15.a Zusammenfinden

Maximus schaute mich mit einer Mischung aus Verwunderung und Überraschung an.

"Ich meine, Du wurdest in Hispanien geboren und bist niemals in Rom gewesen, bevor ... bevor ... dies passierte. Ich wurde in Rom geboren, aber als Sklavin, vermutlich von Kriegsgefangenen ... "

Offensichtlich überrascht suchte Maximus' Blick den meinen, er sagte jedoch nichts.

Ich biß mir auf die Unterlippe und versuchte zu erklären, was ich niemals jemandem erklärt hatte, faßte meine innersten und schmerzlichsten Ängste zum erstenmal in Worte.

"Ich habe niemals jemanden gesehen, der mir wirklich ähnlich sieht ... Ich meine, als ich noch eine Sklavin war, da war ich von der Angst besessen, ich könnte einmal ein kleines Mädchen mit meinen Gesichtszügen, meinem Teint und meiner Haarfarbe finden, denn das hätte bedeutet, daß meine Mutter irgendwo in der Nähe gewesen wäre, dicht bei mir und noch am Leben ... daß sie immer noch Babys produzierte wie das Vieh Junge wirft ... "

Maximus runzelte bei meinen Worten die Stirn, sagte jedoch immer noch nichts.

"Aber in jener Zeit ertappte ich mich auch dabei, wie ich nach Menschen Ausschau hielt, die aussahen wie ich ... Manchmal fand ich eine Frau mit rotgoldenem Haar, aber ihre Augenfarbe paßte nicht, oder sie war nicht so hochgewachsen wie ich ... "

Ich schluckte krampfhaft, wandte den Blick ab und lehnte mich auf meiner Couch zurück.

"Aber eines Tages ... im Hafen von Ostia ... "

Ich schluckte wieder, war nicht in der Lage weiterzusprechen. Schweigend nahm Maximus meine linke Hand und drückte sie beruhigend, eine schlichte Geste, die nicht nur Trost sondern auch Wärme und Kraft schenkte. Die Wärme und Kraft, die ich so dringend brauchte.

"Was ist dort geschehen, Julia?" fragte er leise. "Was geschah im Hafen?"

Ich seufzte, begann zu sprechen, seufzte nochmals, bevor ich die richtigen Worte fand.

"Ich war erst kurze Zeit verheiratet gewesen. Nachdem ich mich in der Villa eingerichtet hatte, wollte ich auch die Stadt kennenlernen. Apollinarius nahm mich mit, und wir wanderten stundenlang umher ... ich wollte den Leuchtturm sehen, und er neckte mich, sagte, Kaiser Claudius habe Großartiges geleistet, aber der Turm sei nicht so groß und prächtig wie jener in Alexandria ... Wir spazierten den Kai entlang, als ich sie sah ... "

In der Ferne rief ein Käuzchen, und ich erschauerte unfreiwillig. Ich bin weder abergläubisch noch fürchte ich mich leicht, aber der Ruf ähnelte zu sehr dem Klagen einer einsamen, gequälten Seele. Einer Seele, so einsam und gequält wie es meine war ... und Maximus'.

Ich zwang mich dazu weiterzusprechen.

"Da waren Männer und Frauen und Kinder ... ungefähr zwanzig ... sie trugen Ketten ... kletterten über eine Planke von einem Schiff ... Die Docks sind immer voller Menschen. Nicht nur Seeleute und Sklaven, welche die Schiffe entladen, sondern Leute, die nichts zu tun haben und einfach nur herumlungern. Sie starrten diese Menschen an, als seien sie exotische Tiere ... Die Sklaven waren groß, selbst die Kinder, Jungen und Mädchen, die höchstens zehn Jahre alt gewesen sein konnten und dennoch bereits so groß waren wie die meisten erwachsenen Römer ..."

Ich lehnte mich wieder auf der Couch zurück und schloß die Augen, sah vor meinem inneren Auge abermals die Szene, welche mich viele Jahre lang gequält hatte ... Die Szene, welche mich noch heute, nach all den Jahren, bis in meine Träume verfolgt ...

"Die Männer waren gut gebaut, stolz, mit langem rotblondem Haar ... die Frauen schön, das Haar fiel ihnen in herrlichen Wellen über den Rücken herab ... auch sie hatten rotgoldenes Haar. Ihre Haut war sehr hell und alle hatten blaue Augen - nicht das helle Blau oder Graublau jener Römer, deren Haar ebenfalls heller war, nein -  tief blaue Augen ... wie meine eigenen ..."

Maximus hielt meine Hand fest und wartete geduldig, bis ich weitersprach.

"Es war ein milder Tag gewesen, die leichte Brise vom Meer her hatte die Hitze erträglich gemacht. Als ich die Gefangenen mit dem rotgoldenen Haar sah, blieb ich wie angewurzelt stehen, unfähig, mich zu bewegen."

Ich fuhr fort mit meinem Bericht. Die Augen immer noch geschlossen durchlebte ich vor meinem inneren Auge erneut eine Szene, über die ich niemals zuvor gesprochen hatte.

"Als ich meine Stimme wiederfand, fragte ich Apollinarius, wer diese Menschen seien. Er schaute sie an und sagte 'keltoi'. Ich sprach damals bereits fließend Griechisch, und dennoch brauchte ich einen Augenblick um zu verstehen, was er sagte. Kelten. Apollinarius tut das manchmal. Ich meine, er benutzt dann ein griechisches Wort, obwohl er eigentlich lateinisch spricht. Wenn er dies tut, dann deswegen, weil er glaubt, daß das griechische Wort die Idee, die es bezeichnet, besser zum Ausdruck bringt. In diesem Fall hatte er recht, denn 'keltoi' meint sehr viel mehr als nur eine Rasse oder die Farbe der Haut und des Haares ... "

Da ich die Augen immer noch geschlossen hatte, war es einfach, mir vorzustellen, daß die Terrasse verschwand und ich mich wieder auf den Docks befand, stumm die kürzlich angekommen Sklaven betrachtete.

"Die Leute sprachen bewundernd über die menschliche Ware. Sie priesen die Stärke der Männer und die Schönheit von Frauen und Kindern. Sie spekulierten, wieviel Geld man für sie bei der Versteigerung fordern könnte ... Dieses Wort gab den Ausschlag. Ich marschierte auf das Schiff zu, und Apollinarius schaffte es gerade noch, mich aufzuhalten, bevor ich auf die Schiffsplanke klettern konnte ... "

Ich öffnete die Augen und sah, daß Maximus mich gebannt anschaute, der Ausdruck seines Gesichtes unergründlich. Wahrscheinlich durchlebte er erneut sein eigenes Martyrium in Zucchabar, aber ich konnte jetzt nicht schweigen. Ich schloß wieder die Augen und sprach weiter. In meinem Inneren hörte ich Apollinarius' Stimme so deutlich, als sei er es und nicht Maximus, der an meiner Seite war ...

"Julia, was machst Du da? Wo gehst Du hin?"

"Ich muß wissen, wem diese Sklaven gehören ... " sagte ich und versuchte, ihm meinen Arm zu entreißen. "Warum ...?" setzte er an, aber ich erlaubte ihm nicht, den Satz zu beenden.

"Ich will sie kaufen! Alle zusammen!"

"Julia, das kannst Du nicht!"

"Natürlich kann ich das! Bin ich nicht mit einem verdammt reichen Reeder verheiratet? Bin ich nicht eine Freigelassene? Erinnert Ihr mich nicht alle dauernd daran, wie reich und wie frei ich jetzt bin und daß ich mich daran gewöhnen und auch so verhalten muß? Nun, ich will mich so verhalten und ich will mich jetzt so verhalten! Ich will diese Sklaven kaufen!"

Apollinarius schnappte nach Luft, lief rot an, ließ meinen Arm aber nicht los. Im Gegenteil, er packte noch fester zu.

"Julia, Du hast Deine Eheschließung zum Anlaß genommen, alle Haussklaven freizulassen! Warum willst Du jetzt diese Sklaven kaufen?"

"Siehst Du das nicht?" rief ich, und die Gaffer begannen, uns zu beobachten. Es war mir gleichgültig. Alles, was zählte, war, an diese Sklaven heranzukommen. An sie heranzukommen, bevor man sie zum Markt bringen würde, um sie dort auszustellen - mit einem Schild um den Hals, auf dem ihre Vorzüge nachzulesen waren: die Stärke der Männer und die Jungfräulichkeit der Mädchen. Bevor man sie zum Markt bringen würde, wo - wenn dies nicht bereits geschehen war - Männer und Frauen, Mütter und Kinder von einander getrennt würden. Wo man ihnen die Kleider vom Leib reißen und sie wie Vieh nackt begutachten würde. Wo interessierte Käufer die Brüste der Frauen befühlen und die Beine der Mädchen spreizen würden, um sicher zu gehen, daß sie bekämen, was man ihnen versprochen hatte.

"Siehst Du das nicht, Apollinarius?" rief ich noch einmal. "Bist Du blind? Sie haben rotgoldenes Haar! Rotgoldenes Haar und blaue Augen! Siehst Du das nicht? Siehst Du nicht, daß sie aussehen wie ich? Wie ich, Apollinarius! Wie ich!"

Ich hielt einen Augenblick inne, und Maximus faßte meine Hand fester. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und sprach weiter.

"Apollinarius war schockiert. Er schaute die Sklaven an, dann mich. Ich zitterte wie Espenlaub. Das gab für ihn den Ausschlag ... "

"Julia, hör mir zu. Du darfst dieses Schiff nicht betreten, hörst Du mich? Du darfst nicht mit dem Kapitän sprechen. Keine anständige Frau würde das tun, und Du bist jetzt eine verheiratete Frau."

Bevor ich protestieren konnte, hob er die Hand und gebot mir Einhalt.

"Hör mir zu! Wenn Du diese Sklaven haben willst, dann werde ich Dir helfen. Aber Du wirst tun, was ich sage, in Ordnung?"

Ich keuchte vor Anstrengung, nicht die Beherrschung zu verlieren. Irgendwie gelang es mir, ihm durch ein Kopfnicken widerstrebend meine Zustimmung zu bedeuten. Ich wollte über die Planke auf das Schiff klettern. Ich wollte mit dem Kapitän sprechen. Ich wollte wissen, ob er einer der Kapitäne meines Gemahls war und ob das Schiff, das diese hochgewachsenen, blauäugigen Sklaven transportiert hatte, Marius Servilius gehörte.  Ich wollte ... was? Was wollte ich eigentlich? Zu verwirrt um auch nur eine Träne zu vergießen, behauptete ich meinen Standpunkt so gut ich es vermochte.

Apollinarius ließ meinen Arm vorsichtig los. Es war jedoch offensichtlich, daß er bereit war, sofort wieder zuzupacken, sollte ich versuchen zu entkommen. Als er sicher war, daß ich keinen weiteren Versuch unternehmen würde, ließ er mich stehen und ging auf das Schiff zu, wandte sich im Gehen noch ein paarmal um, um sicher zu gehen, daß ich ihm nicht folgte. Aber ich blieb auf meinem Platz stehen, immer noch keuchend, die Hände zu Fäusten geballt, den Blick auf die Sklaven mit dem rotgoldenen Haar geheftet.

Die Kelten verhielten sich kühl und zurückhaltend, blickten in die Ferne, als ginge sie all das nichts an. Sie hielten sich dicht beieinander aber drängten sich nicht zusammen, wie verängstigte Gefangene dies gewöhnlich zu tun pflegen. Wenn der Hafen sie beeindruckte, dann ließen sie es sich nicht anmerken. Falls sie die rüden Bemerkungen des Pöbels, der sie begutachtete, verstanden, dann behielten sie auch dies für sich. Nur der Aufruhr, den ich während meiner Auseinandersetzung mit Apollinarius verursacht hatte, schien ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben ... oder war es mein eigenes rotgoldenes Haar und meine Körpergröße gewesen? Zwei Männer und eine Frau beobachteten mich aufmerksam, ihre  Augen waren von einem dunklen Blau und mir nur zu vertraut, die Sonne und der Seewind malten zarte rosa Schatten auf ihre helle Haut - so wie bei mir. Sie waren barfuß, trugen hausgesponnene und lederne Kleidung, und ihre Hälse zierten schwere Torques *1, nicht die beeindruckenden goldenen Stücke, über die ich gelesen hatte, sondern aus Kupfer gearbeitete. Aber die Kunstfertigkeit der Handwerker, welche diese gedrehten Stränge aus Kupfer in exotische Schmuckstücke verwandelt hatten, stand der ihrer römischen Zunftgenossen in nichts nach. Das lange Haar der Männer wurde von Lederbändern zusammengehalten. Die Frauen trugen ihr Haar offen, und es fiel herab bis zu ihren Hüften ... so wie das meine, wenn ich es von Kämmen und Nadeln befreite, die es im Namen des römischen Anstands zusammenhielten.

Die drei Kelten schienen mich abzuschätzen, so wie ich sie abschätzte. Vermutlich sprachen sie kein Wort Latein, nur ihren eigenen lokalen Dialekt. Aber sie bedurften keiner Worte, um mir mitzuteilen, was sie sahen. Ihre durchdringend blauen Augen sprachen eine eigene Sprache: ich war - trotz meiner römischen Kleidung, meiner Juwelen und meines sittsam aufgesteckten Haares - eine von ihnen ...

Ich schluckte heftig, und nun war es an mir, Maximus' Hand zu drücken, nach der Wärme und Kraft bei ihm zu suchen, um meine Geschichte beenden zu können. Er legte seine andere Hand über unsere beiden ineinander verschlungenen Hände und gab mir wortlos, was ich brauchte.

Apollinarius' Rückkehr weckte mich aus dem Trancezustand, in den ich gefallen zu sein schien. Er sah mich einen Moment lang an und schüttelte dann verneinend den Kopf. Bevor ich noch protestieren konnte, nahm er meine Hand und sagte: "Diese Sklaven stehen nicht zum Verkauf, Julia. Sie sind ein Geschenk für die kaiserliche Familie, geschickt von einem gewissen General Antisius Mineus Ausonius. Er ist ein Neffe von Titus Gaius ... "

Titus Gaius ... der Name schien mir bekannt ... Dann erinnerte ich mich an ihn. Ein älterer Herr, der seit den Tagen des Kaisers Hadrian ein berühmter Anwalt gewesen war. Sollte er immer noch praktizieren, so konzentrierte er sich jetzt auf das Verfassen hoch geschätzter Texte zum römischen Recht. Und er war mehr als einmal in Rom unser Gast gewesen.

"Du kannst nichts tun, Julia. Wir gehen besser zur Villa zurück."

Apollinarius zog mich sacht an der Hand, und ich zwang meine wie gelähmten Füße, sich in Bewegung zu setzen. Mein Lehrer drängte mich sanft weg von dem Schiff und den Kelten, und ich folgte ihm widerstandslos, mein Interesse an dem Leuchtturm und die Fröhlichkeit, die ich während unseres Spazierganges empfunden hatte, waren verschwunden. Die Leute verfolgten uns mit neugierigen Blicken, aber ich nahm diese Blicke und die sie begleitenden Kommentare nicht einmal wahr. Wir hatten fast die Straße, die von den Docks wegführte, erreicht, als ich so plötzlich stehenblieb, das Apollinarius erschreckt zusammenfuhr. Ich drehte mich um und wollte noch einen letzten Blick auf die Kelten werfen, aber sie waren nicht mehr da ...

Mein Freund und Lehrer legte zärtlich seinen Arm um mich, und als ich in seine haselnußbraunen Augen blickte, sah ich die Sorge, die sich in ihnen spiegelte.

"Waren ... waren sie ... ?"

"Kelten? Ja. Der Kapitän sagte, sie stammten aus einem versprengten kleinen Stamm aus Helvetien, der sich gegen die örtliche Regierung aufgelehnt hatte ... Mach Dir nicht so viel Gedanken um sie, Julia. Sie werden zum Kaiser geschickt... sie hätten es beträchtlich schlechter treffen können ... "

Er hatte recht. Wir beide hatten es sehr viel schlechter getroffen, und ich hatte das kleine numidische Mädchen der Tochter des Kaisers, die ich nicht einmal kannte, anvertraut.

Ich sagte nichts weiter, bis wir uns in meiner Sänfte gegenübersaßen und die Träger dieselbe mit einem vereinten Ächzen hochhoben.

"Das Schiff ... ?"

Apollinarius drückte beruhigend meine Hand.

"Nein, Julia. Es gehörte nicht Deinem Gemahl ... "

Als wir die Villa erreichten, hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Auch wenn in genau  jener Nacht die Träume begannen, so sprachen wir nie mehr über den Vorfall.

Ich öffnete die Augen und sah, daß Maximus seinen Blick fest auf mich gerichtet hielt. Seine Augen waren voller Sorge, so wie es Apollinarius' Augen gewesen waren ... grün-blaue Augen von der Farbe des Ozeans, so anders als die hellblauen oder graublauen Augen der Römer mit hellem Haar.

"Also", sagte ich, "glaubst Du, daß wir echte Römer sind, Maximus?"

Er preßte die Lippen zusammen, holte tief Luft und begann leise und zögernd zu sprechen.

"Vor noch gar nicht so langer Zeit hätte ich Dir ohne jeden Zweifel geantwortet: 'Ja, wir sind echte Römer.' Aber jetzt... jetzt habe ich keine Antworten, Julia. Nur Fragen ... "

Ich nickte schweigend. Er brauchte nicht mehr zu sagen. Ich wußte, welche Fragen ihn quälten: "Warum ich? Warum meine Familie? Was nun?" Es waren die gleichen Fragen, die mich fast mein ganzes Leben lang gequält hatten. Die Fragen, die mich noch heute an jedem neuen Tag quälten - und daran änderten auch Reichtum und Freiheit nichts.

Maximus hob die Hand, welche er auf unsere ineinander verschlungenen Finger gelegt hatte, und schob zart einige Locken beiseite, die der Nachtwind mir ins Gesicht geweht hatte. Ich war so in meine Erinnerungen an jenen Tag im Hafen versunken gewesen, daß ich es nicht einmal bemerkt hatte.

"Weißt Du, ich mag es viel lieber, wenn Du Dein Haar offen trägst als hochgesteckt ... " sagte er im Plauderton, versuchte, die düstere Stimmung, die sich auf uns gesenkt hatte, ein wenig aufzuhellen.

Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

"Ich mag es auch viel lieber offen als hochgesteckt. Ehrlich gesagt ist es das erstemal seit meiner Hochzeit, daß ich es außerhalb meiner Wohnräume offen trage. Den armen Athenodorus hat fast der Schlag getroffen."

Maximus lächelte und spielte weiter mit meinem Haar, so wie er es in Moesia getan hatte. Es schien mir abermals, als müsse er mich einfach berühren. Die Bewegung seiner großen, beinahe derben Finger in meinem Haar hatte etwas Beruhigendes. Plötzlich verstand ich, warum Katzen es so lieben, wenn man sie krault.

"Ich mag es auch viel lieber offen als hochgesteckt", wiederholte ich. "Aber heutzutage habe ich keine Wahl - statt dessen einen "Ruf", auf den ich achten muß ... "

Es gelang mir, so viel Sarkasmus in das Wort "Ruf" einfließen zu lassen, daß es eher wie eine Beleidigung klang.

Maximus hielt seine Finger einen Moment lang still, dann senkte er sie erneut in meine Mähne und strich mir durch das Haar. In der Art, wie er dies tat, lag mehr als nur die Andeutung entschlossenen, männlichen Besitzanspruchs.

"Niemand braucht von Deiner Vergangenheit zu wissen, Julia", schlug er vorsichtig vor.

"Cornelius Crassus sagte das gleiche... " platzte ich heraus. Die Finger, welche mein Haar kämmten, hielten abermals für den Bruchteil einer Sekunde inne und kehrten dann mit nur mühsam kontrollierter Heftigkeit zu ihrer Aufgabe zurück. Katzen sind nicht nur klug und schön. Sie sind auch eifersüchtig und erheben auf die, welche sie als die Ihren betrachten, einen grimmigen Besitzanspruch, seien es Katzen wie sie oder jene menschlichen Wesen, die dumm genug sind sich einzubilden, ihre Herren und Herrinnen zu sein. Genauso war Maximus.

"Dieser Cornelius Crassus ... er wußte von ... " Maximus war bemüht, möglichst unverfängliche Worte zu wählen.

"Er drückte es taktvoll aus. Er sagte, er wisse um die 'unglücklichen Umstände' meiner Vergangenheit ... Seine Schwester war nicht so taktvoll. Sie hatte kein Problem damit, mich 'eine Hure' zu nennen."

Die Finger, die mein Haar kämmten, hielten erneut inne, und jene, die mit meinen verschlungen waren, packten fester zu. 

Ein blaues Feuer sprühte in der Tiefe seiner Augen.

Ich lachte ein bitteres, kurzes Lachen.  Ich mußte einfach lachen.  Da war ich nun: eine Frau, die als Sklavin auf die Welt gekommen war, die man zur Hure gemacht hatte und die sich nun um ihre Tugend Gedanken machen mußte, die Tugend, die man ihr geraubt hatte.

"O, sie war nur eine Patrizierin, eine richtige Hexe, aber nach den Maßstäben ihrer Erziehung war ich eine Hure", sagte ich, und bevor Maximus noch protestieren konnte, fügte ich hinzu: "Ich bin mit ihr genauso verfahren wie zuvor mit ihrem Bruder. Aber im Unterschied zu ihr, war er ein vernünftiger Mann ... "

Klugerweise vermied es Maximus zu fragen, was der vernünftige Cornelius Crassus getan hatte, daß ich mit ihm 'verfahren' mußte. Statt dessen hob er unser beider ineinander verschlungene Finger und führte meine Hand an seine Lippen. Es waren nicht meine Finger oder meine Handfläche, die er küßte, sondern mein Handgelenk. Eine Narbe gab es dort nicht. Vor sechs Jahren hatte ich nicht tief genug geschnitten, um eine Narbe zurückzulassen, geschweige denn, daß ich mir das Leben hätte nehmen können. Im Unterschied zu den seinen waren meine Narben unsichtbar, verborgen unter makelloser Schönheit und kühler Gleichgültigkeit. Aber sie waren trotzdem da, und Maximus wußte das.

Seine Lippen waren warm und trocken, so wie ich sie vom erstenmal in Erinnerung hatte, als er mich überraschend und leidenschaftlich auf den Mund geküßt hatte. Sein Bart kitzelte das zarte Gewebe, welches sich über blaue,  pulsierende Venen spannte. Sein Mund verweilte länger auf meiner Haut, als ein respektvoller Kuß dies erfordert hätte, und ich fühlte, wie meine Kehle sich verkrampfte.

Maximus hob den Kopf und blickte zu den Sternen, zum Mond und dann zu mir.

"Es ist spät, und Du siehst müde aus."

Ich wollte verneinen, aber ein plötzliches Gähnen hielt mich davon ab. Trotz der langen Stunden, die ich geschlafen hatte, fühlte ich mich seltsam müde. Maximus lächelte.

"Ins Bett mit Dir, Julia Antonina!"

Ich erschrak, als ich den Namen, den ich als Freigelassene erhalten hatte, aus seinem Munde hörte. Er hatte bereits einmal gesagt, daß er sich an diesen Namen erinnerte, weil der Agent, den er mit der Suche nach mir beauftragt hatte, ihn in einem Bericht über mein Verschwinden erwähnt hatte. Diesen Namen jedoch aus seinem Munde zu hören war etwas ganz anderes. Wieder mußte ich an dunklen, wilden Honig denken, der über seine Zunge rann.

"Ich fürchte, jetzt bin ich Julia Servilia."

Er schien einen Augenblick über den Namen nachzudenken, den ich als verheiratete Frau trug.

"Ich ziehe 'Julia Antonina' vor", sagte er. "'Julia Servilia' klingt eindrucksvoller aber auch kälter ... einschüchternd. Julia Antonina ist freundlicher - wie Dein offenes Haar."

Ich lächelte zurück - hauptsächlich um meine Verwunderung über die schlichte und doch so zutreffende Art zu verbergen, in der er mich und mein gegenwärtiges Leben beschrieben hatte. Ich war die Dame Julia Servilia, eine kalte Schönheit und einflußreiche Geschäftsfrau, die ihr Haar aufgesteckt trug und jeden auf Distanz hielt. Ich war nur ein Jahr lang Julia Antonina gewesen, und Maximus' Abwesenheit hatte verhindert, daß sie zu der liebenden, lebenssprühenden, lachenden Frau erblüht war, die sie hätte werden können. Heimlich fragte ich mich, ob diese Frau noch am Leben war, und ob wohl Maximus' Berührung ausreichen würde, um sie aus ihrem Versteck zu locken.

Manchmal konnte ich sie beinahe unter meiner Haut spüren, als beobachtete sie mich, verborgen hinter meinen eigenen Augen ...

Maximus stand auf und weckte mich aus meinen Grübeleien. Auch ich erhob mich, und Hand in Hand gingen wir hinein. Erst als wir mein Zimmer betraten, merkte ich, daß ich meine Sandalen unter der Couch vergessen hatte, aber ich war zu schläfrig, um zurückzugehen und sie zu holen.

Athenodorus hatte alle Lampen bis auf eine im Wohnzimmer gelöscht, und Nicia hatte ein paar mehr in meinem Schlafzimmer angezündet. Die Türen zu meinem eigenen und zu Maximus' Schlafzimmer standen offen, und das goldene Licht, das von dort in das Wohnzimmer fiel, malte geisterhafte Schatten auf Vorhänge und Möbel. Tiefe Stille lag über der Villa. Es war später als ich gedacht hatte.

Ich blieb an meiner Schlafzimmertür stehen, aber Maximus machte keine Anstalten, meine Hand freizugeben.

Plötzlich fühlte ich mich schüchtern wie ein junges Mädchen, das seinem ersten Liebhaber gegenübersteht. So schüchtern, wie ich seit der Zeit, die ich hinter dem Vorhang eines Alkovens in Moesia verbracht hatte, nicht mehr gewesen war. Ich senkte die Augen mit einer Sittsamkeit, die jeder Vestalischen Jungfrau zur Ehre gereicht hätte.

"Ist alles in Ordnung?" fragte ich mit leiser Stimme. "Ich meine, hast Du alles, was Du für die Nacht brauchst?"

"Ja, Julia. Mach Dir keine Gedanken. Dein Freund und Dein ganzer Haushalt haben gute Arbeit geleistet. Und Du bist so überaus großzügig. Auch dafür habe ich Dir noch nicht gedankt ... "

Ich wies auf die Tür meines Arbeitszimmers, um ihn zu unterbrechen.

"Das ist mein privates Arbeitszimmer", sagte ich. "Ich bewahre einige meiner Lieblingsbücher dort auf. Wenn Du lesen möchtest, dann scheu Dich nicht, Dir einfach eins zu nehmen."

Ich fühlte sein Nicken mehr, als daß ich es sah.

"Wenn Du noch irgend etwas brauchst oder möchtest, laß ... laß es mich einfach wissen."

"In Ordnung, Julia."

Vorsichtig hob ich die Augen - und sah, daß die seinen fest auf mich gerichtet waren. In ihnen brannte ein sanftes, stetiges, blau-grünliches Feuer. Ich errötete und schluckte. Maximus beugte sich ein wenig vor und küßte mich züchtig auf die Wange.

"Gute Nacht, Julia."

"Gute Nacht, Maximus."

Er rührte sich nicht von der Stelle. Wartete. Langsam, ganz langsam löste ich meine Finger aus den seinen, wandte mich um und betrat mein Schlafzimmer, dann schloß ich für eine weitere Nacht die Tür hinter uns.

 

Zwei Stunden später war ich trotz Essen und Trinken und emotionaler Erschöpfung immer noch hellwach. Der Mond ergoß sein silbernes Licht in mein Schlafzimmer, und der Nachtwind bewegte die hauchdünnen Vorhänge am Ausgang zur Terrasse in hypnotischem Rhythmus. Aus den dunklen Ecken, in denen blaue Schatten spielten, schienen mich die Geister der keltischen Sklaven, die ich vor fünf Jahren im Hafen von Ostia kurz gesehen hatte, zu beobachten. Das Rauschen der Brandung brachte mir diesmal nicht den ersehnten Schlaf, sondern wurde statt dessen zu einem beunruhigenden Surren, nicht unähnlich dem jener lästigen Insekten in warmen Sommernächten. Auf der Lesecouch miaute Nigra, atmete hörbar im Schlaf, beunruhigt von einem besonders lebhaften Katzentraum.

Ich überlegte, ob es klug wäre, eine Lampe zu entzünden und nach einem Buch Ausschau zu halten, als mich plötzlich ein lautes Quietschen zusammenzucken ließ. Es mußte wirklich sehr laut gewesen sein, da ich es durch die massiven Eichentüren so deutlich hatte hören können. Ich runzelte die Stirn, als sich das quietschende Geräusch abermals vernehmen ließ ... Das Öffnen einer Tür, deren Angeln lange nicht geölt worden waren ... Die Tür des zweiten Schlafzimmers ... Mir kam der gänzlich überflüssige Gedanke, Athenodorus sagen zu müssen, daß er jemand schicken solle, die Türangeln zu ölen. Ich rief mich innerlich zur Ordnung.

Maximus.

Ich hörte auf zu atmen, wünschte mir, in die Stille lauschen zu können, die sich wieder über meine privaten Wohnräume gebreitet hatte. Durch das Geräusch aufgeschreckt, hatte Nigra den Kopf gehoben und schaute nun zur Tür, die Ohren aufgestellt und die Schurrhaare flach angelegt - ein deutliches Zeichen, daß sie sich in Alarmzustand befand. Die Stille war so vollkommen, daß es schien, als habe selbst die Brandung ihr ewiges Rollen eingestellt. Dann hörte ich ein weiteres, gedämpftes Geräusch. Fußtritte im Wohnzimmer.

Maximus.

Wie ich schien er nicht schlafen zu können. Er war auf und seine in Sandalen steckenden Füße verursachten ein leises Geräusch, als er über den polierten Mosaikfußboden ging. Kein Licht drang durch den Spalt unter der Schlafzimmertür. Die einsame Lampe im Wohnzimmer war bereits vor einiger Zeit erloschen, und Maximus bewegte sich vorsichtig in der ungewohnten Umgebung, suchte sich beim Licht des Mondes, das durch den Bogengang zur Terrasse hereinströmte, zwischen den Möbelstücken seinen Weg .

 

Maximus tappte zu meinem Schlafzimmer.

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*1 torque     im germanisch-keltischen Raum weit verbreitete Halsreifen aus Bronze, Kupfer, Gold oder anderem Metall, die aus einer Art gewundener Kordel bestanden.


15.b Zusammenfinden - Teil 2

Ich setzte mich im Bett auf, mein Herz hämmerte wild, ich spürte es in meiner Brust flattern wie einen gefangenen Vogel, und es klopfte so laut, daß ich glaubte, man müsse es bis nach Rom hören können.

Maximus konnte nicht schlafen, und er kam zu mir mitten in der Nacht.

Ich schluckte krampfhaft und schaute mich um, wollte sicher sein, daß mein Schlafzimmer ordentlich wie gewöhnlich war, dann flog mein Blick zur Tür zurück.

Würde er klopfen, bevor er hereinkam, oder einfach den Türknopf drehen und eintreten? Würde er etwas sagen oder einfach zu mir kommen? Würde er zögern, nachdem er einmal den ersten Schritt getan hatte, oder würde er einfach zu meinem Bett kommen und mich in die Arme nehmen? Würde er mich küssen und streicheln oder einfach das Bettuch beiseite schieben und sich mit seinem kraftvollen Körper auf mich legen? Würde er mich vorsichtig entkleiden oder einfach mein Gewand zerreißen, begierig nach meinem Fleisch? Würde er mir in die Augen schauen, wenn er mich nahm, oder würde er sie schließen und sich vorstellen, ich sei eine andere, geliebte, längst tote Frau? Würde er mich zärtlich lieben oder würde ihn der Rausch der Befriedigung lang unterdrückter Bedürfnisse überwältigen? Würde er sanft sein oder sich nur daran erinnern, daß ich eine Hure war, und mich hart nehmen?

 

So viele Fragen und so wenig Zeit, bevor es klopfen oder die Tür geöffnet werden würde ... So viele Fragen und unter allen nur eine, die wirklich wichtig war. Die Frage, die ich mir selbst zu stellen nie gewagt hatte, weil ich die Antwort fürchtete: würde ich fähig sein, es zu tun? Würde ich fähig sein, mich ihm zu überlassen, mich seinen Liebkosungen und seinem Besitzanspruch hinzugeben? Würde ich fähig sein, mich unter seinem Körper genügend zu entspannen, um ihn aufnehmen zu können? Würde meine bedingungslose Liebe zu ihm und seine vertraute Zärtlichkeit einerseits und die Leidenschaft, die ich von ihm erwartete, andererseits ausreichen, um meinen Geist und meinen Körper die Erinnerungen an jenen brünstigen Egoismus vergessen zu lassen, den ich jahrelang hatte erdulden müssen? Oder würde mich die Tatsache, daß ich sechs Jahre lang von keinen Mann berührt worden war, unter seinen Zärtlichkeiten erstarren lassen, mir auch noch das letzte Glück rauben, während die Geister meiner befleckten Vergangenheit sich in den dunklen Ecken meines Schlafzimmers über mich lustig machten?

 

Plötzlich bemerkte ich, daß die Schritte sich entfernt hatten, nur um einen Augenblick später zurückzukehren, sehr viel lauter und diesmal aus einer anderen Richtung. Ich runzelte die Stirn. Die Terrasse. Sie kamen von der Terrasse. Maximus war nicht zu meinem Schlafzimmer gekommen sondern hatte seine Schritte zur Terrasse und in die Nacht hinaus gelenkt ...

Verwirrt stand ich auf, tappte zum Bogengang, der auf die Terrasse führte, und blickte hinaus.

Da stand er - an der Marmorbrüstung, so wie er noch vor wenigen Stunden dort gestanden hatte. Er wandte mir den Rücken zu und starrte hinaus in die Nacht und auf die unsichtbare See. Phoenion saß mit jener eleganten Sorglosigkeit auf der Brüstung, mit der nur Katzen am Rande des Abgrundes sitzen können, und betrachtete Maximus neugierig. Dann stand er auf, bewegte sich lautlos auf den ebenso still dastehenden Mann zu und stupste ihn am Arm. Maximus wandte sich dem Tier zu, und beim schwachen Licht des Mondes und der Laterne, die immer brannte, um die Terrasse zu erhellen, sah ich, daß er der abessinischen Katze zulächelte. Er kraulte zärtlich mit geschickter Hand das Fell des Tieres, und nun war es an mir zu lächeln, wenn ich mir Phoenions lautes Schnurren ausmalte.

 

Einen langen Augenblick verweilten sie so, während ich sie beobachtete: zwei ungewöhnlich schöne männliche Tiere. Beide voller Anmut und Stolz und Würde. Beide betörend und majestätisch und ebenso tödlich.

Eine Motte von der Größe einer kleinen Fledermaus flatterte über die Brüstung auf die Terrasse, brachte Phoenion aus seiner Ekstase und weckte seinen Jagdtrieb. Er sprang dem Insekt hinterher und schoß wie ein Blitz zwischen den Pflanzen und Blumentöpfen hindurch, verschwand einen Augenblick unter der Couch und tauchte mit der Motte zwischen seinen scharfen Zähnen wieder auf. Stolz wie ein römischer General bei seinem Triumphzug marschierte Phoenion mit der eindeutigen Absicht, seiner Beute den Garaus zu machen, in eine der schattigen Ecken.

Immer noch lächelnd wandte Maximus seinen Blick dem Bogengang zu, und ich trat instinktiv einen Schritt zurück, wollte nicht, daß er mich dabei überraschte, wie ich ihn beobachtete. Er schaute kurz auf die hin und her schaukelnden Vorhänge, trat dann von der Brüstung zurück und ging hinüber zur Couch, auf welcher wir kurz zuvor gesessen hatten. Er wollte sich eben hinsetzen, als er stolperte, das Gleichgewicht wiederfand und auf den Boden schaute, dann beugte er sich nieder und hob etwas auf ...

Meine Sandalen. Er war auf die Sandalen getreten, die ich bei der Couch vergessen hatte, ein edles Stück Fußbekleidung, hergestellt aus weißem und goldenem geflochtenen Leder mit winzigen goldenen und emaillierten Verzierungen, das mir Merith zusammen mit ihrem letzten Brief aus Alexandria geschickte hatte. Von meinem Versteck aus konnte ich meine Sandalen in seinen Händen sehen, wie er sie aufmerksam betrachtete und offenbar fasziniert hin und her drehte. Vermutlich hatte er nie solche Sandalen gesehen. Instinktiv wackelte ich mit den Zehen.

Sklaven leiden gewöhnlich darunter, daß sie den größten Teil ihres Lebens barfuß gehen müssen. Ich nicht. Ich war keine gewöhnliche Sklavin gewesen, hatte nie vor dem Küchenfeuer oder im Melkschuppen schwitzen müssen. Ich hatte nie Hunger oder zermürbende Arbeit kennengelernt, hatte nie in Lumpen oder barfuß gehen müssen. Statt dessen hatte ich jeden nur erdenklichen Luxus genossen, und ich bin sicher, daß so manches arme freigeborene Mädchen närrisch genug wäre, mich zu beneiden. Ich liebte es, barfuß zu gehen. Ich liebe es noch immer.

Als ich ein kleines Mädchen war, pflegte Turia mich zu schelten, weil ich überall meine Sandalen auszog und mir die Füße schmutzig machte, wenn ich im Gras oder im Sand umherlief. Aber ich tat es immer wieder und riskierte ihren Zorn, denn ebenso wie das Reiten schenkte mir barfuß zu gehen ein seltsames Gefühl der Freiheit. Und das tut es noch immer. Ich streife als erstes meine Sandalen ab, wenn ich meine privaten Räume betrete - ich genieße das Gefühl des polierten Marmors unter meinen Füßen, der orientalischen Teppiche und des sonnendurchwärmten Mosaikbodens der Terrasse. Meine Dienerin runzelt die Stirn über mich, aber das Wissen um ihre und meine Stellung hält sie davon ab, mir Vorwürfe zu machen. Ich hatte immer schon eine Schwäche für Schuhwerk, und ich bin dafür bekannt, daß ich in jeder Saison Dutzende Paare bei meinem Lieblingsschuhmacher auf dem Trajansmarkt bestelle. Aber kein Paar Sandalen oder Schuhe kann sich mit der Freiheit messen, barfuß durch nassen Sand oder frisch geschnittenes Gras zu laufen.

Maximus drehte meine Sandalen noch einmal in seinen Händen, und der Anblick eines so eleganten, femininen Gegenstandes in seinen starken, sonnengebräunten, schwieligen Händen hatte eine seltsam erregenden Wirkung auf mich. Mit einem kleinen Lächeln legte er sie auf die Couch und seufzte dann tief. Er hockte noch immer vor der Couch, die Arme auf die ein wenig gespreizten Knie gestützt verharrte er so, leicht nach vorn gebeugt, unbeweglich, in Gedanken verloren - mir so nahe und doch so fern.

Das Mondlicht spielte auf seinem Gesicht, schimmerte auf der glatten, bronzenen Haut seiner Arme, betonte die schön geformten Muskeln darunter, Muskeln, deren Spiel sich bei jeder Bewegung seines kraftvollen Körpers deutlich abzeichneten. Ich biß mir auf die Unterlippe und preßte eine Hand gegen meinen Hals, fühlte die Erregung in meinem Schoß - Maximus war im Licht des Mondes unbeschreiblich schön. Er war mir so nahe und doch so fern.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit verging. Er hatte sich inzwischen auf die Couch gesetzt, ich stand an der marmornen Säule des Bogenganges, im Schatten verborgen hinter den wehenden hauchdünnen Vorhängen. Maximus war in Gedanken verloren, merkte nicht, daß er beobachtet wurde. Ich sog begierig sein Bild ein, das Blut in meinen Adern sang das so süße Lied der Begierde.

Plötzlich konnte ich die Kleidung auf meiner angespannten, fieberheißen Haut nicht mehr ertragen, meine Brüste, schwer wie überreife Früchte, drohten zu bersten. Ich zerrte an den Bändern, die mein Nachtgewand zusammenhielten, und ließ es zu Boden gleiten, die feine ägyptische Baumwolle war so hauchdünn gewebt, daß sie nicht mehr als eine Handvoll Schaum wog.

Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Säule, die Kühle des Marmors gewährte willkommene Erleichterung, die stärker werdende Brise ließ die Vorhänge um meinen nackten Körper tanzen, das Rauschen der Brandung wurde mit dem Nahen der Flut lauter und schien mir zuzuflüstern.

Drängte mich, mein Versteck zu verlassen.

Drängte mich, den Bogengang zu durchschreiten und in das Mondlicht hinauszutreten.

Auf die Terrasse hinauszutreten und mich Maximus Blick zu offenbaren ...

Die Stimme der Brandung wurde lauter, aufreizend, lockend, verheißungsvoll ... War es das, was man den 'Gesang der Sirenen' nannte? War es das, was Odysseus hörte, als er seinen Männern befahl, ihn an den Mast zu binden und dann ihre Ohren mit Wachs zu verschließen, während sie an den Klippen vorbeiruderten, auf welchen jene Kreaturen saßen, mit denen man mich oft verglichen hatte, und ihr süßes aber tödliches Lied sangen?

Ich schloß die Augen. Mein Körper brannte vor Verlangen und Begierde, mein offenes Haar ergoß sich über meine Rücken und kitzelte sanft meinen nackten Po. Meine Brustwarzen waren hart wie Kiesel, und die Berührung der kühlen Meeresbrise überzog meine Brüste mit einer Gänsehaut. Die durchsichtigen Vorhänge wirbelten wilden Tänzern gleich um mich herum, berührten immer wieder meinen nackten Bauch und meine Schenkel, ihre geisterhafte Liebkosung wie ein Vorgeschmack jener unaussprechlichen Freuden, die nur wenige Schritte entfernt auf mich warteten.

Ruckartig öffnete ich die Augen. Wie im Traum löste ich mich von der Säule und tat einen Schritt in Richtung des Bogenganges ...

Etwas Felliges schoß an mir vorbei auf die Terrasse hinaus und erschreckte mich so, daß ich mir die Hand vor den Mund halten mußte, um einen Schrei zu unterdrücken.

Maximus hob jäh den Kopf und blickte, alarmiert durch das leise Geräusch, hinüber zu meinem Versteck. Instinktiv trat ich einen Schritt zurück, mein Herz schlug so wild, daß es alle Geräusche um mich herum übertönte. Dann sah er die schwarze Katze, welche, während er in der vergangenen Nacht seinen Rausch ausgeschlafen hatte, seine Genossin gewesen war. Er wackelte mit den Fingern, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Nigra blieb wie angewurzelt stehen, dann erkannte sie ihren neuen Liebling und trottete glücklich zu Maximus hin, der ihr Kopf und Kinn kraulte, sie anschließend auf den Arm nahm und zärtlich an seine Brust drückte. Er blieb so einen Moment still sitzen, dann stand er plötzlich auf und ging, die schwarze Katze noch immer in den Armen haltend, zurück ins Wohnzimmer.

Von meinem Versteck aus sah ich Maximus weggehen und hörte dann das gedämpfte Geräusch seiner in Sandalen steckenden Füße, als er zurück zu seinem Schlafzimmer ging. Nach einem Augenblick der Stille vernahm ich das Quietschen der Tür, die sich hinter ihm schloß.

Ich blieb noch lange dort stehen und schaute hinaus auf die im Mondlicht liegende Terrasse, umweht von den Vorhängen, die in der zunehmend kühler werdenden Brise tanzten. Geistesabwesend rieb ich über meine Arme und ertappte mich dabei, wie ich diese Arme um mich schlingen wollte - ganz so wie in den Zeiten meiner einsamen Kindheit. Mit einem Seufzer tappte ich in mein Zimmer zurück, machte mir nicht die Mühe, mein abgestreiftes Nachthemd aufzuheben. Statt dessen öffnete ich die Truhe am Fußende des Bettes und nahm Maximus' Sklaventunika aus ihrem Versteck.

Der Stoff war rauh und kratzte auf meiner erhitzten, sensiblen Haut, als ich die Tunika nochmals hochhob und mein Gesicht in ihren Falten vergrub, gierig seinen Duft einsog. Ich preßte das alte, zerknitterte, verschwitzte blaue Kleidungsstück an meine nackten Brüste und es weiter fest an mich drückend kletterte ich in mein großes Bett, kroch zu der Stelle, wo ich gewöhnlich schlief, und breitete Maximus' Tunika vorsichtig neben mir aus. Sie lag zur Hälfte auf dem Kopfkissen neben dem meinen. Einen langen Augenblick lang kniete ich vor der blauen Tunika, dann legte ich mich auf meiner Seite neben sie und ließ meinen Arm auf ihr ruhen als hätte ich statt eines simplen Stücks abgetragenen, alten , blauen Leinens einen lebendigen, warmen Körper an meiner Seite.

Es war als hielte ich den Geist jenes lebenden, atmenden Mannes, der so nahe bei mir und doch allein schlief, in meinem Arm, und trotzdem war es besser, als allein in einem großen, kalten, leeren Bett zu schlafen.

Es waren nicht Maximus' starke Arme, die mich umfangen hielten. Mir blieb nur sein Geruch, um mich darin einzuhüllen. Trotzdem gelang es mir endlich, zu schlafen und in das ersehnte Vergessen einzutauchen.

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