XXI.

 

Alles war so unwirklich. Da gab es die Klamotten und die Schuhe.
Das Fahrenheit Deo in meinem Badschrank.
Die fünf halbvollen Boxen Schöller Möwenpick im Eisfach.
Illusionen. Ich versuchte mir einzureden, all das sei nur meiner Fantasie entsprungen.
Ich gab das Eis meiner Schwester, die mich nur verstört ansah.
Ich fand ein paar lange blonde Haare, als ich das Bett frisch überzog.
Dasselbe im Abfluss der Dusche. Illusionen...
‚film is an elusive medium..’
hatte Crowe mal gesagt.
Es wage keiner zu fragen, was mit den Haaren passiert ist..
Ich sage es freiwillig.
Sie gesellten sich zum Shirt. Relikte. Artefakte.
Zeugen der Vergangenheit.
Ihr merkt, ich war kurz vorm Ausflippen.
Und sollte tags darauf wieder die gewohnten Rekordumsätze erzielen.
 Ich hatte über zwei Wochen gefehlt. Noch länger ging einfach nicht.
Im eigenen Interesse. Reiß dich zusammen. Das Leben geht weiter.
Meins stand irgendwie still seit Sonntag Nacht.
Das übliche Elend, wenn es mal wieder rum ist.
Nicht umsonst hatte es diese zehn Jahre gegeben.
Ich hatte es gewusst. Hatte es akzeptiert.
Gemeinerweise war es kein Trost, keine Erleichterung.
Ich versuchte auf Autopilot zu schalten. Aufräumen, Putzen, Bügeln.
Irgendwas.
Auf dem Tisch der übliche Wust an Werbung, Zeitschriften.
Ich fegte den Stapel beiseite.
Etwas fiel zu Boden. Metallisch. Ich sah nichts.
Sicher ein Deckel oder was weiß ich.
Ich sah den Papierkram flüchtig durch.
Die üblichen Verbündeten der Schönheits- und Modemafia, die ich vom Geschäft mitnehmen konnte, wenn die neue Ausgabe kam.
Sie nervten mich meist, aber als Bilderbücher für Erwachsene taugten sie.
Vierzig Jahre jünger in einer Woche!!!
Liebe Güte, dann wäre ich ja noch nicht mal stubenrein... lieber nicht.
Fünfzig Pfund leichter in einem Monat!!!
Nun, DAS war definitiv zu dünn, egal was Crowe dazu meint.

Ein Kuvert lag zwischen den Konsumterrorpostillen.
Ich nahm es in die Hand. Es war was drin. Ein Bogen Papier.
Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich es drehte und  die Schrift  auf der Vorderseite erkannte. Jacks herrlich barocke Schrift.

Dear

Das war alles. Mehr stand nicht darauf.
Ich setzte mich, strich mit dem Daumen über die vier Buchstaben.
Was würde jetzt auf mich zukommen?
Er musste es geschrieben haben, bevor ich ihn Sonntag Nachmittag ins Auto verfrachtet hatte. Gelegenheit genug hatte er gehabt, während ich hektisch  zu Gange war, wie immer.
Ich schenkte mir ein Glas Wein ein.
Ja, ich saufe zuviel. Ich weiß. Dafür rauche  ich nicht und fresse kein Fastfood.
Und kaum Süßkram.  Und jetzt will ich nix mehr hören aus dieser Ecke.
Weil ich nicht fähig war den Brief zu öffnen, sah ich unter den Tisch, was da runtergefallen war. Irgendeine goldene Folie funkelte.
Ich krabbelte hinunter, tastete unter die Kommode.
Es war keine Folie.
Es waren drei Münzen. Groß wie Eurostücke. Goldfarben.
Verwundert betrachtete ich sie.
Keine Euro. Ich entzifferte die Prägung.
Irgendwas mit Kastillia. Spanien? Sie sahen alt aus.
Was hatten spanische, unbekannte Münzen auf meinem Tisch verloren???
Als ich mich wieder setzte, muss ich einen Fuß gehoben haben, denn plötzlich war die Leitung zum Hirn wieder frei.
DER BRIEF. MÜNZEN. JACK.
Ich nahm erst mal einen Schluck Wein, für alle Fälle.
Tiefes Durchatmen.
Als ich das Kuvert öffnete, es war nur zugesteckt, nicht geklebt, sah ich, dass ein Bogen Papier von meinem Drucker sauber gefaltet drin war.
Und noch was andres. Ich zog es heraus.
Ein, nein zwei DinA6 Bögen. Postkartenformat.
Festes Papier. Pergamentlook.

 

             Herzlichen Glückwunsch!

Wir gratulieren Ihnen zum schönsten Kostüm des Abends!
Es war uns eine Ehre Sie als Gast gehabt zu haben.
Begeben sie sich in den nächsten zwei Wochen in unser Büro in Stuttgart Mitte, Rotebühlstr. 34.  Freitag und Samstag zwischen 15 und 17.00.
Dort werden sie erfahren, was sie gewonnen haben.

              Herzlichst G.von Dors

 

Es waren zwei identische Karten.
‘....we won the contest....’ hatte Jack gesagt, als wir in der Limo vom Ball nach hause gefahren waren’ Which contest?’ hatte ich gefragt.
Ich drehte die Karten um. Jemand hatte etwas auf den Rücken geschrieben.
Auf einer Karte stand: Jack, und drei Fragezeichen, darunter siehe Helga.
Auf der anderen: Helga  und darunter mein Familienname und meine Adresse und Mailadresse, die ich irgendwann am Abend wegen der online Buchung der  Karten bestätigt hatte.
Es nervte mich eher, denn es erinnerte mich an den Abend...
Was sollte das für ein Preis sein... eine Bodenseerundfahrt oder ein Essen im Clubrestaurant wohl. Ich hätte mich freuen sollen. Ich konnte nicht.
Stattdessen wandte ich  mich schnell dem Brief zu.
Ich hatte Mühe ihn zu entziffern.

 

Dear,

When you read this letter I’’ll be back on my ship.
At least I hope so. But I am confident  Mylady will deal it.
Though I’ would have  loved to spent a bit more time in your waters.
Waters,
warm and refreshing, surrounding me with delight,
comfort and everything a man like me can dream of.
Thank you for  your hospitality,
the delicious food and wine.
All those new inspirations and adventures.
For your courage to take me with you.
For your patience you had with me and my antics.
Y
our bitchy witchy habits, needful to stand up against my crotchets.
Your mean and wicked sense of humor.
Your kisses and embraces, warm and fulfilling.
Those splendíd moments, so new and breathtaking.
But also for your dark moments and melancholy .
They opened my mind to unknown areas, dear.
They are part of you.
Don’t fight them, let them just pass by.
You wouldn’t be the same without.
The lovely old  gentleman gave me the cards after we won the contest.
You were a bit, well, unfocused. So I took them.
I hope there is a  nice surprise involved.
You should follow his  invitation. He has a soft spot for you, Dear.
It is a gift to have somebody like this.
Believe me, I had my experience with soft spots recently and I
benefitted in a way I would have never imagined.
I found the coins in my vests pocket. I hope they have any worth in your time and  world and will compensate for your efforts.
Though these efforts  are priceless from my angle of view.
I’d love to say, I will never forget you, but as you know this is something I might have to leave to you, Mylady.
So, just let me say Farewell as Au Revoir  will not be granted.
Thank you  from the bottom of my sore heart, which already grieves  that I will never ever recognize your longing looks  again.
And forgive me my unbearable curiosity…

                      Sincerely Yours, Jack Aubrey

 

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich Jacks Worte las.
Auf alle Fälle überstand ich die nächsten Tage.
Ich las sie morgens, mittags und Abends. Sie waren meine Medizin.
Drei Mal täglich.
Samstag, nach Feierabend fuhr ich runter in die City.
Das Büro des Segelclubs lag recht versteckt, aber ich fand es.
Eine freundlich, sehr gepflegte Dame im Rentenalter begrüßte mich.
Ich erklärte ihr warum ich hier war.
„Oh, Günther hat mir schon davon erzählt. Ist ihr Freund noch da? Schade. Er war ganz beeindruckt von ihm. Royal Navy reinsten Wassers meinte er. So was imponiert ihm. Nun, es wird Zeit das Geheimnis zu lüften.“
Sie verschwand in einem Nebenraum.
Dann kam sie mit einem Zertifikat zurück.
„Ich hoffe sie haben Lust das Segeln zu lernen.“
Ich sah sie nur verwirrt an. Ein Segelkurs? Oh, je.
„Günther hat zwei Boote gestiftet. Sie sind fast neuwertig. Sie können sie auch verkaufen.“ meinte sie sachlich.
Hääääääää?
„Sie wollen mir doch jetzt nicht erzählen, dass ich bei diesem Ball ein Boot gewonnen habe?“„Doch. Und ihr Begleiter ebenfalls. Herr von Dors hat eine kleine, feine Bootswerkstatt. Sein  Faible sind historische Replike.“
Ich lachte etwas asthmatisch.
„Was sind sie denn wert?“„ Na, so um die 2000€ sind allemal drin. Für eins. Unterschreiben sie bitte hier. Wann kann Mr. Jack seinen Preis annehmen?“
„Er wird wohl nicht imstande sein. Außerdem haben wir uns getrennt. Ich habe keinen Kontakt mehr.“ ergänzte ich nüchtern.
„Schade. Falls sie doch noch von ihm hören, teilen sie ihm bitte davon mit. Wenn er den Preis nicht bis Ende nächster Woche in Anspruch nimmt, geht er an den Club.“ sagte sie bedauernd. Ich räusperte mich.
„Er wird nicht kommen. Er kann nicht. Das Boot bleibt im Club. Ich bin sicher, er hat damit kein Problem. Er hat selbst eins.
Und ein recht großes dazu.“ erklärte ich. Nicht mal gelogen.
Auf dem Weg hinaus lief ich in von Dors.
„Oh,Helga! Ich hatte gehofft sie zu treffen! Wie geht es Jack?“
Ich schluckte, dann lächelte ich ihn an. “Ich hoffe gut. Er ist wieder auf See. Ich weiß gar nicht, was ich zu dem Preis sagen soll... Jack stiftet seinen dem Club. Da bin ich sicher.“
„Und sie? Wollen sie es behalten?“ wollte von Dors wissen.
„Ich möchte sie nicht enttäuschen, aber ich bin eine schreckliche Landratte. Und knapp bei Kasse, im Moment. Es hat was davon ein Geschenk zu verkaufen, aber was soll ich sonst mit einem Boot?“ erwiderte ich.
Er lächelte milde.“ Soll ich es für sie verkaufen?“
 „Würden sie? Ich habe keine Ahnung von diesen Dingen...“
“Geben sie mir ihre Telefonnummer, ich nehme dann Kontakt mit ihnen auf, wenn ich einen Interessenten habe.“
„Das ist mehr als freundlich von Ihnen.  Sie haben ein Abendessen bei mir gut.“
„Das nehme ich gerne an.“ strahlte er erfreut. „Ach, ich habe noch Fotos für sie. Wir hatten einen Profi beim Ball, wegen der Clubzeitung. Es sind ein paar sehr gelungene Shots von ihnen und Jack dabei. Darf ich sie ihnen schicken?“ bot er mir an. Ich nickte, quetschte ein “Vielen Dank“ heraus.
Wir verabschiedeten uns. Mir fielen die Münzen ein.
„Herr von Dors, kennen sie zufällig jemand, der sich mit alten Münzen auskennt? Ich habe drei, sie scheinen spanisch zu sein. Kein Zertifikat.“
„Ein Freund von mir sammelt und handelt. Ich gebe ihnen die Adresse und Telefonnummer.“

Eine Woche später hatte von Dors das Boot verkauft und ich war um 2200€ reicher. Aber es kam noch besser. Da ohne Zertifikat und eigentlich Hehlerware, weil ich nicht nachweisen konnte, woher die Münzen waren, bekam ich nur die Hälfte. Es waren sehr seltene spanische Golddublonen, spätes 18 Jh.
Ich habe keine Ahnung, ob sie aus dem Fundus waren oder woher Jack sie hatte.
Ich bekam für jede  350 €.
Keine Nudeln mit Ketchup.
Alles war bezahlt und ich hatte noch eine gute Rücklage.
So stand ich am Ende besser da als zuvor.
Materiell.
Dennoch fühlte ich mich ärmer als je zuvor.
Die Fotos kamen wenig später. Ich warf einen kurzen Blick darauf und legte sie weg. Ich war noch lange nicht soweit.
Jacks Brief half mir über die ersten Wochen.
Mitte April kam die DVD auf den Markt.
Ich habe sie bis heute nicht gesehen, obwohl sie seit Wochen bei mir im Regal steht. Im Kino läuft M&C hie und da im Sonderprogramm.
Ich stand mehrmals vor der Kinokasse und ging dann doch wieder.
Es kam der Tag an dem ich begann, meine Erinnerungen an die Zeit mit Jack 
aufzuschreiben...

She was on the edge, when we reached the place.
Her friend was very nice, without her I don’t know where I might be.
Maybe under the roses…I wish I could see them once in full glory…

I felt the suction from the moment I stepped in the room.
It was odd and weird. The film wanted me back.
And I went back after a few  difficulties.
She almost forgot to kiss me good bye. She was so confused.
Sick and confused, on medication and surly exhausted.
It was such  a sad moment though  those kisses were as sweet and deep as any I ever received  from her.
I hope my letter will give her comfort.
First I felt uncomfortable but very soon the events drew me under their  spell.  After a few seconds of darkness and confusion I found myself back in my cabin. Like I had left.
My memories faded soon. I was home.
With Stephen and the crew. I had missed our musical evenings.
The rolling of the ship, the eternal waves, the smell of salt and sea.
But there was always something left.
I knew things. I was able to see what  would happen.
Not often, but now and then. I knew I had seen this.
More than once.
A certain déjà vu. The days went by and I was  trying to be all myself.
Trying to be the same old Aubrey like BEFORE.
I wasn’t.  Her instincts had been so right.
The time on the other side had changed me. Not much. Yet enough.
But I made believe. I played the game, told only Stephen about my adventure.. every time we started the circle again he had forgotten…
anyways, he didn’t believe me- how could he?
Till I heard that voice.
Her voice….

ENDE                       

 

EPILOG

Dass Jack das letzte Wort hat, mag überraschen.
Es überrascht mich selbst ein wenig.
Ich erinnere mich an Diana Gabaldons Zitat, dass „die Figuren meiner Romane schon wissen, wie es weitergeht...“
Diese Erfahrung habe ich bereits bei „Im Schatten der Wölfin“ gemacht.

Und bei ‚Goldilocks’ war es nicht anders. Es war noch viel stärker.
Ich hatte sehr viel weniger Konzept als je zuvor. Eine Idee, eine vage Ahnung.
Aus geschätzten zehn Kapiteln wurde mal wieder das doppelte.
Jack übernahm das Kommando. Er führte mich durch einundzwanzig Kapitel.

Jack Aubrey hatte für mich weder die inspirativen, noch erotischen Qualitäten eines Maximus D.M. Es war der aktuelle Film, der ins Konzept passte.
Bevor ich anfing diese, eigentlich überwiegend als Comedy gedachte Story zu schreiben. Ab Mitte änderte sich der Ton. Die Comedy wurde tiefer, gefühlvoller.

Je länger ich mich mit ihm beschäftigte, ihn ‚schuf’ desto mehr mochte ich ihn.
Es ging mir wie ’Helga’, die natürlich mein, für Insider, kaum verhülltes Alter Ego ist.  Ich ‚lernte’ ihn kennen und ‚verliebte’ mich wie , Helga’.
Aubrey hat mich davor nie ‚angemacht’. Die Frisur... die Klamotten.. uaaa
Es kamen mehr und mehr erotische Untertöne hinzu.
Ich gehe mal davon aus, dass es euch nicht wirklich gestört hat. ;-)

Goldilocks war eine Reise ins Unbekannte.
Ich bin ein wenig verblüfft wohin sie sich entwickelt hat, aber nicht unzufrieden.
Dahin, dass dies nur das Ende von ‚Goldilocks’ war.

...bis ich diese Stimme hörte.. ihre Stimme....

Richtig.
Das kann nicht alles gewesen sein.
Es geht bald weiter...

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