XX.

Zu dritt saßen wir im Vorführraum, tranken Kaffee, um wach zu bleiben.
Jack zuliebe fand die Unterhaltung, oder eher Krisensitzung, auf Englisch statt.
Er war ziemlich still, hörte aber konzentriert zu.
Barbara musterte den bekannten Unbekannten in Freizeitklamotten immer wieder verstohlen und fassungslos. Ich hatte ihr nach dem Telefonat noch eine Mail geschickt, ihr angedeutet, warum ich das Gespräch so abgewürgt hatte.
Und dass  ich ihr natürlich Rede und Antwort stehen würde, wenn es über die Bühne war, hatte ihr einen groben Überblick der Geschehnisse gegeben.
„We should give it a try now.” meinte Barbara. Sie hatte vorsorglich den Film bereits eingelegt und sobald es nicht mehr auffiel in einem der leeren Säle fast bis ans Ende laufen lassen um Zeit zu sparen.
„Let us go down, so I can show you where Jack can enter the stage and move behind the curtains. I will start the film and then you must choose the right moment, Jack.” erklärte sie ernsthaft.
In mir zog sich alles zusammen, als wir die Treppe in den Saal hinuntergingen.
„Muss noch wer aufs Klo, bevor es losgeht..“ versuchte sie die Situation zu entspannen, lachte gekünstelt. Ich rollte nur mit den Augen.
Jack wirkte irgendwie daneben, wie auf Droge.
Barbara stubste mich: “Sag mal, hast du ihm ein Beruhigungsmittel verpasst?? Der macht so einen bekifften... wie Crowe hin und wieder...“ flüsterte sie mir zu.
Ich machte mir auch schon Sorgen.
“Keine Ahnung. Wenn wir jetzt richtig Pech haben, kippt er um und wir müssen  Stunden warten, bis er wieder ‚wach’ wird. Er ist völlig nüchtern.“
Ich ging zu Jack, der seltsam apathisch auf der Bühne hockte und Löcher in die Luft starrte. Er sah mich benebelt an, als ich ihm die Hand auf den Arm legte. „Jack, what is it?
Will you back out any second? Do you want to lie down?”fragte ich vorsichtig. Der Schleier vor seinen Augen verschwand, er straffte sich sichtlich, schüttelte leicht den Kopf.
„Something is drawing me. Behind this curtain.” erklärte er.
Die Leinwand war dunkel. Er musste hinter den Vorhang sobald der Film zu laufen begann und dann musste sein Instinkt ihm sagen, was zu tun war. Es war surreal. Mir war elend. Ich hatte Kopfschmerzen, mein Magen wollte mir gleich zur Kehle herausspringen, aber ich musste durchhalten.
Musste Jack beruhigen, ihm helfen es durchzustehen.
„It pulls me. The film pulls me..” murmelte er irgendwie verschreckt.
“That’s a good sign, Jack! It will work.. you will be home in a few minutes.” versuchte ich ihn aufzumuntern. Er sah mich zweifelnd an.
„I don’t want to go and I don’t want to stay…”teilte er mir verwirrt mit.
“You will be fine, you will forget where you have been. Jack, you promised.
We discussed this. It is the best and the only option. Jack, I implore you..”redete ich auf ihn ein. Barbara stand an der Treppe, wartete auf mein Zeichen.
Ich sah kurz zu ihr rüber, hob entschuldigend eine Hand.
 Sie lüpfte nur fragend die Brauen; statt zu antworten , zuckte ich mit den Achseln.
„Wenn ihr soweit seid, lass das Handy drei mal klingeln, dann starte ich.“ meinte sie diplomatisch, ließ uns allein. Ich machte eine „alles klar“ Geste, wandte mich wieder Jack zu. Wenn ich nicht aktiv werden würde, säßen wir wohl morgen früh noch hier. Jack war seltsam unentschlossen, gar nicht wie sonst.
Die Nähe zum Film schien ihn zu lähmen. Dass er Angst hatte, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich nahm ihn kurz entschlossen bei der Hand, zog ihn über die kleine Treppe hoch auf die Bühne.
Der Moment war da. Ich schob ihn direkt neben den mächtigen Vorhang.
Er sah zu, wie ich Barbaras Nummer auf dem Handydisplay auswählte.
Ich brauchte nur auf Call zu drücken.
„Ready?“ fragte ich ihn knapp. Sein Blick war traurig und verwirrt, fixierte mich.
„Jack, are you ready?” wiederholte ich. Er schien mich nicht zu verstehen, sah mich an, als habe ich ihm etwas angetan.
„Jack, please! Can we..“
„No. I am not ready. You could at least kiss me good bye.” kam es zutiefst enttäuscht.
Ich brauchte ein paar Sekunden, bis die Laute mein Gehirn erreichten. Lag es an der Erschöpfung, den Tabletten, der Situation? Ich weiß es nicht.
Ich hätte ihn gehen lassen, ohne mich zu verabschieden...
„Forgive me. Oh, dear, forgive me. I am on the edge. Jack, please..” stieß ich betroffen hervor. Dann sagte ich nichts mehr, sondern tat worum er mich gebeten hatte, streichelte seinen Rücken dabei.
Moment.. irgendwas war falsch.. ich wich ein wenig zurück, musterte ihn.
Jack sah mich verblüfft an. “What?“ Ich fing an schallend zu lachen.
Er schüttelte mich ein wenig, dachte wohl ich habe einen hysterischen Anfall.
„Excuse me. Ähmm, Jack, don’t you think Stephen might be a bit shocked?”
Er sah mich an, als sei ich übergeschnappt. „Helga, what... why?“ raunzte er mich  ungehalten an. Er spürte den Druck genauso wie ich, hatte Angst.
Ich klopfte ihm aufs jeansbehoste Bein. Er sah hinunter, dann wieder mir in die Augen. Ich zwinkerte, dann ging das Lämpchen bei ihm  an.
Erst lachte er, dann ein panischer Blick. “Where ..?“
„I left them in the car.. stay..” und war schon unterwegs seine Uniform und die Stiefel zu holen. Dabei tippte ich in Windeseile eine SMS.
FALSCHE KLAMOTTEN MUSS ANS AUTO SCHLIESS BITTE AUF.
Barbara holte mich im Foyer ein.
„Seid ihr denn wahnsinnig!! Das hätte mächtig ins Auge gehen können..“ stöhnte sie entnervt. Ich lief zum Auto.
„Na du hast es auch nicht gemerkt, oder..“ warf ich ihr entgegen, als ich zurückkam, Jacks Stiefel unter dem Arm, den Kleidersack über der Schulter.
Sie sah mich nur perplex an, fing an leicht hysterisch zu kichern.
„Gib mir zehn Minuten. Wie besprochen: dreimal Klingeln. Halt die Daumen.“ Ich hetzte an ihr vorbei.
„Ist er ok?“ wollte sie noch wissen. „Der Film scheint ihn zu beeinflussen. Er spürt eine Art Sog. Deswegen war er so komisch.“ Die Tür schloss sich hinter mir.
Jack saß wieder auf der Bühne, zog sich die Schuhe und Strümpfe aus.
Ich reichte ihm die Kniehose, packte die Jeans in den Kleidersack, dann den Sweater, half ihm in die Uniformjacke. Fragend schaute er mich an.
Ich nickte erleichtert.
„Jack. It is time. Let’s go.” bat ich ihn. Er folgte mir an die Stelle, wo wir vorher gewesen waren, stand unschlüssig da. Dann lächelte er sanft.
„We didn’t finish.“ Ich runzelte die Stirn. “The good bye.“ fügte er hinzu.
Ich hob entschuldigend die Hände, lächelte müde.
Es wurden drei Good-byes  draus. Lange, süße, traurige Good byes.
Ich war kurz vorm Flennen, riss mich los. Ich durfte jetzt nicht schlapp machen.
Ich drückte auf den Handyknopf. Eins-zwei—drei---
Atemlos wartete ich darauf, dass der Film startete.
Nach circa zehn Sekunden lief die Technik an.
Gebannt starrten wir beide seitlich auf die Leinwand. Einsames Gefiedel von Maturin, dann nichts mehr, weil ja kein Aubrey da war, der geigte.
Maturin hielt einen Monolog.
Jetzt. Jeden Moment würde die Kamera auf die ‚Surprise’ schwenken.
Wir standen beide wie angewurzelt.
 Ich nahm ein letztes Mal Jacks Hand, presste sie. Sie bebte.
Schmerzhaft fest erwiderte er den Druck, nahm die andre hinzu.
„Jack, I will never forget you, I adore you, all the luck in the world!! GO!!”
Er sah mir noch einmal direkt in die Augen, atmete tief ein.
„Go!!“ schrie ich ihn fast an. Er wirkte abwesend, dann ein Moment der Klarheit.
Er neigte sich zu mir, küsste meinen Handrücken. Einmal. Zweimal. Dreimal.
„Thank you, Mylady. Thank you a million times.." murmelte er bedauernd, sein Blick wanderte, driftete zur Leinwand,  dann ließ er meine Hand los und tauchte ins Dunkel.
Ich wich zurück.
Ein leises Sirren erklang, gefolgt von einem Ton, als ob jemand drei Zimmer weiter Staub saugen würde.
Ich war mir sicher, es hatte funktioniert.
Jacks Aura war weg.
Ich spürte, dass er nicht mehr da war.
Wie vor den Kopf geschlagen setzte ich mich neben den Kleidersack und die verwaisten Schuhe, Größe 45. Dann fing ich an zu kichern.
Die Tür ging auf, Barbara kam heruntergesprintet, das Gesicht ein einziges Fragezeichen. “Und?“ rief sie noch im Laufen.
Ich steigerte mich in einen Lachanfall.
„Sag mal, drehst du jetzt durch.. was ist so komisch.. ich dachte du magst ihn...“
wunderte sie sich, sah mich befremdet an. Ich wischte mir die Lachtränen ab, beruhigte mich langsam.
„Er hat vergessen die Unterwäsche auszuziehen.“ stellte ich fest.
„Jack Aubrey trägt neuerdings Retroshorts von ‚Strauss unlimited’.“
Sie sah mich entgeistert an, dann fing sie an zu lachen.
„Oh, Mann. Da wird Killick sich aber wundern..“ prustete sie.

Dieser kleine Gag brachte mich wieder etwas auf Vordermann.
Es gab noch einiges zu tun. Der Film musste noch mal gesichtet  werden, damit wir uns überzeugen konnten, dass Jack WIRKLICH wieder da war, wo er hingehörte.
Dass er das tat, was er tun sollte.
Mir kam ein grausiger Gedanke.
Und wenn er nicht im Film war, aber auch nicht in der Realität...?
Ich sprang auf, checkte jeden Zentimeter vor der Leinwand und im Umkreis von drei Metern. „Was, zur Hölle treibst du?“ wollte Barbara genervt wissen.
„Ich vergewissere mich. Was wenn er nicht im Film ist.. aber auch nicht mehr hier..?“ Sie riss erschrocken die blauen Augen auf.
„Mal nicht den Teufel an die Wand! Ich krieg noch einen Infarkt heute Nacht, wegen dir..“ beschwerte sie sich. Ich zog nur eine vielsagende Grimasse.
„Los, an die Arbeit.“ trieb sie mich an.
Wir setzten uns in den Vorführraum, dank modernster Technik lief der Film in wenigen Minuten wieder an.
Es war inzwischen 1.30. In einer halben Stunde begann die Oscarverleihung.
Ich trank abwesend Kaffee und kaute auf irgendwas, dass Barbara mir hingestellt hatte. „Wie geht es dir jetzt?“ fragte sie vorsichtig. Ich zuckte die Achseln.
„Ich fühle mich wie ein Loch in der Wand. Leer.“ murmelte ich ausdruckslos.
„Es war alles ein bisschen zuviel, vor allem die letzten Tage. Er war zuviel. Der Stress, ob es klappt. Die Fahrt hierher. Und jetzt ist alles weg. Paff. Und ich bin ein Vakuum.“
Sie nickte mitfühlend. „Ich schätze, du bist nicht in der Stimmung mir mehr zu erzählen. Wie das alles kam und wie er war. Da tun sich tausend Fragen auf. Wahnsinn..“ überlegte sie laut. Ich seufzte erschöpft, nickte zustimmend.
„Ich werde dir alle beantworten, wenn ich kann. Aber bitte nicht jetzt.“
„Logisch..“ meinte sie. „Es geht los. Jetzt wird’s spannend.“
Sie werkelte emsig, setzte die komplizierte High Tech Anlage in Gang.
„Ich denke, auf den Trailer verzichten wir..“ witzelte sie. Ich verdrehte nur die Augen. „Willst du in den Saal?“ schlug sie vor. Ich schüttelte entsetzt den Kopf.
„Auf keinen Fall. Wer weiß, was passiert. Das Risiko ist zu groß. Ihn noch Mal zurückschicken, das schaff ich nicht.“ gab ich unumwunden zu.
„War nur eine Idee, zugegeben keine besonders gute..“ meinte sie.
Ich hätte schreien können bis die Handlung unter Deck ging und in Jacks Kajüte schwenkte. Er war da.
Captain Jack Aubrey war wieder an Bord.
“Es hat funktioniert.“ sagte Barbara verblüfft.
Als sein Gesicht eingeblendet wurde, holte ich tief Luft. Barbara sprach es aus.
„Er guckt etwas seltsam aus der Wäsche.“ meinte sie sachlich.
Sie hatte recht. Er war nicht bei der Sache. Sein Text und alles kam perfekt, aber er wirkte abwesend, sah öfter dorthin, wo das Publikum sein musste, als er eigentlich sollte. Und er hustete ab und zu. Nieste. Hatte sich also doch angesteckt.
Ich kaute auf meiner Unterlippe, verfolgte jede seiner Bewegungen.
Er wirkte wie jemand, der ständig überlegt, ob er den Herd angelassen hat.
Oder das Bügeleisen. Und ob die Versicherung das wohl zahlt.
Nach etwa einer halben Stunde wurde er lockerer, passte sich mehr und mehr an.
Das Husten hörte auf. Das war für mich der Beweis, dass er sich integriert hatte.
Der Film übernahm wieder die Kontrolle.
Um 2.30 früh schaltete Barbara ab. „Uff.“ stöhnte sie erleichtert.
Ich brachte keinen Ton heraus. In meinem Kopf echote es nur immer wieder.
„Er ist weg.. er ist weg.. weg.. weg.. weg.. für immer weg...“
„Du fährst jetzt aber nicht mehr heim, du bist ja völlig fertig..“ erklärte sie besorgt.

"Ruf  morgen bitte bei Schulze von der Fox an, sag denen, ihr habt eine Kopie, die ok ist", bat ich sie noch. "Und sie sollen checken, ob ihre auch wieder komplett sind. Ich muss weg hier, ich dreh sonst durch. Das klingt verrückt, aber ich will jetzt nur noch heim. Wenn es zuviel wird halte ich unterwegs. Ich bin glockenwach. Entschuldige bitte! Und tausend Dank! Ohne dich wäre das alles nicht möglich gewesen. Und bitte kein Wort! Ich melde mich sobald ich zuhause bin.“ redete ich auf sie ein.
Sie musterte mich nur skeptisch während meines Monologs.

Ich muss letztendlich überzeugend gewirkt haben, denn sie ließ mich nach einigem Zögern gehen. In knapp vier Stunden bretterte ich über eine leere Autobahn  heim.
Es war unverantwortlich, aber mein Schutzengel war im Dienst.
Sonderschicht. Er hatte einige Sonderschichten gehabt in den letzten zwei Wochen.
Ich spürte eh nichts außer dieser beklemmenden Leere.
Keine Müdigkeit, keine Erleichterung, keine Freude, dass es funktioniert hatte.
Ich konnte nicht mal weinen. Nichts. Es wurde gerade hell, als ich ankam.
Ich hatte wieder  Fieber, fühlte mich aber nicht schlecht. Nur leer.
Ich schickte Barbara eine SMS, dass alles ok sei und ich daheim.
Ich nahm Jacks Klamotten aus dem Kofferraum, schloss auf, zog die Schuhe aus.
Geistesabwesend trank ich zwei Glas Wasser, ging ins Bad.
Ich duschte, schminkte mich ab, putzte mir die Zähne, zog mein Nachthemd an.
Wie ein Roboter. Die Katzen wollten raus. Ich stellte ihnen Futter hin für später.
Bevor ich ins Bett ging, stopfte ich die Jeans, den Sweater, das Shirt und die Strümpfe in die Waschmaschine. Ein Duft stieg mir in die Nase.
Das Shirt roch nach Fahrenheit.
Und nach Jack.
 Ich stand bestimmt fünf Minuten da, als habe mir wer eins übergebraten.
Dann fing ich an zu flennen.
Ich habe das Shirt bis heute nicht gewaschen.

Mittwoch musste ich wieder zur Arbeit. Ich schlief  die zwei Tage davor überwiegend, überzeugte mich im Internet, dass  laut Fox  ‚Experten’ es geschafft hatte die technischen Schwierigkeiten im Film zu beheben. Pffff.
Er hatte in der Nacht, als ich auf dem Rückweg war, zwei Oscars bekommen.
Von 10 Nominierungen. Na, ja. Immerhin. Mein Infekt klang ab.
Meine Gedanken waren bei Jack. Ich war bei Jack.
Nur meine Hülle war präsent.
Ich lief rum wie ein Zombie. Barbara spielte ich was vor.
Ich sei schon ein bisschen traurig, da ich ihn doch ins Herz geschlossen habe, aber man muss halt vernünftig sein, versicherte ich ihr, als ich sie Montag Abend anrief. Ich sei so froh, dass es geklappt habe und sie habe dafür einen Riesenstein bei mir im Brett dafür.
Sie hatte viel zu tun, so entkam ich einem längeren Gespräch.
Mein ‚altes’ Leben hatte mich wieder.
Dienstag Abend stieß ich auf den Brief und die Münzen.

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