ihn mit ihrer rückhaltlosen Hingabe und verzweifelten Gier nach Liebe und Trost aufzunehmen. Gemeinsam durchwandern sie die Höhen ihrer Leidenschaften und klammern sich aneinander, um schließlich in einem Feuerwerk der rasenden Gefühle zu vergehen. Lange Zeit später, es müssen inzwischen Stunden vergangen sein, als sie endlich erschöpft voneinander ablassen, sagt er leise, während sein Griff um ihre Hand fester wird: „Du wirst dich entscheiden müssen!“ „Ich weiß!“ entgegnet sie ebenso leise und wünscht, er würde nichts mehr weiter sagen. Das tut er auch nicht und sie schlafen Seite an Seite ein, traumlos und tief. Als Anja im Morgengrauen erwacht, verlässt sie mit einem zärtlichen Blick auf den schlafenden Mann den Raum, um in ihr Zimmer zu gehen und im eigenen Bett, zusammengerollt dem Tag entgegen zu dösen, ein Lächeln auf dem entspannten, kindlichen Gesicht. Es bedarf keiner Erklärungen, keiner Worte, um das veränderte Verhältnis zwischen den beiden zu spüren und zu sehen. Liebevolle Blicke über den Tisch hinweg, ein wissendes, verstohlenes Lächeln von der Seite, ein stiller Händedruck dann und wann, geben Aufschluss über die neue Beziehung, die sie zueinander haben. Diskret schweigen die anderen und Frédéric kann seinen zufriedenen Gesichtsausdruck nicht verbergen. Nur Carla blickt oft skeptisch auf die beiden Liebenden, nicht unbedingt von der Klugheit ihrer Vorgehensweise überzeugt. Doch da Anja und Steve sich die folgenden Tage rar machen, lange Ausritte planen und sich abends früher als gewöhnlich zurückziehen, um sich heimlich auf einem der Zimmer zu treffen und sich in die Arme zu fallen, entgeht ihnen die unterschiedliche Reaktion der Eltern. Schließlich beschließt Anja, mit den dreien gemeinsam Ägypten zu verlassen, es hält sie nicht mehr allein mit Leyla in Assuan. Die Aussicht, erneut einsam durch die Räume zu schreiten, allein mit ihren Ängsten und Zweifel, macht ihr Angst und verspricht nur Leere. |